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Universal 9866181
Rec. live at the Generalmusikdirektion Graz, 28.4.2003
http://www.jazzbigbandgraz.com
Die von Heinrich von Kalnein und Horst-Michael Schaffer geleitete JBBG hat sich zu einer weiteren tragenden Säule der österreichischen Bigband-Szene gemausert.
Die suitenartige Musik dieser Liveproduktion - ausschließlich Eigenkompositionen von Bandmitgkliedern - ist als Soundtrack zu einem imaginären Roadmovie konzipiert und führt uns durch vielgestaltige Klanglandschaften.
Moderner, klassischer Bigbandsound des anspruchsvollen Mainstreams, ohne Swing-Seligkeit, aber auch ohne Avantgarde-Kanten oder Überraschungen.
Satter Bigbandsound, feine Klangflächen, komplexe Themen, lebendige Soli, munterer Groove. Bei der spanisch angehauchten Schlussnummer kommen starke Reminiszenzen an Gil Evans / Miles Davis auf - soll uns auch recht sein!
Bigband-Fans werden sowieso nicht an dieser CD vorbeikommen, also der Aufruf an alle, die glauben - noch nicht - zu dieser Schar zu gehören: Reinhören!
PS: Ein Extraplus für die originelle Covergestaltung mit dem musikalischen Stadtplan!
(Stubenrauch)
Wrightwood Records WRCD-1580
Rec. Nov & Dec 2003
Freunde des klassischen Vokaljazz (ich selbst zähle mich da ja weniger dazu) sollten diese CD
versuchen.
Dies ist kein weiteres Herunterleiern abgedroschener Standards sondern frisches Songmaterial, das
teilweise das Zeug dazu hat, selbst zu Standards zu werden.
Man bedient sich erfolgreich aller bewährten Ingredenzien - und wohl auch Klischees - um makellos niveauvolle, jazzmäßige Unterhaltung ohne jede Bruchstelle zu produzieren:
Geschmackvolle arrangierte Bläsersätze, schwellendes Vibraphon, kurze Jazzsoli, dezenter Swing, ein wenig Latintouch, zum Glück noch weniger Streicherschnulz. Und natürlich eine samtige, obwohl kräftige weibliche Stimme gänzlich ohne Irritationen, die sich ab und an auch mit einem
männlichen Gegenpart in ein Duett verstrickt. Die Mischung ist äußerst wohlklingend, und öfters meint man unweigerlich,
man habe das schon irgendwo einmal gehört. Aber, wie gesagt: keine Standards, sondern alles neues Material. Erstaunlich, irgendwie!
(Stubenrauch)
Extraplatte EX-DVD 004 (DVD)
Rec. live at Porgy & Bess, 5.4.2003
Ein genaues Studium der Besetzungliste macht stutzig: Fische!? Visuelle Effekte !? Aaah, es handelt sich also um eine DVD, ein Video! Aaah, deswegen meldet der CD-Player nur: Error.
Na gut, also eine Herausforderung an mehrere Sinneskanäle? Wenn es gestattet ist, würde ich mich dennoch lieber auf das klangliche Ereignis konzentrieren - die Fische, ob einzeln oder in Schwärmen,
ob vorwärts oder rückwärtsschwimmend, ob in Zeitraffer, gespiegelt oder "natur", ob mit oder ohnen menschliche Begleiter, sie lassen mich seltsam unberührt, so bunt und ästhetisch sie auch sein mögen.
Und die seltenen Einblendungen der live agierenden Musiker, egal wie verfremdet, sind zu wenig, um einen Bezug zum musikalischen Strom herzustellen (außer ganz oberflächlichen, wie: Hai=aggressiv, Rochen=majestätisch). Ja, schlimmer: sie lenken die Aufmerksamkeit von der zarten
Entwicklung der musikalischen Strukturen ab. Denn die atmosphärische Musik braucht sehr viel Zeit um sich zu entfalten, sie atmet in großen Zügen. Kosmische, und ja, zugegeben: ozeanische Assoziationen drängen sich auf.
Ohne Unterbrechung entsteht eine lange Suite von Ambient-Elektrogroove-Bigband-Jazzfunk-Heavyrock. Einigermaßen eklektiscch, aber durchaus stimmig. Solange man die Bilder weglässt.
Ich würde diese Musik gerne öfter hören und meine eigenen Bilder in meinem Kopf dazu entstehen lassen. Wenn mich der CD-Player nur ließe. Schade!
(Stubenrauch)
Sonor Records SONCD 8005
Rec. 18.6.2003
Es schrummt und trötet nach Herzenslust, das
Tanzbein und der Hintern schwingen (der hüsche Bandname ist übrigens inspiriert von einem bekannten Lokal gleichen Namens in New Orleans) und man meint sich
schweißgebadet inmitten einer New Orleans Marching Band. Allerdings haben die
keine Pianos dabei und außerdem spielt sich die Szene in Oslo, Norwegen ab. Ja,
auch das können die Norweger also: ordentlich grooven und die Trommel rühren,
dass es funkt! Die solistischen Glanzpunkte sind zwar unauffällig, die Kompositionen dieser Produktion hingegen großteils originell bis
ausgesprochen ohrwurmartig - und oft gleichzeitig elegant. Die Aufnahme wurde
standesgemäß naturbelassen „live im Studio“ durchgeführt, was die Atmosphäre
belebt. Die Spannung kann allerdings nicht permanent gehalten werden und so gibt
es etliche Kreativpausen (und damit sind nicht die wohltuenden Balladen
gemeint). Sei’s drum, das Marschieren und die lustigste Party erfordern
Pausen! Jedenfalls ist diese Sache weit mehr als eine Kuriosität! Nordic
Marching!
(Stubenrauch)
altrisuoni AS160
Franck Tortiller (vib, marimba, xylophone), Yves Torchinsky (b), David Pouradier Duteil (dr)
Es ist schwer, dem metallischen Wohlklang des Vibraphons
und der holzig-trockenen Klangfülle von Marimba und Xylophon nicht zu erliegen,
besonders, wenn sie in geschmackvolle Kompositionen eingebettet sind und getragen von locker swingenden Rhythmen (satter
Bass, leichte Besen!) daherkommen. Das wussten schon die Herren vom Modern Jazz
Quartett. Und genau das passiert auch hier auf dieser CD des
Vienna-Art-Orchestra-Mitgliedes Tortiller: entspannende Genussmusik, die auch
höchstem Qualitätsanspruch genügt, und die sich so dem Innovationszwang
entziehen kann. Die Lust am Klang kann sich in den reifen, eleganten
Kompositionen voll entfalten. Und doch ist reichlich Raum für solistische
Exkursionen. Es knistert nur so vor Spielfreude. Wieder
ist Altri Suoni ein großer Wurf gelungen. Einziger Kritikpunkt: 44 Minuten sind
nicht genug
(Stubenrauch)
frimfram production ff 01
Martin Schrack (p), Markus Bodenseh (b), Torsten Krill (dr)Ein neues Label betritt die
Bühne: frimfram, betrieben vom Stuttgarter Schlagzeuger Torsten Krill. Die
ersten beiden CD-Produktionen machen einen sehr soliden, ja reifen Eindruck.
Schon das dezente Design und die sinnliche-stabile Qualität der Verpackung, die
ohne Kunststoff auskommt, geben den Ton vor, der auch die Musik bestimmt.
Gediegene Qualität ohne Kompromisse.
Das Label hat sich auf die Fahnen geheftet "Musik der 4. Art" zu produzieren. Was das sein soll, wird nicht erklärt, aber vielleicht muss man nur den historischen
"Third Stream" in die postmoderne Gegenwart katapultieren? Eine Anbiederung an
Gegenwartstrends ist dennoch nicht festzustellen: Auf "Mosaic" ist keinerlei Elektronik zu vernehmen,
die Musik ist rein akustischen Ursprungs. Das musikalische Ausgangsmaterial ist extrem vielfältig: Bartok, Ellington, die Beatles, ein deutscher Schlager. Und natürlich Eigenkompositionen von Schrack.
Aber egal, woher die Substanz stammen mag, es wird alles mit sehr individueller Note transformiert: in Schlagerartiges, Volksliedhaftes.
Jazz sowieso, aber auch Romantisches mit Untermalung eines Streichquartett. Keine Angst, es wird nie kitschig, immer ist eine gewisse frische Kantigkeit zu spüren. In den lebhaften Passagen kommt
sogar so etwas wie Hardbop- oder Rockfeeling auf, und es kann fast
Jarrett-artig grooven.
Und dann ist da eine kurze, durchkomponierte "Prelude & Fugue" für Streichquartett! Ein sehr abwechslungsreiches, unterhaltendes,
anspruchsvolles, anregendes, entspannendes Hörerlebnis, das sich im Kopf festsetzt.
Jedenfalls "Musik der vielfältigen, interessanten Art", für die es in dieser
Kombination vielleicht tatsächlich noch keine Schublade gibt. Aber dorthin wollen wir sie
sowieso nicht stecken.
(Stubenrauch)
frimfram production ff 02
Carsten Netz (ts, cl, fl, voice), Jo Ambros (g), Uwe Lange (b), Torsten Krill (dr, perc)
Hier also der nächste Streich von frimfram, und wieder eine gelungene, runde Sache. Nachdem wir bei einem lyrischen Lied, so erfrischend wie klare
Bergluft, schon ins Träumen abgegleitet sind, reißt uns das Dröhnen einer heavy Stromgitarre heraus - in die "Reality" eben! Ja, die Gitarre, der hier eine tragende Rolle zukommt, ist zu Vielem fähig.
Diese Musik entspricht perfekt der Realität des postmodernen Städters, der zwischen Stress und Entspannungssuche pendelt. Elegisches, Orientalisches, Rockiges. Der Atem der Zeit, zwischen reduziertem, wohlgesetzten Schönklang und
wohldosiertes Chaos zulassenden Energieausbrüchen lässt Raum für Gegebenheiten und Sehnsüchte.
Liedhafte Musik zum Nachdenken, Träumen, Abarbeiten, Zurückblicken, Fröhlichsein, Kräftesammeln.
(Stubenrauch)
Universal
Musik von Billy Holiday, John Coltrane, Charles Mingus, Max Roach, Art Blakey, Archie Shepp, Ornette Coleman, Sam Rivers, Steve Coleman, Cecil Taylor und William Parker.
Die CD zum gleichnamigen Buch von Christian
Broecking (Siehe Buchbesprechung)
bietet einen repräsentativen Querschnitt durch die Geschichte
selbstbewusster, „respektfordernder“ afroamerikanischer Musik, die ihren Ausdruck zwischen leidvoller Introspektion, offenem politischen Angriff,
und künstlerischer Freiheit findet. Die CD beginnt schlüssig mit Billy
Holidays „Strange Fruit“ von 1939, dem Ursprung allen expliziten
Protestausdrucks im Jazz, und spannt den Bogen über die politischen
Protestsongs von Charles Mingus („Fables of Faubus“) und Max Roach, den
spirituellen Antworten John Coltranes auf das Leid des Rassismus („Alabama“,
„A Love Supreme“) und reicht u.a. über die Neuentdeckung des Blues und der
Tradition in den 70-er Jahren durch Archie Shepp, Sam Rivers universellen
Postmodernismus und Cecil Taylors beharrliche Selbstauslotung bis zu den
„Jungen“, die durch Steve Coleman repräsentiert sind. Mit Ornette Colemans
„Broken Shadows“ ist sogar eine ausgesprochene Rarität vertreten, wurde
doch die Platte „Crisis“, von der das Stück stammt, noch nie auf CD veröffentlicht.
Dass sich die Zusammenstellung nicht ganz mit den Schwerpunkten des Buches
deckt, ist klar. Einerseits können viele Musiker nicht mehr selbst Stellung
nehmen, andererseits sind die wirtschaftlichen Grenzen der Labels zu
beachten. Durch die geistreichen Kommentare Broeckings zu den einzelnen Musikstücken
und zusammen mit dem Buch ergibt sich jedenfalls ein kraftvolles, lehrreiches,
aber durchaus auch unterhaltendes „Medienpaket“ rund um ein spannendes Thema
– musikalisch, kulturpolitisch und gesellschaftspolitisch.
(Stubenrauch)