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Die folgenden Rezensionen erschienen in Jazz Live Nr 134/2002.
HatOLOGY 581
Rec. 2.4.2001
Marc Copland (p), Drew Gress (b), Jochen Rueckert (dr)
Ein Klaviertrio interpretiert Balladen, und zwar Standards. Das mag nicht gerade als originell zukunftsweisendes Konzept erscheinen, aber dieses intime Format ist immer wieder der Boden für erstaunliche, höchst individuelle, nicht selten zeitlose musikalische Äußerungen. Es fordert geradezu die persönliche Positionierungen im Strome der Tradition und Copland liefert eine wertvolle Bereicherung des Genres. Seine Variante ist ausdrücklich keine Hommage an Coltrane, obwohl sich das Programm fest im Repertoire des Meisters verankert, eingerahmt von drei Kurzversionen von "My Favorite Things" plus Crescent und Greensleeves. Andere Nummern sind von Gershwin, Waldron, Sting, Porter, und auch ein Copland-Original findet sich. Die Interpretationen sind durchwegs thematisch stark verwurzelt, lösen sich aber schnell von der Vorlage und entwickeln sich zu einem Dialog mit ihr in ruhiger, unsentimentaler Konzentration. In der Zurücknahme auf das Wesentliche liegt hier die Virtuosität, sowohl was die Emotion, als auch was die Struktur betrifft. Swing ist erlaubt, muss aber nicht sein, und wird jedenfalls nie zum vordergründigen Selbstzweck.
(Stubenrauch)
HatOLOGY 577
Rec. 16.12.2000
Ellery Eskelin (ts), Mat Maneri (viola), Erik Friedlander (cello), Mark Dresser (b), Matt Moran (vib)
Die Musik, die auf dieser CD festgehalten ist, entstand improvisiert, ohne Proben und nach nur minimalen Absprachen. Der Kopf des Ensembles ist ein Saxophonist, der sich zum Jazz bekennt und klassische Musik mag. Trotz der Streicher will er diese CD aber nicht als Klassikversuch verstanden wissen. Die Mitte des Ensembles bilden also Streicher, die gestrichen komplexe Klangflächen und gezupft Multiimpulse hervorbringen. Der Rahmen wird geschlossen vom metallische Vibraphon. Trotz der scheinbar uneingeschränkten Freiheit gehen die Musiker mit äußerster Vorsicht ans Werk um ihre filigranen Klangschöpfungen nicht durch unkontrollierte Spontaneität zu gefährden. Eskelins Technik ist umfassend aber er kommt ohne Protzerei aus, ja fast möchte man sagen, er zeichnet sich durch Understatement aus. Er ist kein radikal freier Improvisator. Wiederholungen und lineare Entwicklung sind ihm Teil der Möglichkeiten und bieten dem Zuhörer Nachvollziehbarkeit in für derart freie Musik unerwartet hohem Maß. Die gesamte Gruppe harmoniert in der Angemessenheit der Mittel; sogar klassisch geschultes Streichervibrato ist gestattet. Eine Übung in Disziplin und Freiheit, genussvoll und lehrreich zugleich für den Hörer.
(Stubenrauch)
betweeb the lines btl 020 / EFA 10190-2
Rec. 15-16.5.2001
James Emery (ac g), Joe Lovano (ts, ss, C melody sax, as, cl, perc, dr, gongs), Judi Silvano (fl, voice); Drew Gress
Die Platte startet beschwing-boppig, wird in der nächsten Nummer trance-fördernd und taucht danach bald in tiefe Soundbäder kollektiver Improvisation ab. Verschiedene Gruppenvarianten von Duo bis Quintett (jawohl!) erlauben vielfältige Klangkombinationen, wie das reizvolle Aneinanderreiben von weiblichem Scatgesang oder Flöte mit Sopransaxophon. Der Duktus der Musik wird in Folge immer abstrakt-spröder und manchmal droht das Geschehen in strukturlose Beliebigkeit abzugleiten, die man anderweitig schon zu hören vermeint haben mag. Immer wieder jedoch sind komponierte (Rettungs)Anker griffbereit. Am Saxophon gebietet Lovano über eine erstaunliche stilistische Bandbreite, kann Assoziationen von Lee Konitz bis Steve Lacy evozieren und bleibt dabei doch immer er selbst. An Schlagzeug und Percussion erweist er sich als zurückhaltender, sensibel akzentuierender Rhythmiker. Die Kompositionen sind zur Hälfte von Emery und Lovano, aber durch die Omnipräsenz Lovanos kommt diesem klar die dominante Rolle zu. Das Bewusstsein, dass seine instrumentelle Zweifaltigkeit nur durch Overdubbing entstanden sein kann, mag die Illusion von Spontaneität trüben, aber das ist das Problem des Hörers, nicht der Musik. Hat man am Beginn der CD belebende Frische verspürt, so fühlt man nach der Mitte eine gewisse Erschöpfung ob des gnadenlosen Ausgesetztseins an diese permanente Kreativität, die keine Sekunde des Verbleibens erlaubt. Doch Durchhalten heißt die Parole! Die CD schließt mit einer wundervollen Ballade, gefolgt von einer fröhlichen Bossa, in der Lovano beweist, dass er auch in solch konventionellem Umfeld ein Feuerwerk der improvisatorischen Kreativität zünden kann, und Emery, wozu die Gitarre schon immer gut war. Das Gesamtspektrum dieser CD hinterlässt Verblüffung und eine gewisse Irritation.
(Stubenrauch)
Entropy ESR011
Rec. live, 16.6.2001
Faruq Z. Bey (ts, ss); Mike Gilmore (vib, bone g); Mike Johnston (b); Nick Ashton (dr); plus Len Bukowski (cl); Patrick Boyer (tambura)
Ägyptische Schriftzeichen am Cover, ein arabischer Künstlername, ein glühendes Tenorsaxophon. Ein entspannter Bass-Vamp, dazu indische Tambura als kosmische Untermalung. Spiritueller World-Freejazz der 60er-Jahre? Sun Ra? Pharoah Sanders? Nein, jedenfalls nicht leibhaftig (wenn man nicht an Mehrfach- bzw. Reinkarnation glauben mag). Außerdem ist da das recht zurückhaltend gespielte Vibraphon, das nicht so recht in dieses Klischee passt. Bey nutzt das bekannte Idiom in persönlicher, zurückhaltender Weise. Er ist ein hörenswerter Improvisator, der sich Zeit lässt und in träumerischen, langen Linien denkt; Coltrane in Zeitlupe, gewissermaßen. Die Gruppe folgt also ausgetretenen Pfaden ohne die Ekstase der Vorbilder zu versuchen (das wäre doch von vornherein aussichtslos, oder?), und sie tut es recht effektiv. Das führt zu Dejavu-Erlebnissen der angenehmen Art. Die Titelnummer hat mit ihrem dynamischen Aufbau originelle Momente. Die Nummer, die an Aylers Klanghimmel erinnern soll, ist sicherheitshalber gleich entsprechend betitelt. Das Publikum und wir applaudieren friedlich und zufrieden - könnte ewig so weitergehen!
(Stubenrauch)
Entropy ESR009
Rec. ?
Wendell Harrison (sax, cl); Juma Santos (perc) auf einigen Tracks
Solo-Saxophonisten haben es schwer. Harrison bietet weder spieltechnisch oder klangmäßig Besonderes, auch keine interessanten Themen oder Strukturen. Der improvisatorische Einfallsreichtum scheint eng umgrenzt, so etwas wie Intensität kommt nur selten auf. Bruchstückhafte thematische Fetzen dienen als Ausgangspunkte für ausgedehnte Improvisationen, die meist auf einem simplen Beat basieren oder keinem durchgehenden Metrum folgen. Klare Richtungen sind meist kaum erkennbar, diverse Spielklischees dagegen öfters. An der Klarinette klingt die Musik etwas frischer, weniger bemüht und stärker fokussiert. Vielleicht, weil auf diesem Instrument die Zahl der übergroßen Vorbilder nicht ganz so groß ist. Gänzlich überflüssig ist das zäh-einfallslose Conga-Getrommel von Juma Santos - glücklicherweise nur auf einigen wenigen Tracks. Zu allem Überdruss lässt die Soundqualität dieser Produktion streckenweise zu wünschen übrig, was gerade bei derart intimer Musik stört.
(Stubenrauch)