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Rezensionen Februar 2004

Die folgenden Rezensionen erscheinen in Jazz Live.


Abbey Lincoln: "It's Me"

Verve / Universal 038 171-2
Rec. Nov 2002 / Feb 2003

Abbey Lincoln (voc), Kenny Barron (p), Ray Drummond (b), Jaz Sawyer (dr), Julien Lourau (ts,ss), James Spaulding (fl,as), Laurent Cugny (arr,cond), Alan Broadbent (arr,cond)

Bei all den Wellen von weiblichen Gesangs-Stars und Sternchen, mit denen uns alljährlich die großen Musikkonzerne überschwemmen (immer noch jünger, noch blonder, noch "sinnlicher") tut so eine CD gut. Nicht nur, weil sie zeigt, dass Alter keine Schande ist (auch wenn uns das betont auf jugendliche Faltenlosigkeit getrimmte Coverbild einer flippigen 73-Jährigen diesbezüglich etwas verunsichert), und dass Kontinuität im künstlerischen Schaffen möglich ist, sondern auch weil die Musik schlicht gut ist. Begleitet von einer einfühlsamen Jazzgruppe um den großartigen Kenny Barron interpretiert sie sowohl fremde („Skylark“) als auch eigene Kompositionen, sowie den traditionellen Gospel-Titelsong (im grandiosen Duo mit Barron). Die Orchesterbegleitung – glücklicherweise nicht auf allen Tracks - mit sülzigen Streichern und nervigem Flöten-Gefiepe ist entbehrlich, trägt aber immerhin etwas zur Abwechslung bei. Die Stimme Lincolns hat schon immer etwas unangepasst Brüchiges, das – ähnlich wie bei Nina Simone, oder bei Lincolns großem Vorbild, Billie Holiday - ihr authentische Tiefe verleiht. Man erinnert sich: Lincoln hat sich in den 60er-Jahren mit ihrem damaligen Mann Max Roach aktiv für die Emanzipation der Schwarzen in den USA eingesetzt, was vom Establishment entsprechend mit einem Quasi-Boykott ihrer Musik beantwortet wurde. Auch wenn sie inzwischen längst das direkt Kämpferische abgelegt hat, mit „It’s Me!“ macht sie einmal mehr ihren sehr persönlichen Standpunkt deutlich.
(Stubenrauch)


Berndt Luef & Jazztett Forum Graz: "Trialogue"

Extraplatte EX 594-2 038 171-2
Rec. 15.5.2002, 13.5.2003. 14.7.2003

Berndt Luef (vib), Axel Mayer (tp,flh), Micahel Bergbaur (tb), Reinhard Summerer (tb), Mathias Auchter (as), Georg Gratzer (as,ss), Klemens Pliem (ts,ss), Thomas Rottleuthner (bs,bcl), Dragen Tabakovic (g), Thorsten Zimmermann (b), Dusan Novakov (dr)

Berndt Luefs „Jazzett Forum Graz“, das 2003/04 sein zehnjähriges Bestehen feiert, ist längst zu einer der beständigsten Jazzformationen Österreichs geworden, deren Schaffen dank der Unermüdlichkeit des Leaders auch regelmäßig auf Tonträgern dokumentiert wird. Anspruchsvolle Kompositionen für den reichen Klangkörper einer „Little Big Band“, das sind auch wieder die soliden Eckpfeiler der neuesten CD. Erwartungsgemäß bewegt man sich auf dem gesicherten Territorium modernen „klassischen“ Arrangierens (bezeichnenderweise ist eine der Kompositionen Oliver Nelson gewidmet). Die komplexen Kompositionen Luefs sind rhythmisch und stimmungsmäßig äußerst vielfältig, von introspektiven Balladen bis zum fröhlichen Rockbeat und folkloristischen Tänzen, und reichen von kompakten Eineinhalbminütern bis zu ausgedehnten Suiten. Immer liegt der Schwerpunkt der Musik auf der Struktur, die solistischen Einlagen sind wohlgesetzt und genau kalkuliert in ihrer Wirkung. Eine Trio-Nummer rundet die Produktion mit einer willkommenen - klanglichen reduzierten - Abwechslung ab und bietet Gelegenheit, intensiv dem perfekt-sensiblen Zusammenspiel von Luef, Zimmermann und Novakov zu lauschen. Auf die nächsten zehn Jahre!
(Stubenrauch)


Eric Dolphy: "75th Birthday Celebration"

ZYX FANCD 6085-2 (3 CDs)
Rec. 1.4.1960-4.4.1964

Eric Dolphy (as,fl,bcl,cl) mit verschiedenen Gruppen, inkl. Ron Carter (b,cello), Roy Haynes (dr), Booker Little (tp), Jaki Byard (p), Oliver Nelson (as), Don Ellis (tp), Mal Waldron (p), Ed Blackwell (dr), Richard Davis (b), John Coltrane Quartet, Charles Mingus Sextet

Die Möglichkeiten von Label-Fusionen werden in Produktionen wie dieser deutlich: durch den Zusammenschluss von Prestige, Riverside, Pablo und Jazz Workshop unter dem Dach von Fantasy liegt der Großteil des dokumentierte Schaffens von Eric Dolphy in einer Hand (es fehlen natürlich seine legendäre Platte "Out to Lunch" für Blue Note und die Session um "Iron Man/Conversations"). Die Chance wird genutzt, indem man den genialen Intrumentalisten, Komponisten und Improvisator Dolphy zum runden Geburtgag mit einer Anthologie feiert, wie schon zuvor Thelonious Monk, Milt Jackson und Dexter Gordon in entsprechenden Produktionen. Statt Sammler mit teuren Luxus-Boxen mit einem oder zwei Bonus-Tracks zu gängeln, geht es hier wirklich um die Musik: die in schlichtem Schwarzweiß aufgemachte Produktion im Klappdesign besticht durch ein 27-seitiges Booklet mit genauen diskographischen Angaben und einem exzellenten Essay (in Englisch und Deutsch), in dem Dolphy als der Vorreiter der Postmoderne charakteristiert wird, weil er schon damals, in der Frühzeit des Freejazz, keinen Widerspruch zwischen Swing, Latin-Rhythmen, Indischem und komplex Freitonalem sah, alles verbunden mit instrumentaler Virtuosität und unglaublicher Musikalität. Mehr ist hier auch zur Musik selbst nicht zu sagen, das würde den Rahmen sprengen. Die Kompilation enthält in chronologischer Reihenfolge repräsentative Beispiele aus fast allen wesentlichen Produktionen der Jahre 1960 bis 1964, und aller von ihm gespielten Instrumente, bis zum legendären Bassklarinetten-Solo über "God Bless The Child". Auch Aufnahmen als Sideman bei Ron Carter, Mal Waldron, Oliver Nelson, George Russell (diese Version von "'Round Midnight"!) und John Coltrane ("My Favorite Things") sind vertreten. Sie schließt mit "So Long Eric", live mit Charles Mingus zwei Monate vor seinem Tod aufgenommen.
3 CDs (3 Stunden, 45 Minuten!) fast zum Preis von einer, das ist ein weiterer Kaufgrund für alle, die wenig von Dolphy kennen, oder die ihre vielen Dolphy-LPs nur selten auf den Plattenteller legen wollen.
Gratulation, Eric! Gratulation, Fantasy! Gratulation den Hörern!
(Stubenrauch)


John McLaughlin: "Thieves and Poets"

Emarcy / Universal 0602498010754
Rec. 2002

Deutsche Kammerphilharmonie (Dirigent: Renato Rivolta), Aighetta Quartet

Diese Produktion besteht aus zwei Teilen, deren Gemeinsamkeiten mit den Begriffen "akustische Gitarre" und "Romantik" umrissen werden können. Der erste Teil ist die 26-minütige Titel-Komposition für Gitarre und Orchester, die McLaughlin schon vor vielen Jahren unter dem Arbeitstitel "Europe" geschrieben und auch aufgeführt hatte. Das über weite Strecken spanisch-romantische, aber durchaus lebendige Grundgefühl erinnert an Gitarrenkonzerte von Joaquín Rodrigo, mit dem man im Jazzkontext wiederum Miles Davis' und Gil Evans' Interpretation von dessen "Concierto Aranjuez" verbindet. Und man weiß ja, welche Bedeutung Davis für McLaughlin hat. Solche Gedankenketten sind hier durchaus erlaubt, denn das "Thieves" im Titel ist eine Anpielung darauf, dass McLaughlin in seinem Leben von sehr vielen Menschen und Strömungen beeinflusst wurde. Er fragt sich im Booklet, wo die Grenze zwischen "gestohlenem" und "originalem" Gedanken ist. Sehr gute Frage, die wir hier gleich so im Raum setehen lassen wollen!
Für den zweiten Teil der CD ist die Frage geklärt: es gibt keine "Original"-Kompositionen, sondern es werden vier Standards interpretiert, und der Gitarren-Maestro widmet sie vier verschiedenen ... Pianisten! Wie schon vor zehn Jahren auf seinem Bill Evans Tribute "Time Remembered", so lässt er sich auch hier von einem Gitarren-Quartett begleiten. Die fünf Gitarristen emulieren also quasi ein Klavier.
Fazit? Trotz perfekter Technik des Meisters (hätten wir fast vergessen zu erwähnen) und durchaus spürbarer Spielfreude wirkt die Sache insgesamt etwas ziellos. Was das Orchesterwerk an Originalität vermissen lässt, gleicht der pure Musikgenuss jedoch etwas aus, in dem es sich beim Hören der höchtsensiblen Standard-Interpretationen schwelgen lässt. Wobei dieses Schwelgen den Hörer durchaus nahtlos in den Schlaf überleiten kann.
Und es muss gesagt werden: ein Minus für das schwer lesbare, unübersichtliche Booklet!
(Stubenrauch)


Mamadou Diabate & Bekadiya: "Sira Fila"

Extraplatte EX 610-2
Rec. 2002/03 ?

Mamadou Diabate (balafon, djembe, lunga, dundun, pi), Thomas Berghammer (tp, flh), Werner Wurm (tb), Achim Tang (b), Shayan Fathi (dr), Nicholas Baker (kpanlogo), Louis Sanou (balafon, djembe, voc); feat. Fatoumata Dambele (voc)

Afro-Jazz aus Wien. Auf der dritten Extraplatte-CD des aus Burkina Faso stammenden Diabate gehen afrikansche Komponenten eine schöne Verbindung mit Jazzelementen ein, ohne wirklich mit ihnen zu "verschmelzen". Die Welten bestehen vielmehr nebeneinander, wobei die afrikanische eindeutig die Grundlage bildet, auf der sich die Unisono-Melodielinien und jazzigen Solo-Einsprenglser der Bläser entfalten können. Vor allem die entspannten Beiträge des Posaunisten vermitteln ein sehr souliges Gefühl, der Akustik-Bass ist Anker und Schwerpunkt im wirbelnden Afrobeat. Diabete gibt an Balafon und Djembe die Richtung der Musik vor, die erwartungsgemäß sehr stark rhythmusorientiert ist. Das Spektrum reicht dabei von komplex-verzahnten Polyrhythmen bis zum einfachen Groove. Gelegentlicher Gesang in der Landessprache der Sambla (dem Volk, as dem Diabate stammt) bereicht die klangliche Bandbreite. Und für die Freunde des puren Trommelfiebers gibt es zwei Djembe-basierte Leckerbissen zu hören. Insgesamt eine runde, anregende Sache, nicht nur zum Tanzen und nicht nur für Afro-Fans!
(Stubenrauch)


Faruq Z. Bey with The Northwoods Improvisers: "Ashirai Pattern"

Entropy ESR 013
Rec. Juni-Nov 2002, studio/live

Faruq Z. Bey (ts,as,ss,fl,words), Mike Carey (ts,fl,words), Mike Gilmore (vib,marimba,cheng), Mike Johnson (b,sho,perc), Nick Ashton (dr,perc) + auf einem Track: Len Bukowski (contra-acl), Mike Khoury (violin)

Wie schon auf der Vorgänger-CD "19 Moons", so folgt die Gruppe um den 61-jährigen - nichtsdestotrotz fast unbekannten - Bey auch hier der Tradition der "Great Black Music", wie sie etwa von Sun Ra (dessen Komposition "Shadow World" interpretiert wird) und dem Art Ensemble of Chicago vorgelebt wurde, allerdings auf stark reduzierter "Flamme". Eine kurze Rezitation von "Black Poetry", abwechslungsreiche Klänge auf wechselndem Instrumentarium, freie Improvisation auf starker rhythmischen Grundierung, das sind die bewährten Zutaten. Es gibt aber auch lange getragene, meditative, hymnische Momente. Zusammen ergibt sich ein Wechsel zwsichen spannungsgeladener und auffallend entspannte Musik mit "spiritueller", mystischer Grundstimmung. Trotz der recht offenen Strukturen der Kompositionen kommt es nicht zu Powerplay-Exzessen, Bey strahlt authentische Ruhe und Reife aus. Insgesamt nicht gerade eine Offenbarung an Neuem, aber durchaus hörenswert.
(Stubenrauch)

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