DER TOD IN ROM (1954)
1. Das Figurenensemble der Nachkriegszeit
2. Erzählperspektive und literarische Prätexte
Die Erzählperspektive wechselt – sogar häufig sehr unvermittelt – zwischen Überschau
und Fokus. Überwiegend Siegfried und Judejahn erhalten innere Monologe und Bewußtseinsströme
zugestanden. Die Reflexionen des Erzählers greifen kritisch in die Selbstsicht
der Figuren ein.
Die Motti sind ein starkes auktoriales Element, weil sie die thematischen Perspektiven
vorgeben. Der Roman kommt vor dem Prätext der Novelle Th. Manns zu stehen; sie wird
durch Koeppens Narration dekonstruiert und thematisch ins Negative gewendet.
Siegfried ist Päderast, der jedoch keine beglückende Hingabe erlebt. In der Szene der
körperlichen Begegnung mit dem häßlichen Badeknaben wird die Begegnung Aschenbachs
mit Tadzio konterkariert und zurückgenommen (546, 548, 549, 552).
Das ideologisierte und zum Bildungsgut verklärte Italien, wie es seit der Klassik und Romantik
in der deutschen Literatur etabliert ist und schon nach der Jahrhundertwende demontiert
wird, wird als vollends korrumpiert erwiesen:
[...] aber wie er da stand, er oder der kleine Gottlieb, er empfand Größe, er dachte
an den Duce, der dies alles gebaut und den man geschändet hatte, und er empfand
G.M. Rösch / Roman im 20. Jahrhundert - VL 6: Der Tod in Rom 2
die Größe der Geschichte, der man Denkmale setzte und hinter der immer der Tod
als letzte Weihe war. Viel Licht breitete sich um Judejahn. Rom leuchtete. (484)
Indem Koeppen dem Künstlertum Siegfried Pfaffraths und seiner Päderastie konkreten
historischen Ursprung im Nationalsozialismus und seiner versuchten Überwindung (546)
gibt, überschreibt und dekonstruiert er die Idee des individualistischen und an sich selbst
scheiternden Künstlers, wie er in Th. Manns Novelle im Mittelpunkt steht.
Im Licht der historischen Erfahrung zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus
vollzieht sich Koeppens radikale Absage an jeden Ästhetizismus. Seine forciert ‚realistische‘
Gestaltungsweise verbindet sich mit einem Kulturpessimismus, der im Gegenzug
die Historie als zyklische Wiederkehr von Machtmißbrauch und Schreckensherrschaft
zeigt, gespeist durch das sexuell motivierte (und in Judejahn personifizierte)
Verlangen nach Herrschaft. (Herwig, Absage an den Ästhetizismus, s. Literatur,
hier 549)
Selbst in der auktorialen Deutung weist Koeppen auf die mehrfachen Anregungen für den
Roman hin, die sich weder ganz mit literarischen Anspielungen noch mit autobiographisch-
historischen Anstößen decken.
Durch Rom ging ein Gespenst – die ermordete Wilma Montesi. Meine Geschichte
hat mit dem Montesi-Fall nichts zu tun. Aber die Luft in Rom war gerade sehr geeignet
für Gespenster.
Die Zeitschriften brachten wieder Bilder von Mussolini. Sein geheimer Briefwechsel
mit Churchill wurde veröffentlicht und erregte die Römer. Beinahe hätte der Krieg für
Italien nicht stattgefunden. [...]
So regt mich vieles an; ich nahm mir die Freiheit, auch meinerseits noch einige Gespenster
in Rom anzusiedeln.
Wie ich dazu kam. Zur Entstehung des Romans ‚Tod in Rom‘. In: Wolfgang Koeppen,
Gesammelte Werke in 6 Bden. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki in Zusammenarbeit
mit Dagmar von Briel und Hans-Ulrich Treichel. Bd. 5: Berichte und Skizzen II.
Frankfurt 1986, 242f.
3. Thematische Felder
3. 1. Die Analyse des Faschismus und des autoritären Charakters
Die Figur Gottlieb Judejahns ist gestaltet als der autoritäre Charakter, aus dessen psychischer
Disposition die Entstehung und das Funktionieren des Nationalsozialismus erklärt
werden. Zu seinen Eigenschaften gehören Ich-Schwäche und das daraus resultierende
Bedürfnis nach Macht oder Unterwerfung, ebenso das Bedürfnis nach starken Strukturen,
Ritualen und Formen der gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Damit wird in dieser
Figur eine Tradition der Analyse und Kritik der deutschen Gesellschaft weitergeführt, die
mit der Figur des Diederich Heßling in Der Untertan (1914/18) beginnt.
Vgl. dazu Jochen Vogt, Diederich Heßlings autoritärer Charakter. Sozialpsychologisches
im ‚Untertan‘. In: Heinrich Mann. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. 4., erw. Aufl.
München 1986, 70-81.
Die Gleichzeitigkeit von Macht und Unterwerfung zeigt sich in dem Gebaren als Militär und
Gefolgsmann und in seiner gleichzeitigen Unsicherheit in nicht hierarchisch geordneten
Situationen.
Zur Bestimmung dieser Figur gehört hypertrophe Männlichkeit und damit ein defizitäres
G.M. Rösch / Roman im 20. Jahrhundert - VL 6: Der Tod in Rom 3
Verhältnis zur Frau, wie es sich in der Dichotomie zwischen Eva und Laura bzw. Ilse erweist.
Autoritäre Charakterzüge, jedoch nicht in der animalisch-brutalisierten Form wie bei Judejahn,
werden auch den Pfaffraths zugeschrieben.
[...] er wirkte apoplektisch, [...] und dann brach es aus ihm heraus, eine Flut von
Schimpfworten, ein Strom Unflat, er überschwemmte sie mit Auswurf, [...] sie hingen
an seinen Lippen, stumm, sie bebten, aber sie hingen an seinen Lippen, es war wie
in alten Tagen, der große Judejahn sprach, der große Bonze grollte, und sie unterwarfen
sich, ja sie fühlten ein Wohlempfinden, eine Lust im Mark, ein wollüstiges
Schneiden im Bauch und in den Genitalien, sie beteten an. (529, 530)
Dietrich Pfaffrath und Adolf Judejahn suchen gleichermaßen Halt in Ordungsstrukturen.
[...] und doch wäre Dietrich gern hinter Judejahn marschiert, [...] wenn Judejahn eine
Fahne entfaltet und zu nationaler Sammlung gerufen hätte. (533; ebenso 560 über
Dietrich und Adolf als „Vertreter der Ordnung, des Staates und der festen Hand“)
3. 2. Weiblichkeit als unbewältigtes Existenzfeld
Der Gegensatz von weiblich – männlich gehört zur thematischen Struktur des Textes.
Während Männlichkeit mit Gewalt und Ritualen im weitesten Sinne verbunden ist; wird
Weiblichkeit konnotiert durch Fortpflanzung (597).
Die Sexualität nahezu aller Figuren ist defizitär.
Die Pfaffraths führen eine konventionelle Ehe, deren Erotik erloschen scheint (515).
Für Judejahn verbinden sich auf psychotische Weise die Erinnerungen an Erschießungen
und Gewalt mit sexueller Lust. Für ihn und Eva ist das Verhältnis von Frau und Mann
ideologisch deformiert:
Sie ist mein Kamerad; mein einziger Kamerad ist sie doch geblieben. (569)
Adolf versagt sich der sexuellen Liebe. Siegfried schwimmt im Tiber (546, 548, 549, 552)
und erlebt „die feuchte, umschlingende Umarmung des mythischen Elements“.
Kürenbergs werden beschrieben, als besäßen sie die Leiber von Götterstatuen (438-439;
466), zumal Ilse wird mit einer Göttin verglichen (534).
3. 3. Geschichte und Mythos
Die Handlung wird chronologisch verortet, v.a. in den Bezugnahmen in den Reden und
Gedankenströmen der Figuren. Zeitgeschichte wird diskursiv in den Roman eingeführt.
Es sind die frühen 50er Jahre.
Zugleich werden einzelne Figuren explizit mythologisch gedeutet. Das Geschehen wird
damit enthistorisiert; die Analyse der geschichtlichen Vorgänge wird zurückgestellt zugunsten
einer grundsätzlichen Unsagbarkeit oder Verdrängung.
Hinter ihm war der Tunnel. Er lockte Judejahn. Er lief hinein, er wurde hineingezogen.
Wieder ging er durch ein Tor ins Unterirdische. Es war eine Hadespforte. Der
Tunnel war gerade und kühl gekachelt, er war eine Kanalisationsröhre des Verkehrs,
in der die Omnibusse dröhnten und Neonlichter der Unterwelt Leichenfarben gaben.
4. Romancharakteristika: Erzählperspektive – Psychologisierung – Fähigkeit zur
Integration anderer Gattungen oder Wissensbestände – Selbstreflexion des Textes
G.M. Rösch / Roman im 20. Jahrhundert - VL 6: Der Tod in Rom 4
Die Erzählperspektive ist auktorial oder fällt über weite Teile mit den Perspektiven einzelner
Figuren zusammen. Die Selbstaussprachen, etwa in Dialogen und inneren Monologen,
werden durch das Wissen des Erzählers kommentiert und relativiert.
Die Psychologisierung der Figuren verweist auf die Erkenntnisse der Massenpsychologie
und verbindet sich mit der Erklärung des Faschismus.
Die Selbstreflexion des Textes geschieht stellvertretend, indem Siegfrieds Musik charakterisiert
wird und zahlreiche Hinweise auf seine Identifikation mit amerikanischen Schriftstellern
fallen (besonders Hemingway).