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Rezensionen September 2004

Die folgenden Rezensionen erscheinen in Jazz Live.


Jazz Bigband Graz: "A Life Affair"

Universal 9866181
Rec. live at the Generalmusikdirektion Graz, 28.4.2003
http://www.jazzbigbandgraz.com

Heinrich von Kalnein, Robert Friedl, Klaus Gesing, Christian Bachner, Martin Harms: sax;
Andy Pesendorfer, Axel Mayer, Hort-Michael Schaffer, David Jarh: tp;
Wolfgang Messner, Reinhard Summerer, Helgi Jonsson, Hans Radinger: tb;
Olver Kent (p), Uli Rennert (key, synth), Henning Sieverts (b), John Hollenbeck (dr, perc)

Die von Heinrich von Kalnein und Horst-Michael Schaffer geleitete JBBG hat sich zu einer weiteren tragenden Säule der österreichischen Bigband-Szene gemausert. Die suitenartige Musik dieser Liveproduktion - ausschließlich Eigenkompositionen von Bandmitgkliedern - ist als Soundtrack zu einem imaginären Roadmovie konzipiert und führt uns durch vielgestaltige Klanglandschaften. Moderner, klassischer Bigbandsound des anspruchsvollen Mainstreams, ohne Swing-Seligkeit, aber auch ohne Avantgarde-Kanten oder Überraschungen. Satter Bigbandsound, feine Klangflächen, komplexe Themen, lebendige Soli, munterer Groove. Bei der spanisch angehauchten Schlussnummer kommen starke Reminiszenzen an Gil Evans / Miles Davis auf - soll uns auch recht sein! Bigband-Fans werden sowieso nicht an dieser CD vorbeikommen, also der Aufruf an alle, die glauben - noch nicht - zu dieser Schar zu gehören: Reinhören!
PS: Ein Extraplus für die originelle Covergestaltung mit dem musikalischen Stadtplan!
(Stubenrauch)


Marilyn Harris: "Future Street"

Wrightwood Records WRCD-1580
Rec. Nov & Dec 2003

Marilyn Harris (p, voc), Wayne Bergeron (flh), Dave Carpenter (b), Pete Christlieb (ts), Larry Corbett (cello), Mario De Leon (violin), Dan Higgins (as,ts,fl), Piotr Jandula (viola), Bob Leatherbarrow (dr,vib), Bill Liston (bs,fl), Warren Luening (flh), Andy Martin (tb), Bruce Otto (tb), Michelle Richards (violin/concertmaster), Dave Stone (string bass), Mark Winkler (voc), Mark Wolfram (voc,perc,key)

Freunde des klassischen Vokaljazz (ich selbst zähle mich da ja weniger dazu) sollten diese CD versuchen. Dies ist kein weiteres Herunterleiern abgedroschener Standards sondern frisches Songmaterial, das teilweise das Zeug dazu hat, selbst zu Standards zu werden. Man bedient sich erfolgreich aller bewährten Ingredenzien - und wohl auch Klischees - um makellos niveauvolle, jazzmäßige Unterhaltung ohne jede Bruchstelle zu produzieren: Geschmackvolle arrangierte Bläsersätze, schwellendes Vibraphon, kurze Jazzsoli, dezenter Swing, ein wenig Latintouch, zum Glück noch weniger Streicherschnulz. Und natürlich eine samtige, obwohl kräftige weibliche Stimme gänzlich ohne Irritationen, die sich ab und an auch mit einem männlichen Gegenpart in ein Duett verstrickt. Die Mischung ist äußerst wohlklingend, und öfters meint man unweigerlich, man habe das schon irgendwo einmal gehört. Aber, wie gesagt: keine Standards, sondern alles neues Material. Erstaunlich, irgendwie!
(Stubenrauch)


Mühlbacher usw.: "05.04.03"

Extraplatte EX-DVD 004 (DVD)
Rec. live at Porgy & Bess, 5.4.2003

Gerald Preinfalk (cl, bass-sax); Aneel Soomary, Lorenz Raab, Franz Hautzinger (tp); H.G. Gutternigg (ophikleïde); Cyriak Jäger (tuba); Alexander Machacek, Martin Siewert (g); Michael Hornek (key); Charly Petermichl (elektronics); Tibor Kövesdi (b); Christian Mühlbacher (dr); Lauro Bandeira (perc); Georg Mittermayr (Fische, Unterwassermovies); Willy Wysoudil (visual effects, video remix)

Ein genaues Studium der Besetzungliste macht stutzig: Fische!? Visuelle Effekte !? Aaah, es handelt sich also um eine DVD, ein Video! Aaah, deswegen meldet der CD-Player nur: Error. Na gut, also eine Herausforderung an mehrere Sinneskanäle? Wenn es gestattet ist, würde ich mich dennoch lieber auf das klangliche Ereignis konzentrieren - die Fische, ob einzeln oder in Schwärmen, ob vorwärts oder rückwärtsschwimmend, ob in Zeitraffer, gespiegelt oder "natur", ob mit oder ohnen menschliche Begleiter, sie lassen mich seltsam unberührt, so bunt und ästhetisch sie auch sein mögen. Und die seltenen Einblendungen der live agierenden Musiker, egal wie verfremdet, sind zu wenig, um einen Bezug zum musikalischen Strom herzustellen (außer ganz oberflächlichen, wie: Hai=aggressiv, Rochen=majestätisch). Ja, schlimmer: sie lenken die Aufmerksamkeit von der zarten Entwicklung der musikalischen Strukturen ab. Denn die atmosphärische Musik braucht sehr viel Zeit um sich zu entfalten, sie atmet in großen Zügen. Kosmische, und ja, zugegeben: ozeanische Assoziationen drängen sich auf. Ohne Unterbrechung entsteht eine lange Suite von Ambient-Elektrogroove-Bigband-Jazzfunk-Heavyrock. Einigermaßen eklektiscch, aber durchaus stimmig. Solange man die Bilder weglässt. Ich würde diese Musik gerne öfter hören und meine eigenen Bilder in meinem Kopf dazu entstehen lassen. Wenn mich der CD-Player nur ließe. Schade!
(Stubenrauch)


Funky Butt: "The Glove"

Sonor Records SONCD 8005
Rec. 18.6.2003

Vidar Sæther (sax), Kåre Nymark jr. (tp), Even Skatrud Andersen (tb), Anders Aarum (p), David Gald (tuba), Knut Lothe (dr)

Es schrummt und trötet nach Herzenslust, das Tanzbein und der Hintern schwingen (der hüsche Bandname ist übrigens inspiriert von einem bekannten Lokal gleichen Namens in New Orleans) und man meint sich schweißgebadet inmitten einer New Orleans Marching Band. Allerdings haben die keine Pianos dabei und außerdem spielt sich die Szene in Oslo, Norwegen ab. Ja, auch das können die Norweger also: ordentlich grooven und die Trommel rühren, dass es funkt! Die solistischen Glanzpunkte sind zwar unauffällig, die Kompositionen dieser Produktion hingegen großteils originell bis ausgesprochen ohrwurmartig - und oft gleichzeitig elegant. Die Aufnahme wurde standesgemäß naturbelassen „live im Studio“ durchgeführt, was die Atmosphäre belebt. Die Spannung kann allerdings nicht permanent gehalten werden und so gibt es etliche Kreativpausen (und damit sind nicht die wohltuenden Balladen gemeint). Sei’s drum, das Marschieren und die lustigste Party erfordern Pausen! Jedenfalls ist diese Sache weit mehr als eine Kuriosität! Nordic Marching!
(Stubenrauch)


Franck Tortiller Trio: "Early Dawn"

altrisuoni AS160

Franck Tortiller (vib, marimba, xylophone), Yves Torchinsky (b), David Pouradier Duteil (dr)

Es ist schwer, dem metallischen Wohlklang des Vibraphons und der holzig-trockenen Klangfülle von Marimba und Xylophon nicht zu erliegen, besonders, wenn sie in geschmackvolle Kompositionen  eingebettet sind und getragen von locker swingenden Rhythmen (satter Bass, leichte Besen!) daherkommen. Das wussten schon die Herren vom Modern Jazz Quartett. Und genau das passiert auch hier auf dieser CD des Vienna-Art-Orchestra-Mitgliedes Tortiller: entspannende Genussmusik, die auch höchstem Qualitätsanspruch genügt, und die sich so dem Innovationszwang entziehen kann. Die Lust am Klang kann sich in den reifen, eleganten Kompositionen voll entfalten. Und doch ist reichlich Raum für solistische Exkursionen. Es  knistert nur so vor Spielfreude. Wieder ist Altri Suoni ein großer Wurf gelungen. Einziger Kritikpunkt: 44 Minuten sind nicht genug
(Stubenrauch)


Martin Schrack: "Mosaic"

frimfram production ff 01

Martin Schrack (p), Markus Bodenseh (b), Torsten Krill (dr)
+ Harald M. Winkler & Andreas Ticozzi (violin), Martha Ticozzi (viola), Stefan Susana (cello), Libor Sima (bassoon, ts), Christian Weidner (as)

Ein neues Label betritt die Bühne: frimfram, betrieben vom Stuttgarter Schlagzeuger Torsten Krill. Die ersten beiden CD-Produktionen machen einen sehr soliden, ja reifen Eindruck. Schon das dezente Design und die sinnliche-stabile Qualität der Verpackung, die ohne Kunststoff auskommt, geben den Ton vor, der auch die Musik bestimmt. Gediegene Qualität ohne Kompromisse.
Das Label hat sich auf die Fahnen geheftet "Musik der 4. Art" zu produzieren. Was das sein soll, wird nicht erklärt, aber vielleicht muss man nur den historischen "Third Stream" in die postmoderne Gegenwart katapultieren? Eine Anbiederung an Gegenwartstrends ist dennoch nicht festzustellen: Auf "Mosaic" ist keinerlei Elektronik zu vernehmen, die Musik ist rein akustischen Ursprungs. Das musikalische Ausgangsmaterial ist extrem vielfältig: Bartok, Ellington, die Beatles, ein deutscher Schlager. Und natürlich Eigenkompositionen von Schrack. Aber egal, woher die Substanz stammen mag, es wird alles mit sehr individueller Note transformiert: in Schlagerartiges, Volksliedhaftes. Jazz sowieso, aber auch Romantisches mit Untermalung eines Streichquartett. Keine Angst, es wird nie kitschig, immer ist eine gewisse frische Kantigkeit zu spüren. In den lebhaften Passagen kommt sogar so etwas wie Hardbop- oder Rockfeeling auf, und es kann fast Jarrett-artig grooven. Und dann ist da eine kurze, durchkomponierte "Prelude & Fugue" für Streichquartett! Ein sehr abwechslungsreiches, unterhaltendes, anspruchsvolles, anregendes, entspannendes Hörerlebnis, das sich im Kopf festsetzt. Jedenfalls "Musik der vielfältigen, interessanten Art", für die es in dieser Kombination vielleicht tatsächlich noch keine Schublade gibt. Aber dorthin wollen wir sie sowieso nicht stecken.
(Stubenrauch)


frimfram collective: "Reality Music"

frimfram production ff 02

Carsten Netz (ts, cl, fl, voice), Jo Ambros (g), Uwe Lange (b), Torsten Krill (dr, perc)
+ Dirk Blümlein (el-b), Uwe Schenk (p), Hans Peter Ockert (flh), Hansmartin Eberhardt (as), Uli Röser (tb)

Hier also der nächste Streich von frimfram, und wieder eine gelungene, runde Sache. Nachdem wir bei einem lyrischen Lied, so erfrischend wie klare Bergluft, schon ins Träumen abgegleitet sind, reißt uns das Dröhnen einer heavy Stromgitarre heraus - in die "Reality" eben! Ja, die Gitarre, der hier eine tragende Rolle zukommt, ist zu Vielem fähig. Diese Musik entspricht perfekt der Realität des postmodernen Städters, der zwischen Stress und Entspannungssuche pendelt. Elegisches, Orientalisches, Rockiges. Der Atem der Zeit, zwischen reduziertem, wohlgesetzten Schönklang und wohldosiertes Chaos zulassenden Energieausbrüchen lässt Raum für Gegebenheiten und Sehnsüchte. Liedhafte Musik zum Nachdenken, Träumen, Abarbeiten, Zurückblicken, Fröhlichsein, Kräftesammeln.
(Stubenrauch)


"Respekt!"

Universal

Musik von Billy Holiday, John Coltrane, Charles Mingus, Max Roach, Art Blakey, Archie Shepp, Ornette Coleman, Sam Rivers, Steve Coleman, Cecil Taylor und William Parker. 

Die CD zum gleichnamigen Buch von Christian Broecking (Siehe Buchbesprechung) bietet einen repräsentativen Querschnitt durch die Geschichte selbstbewusster, „respektfordernder“ afroamerikanischer Musik, die ihreAusdruck zwischen leidvoller Introspektion, offenem politischen Angriff, und künstlerischer Freiheit findet. Die CD beginnt schlüssig mit Billy Holidays „Strange Fruit“ von 1939, dem Ursprung allen expliziten Protestausdrucks im Jazz, und spannt den Bogen über die politischen Protestsongs von Charles Mingus („Fables of Faubus“) und Max Roach, den spirituellen Antworten John Coltranes auf das Leid des Rassismus („Alabama“, „A Love Supreme“) und reicht u.a. über die Neuentdeckung des Blues und der Tradition in den 70-er Jahren durch Archie Shepp, Sam Rivers universellen Postmodernismus und Cecil Taylors beharrliche Selbstauslotung bis zu den „Jungen“, die durch Steve Coleman repräsentiert sind. Mit Ornette Colemans „Broken Shadows“ ist sogar eine ausgesprochene Rarität vertreten, wurde doch die Platte „Crisis“, von der das Stück stammt, noch nie auf CD veröffentlicht. Dass sich die Zusammenstellung nicht ganz mit den Schwerpunkten des Buches deckt, ist klar. Einerseits können viele Musiker nicht mehr selbst Stellung nehmen, andererseits sind die wirtschaftlichen Grenzen der Labels zu beachten. Durch die geistreichen Kommentare Broeckings zu den einzelnen Musikstücken und zusammen mit dem Buch ergibt sich jedenfalls ein kraftvolles, lehrreiches, aber durchaus auch unterhaltendes „Medienpaket“ rund um ein spannendes Thema – musikalisch, kulturpolitisch und gesellschaftspolitisch.
(Stubenrauch)

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