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Broeckings zweite Interviewsammlung setzt thematisch die erste ("Der Marsalis-Faktor") fort und stellt elf Gesprächspartnern die beharrliche Frage nach dem Status und der gesellschaftlichen Relevanz der afroamerikanischen Musik damals in den 60-er Jahren, als das "New Thing" entstand, und in der heutigen Zeit, in der der Neokonservativismus des Wynton Marsalis die Oberhand gewonnen zu haben scheint (womit auch der Anknüpfungspunkt zum ersten Interview-Band Broeckings gegeben ist). Mit Sonny Rollins, Wayne Shorter, Bill Dixon ("Oktoberrevolution des Jazz" 1964, Gründer der Jazz Composers' Guild), Max Roach (als Schöpfer der "Freedom Now Suite" und als Positiv-Rassist Langzeit-Geächteter des Jazzbusiness), Ornette Coleman (als Individualist par excellence eine Kategorie für sich selbst), Archie Shepp (einer der "Zornigen"), Roswell Roswell (einer der wenigen Weißen des "New Thing"), Sam Rivers (Vermittler zwischen Tradition und Avantgarde), William Parker, und den Jungen Steve Coleman und James Carter (der mehrfach von den anderen als Einziger Junger genannt wird, der die Idee des "New Thing" fortlebt) kann man sich kaum eine Runde vorstellen, die das Thema kompetenter diskutieren könnte. In der Gemeinsamkeit ihrer Aussagen entsteht ein authentisches, lebendig schillerndes Bild der Jazz-Szene einst und jetzt und eine vielschichtige Betrachtung afroamerikanischer Kultur in den USA. Die Ansichten sind kontroversiell: von radikal politisch - Roach würde gerne die Segregation wieder reingeführt sehen - bis pragmatisch - Rivers räumt mit der Legende auf, es hätte keine öffentliche Unterstützung der Loft-Szene gegeben; man müsse sich eben um die Gelder kümmern. Klar ist, dass es allen Interviewpartnern gelungen ist trotz der widrigen Umstände ihre künstlerischen Vorstellungen weitestgehend umzusetzen. Dixon und Ornette Coleman repräsentieren die entsprechende kompromisslose Haltung des "kreativen Individuums unter allen Umständen" vielleicht am besten.
Die inhaltliche Bandbreite der Aussagen korrespondiert mit den verschiedenen Erzählstilen. Ähnlich wie bei ihrer Musik, so findet auch die sprachliche Eloquenz der Künstler ihren Niederschlag zwischen Präzision, Poesie und Philosophie. So sind die Interviews ein Beitrag zum besseren Gesamtverständnis der Musiker als Kulturschaffende, Kreative, politisch Denkende, und schlicht als Mitmenschen. Manch eines der Interviews mag dem Leser schon in einer Zeitschrift untergekommen sein (leider wird keine genaue Auskunft darüber gegeben), der kleine Sammelband ist dennoch ein Muss für alle, die an afroamerikanischer Musik Interesse haben. Stehen auch die außermusikalischen Aspekte im Vordergrund, so wird doch deren untrennbare Verwebung mit dem künstlerischen Schaffen deutlich und damit bietet das Buch eine erweiterte Sicht über eine spezifisiche, vielfältige musikalische Landschaft.
Broecking hat zum Buch eine Begleit-CD (siehe
CD-Besprechung) zusammengestellt, die uns die Musik, von der die Rede ist, in repräsentativer Weise auch sinnlich erlebbar macht.
(Stubenrauch)

edition neue zeitschrift für musik, Schott Musik, 2003, gebunden, 139 Seiten, mit CD
Der 2003 allzu früh verstorbene Peter Niklas Wilson, Autor von lesenswerten Büchern über Jazzmusiker wie Miles Davis, Sonny Rollins, Anthony Braxton und Albert Ayler, und selbst Musiker, legt hier eine Arbeit über ein musikalisches Phänomen vor, das dem Geist des Jazz in weiten Bereichen diametral entgegen gestellt zu sein scheint. Reduktion ist in dieser Musik, wo die Qualitätsmaßstäbe meist Virtuosität, Intensität, ständige Neuschöpfung durch Improvisation sind, selten anzutreffen. Umso interessanter mag es für Jazzinteressierte sein, in ganz andere Bereiche zeitgenössischer Musik hinein zu blicken. Jazz ist in dieser Abhandlung tatsächlich kaum ein Thema, das Spannungverhältnis zwischen Improvisation und Reduktion allerdings sehr wohl.
Wilson stellt in Portraits wichtige Musiker und deren "Schulen" vor, gibt einen Abriss der historischen Entwicklung zum Thema (so z.B. die Beziehung zu und die Abgrenzung von der visuellen "Minimal Art" und der "Minimal Music") und lässt vor allem wichtige Protagonisten in Interviews und Statements selbst zu Wort kommen. Auf seine zwei Fragen, nämlich einerseits der nach dem Stellenwert der Reduktion in ihrem eigenen Schaffen und andererseits der Frage nach der allgemeinen Bedeutung der Reduktion in der Musik der Gegenwart finden sie ein breites Spektrum von radikalen Antworten. Von sehr persönlichen Erfahrungen und philosophischen Gedanken über gesellschaftsanalytische Überlegungen, die unseren kulturellen "Zeitgeist" und die Rolle von Musik und Kunst hinterfragen, bis hin zu spirituellen Gedanken - aber auch deren schroffe Ablehnung. Sinnlichkeit und abstrakter Intellekt sind vereinbar. Faszinierend auch die verschiedenen Wege, über die die Musiker zur Reduktion gefunden haben; man denke nur an Radu Malfatti, der ja als ein Ex-Freejazzer nun einen der extremsten Standpunkte der Reduktion vertritt. Reduktion also als "Weniger ist mehr", als Antwort auf das "anything goes"? Mitnichten lässt sich das Thema auf derartig simple Positionen vereinfachen! Die Stille und ihre Weggefährtin, die Pause, kommen zu ihrem Recht, dennoch - oder gerade deswege - ist das Resultat des Einsatzes einfacher Mittel oftmals aber geradezu unheimlich intensiv: Veränderte Maßstäbe (Dauer, Lautstärke, Klangqualität) lassen uns die Musik konzentriert wie durch ein Mikroskoop erscheinen und verleihen dem einzelnen, auch noch so unscheinbaren, klanglichen Ereignis Bedeutung. Wilson gelingt eine vielschichtige, schillernde Darstellung dieses Themas, bei dem Uneingeweihten leicht Langeweile assoziieren könnten.
Die hübsche Gestaltung des sorgfältig edierten Buches erfreut den Leser ebenso wie Wilsons wunderbar klare und präzise, aber dennoch geradzu poetische Sprache. Die beigelegte CD macht viele der besprochenen Schlüsselstücke hörbar. Durch diese repräsentativ Tonbeigabe werden die oftmals doch recht abstrakten Ausführungen auch für diejenigen Leser erlebbar und nachvollziehbar, die keine tiefergehenden musiktheoretischen Grundkenntnisse mitbringen und keinen Zugriff auf diese - ansonsten teilweise wohl schwer aufzutreibenden - Aufnahmen haben. Ohren auf, Achtung: Horizonterweiterung!
(Stubenrauch)
Argon Verlag, 2004, 303 Seiten, gebunden
Der legendäre Status von Blue Note rechtfertigt eine Dokumentation der Lebensgeschichte dieses Labels, beruht er doch auf den jahrzehntelangen Beiträgen, mit denen diese "Institution" das Jazzgeschehen aufgezeichnet und auch mitgestaltet hat. In höchster Qualität wurden Zeitgeschmack und Entwicklungen festgehalten, und das nicht nur im künstlerischen Kernbereich, der Jazzmusik, sondern auch durch herausragende Tontechnik (Toningenieur Rudy Van Gelder ist vielleicht die einzige Berühmtheit in dieser Zunft) und optische Gestaltung (die Covergestaltungen von Reid Miles mit den Fotos von Frank Wolff haben ähnliche Bedeutung wie die Musik). Cooks Buch begleitet die beiden deutschen Emigranten und Label-Gründer Alfred Lion und Frank Wolff durch alle Höhen und Tiefen auf ihrem Weg als Jazzproduzenten, der 1939 in New York begann. Hotjazz, Bebob, Souljazz, modaler Jazz der 60-er Jahre, "Groove" und aalglatter Funkkitsch der 70-er Jahre waren die wesentlichen stilistischen Stationen des Labels. Nach einem Stillstand folgte - längst ohne Lion und Wolff - Anfang der 80-er Jahre ein Neubeginn und die Wiederauferstehung zum anspruchsvollen und erfolgreichen Mainstreamlabel der Jetztzeit.
Salopp geschrieben und schludrig übersetzt ist das Buch dort am wertvollsten, wo interessante Einblicke in das Jazz- und allgemein ins Musikleben der verschiedenen Epochen gewährt werden und die mitbestimmenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Randbedingungen angesprochen werden. So stellt sich die Geschichte von Blue Note als eine schwindelerregende Gratwanderung zwischen herausragendem Qualitätsanspruch einerseits und ökonomischem Zwang andererseits dar. Die Eigendynamik des endlosen "Fusionskarussells" in der Musikszene (angefangen mit der Übernahme durch Liberty Ende 1965) und die Stilzwänge des Marktes werden eindringlich geschildert. Reizvoll ist auch die einfühlsame Darstellung der Menschen, die die Sache am Leben erhielten und der familiären Atmosphäre, die zwischen den Stammmusikern und den Produzenten herrschte.
Die Kommentare zur Musik, die einen großen Teil des Buches ausmachen, sind stark vom persönlichen Geschmack des Autors gefärbt. Freejazz und Funk scheinen nicht zu seinen Vorlieben zu gehören und so werden in knapp 20 Seiten die entsprechenden Blue-Note-Produktionen "moderneren Stils" mit knappen lakonischen Bemerkungen abgetan oder ätzend
kritisiert. Letzteres trifft besonders für die vielen Soul-Funk-Produktionen ab etwa 1970 zu, wo Cook in die übliche pauschale Aburteilung der überlieferten Kritik einstimmt. Dies ist schade, denn angesichts des heutigen Funk- und Groove-Revivals, das oftmals gerade auf Blue-Note-Scheiben dieser Zeit zurückgreift (original oder als "Sample") wäre eine etwas
differenziertere Sichtweise angebracht. Was dem Buch ebenfalls fehlt ist der Versuch zu analysieren, warum gerade Blue Note ein derartig populäres Kultlabel geworden ist. Original Blue-Note-Vinyl erzielt Spitzenpreise, Fotos und Covers werden auf Ausstellungen gezeigt, Diskographien und jetzt eben auch das vorliegende Buch werden veröffentlicht. Warum eigentlich? Welche Bedürfnisse werden damit beim Publikum erfüllt? Eine kulturhistorische und soziologische Aufarbeitung der entsprechenden Aspekte steht noch aus
und würde womöglich ganz neue Meta-Sichten des Phänomens Blue-Note zutage fördern.
Das Buch kommt ohne eine detaillierte Diskographie und ohne ein einziges Bild - sei es Foto
oder Plattencover - aus; beides ist ja auch anderweitig ausreichend dokumentiert. Die unterhaltsame Lektüre bietet viele neue Einblicke, aber keine wirklich neuen Erkenntnisse. Möge es potenzielle Autoren inspirieren
mit angemessenem Weitblick auch die Geschichten anderer unabhängiger Labels zu schreiben.
Gerade in Europa gab und gibt es davon eine Vielzahl.
(Stubenrauch)