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Rezensionen September 2002

Die folgenden Rezensionen erschienen in Jazz Live Nr 136/2002.


Herbie HANCOCK / Randy BRECKER/ Roy HARGROVE: "Directions In Music"

Verve 589 654-2
Rec. live 25.10.2001

Herbie Hancock (p), Michael Brecker (ts), Roy Hargrove (tp, flh), John Patitucci (b), Brian Blade (dr)

Die angesagte Supergroup des Jubiläumsjahres 2001 bringt perfekten modalen Jazz im Stile der mittleren 60er-Jahre. Also Musik, die damals mögliche Sensibilitäten und Freiheiten an der Grenze zum Freejazz auslotete und darin Standards setzte, die bis heute Gültigkeit haben. Dieser Konzertmitschnitt ist also eine historische Schau, die demonstriert, wie das Jonglieren mit Themen, perfektes Interplay und technisch virtuose Improvisation zu musikalischen Spannungsbögen führen können, die dem Zuhörer Staunen abgewinnen und angenehme Schauer über den Rücken jagen können. Womit der Beweis geführt wäre.
Welcher Beweis? Na der, dass mit John Coltrane und Miles Davis (denen die Angelegenheit gewidmet ist) der Zenith des Jazz bereits vor Jahrzehnten überschritten war. Der Untertitel der CD ("Live at Massey Hall") verweist in aufdringlicher Weise gar auf noch weiter zurückliegende Jazz-Äonen - 1953 fand in ebendieser Halle ein legendäres Konzert von Bebop-Heroen wie Parker und Gillespie statt. Wenn also der Jazz seit Jahrzehnten tot ist, ist auch die Gestaltung des CD-Booklets in dezentem Trauer-Grau durchaus passend.
"Directions in Music", das war für einige Jahre der Spruch, den Miles Davis auf seine Platten setzen ließ - mit berechtigtem Stolz auf die von ihm begangenen neuen Wege. Dieser Spruch als Titel der vorliegenden CD ist schlichte Anmaßung. Trotz alledem: Wenn man den Ballast der historischen Anspielungen und Überheblichkeiten über Bord wirft, bleibt gute Musik und spannende Live-Atmosphäre. Nicht mehr und nicht weniger.
(Stubenrauch)


"CAFÉ DRECHSLER"

Universal 0184412
Rec. Rec. März 2002

Ulrich Drechsler (ts, bcl), Oliver Steger (b), Alex Deutsch (dr) + Gäste

Café Drechsler (die Band) ist ursprünglich ein rein akustisches Trio aus Wien, das sich auf die Fahnen geschrieben hat "die zeitgenössische elektronische Musik (Drum'n'Bass, Trip-Hop, Breakbeat etc.) weiter in die nächste Phase - die akustische" zu führen. Die Musik entsteht spontan aus dem Moment, ohne Vorgaben. Soweit der Anspruch. Während dieses einfache Konzept auf dem CD-Erstling (in limitierter Eigenauflage 2001 erschienen) noch rigoros und herzerfrischend umgesetzt wurde, wurde auf diesem Debut auf einem Major-Label die akustische Prämisse fallengelassen; nun ist neben dem Kern-Trio jede Menge Studioelektronik zu hören, ja sogar Remixer haben mitgemischt. Weiters zu hören: Studio-Chat zwischen den Tracks und Gesangseinlagen mit reichlich Echo. Hingegen ist das jazzige Saxophon des Leaders nur noch selten zu vernehmen. So stellt sich die Vielfalt als Stilunsicherheit dar und ist zum Hauptmerkmal dieser Produktion geworden. Was nicht heißen soll, dass die Musik nicht Spaß machen und in die Beine fahren kann, cool & trendy ist. Musikalität und kreatives Potenzial sind enorm. Eben deswegen: Wozu der viele unnötige Firlefanz? PS: Besonders freue ich mich darauf, Drechslers Solo-Bassklarinetten-Monk-Projekt.endlich auf CD zu hören. Es lebe die Vielfalt!
(Stubenrauch)


FANFARE DU LOUP "Hors de Portées"

Zone 14
Rec. Rec. 8.7.2001

Ian Gordon-Lennox (tp,tuba), Bill Holden (tp,voc), Yves Massy (tb), Marco Sierro (as), Chistophe Berthet (ss), Yves Cerf (ts), François Chevrolet (bs), Chistian Graf (g), Jean-Luc Riesen (b), Sandro Rossetti (b,perc), Raul Esmerode (dr,perc,voc)

Eine rätselhafte CD und eine große Überraschung. Diese Schweizer Bigband bringt multikulturelle Vielschichtigkeit, schrägen Humor, satte Harmonik, harten Rockbeat, groovenden Swing, sensible Ethnoklänge aus allen möglichen Weltgegenden - und das alles wie aus einem Guss. Das Ensemble zählt, nicht solistische Egotrips. Keine oberflächlichen Effekte und dennoch keine Sekunde Langeweile. Die spärlichen Informationen am hübschen CD-Cover und im Internet lassen gerade soviel erahnen: Es ist eine Art musikalisches Theater, das wir hier verfolgen dürfen. Ja, Dramatik und Theatralik sind tatsächlich weitere Attribute, die wir nennen möchten. Riecht stark nach unverhofftem Geheimtipp, oder?
(Stubenrauch)


Yves Cerf / Frédéric Folmer / Raúl Esmerode "Ornithologies"

Altri Suoni AS 067
Rec. Rec. 1999

Yves Cerf (sax), Frédéric Folmer (b), Raúl Esmerode (perc)

Aus der gleichen Ecke wie "Fanfare du loup" (man Vergleiche die Namen) und ähnlich spannend und gleichzeitig unterhaltend ist diese Produktion. Der Titel gibt schon den Hinweis: Das Trio ließ sich vom Gesang verschiedener Vögel inspirieren. Dies kann recht konkret nachverfolgt werden, da die gefiederten Solisten selbst oftmals auf der CD zu hören sind. Entweder um - ganz in bester Jazz-Tradition - einleitend ein Thema zu präsentieren oder um die Musiker in kollektive Improvisationen zu verstricken. Ein riskantes Konzept, aber es geht auf. Der Grund dafür liegt wohl weniger in der Singfreude der Vögel als an der Spielfreude des hochintegrativen menschlichen Musikertrios. Von simpel gestrickten Melodien bis zu schräger Komplexität reicht das Spektrum der Möglichkeiten. Entspannter Swing herrscht meist vor, und hie und da ein erfrischender Schuss Humor.
(Stubenrauch)


JOBUSTU PROJECT "Listen in Clear Light Vol. 1 - Prologue"

Last Call 3076212 (Ixthuluh)

Eine Gruppe japanischer Elektronik-Musik macht sich auf den Weg nach Tibet, um sich hier musikalisch mit der Spiritualität der buddhistischen Mönche auseinander zu setzen. Das Marketing verspricht vollmundig tiefe Verbindungen östlicher Weisheit mit modernen Beats. Kann das gut gehen? Nein! Die Doppel-CD in der aufwändig gestalteten Box bringt fade Elektronik-Musik auf Basis locker groovenden Beats. Als unaufdringlicher Hintergrund in Kaufhäusern vielleicht geeignet. Nanu - ab und zu ist Gemurmel von tiefen Männerstimmen herauszuhören. Hmmm? Ach ja, die tibetischen Mönche, die mit der Spiritualität! Alles klar! Es ist beschämend genug, religiöse Rituale für Kommerz zu missbrauchen. Gerade tibetische Gebete und begleitende Geräusche (Schellen, Trompeten) wollen ausdrücklich nicht als unterhaltende Musik verstanden werden, sondern sind "amusikalische" Hilfsmittel, die die Meditation unterstützen sollen. Aber was kümmert das die Unbekümmerten beim Dance und beim Chill-Out?
Vorsicht: Weitere Folgen der Serie sind angekündigt! PS: Der Autor wäre an Gegenmeinungen interessiert - es muss doch positive Aspekte geben! Bitte!
(Stubenrauch)


DUBBLESTANDART "Streets of Dub"

Select Cuts 2007 (Ixthuluh)

Dubblestandart ist die österreichische Dub-Formation. Dub ist der schwere träge Groove, der in seiner Monotonie hypnotisiert und weitgehend ohne Gesang auskommt. Das Genre ist reich an klischeeartigen Mustern, die auch hier bisweilen etwas zu ausgiebig zelebriert werden. Dubblestandart sind jedoch offen gegenüber anderen Formen der zeitgenössischer Underground- Musik der elektronischen Art. So finden sich Schnittstellen zu Dance, Drum'n'Bass und natürlich sind auch Remixer zugelassen. Die Musik ist für vielfältigen Gebrauch geeignet, nicht nur für die Party, sondern auch als Hintergrundmusik zu allem Möglichen. "Vibrations" und entspannter "Fun" stehen wie erwartet im Vordergrund.
(Stubenrauch)


Avram FEFER Quartet "Lucille's Gemini Dream"

CIMP #237
Rec. Rec. 11&12.1.2001

Avram Fefer (cl,ts,as,ss), Steve Swell (tb), Wilber Morris (b), Igal Foni (dr)

Vom Label CIMP ist man Freebop in perfektem Klang gewohnt. Diese CD erfüllte diese Erwartungen voll und ganz (und nicht zufällig gehören Well und Morris sozusagen zur Hausband von CIMP). Boppig singbare Themen, die ohne Ornette Coleman nicht denkbar wären, und schon geht es ab in die freie Improvisation - und wieder zurück in swingende Gefilde. Dazwischen ausgedehnte Soli, auch unbegleitet. Die Musik lebt von diesem Wechsel, hat jedoch kaum erkennbare Struktur, die darüber hinaus geht. Auch die spieltechnischen und musikalisch-kreativen Leistungen der Solisten bleiben im Rahmen des Gewohnten. Trotz der (potenziellen) Spontaneität mangelt es der Sache an Intensität und Originalität, vielleicht auch an Spaß. Erstaunlich, wie verwechselbar hochkomplexer, hochindividueller improvisierter Jazz sein kann. Ein Musterbeispiel dafür, wie Freiheit in unbedeutende Beliebigkeit führen kann?
(Stubenrauch)


"Island Blues - Entre Mer et Ciel"

Network 21.262 (Ixthuluh)
erhältlich z.B. bei Zweitausendeins

Ist Inselmusik besondere Musik? Dieser Frage geht diese sehr schön aufgemachte Doppel-CD mit ausführlichem Booklet nach. Es ist eine Reise rund um den Globus, die auf den Komoren beginnt, über Indonesien, die Karibik, die Südsee und das Mittelmeer bis nach Irland führt. Die präsentierte Musik ist nicht notwendigerweise "authentische Musik der Eingeborenen", sondern die lebendige Musik an der Grenze zwischen lokaler Tradition und globalem Musik-Business, die jeweils ganz typische Ausprägungen findet. Und vielleicht ist ja Inselmusik tatsächlich besonders intensiv in der einen oder anderen Form. Weil man auf einer Insel isoliert ist? Oder, ganz im Gegenteil: Weil man immer wieder von verschiedenen Kulturen angesteuert wird? Oder wegen der Offenheit des weiten Horizonts, die einen selbst klein erscheinen lässt? Wie auch immer - beim Hören dieser CDs lässt sich gut über diese Fragen sinnieren, oder aber ins Träumen über ferne Länder abgleiten.
(Stubenrauch)

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