Home Geschichten 1.Teil
Canaima, 5 Tage im Tschungel
Mit gerademal einer Stunde Verspätung bringt uns
ein alter Flieger ins Zentrum Venezuelas. Inmitten von tausenden
Quadratkilometern Urwald finden die Piloten auf magische Weise die 2 km lange
Asphaltpiste. Ein paar Eingeborene empfangen uns freundlich und knöpfen jedem
Passagier 7000 VEB ab. Die Venezolanische Währung hat in den vergangenen 10 J
etwa 90% seines Wertes verloren.
Ein offener Lastwagen fährt uns auf einem holprigen Weg durch den Nationalpark
an ein Flussufer. Moment, irgendwo hatte es zwei dicke Röhren, aber jetzt
beginnt es zu regnen. Ein kurzes Durcheinander, Funkgeräte kreischen, dann
werden Schwimmwesten verteilt und wir setzen uns in einen Einbaum. Das ist für
mich gerademal das schlimmste Fortbewegungsmittel. Ein dicker Aussenborder
schiebt uns ziemlich rasant flussaufwärts. Es habe seit einer Woche nicht
geregnet, darum die Eile, erklärt unser Tourleiter. Wir haben Hunger, denn das
knappe Frühstück liegt bereits 8 Stunden zurück.
Flugs ist die Fahrt scheinbar auch schon zu Ende. Wir steigen aus, wandern durch
Buschland dem breiten Fluss entlang, um eine Stromschnelle zu umgehen, welche
nur der Marinero mit seinem Gehilfen im Boot bezwingen. Mücken sind zwar
lästig aber weniger böse als angenommen. Das Wasser ist cocacolabraun gefärbt
und trägt weissen Schaum von der Zersetzung der Pflanzen. Wir betrachten die
eigenartige Landschaft, immer wieder von einem Tafelberg bespickt. Einmal mehr
sagt ein Foto mehr als 1000 Worte.
Das Boot kommt unbeschadet angerauscht, wir steigen wieder ein, setzen uns auf
die harten Holzbänke. Jetzt peilt der Marinero, die nächste Stromschnelle an.
Eigentlich blöd, der Steuermann sitzt hinten tief im Boot bei seinem Motor und
sieht nicht was vorne über den Wellen los ist. Doch wir spüren ein paar grobe
Steine poltern, Wasser schwappt in den Kahn, -ich mache fast in die Hose. Doch
da kommt die psychologische Aufmunterung. Carlos, unser Tourleiter öffnet
hinter uns eine Wunderbox und verteilt allen ein Fresspäckli. Hmm!
Kurz darauf platschen dicke Tropfen nieder. Hurtig zieht man seine Regenjacken
an, zwei der Gäste bekommen einen Plastiksack. Für eine halbe Stunde prasselt
der Regen auf uns nieder und wir schöpfen Wasser aus dem Boot. Danach zünden
vorn ein Gringo und vier Spanierinnen fast auf Kommando Zigaretten an. Wir
betrachten mit einem Pärchen aus Madeira die wunderbare Landschaft, welche an
uns vorbeizieht und lassen uns von Carlos allerlei erklären. Die Fahrt ist
lang, schon die Polster im Flieger waren schäbig und wir können kaum noch
ruhig sitzen. In einer art Lagune stoppt das Boot, der Marinero wechselt die
Schraube gegen eine ziemlich beschädigte:-(
Dann wirds knapp im Wasser, wir sehen den hellbraunen Grund. "Festhalten,
Kopf runter", splash, dann stehen wir zwischen zwei groben Felsen. Vollgas,
aber das Boot kommt nicht mehr vorwärts in der starken Strömung. Mit
gemeinsamen Kräften schieben wir die Felsen nach hinten, gewinnen wieder Schub.
Ich rechne: Das Boot macht vielleicht 30 kmh, der Rio seine 20 dagegen, ergibt
+10. Dafür ergibt 30 + 20 = 50 für die Rückfahrt, -macht mir himmelangst.
An der Ratteninsel legen wir an; -endlich. Wir laden Gepäck aus, ich trage eine
schwere Kiste in ein einfaches Camp hoch. Irgendwo im Nebel soll der Angelfall
sein, weswegen wir alle hier sind; -que Stress. Der Steuermann haut im
Halbdunkel einen Baum um, Carlos macht sich in der "Küche" zu
schaffen, der Marinero bringt die Schiffschraube, um dass niemand in der Nacht
das Boot klaut, -gute Aussichten.
Petrollampen und Kerzen glimmen auf und an der Seite lodert nach einer Stunde
ein komisches Lagerfeuer. "Pollos embarasadas" gibts zum znacht, aber
irgend etwas ist falsch. Wir staunen, wie sich die paar Eingeborenen um das Wohl
von uns Zivilisierten bemühen: Hier im Nichts haben wir trotzdem alles, nur die
Toilette ist nicht Jederfrau's Sache.
Die Hühner am Spiess werden einfach an der Seite des offenen Feuers in den
feuchten Boden gesteckt und gebraten. Hä!
Spaghetti an einer gehackten Gemüsesauce werden serviert, zum trinken gibts
Wasser, am Giebel pirscht sich eine Ratte heran. Doch bald einmal ist man
ziemlich geschafft von der anstrengenden Reise und wir schlafen zum ersten Mal
in einer Hängematte. Der Amerikaner schnarcht wie ein Wildschwein. Um
Mitternacht löst sich eine Hängematte und eine Spanierin fällt unsanft zu
Boden; -nun macht es Hanni himmelangst.
Dann setzt Regen ein. Jaja, Romantik pur, mitten im Urwald, unter dem allseitig
offenen Wellblechdach. Irgendwann schleiche ich mich aus der Matte, tappe im
Schein von einem Dutzend Gewitterblitzen zum Toilettenhäuschen und werde
bachnass. Zum Glück wird es bald wieder Tag.