Vorwort
John Doe so will ich ihn nennen ist
Professor der Sozialwissenschaften an einer grossen Universität des
Mittelwestens. Mehr möchte ich nicht über ihn verraten. Im vergangenen
Winter rief er mich eines Abends unerwartet an. Seit Jahren hatten wir
keine Verbindung miteinander gehabt. Ich erfuhr, das er für einige
Tage in New York sei und gern etwas Wichtiges mit mir besprechen wolle.
Mehr könne er im Augenblick nicht sagen. Schon arn nächsten Mittag
trafen wir uns in einem Restaurant im Zentrum zum Essen.
Er schien sehr beunruhigt. Dennoch unterhielten
wir uns in der ersten halben Stunde über Belangloses, und ich drängte
ihn auch nicht, zur Sache zu kommen. Dann erwähnte er unvermittelt
eine zur Zeit vieldiskutierte Kontroverse zwischen einem Schriftsteller
und einer prominenten amerikanischen Politikerfamilie. Er wollte dazu meine
Meinung iiber die «Freiheit der Öffentlichkeitsinformation»
hören wie ich sie definieren und wo ich ihre Grenzen ziehen wúrde.
Was ich antwortete, ist nicht weiter von Bedeutung, aber er war damit wohl
einverstanden. Und nun erzählte er mir folgendes:
Anfang August 1963", sagte er, «fand
ich eines Tages auf meinem Schreibtisch die Nachricht, das eine gewisse
Mrs. Potts aus Washington mich angerufen habe. Als ich zurückrief,
war eine männliche Stimme am Apparat, die mir mitteilte, man habe
mich zum Mitglied einer Kommission <von höchster Wichtigkeit> ausgewählt,
deren Aufgabe es sein werde, sorgfiätig und realistisch alle Probleme
zu ermitteln, vor denen die Vereinigten Staaten emes Tages im Falle emes
<permanenten Friedenzustands> stehen würden, und ein Programm zu
entwerfen, urn mit dieser Situation fertig zu werden. Der Mann deutete
an, das aussergewöhnliche Richtlinien die Arbeit der Kommission bestimrnen
sollten; man erwarte von ihr, das sie den Rahmen ihrer Untersuchungen weit
úber alle bisherigen Erörterungen dieser Frage hinaus ausdehnen
werde.»
Da der Mann weder seinen Namen nannte
noch den seines Auftraggebers, muss die Überzeugungskraft seiner Stimme
wirklich enorm gewesen sein. Doe hegte jedenfalls keine ernsthaften Zweifel,
dass man ein soiches Projekt tatsächlich starten wolle, zumal er wusste,
mit welcher übertriebenen Geheimnistuerei sich halbamtliche Unternehmungen
zu umgeben pflegen. Hinzu kam, daI der Mann am anderen Ende der Leitung
hatte durchblicken lassen, wie gut er über Does Arbeit und sogar über
sein Privatieben informiert war. Er erwähnte auch die Namen von anderen
Experten, die der Studiengruppe angehóren würden. Die meisten
von ihnen waren Doe als angesehene Wissenschaftler bekannt. Doe nahm den
Auftrag an allerdings in dern Bewusstsein, das ihm im Grunde gar nichts
anderes übrigblieb und sagte zu, am übernächsten Sarnstag
in Iron Mountain, New York, zu erscheinen. Das Flugticket erhielt er am
anderen Morgen mit der Post.
Der Eindruck, das es sich hier um eine
geheime Verschwörung auf Staatsebene handle, wurde noch verstärkt
durch die Wahl des Versammlungsorts. Iron Mountain, der «Eisenberg»,
nahe dem Hudson gelegen, ist so eine Art Schöpfung von lan Fleming
und E. Phillips Oppenheim: ein unterirdischer Atomschutzbunker fúr
Hunderte von amerikanischen Unternehmen. Die meisten benutzen ihn als Tresorraum
fiir wichtige Dokumente. Manche haben ihre Räume aber auch als Ausweich-Hauptquartier
eingerichtet, in dem der Firmenstab nach menschlichem Ermessen einen Atomangriff
überleben und danach die Arbeit wiederaufnahmen kann. Zu dieser Gruppe
gehören unter anderem die Standard Oil Company of New Jersey, Manufacturer
Hanover Trust und Shell. Alles Weitere über die Arbeit der «Sonderstudiengruppe»,
wie die Kommission sich offiziell nannte, wird Doe selbst berichten. Zweieinhalb
Jahre dauerte ihre Tätigkeit. Zum Abschluss verfasste sie einen Bericht,
und über diesen «Report» und was mit ihm geschehen solle,
wollte Doe an jenem Mittag mit mir sprechen.
Die Veröffentlichung dieses Berichts
war nämlich unterdrückt worden, und zwar sowohl von der Sonderstudiengruppe
selbst als auch von der Regierungsstelle, der er zugestcllt worden war.
Nachdem er monatelang mit sich gerungen hatte, war Doe zu dem Entschluss
gekommen, daIs er für seine Person die Geheimhaltung des Berichts
nicht verantworten könne. Und nun suchte er meinen Rat und meine Hilfe
für die Veröffentlichung. Er gab mir sein Exemplar des «Reports»
zu lesen unter der Voraussetzung, dass ich mit niemand anderem darüber
reden würde, falís ich nach der Lektüre mit der Sache
nichts zu tun haben wolle.
In der folgenden Nacht las ich den Bericht
durch. Über melnen persönlichen Eindruck möchte ich
nur soviel sagen, das ich die Weigerung von Does Kollegen, ihre Forschungsergebnisse
zu veröffentlichen, durchaus verständlich fand. Folgendes war
nämlich geschehen: Die Studiengruppe hatte sich so hartnäckig
darauf versteift, wirklich alle erdenklichen Probleme eines Übergangs
zu dauerndem Frieden zusam menzustellen, dass sie zur Beantwortung der
an sie gerichteten entscheidenden Fragen gar nicht gekommen war. Statt
dessen lautete das Resultat ihrer Untersuchungen:
Ein ständiger Frieden ist, wenn auch
theoretisch durchaus vorstellbar, praktisch vermutlich unerreichbar. Und
selbst wenn er erreicht werden kónnte, so wäre dies doch mit
grösster Wahrscheinlichkeit nicht im Interesse einer stabilen Gesellschaft.
Das ist die Quintessenz ihrer Forschungsergebnisse.
Trotz der sorgfältig abgewogenen akademischen Diktion kommt das Hauptargument
gegen einen dauerhaften Frieden klar zum Ausdruck: Der Krieg erfüllt
gewisse Funktionen, die für die Stabilität unserer Gesellschaft
von grosser Wichtigkeit sind. Bis man fiir diese Funktionen einen wirksamen
Ersatz gefunden hat, muss das «Kriegssystem» erhalten bleiben
und seine Wirksamkeit noch verbessert werden.
Es überrascht nicht, das die Gruppe,
wie sie in ihrem Begleitschreiben an die Regierungsbehörde zu verstehen
gab, nicht gewillt war, ihre Arbeit «gegenüber dem mit den Erfordernissen
höherer politischer und militärischer Aufgaben nicht vertrauten
Laien zu rechtfertigen». Ihr Bericht war daher nur zur Kenntnis von
nicht namentlich genannten
hohen Regierungsbeamten bestimmt, d.
h. fúr einen ausgewahlten Personenkreis, bei dem man aussrordentliches
politisches Einfühlungsvermögen voraussetzen kann. Tatsache ist,
das der Inhalt des Tätigkeitsberichts den Durchschnittsleser noch
mehr verwirren muss als die schon erwähnte Schlussfolgerung. Auf einige
Behauptungen ist er einfach nicht gefasst z. B. das die meisten medizinischen
Fortschritte im Hinblick auf die Zukunft sich wohl eher negativ als segensreich
auswirken werden oder das Armut notwendig ist und sogar erwünscht,
ungeachtet aher gegenteiligen öffentlichen Beteuerungen der Politiker,
oder das stehende Heere ebensolche Wohlfahrtseinrichtungen sind wie Altersheime
und Bewahranstalten für Geisteskranke. Der Laie wird sich ferner wundern,
das eine plausible Erklärung für das Phänomen der «Fliegenden
Untertassen» nur beiläufig in einem Nebensatz gegeben wird.
Dagegen wird es ihn weniger überraschen, das die Hauptziele eines
Raumforschungsprogramms, der «umstrittenen» Anti-Raketen-Raketen-
und Atomschutzbunker-Programrne nicht der Fortschritt in Wissenschaft und
nationaler Verteidigung sind, sondern die Investition von riesigen Summen,
und das «militärische» Einberufungsmassnahmen nur am Rande
mit Verteidigungsproblemen zusammenhängen.
Er wird empört sein, das die planmässige
Unterdrückung von Minderheitsgruppen, ja sogar die Wiedereinführung
der Sklaverei ernsthaft und unter positiven Vorzeichen als möglicherweise
wichtige Faktoren für das Leben in einer friedlichen Welt diskutiert
werden. Und er wird gewiss nicht sehr erfreut von der wünschenswerten
Zunahme der Luft- und Wasserverseuchung (als Teil eines Programmes, das
den ständigen Frieden herbeiführen soll) Kenntnis nehmen, selbst
wenn ihm die Gründe dafúr auseinandergesetzt werden. Das in
einer Welt ohne Krieg früher oder späiter die Kinderzeugung nur
noch in der Retorte stattfinden darf, wird ihn wohl weniger stören,
vielleicht sogar seinen Beifall finden. Wiederum werden nur wenige nicht
empört sein, wenn sie in der Zusammenfassung am Schluss des Berichts
und noch einmal in den Empfehlungen der Sonderstudiengruppe lesen, das
die «Berechnung» einer Optimumzahl von MenschenIeben die alIjährlich
durch Krieg vernichtet werden müssen, in der Liste der vordringlichen
Aufgaben des Staates bei andauerndem Frieden ganz oben steht. Ich zähle
diese Beispiele vor allem deswegen auf, um den Leser vor dem zu warnen,
was ihn da erwartet. Die Politiker und Strategen, für die der Report
zunächst allein gedacht war, bedürfen einer solchen Vorwarnung
freilich nicht.
Dieses Buch ist die greifbare Antwort auf
John Does Frage an mich nach sorgfältiger Erwägung, was der Verleger
dieses Berichts unter UmstÄnden zu gewärtigen haben müsse,
übergaben wir das Manuskript dem Verlag Dial Press. Dort wurde seine
Bedeutung sofort erkannt und, was noch wichtiger ist, wir erhielten die
feste Zusage, das keine Einmischung von aussen, gleichgültig von welcher
Seite, die Veröffentlichung verhindern oder auch nur in Teilen beeinflussen
sollte.
Es muss klargestellt werden, das John
Doe gegen den Inhalt des Berichts nichts einzuwenden hat. In alíen
entscheidenden Punkten stimmt er mit semen Kollegen der Sonderstudiengruppe
vollkommen überein. Nur bezüglich seines Protests dagegen, das
man die Forschungsergebnisse der Allgemeinheit vorenthalten wollte, steht
er sozusagen als eine Ein-Mann-Minderheit allein da. Es ist aufschlussreich,
in welcher Weise die Gruppe die Frage der Buchveröffentlichung behandelte
und entschied.
Die Diskussion darüber fand bei der
letzten Voilversammlung der Gruppe vor der Niederschrift des Berichts,
Ende März 1966, im Iron Mauntain statt. Dabei sind zwei Tatsachen
zu beachten: Erstens, das die Mitglieder der Gruppe niemals ausdrücklich
zur Geheimhaltung ihrer Arbeit verpflichtet worden sind, weder bei ihrer
ersten Zusammenkunft noch zu irgendeinem spáteren Zeitpunkt; zweitens,
das die Kommission sich stets dennoch so verhalten hat, als wäre sie
zum Schweigen verpflichtet worden. Das lag wohl an der Geheimnistuerei
bei ihrer Gründung und an dem autoritären Ton, in dem man sie
instruierte. (Die Danksagung der Gruppe an die «zahlreichen Persönlichkeiten,
die unsere Arbeit so bereitwillig unterstützt haben», ist etwas
fragwürdig. Diesen «Aussenmitarbeitern» wurde nämlich
nicht gesagt, zu welchem Zweck man sie um ihren fachmäinnischen Rat
bat.)
Diejenigen, die entschieden fiür
eine Geheimhaltung des Berichts plädierten, taten dies aus Furcht
vor den explosiven politischen Auswirkungen, die eine Veröffentlichung
eventuell haben könnte. Zum Beispiel erinnerten sie an die Unterdrückung
des wesentlich weniger brisanten Berichts von dem seinerzeitigen Senator
Hubert Humphrey über die Arbeit des Unterausschusses fiir die Abrüstung
im Jahre 1962. (Mitglieder dieses Ausschusses sollen darauf hingewiesen
haben, der Report kbnnte möglicherweise von kommunistischen Propagandisten
dazu benutzt werden wie Senator Stuart Symington ausführte , «die
marxistische Theorie zu bekräftigen, das das kapitalistische System
seinen Erfolg der Rüstungsproduktion zu verdanken habe».) Ahnliche
Bedenken waren 1957 im Hinblick auf den bekannteren Gaither-Report und
1965 sogar bezügIich des sogenannten Moynihan-Reports geäussert
worden.
Im übrigen bestanden die Mitglieder
der Sonderstudiengruppe darauf, das man einen Unterschied machen müsse
zwischen Untersuchungen von höchster Wichtigkeit einerseits, die solange
vertraulich behandelt werden, bis die verantwortlichen Politiker sie zur
Veröffentlichung freigeben (wenn üiberhaupt!), und konventionellen
«Schaukasten»- Projekten andererseits, die dazu da sind, die
Einstellung einer politischen Führungsgruppe zu aktuellen Problemen
oder Vorgängen publik zu machen, um die zu beschwichtgen, die darauf
dringen, das etwas geschieht. (Als Beispiel wurde hier weil einige daran
teilgenommen hatten die «White House Conference» genannt,
eine Untersuchung über internationale Zusammenarbeit, Abrüstung
etc., die Ende 1965 veranstaltet worden war, um dic Proteste gegen die
Eskalation im Vietnam-Krieg zu übertönen.)
Doe akzeptiert diese Unterscheidung zweier
verschiedener Arten von Tätigkeitsberichten und räumt auch ein,
das die Öffentlichkeit den Bericht möglicherweise missverstehen
könnte. Aber er ist der Ansicht, daIs der verantwortliche Auftraggeber
die Mitglieder der Studiengruppe vor Beginn der Arbeit zur Geheimhaltung
verpflichtet haben würde, wenn er darauf Wert gelegt hätte. Er
hätte das Projekt ja auch einer der staatlichen «Denkfabriken»
anvertrauen kónnen, deren Arbeit grundsätzlich geheim ist.
Doe lachte über die Furcht vor einer unliebsamen öffentlichen
Reaktion, da sie keine nachhaltige Wirkung auf die langfristigen Massnahmen
haben könnte, die auf Grund der Vorschläge der Gruppe ergriffen
werden müssten, und er spottete darüber, das seine Kollegen nicht
die Verantwortung fiir ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen übernehmen
wollten. Er war der Ansicht, das die Öffentlichkeit ein Recht habe
zu erfahren, was zu ihrem eigenen Nutzen erarbeitet worden war; nicht er
habe sich zu rechtfertigen, sondern diejenigen, die dieses Recht beschneiden
wollten.
Ich sollte aber doch betonen, das ich die
Einstellung der Gruppe gegenüber Krieg und Frieden, Leben und Tod
und ihre Ansichten über die Erhaltung der Arten, wie sie in dem Bericht
zum Ausdruck kommen, nicht teile. Das werden überhaupt nur wenige
Leser. Menschlich betrachtet, ist dieser Bericht ein empörendes Dokument.
Aber dennoch zeugt er von dem ernsthaften und angestrengten Bemühen,
sich über ein ungeheures Problem klarzuwerden. Ferner erhellt er
anscheinend wenigstens gewisse Aspekte der amerikanischen Politik, die
auf andere Weise dem gesunden Menschenverstand gar nicht begreiflich zu
machen sind. Was wir über diese Erklärungen denken, ist eine
andere Sache, doch glaube ich, das wir Anspruch darauf haben, sie zu kennen.
New York, ini Juni 1967 L.C.L. |
Interview
mit John Doe
In einer Reihe von Gesprächen hat
mir John Doe die Arbeitsweise der Sonderstudiengruppe erläutert. Seine
Ausführungen werden hier nach der Tonbandaufzeichnung wörtlich
wiedergegeben. Die Reihenfolge der Fragen und Antworten wurde im Interesse
einer geschlossenen Darstellung gelegentlich verändert und Unwesentliches
weggelassen.
Wie wurde die Gruppe zusammengestellt?
Auf die Idee, die speziellen Probleme
eines Übergangs zu dauerndem Frieden einmal zu untersuchen, war man,
glaube ich, schon im Jahre 1961 gekommen. Sie stammt von einem der neuen
Männer, die mit Kennedy in die Regierung eintraten; ich denke dabei
vor allem an Mc Namara, Bundy und Rusk. Sie waren über mancherlei
sehr beunruhigt... unter anderem darüber, das man noch nicht ernsthaft
daran gedacht hatte, für den Frieden zu planen für einen langfristigen,
weltumspannenden Frieden einen Iangfristigen weltumspannenden Plan auszuarbeiten.
Alles, was darüber bis 1961 geschrieben
worden war, schien recht oberflächlich zu sein. Man schätzte
die Bedeutung dieses Problems offenbar nicht richtig ein. Das Iag wohl
vor allem daran, das die Idee eines wirklichien Friedens in der ganzen
WeIt, allgemeiner Abrüstung usw. als utopisch galt oder sogar als
hirnverbrannt. Noch immer ist das so, und man kann es verstehen, wenn man
beobachtet, was heute in der WeIt vorgeht... Es zeigte sich auch in den
damaligen Untersuchungen. Sie waren ganz einfach nicht realistisch...
Genauer wurde der Plan, eine Sonderstudiengruppe
zu bilden, Anfang 1963 ausgearbeitet... Die Beilegung der Kuba-Krise hatte
etwas damit zu tun; was aber die Sache vor allem in Bewegung brachte, waren
die geplanten grossen Veränderungen im Rüstungsbudget... Schliessung
oder Verlegung von Industriebetrieben usw. Von den meisten Massnahmen erfuhr
die Öffentlichkeit erst viel später...
Es nahm geraume Zeit in Anspruch, die
Männer fiir diese Komrnission auszuwäihlen. Die Aufforderungen
zur Teilnahme an der Studiengruppe wurden dann im Sommer 1963 versandt.
Wer traf die Auswahl?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Mit den
organisatorischcn Vorarbeiten hatte ich nichts zu tun. Ich erfuhr von dem
Plan ja selbst erst durch den Anruf, von dem ich Ihnen erzählt habe.
Aber drei von unseren Kollegen hatten schon bei den Vorbereitungen mitgewirkt,
und was wir anderen darüber wissen, hörten wir von denen. Ich
weiss daher, dass es ganz unformell begonnen hat. Welche Regierungsdienststelle
mit der Angelegenheit befasst war, ist mir nicht bekannt.
Sie haben diesbezüglich auch keine
Vermutungen?
Also gut ich denke, es war ein eigens
zu diesem Zweck gebildeter Ausschuss auf Kabinettsebene oder jedenfalls
nahe daran. Irgend so etwas musste es schon sein. Und dieser Ausschuss
beauftragte dann irgendeine Abteilung im State Department, im Verteidigungsministerium
oder im Nationalen Sicherheitsrat mit der Organisation Arrangieren der
persnlichen Kontakte, Bezahlen der Rechnungen etc.... Nur einer von uns
war in Verbindung mit Washington ich nicht. Aber ich bin sicher, dass
dort nur sehr, sehr wenige über das Bestehen unserer Gruppe unterrichtet
waren... Nehmen wir z. B. den Addey-Ausschuss.' Er wurde gebildet, als
wir unsere Arbeit schon aufgenommen hatten. Wenn Sie seinen Tätigkeitsbericht
lesen die alte Leier, kann ich Ihnen sagen: Wirtschaftsumstellungen,
Umwandlung von Rüstungsbetrieben in Fabriken fúr landwirtschaftliche
Geräte , ich würde mich wundern, wenn der Präsident von
der Existenz unserer Gruppe wusste. Der Ackley-Ausschuss wusste zumindest
nichts.
Ist das denkbar? Ich meine, dass der Präsident
keine Ahnung von der Existenz Ihrer Kommission hatte?
Ich will nicht sagen, dass unbedingt etwas
nicht in Ordnung ist, wenn die Regierung ein Problem gleich auf zwei verschiedenen
Ebenen in Angriff nimmt oder selbst wenn zwei oder drei Regierungsstellen
Versteckspiel miteinander treiben. Das kommt stets und ständig vor.
Vielleicht war der Prásident sogar informiert. Nichts gegen den
Addey-Ausschuss, aber man erwartete von uns (d. h. von den AckleyLeuten
wie auch von denen im Iron Mountain ) doch gerade, dass wir die alten,
eingefahrenen Geleise, Probleme zu betrachten, und den üblichen begrenzten
Blickwinkel aufgeben würden.
Sie müssen bedenken und Sie haben
den Report ja gelesen , dass man von uns eine ganz neue Denkweise erwartete,
einen ersten Schritt in eine neue Richtung. Herman Kahn nennt es «byzantinisch
denken» kein Herumgerede über kulturelle oder religiöse
Werte, keine moralischen Postulate. Es waren Rand und das Hudson-Institut
sowie das Institut für Verteidigungsanalyse, die eine neue Denkmethode
in die Kriegsplanung hineinbrachten ... Was wir tun soltten und was wir,
denke ich, auch taten , war, die Gegebenheiten und Aufgaben in einem fortwährenden
Frieden ebenso hypothetisch zu untersuchen wie die anderen die hypothetischen
Probleme emes Atomkriegs... Wir mögen weiter gegangen sein, als man
erwartet hat, aber wenn man erst einmal die Voraussetzungen erkannt hat
und nun logisch weiterdenkt, kann man nicht mehr zurück... Die Bücher
von Herman Kahn2 werden leicht missverstanden, zumindest von Laien. Sie
schockieren den Uneingeweihten. Aber sehen Sie, auf was es im Grunde ankommt,
sind nicht seine Schlussfolgerungen oder seine Ansichten. Es ist die Methode.
Kahn hat, soviel mir bekannt ist, mehr als alle anderen dazu beigetragen,
die Öffentlichkeit mit einem völlig neuen Stil des militärischen
Denkens vertraut zu machen.. Heute kann jeder Journalist Begriffe wie «Vergeltungsstrategie»,
«Minimal-Abschreckung» und «glaubwürdige Vernichtungsschlagkraft»
als bekannt voraussetzen. Er kann über Krieg und Strategie schreiben,
ohne sich in Moralfragen zu verheddern... Der andere grosse Unterschied
zwischen unserer Arbeit und der früherer Studiengruppen besteht in
den Dimensionen und der Reichweite unserer Untersuchungen. Ich kann nicht
behaupten, dass wir wirklich jeden erdenklichen Aspekt des Lebens und der
gesellschaftlichen Belange in Betracht gezogen haben, aber ich bin sicher,
dass wir keinen wesentlichen Gesichtspunkt unbeachtet liessen.
Warum wurde eine nichtstaatliche Kommission
mit der Durchführung dieser Untersuchun gen betraut? Warum nicht ein
Untersuchungsauss der Regierung?
Ich denke, das ist ganz einleuchtend,
oder sollte es jedenfalls sein. Die Denkweise, die von unserer Gruppe gefordert
wurde, ist in einer normalen Regierungsstelle nicht anzutreffen. Zu viel
Krampf, zu viele Einschrnkungen. Das ist nichts Neues. Warum werden wohl
Einrichtungen wie Rand und Hudson weiter beibehalten? Alle Aufträge,
die nur mit einem ganz unbelasteten und phantasievollen Denkvermögen
bewältigt werden können, vergibt man in der Regel an aussenstehende
Forschungsgruppen. Das trifft auch zu für die sogenannten «grauen»
Planungsvorhaben des State Department, die als inoffiziell gelten, im Grunde
aber höchst offiziell sind. Und das gilt auch für den amerikanischen
Geheimdienst.
Für unsere Aufgaben waren sogar die
nichtstaatlichen Forschungszentren noch allzu konventionelle Einrichtungen.
Es wurde lange darüber nachgedacht, wie man sicherstellen könne,
das unser Denken wirklich ganz uneingeschränkt sei. Das zeigte sich
auch in scheinbar Nebensächlichem; z. B. die Art, wie man uns «einberief»,
die Orte, an denen wir uns trafen, die subtile Art, sich mit uns zu verständigen.
Denken Sie an unsere Bezeichnung: einfach Sonderstudiengruppe. Sie wissen,
wie man Regierungsausschüsse sonst zu benennen pflegt. Warum nannte
man uns nicht «Unternehmen Pacifica», «Abteilung Olivenzweig»
oder so ähnlich? Für uns schien das alles nicht zu passen. Man
hätte den Namen ja als Anspielung verstehen können, er hätte
vielleicht irgendeine Assoziation ausgelöst. Wir führten bei
unseren Meetings auch nicht Protokoll; wir wollten uns nicht festlegen.
Natürlich machte sich jeder Aufzeichnungen für den eigenen Gebrauch.
Unter uns nannten wir uns die «Iron Mountain Boys» und sprachen
von unserem «Dings» oder was uns gerade so einfiel ...
Was können Sie mir über die Mitglíeder
der Arbeitsgruppe sagen?
Ich muss mich auf aligemeine Angaben beschränken...
Wir waren fünnfzehn, und zwar das ist wichtig Experten der verschiedensten
Fachgebiete, nicht nur Vertreter der akademischen Disziplinen. Naturwissenschaftler,
Soziologen, aher auch Geisteswissenschaftler. Ferner war unter uns ein
Jurist, ein Geschäftsmann und ein Rüstungsplaner. Übrigens
hatte jedes Mitglied auf mindestens zwei Gebieten Leistungen vorzuweisen.
Das war sogar emes der wichtigsten Kriterien bel der Auswahl der Teilnehmer.
Frauen waren nicht unter uns, aher ich
glauhe, das hat weiter keine Bedeutung... Wir waren selbstverständlich
alíe Amerikaner. Und ich kann wohl sagen, das wir alle bei guter
Gesundheit waren, zumindest am Anfang... Bel unserem ersten Zusammentreffen
hatten wir nichts anderes zu tun, als zuzuhören. Man las uns Personalakten
mit sehr detaillierten Angaben über die berufliche Tätigkeit
wie auch zur Person jedes einzelnen von uns vor. Selbst Krankengeschichten
gehörten dazu. Ich erinnere mich an etwas sehr Merkwiirdiges. Was
immer auch das besagen mochte: Bei den meisten von uns war ein abnorm hoher
Harnsäuregehalt des Blutes festgestellt worden Keiner von uns hatte
jemais zuvor eine Besprechung von Referenzen, Lebensläufen und Gesundheitszeugnissen
im grossen Kreis miterlebt. Es war recht unangenehm . Aber es schien alles
wohlüberlegt. Jeder sollte seine eigenen Entscheidungen treffen, ohne
Rücksicht auf gängige Regeln und Masstäbe. Das hiess auch,
das wir über die Fähigkeiten und Eigenschaften eines jeden von
uns urteilen und Verständnis fiir andere Meinungen haben mussten.
Ich glaube nicht, das diese ungewöhnliche Art, miteinander bekannt
zu werden, unsere Arbeit direkt beeinflusste, aber sie hat doch irgendwie
ihren Zweck erfüllt. Wir sollten uns durch absolut nichts stören
lassen, was begreiflicherweise unsere Objektivität hätte beeinträchtigen
können.
Ich konnte John Doe überzeugen, das
es zum besseren Verständnis des Berichts zweckmässig wäre,
die Berufe der einzelnen Mit glieder zu nennen. Die folgende Liste wurde
schriftlich ausgearbeitet richtiger gesagt: John Doe ab gerungen. Es
kam doch darauf an, so viele Informationen wie irgend möglich zu bieten,
ohne das Doe deshalb seinem Versprechen, die Anonymität seiner Kollegen
zu wahren, untreu werden musste. Das war natürlich nicht ganz einfach,
besonders dann, wenn es sich um ein prominentes Mitglied der Kommission
handelte. Daher unterliess er in solchen Fällen nähere Angaben
über besondere Verdienste, anhand deren der Betreffende vielleicht
identifiziert werden könnte.
Die Namen, die John Doe hier fiür
seine Kollegen gewäihlt hat, haben keine Ähnlichkeit mit den
wirklichen; er ist einfach dem Alphabet gefolgt. So war z. B. «Able>
der Verhindungsmann der Gruppe der den Kontakt mit Washington. Er war es,
der zu dem ersten Zusammentreffen die Personalakten mitbrachte, sie vorlas
und meistens als «Vorsitzender> fungierte. Er, Baker" und Cox"
waren die drei, die hei der Organisation der Gruppe mitgewirkt hatten.
Arthur Able" ist Historiker und Politologe;
er war zeitweilig auch Regierungsbeamter.
«Bernhard Baker> ist Pro fessor füir
internationales Recht und als Regierungsberater tätig
«Charles Cox> ist Natzonalökonom;
er hat sozialkritische Abhandlungen und Biographien veröffentlicht.
«John Doe>.
«Fdward Ellis> ist Soziologe, häufig
mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt.
<Frank Fox> ist Kultztrsoziologe.
<George Green> ist Psychologe, Päidagoge
und hat Eignungstestverfahren entwickelt.
«Harold Hilh ist Psychiater und
hat vor allem über die Beziehungen zwischen Einzel- und Gruppenverhalten
gearbeitet.
«John Jones> ist Geisteswissenschaftler
und Literaturkritiker.
«Martin Miller> ist Chemophysiker
von internationalem Rang.
«Paul Peters> ist Biochemikcr; er
hat bedeutende Entdeckungen auf dem Gebiet der Fortpflanzung gemacht.
<Richard Roe> ist Mathematiker und
arbeitet in einem nichtstaatlichen Forschungsinstitut an der Westküste
der USA.
«Samuel Smith> ist Astronom,
Physiker und Kommunikationsexperte.
<Thomas Taylor'> ist Systemanalytiker
und Rüstungsplaner; er hat zahlreiche Abhandlungen über Kriegs-
und Friedensfragen sowie über internationale Beziehungen veröffentlicht.
<William White» ist ein Industrieller,
der zahlreiche Regierungsaufträge ausgeführt hat.
Wie arbeitete die Gruppe? Ich meine, wo
und wann trafen Sie zusammen usw.?
Wir karnen in der Regel einmal im Monat
zusammen. Meistens an einem Wochenende und gewöhnlich für zwei
Tage. Wir hatten aber auch einige längere Konferenzen und eine, die
nur vier Stunden dauerte.. Wir trafen uns jedesmal an einem anderen Ort
der USA, ausgenommen bei der ersten und Ietzten Zusammenkunft; sie fanden,
wie schon gesagt, im Iron Mountain statt. Wir waren so etwas wie ein reisendes
Serninar... Manchmal war der Tagungsort ein Hotel, manchmal ein Universitäitsgebäude.
Zweimal kamen wir an Ferienplätzen zusammen, jeweils einmal auf einem
Privatbesitz in Virginia, in Bürohäusern in Pittsburgh und in
Poughkeepsie (New York) ... In Washington oder in Regierungsgebäuden
versammelten wir uns nie... Able gab bei jeder Zusammenkunft Ort und Zeit
der beiden nächsten Sitzungen bekannt. Diese Termine wurden nie verschoben...
Die Gruppe wurde nicht in Unterausschüsse oder in anderer Weise unterteilt.
Aber jeder von uns zog zwischen den Gruppentreffen aussenstehende Fachleute
zur Beratung und für Sonderaufträge heran... Alle fünfzehn
Mitglieder der Studiengruppe zusammengenommen standen gewiss mit der gesamten
akademischen Welt in Verbindung. Wir konnten jeden Experten anrufen, wann
immer es notwendig war, und wir machten regen Gebrauch davon . Unser Honorar
wurde nach einem sehr bescheidenen Tagessatz berechnet. Auf den Bankanweisungen
stand nur «Spesen». Wir sollten diese «Einnahmen»
nicht bel der Steuererklärung angeben... Die Zahlungen kamen von einem
Sonderkonto Arthur Ables bei einer New Yorker Bank. Er unterschrieb die
Schecks... Ich habe keine Ahnung, was die ganze Sache gekostet hat. Was
unseren Zeitaufwand und unsere Reisekosten betrifft, wird es gerade eben
eine sechsstellige Summe gewesen sein. Teurer war sicherlich die Arbeitsleistung
und -zeit der Computer...
Sie sagten, Sie glauben nicht, das Ihre
Arbeit durch berufliche Vorurteile beeinträchtigt worden sei. Wie
steht es mit politischen und philosophischen Divergenzen? Ist es möglich,
sich mit Fragen von Krieg und Frieden zu beschäftigen, ohne persönliche
Anschauungen mitsprechen zu lassen?
Ja, das ist möglich. Ich verstehe
natürlich Ihre Skepsis. Aber wenn Sie bei einem unserer Meetings dabeigewesen
wären, hätten Sie Mühe gehabt, herauszufinden, wer von uns
liberal und wer konservativ eingestellt war, bzw. wo die Falken und wo
die Tauben waren. Es gibt tatsäichlich so etwas wie Objektivität,
und ich denke, wir hatten sie uns zu eigen gemacht... Ich will damit nicht
sagen, das nicht jeder von uns eine persönliche gefühlsmässige
Einstellung zu seiner Arbeit hatte, beim einen stärker, beim anderen
weniger stark ausgeprägt. Zwei von uns hatten am Schluss Herzattacken,
und das war gewsis kein Zufail, möchte ich behaupten.
Sie sagten, Sie hätten für Ihre
Arbeit eigene Grundregein aufgestellt. Was waren das für Regeln?
Die wichtigsten waren: Zwanglosigkeit
und Einstimmigkeit. Mit Zwanglosigkeit meine ich, das unsere Diskussionen
kein bestimmtes Ziel hatten. Wir waren nicht darauf bedacht, beim Thema
zu bleiben, sondern folgten im Gegenteil jeder Anregung, es nach allen
Seiten hin auszuweiten. So hielten wir uns z. B. lange mit der Frage auf,
welche Beziehungen zwischen Einberufungsmassnahmen und Beschäftigtenstand
in der Industrie besteht. Bevor wir zu einem Schluss kamen, hatten wir
die Geschichte der Strafgesetzgebung in der westlichen Welt durchstreift
und eine Unmenge von vergleichenden psychiatrischen Untersuchungen (von
Eingezogenen und Freiwilligen) studiert. Wir waren sogar auf die politische
und gesellschaftliche Organisation des Inkareiches zu sprechen gekommen
und auf die Auswirkung der Automation auf unterentwickelte Nationen.. Alles
war von Bedeutung...
Mit Einstimmigkeit meine ich nicht, das
wir abstimmten wie eine Jury, sondern das wir uns mit jedem zur Debatte
stehenden Problem solange beschäftigten, bis wir wie die Quäker
sagen würden den «Sinn unserer Zusammenkunft» begriffen
hatten. Das schien zunächst Zeitverschwendung zu sein, aufs Ganze
gesehen erwies es sich jedoch als Zeitersparnis. Schliesslich sendeten
wir sozusagen alle auf der gleidien WellenIänge...
Natürlich gab es auch Differenzen,
und zwar betrachtliche, vor aliem zu Anfang... Bei der Lektüre von
Abschnitt eins des Berichts hat man vielleicht den Eindruck, wir hätten
zunächst nur unsere Direktiven durchgesprochen. So einfac.h war es
nicht. Es dauerte geraume Zeit, bis wir eine von allen akzeptierte Definition
unserer Aufgabe formuliert hatten... Das war vor allem Roes und Taylors
Verdienst.
Es gibt so manches in diesem Bericht,
was heute ganz klar erscheint, anfangs aber alles andere als einleuchtend
war. Nehmen wir z. B. die Beziehung zwischen Krieg und Gesellsdiaftssystemen.
Wir gingen von der traditioneflen These des preussischen Generals und Kriegstheoretikers
Clausewitz aus, die lautet: «Krieg ist die Fortsetzung der Politik
mit anderen Mitteln.» Able war zunächst der einzige, der das
bestritt. Fox nannte seinen Einspruch geradezu «pervers». Und
doch war dann Fox derjenige, der die meisten Beweise dafür beibrachte,
das Able recht hatte, und schliesslich stimmten wir alle mit ihm überein.
Ich erwähne das, weil es meiner Meinung nach ein gutes Beispiel für
unsere Art der Teamarbeit ist. Ein Triumph der neuen Methode über
das alte Klischee. Ich will mich hier nicht weiter darüber auslassen,
wer zu welcher Zeit fiir wen Partei ergriff. Aherdings muss ich zugeben
Ehre, wem Ehre gebührt , das zu Beginn nur vier von uns, nämlich
Roe, Able, Hill und Taylor, imstande waren, zu erkennen, wohin uns unsere
Methode führen würde.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, erzielten
Sie am Ende stets Übereinstimmung.?
Ja. Es ist ein einstimmiger Bericht. Das
heisst nicht, das unsere Meetings immer harmonisch verliefen. Einige Male
ging es sogar recht stürmisch zu. In den letzten sechs Monaten gab
es oft spitzfindige Dispute über unwichtige Details. Wir hatten zulange
unter Druck gearbeitet, wir hatten zulange zusammengearbeitet. Es war kein
Wunder, das wir uns manchmal gegenseitig auf die Nerven fielen. Eine Zeit
lang sprachen Able und Taylor nicht miteinander. Miller drohte, er wolle
nicht mehr mitmachen. Aber das liess sich alles wieder einrenken. Wirklich
unüberwindliche Differenzen gab es nicht.
Wie kam der Report zustande, und wer schrieb
ihn..??
Am ersten Entwurf waren wir alle
beteiligt. Jones und Able brachten ihn zu Papier, und dann wurde er zur
kenntnisnahme und Korrektur an alle Mitarbeiter herumgeschickt, bevor die
endgültige Fassung hergestellt wurde.. Die einzigen Probleme waren,
welche Form der Bericht haben sollte und für wen wir ihn überhaupt
schrieben. Und dann natürlich die Frage seiner Vertraulichkeit...
[Does Kommentar zu diesem Punkt habe ich, kurz zusammengefasst, in der
Einführung wiedergegeben.]
Sie erwähnten einen Leitfaden für
«Friedensspiele». Was sind «Friedensspiele»?
Der Bericht erwähnt diesen Begriff
leider nur. Ich wäre gern näher darauf eingegangen. «Friedensspiele»
sind eine Vorhersagemethode, ein Informationssystem, das wir im Laufe unserer
Arbeit entwickelten. Ich fand das sehr aufregend. Selbst wenn keine einzige
unserer Empfehlungen befolgt werden sollte und das ist durchaus denkbar
, die «Friedensspiele» wird man nicht ignorieren können.
Sie sind zwar nur ein Nebenprodukt unserer Arbeit, aber sie werden das
Studium der soziologischen Problerne revolutionieren. Wir suchten nach
einem schnell arbeitenden brauchbaren Verfahren, um die Auswirkungen ungleichartiger
gesellschaftlicher Phänomene auf einen Nenner zu bringen. Wir fanden
es. Es ist noch in einern primitiven Stadium, funktioniert aber.
Wie werden «Friedensspiele»
gespielt? Ähneln sie den von der Rand Corporation entwickelten «Kriegsspielen»?
Man kann «Friedensspiele»
nicht spielen wie Schach oder Skat, so wie man auch «Kriegsspiele»
nicht mit Zinnsoldaten spielen kann. Man braucht dazu Computer. Es handelt
sich also um ein Programmiersystem, um eine Computer-Sprache wie Fortran,
Algol oder Jovial ... Diese «Spiele» dienen dazu, Fakten, die
nach aussen hin nichts miteinander zu tun haben, in Beziehung zueinander
zu bringen... Eine genauere Definition wúrde die Sache eher nur
noch mehr komplizieren. Aber ich kann Ihnen ein paar Beispiele geben. Angenommen,
ich beauftrage Sie, herauszufinden, welchen Einfluss die Mondlandung amerikanischer
Astronauten auf die Wahlen -sagen wir in Schweden- haben würde. Oder
welche Auswirkung eme bestimmte Änderung des Militärdienstgesetzes
auf die Grundstückspreise im Zentrum von Manhattan haben würde;
oder eine Änderung der Aufnahmebedingungen unserer Colleges auf die
britische Schiffsbauindustrie. Sie würden mir wahrscheinlich antworten,
das Sie da erstens überhaupt keine Verbindung sehen und das
man zweitens diese angeblich möglichen Auswirkungen nicht vorhersagen
könne. Aber Sie irren sich in beiden Punkten. In jedem Fall würde
es Auswirkungen geben, und die «Friedensspiel»Methode ermöglicht
uns, die Stärke und den Umfang dieser Auswirkungen vorauszusehen.
Ich habe die genannten Beispiele nicht aus der Luft gegriffen. Wir wälhten
sie nämlich auch für die Erprobung der Methode... Kurz, es handelt
sich um ein sorgfältig ausgearbeitetes, schnell Resultate lieferndes
Testsystem zur Feststellung von Arbeitsalgorithmen, ähnlich wie die
meisten anderen raffinierten Modelle von elektronischen Problemlösungsverfahren..
Viele von den «Spielen» dieser
Art sind nichts anderes als hochgestochene Konversationsübungen. Ja,
Spiele und nichts weiter. Über eines dieser Art wurde im Bulletin
der Ganadian Gomputer Society berichtet; es nannte sich «VietnamFriedensspiel*.
Hier handelt es sich um Simulierungstechnik, aber die Programmierungshypotbesen
sind spekulativ... Die Idee eines solchen Problemlösungssystems stammt
nicht von uns. ARPA3 hat schon daran gearbeitet, ferner die General Electric
in Kalifornien und wohl auch noch andere ... Wir waren nicht deshalb erfolgreicher,
weil wir mehr vom Programmieren verstanden denn wir verstanden gar nicht
mehr davon , sondern weil wir herausbekamen, wie man die Probleme exakter
formulieren kann. Das alte Sprichwort hat recht: Man findet immer die richtige
Antwort, wenn man die richtige Frage kennt...
Angenommen, Sie hätten diese Methode
nicht entwickelt. Waren Sie trotzdem zu den gleichen Schlüssen gekommen?
Gewiss. Aber es hätte viel länger
gedauert... Doch verstehen Sie meine Begeisterung über die «Friedensspiel»-Methode
bitte nicht falsch. Bei allem Respekt vor der Computertechnik und ihrer
Bedeutung für unser Denken: die Grundentscheidungen müssen stets
von Menschen getroffen werden. Nicht die «Friedensspiele» sind
fiir den Bericht verantwortlich. Wir sind es! |