Vorwort
 
 
 

John Doe — so will ich ihn nennen — ist Professor der Sozialwissenschaften an einer grossen Universität des Mittelwestens. Mehr möchte ich nicht über ihn verraten. Im vergangenen Winter rief er mich eines Abends unerwartet an. Seit Jahren hatten wir keine Verbindung miteinander gehabt. Ich erfuhr, das er für einige Tage in New York sei und gern etwas Wichtiges mit mir besprechen wolle. Mehr könne er im Augenblick nicht sagen. Schon arn nächsten Mittag trafen wir uns in einem Restaurant im Zentrum zum Essen.
Er schien sehr beunruhigt. Dennoch unterhielten wir uns in der ersten halben Stunde über Belangloses, und ich drängte ihn auch nicht, zur Sache zu kommen. Dann erwähnte er unvermittelt eine zur Zeit vieldiskutierte Kontroverse zwischen einem Schriftsteller und einer prominenten amerikanischen Politikerfamilie. Er wollte dazu meine Meinung iiber die «Freiheit der Öffentlichkeitsinformation» hören — wie ich sie definieren und wo ich ihre Grenzen ziehen wúrde. Was ich antwortete, ist nicht weiter von Bedeutung, aber er war damit wohl einverstanden. Und nun erzählte er mir folgendes:
„Anfang August 1963", sagte er, «fand ich eines Tages auf meinem Schreibtisch die Nachricht, das eine gewisse Mrs. Potts aus Washington mich angerufen habe. Als ich zurückrief, war eine männliche Stimme am Apparat, die mir mitteilte, man habe mich zum Mitglied einer Kommission <von höchster Wichtigkeit> ausgewählt, deren Aufgabe es sein werde, sorgfiätig und realistisch alle Probleme zu ermitteln, vor denen die Vereinigten Staaten emes Tages im Falle emes <permanenten Friedenzustands> stehen würden, und ein Programm zu entwerfen, urn mit dieser Situation fertig zu werden. Der Mann deutete an, das aussergewöhnliche Richtlinien die Arbeit der Kommission bestimrnen sollten; man erwarte von ihr, das sie den Rahmen ihrer Untersuchungen weit úber alle bisherigen Erörterungen dieser Frage hinaus ausdehnen werde.» 
 Da der Mann weder seinen Namen nannte noch den seines Auftraggebers, muss die Überzeugungskraft seiner Stimme wirklich enorm gewesen sein. Doe hegte jedenfalls keine ernsthaften Zweifel, dass man ein soiches Projekt tatsächlich starten wolle, zumal er wusste, mit welcher übertriebenen Geheimnistuerei sich halbamtliche Unternehmungen zu umgeben pflegen. Hinzu kam, daI der Mann am anderen Ende der Leitung hatte durchblicken lassen, wie gut er über Does Arbeit und sogar über sein Privatieben informiert war. Er erwähnte auch die Namen von anderen Experten, die der Studiengruppe angehóren würden. Die meisten von ihnen waren Doe als angesehene Wissenschaftler bekannt. Doe nahm den Auftrag an — allerdings in dern Bewusstsein, das ihm im Grunde gar nichts anderes übrigblieb — und sagte zu, am übernächsten Sarnstag in Iron Mountain, New York, zu erscheinen. Das Flugticket erhielt er am anderen Morgen mit der Post.
Der Eindruck, das es sich hier um eine geheime Verschwörung auf Staatsebene handle, wurde noch verstärkt durch die Wahl des Versammlungsorts. Iron Mountain, der «Eisenberg», nahe dem Hudson gelegen, ist so eine Art Schöpfung von lan Fleming und E. Phillips Oppenheim: ein unterirdischer Atomschutzbunker fúr Hunderte von amerikanischen Unternehmen. Die meisten benutzen ihn als Tresorraum fiir wichtige Dokumente. Manche haben ihre Räume aber auch als Ausweich-Hauptquartier eingerichtet, in dem der Firmenstab nach menschlichem Ermessen einen Atomangriff überleben und danach die Arbeit wiederaufnahmen kann. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem die Standard Oil Company of New Jersey, Manufacturer Hanover Trust und Shell. Alles Weitere über die Arbeit der «Sonderstudiengruppe», wie die Kommission sich offiziell nannte, wird Doe selbst berichten. Zweieinhalb Jahre dauerte ihre Tätigkeit. Zum Abschluss verfasste sie einen Bericht, und über diesen «Report» und was mit ihm geschehen solle, wollte Doe an jenem Mittag mit mir sprechen.
Die Veröffentlichung dieses Berichts war nämlich unterdrückt worden, und zwar sowohl von der Sonderstudiengruppe selbst als auch von der Regierungsstelle, der er zugestcllt worden war. Nachdem er monatelang mit sich gerungen hatte, war Doe zu dem Entschluss gekommen, daIs er für seine Person die Geheimhaltung des Berichts nicht verantworten könne. Und nun suchte er meinen Rat und meine Hilfe für die Veröffentlichung. Er gab mir sein Exemplar des «Reports» zu lesen — unter der Voraussetzung, dass ich mit niemand anderem darüber reden würde, falís ich nach der Lektüre mit der Sache nichts zu tun haben wolle.

In der folgenden Nacht las ich den Bericht durch. Über melnen persönlichen Eindruck  möchte ich nur soviel sagen, das ich die Weigerung von Does Kollegen, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, durchaus verständlich fand. Folgendes war nämlich geschehen: Die Studiengruppe hatte sich so hartnäckig darauf versteift, wirklich alle erdenklichen Probleme eines Übergangs zu dauerndem Frieden zusam menzustellen, dass sie zur Beantwortung der an sie gerichteten entscheidenden Fragen gar nicht gekommen war. Statt dessen lautete das Resultat ihrer Untersuchungen:
Ein ständiger Frieden ist, wenn auch theoretisch durchaus vorstellbar, praktisch vermutlich unerreichbar. Und selbst wenn er erreicht werden kónnte, so wäre dies doch mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht im Interesse einer stabilen Gesellschaft.
Das ist die Quintessenz ihrer Forschungsergebnisse. Trotz der sorgfältig abgewogenen akademischen Diktion kommt das Hauptargument gegen einen dauerhaften Frieden klar zum Ausdruck: Der Krieg erfüllt gewisse Funktionen, die für die Stabilität unserer Gesellschaft von grosser Wichtigkeit sind. Bis man fiir diese Funktionen einen wirksamen Ersatz gefunden hat, muss das «Kriegssystem» erhalten bleiben — und seine Wirksamkeit noch verbessert werden.
Es überrascht nicht, das die Gruppe, wie sie in ihrem Begleitschreiben an die Regierungsbehörde zu verstehen gab, nicht gewillt war, ihre Arbeit «gegenüber dem mit den Erfordernissen höherer politischer und militärischer Aufgaben nicht vertrauten Laien zu rechtfertigen». Ihr Bericht war daher nur zur Kenntnis von — nicht namentlich genannten
—hohen Regierungsbeamten bestimmt, d. h. fúr einen ausgewahlten Personenkreis, bei dem man aussrordentliches politisches Einfühlungsvermögen voraussetzen kann. Tatsache ist, das der Inhalt des Tätigkeitsberichts den Durchschnittsleser noch mehr verwirren muss als die schon erwähnte Schlussfolgerung. Auf einige Behauptungen ist er einfach nicht gefasst — z. B. das die meisten medizinischen Fortschritte im Hinblick auf die Zukunft sich wohl eher negativ als segensreich auswirken werden oder das Armut notwendig ist und sogar erwünscht, ungeachtet aher gegenteiligen öffentlichen Beteuerungen der Politiker, oder das stehende Heere ebensolche Wohlfahrtseinrichtungen sind wie Altersheime und Bewahranstalten für Geisteskranke. Der Laie wird sich ferner wundern, das eine plausible Erklärung für das Phänomen der «Fliegenden Untertassen» nur beiläufig in einem Nebensatz gegeben wird. Dagegen wird es ihn weniger überraschen, das die Hauptziele eines Raumforschungsprogramms, der «umstrittenen» Anti-Raketen-Raketen- und Atomschutzbunker-Programrne nicht der Fortschritt in Wissenschaft und nationaler Verteidigung sind, sondern die Investition von riesigen Summen, und das «militärische» Einberufungsmassnahmen nur am Rande mit Verteidigungsproblemen zusammenhängen.
Er wird empört sein, das die planmässige Unterdrückung von Minderheitsgruppen, ja sogar die Wiedereinführung der Sklaverei ernsthaft und unter positiven Vorzeichen als möglicherweise wichtige Faktoren für das Leben in einer friedlichen Welt diskutiert werden. Und er wird gewiss nicht sehr erfreut von der wünschenswerten Zunahme der Luft- und Wasserverseuchung (als Teil eines Programmes, das den ständigen Frieden herbeiführen soll) Kenntnis nehmen, selbst wenn ihm die Gründe dafúr auseinandergesetzt werden. Das in einer Welt ohne Krieg früher oder späiter die Kinderzeugung nur noch in der Retorte stattfinden darf, wird ihn wohl weniger stören, vielleicht sogar seinen Beifall finden. Wiederum werden nur wenige nicht empört sein, wenn sie in der Zusammenfassung am Schluss des Berichts und noch einmal in den Empfehlungen der Sonderstudiengruppe lesen, das die «Berechnung» einer Optimumzahl von MenschenIeben die alIjährlich durch Krieg vernichtet werden müssen, in der Liste der vordringlichen Aufgaben des Staates bei andauerndem Frieden ganz oben steht. Ich zähle diese Beispiele vor allem deswegen auf, um den Leser vor dem zu warnen, was ihn da erwartet. Die Politiker und Strategen, für die der Report zunächst allein gedacht war, bedürfen einer solchen Vorwarnung freilich nicht.

Dieses Buch ist die greifbare Antwort auf John Does Frage an mich nach sorgfältiger Erwägung, was der Verleger dieses Berichts unter UmstÄnden zu gewärtigen haben müsse, übergaben wir das Manuskript dem Verlag Dial Press. Dort wurde seine Bedeutung sofort erkannt und, was noch wichtiger ist, wir erhielten die feste Zusage, das keine Einmischung von aussen, gleichgültig von welcher Seite, die Veröffentlichung verhindern oder auch nur in Teilen beeinflussen sollte.
Es muss klargestellt werden, das John Doe gegen den Inhalt des Berichts nichts einzuwenden hat. In alíen entscheidenden Punkten stimmt er mit semen Kollegen der Sonderstudiengruppe vollkommen überein. Nur bezüglich seines Protests dagegen, das man die Forschungsergebnisse der Allgemeinheit vorenthalten wollte, steht er — sozusagen als eine Ein-Mann-Minderheit — allein da. Es ist aufschlussreich, in welcher Weise die Gruppe die Frage der Buchveröffentlichung behandelte und entschied.
Die Diskussion darüber fand bei der letzten Voilversammlung der Gruppe vor der Niederschrift des Berichts, Ende März 1966, im Iron Mauntain statt. Dabei sind zwei Tatsachen zu beachten: Erstens, das die Mitglieder der Gruppe niemals ausdrücklich zur Geheimhaltung ihrer Arbeit verpflichtet worden sind, weder bei ihrer ersten Zusammenkunft noch zu irgendeinem spáteren Zeitpunkt; zweitens, das die Kommission sich stets dennoch so verhalten hat, als wäre sie zum Schweigen verpflichtet worden. Das lag wohl an der Geheimnistuerei bei ihrer Gründung und an dem autoritären Ton, in dem man sie instruierte. (Die Danksagung der Gruppe an die «zahlreichen Persönlichkeiten, die unsere Arbeit so bereitwillig unterstützt haben», ist etwas fragwürdig. Diesen «Aussenmitarbeitern» wurde nämlich nicht gesagt, zu welchem Zweck man sie um ihren fachmäinnischen Rat bat.)
Diejenigen, die entschieden fiür eine Geheimhaltung des Berichts plädierten, taten dies aus Furcht vor den explosiven politischen Auswirkungen, die eine Veröffentlichung eventuell haben könnte. Zum Beispiel erinnerten sie an die Unterdrückung des wesentlich weniger brisanten Berichts von dem seinerzeitigen Senator Hubert Humphrey über die Arbeit des Unterausschusses fiir die Abrüstung im Jahre 1962. (Mitglieder dieses Ausschusses sollen darauf hingewiesen haben, der Report kbnnte möglicherweise von kommunistischen Propagandisten dazu benutzt werden — wie Senator Stuart Symington ausführte —, «die marxistische Theorie zu bekräftigen, das das kapitalistische System seinen Erfolg der Rüstungsproduktion zu verdanken habe».) Ahnliche Bedenken waren 1957 im Hinblick auf den bekannteren Gaither-Report und 1965 sogar bezügIich des sogenannten Moynihan-Reports geäussert worden.
Im übrigen bestanden die Mitglieder der Sonderstudiengruppe darauf, das man einen Unterschied machen müsse zwischen Untersuchungen von höchster Wichtigkeit einerseits, die solange vertraulich behandelt werden, bis die verantwortlichen Politiker sie zur Veröffentlichung freigeben (wenn üiberhaupt!), und konventionellen «Schaukasten»- Projekten andererseits, die dazu da sind, die Einstellung einer politischen Führungsgruppe zu aktuellen Problemen oder Vorgängen publik zu machen, um die zu beschwichtgen, die darauf dringen, das etwas geschieht. (Als Beispiel wurde hier — weil einige daran teilgenommen hatten — die «White House Conference» genannt, eine Untersuchung über internationale Zusammenarbeit, Abrüstung etc., die Ende 1965 veranstaltet worden war, um dic Proteste gegen die Eskalation im Vietnam-Krieg zu übertönen.)
Doe akzeptiert diese Unterscheidung zweier verschiedener Arten von Tätigkeitsberichten und räumt auch ein, das die Öffentlichkeit den Bericht möglicherweise missverstehen könnte. Aber er ist der Ansicht, daIs der verantwortliche Auftraggeber die Mitglieder der Studiengruppe vor Beginn der Arbeit zur Geheimhaltung verpflichtet haben würde, wenn er darauf Wert gelegt hätte. Er hätte das Projekt ja auch einer der staatlichen «Denkfabriken» anvertrauen kónnen, deren Arbeit grundsätzlich geheim ist. Doe lachte über die Furcht vor einer unliebsamen öffentlichen Reaktion, da sie keine nachhaltige Wirkung auf die langfristigen Massnahmen haben könnte, die auf Grund der Vorschläge der Gruppe ergriffen werden müssten, und er spottete darüber, das seine Kollegen nicht die Verantwortung fiir ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen übernehmen wollten. Er war der Ansicht, das die Öffentlichkeit ein Recht habe zu erfahren, was zu ihrem eigenen Nutzen erarbeitet worden war; nicht er habe sich zu rechtfertigen, sondern diejenigen, die dieses Recht beschneiden wollten.

Ich sollte aber doch betonen, das ich die Einstellung der Gruppe gegenüber Krieg und Frieden, Leben und Tod und ihre Ansichten über die Erhaltung der Arten, wie sie in dem Bericht zum Ausdruck kommen, nicht teile. Das werden überhaupt nur wenige Leser. Menschlich betrachtet, ist dieser Bericht ein empörendes Dokument. Aber dennoch zeugt er von dem ernsthaften und angestrengten Bemühen, sich über ein ungeheures Problem klarzuwerden. Ferner erhellt er — anscheinend wenigstens — gewisse Aspekte der amerikanischen Politik, die auf andere Weise dem gesunden Menschenverstand gar nicht begreiflich zu machen sind. Was wir über diese Erklärungen denken, ist eine andere Sache, doch glaube ich, das wir Anspruch darauf haben, sie zu kennen.
 New York, ini Juni 1967 L.C.L.

Interview mit John Doe
 

In einer Reihe von Gesprächen hat mir John Doe die Arbeitsweise der Sonderstudiengruppe erläutert. Seine Ausführungen werden hier nach der Tonbandaufzeichnung wörtlich wiedergegeben. Die Reihenfolge der Fragen und Antworten wurde im Interesse einer geschlossenen Darstellung gelegentlich verändert und Unwesentliches weggelassen.
 
 

Wie wurde die Gruppe zusammengestellt?
Auf die Idee, die speziellen Probleme eines Übergangs zu dauerndem Frieden einmal zu untersuchen, war man, glaube ich, schon im Jahre 1961 gekommen. Sie stammt von einem der neuen Männer, die mit Kennedy in die Regierung eintraten; ich denke dabei vor allem an Mc Namara, Bundy und Rusk. Sie waren über mancherlei sehr beunruhigt... unter anderem darüber, das man noch nicht ernsthaft daran gedacht hatte, für den Frieden zu planen — für einen langfristigen, weltumspannenden Frieden einen Iangfristigen weltumspannenden Plan auszuarbeiten.
Alles, was darüber bis 1961 geschrieben worden war, schien recht oberflächlich zu sein. Man schätzte die Bedeutung dieses Problems offenbar nicht richtig ein. Das Iag wohl vor allem daran, das die Idee eines wirklichien Friedens in der ganzen WeIt, allgemeiner Abrüstung usw. als utopisch galt — oder sogar als hirnverbrannt. Noch immer ist das so, und man kann es verstehen, wenn man beobachtet, was heute in der WeIt vorgeht... Es zeigte sich auch in den damaligen Untersuchungen. Sie waren ganz einfach nicht realistisch...
Genauer wurde der Plan, eine Sonderstudiengruppe zu bilden, Anfang 1963 ausgearbeitet... Die Beilegung der Kuba-Krise hatte etwas damit zu tun; was aber die Sache vor allem in Bewegung brachte, waren die geplanten grossen Veränderungen im Rüstungsbudget... Schliessung oder Verlegung von Industriebetrieben usw. Von den meisten Massnahmen erfuhr die Öffentlichkeit erst viel später...
Es nahm geraume Zeit in Anspruch, die Männer fiir diese Komrnission auszuwäihlen. Die Aufforderungen zur Teilnahme an der Studiengruppe wurden dann im Sommer 1963 versandt.
 

Wer traf die Auswahl?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Mit den organisatorischcn Vorarbeiten hatte ich nichts zu tun. Ich erfuhr von dem Plan ja selbst erst durch den Anruf, von dem ich Ihnen erzählt habe. Aber drei von unseren Kollegen hatten schon bei den Vorbereitungen mitgewirkt, und was wir anderen darüber wissen, hörten wir von denen. Ich weiss daher, dass es ganz unformell begonnen hat. Welche Regierungsdienststelle mit der Angelegenheit befasst war, ist mir nicht bekannt.

Sie haben diesbezüglich auch keine Vermutungen?
Also gut — ich denke, es war ein eigens zu diesem Zweck gebildeter Ausschuss auf Kabinettsebene oder jedenfalls nahe daran. Irgend so etwas musste es schon sein. Und dieser Ausschuss beauftragte dann irgendeine Abteilung im State Department, im Verteidigungsministerium oder im Nationalen Sicherheitsrat mit der Organisation — Arrangieren der persnlichen Kontakte, Bezahlen der Rechnungen etc.... Nur einer von uns war in Verbindung mit Washington — ich nicht. Aber ich bin sicher, dass dort nur sehr, sehr wenige über das Bestehen unserer Gruppe unterrichtet waren... Nehmen wir z. B. den Addey-Ausschuss.' Er wurde gebildet, als wir unsere Arbeit schon aufgenommen hatten. Wenn Sie seinen Tätigkeitsbericht lesen — die alte Leier, kann ich Ihnen sagen: Wirtschaftsumstellungen, Umwandlung von Rüstungsbetrieben in Fabriken fúr landwirtschaftliche Geräte —, ich würde mich wundern, wenn der Präsident von der Existenz unserer Gruppe wusste. Der Ackley-Ausschuss wusste zumindest nichts.
 

Ist das denkbar? Ich meine, dass der Präsident keine Ahnung von der Existenz Ihrer Kommission hatte?
Ich will nicht sagen, dass unbedingt etwas nicht in Ordnung ist, wenn die Regierung ein Problem gleich auf zwei verschiedenen Ebenen in Angriff nimmt oder selbst wenn zwei oder drei Regierungsstellen Versteckspiel miteinander treiben. Das kommt stets und ständig vor. Vielleicht war der Prásident sogar informiert. Nichts gegen den Addey-Ausschuss, aber man erwartete von uns (d. h. von den AckleyLeuten wie auch von denen im Iron Mountain ) doch gerade, dass wir die alten, eingefahrenen Geleise, Probleme zu betrachten, und den üblichen begrenzten Blickwinkel aufgeben würden.
Sie müssen bedenken — und Sie haben den Report ja gelesen —, dass man von uns eine ganz neue Denkweise erwartete, einen ersten Schritt in eine neue Richtung. Herman Kahn nennt es «byzantinisch denken» — kein Herumgerede über kulturelle oder religiöse Werte, keine moralischen Postulate. Es waren Rand und das Hudson-Institut sowie das Institut für Verteidigungsanalyse, die eine neue Denkmethode in die Kriegsplanung hineinbrachten ... Was wir tun soltten — und was wir, denke ich, auch taten —, war, die Gegebenheiten und Aufgaben in einem fortwährenden Frieden ebenso hypothetisch zu untersuchen wie die anderen die hypothetischen Probleme emes Atomkriegs... Wir mögen weiter gegangen sein, als man erwartet hat, aber wenn man erst einmal die Voraussetzungen erkannt hat und nun logisch weiterdenkt, kann man nicht mehr zurück... Die Bücher von Herman Kahn2 werden leicht missverstanden, zumindest von Laien. Sie schockieren den Uneingeweihten. Aber sehen Sie, auf was es im Grunde ankommt, sind nicht seine Schlussfolgerungen oder seine Ansichten. Es ist die Methode. Kahn hat, soviel mir bekannt ist, mehr als alle anderen dazu beigetragen, die Öffentlichkeit mit einem völlig neuen Stil des militärischen Denkens vertraut zu machen.. Heute kann jeder Journalist Begriffe wie «Vergeltungsstrategie», «Minimal-Abschreckung» und «glaubwürdige Vernichtungsschlagkraft» als bekannt voraussetzen. Er kann über Krieg und Strategie schreiben, ohne sich in Moralfragen zu verheddern... Der andere grosse Unterschied zwischen unserer Arbeit und der früherer Studiengruppen besteht in den Dimensionen und der Reichweite unserer Untersuchungen. Ich kann nicht behaupten, dass wir wirklich jeden erdenklichen Aspekt des Lebens und der gesellschaftlichen Belange in Betracht gezogen haben, aber ich bin sicher, dass wir keinen wesentlichen Gesichtspunkt unbeachtet liessen.

Warum wurde eine nichtstaatliche Kommission mit der Durchführung dieser Untersuchun gen betraut? Warum nicht ein Untersuchungsauss  der Regierung?
Ich denke, das ist ganz einleuchtend, oder sollte es jedenfalls sein. Die Denkweise, die von unserer Gruppe gefordert wurde, ist in einer normalen Regierungsstelle nicht anzutreffen. Zu viel Krampf, zu viele Einschrnkungen. Das ist nichts Neues. Warum werden wohl Einrichtungen wie Rand und Hudson weiter beibehalten? Alle Aufträge, die nur mit einem ganz unbelasteten und phantasievollen Denkvermögen bewältigt werden können, vergibt man in der Regel an aussenstehende Forschungsgruppen. Das trifft auch zu für die sogenannten «grauen» Planungsvorhaben des State Department, die als inoffiziell gelten, im Grunde aber höchst offiziell sind. Und das gilt auch für den amerikanischen Geheimdienst.
Für unsere Aufgaben waren sogar die nichtstaatlichen Forschungszentren noch allzu konventionelle Einrichtungen. Es wurde lange darüber nachgedacht, wie man sicherstellen könne, das unser Denken wirklich ganz uneingeschränkt sei. Das zeigte sich auch in scheinbar Nebensächlichem; z. B. die Art, wie man uns «einberief», die Orte, an denen wir uns trafen, die subtile Art, sich mit uns zu verständigen. Denken Sie an unsere Bezeichnung: einfach Sonderstudiengruppe. Sie wissen, wie man Regierungsausschüsse sonst zu benennen pflegt. Warum nannte man uns nicht «Unternehmen Pacifica», «Abteilung Olivenzweig» oder so ähnlich? Für uns schien das alles nicht zu passen. Man hätte den Namen ja als Anspielung verstehen können, er hätte vielleicht irgendeine Assoziation ausgelöst. Wir führten bei unseren Meetings auch nicht Protokoll; wir wollten uns nicht festlegen. Natürlich machte sich jeder Aufzeichnungen für den eigenen Gebrauch. Unter uns nannten wir uns die «Iron Mountain Boys» und sprachen von unserem «Dings» oder was uns gerade so einfiel ...
 

Was können Sie mir über die Mitglíeder der Arbeitsgruppe sagen?
Ich muss mich auf aligemeine Angaben beschränken... Wir waren fünnfzehn, und zwar — das ist wichtig — Experten der verschiedensten Fachgebiete, nicht nur Vertreter der akademischen Disziplinen. Naturwissenschaftler, Soziologen, aher auch Geisteswissenschaftler. Ferner war unter uns ein Jurist, ein Geschäftsmann und ein Rüstungsplaner. Übrigens hatte jedes Mitglied auf mindestens zwei Gebieten Leistungen vorzuweisen. Das war sogar emes der wichtigsten Kriterien bel der Auswahl der Teilnehmer.
Frauen waren nicht unter uns, aher ich glauhe, das hat weiter keine Bedeutung... Wir waren selbstverständlich alíe Amerikaner. Und ich kann wohl sagen, das wir alle bei guter Gesundheit waren, zumindest am Anfang... Bel unserem ersten Zusammentreffen hatten wir nichts anderes zu tun, als zuzuhören. Man las uns Personalakten mit sehr detaillierten Angaben über die berufliche Tätigkeit wie auch zur Person jedes einzelnen von uns vor. Selbst Krankengeschichten gehörten dazu. Ich erinnere mich an etwas sehr Merkwiirdiges. Was immer auch das besagen mochte: Bei den meisten von uns war ein abnorm hoher Harnsäuregehalt des Blutes festgestellt worden Keiner von uns hatte jemais zuvor eine Besprechung von Referenzen, Lebensläufen und Gesundheitszeugnissen im grossen Kreis miterlebt. Es war recht unangenehm . Aber es schien alles wohlüberlegt. Jeder sollte seine eigenen Entscheidungen treffen, ohne Rücksicht auf gängige Regeln und Masstäbe. Das hiess auch, das wir über die Fähigkeiten und Eigenschaften eines jeden von uns urteilen und Verständnis fiir andere Meinungen haben mussten. Ich glaube nicht, das diese ungewöhnliche Art, miteinander bekannt zu werden, unsere Arbeit direkt beeinflusste, aber sie hat doch irgendwie ihren Zweck erfüllt.  Wir sollten uns durch absolut nichts stören lassen, was begreiflicherweise unsere Objektivität hätte beeinträchtigen können.

Ich konnte John Doe überzeugen, das es zum besseren Verständnis des Berichts zweckmässig wäre, die Berufe der einzelnen Mit glieder zu nennen. Die folgende Liste wurde schriftlich ausgearbeitet — richtiger gesagt: John Doe ab gerungen. Es kam doch darauf an, so viele Informationen wie irgend möglich zu bieten, ohne das Doe deshalb seinem Versprechen, die Anonymität seiner Kollegen zu wahren, untreu werden musste. Das war natürlich nicht ganz einfach, besonders dann, wenn es sich um ein prominentes Mitglied der Kommission handelte. Daher unterliess er in solchen Fällen nähere Angaben über besondere Verdienste, anhand deren der Betreffende vielleicht identifiziert werden könnte.
Die Namen, die John Doe hier fiür seine Kollegen gewäihlt hat, haben keine Ähnlichkeit mit den wirklichen; er ist einfach dem Alphabet gefolgt. So war z. B. «Able> der Verhindungsmann der Gruppe der den Kontakt mit Washington. Er war es, der zu dem ersten Zusammentreffen die Personalakten mitbrachte, sie vorlas und meistens als «Vorsitzender> fungierte. Er, „Baker" und „Cox" waren die drei, die hei der Organisation der Gruppe mitgewirkt hatten.
„Arthur Able" ist Historiker und Politologe; er war zeitweilig auch Regierungsbeamter.

«Bernhard Baker> ist Pro fessor füir internationales Recht und als Regierungsberater tätig
 

«Charles Cox> ist Natzonalökonom; er hat sozialkritische Abhandlungen und Biographien veröffentlicht.
«John Doe>.
«Fdward Ellis> ist Soziologe, häufig mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt.
<Frank Fox> ist Kultztrsoziologe.
<George Green> ist Psychologe, Päidagoge und hat Eignungstestverfahren entwickelt.
«Harold Hilh ist Psychiater und hat vor allem über die Beziehungen zwischen Einzel- und Gruppenverhalten gearbeitet.
«John Jones> ist Geisteswissenschaftler und Literaturkritiker.
«Martin Miller>  ist Chemophysiker von internationalem Rang.
«Paul Peters> ist Biochemikcr; er hat bedeutende Entdeckungen auf dem Gebiet der Fortpflanzung gemacht.
<Richard Roe> ist Mathematiker und arbeitet in einem nichtstaatlichen Forschungsinstitut an der Westküste der USA.
«Samuel Smith>  ist Astronom, Physiker und Kommunikationsexperte.
<Thomas Taylor'> ist Systemanalytiker und Rüstungsplaner; er hat zahlreiche Abhandlungen über Kriegs- und Friedensfragen sowie über internationale Beziehungen veröffentlicht.
<William White» ist ein Industrieller, der zahlreiche Regierungsaufträge ausgeführt hat.
 

Wie arbeitete die Gruppe? Ich meine, wo und wann trafen Sie zusammen usw.?
Wir karnen in der Regel einmal im Monat zusammen. Meistens an einem Wochenende und gewöhnlich für zwei Tage. Wir hatten aber auch einige längere Konferenzen und eine, die nur vier Stunden dauerte.. Wir trafen uns jedesmal an einem anderen Ort der USA, ausgenommen bei der ersten und Ietzten Zusammenkunft; sie fanden, wie schon gesagt, im Iron Mountain statt. Wir waren so etwas wie ein reisendes Serninar... Manchmal war der Tagungsort ein Hotel, manchmal ein Universitäitsgebäude. Zweimal kamen wir an Ferienplätzen zusammen, jeweils einmal auf einem Privatbesitz in Virginia, in Bürohäusern in Pittsburgh und in Poughkeepsie (New York) ... In Washington oder in Regierungsgebäuden versammelten wir uns nie... Able gab bei jeder Zusammenkunft Ort und Zeit der beiden nächsten Sitzungen bekannt. Diese Termine wurden nie verschoben... Die Gruppe wurde nicht in Unterausschüsse oder in anderer Weise unterteilt. Aber jeder von uns zog zwischen den Gruppentreffen aussenstehende Fachleute zur Beratung und für Sonderaufträge heran... Alle fünfzehn Mitglieder der Studiengruppe zusammengenommen standen gewiss mit der gesamten akademischen Welt in Verbindung. Wir konnten jeden Experten anrufen, wann immer es notwendig war, und wir machten regen Gebrauch davon . Unser Honorar wurde nach einem sehr bescheidenen Tagessatz berechnet. Auf den Bankanweisungen stand nur «Spesen». Wir sollten diese «Einnahmen» nicht bel der Steuererklärung angeben... Die Zahlungen kamen von einem Sonderkonto Arthur Ables bei einer New Yorker Bank. Er unterschrieb die Schecks... Ich habe keine Ahnung, was die ganze Sache gekostet hat. Was unseren Zeitaufwand und unsere Reisekosten betrifft, wird es gerade eben eine sechsstellige Summe gewesen sein. Teurer war sicherlich die Arbeitsleistung und -zeit der Computer...
 

Sie sagten, Sie glauben nicht, das Ihre Arbeit durch berufliche Vorurteile beeinträchtigt worden sei. Wie steht es mit politischen und philosophischen Divergenzen? Ist es möglich, sich mit Fragen von Krieg und Frieden zu beschäftigen, ohne persönliche Anschauungen mitsprechen zu lassen?
Ja, das ist möglich. Ich verstehe natürlich Ihre Skepsis. Aber wenn Sie bei einem unserer Meetings dabeigewesen wären, hätten Sie Mühe gehabt, herauszufinden, wer von uns liberal und wer konservativ eingestellt war, bzw. wo die Falken und wo die Tauben waren. Es gibt tatsäichlich so etwas wie Objektivität, und ich denke, wir hatten sie uns zu eigen gemacht... Ich will damit nicht sagen, das nicht jeder von uns eine persönliche gefühlsmässige Einstellung zu seiner Arbeit hatte, beim einen stärker, beim anderen weniger stark ausgeprägt. Zwei von uns hatten am Schluss Herzattacken, und das war gewsis kein Zufail, möchte ich behaupten.
 

Sie sagten, Sie hätten für Ihre Arbeit eigene Grundregein aufgestellt. Was waren das für Regeln?
Die wichtigsten waren: Zwanglosigkeit und Einstimmigkeit. Mit Zwanglosigkeit meine ich, das unsere Diskussionen kein bestimmtes Ziel hatten. Wir waren nicht darauf bedacht, beim Thema zu bleiben, sondern folgten im Gegenteil jeder Anregung, es nach allen Seiten hin auszuweiten. So hielten wir uns z. B. lange mit der Frage auf, welche Beziehungen zwischen Einberufungsmassnahmen und Beschäftigtenstand in der Industrie besteht. Bevor wir zu einem Schluss kamen, hatten wir die Geschichte der Strafgesetzgebung in der westlichen Welt durchstreift und eine Unmenge von vergleichenden psychiatrischen Untersuchungen (von Eingezogenen und Freiwilligen) studiert. Wir waren sogar auf die politische und gesellschaftliche Organisation des Inkareiches zu sprechen gekommen und auf die Auswirkung der Automation auf unterentwickelte Nationen.. Alles war von Bedeutung...
Mit Einstimmigkeit meine ich nicht, das wir abstimmten wie eine Jury, sondern das wir uns mit jedem zur Debatte stehenden Problem solange beschäftigten, bis wir — wie die Quäker sagen würden — den «Sinn unserer Zusammenkunft» begriffen hatten. Das schien zunächst Zeitverschwendung zu sein, aufs Ganze gesehen erwies es sich jedoch als Zeitersparnis. Schliesslich sendeten wir sozusagen alle auf der gleidien WellenIänge...
Natürlich gab es auch Differenzen, und zwar betrachtliche, vor aliem zu Anfang... Bei der Lektüre von Abschnitt eins des Berichts hat man vielleicht den Eindruck, wir hätten zunächst nur unsere Direktiven durchgesprochen. So einfac.h war es nicht. Es dauerte geraume Zeit, bis wir eine von allen akzeptierte Definition unserer Aufgabe formuliert hatten... Das war vor allem Roes und Taylors Verdienst. 
Es gibt so manches in diesem Bericht, was heute ganz klar erscheint, anfangs aber alles andere als einleuchtend war. Nehmen wir z. B. die Beziehung zwischen Krieg und Gesellsdiaftssystemen. Wir gingen von der traditioneflen These des preussischen Generals und Kriegstheoretikers Clausewitz aus, die lautet: «Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.» Able war zunächst der einzige, der das  bestritt. Fox nannte seinen Einspruch geradezu «pervers». Und doch war dann Fox derjenige, der die meisten Beweise dafür beibrachte, das Able recht hatte, und schliesslich stimmten wir alle mit ihm überein. Ich erwähne das, weil es meiner Meinung nach ein gutes Beispiel für unsere Art der Teamarbeit ist. Ein Triumph der neuen Methode über das alte Klischee. Ich will mich hier nicht weiter darüber auslassen, wer zu welcher Zeit fiir wen Partei ergriff. Aherdings muss ich zugeben — Ehre, wem Ehre gebührt —, das zu Beginn nur vier von uns, nämlich Roe, Able, Hill und Taylor, imstande waren, zu erkennen, wohin uns unsere Methode führen würde.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, erzielten Sie am Ende stets Übereinstimmung.?
Ja. Es ist ein einstimmiger Bericht. Das heisst nicht, das unsere Meetings immer harmonisch verliefen. Einige Male ging es sogar recht stürmisch zu. In den letzten sechs Monaten gab es oft spitzfindige Dispute über unwichtige Details. Wir hatten zulange unter Druck gearbeitet, wir hatten zulange zusammengearbeitet. Es war kein Wunder, das wir uns manchmal gegenseitig auf die Nerven fielen. Eine Zeit lang sprachen Able und Taylor nicht miteinander. Miller drohte, er wolle nicht mehr mitmachen. Aber das liess sich alles wieder einrenken. Wirklich unüberwindliche Differenzen gab es nicht.
Wie kam der Report zustande, und wer schrieb ihn..??
 Am ersten Entwurf waren wir alle beteiligt. Jones und Able brachten ihn zu Papier, und dann wurde er zur kenntnisnahme und Korrektur an alle Mitarbeiter herumgeschickt, bevor die endgültige Fassung hergestellt wurde.. Die einzigen Probleme waren, welche Form der Bericht haben sollte und für wen wir ihn überhaupt schrieben. Und dann natürlich die Frage seiner Vertraulichkeit... [Does Kommentar zu diesem Punkt habe ich, kurz zusammengefasst, in der Einführung wiedergegeben.] 

Sie erwähnten einen Leitfaden für «Friedensspiele». Was sind «Friedensspiele»? 
Der Bericht erwähnt diesen Begriff leider nur. Ich wäre gern näher darauf eingegangen. «Friedensspiele» sind eine Vorhersagemethode, ein Informationssystem, das wir im Laufe unserer Arbeit entwickelten. Ich fand das sehr aufregend. Selbst wenn keine einzige unserer Empfehlungen befolgt werden sollte — und das ist durchaus denkbar —, die «Friedensspiele» wird man nicht ignorieren können. Sie sind zwar nur ein Nebenprodukt unserer Arbeit, aber sie werden das Studium der soziologischen Problerne revolutionieren. Wir suchten nach einem schnell arbeitenden brauchbaren Verfahren, um die Auswirkungen ungleichartiger gesellschaftlicher Phänomene auf einen Nenner zu bringen. Wir fanden es. Es ist noch in einern primitiven Stadium, funktioniert aber. 
Wie werden «Friedensspiele» gespielt? Ähneln sie den von der Rand Corporation entwickelten «Kriegsspielen»? 
Man kann «Friedensspiele» nicht spielen wie Schach oder Skat, so wie man auch «Kriegsspiele» nicht mit Zinnsoldaten spielen kann. Man braucht dazu Computer. Es handelt sich also um ein Programmiersystem, um eine Computer-Sprache wie Fortran, Algol oder Jovial ... Diese «Spiele» dienen dazu, Fakten, die nach aussen hin nichts miteinander zu tun haben, in Beziehung zueinander zu bringen... Eine genauere Definition wúrde die Sache eher nur noch mehr komplizieren. Aber ich kann Ihnen ein paar Beispiele geben. Angenommen, ich beauftrage Sie, herauszufinden, welchen Einfluss die Mondlandung amerikanischer Astronauten auf die Wahlen -sagen wir in Schweden- haben würde. Oder welche Auswirkung eme bestimmte Änderung des Militärdienstgesetzes auf die Grundstückspreise im Zentrum von Manhattan haben würde; oder eine Änderung der Aufnahmebedingungen unserer Colleges auf die britische Schiffsbauindustrie. Sie würden mir wahrscheinlich antworten, das  Sie da erstens überhaupt keine Verbindung sehen und das man zweitens diese angeblich möglichen Auswirkungen nicht vorhersagen könne. Aber Sie irren sich in beiden Punkten. In jedem Fall würde es Auswirkungen geben, und die «Friedensspiel»Methode ermöglicht uns, die Stärke und den Umfang dieser Auswirkungen vorauszusehen. Ich habe die genannten Beispiele nicht aus der Luft gegriffen. Wir wälhten sie nämlich auch für die Erprobung der Methode... Kurz, es handelt sich um ein sorgfältig ausgearbeitetes, schnell Resultate lieferndes Testsystem zur Feststellung von Arbeitsalgorithmen, ähnlich wie die meisten anderen raffinierten Modelle von elektronischen Problemlösungsverfahren..
Viele von den «Spielen» dieser Art sind nichts anderes als hochgestochene Konversationsübungen. Ja, Spiele und nichts weiter. Über eines dieser Art wurde im Bulletin der Ganadian Gomputer Society berichtet; es nannte sich «Vietnam—Friedensspiel*. Hier handelt es sich um Simulierungstechnik, aber die Programmierungshypotbesen sind spekulativ... Die Idee eines solchen Problemlösungssystems stammt nicht von uns. ARPA3 hat schon daran gearbeitet, ferner die General Electric in Kalifornien und wohl auch noch andere ... Wir waren nicht deshalb erfolgreicher, weil wir mehr vom Programmieren verstanden — denn wir verstanden gar nicht mehr davon —, sondern weil wir herausbekamen, wie man die Probleme exakter formulieren kann. Das alte Sprichwort hat recht: Man findet immer die richtige Antwort, wenn man die richtige Frage kennt...

Angenommen, Sie hätten diese Methode nicht entwickelt. Waren Sie trotzdem zu den gleichen Schlüssen gekommen? 
Gewiss. Aber es hätte viel länger gedauert... Doch verstehen Sie meine Begeisterung über die «Friedensspiel»-Methode bitte nicht falsch. Bei allem Respekt vor der Computertechnik und ihrer Bedeutung für unser Denken: die Grundentscheidungen müssen stets von Menschen getroffen werden. Nicht die «Friedensspiele» sind fiir den Bericht verantwortlich. Wir sind es!

Erklärung von John Doe
 

Entgegen dem Wunsch der Sonderstudiengruppe, deren Mitglied ich war, habe ich dafiir gesorgt, dass dieser Bericht veröffentlicht wird. Ich danke Mr. Leonard C. Lewin für seine unschätzbare Unterstützung und dem Verlag Dial Press, dass er das Wagnis der Publikation auf sich nimmt. Die Verantwortung dafür trage jedoch ich allein.
Ich bin darauf vorbereitet, das einige meiner früheren Kollegen meine Handlungsweise als Vertrauensbruch betrachten werden. Meiner Meinung nach ist aber die Verantwortung vor der Gesellschaft, der auch ich angehöre, grösser als jede selbstauferlegte Verpflichtung gegenüber fünfzehn Einzelpersonen. Da dieser Bericht für sich spricht, ja es nicht notwendig, dass ich die Namen der Mitarbeiter nenne, um mein Ziel zu erreichen: die Unterrichtung der Öffentlichkeit. Doch würde ich selbst gern aus der Anonymität heraustreten, wenn dies möglich wäre, ohne diejenigen, die weíterhin unbekannt bleiben, zu kompromittieren, urn unsere Arbeit öffentlich zu verteidigen. Und ich werde dies nachholen, falls und sobald sie damit einverstanden sind, dass ich mich von dieser Fessel  löse.
Aber das ist zweitrangig. Notwendig ist, und zwar dringend notwendig, die weltweite Diskussion über das Wesen und Wirken des Krieges und die Probleme des Friedens. Ich hoffe, dass die Veröffentlichung dieses Berichts eine solche Diskussion in Gang bringt.

Begleitschreiben

An den Einberufer der Gruppe:
Sie erhalten beiliegend den Arbeitsbericht der Sonderstudiengruppe, die im August 1963 einberufen wurde, um 
1. die Probleme, die das mögliche Eintreten eines dauernden Friedenszustandes mit sich bringen würde, zu erörtern, und um 
2. Verfahren zu empfehlen, mit denen diese Probleme bewältigt werden könnten.
 Für das bessere Verständnis technisch nicht versierter Leser haben wir es für richtig gehalten, das statistishe Anschauungs- und Beweismaterial (insgesamt 604 Aufstellungen) getrennt beizugeben, desgleichen einen vorläufigen Leitfaden für die «Friedensspiel»-.Methode, die im Verlauf unserer Untersuchungen entwickelt wurde.
Wir haben den uns erteilten Auftrag nach bestem Wissen und Gewissen sowie nach Massgabe der uns zur Verfiigung gesteliten Zeit und Mittel erfüllt. Unsere Schlussfolgerungen und unsere Empfehlungen sind in völliger Übereinstirnmung formuliert worden. Diejenigen unter uns, die in eínzeinen Punkten von untergeordneter Bedeutung mit den in diesern Bericht enthaltenen Ergebnissen nicht einverstanden sind, betrachten diese Differenzen selbst für zu geringfügig, um eine Gegendarstellung zu rechtfertigen. Es ist unsere aufrichtige Hoffnung, das die Früchte unserer Erkenntnisse der Regierung von Nutzen sein mögen bei ihren Bernühungen, die weitreichenden Probleme, die wir zu untersuchen hatten, zu Iösen, und das unsere Empfehlungen diesbezüglicher Massnahmen künftigen Präsidenten dienlich sein werden.
In Anbetracht der Tatsache, das die Arbeit der Sonderstudiengruppe von ungewöhnlichen Direktiven bestimmt war, und auch angesichts der Ergebnisse unserer Untersuchungen, halten wir es füir nicht ratsam, diesen Bericht zu veröffentlichen. Es ist unsere feste Überzeugung, das eine Publikation nicht im Interesse des Staates sein kann. Die möglichen Vorteile einer öffentlichen Diskussion unserer Schlussfolgerungen und Empfehlungen sind, unserer Meinung nach, mit Sicherheit bei weitem geringer als die alíenkundige, vorhersehbare Gefahr, das die Publikation des Berichts zu ungünstigem Zeitpunkt unter der Bevölkerung eine Vertrauenskrise hervorrufen kbnnte. Die WahrscheinIichkeit, das ein Laie in Unkenntnis der höheren Erfordernisse militärischer und politischer Aufgaben den Zweck dieser Untersuchung und die Absichten der mit ihrer Durchführung Beauftragten missdeutet, ist gross . Wir legen daher nahe, das dieser Bericht nur denen zugängIich gemacht wird, deren Verantwortungsbereich es erfordert, das sie vom Resultat unserer Arbeit unterrichtet werden. Wir bedauern zutiefst, das die Anonymität aller Beteiligten, die eine unerlässliche Voraussetzung für die unbehinderte Verfolgung unserer Ziele war, es nicht zulässt, den zahireichen Persönlichkeiten der Regierung und innerhalb des ganzen Landes, die unsere Arbeit so bereitwillig unterstútzten und entscheidend förderten, namentlich Dank abzustatten.
Fiir die Sonderstudiengruppe
(Unterschrift) 30.September 1966

 Einleitung  
Der folgende Bericht fasst die Ergebnisse einer zweieinhalbjährigen Untersuchung der vielfältigen Probleme zusammen,mit denen gerechnet werden muss, falls durch eine völlige Umwandlung der Lebensbedingungen die unentbehrlichsten Eigenschaften der gegenwärtigen amerikanischen Nation keine Bedeutung rnehr hätten: ihre Fähigkeit und Bereitschaft Krieg zu üihren, wann immer die Staatsführung dies für notwendig oder wünschenswert hält.
   Wir gingen bei unserer Arbeit davon aus, daf in absehbarer Zeit ein aligemeiner Weltfrieden zustande kommen könnte. Die Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen scheint heute nur noch eme Frage von wenigen Jahren zu sein. Es hat sich in immer stärkerem Masse erwiesen, das Konflikte zwischen den Interessen der USA und denen der Sowjetunion oder Chinas politische Lösungen zulassen, und zwar trotz mancher scheinbarer Gegenbeweise wie der Vietnam-Krieg, die Drohungen von seiten Chinas und der notorisch feindselige Tenor der üblichen aussenpolitischcn Verlautbarungen vieler Länder. Es  lässt sich auch mit Gewissheit sagen, daIs Differenzen unter kleineren Nationen von den drei Grossmächten schnell bereinigt werden können, sobald zwischen diesen ein stabiler Frieden hergestellt ist. Indessen sind wir bel unserer Untersuchung nicht davon ausgegangen, das eine allgemeine Entspannung der weltpolitischen Lage tatsächlich eintreten wird — und es war nicht unsere Aufgabe, dafür Beweise beizubringen —, sondem einzig und allein davon, das ein dauerhafter Frieden denkbar wäre. Es ist sicher keine Übertreibung zu sagen, das ein solcher Weltfrieden zu beispiellosen umwälzenden Veränderungen der Gesellschaffsstruktur der Völker führen wúrde. Der Rückstoss einer totalen Abrüstung auf die Wirtschaff, d. h. auf das Produktions- und GüterverteiIungsschema der ganzen Erde — um hier nur die plausibeiste Konsequenz zu nennen —, würde so stark sein, dass dagegen die Entwicklung auf diesem Gebiet während der letzten fünfzig Jabre völig unbedeutend erscheinen müsste. Die politischen, soziologischen, kulturellen und ökologischen Veränderungen würden ebenfalls einschneidend sein. Die wachsende Erkenntnis vorausschauender Mäner innerhalb und ausserhalb der Regierung, das die Welt auf einen dauerhaften Frieden ganz unvorbereitet ist, hat uns veranlasst, die in diesem Fall auftretenden Probleme in breitestem Rahmen zu untersuchen.
Zu Beginn hatten wir vorgesehen, uns mit zwei grossen Fragenkomplexen zu befassen: Was geschieht, wenn ein Weltfrieden eintritt? und Wie soll man sich auf ihn vorbereiten? 
Aber während unserer Arbeit wurde uns klar, dass wir uns noch mit bestimmten anderen Problemen beschäftigen müssten. Welche anderen wichtigen Funktionen, abgesehen von der Wahrung «nationaler Interessen», hat der Krieg in der modernen Gesellschaff? Welche Institutionen könnten, falls es keinen Krieg mehr gibt, diese Funktionen übernehmen? Angenommen, dass eine friedliche Beilegung von Differenzen zwischen einzelnen Völkern im Rahmen der gegenwärtigen internationalen Beziehungen überhaupt im Bereich des Möglichen liegt: Wäre die totale Abschaffung des Krieges wirklich realisierbar? Wenn Ja, wäre dies im Hinblick auf eme stabile Gesellschaftsordnung wünschenswert? Wenn nicht, was kann getan werden, um die Leistungsfähigkeit und Kriegsbereitschaft unserer Gesellschaft zu erhöhen?
Das Wort «Frieden», wie wir es auf den folgenden Seiten gebraucht haben, meint einen permanenten oder beinahe permanenten Zustand völlig frei von jeder Form von organisierter nationaler Gewaltanwendung oder Androhung von Gewalt gegenüber anderen Nationen, die gewöhnlich «Krieg» genannt wird. Dieser Frieden bezieht völlige und weltweite Abrüstung mit ein; wir bezeichnen damit nicht den vertrauten Zustand des «Kalten Krieges» und des «bewaffneten Friedens» oder andere längere oder kürzere Erholungspausen zwischen zwei kriegerischen Konflikten; und wir verwenden das Wort auch nicht als Synonym fiir die Beilegung internationaler Differenzen auf diplomatischem Wege. Die Vielzahl von Massenvernichtungswaffen, ihre schnelle Einsatzfähigkeit und Wirksamkeit auch über grosse Distanzen hinweg, erfordert die Einschränkung des Begriffs gemäss der oben gegebenen Definition. Unseren Vätern wäre eine solche strenge Festlegung eher utopisch als pragmatisch erschienen. Heute jedoch würde jede Abweichung von dieser Definition den Terminus für unsere Untersuchung wertlos machen. Aus den gleichen Gründen gebrauchen wir das Wort «Krieg» sowohl fúr den konventionellen («heissen») Krieg als auch fúr die Phase der Kriegsvorbereitung, fúr die allgemeine Kriegsbereitschaft und das herrschende «Kriegssystem». Der jeweilige Sinn geht stets klar aus dem Zusammenhang hervor.
Der erste Abschnitt des Berichts umreisst den Rahmen unserer Arbeit und nennt die Voraussetzungen, auf denen unsere Untersuchungen basierten. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Abrüstung auf die Wirtschaft — bis heute der am grüindlichsten behandelte Aspekt der Friedensforschung. Im dritten Ahschnitt setzen wir uns kritisch mit den sogenannten «Abrüstungs-Szenarien» auseinander, die von anderer Seite hereits vorgeschlagen worden sind. Der vierte bis sechste Abschnitt ist den nichtmilitärischen Funktionen des Krieges und den Problemen gewidmet, die seine Ahschaffung in dieser Hinsicht mit sich bringen würde. Die wahren Dimensionen dieser Schwierigkeiten wurden bisher in keiner anderen Studie in vollem Umfang aufgezeigt. Im siebenten Ahschnitt ziehen wir die Schlussfolgerungen aus unseren Erkenntnissen, und der achte enthält Empfehlungen flür eine, wie wir glauben, praktische und notwendige künftige Verfahrensweise.
 
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