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Der Aufstieg des Pianisten Bugge Wesseltoft zu einer Leitfigur der kreativen norwegischen Musikszene war kein Schnellschuss. Wesseltoft, dessen Vorname wie Boogie ausgesprochen werden soll, war seit Beginn der 90er-Jahre fest mit der Entwicklung des norwegischen Jazz verbunden. Er ist präsent etwa auf CDs des "Übervaters" Jan Garbarek und von Arild Andersen, (auf denen er hauptsächlich als Keyboarder wirkt) und war Mitglied der Gruppe von Terje Rypdal. Eine Solo-Piano CD mit romantischen Interpretationen von Weihnachtsliedern und anderen eingängigen Volksweisen, sowie Duo-CDs mit seiner Landsfrau und Sängerin Sidsel Endresen sind weitere Produkte der letzten fünf Jahre des Schaffens von Wesseltoft.
Mit dem Label Jazzland betreibt er darüber hinaus eine wichtige Plattform zur Veröffentlichung zeitgenössischer norwegischer Musik. Programmschwerpunkt ist die Schnittstelle zwischen Jazz und elektronischer Musik. Womit auch schon der Übergang zum aktuellen Schaffen gemacht ist.
Die entscheidende Wende im Werk von Wesseltoft kam 1995 mit der ersten einer Serie von CDs, die unter dem selbstbewussten Übertitel "New Conception Of Jazz" stehen. Wie alle Neuerungen, so ist auch diese nicht spontan aus dem leeren Raum entstanden. Wesseltofts "Neue Konzeption des Jazz" nimmt Bezug auf Strömungen aktueller Musik, nimmt daraus einzelne Komponenten und verbindet sie auf sensible Weise Elemente mit eigenen, sehr persönlichen Stilelementen. Die zeitgeistigen Bausteine, die Wesseltoft zum Einsatz bringt, kommen aus der Richtung von Electronica, Trip-Hop, House und Dance, allesamt Musikrichtungen, die in den letzten Jahren für mancherlei befruchtende Impulse für den Jazz gesorgt haben. Wesseltofts urpersönliche Beigaben kontrastieren in reizvoller Weise mit den Grundcharakteristika dieser Musikformen: Seine musikalische Seele ist wesentlich geprägt von Romantik mit einem Hang zu der als typisch norwegisch empfundenen elegischen Grundstimmung.
Die New Conception CDs bieten eine große dynamisch-rhythmische Bandbreite: Von sanft dahin fließenden Soundimpressionen ohne erkennbares Metrum bis zu stampfenden, Dancefloor-geeigneten Pulsorgien ist alles möglich. Meist liegt dem musikalischen Geschehen ein solider Groove zu Grunde. Klangmäßig sind die Grundklangzutaten der Musik in auffallender Weise hauptsächlich akustischer Natur: Wesseltoft selbst spielt meist akustisches Piano, der rhythmische Boden wird von einem fetten Kontrabass (Ingebrigt Flaten) beigesteuert. Als Zusatz zum "echten" Schlagzeug (Anders Engen) gibt es des öfteren ein "Drum Programming". Gastmusiker sind Saxophonisten (u.a. Hakon Kornstad), Trompeter (u.a. Nils Petter Molvaer) und wieder die Stimme von Sidsel Endresen. Dazu gelegentlich Prisen der guten alten B3 Hammond-Orgel, Cello, Synthi, Vinyl. Verschlafener Sprechgesang vermittelt Menschlichkeit und kleine Sinnbotschaften, wenn man auf den Text hören will. Das Ganze wird dann noch durch Programming verfeinert; ein zeitgeistiger Anstrich kommt von Samples und Loops.
Die Abwechslung in allen Aspekten dieser Musik macht wohl einen großen Teil ihres Reizes aus. Sie ist Musik für viele Lebenslagen und Emotionen für Menschen des frühen 21. Jahrhunderts: von Introspektion bis Spaß, von Dance bis Chill-Out. Die Grundstimmung ist meist positiv, ja fröhlich. Aber wie im Leben braucht man auch hier den Gegenpol, und der findet sich in der Ruhe der nordischen Weite.
Die vorläufig letzte CD der Serie, "Moving" knüpft nahtlos mit unverändertem Konzept an den Vorgänger an. Aber man meint, etwas mehr Kühle und eine verstärkt robotermäßige Rhythmik zu verspüren, bei etwas weniger Variantenreichtum als auf "Sharing".
Wesseltofts Musik ist keine genuine Avantgarde. Aber die Jazzgeschichte ist voll von Beispielen, wo die Verschmelzung von Stilen zu einem Strom neuer Musik geführt hat, der dann zum neuen Stil wurde, oftmals zur Avantgarde. Es wird spannend, in welche Richtung Wesseltoft sich bewegen wird, jetzt nachdem er mit großem Medien-Einsatz zum Star erhoben wurde. Möge die neue Konzeption diesem Druck standhalten und ihr reichlich Kreativität entgegensetzen.
siehe
Rezension
in Jazz Live!
