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Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Disclaimer: Harry Potter ist Eigentum J.K. Rowlings und verschiedener Publizisten einschlie�lich aber nicht ausschlie�lich Scholastic Books, Bloomsbury Publishing, Warner Bros. und Carlsen Verlag. Diese Geschichte will nicht in deren Rechte eingreifen, ist nur zur Unterhaltung geschrieben worden und jeder Versuch, aus ihr Profit zu schlagen steht im ausdr�cklichen Widerspruch zur Absicht der Autorin.

Kurzinfo:

Titel: Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Autor: starlight, aka Hoshiakari, aka Neli

Rating: PG-15

Kontakt: [email protected] (Neli), [email protected]  (Brandy)

Kurzzusammenfassung: Nach einem eher aufregenden Sommer kehrt Harry Potter nach Hogwarts zurück. Sirius' Tod belastet ihn schwer, trotzdem gibt er sein Bestes, um zu der Waffe zu werden, die Voldemort vernichten kann. Wenn da nur nicht die Zweite Prophezeiung Professor Trelawneys und der mysteriöse Talisman des Ourouboros wäre! Und was meint ein Mädchen, wenn es um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben bittet? Harrys Jahr wird vieles werden, nur eines nicht: langweilig!

 

"..." = sprechen

>...< = denken

*~* = Orts-/ Zeitwechsel (was, dürfte klar sein)


Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Kapitel 5

Prüfungen, Verhandlungen und Geburtstage

 

Tinsys Loyalität gegenüber Harry, an der Remus nach Dumbledores Enthüllung, dass sie nie mit seinen Eltern und ihm zusammen gewohnt hatte, gezweifelt hatte stand ein paar Tage später unmissverständlich fest- sie widersetzte sich einer besorgten und wütenden Molly Weasley, die versuchte, an Harrys Bett zu gelangen. Selbst in seiner Gestalt als Werwolf hätte Remus es nie gewagt, die notorisch temperamentvolle siebenfache Mutter am Erreichen eines ihrer Kinder- denn auch wenn sie Harry nicht offiziell adoptiert hatte wusste doch jeder, der sie kannte, dass sie von ihm als dem achten Weasley-Kind dachte- zu hindern. Tinsy kam glimpflich davon- Madam Pomfrey erklärte nach einer kurzen Untersuchung, dass sie in drei Wochen den Watte-Zauber von ihren Ohren nehmen könnte, da diese sich bis dahin erholt haben würden. Weil sie sich aber ständig mit Kreacher in die Wolle bekam und Dumbledore nicht wollte, dass das Hauptquartier des Phoenixordens von der Magie zweier streitender Hauselfen demoliert wurde schickte er sie nach Hogwarts- unter der Bedingung, dass sie Harry während des Schuljahres versorgen durfte. Tinsy war glücklich mit dieser Vereinbarung, so konnte sie ihren Herrn das ganze Jahr über sehen.

Harry hingegen... es waren drei Tage vergangen, seit Tinsy ihn aus Voldemorts Versteck gerettet hatte, musste erst wieder zu Bewusstsein kommen. Aufgrund der Schwere seiner Verletzungen hatte Madam Pomfrey ihn mit einem Immobilus(1)-Zauber belegt, damit er sich nicht bewegen und alles nur noch schlimmer machen würde. Er war weiß wie eine Wand. Und viele kleinere Schnitte und Blutergüsse auf seinem Körper und seinem Gesicht waren noch nicht verheilt. Schließlich konnte ein Körper nur eine gewisse Menge an Magie aufnehmen bevor die Sättigungsgrenze erreicht war und man mehr Schaden verursachen würde als ihn zu beheben. Sein rechter Arm, den er eigentlich brauchte, um zu zaubern lag wie eine schlaffe Fleischwurst über der weißen Leinendecke, mit der er zugedeckt war. Die Narbe auf seiner Stirn war das einzige an ihm, was noch zu leben schien- sie pulsierte unheilvoll, verfärbte sich ständig von einem Zustand leichter Reizung bis dunkelrot und schwarz. Einmal hatte sie, zu Madam Pomfreys Entsetzen, sogar angefangen zu bluten.

Remus strich sanft über Harrys schwarze Haare. Sein Gesicht war angespannt und verkniffen, selbst in einem von einem Traumlos-Schlummer-Trank behüteten Schlaf fand er keine Ruhe. Es tat weh, ihn so hilflos und in schlechtem Zustand zu sehen... Remus seufzte. Es war nicht gerecht, dass ein Junge, der noch nicht einmal sechzehn war, Dinge sehen und durchmachen musste, die selbst Mad-Eye Moody Angst einjagten. Und schon gar nicht ein Junge wie Harry- im letzten Jahr schnell gewachsen, schlaksig und der Sohn eines seiner besten Freunde. Er versuchte, nicht daran zu denken, was geschehen würde, wenn Harry nicht mehr aufwachte, oder wenn er aufwachte und nicht mehr er selbst war. Die Erinnerung an die Longbottoms, ehemalige Ordensmitglieder, die mit dem Cruciatus in den Wahnsinn getrieben worden waren, geisterte mit grausamer Deutlichkeit vor Remus' Augen.

"Ich weiß nicht, ob ich es aushalten kann, wenn du... Merlin, wach einfach nur auf, Harry. Madam Pomfrey macht sich schon Sorgen weil du nicht wieder aufwachen willst!" Er hielt Harrys linke Hand, die, dank des Zaubers auf ihm, leblos und schlaff in seinem Griff hing.

"Dumbledore hat Hermine und Ron verständigt- Hermine ist im Ausland, aber Ron kommt, sobald du wieder wach bist... ich habe mit den Vorbereitungen für deine Geburtstagsparty angefangen, Harry... Sirius hat gesagt, du musst unbedingt eine Geburtstagsparty haben, wir haben schon vor Monaten alles eingekauft... deine Hauselfe hat sich übrigens ganz gut eingelebt, sie hat Kreacher aus dem größten Teil seines Reviers vertrieben und sich sogar Molly Weasley im Beschützermodus entgegengestellt... sie ist wohl eine elfische Molly..." Ihm fiel nicht mehr viel ein, was er sagen konnte, aber Remus wollte nicht aufhören, zu sprechen. Am Morgen hatte Madam Pomfrey Harry seine tägliche Dosis Zaubertränke verabreicht, einen Heilzauber über sein rechtes Bein gesprochen, in dem die tiefe Schnittwunde nur widerwillig verheilte- Haushaltszauber sollten nie auf Menschen angewandt werden- und hatte Remus kopfschüttelnd und seufzend das Feld überlassen. Sie hatte Angst, Harrys tiefe, sich selbst magischen Methoden widersetzende Bewusstlosigkeit konnte sie sich nicht erklären- er hätte zumindest am Tag zuvor schon wieder zu Bewusstsein kommen sollen.

"Harry, wir warten alle auf dich... komm zu uns zurück, Krone Jr." Er hielt den Atem an- bei der Nennung seines alten Spitznamens, den ihm die Herumtreiber in seinem ersten Lebensjahr gegeben hatten, hatten doch tatsächlich Harrys Augenlider gezuckt.

"Krone Jr.? Komm schon, du kannst es schaffen!" drängte Remus. Die Hoffnung war so stark, dass sie ihm die Kehle zuschnürte- aber es war wohl doch alles nur Illusion gewesen. Harry rührte sich nicht mehr.

"Oh, Merlin!" Er ließ Harrys Hand los und verbarg das Gesicht in den Händen. "Merlin, was soll ich nur tun?"

"Pr...of..." Hatte er sich das eingebildet? Oder war- Remus' Blick schnellte von der Innenseite seiner Handflächen zu Harrys Gesicht.

"Harry?" fragte er ungläubig. Müde, schmerzumnebelte Augen blinzelten zurück. Remus schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn. Es konnte nicht sein- aber als er wieder hinsah, waren die smaragdgrünen Schlitze immer noch da. Harry schien sehr verstört, er blinzelte so schnell er konnte und zitterte leicht, trotz des auf ihm liegenden Zaubers.

"Prof... ich... warum..." Er versuchte, sich zu bewegen, kämpfte- mit einigem Erfolg dafür, dass er so schwach war- gegen die Lähmung. Remus legte ihm die Hand auf den Arm, der noch Knochen enthielt.

"Warte, Harry- ich rufe erst einmal Madam Pomfrey, dann kannst du fragen, was du willst. Sie hat einen Immobilus-Zauber auf dich gelegt- du bist schwer verletzt."

"Im... mo..." er versuchte noch immer, zu sprechen, obwohl jede Silbe Flammen durch seine Kehle schießen ließ. Er konnte sich nicht bewegen, und wenn er ehrlich war wäre er lieber nicht bei Bewusstsein, aber Harry hatte die Angst in Remus' Augen gesehen- Anst um ihn. Er wollte nicht, dass noch einmal jemand seinetwegen litt.

"Harry, sei still!" schimpfte der Werwolf, aber die Erleichterung spiegelte sich deutlich in seinem jungen Gesicht.

"Habe ich recht gehört? Potter ist wach? Harry?" Madam Pomfrey stellte irgendwo außerhalb Harrys Sichtweite (er hatte seine Brille schließlich verloren) etwas mit einem Klirren ab.

"Er ist gerade eben zu Bewusstsein gekommen." Madam Pomfrey runzelte die Stirn. "Und ich wollte gerade eben auf die Suche..."

"Ist schon gut. Ich nehme den Immobilus-Zauber jetzt von dir, Harry," sagte sie zu ihrem Patienten, der mit großen Augen und bleichem Gesicht verfolgte, wie sie ihren Zauberstab aus der Tasche zog. Er wimmerte einmal leise als sie ihn auf ihn richtete. Madam Pomfreys Stirnfalten vertieften sich. Wusste sie, dass Harry sich nicht gerade wohl fühlte, wenn man einen Zauberstab auf ihn richtete?

"Finite incantatum," sagte sie resolut. "Und wie geht es dir, Harry?" Harry schluckte einmal. Seine Kehle war staubtrocken, aber er glaubte, sprechen zu können.

"Okay." keuchte er. Er hatte Schmerzen, aber es war nicht so schlimm, und nun, da endlich dieser Zauber von ihm genommen war fühlte er sich irgendwie erleichtert. Nicht mehr ganz  so hilflos.

"Du bist noch lange nicht 'okay'!" wetterte Madam Pomfrey, "was hast du angestellt, dass sie dich hier halbtot hereintragen  und dann... aber genug davon, hier trinken!" Sie hielt ihm einen dampfenden Kelch mit einem giftgrünen, ausnahmsweise angenehm riechenden Gebräu unter die Nase.

Harry versuchte, seine Erschöpfung zu überwinden, den Kelch zu ergreifen und sich aufzusetzen, aber schon beim Versuch, seine Hände zu bewegen fiel er mit einem kleinen Aufschrei in die Kissen zurück.

"Harry, nicht bewegen. Der rechte Arm ist noch knochenlos, die linke Schulter muss erst noch verheilen und an die Schnittwunden auf deiner Brust habe ich mich noch gar nicht wagen können- du hattest so viel Magie auf dir lasten, dass du beinahe vergiftet wurdest! Trink jetzt!" Der Becher wackelte nachdrücklich im Rhythmus ihrer Entrüstung unter seiner Nase hin und her bis er endlich an Harrys Lippen gesetzt wurde.

Misstrauisch schluckte er den Trank- wer weiß, vielleicht hatte Snape ja vor, ihn zu vergiften. Fünf Minuten später war er immer noch am Leben, und fühlte sich wie durch ein Wunder sehr viel besser. Der Trank hatte angenehm nach Pfefferminz geschmeckt und eine entspannende Kühle durch seinen ganzen Körper gesandt, die seine Schmerzen überspülte und linderte. Und sein Hals war endlich nicht mehr so trocken...

"Ich hole Professor Dumbledore, Harry," meinte Madam Pomfrey, sichtbar wenig erfreut, dass sie ihren Patienten nun schon einem Gespräch mit dem Schulleiter aussetzen musste. Er nickte und schloss die Augen. Der Trank fing gerade erst an zu wirken, und er war noch sehr müde.

Remus saß noch immer an seiner Seite, still, seine Erleichterung darüber, dass Harry endlich wieder unter den Lebenden weilte, offensichtlich- auch wenn sich langsam ein wachsamer, vorsichtiger Ausdruck über seine Züge legte. Harry hatte noch kein Zeichen gegeben, dass mit ihm etwas nicht stimmte- aber auch keines, das das Gegenteil bewies.

"Ah, Harry. Wie schön!" Dumbledore kam in einem Schimmer aus silbernem Bart- und Haupthaar durch die Tür. Harry runzelte die Stirn. Was wollte er nun schon wieder? Er hatte noch nicht vergessen, dass Dumbledore ihm nicht einmal gesagt hatte, dass Lucius Malfoy und die anderen Todesser, die im Juni gefangen genommen worden waren, schon von ihrem Herrn und Meister befreit worden waren.

"Remus, kannst du uns einen Moment alleine lassen?" Remus nickte widerwillig, drückte Harrys Hand in einem Versprechen, dass er zurückkommen würde und verließ den Raum. Dumbledore setzte sich  in den von ihm verlassenen Chintz-Armstuhl und studierte Harry eindringlich. Der Junge starrte zurück, unwillens, auch nur einen Millimeter nachzugeben. Seltsamerweise versuchte Dumbledore erst gar nicht, seine Gedanken zu lesen...

"Harry, ich möchte mich zuerst bei dir entschuldigen," sagte der weise alte Zauberer unvermittelt. Harry blinzelte. Das grüne Zeug machte ihn zwar schmerzfrei und wach, aber er fühlte sich immer noch schwach und unwohl. Und dass Dumbledore sich entschuldigen wollte klang doch ein wenig unglaubwürdig.

"Wofür, Professor?" fragte er, schärfer als er es erwartet hätte. Professor Dumbledore seufzte.

"Ich habe dir versichert, dass du im Haus deiner Tante sicher bist. Ich hatte..." Harry war zwar nicht sehr gut auf Dumbledore zu  sprechen aber er würde ihn auch nicht die Verantwortung für etwas übernehmen lassen, was nicht seine Schuld war.

"Professor, das war nicht Ihre Schuld. Ich bin aus dem Ligusterweg weggerannt," sagte er. Dumbledore nickte, wirkte aber kein bisschen beruhigt.

"Ich hatte übersehen, dass diese... Tante deines Cousins anwesend sein würde." Und das nach Sirius' Testamentsverlesung und mit deiner Geschichte dazu... war der unausgesprochene Zusatz. Harry nickte. Dumbledore sah also endlich ein, dass der Ligusterweg die Hölle für ihn war...

"Und dann haben wir den Verfolgungszauber nur auf deine Brille gelegt, die du verloren hast, richtig?" Harry nickte wieder.

"Im Park, zusammen mit meinem Zauberstab," sagte er. Er hatte es beinahe vergessen, aber er würde sienen Zauberstab brauchen wenn er nach Hogwarts zurückkehren wollte- und das würde er. Er würde einfach nicht daran denken, was ihm geschehen war und alles würde in Ordnung sein.

"Wir haben deinen Zauberstab gefunden," versicherte Dumbledore, "aber deine Brille ist wohl unter jemandes Füße geraten." Harry machte sich nichts daraus. Er brauchte ohnehin mal eine neue, seine alten Gläser waren langsam zu schwach.

"Wenn du  willst kann ich einen temporären Zauber auf deine Augen legen, so dass du sehen kannst, bis du eine neue Brille hast. Leider kann ich dir nicht permanent helfen- zu viel Magie schadet auf Dauer dem Körper, ich bin mir sicher, Madam Pomfrey hat dir schon gesagt, dass du in der Zeit, in der du verschwunden warst, fast zu viel Magie ausgesetzt warst und eine Art Vergiftung davongetragen hast?" Harry nickte. Das 'Gespräch' verlief wirklich sehr einseitig...

"Menschliches Gewebe kann nur einen bestimmten Anteil Fremdmagie aufnehmen bevor die eigene Magie dagegen angeht, in einer Art Autoimmunreaktion... schädlich, ja, aber leider hat noch kein noch so großer Heiler einen Weg um dieses Problem herum gefunden... das ist auch der Grund, warum wir manchmal so lange brauchen, um Verletzungen zu heilen- der Grund verhindert die Heilung(2)." Harry fragte sich, was Dumbledore eigentlich von ihm wollte- er war nicht Hermine, ihn kümmerte nur, dass er wieder gesund wurde, nicht, warum es länger dauerte.

"Nun, aber genug davon- wir haben nicht viel Zeit, der Trank, den Madam Pomfrey dir gegeben hat ist ein sehr wirkungsvoller Energie- und Schmerztrank, aber er macht im Übermaß angewendet süchtig und hält dich nur für etwa eine halbe Stunde auf den Beinen... natürlich im übertragenen Sinne. Auroren benutzen ihn, wenn sie in einem Kampf verwundet wurden und noch weiterkämpfen müssen, bis sie in Sicherheit gelangen können." Diese Information interessierte Harry schon mehr. Er wollte schließlich einmal Auror werden... Dumbledores plötzlicher Wandel zum Ernst hin brachte ihn zurück in die Gegenwart.

"Es tut mir leid, Harry- aber wir müssen wissen, was in Little Whinging geschehen ist." Harry nickte. Er würde erzählen, was im Park geschehen war, das rührte nicht an die Erinnerungen, die er in sein tiefstes Unterbewusstsein verbannen und hinter dem stärksten Okklumentik-Schild, das er sich  vorstellen konnte, verschließen würde.

Die nächsten fünf Minuten sprach er ruhig und flüssig- dank des Einflusses des Tranks- darüber, wie er nach Sirius' Testamentsverlesung zurück in den Ligusterweg gekommen war, wie Onkel Vernons Schwester aufgetaucht war und dass er, um nicht schon wieder aus Versehen mit einem nachverfolgbaren Zauber im wahrsten Sinne des Wortes herauszuplatzen aus dem Haus geflohen war. Seine Gefühle berührten seine Erzählung nicht im Geringsten. Er stand über der Sache... Dumbledore hatte bei 'nachvollziehbarer Zauber' die Stirn gerunzelt. Hatte er etwa einen Verdacht? Wusste er, dass Harry herausgefunden hatte dass das Ministerium sowohl Magie von Zauberstäben als auch nicht-zauberspruchgebundene (Hauselfenmagie beispielsweise), zufällige oder verunglückte Magie verfolgen konnte, nicht jedoch zauberstablose, zielgerichtete und kontrollierte Zaubersprüche, die nach Ansicht der Überwachungszauber des Ministeriums aus nicht länger überwachten Zauberstäben (erwachsener Zauberer) stammen mussten.

Als er fortfuhr, zu berichten wie er im Park von den Todessern angegriffen war und ihnen ausgewichen war, weil er nicht schon wieder ein Verfahren wegen unbefugter Zauberei riskieren wollte huschte ein Schatten des Schmerzes über Dumbledores Gesicht. Harry beachtete ihn nicht, sondern schloß damit, dass er von den Todessern betäubt und verschleppt worden war, wohin, das wusste er nicht, und dass sowohl Voldemort als auch all die, von denen er geglaubt hatte, dass sie hinter Schloß und Riegel waren ebenfalls an der Sache beteiligt gewesen waren.  Und nein, er hatte keine Ahnung, wie er in Sirius' Zimmer gelandet war, wo er das erste Mal wieder zu Bewusstsein gekommen war.

Dumbledore saß reglos an seinem Bett. Harry hatte mit keinem Wort erwähnt, was während seiner Zeit mit den Todessern geschehen war, nur, dass sowohl Voldemort als seine gefangen geglaubten Gefolgsmänner dort gewesen waren. Er schloß die Augen, der Schmerz, den er in seiner Seele empfand, zu groß um Harry bei dem anzusehen, was er sagen musste. Er musste wissen, was Voldemort vorhatte...

"Harry... ich muss dich bitten, mir genau zu erzählen, was zwischen deiner Gefangennahme und der Flucht geschehen ist," sagte der alte Zauberer mit leiser, trauriger Stimme. Der Junge fuhr zusammen, als hätte er ihm einen Tiefschlag versetzt.

"Nein," sagte Harry flach, "da gibt es nichts Wichtiges. Aber sie könnten mir etwas verraten, Professor- woher wusste Voldemort eigentlich vom Orden? Und davon, dass es einen Geheimniswahrer gibt?" Seine grünen Augen blitzten wütend. Dumbledores Schultern sackten nach unten.

"Voldemort denkt, Severus spioniert mir nach. Er hat ihm ein paar wenige Informationen gegeben." Harry hatte das zwar schon von Anfang an vermutet, es ausgesprochen zu hören verlieh ihm aber eine ganz  andere Realität.

"Snape also," meinte er flach.

"Professor Snape," erwiderte Dumbledore reflexartig, "und nun bitte... ich weiß, dass es furchtbar für dich ist, aber wenn du..."

"Nein," meinte Harry fest, "das ist nicht wichtig." Und das war es auch nicht. Seine Erinnerungen lagen weit weg und sicher begraben- alles, was so tief begraben werden konnte war nicht wichtig.

"Voldemort plant etwas, Harry- und ich bin mir sicher, dass du etwas gehört hast. Severus kann nichts herausfinden, er hat sich das Vertrauen Voldemorts noch nicht zurückgewonnen und ist noch nicht in dessen Innerem Zirkel. Aber dir gegenüber..." Er hielt Harrys Blick gefangen. Die Intensität seiner blauen Augen wurden von der der grünen, in die er starrte, auf den Punkt genau erwidert.

Harry hatte nicht einmal Zeit, nach Luft zu schnappen- Dumbledores ganze Kraft brandete in einer Flutwelle gegen seine dünnen, schwachen Schilde. Zu spät bemerkte er, dass der alte Zauberer keinen Zauberspruch  mehr brauchte, um in seine Gedanken einzudringen.

>Nein! Nein, nein, nein...< Sein Leben raste an ihm vorbei. Der Schrank unter der Treppe. Sein Leben als Hauself der Dursleys. Apparieren, vom Schulhof auf das Dach. Die Fensterscheibe verschwand. Der Stein der Weisen, Fawkes, der Basilisk... das Tempo wurde schneller und schneller, und Harry konnte kaum noch einzelne Bilder unterscheiden bis es plötzlich wieder verlangsamt wurde. Er starrte von einem schmutzigen, rauhen Steinboden aus in Bellatrix Lestranges wilde, verrückte Augen, entlang eines Zauberstabes, aus dem...

"NEIN!" Der mächtigste Verscheuchezauber, den er je zauberstablos geschafft hatte, schleuderte Dumbledore von ihm weg. Harry zitterte, sein ganzer Körper krampfte sich zusammen. Die vorher so angenehme Kühle des Pfeffermintrankes verwandelte sich in eisige Kälte, er versuchte, sich zusammenzurollen und musste aufgeben, als die Schmerzen zurückkehrten.

Dumbledore rappelte sich vom Boden auf. Der Junge hatte einiges an Kraft gewonnen, seine Magie war sehr viel stärker als zu Beginn des Sommers, und er schien.. besser mit ihr verbunden zu sein. Wahrscheinlich hatte er Zugriff auf viel mehr dieses riesigen Reservoirs, das selbst den sprechenden Hut zu einem Kommentar veranlaßt hatte.

Er trat vorsichtig an Harrys Bett. Der Junge zitterte, war bleicher als zuvor und versuchte vergeblich, sich schützend zusamenzurollen. Dumbledore hatte zwar nur für eine Sekunde Einsicht in Harrys Gedanken bekommen, aber was er gesehen hatte... nun, er hatte seine gründe dafür, die Erinnerungen begraben zu wollen. Das Problem war nur, dass er nie über sie hinwegkommen würde, wenn er das tat.

Der Schulleiter hasste sich dennoch selbst als er das zitternde Wrack eines Fünfzehnjährigen ansehen musste, das vor ihm lag. Warum nur hatte die Prophezeiung Harry benennen müssen? Warum nur konnte sie die Last nicht auf seine Schultern legen? Er hatte ein erfülltes Leben gehabt, war erwachsen gewesen als er gegen Grindelwald gekämpft hatte. Harry hatte noch nie richtig gelebt. Denn keiner kann leben während der andere überlebt, das war die traurige Wahrheit. Sicher, auch er hatte Erinnerungen, die er lieber vergessen hätte- aber seine Freunde und besonders sein Bruder hatten ihn gezwungen, sich ihnen zu stellen, und es war besser gewesen. So schmerzhaft es zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mochte, es hatte ihm den Verstand und damit auch das Leben gerettet. Er hatte ihnen nie dafür gedankt... und er erwartete auch keinen Dank von Harry. Er wusste, was er ihm antat, weil er es selbst durchgemacht hatte.

"Harry, es tut mir leid," sagte er zum dritten Mal, seit er seinem jungen Schüler gegenübergetreten war. "Du darfst diese Erinnerungen nicht vergraben, sonst werden sie dein Leben bestimmen und du wirst nie mehr frei sein. Ich... tue das nicht gerne, aber ich tue es, um dir zu helfen- Legilimens!"

Wenn er den Spruch und seinen Zauberstab benutzte benötigte er keinen Augenkontakt. Harrys Körper wand sich, der Junge kniff die Augen zusammen und wehrte sich, so gut er konnte während Dumbledore mit stoischer Miene nachverfolgte, was geschehen war.  Als er zu Rogers Nachricht kam flackerte ein kurzes Wiedererkennen durch seine Augen, aber er hielt den Strom der Erinnerungen nicht an bis Tinsys Stimme die Erlösung ankündigte.

Dumbledore fühlte sich halb als Verräter. Er hatte Madam Pomfrey gebeten, ein sehr, sehr wirkungsvolles Entspannungsmittel in den Trank zu geben, das Harrys Okklumentik-Schilde effektiv zerstört hatte. Dazu kam noch, dass der Junge ihm vertraut hatte. Er hatte sich zwar widersetzt, und Dumbledore hatte auch manche Erinnerungen nicht anrühren können (er wusste immer noch nicht, wie diese seltsamen Muster in Harrys Brust eingeritzt worden waren) aber er war dem Legilimentik-Angriff ausgeliefert gewesen.

So bleich wie sein Schüler, der inzwischen reglos und nur noch leise wimmernd im Bett vor ihm lag ergriff Dumbledore schnell ein Gegenmittel gegen den Entspannungstrank- Voldemort durfte Harry nicht wieder in Besitz nehmen.

"Harry? Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen, aber du musst dich deinen Erinnerungen stellen. Ich hoffe, du verzeihst mir eines Tages..." Tränen rannen aus seinen Augenwinkeln. Er wollte Harry nicht verlieren, und wenn das bedeutete, dass dieser ihn nun hasste... Der Junge auf dem Bett antwortete nicht, aber mit sichtbar größter Willensanstrengung unterdrückte er sein Zittern so weit, dass er seine Augen öffnen konnte.

"Ich... verstehe," sagte Harry zu seiner größten Überraschung. Seine Stimme war heiser und so leise, dass Dumbledore sie kaum hören konnte. "Ich... habe es auch gesehen."

"Was gesehen?" Harry schauderte, sein Zittern wurde wieder stärker.

"Grindelwald," sagte er schließlich, "Ihre Frau. Und... Aberforth." Dumbledore zuckte zusammen.

"Wie?" fragte er nur. Wie hatte sein Schüler eine seiner schlimmsten Erinnerungen erblicken können? Harry schloss die Augen.

"Ich... weiß nicht, Professor, es war... eine Verbindung. Als Sie Legilimentik eingesetzt haben, haben sie mir gleichzeitig Bilder geschickt." Dumbledores Verwunderung wuchs ins Unermessliche. Er hatte nichts dergleichen getan... es sei denn...

"Harry, ich habe dir keine Bilder geschickt. Aber es scheint, dass dein langer Kontakt mit Tom ein paar interessante Nebenwirkungen hatte und..." er brach ab. Harry versuchte zwar, ihm zuzuhören und wach zu bleiben aber von seinen schweren Augenlidern bis zu dem angespannten Zug um seine Mundwinkel deutete alles darauf hin, dass er kurz vor dem Zusammenbruch war. Die Wirkung des Trankes ließ nach.

"Und der Rest ist nicht wichtig. Ruh dich jetzt aus, oder Madam Pomfrey verlangt nach meinem Skalp," sagte Dumbledore sanft. Harry nickte. Er konnte jetzt nicht an Voldemort denken, nicht, wenn jeder Zentimeter seines Körpers in stiller Agonie aufschrie und er kaum die Augen offen halten konnte.

"Ich geh jetzt schlafen... weckt mich, wenn was passiert," murmelte er, wie ein kleines Kind. Dumbledore wischte eine weitere Träne aus seinem Augenwinkel. So jung... Er machte sich auf die Suche nach Poppy Pomfrey. Harry sollte schnell wieder auf die Beine kommen.

°°~°°

 

Die nächsten Tage verbrachte Harry entweder schlafend oder mit langen Gesprächen mit Remus und Dumbledore. Der Schulleiter hatte, seinem Wort gemäß, Harry so gut wie nur möglich auf dem Laufenden gehalten. Es hatte tatsächlich wenige Stunden vor seiner Entführung einen seltsamen Zwischenfall im Ministerium gegeben, genauer gesagt, im Gefängnistrakt des Ministeriums. Der wachhabende Zauberer war einfach eingeschlafen, aber da nach seinem Aufwachen keiner der Gefangenen zu fehlen schien hatte man ihn mit einer Verwarnung davonkommen lassen. Erst nachdem Harry wieder aufgetaucht war und Dumbledore Teile dessen, was er von ihm erfahren hatte, an das Ministerium weitergegeben hatte stellte man fest, dass es keine Menschen waren, die in den Zellen steckten sondern clever verwandelte Ratten, denen man einen Persönlichkeitszauber aufgehalst hatte und die schon am nächsten Tag verstarben, weil sie zu viel Magie ausgesetzt gewesen waren.

Dumbledore hatte ihn nicht wieder nach dem gefragt, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und Harry hatte vermieden, ihn auf die Erinnerungen anzusprechen, die er von ihm empfangen hatte. Er hatte Harry jedoch mitgeteilt, dass der Raum, in dem er... gewesen war einer Vorratskammer von Askaban verdächtig ähnlich sah. Es konnte sein, dass Voldemort sein neues Hauptquartier auf der ehemaligen Gefängnisinsel, die mit dem Verrat der Dementoren nutzlos geworden war, aufgeschlagen hatte. Harry hatte nur genickt- auch wenn die Erinnerungen nicht mehr in sein tiefstes Unterbewusstsein verbannt waren vermied er es doch so gut als möglich an seine schrecklichen Erlebnisse zu denken.

Die wichtigste Neuigkeit, die Dumbledore hatte und die Harry dazu veranlasste, dass er sich selbst zu schnellerer Heilung anfeuerte, war, dass anscheinend wütende Eltern bei Ferienbeginn seltsame Narben auf den Händen ihrer Kinder entdeckt hatten. Angeführt von den Jordans, den Eltern Lee Jordans, des besten Freundes der Weasley-Zwillinge hatten sie vom Ministerium verlangt, die dafür Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Da keines der Kinder mit einem Namen hinter dem Berg gehalten hatte gab es nun ein großes Verfahren gegen die Leitende Unterstaatssekretärin des Ministers, Dolores Jane Umbridge. Sowohl Harry als auch Ron, Hermine, Ginny und die Weasley-Zwillinge sollten als Zeugen aussagen. Zu diesem Zweck würden sie einige Tage vor der Verhandlung, die am 31. Juli, Harrys Geburtstag, stattfinden sollte, in den Grimmauldplatz kommen. Harry freute sich schon darauf. Auch  wenn er sich selbst fast überzeugt hatte, dass es in aller Interesse war, wenn er sich so weit wie möglich von Menschen fernhielt, freute er sich auf den Besuch seiner Freunde und darauf, es der Hexe (im Muggel-Sinne des Wortes), die ihn das ganze letzte Jahr über tyrannisiert hatte, zu zeigen. Umbridge würde nicht wissen, wie ihr geschah!

Mit diesen Aussichten war es kein Wunder, dass Harry schon am zweiten Tag verlangte, aufstehen zu dürfen. Madam Pomfrey sträubte sich zwar, so gut und so lange es ging, aber am nächste Morgen war Harry dann doch, auf den- zugegebenermaßen noch wackligen und im Fall des linken Beines auch geschienten- Beinen.

.

Die Ankunft der Weasleys und Hermines verursachte einen unglaublichen Wirbel. Harry wurde abwechselnd von schluchzenden Müttern umarmt, von besorgten Freunden wütend geschüttelt, von erleichterten Freunden so fest umarmt, dass er keine Luft mehr bekam und von allen, die im Haus waren, mit Adleraugen beobachtet. Madam Pomfrey teilte sich das seinem Zimmer (er war in Sirius' altem geblieben, obwohl er damit noch seine Schwierigkeiten hatte) gegenüberliegende Zimmer und schienen sich als regelrechte Wachhexen zu verstehen, deren Aufgabe es war, jede seiner Angewohnheiten und Bewegungen zu dokumentieren. Ron und Hermine hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihn auf andere Gedanken zu bringen indem sie ihn mit Geschichten über Quidditch, Herausforderungen zum Schachspiel (Ron) oder Geschichten über die faszinierende Kultur des Antiken Magischen Griechenland und Aufforderungen zum Lernen (Hermine) traktierten.

Harry hatte sie alle so gut es ging ferngehalten, nachdem er sich bei ihnen entschuldigt hatte, dass er sie ins Ministerium mitgeschleppt hatte (er war nur knapp Ginnys berühmtem Flederpopelfluch entkommen als sie vor Wut darüber, dass er sich selbst daran die Schuld gab, beinahe vergessen hatte, dass sie in den Sommerferien nicht zaubern durfte). Seine Bücher, seine Kleidung und all seine persönlichen Sachen inklusive seines Zauberstabs waren in der Zeit, als er bewusstlos gewesen war, in seinem Zimmer aufgetaucht. Er hatte sich die meiste Zeit hinter ihnen vergraben, was Ron in den Wahnsinn und Hermine fast in die Verzweiflung trieb- es war für sie schwerer als alles andere, jemanden vom Lesen abzuhalten, da es eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war. Ginny hatte da weniger Skrupel- sie klaute sogar ein Unsichtbarkeitselixier von den Zwillingen und leerte es über sein 'Spezialisten für Spezialfälle'- Buch. Er hatte sie nur wütend angesehen (und die Wasserflasche auf seinem Nachttisch zum Zerspringen gebracht) bevor er sich auf zu Fred und George gemacht hatte, um das Gegenmittel zu holen. Harry fühlte sich innerlich zerrissen, da er die Ratlosigkeit seiner Freunde angesichts seiner neuen Persönlichkeit bemerkte, jedoch nicht vergessen konnte, dass er der Fluch aller, die ihm nahe standen war. Er wollte nichts lieber, als endlich aufzuhören, sie wegzustoßen, aber er konnte es sich selbst nicht erlauben- er wollte sie nicht tot sehen wie Sirius.

"Harry, was ist, kommst du mit? Wir hören auf dem MRF das Spiel der Cannons gegen die Wimbourner Wespen an!" Ron platzte mit seiner üblichen, atemlosen Hast in Harrys Zimmer. Harry, der auf seinem Bett gelegen und das letzte seiner Bücher, das er noch nicht gelesen hatte ('Geschichte und Geschehen- die Dunklen Künste') auf den Knien versucht hatte, leserliche Notizen zu schreiben zog eine Augenbraue hoch.

"Das Spiel ist schon heute? Aber dann..." Er runzelte die Stirn. Gespräche über Quidditch ließen ihn in letzter Zeit immer ein wenig trübsinnig werden, weil sie ihn an seine geschwächte Verfassung erinnerten und daran, dass sein Feuerblitz wahrscheinlich noch an die Wand im Kerker von Hogwarts gekettet war. Ron ließ sich neben ihn auf das Bett fallen.

"Sag bloß du hast vergessen, dass morgen dein Geburtstag ist? Oh, Mann, du bist vielleicht komisch!" Harry reagierte nur, indem er sein Buch zuklappte. Er hatte während seiner Genesung beschlossen, dass er niemanden mehr so nahe an sich heranlassen durfte wie Sirius- Harry Potter nahe zu sein bedeutete den mehr oder weniger schnellen, aber immer sicheren, Tod.

"Mein Geburtstag und Umbrigdes Verhandlung!" Harry grinste breit, jede Erinnerung an was Hermine, Ron und er untereinander 'Krötenvernichtung' nannten, war willkommen und verscheuchte die dunklen Gedanken, die der Schlafmangel- er hatte schlimmere Alpträume als je zuvor- und das letzte Schuljahr hervorriefen.

"Ja, klar, das Ende der Kröte," frohlockte Ron und ließ sich mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen rücklings auf das Bett fallen, "aber kommst du jetzt endlich? Es sind doch die Cannons!" Die leuchtend orange gekleidete Mannschaft der Chudley Cannons war Rons absolute Lieblings-Quidditchmannschaft, auch wenn sie seit Jahrzehnten am untersten Ende der Ligawertung dümpelten.

"In Ordnung, ich komme," meinte Harry und legte sein Buch weg. Langsam und vorsichtig- seine Rippen waren ein wenig empfindlich, wenn er sich zu schnell bewegte- richtete er sich auf und humpelte hinter Ron die Treppe hinunter zur Küche.

Fast alle Mitglieder des Phoenixordens, die nicht gerade mit irgendeiner Mission beschäftigt waren, saßen fröhlich schwatzend um den großen, vom Rauch schwarz gebeizten Küchentisch, den nicht einmal Dumbledores Reinigungszauber sauber bekommen hatte. Flaschen von Butterbier und Krüge mit eiskaltem Kakao standen ebenso bereit wie die verschiedensten Süßigkeiten.

"Hey, Harry, gerade noch rechtzeitig!" rief Tonks, deren Haar passend zum Anlaß in einem Orange leuchtete, das eigentlich nur von künstlichen Farbstoffen erzeugt werden konnte. "Sie haben schon die Spieler angesagt und-" aus dem Apparat auf dem Tisch drang ein scharfer Pfiff, und Sturgis Podmore, der inzwischen wieder aus Askaban gekommen war, schlenkerte mit dem Zauberstab, um die Küche in Surround-Sound zu baden.

"Jetzt geht's los!" brüllte die magisch verstärkte Stimme des Ansagers zum selben Zeitpunkt wie Tonks. Harry ließ sich vorsichtig in einen von Remus- der ebenso krank aussah wie Harry sich fühlte, es war ein Vollmond-Abend- zurechtgerückten Stuhl sinken. Er hasste es, dass er sich noch so vorsichtig bewegen musste. Madam Pomfrey hatte sogar gesagt, es könnte sein, dass er die ersten paar Wochen im Schuljahr kein Quidditch spielen konnte, weil die Muskeln in seinem linken Unterschenkel von der Magie des Fluches, den Bellatrix ihm aufgehalst hatte, immer noch stark mitgenommen waren, genau wie der Knochen.

 

Er hatte nur geantwortete, dass es zweifelhaft war ob er überhaupt wieder Quidditch spielen würde- soviel Harry wusste hatte noch keiner erwähnt, dass Umbridges lebenslanger Bann widerrufen worden war. Harry spürte, wie der Zorn in ihm aufkochte. Auch wenn Dumbledore sich in den letzten paar Tagen rehabilitiert hatte und wirklich versuchte, Harry in das Geschehen mit einzubeziehen kam er sich zu oft noch wie ein kleines Kind vor, das beschützt werden musste. Selbst seine Freunde versuchten krampfhaft, in seiner Gegenwart immer nur fröhlich zu sein und ihn mit allen Mitteln aufzuheitern. Fred und George Weasley hatten den armen Ron zu ihrem Dauer-Testsubjekt ernannt. Es verging nicht ein Tag, an dem er nicht mit bunter Haut, Federn auf dem Kopf, einem Geweih oder sonst etwas herumlaufen musste.

Hermine hatte sogar ein Witzebuch gekauft und gelesen. Leider war es lustiger, sie in ihrem Professorenton aus Eine Geschichte Hogwarts' zitieren zu hören als aus einem Witzebuch.

"WAS?" Rons ungläubige Stimme in seinem Ohr riss Harry aus seinen trüben Gedanken. "Harry... hast du das gehört? ER HAT IHN! Die... DIE CANNONS HABEN GEWONNEN! WO SIND MEINE GALLEONEN, DUNG?" Mundungus 'Dung' Fletcher protestierte ebenso lautstark, dass Ron offensichtlich gemogelt hatte und ein verborgener Seher war, dessen Talent nur in Quidditch-Spielen der Cannons zum Vorschein kam. Ron brüllte zurück, die Wette sei ja wohl gültig... und der Rest der Küche brach entweder in Siegesgeheul (in Sympathie mit Ron) oder Wehklagen (die Wespen-Fans) aus.

Harry blinzelte verwirrt. Das Spiel hatte gerade einmal fünfzehn  Minuten gedauert. Seine rechte Hand klammerte sich fest um den Gedächtnisstein, den Remus ihm noch viel allen anderen Dingen zurückgegeben hatte. Die beruhigende Wärme, die Sirius' letztes Geschenk an ihn ausstrahlte, linderte die Anspannung, die die nun ausbrechende Party in ihm hervorrief.

"Remus, was ist eigentlich passiert?" fragte er, als Fletcher und Ron sich endlich ein wenig beruhigt hatten. Remus sah ihn prüfend an, wobei die tiefen schwarzen Ringe unter seinen Augen noch viel deutlicher auffielen.

"Nun, der Sucher der Cannons ist von einem Klatscher vom Besen gehauen worden, ist aber direkt auf den Schnatz gefallen und hat ihn mit einem Plumpton-Pass in seinem Ärmel gefangen." Der Geist eines Lächelns legte sich über die ebenso dunklen Ringe unter Harrys Augen.

"Wenigstens ist Ron glücklich... auch wenn das wohl der letzte Weg wäre, auf dem ich den Schnatz fangen würde."

"Ja, du verschluckst ihn lieber," scherzte George, der sich hinter Remus und Harry geschlichen hatte und einen seltsam brodelnden, rosa Dampfschwaden ausströmenden Trank möglichst unauffällig in seiner Hand hielt.

"Verschluckst?" fragte Remus. Harry wurde rot.

"Das ist... lange her!" protestierte er. Mehrere Köpfe drehten sich zu ihm um.

"Was ist lange her?" Fred schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

"Nun, Harry, mein Freund, es scheint als würden ein paar Leute gerne von deinen Heldentaten im Quidditch hören.. schließlich fängt nicht jeden Tag ein Erstklässler den Slytherins den Schnatz mit dem Mund vor der Nase weg!" Jede Chance, davonzukommen löste sich in rosa Dampf auf- Fred und George hatten ihren Trank nicht rechtzeitig zur Anwendung gebracht.

"Erzähl schon, Harry!" Tonks setzte sich vor ihm auf den Tisch, die Augen leuchtend und eine Butterbier-Flasche in der Hand. Harry bemerkte, dass sie ihren Gedächtnisstein an einer dünnen Goldkette um den Hals trug.

"Also gut," ließ er sich breitschlagen. Sein allererstes Quidditch-Spiel war schließlich eine seiner aufregendsten und liebsten Erinnerungen, obwohl Professor Quirrel seinen Besen verhext hatte, und so erzählte er lebendig und eindringlich, wie er fast vom Besen gefallen wäre und dann im Sturzflug aus Versehen den Mund zu weit aufgerissen hatte. Flints Geschrei am Ende des Spiels, das Ron überzeugend nachahmte, sorgte für eine ebenso große Runde Gelächter wie seine Beschreibung des Gefühls eines Schnatzes im Hals.

"Schade, dass Sirius nicht da ist- er hätte diese Geschichte geliebt!" keuchte Tonks zwischen zwei Lachsalven hervor. Harry fühlte sich, als hätte man ihn mit Eiswasser übergossen. Jedes Quäntchen Fröhlichkeit wurde aus ihm herausgesaugt, es war, als hätte Tonks einen Dementor gerufen.

"Ja," murmelte er. Remus streckte zwar die Hand nach ihm aus, aber er wand sich aus seinem Griff und eilte so schnell er konnte aus der Küche, den Gedächtnisstein in seiner Tasche, der in seiner Hand schmerzhaft brannte, dennoch fest umklammert. Dass er aus der Küche entkommen war brachte ihm jedoch kaum  Erleichterung.

"Was will er, der kleine, dreckige Blutsverräter? Er rennt an meiner armen Herrin vorbei, Tag und Nacht, er schreit und weint... und der arme Kreacher muss einem solchen Herrn dienen..." Der alte Hauself schlurfte gebeugt und mit noch abstoßenderem Gesichtsausdruck als vor Sirius' Tod durch die Diele. Harry ballte die Fäuste. Diese widerliche Kreatur war daran Schuld, dass Sirius... und nun zog er sogar die Vorhänge vor dem Porträt von Mrs. Black zurück, die nicht einmal losschrie. Stattdessen zeigte sich ein ekelhaft süßes Lächeln auf ihrem gelben, sabbernden Gesicht.

"Kreacher, ist mein blutsverräterischer Sohn inzwischen zurückgekommen? Und sind die anderen Verräter noch im Haus?" Wenn sie nicht schrie, war ihre Stimme sogar noch unangenehmer.

"Kreacher hat den kleinen, dreckigen Verräter von einem Sohn nicht mehr gesehen, Herrin und..." Harry explodierte. Er hatte sich bisher zusammengerissen, hatte versucht, herauszufinden, was der Hauself dachte, und was das Porträt so tat. Nun aber war die Grenze überschritten, Kreachers scheinheiliges Bedauern und seine Servilität dem Porträt gegenüber brachte Harrys kochendes Temperament zum Überlaufen.

"Ja, er hat ihn nicht mehr gesehen... weil er ihn verraten hat! Du und dein Hauself, ihr habt Sirius umgebracht! Er ist tot, euretwegen!" zischte er. Es mochte seine eigene Schuld sein, dass Sirius gestorben war, aber seine Mutter und dieser Hauself trugen zumindest auch ihren Teil der Last.

"Mein Sohn ist tot?" fragte die Frau im Porträt, die fahlen, blauen Augen funkelnd. Harry ballte die Fäuste fester. Der Gedächtnisstein schnitt in seine Handfläche, brannte wie eine glühende Kohle, aber Harry ignorierte das.

"Ja, das ist er!" schrillte er, seine Stimme, die im Laufe des Sommers eine kratzige Tiefe bekommen hatte, schnappte über. Mrs. Black starrte einen Moment lang vor ihm in die Luft- und fing dann an zu lachen, ein widerliches, gackerndes Glucksen das aus der Tiefe ihres Magens bis in ihre Kehle stieg. Tränen prickelten in Harrys Augen. Das Porträt lachte und keuchte, mit einer Lautstärke, die seinem Geschrei Konkurrenz machte. Auch Kreacher gackerte zu Füßen seiner Herrin, zusammengerollt in einem kleinen, schmutzigen Ball.

"Er hat es also auch endlich geschafft, den Löffel abzugeben... das alte Haus der Blacks kann nun endlich so in Erinnerung verbleiben, wie es ihm gebührt. Und dieser kleine Verräter wird aus der Geschichte getilgt- man wird ihn vergessen, so wie er es verdient hat... ah, was für eine Neuigkeit!" Mrs. Black keuchte vor Lachen.

Harry konnte nicht sagen, was geschehen war, als er danach gefragt wurde. Alles, was er wusste war, dass er noch nie eine solche Wut und solche Trauer gespürt hatte, und dass er sie aus sich heraus hatte lassen müssen, bevor er explodierte. Jedenfalls sah er nur noch einen hellen Lichtblitz, und dann hörte er Tonks' anerkennendes Pfeifen- "Wow, Harry, das war was!"- bevor er wieder einmal in Ohnmacht fiel.

Ginny war es, die ihm erzählte, dass er einen Moment lang in ein helles Licht getaucht dagestanden war bevor er seine Hände nach vorne gerissen und auf die Wand mit dem Porträt gedeutet hatte. Ein Explosionszauber, der Dumbledore Ehre gemacht hätte, hatte ein großes Loch in die Wand gerissen- und auf dem Stück Wand, das Harry herausgesprengt hatte, hatte Mrs. Black geklebt.

"Hättest sie kreischen hören sollen, Harry," mischte sich Ron, der gemeinsam mit Hermine in Harrys Zimmer gekommen war, ein. "Hat ihr aber nichts genützt. Wir haben sie trotzdem im Kamin verbrannt."

"Ja, und diesen alten Kreacher sind wir auch endlich los. Ist seiner Herrin hinterher gesprungen und konnte selbst von Madam Pomfrey nicht mehr zusammengeflickt werden," grinste Ginny mit einem Gesichtsausdruck, der Harry stark an die Zwillinge erinnerte.

"Ginny! Es ist doch schrecklich, dass ein Wesen in einer solchen Abhängigkeit von..." Ron fuhr Hermine über den Mund als er sah, dass Harrys Temperament schon wieder am Kochen war, da sie Kreacher verteidigte.

"Nein, ist es nicht. Kreacher war ein mieses altes Stinktier!" sagte er eindrücklich.

"Wie er geworden ist liegt nur daran, wie er behandelt wurde, Ron! Was würdest du tun, wenn..." Hermine ballte die Fäuste und wollte mit gerunzelter Stirn in eine Tirade ausbrachen als Ginny sich mit erhobenen Händen zwischen die Beiden stellte.

"Hermine, Kreacher wurde wirklich schlecht behandelt, aber sieh dir nur mal Dobby an- er wurde auch schlecht behandelt und ist nicht so geworden." Hermine lief rot an.

"Wenn Sirius Kreacher vielleicht nur ein bisschen freundlich zu Kreacher gewesen wäre, dann.." Harry schnellte aus dem Bett hoch. Er war vielleicht noch erschöpft von der Menge an Magie, die er wenige Stunden zuvor eingesetzt hatte, aber er würde nicht zulassen, dass Hermine nun auf Sirius losging.

"Also ist es Sirius' eigene Schuld, dass Kreacher ihn verraten hat? Dass dieses miese, kleine Schwein mich angelogen hat, damit ich ihn umbringen kann? Sirius ist also Schuld?" fragte er gefährlich kalt und leise. Hermine schrak zusammen und wich einen Schritt vor ihm zurück. So wütend hatte sie Harry noch nie gesehen- seine Augen waren brennende Smaragde, von keinen Brillengläsern verdeckt, seine Fäuste waren so fest geballt, dass seine Fingernägel in die Handflächen schnitten und trotz seines leichten Humpelns war er schnell wie der Blitz.

"Ich soll also denken, dass Sirius die Verantwortung dafür trägt, dass ein verrückter Todesser von einem Hauselfen, der ein Porträt angebetet hat, letztendlich bekommen hat, was er verdient?" Hermine wimmerte leise. Harry machte ihr regelrecht Angst.

"Nein, ich... so habe ich es nicht gemeint, es ist nur..." Harry atmete tief durch. Sein Gesicht war immer noch bleich vor Wut, aber er hatte sich wieder im Griff.

"Gut, dann erwähne diesen Elf nie wieder. Er ist tot, und das ist gut so. Wenn du um ihn trauern willst, tu das nicht in meinem Haus. Hier wird gelacht, weil er die Koffer gepackt hat." Ginny trat neben ihn.

"Harry, du machst Hermine Angst. Beruhig dich, niemand trauert um Kreacher, und wir alle wissen, was er getan hat. Hermine sucht nur gerne nach den Gründen, das weißt du doch. Außerdem sollst du dich nicht so aufregen, die Ordensmitglieder haben keine Lust mehr, die Fenster zu reparieren und Madam Pomfrey lässt dich morgen nicht aus dem Haus, wenn du dich weiter anstrengst. Und du willst doch in die Winkelgasse und zu Umbridges Verhandlung, oder? Dann atme jetzt tief durch, Hermine hat es nicht so gemeint, wir sind alle froh dass Kreacher tot ist, und jetzt setz dich." Sie packte Harry an den Schultern und setzte den Überrumpelten auf sein Bett. "Also, wer spielt mit eine Runde Zauberschnippschnapp?"

Ron starrte mit offenem Mund auf das rothaarige Mädchen. War das eben seine kleine Schwester gewesen, die einen Harry, der so gefährlich wie Du-weißt-schon-wer ausgesehen hatte, zur Ruhe gebracht hatte? Was war nur mit Ginny los?

Der Abend verging in angespannter Freundlichkeit- weder Harry noch Hermine konnten vergessen, was der jeweils andere gesagt hatte, und Ron fühlte sich einfach nur verlassen in der Mitte. Die einzige, die die Gruppe zusammenhielt, war Ginny, die sie immer wieder in ein unverfängliches Gespräch zog, oder lachte, wenn ihre Haare wieder einmal von den explodierenden Karten angesengt worden waren. Harry ertappte sich dabei, wie er einen verwunderten Blick auf das Mädchen warf- es war kaum zu glauben, dass sie einmal den Ellenbogen in die Butter gesteckt hatte, nur weil er am Frühstückstisch saß. Als die Freunde bemerkten, dass Harry mehr und mehr Explosionen abbekam, weil seine Aufmerksamekeit abdriftete und er beinahe im Sitzen einschlief, wünschten sie ihm eine gute Nacht und ließen ihn allein- allein mit seinen Erinnerungen und der langen, dunklen Nacht.

"Komm schon, du kannst es doch besser!" Sirius lachte, wenige Augenblicke später verwandelte sich sein Lachen in namenloses Entsetzen. Bellatrix Lestrange, das ehemals schöne Gesicht wutverzerrt, stand vor ihm.

"Kann ich das? Also gut, du hast es so gewollt, Cousin. Komm, Harry!" Sie krümmte einen Finger. Harry fühlte, wie sich seine Beine gegen seinen Willen auf seinen Paten zubewegten.

"Petrificus totalus!" Sirius' Arme und Beine klappten zusammen, wie durch ein Wunder blieb er aber auf den Beinen. Harry kam immer näher, mit jedem Schritt wurde der Steinbogen mit dem schwarzen Schleier, der darin wehte, größer. Sirius, nein, dachte er verzweifelt, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.

"Los, Harry, tu es!" befahl Bellatrix. Seine Hände streckten sich aus, der schwarze Schleier zerrte an ihm, zerrte an seinem versteinerten Paten.

"Tu es!" Er stieß zu, beide Handflächen gegen Sirius' Brust. Der Ausdruck des Verrates und des Schmerzes in seinen Augen zerriss Harry das Herz.

"Sirius, NEIN!!!" Aber Sirius war schon gefallen. Seine Glieder gehorchten wieder seinem Willen. Harry brach schluchzend auf dem Boden vor dem Torbogen zusammen, dessen leise wispernde Stimmen den Schleier im unsichtbaren Wind flattern ließen.

"Ohhh, will Baby Potter nicht mehr spielen? Das ist aber schade!" Der Steinbogen war verschwunden, stattdessen lag er auf dem schmierigen Steinboden, den er nur zu gut kannte. Harry versuchte, sich aufzurichte, aber der alles überwältigende Schmerz in seinem Körper zwang ihn wieder zu Boden.

"Wie schade, wir haben noch so ein schönes Spiel für dich vorbereitet, nicht wahr, Herr?" Harry schluckte.

Neben Bellatrix ragte die dürre Gestalt Voldemorts in einem blutroten Umhang empor, sein weißes Gesicht mir den roten Augen unverwechselbar. Harry presste die Hand auf die brennende, stechende Narbe während Voldemort ihn mit verächtlich gekräuselten Lippen ansah.

"Eine Kraft, die ich nicht kenne? Lächerlich, du bist genau wie ich, Harry Potter. Ein Mörder!" Harry schrie auf wie ein verwundetes Tier.

"Nicht wahr! Nicht wahr nicht wahr nicht wahr nicht..."

"Aber wer hat dann Cedric getötet? Deine Eltern? Sirius?" Voldemort kam mit jedem Wort einen Schritt näher.

"Das warst du!" heulte Harry. Seine Narbe brannte unerträglich.

"Aber wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte ich sie nicht getötet. Wenn du mir nicht Widerstand geleistet hättest wären sie noch am Leben!" Voldemort fixierte ihn mit glühend roten Augen. "Siehst du, Harry- es ist alles deine Schuld. Du bist mir sehr, sehr ähnlich, Harry- hör auf, zu kämpfen"

Harrys Welt zerbrach. Er schluchzte auf, es gab keinen Ausweg. Voldemort hatte recht- es war seine Schuld. Und er ähnelte dem Dunklen Lord mehr, als er gedacht hatte... 

"Komm mit mir, Harry!" Voldemort.

"Komm, Harry, und wir spielen!" Bellatrix.

"NEIN!" Seine eigene Stimme, rauh und bellend.

"Dann... wirst du unser Spielzeug, Harry. Crucio!" Harry schrie auf.

 

"Nein!" Harry keuchte, seine Narbe brannte und er fühlte sich, als hätte er gerade einen Marathonlauf hinter sich. Seine Decken lagen in einem zerknuddelten Haufen auf dem Fußboden, er war naßgeschwitzt. Seine Hände zitterten, als er nach dem Gedächtnisstein auf seinem Nachttisch griff. Vertraute Wärme verscheuchte einen Teil des eisigen Horrors, den der Alptraum hinterlassen hatte. Er war nur froh, dass einer der zauberstablosen Zaubersprüche, die er sich angeeignet hatte, der Verstummungszauber war. Jeden Abend legte er einen um sein Bett- seine Freunde, Mrs. Weasley und Madam Pomfrey würden ihm keine Ruhe lassen, wenn sie wüssten wie oft er Alpträume hatte.

Er hatte das dumpfe Gefühl, dass Ginny etwas ahnte- sie hatte ihn beim Üben beobachtet. Er konnte inzwischen fünf Zaubersprüche ohne seinen Zauberstab nutzen- er hatte es zunächst mit dem einfachen Schwebezauber versucht, dann den Aufrufezauber, den Verscheuchezauber, den Explosionszauber und den Verstummungszauber. An Reparo hatte er sich nicht wieder gewagt- zu gut erinnerte er sich an die Folgen. Mit den anderen fünf aber machte er gute Fortschritte- wie die Zauber um sein Bett bewiesen.

Ein Blick auf die alte Pendeluhr in der Ecke- eines der wenigen Stücke, das mit Tannenzapfen und Eichhörnchen anstatt Totenschädeln und Black'schen Familienwappen geschmückt war, was es allerdings nicht weniger scheußlich machte- verriet ihm, dass er seit etwa dreeinhalb Stunden Geburtstag hatte.

"Was für eine Art, Geburtstag zu feiern," seufzte Harry. Er wusste, dass er nicht wieder einschlafen würde, und zog stattdessen sein Zaubertränkebuch von Michael Meschgut hervor. Sollte er es wider Erwarten in Snapes Zaubertrankstunden schaffen wollte er lieber gut vorbereitet sein...

Als Harry um sieben Uhr morgens in die Küche geschlurft kam war er, nicht überraschend, der Erste, der wach war. Mit geübten Bewegungen (er hatte es bei den Dursleys schließlich tausendmal gemacht) setzte er Teewasser auf, kochte Kaffee und begann, Würstchen, Speck und Eier für das Frühstück zu kochen und zu braten.

Mrs. Weasley, die eine halbe Stunde später in die Küche kam stieß einen schrillen Schrei aus. "Harry! Was machst du da?"

Harry erschrak so sehr, dass er die Platte mit Würstchen, die er gerade auf den Tisch stellen wollte, fallen ließ. Mrs. Weasleys blitzschneller Schwebezauber rettete zwar das Essen, nicht aber Harry. Er spürte die volle Wucht ihres Temperaments auf sich konzentriert und versteckte den Wunsch, sich so schnell wie möglich in eine Nacktschnecke zu verwandeln und unter dem Abwaschbecken zu verkriechen.

"Harry, du- hast- heute- Geburtstag!" schimpfte sie in betont lieblichem Ton. Harry nickte nervös. "Und- du- machst- an- deinem- Geburtstag- kein- Frühstück!"

"Aber-" protestierte Harry, der eigentlich nur darauf hinweisen wollte, dass er als Erster wach gewesen und deswegen die beste Wahl zum Frühstückmachen war.

"Auch wenn deine Familie es immer so gehalten hat, bei uns macht ein Geburtstagskind kein Frühstück. Es wird Zeit, dass du mal ein richtiges Fest an diesem Tag hast! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harry!" Sie nahm den verblüfften Jungen fest in die Arme. Harry versteifte sich zwar zunächst, aber in Mrs. Weasleys warmer Umarmung fühlte er sich dann doch so sehr zu Hause, dass er sie erwiderte.

"Aber das habe ich schon, Mrs. Weasley- ich darf heute in die Winkelgasse gehen, und Umbridge wird vor Gericht gestellt!" Mrs. Weasley runzelte wütend die Stirn.

"Warum Dumbledore erlaubt hat, dass ihr Kinder ausgerechnet an deinem Geburtstag als Zeugen ins Gericht müsst... aber wenn es euch so wichtig ist, ist das wohl in Ordnung. Pass nur auf, dass du dich nicht überanstrengst- und jetzt setz dich hin, ich mache ein richtiges Geburtstagsfrühstück! Du bist sowieso viel zu dünn, und so bleich... sag mal, schläfst du eigentlich überhaupt?" Sie zückte ihren Zauberstab, und sämtliche Pfannen und Töpfe flogen in eine Reihe und standen in Bereitschaft. Dabei ließ sie Harry nicht einen Moment aus den Augen. Er tat sein Bestes, zu ignorieren, dass sie eine Frage gestellt hatte. Er konnte nicht antworten, dass er nicht schlaffen konnte, seit die Todesser ihn entführt hatten, weil er schlimmere Alpträume denn je hatte. Mrs. Weasley gab nach einer Weile auf und konzentrierte sich aufs Kochen, aber Harrys Unbehagen wich nur langsam.

Bis Ginny, Ron, die Zwillinge und Hermine, herunterkamen waren nicht nur Speck und Eier, Würstchen, Tee, Kaffee, Obst, frisches Gemüse, drei riesige Torten und eine Schüssel Porridge auf dem Tisch sondern auch noch ein Auflauf, verschiedene Puddings und vier Soßen. Mrs. Weasley war mit Sicherheit eine der allerbesten Hexen wenn es um Haushaltszauber ging. Remus schlurfte wenig später bleich und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf Tonks gestützt in die Küche. Er sah schlechter aus, als Harry ihn je nach einem Vollmond gesehen hatte, und er erinnerte sich dumpf daran, dass es schon der zweite in diesem Monat gewesen war- ein Blauer Mond (A/N: Neli meint das englische 'Blue Moon')(3). Er wehrte jedoch jeden Versuch, ihm zu helfen ab und beobachtete das Geschehen mit einem Lächeln auf den blutleeren Lippen.

"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harry!" Hermine umarmte Harry fest. Er wurde ein wenig rot- sie war schließlich kein kleines Mädchen mehr, und wenn er ehrlich war, roch sie wunderbar nach Shampoo.

"Herzlichen Glückwunsch, Mann," sagte Ron und umarmte seine beiden Freunde. Harry entspannte sich, seine Versuche, die beiden fernzuhalten hatten irgendwie nicht gewirkt- sie waren ihm so nah wie vorher, und selbst ihr Streit um Kreacher war vergessen.

Als Ron und Hermine ihn losließen war Ginny an der Reihe. "Herzlichen Glückwunsch, Harry," sagte sie leise und schloss ihn ebenfalls fest in die Arme. Harry wurde wieder rot. Ginny war, wie Hermine, kein kleines Mädchen mehr...

"Hey Harry- herzlichen Glückwunsch, Kumpel!" Fred und George standen rechts und links hinter ihm und klopften ihm auf die Schultern. "Mögest du lange und in Frieden leben, oh großer Vernichter des Bösen." Harry lachte. Die Beiden waren eine Klasse für sich. Im nächsten Moment prickelte etwas kalt seinen Nacken herunter. Harry zuckte zusammen.

"Raus mit der Sprache- was habt ihr... oh!" Seine Hände tasteten nach  seinen Ohren, die plötzlich seltsam empfindlich waren. Die Spitzen, die ihnen gewachsen waren, fühlten sich wirklich merkwürdig an. Harry runzelte wütend die Stirn.

"Fred, George, was-?" Er schnitt eine Grimasse. Selbst wenn nur er selbst lauter als normal sprach, schmerzte das in den empfindlichen Organen.

"Vulkan-Elixir. Wir haben es in einem Muggelsernfeher gesehen. Eine Weiterentwicklung unserer Langziehohren. Es sollte in..." Weiter kamen sie nicht. Die gesamte Gesellschaft brüllte vor Lachen, während Harry verzweifelt versuchte, seine Ohren vor dem Lärm zu schützen.

"Oh, Harry, du siehst... zum Totlachen aus. So ernst, und mit diesen... diesen Ohren!" prustete Tonks.

"Sei froh, dass sie nicht rosa sind, Harry," kicherte Ginny und zog an den Spitzen. Harry schnitt eine Grimasse.

"Seid froh, dass heute mein Geburtstag ist- wie lange dauert es, bis die Dinger wieder weg sind?" Fred und George tauschten einen nervösen Blick.

"Uh... drei Tage? Alles Gute noch mal!" Bevor ein mörderisch aussehender Harry sie in die Luft jagte drückten die Zwillinge ihm ein großes, viereckiges Päckchen  in die Hand und apparierten davon. Molly Weasley, deren Gesichtsausdruck noch mörderischer als Harrys war, raste die Treppen hinauf hinter ihnen her. Ihr wütendes Schimpfen war noch aus dem dritten Stock zu hören. Harry verzog schmerzvoll das Gesicht.

Remus schloss ihn lachend in die Arme. "Mach dir nichts draus, Harry," sagte er. Harry schnitt eine Grimasse.

"Aber ich kann doch nicht mit... diesen Ohren in der Winkelgasse rumspazieren! Geschweige denn in Umbridges Verhandlung gehen!" Remus grinste.

"Nun, zumindest kannst du jedes Gerücht im Gerichtssaal hören," meinte er wenig hilfreich. Harry fühlte sich ein wenig verraten und allein gelassen.

"Hey, Harry, ich kann dir vielleicht einen Hut leihen," meinte Tonks, "herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!"

"Na toll- mit einem Hut mitten im Hochsommer?" Tonks zuckte die Schultern. Harry biss die Zähne zusammen. Sicher, für seine Freunde war es lustig, Harry mit Vulkanierohren zu sehen, aber der Rest der Zauberwelt würde wahrscheinlich wieder auf dumme Ideen kommen- vielleicht wurde er zum Nachfahren eines Hauselfen erklärt! Wenn doch nur diese Ohren verschwunden wären...

"Kommt ihr nicht zum Frühstück?" fragte Ginny fröhlich, eines von Harrys Würstchen in der Hand. "Harry, was ist denn mit deinen Ohren?" Harry klammerte eine Hand um seinen Gedächtnisstein. Er würde nicht schon wieder explodieren.

"Hey, Harry- sieh mal, die Zwillinge haben dich schon wieder reingelegt. Die Ohren..." Harrys Hände flogen an seinen Kopf.

"Sie sind weg!" rief er überrascht. Tonks, die an der Seite von Remus schon durch die Küchentür gegangen war, drehte sich wieder um.

"Schade- sah irgendwie süß aus," meinte sie. Ein Knallen rang durch die Küche.

"Was höre ich da? Die Ohren sind weg? Aber dann... Fred, du hast einen Fehler gemacht!"

"Nein, das warst du, George. Du hast die Schwellösung reingemischt!"

"Aber du hast den Zeitzauber über die Lösung gesprochen."

"Und du hast nicht gewollt, dass wir die Farbe reinmischen!"

"Und... und ich weiß immer noch nicht, warum die Ohren nach zehn Minuten schon wieder weg sind!" schloss George. "Harry... was hast du gemacht?" Beide wirbelten in ihren bunten Drachenhautmänteln zu Harry herum und deuteten anklagend auf ihn. "Gestehe, Schurke! Du hast unseren Scherz vereitelt!"

Harry sah aus, als hätte man ihm vorgeworfen, er hätte Umbridge geküsst. "Ich? Wie soll ich das getan haben? Ich meine, ich..."

Tonks schob Fred und George mit ihren schmalen Schultern auseinander und baute sich vor Harry auf. Ihre glitzernden schwarzen Augen hatten einen lauernden Schimmer. "Sag mal, Harry... bist du eigentlich schon mal fünf Jahre ohne Friseur ausgekommen?" Harry blinzelte verwirrt.

"Friseur?" fragte er. Das Frühstück wurde langsam kalt, wie er aus dem Augenwinkel feststellte, und ihm wurde langsam unheimlich.

"Ja, das ist dieser Mann, der einem die Haare schneidet, Harry," meinte Ron hilfsbereit. Harry schoss ihm einen vernichtenden Blick über die Schulter zu.

"Ich weiß, was ein Friseur ist, Ron- aber ich dachte, es ist normal, dass Zaubererkinder nicht zu einem gehen müssen." Harry fühlte sich nun wirklich wie ein Affe im Käfig. Von Mrs. Weasley, die schwer atmend dir Treppe herunter kam, bis Remus starrten ihn alle an. "Ist das etwa nicht so?"

"Oh Mann, Harry, du hast wirklich keine Ahnung!"  Ron rollte mit den Augen. "Hermine, sag’s ihm."

"Uh... Harry, jeder von uns geht zum Friseur," meinte Hermine, "und wenn du in all den Jahren nie zu einem gegangen bist, dann könnte es sein, dass..."

"Er ein paar Metamorphmagus-Fähigkeiten hat." Fiel Ron ihr mit wissendem Stolz, ins Wort.

Harry rollte nur mit den Augen. "Also bitte, ihr meint, dass ich so wie Tonks meine Nase in eine Schweineschnauze verwandeln kann? Das hätte ich doch schon gemerkt!" Tonks schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

"Oh, aber Harry, das ist doch phantastisch! Stell dir doch mal vor, was du alles tun kannst! Metamorphmagi sind besonders geschickt in Verwandlung, und wenn du..." Hermine war völlig aus dem Häuschen. "Das muss ich noch mal nachlesen!" Harry war weniger begeistert und wies sie wieder darauf hin, dass das Ganze wahrscheinlich nur ein Zufall war, ein zauberstabloser Zauberspruch oder so etwas.

"Fred und George schützen ihre Erfindungen doch immer gegen sowas. Erinnerst du dich nicht mehr an die Wildfeurigen Wunderknaller? Wenn du sie wegzaubern wolltest wurden sie nur noch schlimmer! Nee, nee, du hast das schon per Selbstverwandlung gemacht!"

Harry war nicht überzeugt. "Aber warum hab ich das dann nicht öfter gemacht? Wenn ich mal wieder Färbesaft von Neville über die Hände geschüttet bekommen habe, oder...auf alle Fälle hätte ich es doch wirklich gemerkt, dass ich mich so... verändern kann."

"Muss nicht sein, Harry- wenn du keine Ahnung von deinen Fähigkeiten hast und sie nicht so stark ausgeprägt sind wie meine, dann..."

"Ja, und außerdem braucht es oft einen großen Emotionsschub, bevor solche Fähigkeiten aktiviert werden. Elementarzauberer zum Beispiel wissen oft nicht vor der Pubertät, dass..." begann Hermine.

"Leute, das ist ja alles prima, aber können wir endlich frühstücken? Ihr könnt Harry ja dann da weiter diskutieren!" Rons Magen unterstrich seine Worte mit einem lauten Knurren. Obwohl Mrs. Weasley ihm einen strafenden Blick zuwarf folgten alle seinem Vorschlag. Remus grinste Tonks über seine Portion Porridge hinweg an.

"Jetzt bist du nicht mehr die Einzige, Tonks," meinte er. Tonks warf ihr Haar über die Schulter zurück und grinste zurück. Harry beobachtete die beiden amüsiert. Etwas... war anders. Remus war nicht mehr so deprimiert wie zu Beginn der Sommerferien.

"Das ist noch nicht raus," protestierte er trotzdem. Tonks zuckte die Schultern.

"Besser, du gewöhnst dich dran, Harry. Auch wenn du wahrscheinlich nicht so extrem wandelbar bist wie ich, du hast ein paar... hey, was wollen denn die Eulen hier?" Durch den Kamin schwebten zwei große, gepflegte Kreischeulen, die um den Tisch kreisten und nach etwas zu suchen schienen.

"Sie wollen zu Dumbledore," vermutete Remus. "Er ist nicht hier," sagte er zu den Eulen, die mit einem erzürnten Kreischen wieder durch den Kamin davonflogen.

Harry ertrug die erstaunten Blicke, die Fragen und Hermines Versuche, ihn zu analysieren bis endlich der letzte Krümel von Mrs. Weasleys leckerem Essen in den Bäuchen der Gäste verschwunden war. Er fühlte sich undankbar und schlecht, weil er an seiner ersten Geburtstagsfeier nicht in Feierlaune war.

"Harry, wie wär´s mit Geschenken?" fragte Remus augenzwinkernd. Harry grinste. Vielleicht war Geburtstag feiern doch nicht so übel...

"Okay," meinte er. Ron sprang als erster vom Stuhl auf.

"Hier, meins zuerst," forderte er und hielt Harry ein quadratisches, flaches Päckchen unter die Nase. Harry griff danach und riss das abwechselnd rot und golden schillernde Papier herunter.

"Danke, Ron," lachte er. Aus einem quadratischen Rahmen winkten ihm die Spieler der Chudley Cannons entgegen.

"Du kannst es beliebig vergrößern, Harry. Schau, einfach nur den Zauberstab hierher halten und-"

"Nicht hier, Ron," schrillte Hermine warnend, "hier ist nicht genug Platz! Ich will nicht von den Cannons erschlagen werden." Harry und die anderen brachen in schallendes Gelächter aus.

"Das wäre mal eine Schlagzeile: Cleverste Schülerin von ganz Hogwarts unter Chudley Cannons-Poster begraben!" gluckste Fred.

"Orange ist nicht ihre Farbe: Die Tragödie der Hermine Granger!" kicherte George.

"Und dann..."

"Es reicht! Hier, mein Geschenk, Harry!" explodierte Hermine und drückte ihm ein rechteckiges, schweres Päckchen in die Hand. Harry vermutete, dass es sich um ein Buch handelte. Als er das Papier entfernt hatte, schaute er erst einmal ungläubig während Mrs. Weasley Hermine erstaunt ansah und Ron in unterdrücktes Kichern ausbrach.

"Eine Geschichte Hogwarts', Hermine?" fragte Harry mit hochgezogenen Augenbrauen. Hermine wurde rot und murmelte etwas Unverständliches.

"Was hast du gesagt?" fragte Ron sehr laut.

"Ich habe gesagt, dann kann Harry auch mal selber ein Rätsel lösen, und außerdem passt es zu Harrys neuer Lesewut" sagte Hermine mit hochrotem Kopf. Harry grinste breit.

"Danke, Hermine- und ich versprech dir, ich werd's lesen!" Ron war völlig entgeistert.

"Harry! Das meinst du doch nicht etwa ernst- oder doch?" Harrys Grinsen wurde noch breiter und er zuckte entschuldigend mit den Schultern.

"Sorry, Kumpel- ich hab's versprochen."

"Und es ist doch gut, dass Harry so viel liest- das könntest du auch mal tun!" fuhr Mrs. Weasley dazwischen. Ginny rollte mit den Augen und fuhr sich mit der Hand über die Kehle. Ron warf ihr zum Glück einen Blick zu und schluckte sein Kommentar herunter.

"Hier, Harry, mach solange mal meines auf," meinte Tonks und gab ihm ein kleines, grünes Schächtelchen. Harry griff danach und öffnete es begierig.

"Uh, Tonks, was ist das?" Die kleine, platinfarbene Plakette war so unscheinbar, dass er sich nichts darunter vorstellen konnte.

"Geschenk von mir und den anderen Auroren im Orden- ein Schutzamulett. Schwächt die Kraft einfacher Zauber und Flüche, wenn sie auf dich abgefeuert werden. Ist ein Teil der Ausrüstung jedes Aurors- ich  hab auch eins, siehst du?" Sie  zog eine identische Plakette aus ihrem Halsausschnitt.

"Wow, danke, Tonks!" Harrys Augen strahlten. Auror-Ausrüstung! Das war...

"Harry, komm mal wieder auf die Erde. Hier, für dich!" Ginny wedelte mit der Hand vor seinen Augen. "Hab keine Ahnung, ob du sowas brauchen kannst, aber..."

"Danke, Gin," meinte Harry schon einmal im Voraus, wiederholte es aber noch einmal nachdem er eine riesige Schachtel voller Süßigkeiten und eine Feder, der die Tinte nie ausging ausgepackt hatte. "Das ist super!"

"Mach dich drauf gefasst, dass ich dir welche klaue- ich hab ZAGs dieses Jahr," grinste sie und umarmte ihn von hinten. "Alles Gute zum Sechzehnten!"

"Von Arthur und mir auch," meinte Mrs. Weasley und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Backe und ein großes, lumpiges Päckchen in die Hand. "Ich hoffe, du nimmst es uns nicht übel, aber wir haben die Kleider gesehen, in denen du im Sommer rumläufst und... ich hab dir ein paar Sachen genäht."

"Wow, danke Mrs. Weasley!" rief Harry. Auf seinem Schoß lagen eine Jeans und zwei T-Shirts, die aussahen, als würden sie ihm endlich einmal passen. Etwas anderes als seine Schuluniform in seiner Größe... "Ich zieh mich gleich mal um!"

"Moment noch, Harry- vielleicht willst du erst mal mitkommen und sehen, was... Sirius und ich für dich haben?" schlug Lupin vor. Harry wirbelte herum.

"Sirius?" fragte er. Remus nickte, seine Augen hell.

"Er hat schon Monate im Voraus überlegt, was er dir schenken kann. Wir haben dann gemeinsam... aber komm einfach mit. Es ist hinten im Schuppen." Harry schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, herunter. Er würde einfach daran denken, dass Sirius nicht wollen würde, dass er an seinem Geburtstag in seinem Kummer versank.

Die gesamte Geburtstagsgesellschaft trottete hinter Remus her in den düsteren, verstaubten Hinterhof des Hauses am Grimmauldplatz. Gedanken an Sirius verdüsterten die Atmosphäre ein wenig, aber Tonks' fröhliches "Bin mal gespannt, was mein Cousin so ausgeheckt hat!" verscheuchte die Wolken schnell.

"Bist du bereit, Harry?" fragte Remus, ein Zwinkern in den Augen. Harry nickte und schluckte schwer. "Also gut- Aparecium Schwarzer Schatten!"

"Wa- WOW!" Harry fiel beinahe rückwärts um. Aus dem Nichts erschien ein großes, schnell und gefährlich aussehendes Motorrad in glänzendem Schwarz.

"Das ist der Schwarze Schatten- Sirius' Triumph Bonneville(4). Wir haben sie für dich restauriert und... im Helmkoffer findest du noch was," meinte Remus, dem eine Träne im Augenwinkel stand. "Sirius wollte dir eigentlich das Fahren beibringen- schätze, jetzt musst du mit Tonks und mir Vorlieb nehmen."

"Vorlieb nehmen- Remus, du hast mir den Patronus beigebracht! Motorradfahren... wow!" Ron hatte sich Schritt für Schritt näher an die Maschine herangetastet.

"Du willst das Ding doch nicht etwa fahren, Harry?" fragte Hermine, ihre Stimme leicht panisch. Sie mochte nicht nur Besen nicht, sie hatte auch eine Abneigung gegen Motorräder seit sie einen besonders schlimmen Unfall miterlebt hatte. Harry machte ein schuldbewusstes Gesicht. Genau das hatte er eigentlich vor.

"Wie schnell meinst du fährt das Ding, Harry?" fragte Ron mit glänzenden Augen und ehrfürchtigem Gesichtsausdruck.

Harry wandte sich ihm zu und zuckte die Achseln. "Keine Ahnung," sagte er.

"Viel zu schnell! Was hat sich Sirius nur dabei gedacht? Und du machst bei sowas auch noch mit, Remus! Von dir hätte ich wirklich etwas anderes erwartet!" Mrs. Weasley stand mit vor der Brust gekreuzten Armen zwischen Harry und seiner Triumph. "Und so wie ich Sirius kenn fliegt das Ding bestimmt noch! Und so etwas einem Sechzehnjährigen zu geben... Harry wird es nicht fahren!"

Remus stand nur ruhig da und hörte sich ihre Tirade an. Harry bewunderte ihn für sein Pokergesicht. Gegen Mrs. Weasley anzukommen war schon eine besondere Leistung. Als sie sich endlich halbwegs beruhigt hatte und Remus nur noch hochrot im Gesicht mit zornesblitzenden Augen anfunkelte hob er beschwichtigend die Hände.

"Molly, er wird nicht damit fahren, bevor ich es ihm nicht beigebracht habe. Tonks hat ebenfalls einen Motorradführerschein- sie wird ihm helfen. Und Harry macht bestimmt nichts Gefährliches- der Schwarze Schatten ist ganz sicher, und er hat auch einen Helm. Mach mal den Helmkoffer auf, Harry."

Harry berührte zum ersten Mal den glatten Lack der Triumph. Von den silbernen Auspuffrohren bis zum schwarzen Leder der Griffe war die Maschine einfach perfekt. Der Helmkoffer aus schwarzem Hartschalenplastik sprang mit einer Berührung seines Zauberstabs ("Er ist auf deine Magiesignatur eingestellt") auf. Harry lugte hinein, und holte vorsichtig den schwarz glänzenden Helm aus seiner Halterung heraus. Auf seiner Stirn, über dem Visier befand sich ein goldener Lichtblitz, genau wie seine Narbe.

"Der ist von mir," meinte Remus mit einem schwachen Grinsen. Harry umarmte ihn.

"Danke, Remus. Der ist super!" Tonks blinzelte ein, zwei Mal.

"Dieser Staub!" schimpfte sie und musste so heftig niesen, dass es sie von den Füßen riss, was erneut Lachsalven hervorrief.

"Immer auf die Kleinen," grummelte Tonks und verwandelte ihr Gesicht in das eines Babys, was noch mehr Gelächter auslöste.

"Hast du schon deinen Brief gefunden?" wandte sie sich an Harry, "du solltest ihn aufmachen, auch wenn du ihn jetzt nicht liest. Er ist von Sirius." Harry schluckte schwer und griff in den Helm. Ein schwerer, glatter Pergamentumschlag glitt in seine Hand.

"Mach ihn auf, Harry," forderten Hermine und Ginny ihn auf. Harrys Finger zitterten, aber er fuhr mit dem Finger unter das Siegel, mit dem der Umschlag verschlossen war. Etwas Rundes fiel in seine Handfläche. Er hielt es ins schwache Licht.

"Ein Ring?" fragte er. Remus nickte.

"Er hat deinem Vater gehört. James hat ihn zu seinem Sechzehnten bekommen, und jetzt hast du ihn. Es ist der Siegelring der Potters."

"Der Siegelring der Potters?" Remus nickte wieder.

"Ja, das Wappen, das da drauf ist- der geflügelte Löwe, ein Goldgreif- und der Spruch darunter- Uniti Victori Sumus- sind das Familienwappen und das Motto der Potter-Familie. Alles Weitere solltest du Dumbledore fragen- er kommt heute Abend vorbei." Remus legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Wenn ihr noch in der Winkelgasse einkaufen gehen wollt, bevor das Verfahren gegen Umbridge anfängt, dann solltet ihr jetzt gehen," meinte er, "du kannst den Schwarzen Schatten dann ausprobieren, wenn du wieder ganz gesund bist."

Harry war ein wenig enttäuscht- er hatte gehofft, heute noch eine Probefahrt machen zu können, aber der Gedanke an Madam Pomfreys Ausbruch, wenn sie das herausfand, machte die Enttäuschung etwas erträglicher. Sie würde ihm den Kopf abreißen und nur langsam wieder anwachsen lassen, wenn er mit seinen noch nicht verheilten Verletzungen, vor allem dem linken Bein, Motorrad fuhr.

"Hey, Harry, wolltest du dich nicht umziehen? Und dann los?" fragte Tonks. Harrys Augen weiteten sich und er nickte.

"Klar. Tonks- bin gleich wieder da!" Tonks zwinkerte ihm zu.

"Und pass auf, dass deine Haare nicht rosa werden!" rief sie ihm hinterher.

 

Die Winkelgasse war weniger geschäftig als Harry und seine Freunde es gewohnt waren. Zu viert spazierten sie in der hellen Julisonne über das Kopfsteinpflaster- Ginny hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzukommen. Hermine hatte natürlich zuerst Flourish&Blotts gestürmt, um zusätzliches Material zum Lesen einzukaufen. Harry hatte sich nicht wie sonst gesträubt- er hatte seinen Schwur nicht vergessen, und sich ebenfalls mit ein paar neuen Büchern eingedeckt.

Ginny hatte sich Flüche und Gegenflüche (Verzaubern Sie Ihre Freunde und verhexen Sie Ihre Feinde mit den neuesten Racheakten: Haarausfall, Gummibeine, vertrocknete Zunge und vieles, vieles mehr) von Professor Vindictus Viridian, das Harry schon in seinem ersten Jahr bewundert hatte, gekauft.

"Jemand muss doch die Familientradition fortführen," meinte sie mit einem verschmitzten Augenzwinkern. Harry fühlte ein unbestimmtes Grauen in der Magengegend- es schien, als hätten die Weasley-Zwillinge eine Nachfolgerin.

"Hey, was ist, kommt ihr mit unseren Laden angucken?" fragte Fred. Er und George hatten sich gleich zu  Beginn des Ausflugs aus dem Staub gemacht –"Um mal zu sehen, wie das Geschäft läuft"- und waren erst jetzt unvermittelt hinter den Vieren aufgetaucht.

"Ja, gleich- Harry und ich wollen nur noch mal bei Qualität für Quidditch vorbeischauen und- hey, wo ist eigentlich Harry hin?" Ron schaute sich verwirrt um. Harry war vor dem Fenster des Krämerladens stehen geblieben, in dem Percy damals sein Buch über die erfolgreichen Vertrauensschüler entdeckt hatte. In dem überfüllten Schaufenster hatte ein zerbrochener Zauberstab in einem dunkelbraunen Kästchen seine Aufmerksamkeit erregt. Bevor er es sich anders überlegen konnte, trat er durch die staubige, blinde Glastür in den nicht minder staubigen Laden. Eine heisere Ladenglocke kündigte seinen Eintritt an.

"Kund- SCHAFT! Kuund- SCHAFT! Kuuuuuund- SSCCH..." ihr ging die Luft aus. Harry war sehr froh darüber.

"Was kann ich für Sie tun?" Eine hübsche Hexe mit kurzen blonden Haaren und einem verblassten, schwarzen Umhang trat hinter einem Vorhang an der Rückseite des Geschäfts hervor. Harry fühlte sich plötzlich fehl am Platz.

"Uh.. der Zauberstab im Schaufenster..." murmelte er und versuchte, sein Gesicht zu verstecken. Die Hexe war Mitte zwanzig und damit ein potentieller Fan. Er wollte nicht schon wieder auffallen, nicht, dass sein Humpeln nicht auffällig genug wäre.

"Der Zauberstab im- ach so, der in dem Kasten? Ja, das ist ein besonderes Relikt aus dem Ministerium, hat mein Vater bei einer Auktion ersteigert... man sagt, er hat mal Sirius Black gehört, Mr. ...?" Harry schluckte.

"Ich heiße Harry," sagte er. Die Hexe sah ihn scharf an.

"Harry?" fragte sie. Harry nickte, nervös. Hoffentlich verdeckten seine Haare seine Narbe! Er hob den Kopf.

"Harry," bestätigte er. Die Hexe beäugte ihn weiter, aber das Zwielicht in ihrem Laden schien Harry hinreichend zu verkleiden- sie ließ ihn in Ruhe. "Und ich hätte gerne diesen Zauberstab," sagte er fest.

"Sie wollen also den Zauberstab?" Harry nickte. "Sie verstehen, dass es sich um ein wertvolles Stück handelt? In der Nokturngasse würde man dafür ein Vermögen bezahlen- der Zauberstab von Sirius Black!"

"Aber das hier ist nicht die Nokturngasse und Sie haben keinen Beweis, dass es Blacks Zauberstab ist," sagte Harry schnell. Die Hexe nickte bedächtig.

"Das ist richtig- deswegen auch der Sonderpreis- vier Galleonen!" Harry keuchte. Das war ganz schön viel für einen zerbrochenen Zauberstab- aber er hatte das Gefühl, dass er nach ihm rief und...

"Zwei," sagte er schnell. Die Hexe sah aus, als hätte er sie beleidigt.

"Drei," forderte sie. Harry überlegte.

"In Ordnung," meinte er schließlich und gab ihr das Geld im Austausch für den Kasten, den sie für ihn schrumpfte, so dass er ihn in die Tasche zu seinen Büchern stecken konnte. Bevor er zur Tür hinausgehen konnte, hielt ihn die Hexekurz noch zurück.

"Passen Sie gut auf sich auf- Mr Harry Potter!"

Harry blinzelte, als er in die helle Sonne außerhalb des Geschäftes trat. Er hatte es sich schon halb überlegt, zurückzugehen und die Frau nach ihrem Namen zu fragen- sie war eine der Wenigen, die ihn erkannt und keinen Wirbel um die Sache gemacht hatten- aber Ginnys verärgerte Stimme zog ihn davon.

"Harry! Wo warst du denn?" Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und verscheuchte die letzten Sonnenflecken vor seinen Augen.

"Ist nicht so schlimm... aber Ron wartet vor Qualität vor Quidditch auf dich, und danach holen wir die Zwillinge ab und treffen uns bei Fortescue's. Tonks spendiert uns Eis!" Ginny zerrte ihn energisch über die Straße zu dem kleinen, mit den verschiedensten Dingen vollgestopften Quidditchladen.

"Oh, scheint als sei Ron schon reingegangen," meinte sie dann. Harry folgte ihr durch die Tür.

Qualität für Quidditch war eines jener Geschäfte, das schon mit drei Kunden überfüllt erschien. Wie sich die ungefähr fünfzehn Zauberer und Haxen in den engen Gängen verteilen konnten war Harry ein Rätsel, ebenso wie das ständige Surren, das in seinen Ohren klang, sobald er durch die Tür geschritten war. Suchend blickte er sich nach einem hochgewachsenen Rotschopf um- Ron würde wahrscheinlich sogar die Türme von Arm- und Ellenbogenschützern für Treiber überragen, die auf dem ihm am nächsten stehenden Regal gestapelt waren.

"Da ist er ja!" Der Zauberer vor ihm sprang plötzlich in die Luft, als hätte man ihm einen Elektroschock verpasst. Harry wich ihm gerade noch aus und einen Schritt zurück, wobei sein linkes Bein einen schmerzhaften Stich bis in seine Hüfte schickte. Der Zauberer sah enttäuscht aus. "Jetzt ist er weg!"

Harry sah sich verwundert um. Wer war da und wieder weg? Und wieder hörte dieses Geräusch, spürte ein vertrautes Surren. Langsam verstand er, was los war.

"Oh, da scheint jemand einen Schnatz verloren zu haben," sagte er und fing den kleinen, flatternden und sich sträubenden goldenen Ball über ihm aus der Luft. "Ich bringe ihn am Besten wieder zurück... oder haben Sie ihn verloren?" fragte er den Zauberer, der ihn angesprungen hatte und nun wirklich sehr enttäuscht wirkte.

"Sie haben ihn gefangen," sagte er betrübt. Harry blinzelte verwirrt.

"Hey, super Harry- du hast den Schnatz gefangen!" Ron war hinter ihm aufgetaucht und schlug ihm so hart auf die Schulter dass Harry stolperte.

"Ja, das hab ich auch schon gemerkt," meinte Harry, "aber warum machen alle hier so ein großes Theater drum?" Der Zauberer, der versucht hatte, den Schnatz zu erwischen wirbelte wie von der Tarantel gestochen herum.

"Harry? Sind Sie etwa- Sie sind es! HARRY POTTER HAT DEN SCHNATZ GEFANGEN!" Harry wäre am Liebsten im Erdboden versunken.

"Wie sind hier doch nicht bei einem Hogwarts-Quidditchspiel," grummelte er, "warum zum Teufel machen alle so einen Wirbel um einen entwischten Schnatz?" Rons Augen weiteten sich.

"Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das Plakat nicht gelesen hast? Klebt groß und deutlich gegenüber der Eingangstür!" Harry runzelte die Stirn. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, seine Augen wieder vom Licht an die Dunkelheit zu gewöhnen und nach Ron Ausschau zu halten, um Plakate zu lesen.

"Du hast es nicht gelesen," meinte Ron trocken. Harry zuckte die Achseln.

"Was steht denn drauf? Dass England einen neuen Sucher braucht?" Er wollte eigentlich viel lieber endlich diesen Schnatz- dessen kleine, silberne Flügel sich beruhigt hatten und schlaff seine Handfläche kitzelten- zurückgeben und dann vielleicht ein paar neue Handgelenkschützer kaufen, nur für den Fall, dass er Quidditch spielen durfte...

"Wa- nein, natürlich nicht. Obwohl sie es sollten, die Mannschaft ist miserabel. Aber was ich meinte ist, du hast dir gerade ein Geburtstagsgeschenk gemacht, Kumpel. Das ist ein Schnatz wie der, der bei der nächsten Weltmeisterschaft gebraucht wird- 30% schneller als der letzte, etwas kleiner und handsigniert von den Suchern der beiden ersten Teams der letzten WM! Und wer ihn fängt, darf ihn nicht nur behalten sondern gewinnt auch noch einen 100-Galleonen- Geschenkgutschein... ich könnte mal ein paar Knieschützer gebrauchen, meinen ist bei unserem letzten Spiel beim Seestern-und-Stiel-Maneuver ein Riemen abgerissen, weil sie sich am Besen verfangen haben, als ich mich wieder hochgezogen hab!"

"Uh... mal langsam, Ron. Ich hab diesen Schnatz gefangen und..." Harry konnte seinen Satz nicht zu Ende bringen. Aus der Richtung des Tresens dröhnte eine magisch verstärkte Stimme.

"Würde der Gewinner unseres Schnatzfangens bitte hierher kommen? Mr Harry Potter bitte hierher!" Harry hatte das Gefühl, als sei die Anzahl der Besucher von Qualität für Quidditch plötzlich dreimal so hoch. Während er mit gesenktem Blick und nervös über die Stirn geplättetem Stirnhaar in Richtung Tresen schlurfte hörte er Gewisper über ihn, Voldemorts Rückkehr, seine Freundin, ihn und Voldemort, und wie er Voldemort begegnet war. Fudge hatte sich anscheinend darauf besonnen, dass Harry sein Goldjunge war und hatte die Ereignisse im Ministerium publik gemacht.

"Uh... vermissen Sie den?" fragte er den Zauberer hinter dem Tresen und öffnete die Hand mit dem reglosen Schnatz, der sofort wieder davon flattern wollte, aber nach dreißig Zentimetern wieder sicher zwischen seinen Fingern gefangen war.

"Meine Damen und Herren, er hat ihn tatsächlich gefangen! Wir haben den Gewinner unseres speziellen Schnatzfangwettbewerbes, und es ist kein Geringerer als Der Junge der Überlebte selbst!!" Harry fühlte sich in unangenehmer Weise an seine Begegnung mit Gilderoy Lockhart vor Beginn seines zweiten Schuljahres erinnert. Die Kameras, die auf einmal aufgetaucht waren, taten ihr Übriges. Der Manager des Quidditchladens hielt seinen Arm fest und drückte ihm ein buntes Stück Pergament in die Hand.

"Im Namen von Qualität für Quidditch möchte ich Mr Potter nun seinen Geschenkgutschein überreichen- ich hoffe natürlich, dass mein Geschäft auch weiterhin die Quelle aller Quidditch-Dinge für diesen äußerst talentierten jungen Mann, den jüngsten Sucher, den Hogwarts in hundert Jahren gesehen hat und Überwinder von Du-weißt-schon-wem bleiben wird!" Harry versuchte, sein Handgelenk aus dem eisernen Griff, in das dieser Mann es geklemmt hatte, zu reißen, aber was er an Muskeln durch sein Training mit Dudley gewonnen hatte war während seiner Genesung schlaff geworden, und so blieb ihm nichts übrig als nervös lächelnd zu danken und zu bitten, man möge ihn doch gehen lassen. Der Sonorus-Zauber, den der Manager die ganze Zeit über benutzte schmerzte in seinen Ohren. Außerdem zog diese laute Verkündigung immer mehr Laute an, und während Ginny und Ron sich über seine missliche Lage amüsierten fand Harry absolut nichts Komisches an der ganzen Situation.

"Es ist natürlich nicht überraschend, dass erst ein Sucher wie Mr Potter es gewesen ist, der diesen neuen Schnatz gefangen hat. Qualität für Quidditch freut sich, das erste Geschäft in ganz Großbritannien zu sein, das den neuen Weltmeisterschaftsschnatz anbietet. Schneller, kleiner und wendiger als der zuletzt Benutzte hat dieser Schnatz auch noch einen speziellen Fluchtzauber eingebaut, der die Fangzeit in Tests erheblich verlängert hat. Mr Potters Schnatz, ein Einzelstück, wie ich bemerken darf, ist darüberhinaus auch noch handsigniert von den bulgarischen und irischen Suchern- Aidan Lynch und Viktor Krum!" Harry schwor, er würde diesem Mann ein Dutzend Autogramme von Krum besorgen wenn er ihn nur endlich gehen ließe.

"Nun, Mr Potter, was sagen Sie- ist dieser Schnatz nicht eine Herausforderung für jeden noch so guten Sucher? Selbst einen von Ihrem Kaliber?" Harry bemerkte einige Hexen und Zauberer, die mit Kameras und Federn bewaffnet in der ersten Reihe standen (denn das Publikum hatte sich inzwischen sogar zu Reihen angeordnet, und Ron und Ginny waren in Richtung Ausgang verschwunden) und aussahen, als hätte man ihnen eine Wagenladung Aufheiterungszauber verpasst so breit war ihr Lächeln. Ein Ellenbogen in die Seite erinnerte ihn daran, dass er eigentlich etwas sagen sollte.

"Uh... ja," stammelte er, "und... und ich muss jetzt wirklich gehen!" Er riss seine Hand los. Die Reporter und der Manager von Qualität für Quidditch waren sichtlich enttäuscht angesichts dieser mageren Wortausbeute, aber Harry ärgerte sich nur, dass er noch nicht apparieren konnte während er sich, den Geschenkgutschein und den Schnatz in der Hand, hinkend zum Ausgang drängte. Ron und Ginny warteten draußen, betont gelangweilt an die Mauer gelehnt.

"Na, endlich fertig mit deiner Pressekonferenz?" fragte Ron, und obwohl er es im Scherz meinte hatte seine Stimme einen bitteren Klang.

"Nächstes Mal kannst du's ja gerne übernehmen- du hast mir das Ganze schließlich erst eingebrockt!" Ron stieß ihm den Ellenbogen in die Seite, aber Ginny war schneller.

"Nee, Harry, das warst du selber- ich hab versucht, das verfluchte Ding zu erwischen, aber es war einfach zu schnell... freu dich doch! Hundert Galleonen!" Harry wurde davon nur noch griesgrämiger.

"Hier, nehmt ihr's. Ist ja nicht so, als ob ich's brauchen würde." Ginny starrte ungläubig auf das bunte Stück Pergament, auf dem die Worte Qualität für Quidditch- Geschenkgutschein 100 Galleonen lässig auf einem Besen die Runde drehten.

"Das meinst du nicht ernst, oder, Kumpel?" Harry schüttelte den Kopf.

"Klar mein ich das ernst- ich hab noch diesen lebenslangen Bann am Hals, erinnert ihr euch? Außerdem ist meine Ausrüstung völlig okay, und der Feuerblitz ist immer noch der neueste und beste Besen von allen." Ron stieß ihm eine Faust in die Seite.

"Du weißt, dass ich das nicht annehmen kann, oder?" Ginny nickte bestätigend.

"Dann sieh's einfach als verfrühtes Weihnachtsgeschenk," sagte er und hielt seinen neuen Schnatz zwischen zwei Fingern hoch. "Den hier behalt' ich aber- auch wenn ich nicht spielen kann, kann ich damit wenigstens trainieren." Und sein Vater hatte auch seinen eigenen Schnatz gehabt, wenn auch geklaut und nicht ehrlich gewonnen.

Während Ron und Ginny noch immer begeistert von den neuen Zaubern auf dem Schnatz schwärmten hatten die drei Freunde die Winkelgasse 93 erreicht, Fred und Georges Geschäft, in dem Hermine schon auf sie wartete. Die Zwillinge, die in der Tür gewartet hatten, luden sie mit einer weit schweifenden Armbewegung ein, einzutreten.

"Willkommen in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze- ein Knall für jeden Tag!" George ließ einen wildfeurigen Knaller los, der die Aufmerksamkeit der meisten Passanten erregte. "Quelle der Scherze für Harry Potter, Schnatzfänger extraordinaire! Kommen Sie vorbei!"

Harry stöhnte. "Ihr habt es auch gehört?" Hermine sah  ihn befremdlich an.

"War eher schwer, es zu überhören- besonders weil alle fünf Sekunden jemand aus dem Tagespropheten-Büro gestürmt kam und erzählt hat, du würdest in dem Quidditch-Laden ein Interview geben weil du ihr Preisausschreiben gewonnen hast."

"Sag bloß du bist mir jetzt auch noch böse deswegen- ich dachte, jemand sei der Schnatz entwischt und wollte nur helfen!" sagte Harry dunkel. Hermine lachte.

"Böse natürlich nicht- aber wir haben kaum noch Zeit für Fred und Georges Laden- wir wollen uns um halb drei mit Tonks treffen, um drei müssen wir runter ins Ministerium, und dann ist um halb vier Umbridges Verhandlung!" Harry schmunzelte. Man konnte es Hermine überlassen, einen Stundenplan für die Ferien aufzustellen.

"Na worauf wartet ihr dann noch- hereinspaziert!" Fred schubste sie in ihren Laden.

Harry musste zugeben, dass die Zwillinge wirklich erstklassige Arbeit geleistet hatten. Entlang der Wände zogen sich Regale mit Aufschriften wie "Alles für das Heimfeuerwerk" oder "Alles für das Hogwarts-Jahr" hin. Ein großes Regal war gekrönt von einem leuchtenden Schild- "Umbridgitis!". Harry lachte laut, als er das sah, zischte aber bewundernd durch die Zähne, als er seine Aufmerksamkeit der Mitte des Ladens zuwandte.

"Wie du siehst haben wir unser Transportables Umgebungs-System erweitert- außer dem Bodenlosen Sumpf sind zu haben: Arktischer Schneesturm, Tal-des-Todes-Wüste und Dschungel-Safari," verkündete George.

"Und wir haben natürlich..."

"noch einen Zeitzauber draufgelegt..."

"Weil Umbridge ja jetzt weg ist!" strahlten die Zwillinge im Wechsel. Harry war wirklich beeindruckt. Die fünf Umgebungen, die in der Mitte des Raumes eine bizarre Landschaft bildeten waren täuschend echt.

Ein paar Minuten später verließen die vier Weasleys, Harry und Hermine gemeinsam Weasleys Zauberscherze. Tonks winkte ihnen schon von einem kleinen Tisch vor Florean Fortescues Eisdiele zu, und sie gesellten sich schnell zu ihr.

"Hab ich einen Hunger auf Eis," stöhnte Ginny, "es ist viel zu heiß!" Tatsächlich klebten ihre Roben an ihr, und Harry bemerkte, dass winzig kleine Schweißperlen auf ihrer Oberlippe standen. Die roten Backen standen ihr ebenfalls gut...

"Und du, Harry?" fragte Tonks grinsend. Hatte sie seine Blicke bemerkt?

"Ummm... Schokoladenbombe, danke, Tonks," stammelte er. Sie fasste ihn scharf ins Auge. Hatten die anderen etwa noch nicht bestellt?

"Was hört man da eigentlich? Du erregst um jeden Preis Aufmerksamkeit?" Harry stöhnte, vergrub den Kopf in den Armen und überließ es Ron, Ginny und Hermine, zu erzählen, was geschehen war. Er musste wohl eingeschlafen sein, denn das Nächste, was er wusste, war, dass Tonks ihn schüttelte und ihm erklärte, sie hätten schon vor fünf Minuten am Flohpulver-Terminal zum Ministerium sein sollen. Harry murmelte irgendetwas als Antwort und zog sich mühsam auf die Beine. Nach all der Aufregung des Tages war er eigentlich schon bereit, nach Hause zu gehen und sein Bett zu begrüßen, aber Ron erinnerte ihn mit einem scharfen Blick- und Ginny mit noch schärferen Ellenbogen- daran, dass es schließlich gegen die Kröte ging. Das war genug, um Harry wieder vollständig unter die Lebenden zu befördern, auch wenn er am Flohterminal nicht Nein zu dem herbeigezauberten Becher voller schwarzen Kaffees sagte, den Tonks ihm unter die Nase hielt.

"Ugh- wie kannst du das Zeugs nur morgens schon trinken?" war sein Kommentar. Tonks grinste.

"Gekochter schmeckt besser als gezauberter Kaffee," erklärte sie mit wichtiger Miene, "aber beide Sorten machen wach, und weil ich im Halbschlaf... na ja, ich bin ein bisschen ungeschickt dann."

Harry konnte sich lebhaft vorstellen, dass Tonks im Halbschlaf eine wandelnde Atombombe war. Schon im wachen Zustand schaffte sie es, das halbe Flohpulver zu verschütten, ihren Umhang zu versengen und Harry beinahe gegen den Kaminsims zu schubsen, weil sie beim Versuch, ihren Umhang zu löschen darüber gestolpert war.

So war es kein Wunder, dass Harry die Kühle und Ruhe des Zeugenraumes genoss, in den die Weasleys, Hermine und er von drei grimmig dreinschauenden Auroren geleitet wurden. Seine Narbe ziepte leise, und er konzentrierte sich so gut es im Moment ging auf seine Okklumentik-Schilde. Der Schnatz, den er gefangen hatte, zitterte leise in seiner rechten Jeanstasche. Ihm gegenüber rutschte Hermine nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Für sie schien dieses Verfahren wie eine Prüfung zu sein- er hörte, wie sie wieder und wieder Formulierungen durchging, die beschrieben, wie Umbridge Harry mit dem Cruciatus gedroht hatte. Ron hatte ein Grinsen aufgesetzt als läge er an einem tropischen Strand- für ihn war es die ultimative Form der Rache, Umbridge öffentlich bloßzustellen.

Und Ginny- Ginny starrte Harry an, wie er bemerkte, und drehte errötend den Kopf weg sobald sich ihre Blicke trafen. Harry zog ragend die Augenbrauen hoch- >Was ist los mit dir?<- aber Ginny sah nicht wieder zu ihm hin. Nicht einmal, als erst George, dann Fred, dann Ron, Hermine und schließlich sie selbst einer nach dem anderen in den Gerichtssaal geführt wurden hob sie den Blick. Und dann war Harry selbst an der Reihe.

Anders als seine Anhörung fand Umbridges Verhandlung nicht in einem Kerker im Zehnten Stock des Ministeriums statt, sondern dort, wo er ursprünglich hätte hingehen sollen- im Großen Saal des Zaubergamots hinter dem Atrium.

Statt dunkler Steinwände grüßten Harry weißer Marmor und hohe, gotische Fenster, hinter denen die Julisonne (gezaubert, natürlich) hervorstrahlte und Bahnen goldenen Lichts auf den Boden warf. Die Hexen und Zauberer des Zaubergamots saßen hier auf bequemen, hölzernen Sesseln hinter langen Holzbänken, die so pflaumenblau wie ihre Umhänge gepolstert waren. Der ganze Saal wirkte wie eine bizarre Mischung aus  einer Kirche und einem Hörsaal- bis auf den steinernen Stuhl, der in der Mitte stand und in schrecklicher Weise dem im Kerker in Level zehn glich. Harry schluckte, froh, dass er es nicht war, der in diesem Stuhl platznehmen musste. Er fühlte sogar fast etwas wie Mitleid mit Dolores Umbridge die, eine jämmerlich zusammengesunkene, vorzeitig gealterte Gestalt, von den Ketten umschlungen worden war.

Harry wunderte sich, warum er nicht vom Stuhl angekettet worden war, aber vielleicht erkannte dieser ja Schuld und Unschuld? Umbridge jedenfalls ähnelte mehr denn je einer bedauernswerten, aufgeblasenen rosa Kröte in ihrem schmuddeligen, verknitterten Kostüm. Ihre ehemals kunstvoll Dauergewellten Haare hingen schlaff herunter und sahen aus, als wäre ein wenig Seetang und Algen an ihrem Schädel kleben geblieben, als sie aus ihrem Teich auftauchte. Nicht einmal ihre schwarze Samthaarschleife hatte man ihr gelassen.

"Zeuge der Anklage: Harry James Potter," kündete der Gerichtsschreiber- nicht Percy- an. Harry ging mit nervösen, stolpernden Schritten neben dem Auror, der ihn abgeholt hatte, auf ein hölzernes Rednerpult zu, das sich in dem theaterförmigen Saal in etwa auf halbem Wege zwischen den Bänken des Zaubergamots- und der Zuschauer, wie Harry erst jetzt feststellte- befand. Sein Bein schmerzte in unregelmäßigen Abständen, aber er versuchte, möglichst nicht zu humpeln. Dumbledore hatte erwähnt, dass seine Entführung nicht allgemein bekannt war und es möglichst auch nicht werden sollte. So biss er so gut wie möglich die Zähne zusammen und stellte sich aufrecht hinter das Pult, die Hände auf das warme, glatte Holz gelegt. Der Zaubergamot sah schweigend zu ihm hin, bis sich endlich eine ältere Hexe mit stahlgrauen, kurzen Haaren und einem Monokel im Auge, an die Harry sich noch gut erinnerte, vom Platz in der Mitte der ersten Reihe erhob und an ihn wandte.

"Sie sind Harry James Potter, wohnhaft in Little Whinging, Surrey, Sohn von James und Lily Potter und Schüler an der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei?" fragte die strenge Stimme von Madam Amelia Bones, die dieses mal den Vorsitz bei der Verhandlung zu führen schien. Harry schluckte nervös und nickte.

"Antworten Sie bitte mit Ja oder Nein, Mr. Potter," ermahnte Madam Bones. Harry spürte Stiche in seinem Bein, die unter den prüfenden Blicken der Mitglieder des Zaubergamots nur noch stärker wurden. Selbst Dumbledore, eindrucksvoll in Pflaumenblau in der Mitte der ersten Reihe zur Rechten Madam Bones', schien ihn missbilligend anzusehen. Von Cornelius Fudge, dem Zaubereiminister zur Linken der Vorsitzenden ganz zu schweigen.

"Ich bin Harry Potter, "bestätigte er, froh, dass seine Stimme nicht überschnappte, "und der Rest stimmt auch." Ein leises Lachen lief durch die Zuschauerränge. Harry entdeckte nun auch Ron, Hermine und die anderen Zeugen, die an der Wand zu seiner Linken ihren Platz auf Stühlen hinter einem niedrigen Reihenpult, ähnlich denen des Zaubergamots, saßen. Ginny zwinkerte ihm aufmunternd zu und streckte ihren rechten Daumen nach oben. Anscheinend war es bisher nicht besonders gut gelaufen für Umbridge.

"Mr Potter, der Zaubergamot hat Sie als Zeugen in der Sache Dolores Jane Umbridge gegen die Zaubererschaft von Großbritannien gerufen. Die Vorwürfe gegen die Angeklagte lauten auf: Misshandlung Schutzbefohlener durch Anwendung unnötiger Gewalt, Gebrauch eines Dunklen Artefakts gegen Schutzbefohlene, Unbefugte Verwendung von Ministeriumsressourcen- namentlich zweier Dementoren- gegen Schutzbefohlene des Ministeriums, Androhung eines Unverzeihlichen Fluches gegen Schutzbefohlene. Die Angeklagte plädiert auf nicht schuldig. Was können Sie uns zu diesen Vorwürfen erzählen, Mr Potter?" Madam Bones ließ ihm also freie Hand.

Harry atmete tief durch und konzentrierte sich darauf, möglichst nicht in Wut zu geraten. Langsam und so gut er konnte schilderte er, wie Umbridge ihn beim Nachsitzen gequält hatte, wie sie ihn gezwungen hatte, die Blutfeder zu benutzen, mit der er wieder und wieder seine Hand aufschnitt, wie er seitenweise Sätze mit seinem eigenen Blut geschrieben hatte. Er deutete auf die Narben auf seinem rechten Handrücken- die Worte waren deutlich lesbar, obwohl er recht bleich geworden war.

Als Nächstes beschrieb er, wie Umbridge- er achtete sorgfältig darauf, trotz der in ihm kochenden Wut immer ein Professor vor ihren Namen zu setzen- ihn in ihrem Büro erwischt hatte, als er versucht hatte, durch ihr Feuer mit... hier stolperte er kurz bevor er Dumbledores Namen nannte, Kontakt aufzunehmen. Er ließ nichts aus, fügte auch nichts hinzu, aber betonte ihr Eingeständnis, dass sie es gewesen war, die die Dementoren, gegen die er sich hatte verteidigen müssen, nach Little Whinging geschickt hatte.

An dieser Stelle wurde er von einem Aufruhr aus dem Publikum unterbrochen. Wildes Geschrei und wütend fuchtelnde Fäuste schickten eine Welle des Hasses gegen die an den Stuhl gefesselte Frau. Während Madam Bones und die anderen Mitglieder des Zaubergamots versuchte, die Ordnung im Saal wiederherzustellen sah Umbridge, die bis dahin reglos, nur ab und zu zitternd, dagesessen hatte, endlich nach oben. Ihre Wurstfingerchen, die ohne die Ringe noch abstoßender aussahen, zerrten an ihren losen Ketten, Schaum flog ihr vom Mund und ihre blutunterlaufenen Augen blickten wild umher.

"Das ist eine Lüge," schrillte ihre dünne, zittrige Mädchenstimme. "Er war es- Er! Er erzählt all die Lügen, gegen den Minister, gegen mich- er ist der Schuldige! Er sollte nach Askaban gebracht werden, er ist verrückt! Er- Harry Potter!" Sie kämpfte weiter gegen die Ketten und starrte Harry mit stierem Blick an.

Harry fühlte den Zorn in sich aufsteigen. Selbst in Ketten wetterte diese... Sabberhexe noch gegen ihn! Auf ihrem verfallenen, blassen Gesicht zeichneten sich noch Reste einiger blauer Flecken ab, die ihr wohl die Zentauren beigebracht hatten. "Er hat Halbmenschen auf mich gehetzt, er und diese... diese anderen Rebellen! Sie wollen das Ministerium stürzen und die Macht ergreifen! Er ist ein gefährlicher Irrer- die Zeitungen haben es auch gesagt!" Harry bemühte sich, seine Wut zurückzuhalten, trotzdem fühlte er, wie das Pult unter seinen Händen zu zittern begann. Er suchte Albus Dumbledores Blick, der ihn mit zwinkernden blauen Augen beruhigte. Es war die gebändigte Kraft in Dumbledore, die ihm die Stärke verlieh, sein eigenes Temperament zu zügeln.

Umbridge raste unter dem Wutgeschrei der Zuschauermenge weiter gegen Harry, gegen Dumbledore, gegen Harry, gegen die anderen Schüler, gegen Harry, gegen die Zentauren und Riesen, und gegen Harry, und wirkte dabei immer abstoßender. Madam Bones war in ihrem Stuhl zurückgesunken und wartete einfach ab, dass der Aufruhr sich legen würde. Sie hielt wohl nichts von Verstummungszaubern... Umbridge hingegen arbeitete sich in Rage. Sie geiferte regelrecht. Harry wandte sich endlich angeekelt ab. Umbridge hatte den Verlust ihrer Macht, ihrer Position nicht verkraftet und war verrückt geworden.

Leiser, weniger hasserfüllt, brachte er seine Geschichte zu Ende. Die Mitglieder des Zaubergamots verharrten einen Moment, dann erhob sich Madam Bones wieder. "Mr Potter, Sie sind als Zeugen entlassen. Die Verteidigung hat keine weiteren Zeugen vorzubringen. Der Zaubergamot zieht sich zur Beratung zurück," verkündete sie gemessen und führte die Prozession der fünfzig Zauberer an Harry vorbei zu einer Tür, die sich plötzlich in der marmornen Rückwand des theaterförmigen Großen Saales abgezeichnet hatte.

Harry sackte erleichtert in sich zusammen und versuchte, ohne zu hinken zu Hermine und Ron zu gelangen, die ihm neben Ron einen Stuhl freigehalten hatten. Seine Beine fühlte sich wie Gummi an, und die Erschöpfung, die er vor Beginn der Verhandlung gespürt hatte, kehrte in voller Stärke zurück. Madam Pomfrey würde ihm den Kopf abreißen...

"Alles in Ordnung, Harry?" fragte Ginny, die an seiner anderen Seite saß, leise. Harry nickte. Sie sah aus, als würde sie ihm nicht glauben, aber Ron, der Harry in die Seite stieß und ihm vorschwärmte, wie er Umbridge mit seiner Aussage fertig gemacht hatte, verhinderte ein weiteres Vordringen in dieser Richtung.

Harry nutzte die halbe Stunde, die der Zaubergamot brauchte, bis sie wieder in den Saal zurückkamen dazu, sich die Zuschauer genauer anzusehen. Außer der Reihe von Rotschöpfen, die er als die nicht-aussagenden Mitglieder der Weasley-Familie erkannte glaubte er auch, einen Blick auf platinblondes Haar erhascht zu haben. Malfoy hier? Wenn das wahr war, wunderte ihn gar nichts mehr. Er hätte nicht erwartet, dass jemand wie Draco oder Narcissa Malfoy sich unter die 'Menge' mischen würden- ihrem Auftreten hätte es eher entsprochen, wenn sie eine Loge direkt über dem Zaubergamot gehabt hätten (wenn es denn so etwas gegeben hätte). Stattdessen saßen die Nebenkläger- die Eltern der Schüler, die Umbridges Blutfeder zum Opfer gefallen waren- in der Reihe über dem Zaubergamot und steckten aufgeregt flüsternd die Köpfe zusammen. Lee Jordan, der ein paar Stühle entfernt von Harry unter den Zeugen saß, winkte seinen Eltern zu. Harry rollte die Augen. Lee nahm eine Gerichtsverhandlung wie ein Quidditchspiel- als eine Gelegenheit, sich  zu präsentieren.

Die Rückkehr der Hexen und Zauberer des Zaubergamots ließ das Gewisper verstummen- es war der Moment der Wahrheit. Madam Bones, das strenge Gesicht wenn möglich noch grimmiger, führte gemeinsam mit Dumbledore und Fudge die Prozession an. Wie ein Mann erhob sie der gesamte Gerichtssaal, bis auf die angekettete Umbridge. Madam Bones hob eine Hand.

"Wir, der Zaubergamot, sind in der Sache Dolores Jane Umbridge gegen die Zaubererschaft von Großbritannien zu einer Entscheidung gekommen. Die Angeklagte möge sich erheben!"

Madam Bones ließ ihre Hand fallen. Die Ketten um Umbridges Hand- und Fußgelenke lösten sich und fielen klirrend auf den weißen Marmorboden. Bebend und kaum noch als die tyrannische Kröte vom letzten Jahr erkennbar stand Dolores Umbridge, ehemalige Schulleiterin und Großinquisitorin von Hogwarts vor ihren Richtern. 

"Dolores Jane Umbridge, dieses Gericht befindet Sie der Misshandlung Schutzbefohlener unter Einsatz einer Blutfeder für schuldig. Besagte Feder ist ein dunkles Artefakt, Klasse 2. Der Besitz eines solchen allein schließt jede Strafe außer einer Gefängnisstrafe in Askaban aus.

"Der unbefugten Verwendung von Ministeriumsressourcen sowie der Androhung eines Unverzeihlichen Fluches gegen einen Schutzbefohlenen befindet dieses Gericht Sie für nicht schuldig.

"Das Gericht verhängt somit gegen Ms. Dolores Jane Umbridge eine sechsmonatige Haftstrafe, die bis auf weiteres in Hochsicherheitsverwahrung im Ministerium umgewandelt wird, da wir uns der Situation in Askaban momentan noch nicht sicher sind.

"Zur Begründung des Urteils ist folgendes zu sagen: während zum Vorwurf des Einsatzes eines Dunklen Artefakts gegen Schutzbefohlene eindeutige Beweise und qualifizierte Zeugenaussagen vorgebracht werden konnten stützt sich der Vorwurf des Missbrauchs von Ministeriumsressourcen und der Androhung eines Unverzeihlichen Fluches allein auf die Aussage zum Tatzeitpunkt minderjähriger Zauberer. Da diese nach der Rechtslage nicht mittels Veritaserum überprüft werden dürfen und die Beschuldigte den Einsatz von Veritaserum gegen sich selbst in allen Fällen abgelehnt hat, sind die Aussagen der Schüler auf keine Weise nachzuprüfen. Die Vorwürfe werden aus Mangel an Beweisen fallengelassen."

Ein Sturm der Entrüstung fuhr durch das Publikum, und erst eine Androhung Madam Bones', sie werde einen Verstummungszauber einsetzen wenn nicht wieder Ruhe im Gerichtssaal einkehre, brachte die Menge zum Schweigen, was aber die wütenden Blicke und geballten Fäuste nicht minder einschüchternd wirken ließ.

"Die Verhandlung ist geschlossen."

Harry wusste nicht, ob er erleichtert, wütend, oder einfach nur gleichgültig sein sollte. Wie im Traum bahnte er sich einen Weg durch die Zuschauer, die außerhalb des Gerichtssaales das Atrium verstopften, schlüpfte hinter Hermine her gerade noch durch die Arme (und Kameraobjektive) der wartenden Journalisten und in einen der Aufzüge, die ihn in den zweiten Stock trug, wo Tonks und Shacklebolt schon auf ihn, Hermine und die Weasleys warteten.

"Wir haben von der Aurorenzentrale aus einen sicheren Flohpunkt in einem der benachbarten Gebäude eingerichtet," meinte Shacklebolt, der ebenso fertig aussah wie Harry sich fühlte. "Von dort nehmt ihr alle einen Portschlüssel. Wartet auf Arthur und Molly Weasley- die bringen Bill und Charlie mit. Oh, und Harry- herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" Harry nickte und drückte dem hochgewachsenen Auror die Hand.

"Danke, Sir," sagte er matt. Tonks klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

"Shacks hat mir mit dem Amulett geholfen," sagte sie. Harry lächelte beflissen und schüttelte Shacklebolts Hand ein zweites Mal.

"Danke, Sir- das war eine tolle Idee!" Shacklebolt grinste ihn an.

"Solange es dir hilft, Harry," meinte er nur.

Die Rückkehr in den Grimmauldplatz verlief von da an einigermaßen ruhig- nur einigermaßen, weil Mrs. Weasley einmal wieder versuchte, Bill davon zu überzeugen, dass er sich die Haare schneiden sollte. Während er mit seinen Freunden schwatzte und sich vorzustellen versuchte, wie Bill wohl mit kurzen Haaren aussah kehrten Harrys Lebensgeister langsam wieder zurück. Er ignorierte sogar das komische Gefühl im Magen, das ein Portschlüssel jedes Mal bei ihm auslöste.

Als die Gesellschaft dann jedoch durch die Haustür des Grimmaulplatzes trat, kehrte das unheimliche Gefühl in Harrys Magengrube in voller Stärke zurück. Remus Lupin erwartete sie in der Diele, und sein Gesicht verhieß nichts Gutes. Harry schluckte schwer, und Ron und Hermine wurden bleich.

"Was ist es, Remus?" fragte er. Der Werwolf sah mit undeutbarem Gesichtsausdruck zu den drei Freunden hin.

"Eure ZAG-Ergebnisse sind angekommen."

 

... to be continued ...

 please review!

 

Information:

(1) Immobilus ist nur im zweiten HP-Film eingesetzt worden. Hab es trotzdem benutzt.

(2) Meine Betaleserin Brandy und ich haben uns schon lange darüber gewundert, warum manche Verletzungen, besonders magische, so lange dauern bis sie geheilt sind. Hier habt ihr unsere Theorie... erklärt auch, warum gebrochene Knochen so einfach sind ^_^! 'Unsere' Theorie ist falsch- ich hab mich nur gewundert und Neli hat dann diese Theorie analog der Antibiotika-Resistenz aufgestellt – Brandy

(3) Der Juli 1996 war wirklich ein Blauer Mond-Monat. Vollmond war am 01. Juli und am 30. Juli. Mal wieder so ein Alptraum für den Betaleser courtesy of an eidetic- Neli hat diese Info nicht mal nachgeschlagen (aber ich musste ewig suchen)!

(4) http: //www. bikez. com/bike/ index. php? bike=10480- Ein Bild des 'Schwarzen Schattens', nur leider in rot. Das Ding ist echt schnell für ein klassisches Bike...

(5) Sowohl Harrys Umgang mit Sirius' Tod als auch mit seiner Gefangennahme etc. basieren auf meinem eigenen Umgang mit meiner Krankheit. Kann nicht sagen, dass ich stolz darauf bin, aber ich denke, dass (fast) jeder durch die fünf Stufen des Trauerns geht und Traumata verdrängt (na ja, der Dalai Lama vielleicht nicht). Ich hoffe, es ist wenigstens nachvollziehbar geworden. 

Soundtrack:

Igor Stravinsky: Der Feuervogel

Ludwig v. Beethoven: Symphonien Nr. 1-9

Michail Glinka: Romantische Stücke

Frédéric Chopin: Mazurken (mit Alfred Brendel!)

 

Kleiner Scherz am Rande:

Dramatis Personae:

Lucius Malfoy, steinreicher Millionär und Hobby-Folterer (LM)

Lord Voldemort aka Tom Vorlost Riddle (V)

 

Locatur est: Voldemorts Versteck, kurz nachdem Harry mal wieder entkommen ist

V: [wütend]: Lucius!

LM: [unterwürfig]: Ja, Meister?

V: Wie konnte der Bengel wieder entkommen?

LM: Nun, Meister, da war diese Hauselfe, und unsere Schutzzauber konnten sie nicht zurückhalten, und sie...

V: Das weiß ich doch selber!

LM: Aber sicher, Meister.

V: Nun, bring mir meinen Blutlolli zum Einschlafen und denk mal über den Plan für morgen nach.

LM: Den Plan für morgen? Was machen wir denn morgen, Meister?

V: Na, dasselbe was wir immer machen: Harry Potter killen und die Weltherrschaft an uns reißen!

*Pinky-und-der-Brain-Musik (keine Verletzung des copyright beabsichtigt)* Der Luci, der Luci, der Luci und der Vol-die-die-die, Vol-die-die-die.....

THE END

 

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