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Baseball  

written by life-long Cub fan Penny Ward Moser

 

Es ist die zweite Hälfte der dritten Spielzeit, und die Chicago Cubs - unser erbärmliches, geliebtes Team - liegen 8:2 zurück. Wir sind zwei Stunden mit dem Auto ins Stadion gefahren, haben 15 Dollar für einen Parkplatz in einer wenig vertrauenerweckenden Umgebung und weitere 75 Dollar Eintritt bezahlt und thronen jetzt hoch oben auf der Tribüne des "Wrigley Field", dem es wirklich gut steht, älter geworden zu sein. Wir essen Hot Dogs und sehen wieder einmal mit an, was wir alle schon von klein auf mitansehen mussten: wie die Cubs, eines der größten alten Teams des Baseball, unter einem wunderbar blauen Sommerhimmel gnadenlos niedergemacht werden. Diesmal sind es die Mets aus New York, die diese Schandtat vollbringen.
Ich bin mit meiner Familie da. Tante Rose ist 68 und ein unverbesserlicher Fan, sie hat immer noch einen krummen von jenem Baseball-Unfall 1931 auf dem Schulhof; meine Schwester Becky hat als Amateur-Spielerin manche Trophäe nach Hause gebracht; ihr Freund ist ein Rightfielder; meine Mutter hat vom Spiel keine Ahnung, aber jubelt um so heftiger, und ihr Freund lässt fast die ganze Partie über den Bierverkäufer nicht aus dem Auge.
Bis zum dritten Durchgang haben wir uns alle prächtig amüsiert, aber dann geschah etwas Furchtbares. Die Tragödie lag nicht etwa darin, dass unsere Pitcher auch mit Tüten über dem Kopf nicht mieser hätten spielen können. Oder dass sich in der ersten Runde zwei Spieler über den Haufen rannten und dabei den Ball fallen ließen. Nicht einmal darin, das die Partie so hundsmiserabel war, dass die Zeitung am nächsten Tag von einem "finsteren Nachmittag, einem Gemetzel von drei Stunden und zwölf Minuten" schrieb.
Nein, das wirklich Dramatische geschah irgendwann während des dritten Durchgangs, als jemand auf Tante Roses Tüte mit den Pflaumen trat. Wahrscheinlich ein Fan, der sich auf dem Weg zum Klo durch unsere Bankreihe drängelte. So genau bekamen wir das nicht mit. Wir hatten genug damit zu tun, anzusehen, wie die Cubs herumstolperten. Plötzlich jedoch stieß Tante Rose einen Schrei aus: "Um Gottes Willen! Jemand ist auf die Pflaumen getreten! Wer ist auf die Pflaumen getreten? Habt ihr jemanden auf die Pflaumen treten sehen?"
Es wurde ein fröhlicher Nachmittag. Ich werde später noch einmal auf ihn zurückkommen. Zunächst aber möchte ich erklären, weshalb sich 2118mal pro Sommer die Stadien der nordamerikanischen Baseball-Liga mit Leuten wie uns füllen. Warum diese Menschen viel Geld bezahlen, um ein Spiel zu erleben, das wir "Kurzweil der Nation" nennen. Ich möchte erklären, weshalb sechs Millionen Fans in irgendeiner Form Baseball treiben. Warum der Journalist Pete Hamill aus Brooklyn, New York, den Besitzer der einstigen "Brooklyn Dodgers", Walter O'Malley, "nach Hitler und Stalin für den größten Verbrecher des Jahrhunderts" hält, weil Mr. O'Malley das Team 1956 gegen viele Millionen Dollar nach Los Angeles transferierte und damit das schwankende Selbstbewusstsein der Bewohner von Brooklyn endgültig zerstört hat. Und warum man im Sommer an keinem Fernsehknopf drehen kann, ohne ein Baseballspiel auf den Schirm zu kriegen.
Ich möchte die amerikanische Baseball-Leidenschaft auf den Punkt bringen, knapp, präzise, komprimiert. Wir haben eine Redensart, um etwas zu charakterisieren, das wir für sehr amerikanisch halten. Wir nennen es "so amerikanisch wie Apple Pie". Nun stammt der Apple Pie nicht aus Amerika, und bei Baseballspielen essen wir Hot Dogs. Aber was soll ich machen, so geht nun mal das Sprichwort.
Der franko-amerikanische Historiker Jacques Barzun hat den Satz geprägt: "Wer Geist und Seele Amerikas verstehen will, der muss Baseball verstehen." Nun, das ist leichter gesagt als getan.
Vor allem, wenn man bedenkt, was der verstorbene Vorsitzende der Baseball-Liga A. Bartlett Giamatti - vormals Professor für Renaissance-Literatur an der Yale University - über diesen Sport geschrieben hat. Er hatte sein Leben den geistigen Werten des Baseballspiels gewidmet und kurz vor seinem Tod ein davon erfülltes Werk mit dem Titel "Laß dir Zeit fürs Paradies" beendet.
Mr. Giamatti also formulierte: "Baseball ist ein Teil des geheimnisvollen Grundmusters dieses Landes. Wenn wir uns das Leben unserer Nation als eine Erzählung mit dem Titel ‚Amerika' vorstellen, so ist Baseball ein wesentlicher Bestandteil dieser Geschichte. Eine solche Erzählung muss so strukturiert und aufgebaut sein, dass sie genügend Handlungsspielraum offen lässt, aber auch festen Regeln folgt. Und das hat sie Baseball gemeinsam. Das ist unser Fundament, die Saga usneres Landes, die Geschichte, die Amerika der Welt erzählt."
Ich weiß nicht genau, was das heißen soll, aber als ich es las, bekam ich Hunger auf einen Hot Dog. Einen Hot Dog mit Senf.
Giamatti schrieb auch: "Ein jedes Spiel erstrebt einen paradiesähnlichen Zustand" und erläuterte die Idee vom Paradies, wie er sie bei Griechen und Römern, in den altpersischen Avesta-Schriften und dem Buch Genesis fand. Später mixte der Professor noch ein paar Assyrer dazu.
Er wollte uns - den Biertrinkern und Schreihälsen auf den Rängen - folgendes begreiflich machen: "Sport ist eine Unterordnung von Muße, und um den Reiz und die anhaltende Anziehungskraft zu verstehen, die der Sport auf uns Amerikaner ausübt, muss man zunächst die Natur der Muße verstehen, deren Idee sich seit den Griechen und hier besonders seit Aristoteles herausgebildet und weiterentwickelt hat."
An dieser Stelle angekommen, möchte ich eigentlich nicht mehr weiterlesen, obwohl ich Giamatti für einen prima Baseballvorsitzenden gehalten habe und ganz schön traurig war, als er vorletzten Sommer im Alter von 51 Jahren plötzlich verstarb. Die Sache ist nur: In meiner Familie beschäftigt man sich mit Baseball nicht ganz so abgehoben, und das gilt für die meisten Amerikaner.
Es gibt durchaus Fans, die darauf bestehen, dass Baseball die höchste und endgültige intellektuelle, ja sogar religiöse Beschäftigung ist und dass man diesen Sport wissenschaftlich erforschen muss. Die National Baseball Library zum Beispiel birgt über fünf Millionen Publikationen über Baseball, Bücher wie Zeitungsausschnitte. Jährlich laufen dort 9000 Nachfragen von Baseball-Forschern ein.
In der Library of Congress stehen 3237 Baseball-Bücher mit so aufregenden Titeln wie "Zwischen Finsternis und Tageslicht", "Gott segne euch, Jungs", "...und am achten Tage erschuf Gott die Yankees" oder "Spitballs und Weihwasser" (ein Buch über Nonnen und Baseball).
Und allein im vergangenen Jahr kamen rund 350 neue Bücher hinzu: Biographien und Autobiographien von Spielern, Geschichten über Teams und vor allem: Alle nur denkbaren Statistiken aus den letzten Jahrzehnten, in denen die Fans jetzt zum Beispiel genau nachlesen können, welcher linkshändige Pitcher der Saison '79 unter Flutlicht am besten gegen rechtshändige Batter warf.
Doch was nun meine Familie und Baseball angeht - wir finden einfach, dass Aristoteles Onassis zu alt war und zu kurz geraten, um Jackie Kennedy zur Frau zu nehmen.
Anders gesagt: Es ist einfach so, dass ich die amerikanische Begeisterung für Baseball nicht mal eben so zwischen Tür und Angel erklären kann. Ich weiß nur, was ich selbst darüber denke, und das hat etwas mit Tante Roses Pflaumen zu tun - aber dazu später mehr.
Ich habe mich über die Bedeutung von Baseball nicht nur bei den großen Denkern kundig gemacht, sondern auch mit ganz normalen Menschen gesprochen. Ein Fan versicherte mir: "Also Baseball ist so wahnsinnig toll, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie toll er ist." Ein anderer erklärte, dass er dabei so wunderbar seine Aggressionen abbaue: "Du marschierst ins Stadion und brüllst: Fick dich ins Nie!" Und Annie, ein Baseball-Groupie aus dem Film "Bull Durham", sagte es uns ganz genau: "Baseball ist ohne Sünde, und er ist niemals langweilig. Beides hat er mit Sex gemeinsam."
Ich glaube, die beste Erklärung, bekam ich von Frank Barning aus San Diego. Mr. Barning ist Herausgeber der "Baseball Hobby News", eines Monatsmagazins für Sammler von Baseball-Devotionalien. Von Haus aus ist er Soziologe, wie die meisten Kalifornier. Seiner Meinung nach "wird der Sport aus Nostalgie gefeiert. Unsere Geschichte reicht nicht sehr weit zurück. Wir haben keine Könige und keinen Adel. Basbeall ist ein Ersatz dafür. Unser Land hat sich zudem drastisch verändert. Die Familienstrukturen sind nicht mehr die gleichen. Wir leben nicht mehr eng und freundschaftlich mit den Nachbarn zusammen. Wir ziehen so oft um, dass wir eine Nation von Fremden geworden sind. Und so ist die Baseball-Nostalgie eines der beständigsten Teile unseres Lebens."
Mit dieser Nostlagie verdients Barning seine Brötchen. Sein Magazin versammelt monatlich auf über 60 Seiten vor allem kleingedruckte Anzeigen und dazwischen ein paar Baseballartikel. Millionen von Amerikanern sammeln beispielsweise die Portraits der Spieler. Es gibt jedes Jahr über ein Dutzend Tausch-Festivals, an denen Tausende von Fans teilnehmen.
Der Sammelfimmel begann, kurz nach der Jahrhundertwende. Damals fing eine Tabakgesellschaft damit an, ihren Päckchen Karten mit Fotos berühmter Baseballspieler beizulegen. Gut 20 Jahre später verlegten sich die Werbestrategien auf Kaugummipäckchen. Den Fans sollte es darum gehen, Fotos von Lieblingsspielern zu sammeln, dann von ganzen Teams und schließlich die aller Clubs.
Seit Mitte der fünfziger Jahre gewinnen diese Karten und andere Memorabilia beständig an Wert. Ein Wandteller mit dem Bild des legendären Ted Williams aus den vierziger Jahren kostet inzwischen 150 Dollar. Eine Nippesfigur von Whitey Ford, einst Ptcher der Yankees, liegt bei 350 Dollar. Den Rekord hält ein Souvenir aus dem Jahre 1911. Die Karte mit einem Foto von Honus Wagner, damals Spieler der Pittsburgh Pirates, wurde von Sotheby's kürzlich für 451 000 Dollar versteigert.
Das Durchblättern der Nostalgie-Seiten in den Baseball Hobby News erinnerte mich an die Gefühle, die in mir aufsteigen, wenn ich an herrlichen Sommertagen das bald 80 Jahre alte Wrigley Field in Chicago betrete. Immer noch wird es von efeubedeckten Mauern und einem uralten Spielstandsanzeiger eingefasst. Seit den Fünfziger Jahren, als ich mit Vater und Großvater zu den Baseballpartien ging, hat sich hier kaum etwas verändert. An diesen Tagen im Wrigley denke ich viel an die beiden. Sie sind schon lange tot. Aber die Nachmittage im Stadion erwecken sie irgendwie zum Leben: mein Großvater, alt, grau und nach vorne gesunken, wie er im Sessel saß und auf dem winzigen Schwarzweißfernseher seinem Team zusah; mein Vater, der auf der High School ein recht guter Spieler gewesen war und der, wie ich glaube, zeit seines Lebens seine Enttäuschung zu verstecken versuchte, dass er keinen Sohn zum Baseballspielen hatte. Meine Schwester und ich haben es zwar versucht, aber es war nicht das gleiche.
Ich erinnere mich, wie mein Vater fast jeden Sommertag Punkt zwölf vom Feld zum Mittagessen kam. Er aß zwei Hamburger mit Zwiebeln und trank dazu ein Glas Milch. Dann griff er sich zwei Schokoladenplätzchen und ging ins Wohnzimmer. "Mach keine Krümmel auf den Teppich", sagte meine Mutter jedes Mal, als gehöre es zum Ritual. Dann schaltete er das Spiel im Fernsehen an, machte es sich in seinem Ohrensessel bequem und schlief ein. Irgendwann wachte er auf, sah, dass die Cubs am Verlieren waren, und brummelte: "Ich weiß nicht, was mit den Kerlen los ist." Dann ging er in den Schuppen und schaltete das Radio auf seiner Arbeitsbank ein.
"Hey, da ist Ryne", sagte meine Tante. Sie stößt mir den Ellenbogen in die Rippen und holt mich zurück zum Spiel der Cubs. "Ryne Sandberg ist am Schlag. Endlich einer, der weiß, wie man das Spiel spielt!" Sandberg ist der Second baseman der Cubs. Er trifft den Ball oft und gut, sein Wurf ist scharf wie ein Geschoss, und er macht fast nie Fehler. Zu allem Überfluss, sagte meine Schwester, sieht er auch noch verdammt gut aus. Peng! Sandberg schlägt zu, der Ball fliegt wie eine Gewehrkugel, und Ryne rennt um die Bases wie ein echter Held. Wir lassen vor Begeisterung die Schokominz-Plätzchen herumgehen.
Sandberg ist auf dem besten Weg, eine Legende zu werden. American Football bringt vielleicht Stars hervor, Baseball aber produziert Legenden. Das liegt möglicherweise daran, dass Baseball weniger Schäden an Leib und Leben verursacht. Die Spieler können so lange dabeibleiben, dass sie noch während ihrer Laufbahn legendär werden.
Eddie Collins zum Beispiel, ein Second baseman bei den Philadelphia Athletics und den Chicago White Sox. Er spielte von 1906 bis 1931: 25 Jahre!
Oder Nolan Ryan von den Texas Rangers, einer der besten Werfer aller Zeiten, der seit 1967 in der Profiliga spielt und der in diesen 25 Jahren über 5000 Zweikämpfe gegen die gegnerischen Batter gewonnen hat - mehr als jeder andere zuvor - und der immer noch nicht ans aufhören denkt.
Oder Pete Rose von den Cincinnati Reds, der sich im Alter von 45 Jahren zurückzog und später bei verbotenen Wettspielen erwischt wurde. Er hatte 24 aktive Baseballjahre hinter sich und seine Einstellung war: "Wenn es sein müsste, würde ich auch in einem benzingetränkten Anzug durch die Hölle spazieren, um noch weiter Baseball spielen zu können."
Baseballspieler sterben nie. Es ist die Statistik ihrer Erfolge, die sie unsterblich macht. Wenn Freunde zum Baseballsehen bei mir zu Besuch sind - mein Fernseher hat das beste Kabelangebot in der Nachbarschaft -, entwickelt sich todsicher das immergleiche Frage-und-Antwort-Spiel:
"Wer hat die meisten Home Runs aller Zeiten geschafft?"
"Hank Aaron, 755."
"Die meisten in einer Saison?"
"Roger Maris, 1961. Da machte er 61."
Der längste Wurf der jemals gemessen wurde?"
"135,9 Meter. Glen Gorbous, Omaha, 1957."
Das längste aller jemals angesetzten Spiele?"
"1984 in Chicago. Acht Stunden und sechs Minuten, 25 Durchgänge."
"Trefferquote von Babe Ruth?"
"0,342."
"Falsch. Es war 0,337."
"Nie im Leben. Es war 0,342. Schlag's doch nach."
Und das kann man tatsächlich. Zum Beispiel in der Baseball Encyclopedia, die jährlich erscheint, 50 Dollar kostet und etwa zwei Kilo wiegt. Auf 2781 Seiten kann man bis zu 1249 Informationen pro Blatt finden: Biographien, Statistiken, Trefferquoten. Ich kenne Leute, die zitieren dieses Buch wie ein Pfarrer die Bibel.
Etwa, dass Ron Santo von den Chicago Cubs 1969 nach jedem Sieg die Hacken zusammenschlug. Oder dass Dominick Ardovino, Schlägerträger der New York Mets, 1966 zwischen Doppelspielen nur Suppe aß. Oder dass Joe Sprinz 1930 bei einer Showveranstaltung versuchte, einen Ball zu fangen, der aus 244 Metern Höhe von einem Luftschiff abgeworfen worden war. Nur hatte ihm niemand gesagt, dass der Ball aus dieser Höhe eine Geschwindigkeit von gut 240 Kilometern pro Stunde erreichen würde. Die Wucht des Aufpralls schleuderte dem guten Mann seinen Handschuh ins Gesicht, schlug ihm die Zähne aus und brach ihm den Kiefer. Das wiederum veranlasste ihn, den Ball fallen zu lassen.
Nicht nur, dass Baseball-Legenden niemals sterben. In einem Schrein am Ende der Welt, in Cooperstown, US-Staat New York, führen manche von ihnen so etwas wie ein ewiges Leben. Dort steht die Hall of Fame, das Pantheon des Baseball, in das bisher 206 ganz große Spieler hineingewählt worden sind. Jedes Jahr heiraten Fans in dieser geheiligten Atmosphäre. (Andere gaben sich in großen Baseballstadien das Ja-Wort, meist hinter der Home Plate.)
Die Cooperstown-Pilger kommen, um sich manchmal über Tage Tausende von Filmen, Fotos und Kultgegenständen anzusehen, die aus anderthalb Jahrhunderten Baseballgeschichte zusammengetragen wurden. Da steht etwa das Garderoben-Schließfach von Mickey Mantle, dem berühmten Spieler der New York Yankees. Oder eine Dose mit speziellem Schlamm, den es angeblich nur an einem Ort dieser Welt gibt - am Ufer eines Baches in Pennsylvania - und mit dem die Schiedsrichter vor jedem Spiel die Bälle einreiben, damit sie nicht glänzen. Oder: die Noten so obskurer Baseball-Schlager wie "Rutsch, Billie, rutsch"; Briefmarken zu Ehren von Baseballspielern (aus unerfindlichen Gründen von Curacao, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Rumänien, den Malediven und Nicaragua herausgegeben); der Handfeger, mit dem der Schiedsrichter Jocko Conlan im Jahre 1935 den Dreck von der Home Plate gewischt hat, und der Schläger, mit dem Wade Boggs am 25. September 1989 den zweihundetrsten Hit seiner laufenden Saison landete. Über 400 000 Menschen pilgern jährlich nach Cooperstown. Doch warum ein solcher Schrein in einem so kleinen Dorf? Nun, Amerika hatte zwar im Unabhängigkeitskrieg gegen England 1783 gewonnen, doch noch zu Beginn dieses Jahrhunderts litten die USA unter einem erheblichem Mangel an Selbstbewusstsein. Zu dieser Zeit beschlossen deshalb einige Baseball-Begeisterte, endgültig mit der Ansicht Schluss zu machen, dieser Sport sei in Wirklichkeit nur eine Abart des britischen Rounders oder Cricket.
Sie bildeten einen Ausschuss, der den Ursprung des Baseballs erkunden sollte. Keine leichte Aufgabe, denn dieses Spiel war nicht in einem einzigen magischen Augenblick aus dem Nichts entstanden. Schon zu Zeiten der Pharaonen hatte es in Ägypten Spieler mit Bällen und Schlägern gegeben.
Die Kommission trug eine Menge nutzloser Informationen zusammen. Aber eines Tages im Jahre 1907 tauchte Abner Graves auf, ein alter Bergbauingenieur. Er erinnerte sich, dass eines schönen Tages im Jahr 1839 in Cooperstown, New York, ein junger Mann namens Abner Doubleday beim traditionellen "town ball"-Spiel ein rautenförmiges Spielfeld in den Dreck einer Kuhweide gekratzt und neue Regeln erfunden hatte.
Der Kommission gefiel die Geschichte ungemein. Abner Doubleday wurde zum Erfinder und Cooperstown zum Geburtsort des Baseball ernannt. Später freilich stellte sich heraus, dass Mr. Doubleday im Jahre 1839 Cooperstown überhaupt nicht besucht hatte. Sein jüngerer Cousin, der auch Abner Doubleday hieß, war zwar dort gewesen, aber kein Mensch wusste, ob Doubleday der Jüngere überhaupt etwas mit Baseball zu tun hatte. Trotz dieser Verwirrung gilt heutzutage für die Fans: Baseball, wie wir es kennen, wurde 1839 auf einer Kuhweide in Cooperstown, New York, erfunden.
Doch zurück zu der Frage, warum die Amerikaner Baseball lieben. Vergessen wir mal die abgehobenen philosophischen Theorien und kommen wir zum Wesentlichen: Baseball ist in Amerika nicht etwa deshalb so beliebt, weil Zuschauer uns dabei, wie manche glauben, an Homers "Odyssey" erinnert fühlen - ein Spieler geht hinaus in die Weite des Spielfeldes und muss zur Home Plate zurückfinden - oder weil es, wie Philip Roth schrieb, eine weltliche Kirche ist, "die in jede Gesellschaftsschicht und geographische Region des Landes hineinreicht und Millionen von uns in gemeinsamen Bezügen, Ritualen und Treueschwüren verbindet". Nein, wir gemeinen Fans lieben Baseball, weil wir bei Zuschauen ununterbrochen essen können!
Und deshalb auch war für meine Familie an jenem schon erwähnten Nachmittag die wahre Tragödie nicht der Spielausgang von 19:8 gegen die Cubs, sondern der Verlust unserer Pflaumen. Am Vortag war meine Tante Rose in den Laden gegangen, hatte die besten Früchte herausgesucht, sie gewaschen, die Stengel abgezupft und sie ordentlich in den Beutel gepackt. Und nun? Ein einziger unbedachter Schritt eines Fans, und sie waren für immer dahin.
Hungern aber mussten wir an diesem Tag dennoch nicht. Ich habe das ganze Spiel über Buch geführt - nicht über das Gemtzel an den Cubs, nein, darüber, was wir an diesem Nachmittag so aßen. Vom Anfang bis zum endgültigen Out nahmen wir sechs Fans folgendes zu uns: 2 Päckchen Mais-Chips mit Käsesauce, 2 Tüten Milch, 2 Cola, 1 Sprite, 2 Malz-Milchshakes, 3 Stücke Brot, 2 Dutzend Donuts mit Puderzucker, 6 Hot Dogs, 3 Tassen Kaffee, 1 Rührei, 2 Gläser Orangensaft, 1 große Tüte Erdnüsse, 1 Tüte Aprikosen (die hatten wir getrennt von den Pflaumen aufbewahrt, das hat sie gerettet), 3 Vitamintabletten, 8 Halbliterdosen Bier, 2 Päckchen Zimt-Kaugummi und 12 Schokominz-Plätzchen.
Und hätte mein Vater noch gelebt, wäre die Liste erheblich länger geworden, und statt Schokominz-Plätzchen hätten wir Schokoladenkeks gegessen.
Jetzt sitze ich in meiner Wohnung in Washington, D.C., es ist Abend, und ich schreibe an dieser Geschichte. Zwei Blocks weiter nördlich gönnen sich einige Rechtsanwälte ein Spielchen. Durch die Bäume in meinem Garten hindurch kann ich ein Team von Diplomaten beim Bälleschlagen sehen. Und auf der Mall, dem langgezogenen Grasstreifen zwischen Capitol und Washington Monument, üben im Augenblick mindestens 50 Mannschaften, vor allem Angehörige des Congress und der Bundesbehörden.
Nachher wird es vier Spiele im Fernsehen geben. Auf einem Platz Hunderte von Kilometern von mir entfernt wird meine Schwester Baseball spielen, und meine Mutter wird sie anfeuern. Die Cubs werden im Candlestick Park ein Auswärtsspiel gegen die San Francisco Giants geben, und im Wrigley Field werden heute abend allenfalls die Nachtwächter das rautenförmige Spielfeld beobachten.
Aber schon nächste Woche wird das Stadion wieder zum Leben erwachen, und mit ihm die Erinnerungen. Denn hier gibt uns Baseball, wie in jedem Stadion und bei jeder Mannschaft, die Gelegenheit, mit unserer Vergangenheit in Berührung zu kommen - eine efeubedeckte Mauer anzuschauen und dabei Vater und Großvater vor sich zu sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Diese ganz besondere Form von Glück zu fühlen, die einem die Tränen in die Augen treibt.
Und falls es noch jemanden interessiert: Nach dem Spiel der Cubs gönnten wir uns in einem Restaurant gegrillte Schweinerippchen, Hühnchenleber, Cheddar-Käse, Kopfsalat, Makaroni, Hackfleischbällchen und Kartoffelbrei mit Soße. Danach Mousse au chocolat mit Schlagsahne.
Am nächsten Tag saßen wir zu Hause im Wohnzimmer und schauten uns im Fernsehen das nächste Spiel der Cubs an. Wir aßen Karamel-Sundae mit einem Klecks Sauce obendrauf.
Die Cubs verloren.

 

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