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Miles Davis - Tribute CDs

Musikalische Huldigungen an den Meister

Von Robert Stubenrauch - Die Urversion des folgenden Artikels erschien in einer Sondernummer anlässlich des 10. Todestages von Miles Davis in Jazz Live Nr 132/2001. Der Artikel wird seitdem von Zeit zu Zeit um Neuerscheinungen erweitert; allerdings wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Es ist fraglich, ob Miles Davis all die Tribute-CDs geschätzt hätte, die in den letzten Jahren erschienen sind. Es ist gut denkbar, dass er sinngemäß gesagt hätte: „Was soll der Scheiß? Mein altes Zeug nachspielen!?“ Nun, da Miles bereits im Götterhimmel des Jazz weilt und daher seine Kritik nicht mehr zu fürchten ist, trauen sich die Kollegen doch immer öfter und geben dem Drang nach, dem Meister Tribut zu zollen.

Unter den ersten waren die Mitstreiter seines legendären „Second Great Quintet“ aus den 60-er Jahren: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams konnten das Ableben ihres Meisters gar nicht abwarten können und fanden sich schon 1977 (also in der Schaffenspause, in der Miles schon als so „gut wie“ tot galt) in einer Miles-Davis-Ghostband namens V.S.O.P. zusammen, um dem modalen Jazz der 60-er Jahre zu frönen. An der Trompete damals: Freddie Hubbard. Als Miles dann wirklich tot war übernahm auf A Tribute to Miles schließlich Wallace Roney den Part. Von allen hier besprochenen CDs hätte diese die größte Chance, von Miles mit obigem fiktiven Ausspruch bedacht zu werden. Das Konzept von damals, die Musik von damals, die Musiker von damals. „Wenn ich zurückblicke, sterbe ich“ hat Miles gesagt. Seine ehemaligen Kollegen sind frei von derartigen Ängsten. Auch wenn die Musik noch so perfekt gespielt wird: was soll’s?

Ein paar Jahre danach versucht dann Herbie Hancock in anderer Konfiguration auf der Live-CD Directions in Music eine kombinierte Aufarbeitung der klassischen Miles Perioden von Miles Davis und John Coltrane, die ja Ende der 50-er Jahre gemeinsam wegweisende Arbeiten geleistet haben und danach getrennt ganz unterschiedliche, aber jeweils stilbildende Wege eingeschlagen haben. Diesen Wegen wird hier in hoher Qualität, aber in eher "konservierender" Weise nachgespürt (siehe auch Rezension).

Ein Bezug zwischen dem World Saxophone Quartet und Miles Davis? Naja, immerhin spielt auf Selim Sivad mit Jack DeJohnette einer mit, der Wesentliches zur Platte Live Evil, auf der sich dieses Titelstück findet, beigetragen hat. Damit ist der - künstlich hergestellt - Bezug aber auch schon wieder erschöpft. Die Spannweite des Repertoires auf dieser CD ist gewaltig: von Kind of Blue Material über die 60-er, bis zu den 80-ern (Tutu). Die Stücke werden sehr frei interpretiert, schwere afrikanische Trommelrhythmen sind in komplexen Bläser-Arrangements verwoben. Das Ganze wird durch freie Passagen kräftig durcheinander gewirbelt. Diese sehr eigenwilligen Interpretationen  von Davis-Material (man höre die stampfende Nummer mit Kalimba-getriebenem Beat, Sprechgesang und Afrojodeln, die sich Freddie Freeloader nennt!)  funktionieren wohl umso besser, je mehr man sich als Hörer möglichst von allen Erinnerungen an die Original-Versionen lösen kann - und das ist keine einfache Aufgabe. Jedenfalls: diese Musik ist mehr WSQ als Miles, aber was sonst hätte man vom WSQ erwartet?

Dave Liebman, der auf Miles Away ausschließlich Sopransaxophon spielt, war zwischen 1972 und 1974 Mitglied der elektrischen, Soulfunk- und Rockorientierten Miles Davis-Band. Er beschränkt sich hier aber nicht darauf, nur diese Musik zu interpretieren, sondern versucht, einen Bogen über das gesamte musikalische Spektrum von Miles Davis zu spannen, wobei er sich aus den 80-er Jahren rückwärts bis zu Birth of the Cool, vorarbeitet. So wird die beeindruckende Bandbreite dieses Lebenswerkes erkennbar. Das ehrgeizige Vorhaben Liebmans leidet etwas unter der unvermeidlichen Inhomogenität eines solchen Musikmixes. Dennoch gelingen einige frische Interpretationen bekannten Materials.

Weder Gitarrist Henry Kaiser, noch Trompeter Leo Smith haben mit Miles Davis gespielt. Auf Yo Miles! erweisen sie dennoch sehr explizit der elektrischen Musik von Miles Davis von 1972 bis 1975 ihre Referenz. Mit Interpretationen dieser Musik beschreiten sie Neuland und sie tun dies mit Akribie, hohem Energieeinsatz, großer „Authentizität“, was musikalische Strukturen und Instrumentierung angeht, und Ausdauer: Die Doppel-CD ist randvoll mit Grooves, denen Zeit zur Entwicklung gegeben wird, so wie das in der echten Miles-Davis-Band der Fall war (der längste Titel dauert 35 Minuten); der Faktor Dauer ist entscheidend bei dieser Musik! Wenn man Smiths Vergangenheit als Avantgardist kennt ist man über seine Miles-Fähigkeit überrascht. Die sehr informativen Liner-Notes von Enrico Merlin unterstreichen die Ernsthaftigkeit dieses Projektes. 

Eine Verbeugung von Keith Jarrett an Miles Davis kommt etwas überraschend, wenn man bedenkt, dass Jarrett seine Jahre an den Keyboards von 1970 und 1971 regelrecht verleugnet und danach praktisch nie mehr elektronische Instrumente anrührte. Wer sich von Bye Bye Blackbird allzu explizite Referenzen erwartet hat wird enttäuscht und kennt Jarrett nicht. Jarretts Standard Trio (dem auch Jack DeJohnette, Kollege aus jenen Miles-Tagen, angehört) spielt sowieso Standards, wieso also nicht auch Bye Bye Blackbird, das eine zeitlang zufällig auch zum Repertoire von Miles gehört hatte. Dann ist da noch das 18 Minuten lange For Miles, in dem Jarrett vielleicht auf die Freiheit und die große angelegten Strukturen in der Musik von Miles Davis anspielt. Und da ist das letzte Stück, das kurze Blackbird, Bye Bye, das mit der für Jarrett typischen gospel-orienterten hymnischen Intensität vielleicht zeigt, dass Jarrett genau diese Energie schon 1970, und zwar gewinnbringend auch in die Musik der Davis-Band einbrachte, trotz der Verwendung eines Keyboards. Vielleicht ...  

Cassandra Wilson hat als Sängerin zusätzlich zur Musik die Möglichkeiten, Gedanken und Gefühle um Miles Davis direkt durch Texte auszudrücken. Sie tut das auf Traveling Miles in Form von stimmungsvollen Anspielungen, die dem Hörer einen großen Interpretationspielraum lassen. Ihr musikalischer Ausdruck bleibt dabei der, den man von ihren sehr erfolgreichen Vorgänger-Alben kennt, auch wenn sie Nummern von Miles Davis interpretiert (z.B. ein sehr atmosphärisches Tutu) oder Standards, die er oft gespielt hat. Auf Run The VooDoo Down kommt mit einem sehr funky akustischen Bass von Dave Holland, ein authentisch-lässiger Groove auf, der starke Assoziationen zum Original erweckt, ohne eine Kopie zu sein.

Das Silent Way Project von Trompeter Mark Isham ist eine Jazzrock-Band (2 Gitarristen!) die sich der Interpretation der elektrischen Musik von Miles Davis widmet, wobei zwei Eigenkompositionen im Stile der späten 80er-Jahre, eine sehr gelungene Reggae-Version von All Blues, sowie ein mit In A Silent Way verwobenes Milestones diesen Rahmen etwas erweitern. Ishams Interpretationen sind ordentlich, aber gerade diese Qualität kann im Hinblick auf die Originalität des Originals irritieren. Diese CD ist ein Indiz dafür, dass die einst als schwierig eingestufte Musik des elektrischen Miles inzwischen so weit in das allgemeine Musikverständnis eingesickert ist, dass sie Stoff für neue Standards gibt; daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Joe Henderson selbst hat mit Miles Davis nur einige Wochen im Jahre 1967 gespielt. Mit John Scofield, Dave Holland und Al Foster hat er hier eine Super-Group aus Leuten zusammengestellt, die zu verschiedenen Zeiten essentielle Rollen in den Gruppen von Miles Davis spielten. Auf So Near, So Far interpretiert er hauptsächlich weniger bekannte Davis-Nummern auf wunderbar entspannte Art. Obwohl es nur ein Quartett ist, gelingen harmonisch sehr volle, geschmackvolle Arrangements, wobei Scofields einfallsreicher Begleitung eine tragende Rolle zukommt und Fosters solide, intelligente Rhythmusarbeit die swingende Basis legt. Dies ist nicht nur eine der schönsten Miles-Tribute-CDs sondern auch eines der besten unter den vielen großartigen Alben von Joe Henderson.

Lange hat es gedauert, bis sich auch Big Bands über das Repertoire des "elektrischen" Miles Davis gewagt haben, aber inzwischen liegen zumindest zwei hörenswerte Produktionen in diesem Bereich  vor. Interessanterweise sind beide europäischen Ursprungs. Der Franzose Laurent Cugny arrangiert für das Orchestre National de Jazz auf Yesternow recht nahe am Original und erreicht eine unspektakuläre und lockere Flüssigkeit des Vortrages, die dieser Musik angemessen ist. Cugny, als Autor eines - leider nur im französischen Original erhältlichen - Buches zum Thema "elektrischer Miles" ein ausgesprochener Experte, lässt die kompositorische Kraft der Musik für sich sprechen und kann so auf solistische Höhepunkte weitgehend verzichten. Diese CD ist leider außerhalb Frankreichs nie erschienen und daher schwer zu bekommen,

Im Gegensatz zur Geschlossenheit dieser Produktion bietet das finnische UMO Jazz Orchestra unter der Leitung von Eero Koivistoinen auf Electrifying Miles mehreren Arrangeuren die Gelegenheit, Miles' Musik zu interpretieren, und entsprechend vielfältiger - aber eben auch inhomogener - ist der Gesamteindruck. Das Orchester navigiert durchwegs präzise und druckvoll durch die Arrangements, die teilweise mit Überraschungen aufhorchen lassen . Als ein Schwerpunkt zieht sich der Faden der solistischen Einsprengsel von Gasttrompeter Tim Hagans durch diese Produktion. Hagans glanzvolle Beiträge ziehen die Aufmerksamkeit des Hörers allerdings etwas von der großartigen Struktur der Miles'schen Klangwelt ab und provozieren Vergleiche mit dem Original (man höre ihn an der "elektrischen" Trompete!). Und das ist schade.

Schließlich hat das Yo Miles! Projekt von Henry Kaiser und Wadada Leo Smith nun endlich eine Fortsetzung erfahren (und weitere sollen folgen). Sie heißt Sky Garden und bietet mit mehr Eigenkompositionen und mit  Tabla-Guru Zakir Hussain als Gast eine größere Bandbreite als Teil eins. Man entfernt sich etwas vom Zwang, Miles auf direktem Weg möglichst nahe zu kommen. Stattdessen sucht man eher die Parallelen im kreativen Prozess selbst und in der atmosphärischen Grundhaltung, die jetzt  weniger dicht, weniger komplex ausfällt. Entspanntere Bluesstimmung herrscht vor. Smiths Verinnerlichung von Miles' Ton ist erstaunlich. Nicht besser oder schlechter als Teil eins - anders! Auch Miles hatte ja viele Seiten!

 



 


Die CDs

Weitere Miles Tribute CDs, im Text (noch) nicht erwähnt:

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