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 Humboldt    

Exzerpte: [Der Spiegel 38/ 2004] + Wilhelm von Humboldt von Steinberg

Der geniale Abenteurer

Alexander von Humboldt war Naturforscher und Universalgelehrter - un der prominenteste Weltbürger seiner Zeit. 200 Jahre nach seiner legendären Amerikareise wird er jetzt mit Buchausgaben und Festakten als Vorbild-Deutscher gefeiert. Von Matthias Matussek. [Der Spiegel 38/ 2004]
Doch Humboldt ... kehrte zurück als romantischer Eroberer.
Er hatte Urwaldströme befahren und den damals höchsten bekannten Berg, den Chimborazzo bezwungen.

Er war gleichzeitig Extremsportler und universeller Gelehrter.

Napoleon mochte ihn nicht. "Er war voller Hass gegen mich", notierte Alexander von Humboldt. "Sie beschäftigen sich mit Botanik? Auch meine Frau betreibt sie!"

Humboldt wird annonciert als eine Art Poster-Boy deutschen Wissenschaftsstolzes. "Humboldt war Europas Kosmonaut." .. Jauchs Werbespruch ist die ideale Bauchbinde für den Buchverkauf.

Seine Phantasie hatte sich entzündet an den Beschreibungen Georg Forsters, der Captain Cook auf seinen Weltumsegelungen begeleitet hatte. Von politischen Idealen ließ er sich durchaus forttragen - mit Forster zusammen erlebte er, als 21-jähriger den nachrevolutionären Einigungs- und Befreiungstaumel in Paris, den ganzen Enthusiasmus und aufgerissenen Horizont einer neuen Zeitrechnung, bevor der Aufbruch im Blut, das von der Guillotine floss, ertränkt wurde (=Pseudomoralisches Geschwätz eines deutschen Journailleurs.)

Er wirkte auf Männer und auf Frauen. Er war ein Götterkind, ein lautes.

Goethe, der Naturforscher, schrieb seinem Herzog: "Sie können in einer Woche nicht so viel aus Büchern lernen, wie er ihnen in einer Stunde erklärt." Schiller dagegen ... sah, bei 'allem ungeheuren Reichtum des Stoffes, eine Dürftigkeit des Sinnes' sowie 'nackten schneidenden Verstand, der die Natur, die immer unfasslich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will.' Humboldt dagegen warf Schiller 'Breiigkeit des Gefühls' vor.

Bewunderer sprechen später davon als der zweiten Entdeckung Amerikas - eine Marmorstatue vor der Humboldt-Universität, eine Stiftung Kubas [verschwiegen wird 1939 von Battista!], rühmt ihn mit diesen Worten. Fünf Jahre sollte die Reise dauern, doch die Auswertung wird die folgenden 30 Jahre in Anspruch nehmen ....

Bei Humboldt gibt es nichts Triviales. Heutzutage dagegen ist alles trivial.

Napoleon hatte nur Generäle bei sich. Humboldt dagegen einen Mit-Träumer, einen, der mit ihm die Poesie des Forschers teilt: die Vision einer allumfassenden Natur. ... Mann kann mit einigem Recht sagen, dass Humboldts Traum der kühnere war (QUATSCH mit Soße so was zu vergleichen!)

Wie H. über die menschliche Emanzipation nachdachte, kann kaum schöner, kaum poetischer illustriert werden als in jenem Stich aus seinem Andenbuch, der die Reisegesellschaft am Quido-Pass zeigt: Zu jener Zeit war es üblich, dass sich weiße Herren tragen ließen, auf Stühlen, die auf die Rücken ihrer Diener geschnallt waren. Doch H. lief lieber zu Fuß. Und er hielt die Szene fest, die schaukelnde Lastgesellschaft, die Träger, doch mittendrin einer, der aufrecht steht und dessen Stuhl, der ihm noch auf den Rücken geschnallt ist, leer ist.

Ein spanischer Padre in der Missionsstation Sao Gabriel da Cachoeira schwärmte von ihm, dem Atheisten ... der Padre sprach vom Atheisten Humboldt, der nie einen Indio totgeschlagen habe, wie es die Konquistadoren im Zeichen des Kreuzes getan hätten. "Nie hat er versucht zu bekehren - er hat versucht, ihre Sprachen, ihre Mythologie zu verstehen."
Dieser Respekt vor dem ganz Anderen ließ ihn plötzlich auch die griechische Antike neu lesen. In den mächtigen Maya-Tempeln und Ruinenanlagen, die er in Mexiko besuchte, sah er ebenbürtige Kulturleistungen. Und er begriff beide Völker, die Griechen wie die Maya, als faszinierende 'Wilde' überkommener Epochen.
Es war die Grundhaltung des Respekts, die Humboldt auf dem ganzen südamerikanischen Kontinent zum Volkshelden macht.

Gegen die Sklaverei auf Kuba schrieb er so wütend an, dass das Werk dort verboten wurde. ... Er wisse jedoch keinen Mann, sagte er zu Simon Bolivar, als er ihn 1805 in Rom traf, 'der die Kolonien zur Freiheit führen' könne. Acht Jahre später schlug Bolivar die Spanier in einer vorentscheidenden Schlacht, ließ sich später zum Imperator wählen und begann die lange Kette von Caudillismo und Revolten, die Lateiamerika bis heute schütteln.
In Caracas etwa, in einem leerstehenden Bankgebäude, das zu einer Filiale des Bildungsministeriums umgewandelt wurde. Humboldts Büste war der einzige Schmuck. Sie war kurz nach dem Wahlsieg des einstigen Operetten-Putschisten Hugo Chávez, der sich als Vollstrecker Simón Bolívars feiern ließ, dort aufgestellt worden.

Hegel ... hielt den neuen Kontinent für eine 'schwächliche Angelegenheit'.

...eigentlich Griechischlehrer werden sollte.

Als der Forscher 1804 zurückkehrt, nicht ohne sich vorher mit dem amerikanischen Präsidenten Jefferson über die Sklavenfrage und die Grenzziehung zu Mexiko unterhalten zu haben, ist er neben Napoleon der berühmteste Mann der Welt.

Die Reaktion verengt das geistige Klima in D. zu einem spießbürgerlichen spitzelstaat.. da sitzt H. in Paris sicherer und freier.

Daneben setzt er sich für Freunde wie Heinrich Heine ein - in Maßen.... und wenn es darauf ankommt, erinnert er durchaus an Heines Gehässigkeiten Ludwig Börne gegenüber. ... Das, was man früher scheißliberal nannte.

Doch 1827 ruft ihn König Friedrich Wilhelm III. endgültig nach Berlin, um erstens der Akademie der Wissenschafte Glanz zu verleihen und zweitens, um ihn als täglichen Tischgast bei sich zu haben. ... er wohnt Oranienburger Straße Nummer 67.

Als ihn eine russische Ehrendelegation mit dem göttlichen Prometheus vergleich wird er unwirsch.

Die Meteorologie, die Wassergewinnung, die Friedensforschung, das Projekt einer universellen Bibliothek, eines World Wide Web, ja selbst der Panama-Kanal - lauter Projekte, die auf Humboldt zurückgehen.


Enzensberger: .... sein Bruder Wilhelm hat ihm einmal Mangel an Deutschheit vorgeworfen... Er hat die Akademien angeregt (Jägerstraße). Er hat den Orden 'Pour le merite' gegründet und so die deutsche Wissenschaft zu internationalisieren begonnen. Durch seine fabelhaften Kontakte in der ganzen Welt konnte er die Académie des Sciences in Paris, die Royal Society, die Institutionen in Amerika, in Washington, in Mexiko und Russland für sein Welterkenntnis-Projekt einspannen.

Wir haben ja ein Problem mit Vorbildern. Das ist auch ein Aspekt der kollektiven Depression in D., dass alle klein gemacht werden müssen. Das war ein Nebeneffekt ('collateral damage') der ganzen politischen Bewegung von 1968: von Autoritäten runter.

Alexander von Humboldt, ein bürgerlich-junkerlicher Menschenrechtler, ein Revolutionär von oben, aus einer 'Vornehmheit' der politischen Gesinnung, würde der hier gleichgesinnte F.W. Nietzsche sagen, dessen Spruch 'Auf die Schiffe ihr Philosophen!' sich dieser A. wohl vorwegnehmend beherzigt hat. Der bürgerliche Revolutionäre von 1790. Der zweite Phase der französischen Revolution , die 1792 begann, muß ihm ein Greuel gewesen sein

Wilhelm von Humboldt, Preußische Köpfe von Heinz Steinberg, Sappverlag, keine Jahresangabe, wahrscheinlich 90er Jahre.

GENTZ

"Konservative Wende durch Edmund Burkes Werk: 'Reflections on the revolution in France'"

  (Steinberg, S.22)

Wilhelm über Alexander

"Mein Bruder lebt und webt in den Kadavern."

 (Steinberg, sagt auf S.33 Wilhelm über Alexander)

"Für weniger befähigt als seinen Bruder Alexander, der ihn "an leichtem, schnellem Ideengang weit überflügelte", hielt er sich ohnehin. Anderen freilich galt er als der begabtere."

  (Steinberg, S.24)

Wilhelm als politisch wirkender Charakter

"Am 10. Februar 1809 wurde W.v.H. zur Direktor der Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts im Preußischen Ministerium des Inneren ernannt. Warum vergingen seit seiner Abreise aus Rom fast vier Monate, bis ihm diese Aufgabe gestellt wurde?... Aber erst nach der vernichtenden Niedelage von Jena und Auerstedt wurde Beyme, der wohl dem vor der französischen Besatzung nach Königsberg ausgewichenen König den Gedanken eingegeben hat, der Staat müsse an geistigen Kräften ersetzen, was er physischen verloren habe, förmlich mit Vorschlägen zur Begründung der hohen Lehranstalt beauftragt. Diese schien trotz drohendem Staatsbankrott schlechterdings unerläßlich; denn mit dem Frieden von Tilsit hatte Preußen mit der Stadt Halle seine einzige bedeutende Universität verloren."

 (Steinberg, S.65/66) ==> W.von H. ein kulturpolitischer Befreiungskrieger, ... die HU ist also wie die FU eine reaktionäre Antigründung gewesen.

"Als die Forsters nach Mainz übersiedelten, war Wilhelm von Humboldt dort ihr erster Besucher, der auf dem Rückweg den Philsophen der Empfindsamkeit, Goethes Jugendfreund Friedrich Heinrich Jacobi, in Düsseldorf aufsuchte. Daß Humboldt mit Jacobi zu derselben Zeit leidenschaftlich debattierte, in der er zudem in Kants kritische Philosophie eindrang, kennzeichnet die unerhörte Spannweite dessen, was der einundzwanzijährige Student verarbeitete, der sich selbst als 'eigentlichen Berliner', als Freund der Engels, Herzens, Biesters und so vieler anderer Anti-Jacoiten 3 verstand. Nicht weniger als die Berliner Aufklärer erregte sich Humboldt zudem über das berüchtigte Religionsedikt, mit dem der Preußische Iustizminister Wöllner am 9.Juli 1788 Intoleranz staatlich geboten hatte."

  (Steinberg, S.14)

"Der Geist ist aus allem gewichen. Man sinkt in eine ungeheure Alltäglichkeit zurück. "

 (Steinberg, S.100)

Am 20.November 1815 unterzeichneter Zweiter Pariser Friede bringt Humboldt persönlichen Erfolg.

 (Steinberg, S.100)

Agamemnon + Griechenland als politische Ausrede

"Diese 'genievolle Idee' begründete in Humboldts Bewußtsein den für deutsche Klassik bezeichnenden Wandel des Hauptinteresses von der Politik zur Antike - gewiß nicht zufällig zur Zeit der beginnenden Terrorherrschaft in Frankreich. Das belegt, dankend für die glücklichen vierzehn Tage mit Ihnen, ein langer Brief Humboldts vom 31.3.1793 an Friedrich August Wolf, Professor der Philologie in Halle, der er nach Heyne als seinen Lehrer, als begeisternden Führer zur Antike verehrte. Wenige Tage darauf war Humboldt nochmals in Jena. Dieser Bescuh hat Schiller endgültig für Humboldt gewonnen."

 (Steinberg, S.30)

"... der König speiste auf Hardenbergs Vorschlag Humboldt ab mit der Dotation eines schlesichen Gutes ('ostelbischer Junker'), ihn dadurch öffentlich genauso ehrend wie die siegreichen Generäle. Um Humboldt jedenfalls von Berlin fernzuhalten, beauftragte ihn Hardenberg, im Anschluß an die nicht länger hinzuziehenden Arbeiten der Territorialkommission Preußen bei den Präliminarien der Frankfurter Bundestagseröffnung zu vertreten. Humboldt durchschaute Hardenbergs Absicht, fügte sich aber schweigend, ließ Frau und Töchter nach Frankfurt kommen und nutzte die unfreiwillige Muße, seine Agamemnon-Übersetzung endlich abzuschließen.
  Seine Hobby-Übersetzung halte ich für ein idealistisches Gespinst...

 (Steinberg, S.100)

"Zwei Monate später war die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Im Schlachtenlärm arbeitete Humboldt an seiner Agamemnon-Übersetzung, deren Stoff ihm verwandt schien mit dem bewegenden Zeitgeschehen".
Anschließend rückte Humboldt mit dem österreichischen Hauptquartier nach Westen vor. En passant in Weimar findet er, bei Goethe habe 'der Befreiungskampf Deutschlands ... noch keine tiefe Wurzel geschlagen', und zählt dessen Bitte, er möge ihm einen österreichischen Orden verschaffen, leicht amüsiert zu den 'kleinen Schwachheiten'. ....
Daß Deutschland den 'wohltätigsten Einfluß durch seine Sprache, Literatur, Sitten und Denkungsart' habe, danke es 'der Mannigfaltigkeit der Bildung, welche durch die große Zerstückelung (er meint das sog. Duodezstaatentum im MA) entstand'. Dieser Vorzug ließe sich erhalten, wenn nur 'feste, durchgängige, nie unterbrochene Übereinstimmung und Freundschaft Österreichs und Preußens' den 'Schlußstein des ganzen Gebäudes' bilde.

 (Steinberg, S.92 /93)

"Deutschland zeigt ein unleugbare Ähnlichkeit mit Griechenland."

  (Steinberg, S.63)


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