Inhalt:Der Tod in Rom
In den Siebzigerjahren kommt der "Tonsetzer" Siegfried Pfaffrath nach Rom, wo
seine avantgardistische Sinfonie unter der Leitung des berühmten Dirigenten
Kürenberg aufgeführt werden soll.
Obwohl die beiden Musiker seit 1944 miteinander Kontakt haben, finden Sie erst
jetzt heraus, dass Kürenbergs Ehefrau Ilse aus derselben deutschen Stadt wie
Siegfried Pfaffrath stammt. Ihr Vater war der jüdische Kaufhausbesitzer
Aufhäuser. Über viele Jahre hinweg hatte er Erstausgaben deutscher Klassiker und
Romantiker zusammengetragen, aber seine Bibliothek wurde von den
Nationalsozialisten vernichtet, sein Kaufhaus zündeten sie an, und ihn selbst
erschlugen sie im KZ. Siegfrieds Vater Friedrich Wilhelm Pfaffrath, der damals
Oberpräsident der Stadt war, beteiligte sich zwar nicht aktiv an den
Ausschreitungen gegen die Juden, aber er billigte sie. Nach dem Krieg wurde er
als Mitläufer eingestuft und als Oberbürgermeister "streng demokratisch wieder
eingesetzt".
Friedrich Wilhelm Pfaffraths Schwager ist Gottlieb Judejahn. Der Sohn eines
Volksschullehrers war ein schlechter Schüler, aber nach dem Notabitur im Jahr
1917 "bewährte" er sich als Freikorps-Offizier bei der Niederschlagung des
Spartakusaufstandes. Judejahn beteiligte sich am Kapp-Putsch, im Ruhrkampf und
an Fememorden.
In Hitlers Dienst wurde Judejahn bürgerlich, arrivierte, setzte Speck an, trug hohe Titel, heiratete ...
Als SS-General zählte er zu den
einflussreichsten Männern des Regimes und wurde von den Alliierten in Nürnberg
in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Seine Familie dachte, er sei irgendwo ums
Leben gekommen -- bis er dreißig Jahre nach dem Krieg einen Brief schickt.
Um ihn wiederzusehen, reist seine Frau Eva mit ihrer Schwester Anna, ihrem
Schwager Friedrich Wilhelm Pfaffrath und deren jüngerem Sohn Dietrich nach Rom.
Gottlieb Judejahn hat dort ohnehin zu tun: Er soll für einen arabischen Staat
bei einem Waffenschieber einkaufen.
Er hatte Waffen zu kaufen, Panzer, Kanonen, Flugzeuge, Restbestände, für das kommende große Morden schon unrationell gewordene Maschinen, aber für den kleinen Wüstenkrieg, für Putsch und Aufstand noch schön verwendbar.
Dabei benützt Judejahn einen zwar
echten, aber auf einen falschen Namen ausgestellten Pass. Im Gegensatz zu seinen
Verwandten wohnt er in einem Luxushotel, und die Gesandtschaft des Landes,
dessen Armee er reorganisiert, stellt ihm eine schwarze Edelkarosse mit
Chauffeur zur Verfügung. Allerdings ärgert Judejahn sich, weil "er wieder nur
für seinen Semiten- und Mohrenhaufen kaufen durfte, für seine gedrillten Kerle
im Wüstenfort".
Seit jeher hasste Gottlieb Judejahn seinen Vornamen. Niemals wollte er "Gott
lieb" sein. Deshalb ließ er sich damals von seinen Freunden "Götz" nennen, und
dienstlich unterschrieb er mit "G. Judejahn".
Noch heute hört er die dünne Simme seines Vaters: "Du bist dumm, du hast deine
Aufgaben nicht gelernt, du bist ein schlechter Schüler, eine Null, die
aufgeblasen wurde."
Und so war es gut, dass er sich immer im Schatten eines Größeren gehalten hatte, dass er ein Trabant geblieben war, der glanzvolle Trabant des mächtigsten Gestirns, und er begriff noch immer nicht, dass diese Sonne, von der er Licht und die Befugnis zu töten geliehen hatte, auch nur ein Betrüger gewesen war, auch nur ein schlechter Schüler, auch nur ein kleiner Gottlieb, doch des Teufels auserwähltes Werkzeug, eine magische Null, eine Schimäre des Volkes, eine Luftblase, die schließlich platzte.
Judejahn ist durch und durch Militarist.
Judejahn sprach väterlich "meine Jungens",
und Judejahn sprach ordinär latrinenschnäuzig "killt die Sau", immer war er
volksnah und immer ein Prachtkerl, humorgesegnet, alter Fememörder ...
Er hatte sie gebrochen, indem er sie eines lehrte: Gehorchen. Er hatte sie gut
geschliffen, auch das nach alter Schule. Nun standen sie aufrecht und
ausgerichtet wie Zinnsoldaten vor ihm, und ihre Seele war tot. Sie waren
Soldaten. Sie waren Menschenmaterial. Sie waren einsatzbereit und konnten
verheizt werden.
Denken war nicht seine Art. Das war Treibsand, gefährliches verbotenes
Territorium. Literaten dachten. Kulturbolschewisten dachten. Juden dachten.
Schärfer dachte die Pistole.
Eva Judejahn ist noch immer eine überzeugte Nationalsozialistin.
Sie trauerte um Großdeutschland, sie beweinte den Führer, beweinte die durch Verrat und Tücke und widernatürliches Bündnis niedergerungene germanische Weltbeglückungsidee, das tausendjährige Dritte Reich.
Dass ihr Mann noch lebt, freut sie
nicht; ein toter Held wäre ihr lieber.
Ihr Sohn Adolf will ausgerechnet katholischer Priester werden. Deshalb hält auch
er sich in Rom auf -- ohne zunächst von der Anwesenheit seiner Verwandten etwas
zu ahnen. Es dauert noch einige Zeit, bis er zum Priester geweiht wird. Jetzt
ist er Diakon.
Ich habe noch keine Absolutionsgewalt. Ich kann die Sünden nicht vergeben.
Durch das Gewand des Priesters
distanziert er sich von seinen Eltern, fühlt sich aber hin- und hergerissen
zwischen seiner Abscheu vor ihrer Einstellung und der Pflicht, die Eltern zu
lieben. Allein würde er sich gar nicht zurechtfinden; er braucht die
Gemeinschaft der Kirche, zweifelt aber zugleich an ihrem Wert.
Auch sein Cousin Siegfried Pfaffrath verließ das Elternhaus und schlug aus der
Art, indem er Musiker wurde, Neutöner noch dazu.
Die Musik war ein geheimnisvoller Bau, zu dem es keinen Zugang mehr gab oder nur noch eine enge Pforte, die wenige durchließ. Wer in dem Bau saß, konnte sich den Draußengebliebenen nicht mehr verständlich machen, und doch war auch für diese der geheimnisvolle nach magischer Formel errichtete unsichtbare Bau wichtig.
Siegfried Pfaffrath ist homosexuell. Beim Gedanken an Fortpflanzung graust es ihm.
Der Gedanke, ein Leben zu verursachen, das unabsehbaren Begegnungen, Zufällen, Aktionen und Reaktionen ausgesetzt sein und durch Tat, Gedanke oder weitere Vermehrung seinerseits wieder noch in alle Zukunft wirken konnte, die Vorstellung, Vater eines Kindes zu sein, diese Herausforderung der Welt, entsetzte ihn wahrhaft und verdarb ihm den Umgang mit Mädchen.
Siegfrieds jüngerer Bruder
Dietrich gerät dagegen nach dem Vater: Als Corpsstudent bereitet er sich auf
eine Beamtenkarriere vor, und in Rom freut er sich auf den geplanten Ausflug zum
Schlachtfeld von Monte Cassino, "wie es sich für junge Leute gehört", findet
Friedrich Wilhelm Pfaffrath.
Nach dreißig Jahren geht Judejahn erstmals wieder durch Rom, zu dem Hotel, in
dem die anderen Deutschen wohnen.
Er sah keine Uniformen, keine Abzeichen am Rock, er blickte in eine ranglose ehrvergessene Welt; nur hier und dort leuchtete die betresste Affenjacke eines Angestellten des gastronomischen Gewerbes auf.
In der Nähe stürzt ein Neubau ein.
Menschen rennen kopflos herum. Judejahn kommandiert: "absperren, zurückbleiben,
absperren", will "Disziplin in den Tod bringen", aber niemand beachtet seine
deutschen Befehle.
Bei der Ankunft in der Hotelhalle überlegt Judejahn es sich anders. Er kehrt um,
ruft dann seinen Schwager an und bestellt ihn und die anderen Verwandten für den
nächsten Abend in das Hotel, in dem er wohnt.
Er empfing sie in einem Schlafrock, er hatte sich mit Franzbranntwein abgerieben und ein duftendes Haarwasser auf seine grauen Borsten geschüttet, und er sah wie ein alter erfolgreicher Boxer aus, der für viel Geld noch einmal in den Ring klettert. Der Luxus, der ihn umgab, beirrte sie. Sie standen wie Bittsteller da, wie arme Verwandte, wie sie stets bei ihm gestanden hatten, er merkte es und fühlte sich, es war alles wohlberechnet ...
Unvorsichtigerweise fragt er nach seinem Sohn Adolf. Dietrich Pfaffrath berichtet sogleich, der sei Pfaffe geworden. Unter diesem Hieb taumelt Judejahn, dann verschafft er sich mit einer Flut von Flüchen Luft. Um sich zu rächen, nimmt er die Zeitung, die er mit dem Frühstück bekam. Sein Neffe Siegfried ist darin abgebildet.
... und nun hielt er Friedrich Wilhelm Pfaffrath das Bild hin, empört und hohnvoll, und weil er den Text zu dem Bild missverstanden hatte, meinte er, dass des Schwagers Sohn ein Geiger sei, was freilich, er musste es zugeben, nicht so übel wie ein Pfaffe war, aber doch übel genug, abgerutscht und gegen die Tradition der Sippe gehandelt, gegen die Herkunft und gegen die Erziehung in der Ordensschule ...
Weil seine Frau nicht mitgekommen
ist, besucht er sie schließlich doch in ihrem Hotelzimmer. Dort trifft er mit
Adolf zusammen, der inzwischen von der Anwesenheit seiner Eltern erfahren hat
und der Mutter ebenfalls einen Besuch abstattet. Judejahn überredet sie, nach
Deutschland zurück zu fahren und drückt ihr Geld für den Schlafwagen in die
Hand. Sobald der bundesdeutsche Staat seine Souveränität zurückerhalte, werde er
nachkommen, denn vor einem deutschen Gericht habe er nichts zu befürchten.
Gefolgt von Adolf duchqueren Eva und Gottlieb Judejahn die Hotelhalle, als die
Pfaffraths gerade von ihrem Ausflug zurückkehren. Um sie zu ärgern, ruft
Judejahn über die Schulter: "Geht ihr ins Konzert? Der Siegfried fiedelt doch
heute!"
Siegfried Pfaffrath weigert sich, einen Frack auszuleihen. Seine Karte für einen
Logenplatz neben Ilse Kürenberg schenkte er Adolf, der ihn aufgesucht hatte.
Erst als er die beiden nebeneinander sitzen sieht, fällt ihm ein, dass Gottlieb
Judejahn Schuld war an der wirtschaftlichen und physischen Vernichtung von Ilse
Kürenbergs Vater. Aber er sagt sich, die Tragödie sei geschehen, nun müsse das
Satyrspiel folgen.
Von einem anderen Platz aus verfolgt Siegfried die Aufführung seiner Sinfonie.
Als Judejahn vom Bahnhof zurück in das Hotel kommt, in dem die Pfaffraths
wohnen, berichtet ihm der Portier, er habe ihnen Karten für das Konzert besorgt.
Inzwischen seien sie wohl schon dort. Während Judejahn in sein eigenes Hotel
gefahren wird, verfällt er auf den Gedanken, ebenfalls ins Konzert zu gehen. Es
werde sicher Spaß machen, seinen Neffen fiedeln zu sehen. Er lässt sich eine
Karte für die erste Reihe besorgen. Der Platzanweiser will Judejahn nicht
einlassen, weil er keinen Frack trägt, aber der ehemalige General drängt ihn zur
Seite und wirft ihm verächtlich einen Geldschein hin. Erst dann merkt er, dass
er falsch gekleidet ist.
Wo ist denn sein Neffe? Unter den Geigern kann er ihn nicht entdecken.
Stattdessen bemerkt er in einer Loge seinen Sohn neben einer vornehmen Dame. Als
er nach der Vorstellung von seinem Schwager erfährt, es handele sich um die
Tochter des "Warenhausjuden" Aufhäuser, unterstellt er ihr sofort eine Affäre
mit seinem Sohn.
Eine Jüdin hatte neben Adolf gesessen, eine deutsche Jüdin schlief mit seinem Sohn, der ein römischer Priester war, es erregte Judejahn, es erregte ihn, wie den Leser der Gerichtszeitung der Blutschandeprozess entrüstet und aufregt ...
In der Galerie wird gepfiffen, im
Parkett geklatscht. Man ruft den Komponisten auf die Bühne, aber Siegfried
Pfaffrath bleibt sitzen und gibt sich nicht zu erkennen.
In der Garderobe gratuliert ihm das Ehepaar Kürenberg. Vater, Mutter, Bruder und
Onkel kommen dazu und gratulieren ebenfalls.
Danach besucht Siegfried Pfaffrath mit Adolf Judejahn ein Schwulenlokal.
Zufällig führt Gottlieb Judejahn seinen Schwager, die Schwägerin und den Neffen
Dietrich in dieselbe Bar, weil er in der Nacht mit der Kassiererin Laura
verabredet ist.
Beim Getränkeholen an der Theke begegnen sich Siegfried Pfaffrath und Gottlieb
Judejahn.
... ich drehte mich um und sah Judejahn sich zwischen die Hocker drängen. Ich war überrascht, und er schien auch überrascht zu sein, wir starrten uns an, und dann hätte ich mich abwenden müssen, aber ich fand es komisch, Judejahn in der homosexuellen Bar, in der Sphäre meiner Verdammnis zu sehen, es reizte mich, ihn zu ärgern, und ich sagte: "Bist du schwul geworden, Onkel Judejahn?" Sein Gesicht verzerrte sich, und er schaute sich um, und es schien ihm erst jetzt klar zu werden, dass dies ein schwules Lokal war, und er zischte mir zu: "Ich ahnte immer schon, dass du ein solches Schwein bist!"
Der schüchterne Diakon, der sie anstarrt, gefällt Laura. Nach Betriebsschluss will sie ihm eine Freude machen. Deshalb verschiebt sie das Treffen mit Gottlieb Judejahn auf den nächsten Vormittag. Als dieser merkt, wie Laura und Adolf sich ansehen, wird er sich seines Alters bewusst.
Die Jugend stand gegen Judejahn auf, die blöde Jugend hatte ihn verraten. Die eine Jugend war gefallen, die hatte Judejahn im Krieg verschlungen, die war in Ordnung, die hatte ihn nicht getäuscht, die konnte ihn nicht mehr täuschen und verraten, die lag im Grab. Aber die neue Jugend hatte ihn verraten und verriet ihn immer weiter ...
Nach Betriebsschluss lässt sich
Laura von Adolf und Siegfried begleiten. Siegfried verabschiedet sich, damit die
beiden allein bleiben können, aber gleich darauf läuft auch Adolf weg.
Am Vormittag trifft sich Laura mit Gottlieb Judejahn am Bahnhof Termini und geht
mit ihm in ein Hotel.
Sie hatte noch gedacht, ob er die blaue Brille im Bett abnehmen würde, und nun hatte er sie abgenommen, es hatte sie amüsiert, aber dann erschrak sie vor seinen Augen, sie waren blutunterlaufen, und sie bebte zurück vor seinem tückisch gierigen Blick, vor der gesenkten Stierstirn, die auf sie zukam, und er fragte "hast du Angst?", und sie verstand ihn nicht und lächelte, aber es war kein volles Lächeln mehr, und er warf sie auf das Bett. Sie hatte ihm diese Leidenschaft nicht zugetraut, die Männer, mit denen sie für die Geschenke schlief, die ein Mädchen so dringend braucht, waren sonst nicht so erregt ...
Sie schreit, er tue ihr weh, aber er versteht sie nicht.
... und der Mann war böse, er flüsterte "du bist eine Jüdin, du bist eine Jüdin", und sie verstand ihn nicht, aber ihr Unterbewusstsein verstand ihn, als die deutschen Soldaten in Rom waren, hatte das Wort eine Bedeutung gehabt, und sie fragte "ebreo?", und er flüsterte "Hebräer", und legte die Hände um ihren Hals, und sie rief "no e poi no, cattólico", und das Wort cattólico schien ihn auch zu entflammen in Wut und Begierde ...
Laura wäscht sich. Durch einen roten Nebel sieht er die nackte Frau und glaubt, sie stehe vor einem Erdgraben.
Man musste die Jüdin liquidieren. Man hatte den Führer verraten. Man hatte nicht genug liquidiert.
Gottlieb Judejahn steht taumelnd auf und zieht sich an. In der Hosentasche findet er die schallgedämpfte Pistole, die er von dem Waffenhändler bekam.
Gleich würde gesäubert werden. Die Pistole würde wieder Ordnung schaffen. Er brauchte nur noch ein wenig Luft, er keuchte und zitterte zu sehr. Er schwankte zum Fenster, riss es auf und beugte sich in die tiefe Straße, die voll von dichtem roten Nebel war.
Im Hotel gegenüber wohnt das
Ehepaar Kürenberg. Ilse Kürenberg hat sich gerade ein Bad einlaufen lassen. Das
Wasser ist zu heiß. Judejahn sieht sie durch das geöffnete bodentiefe Fenster.
Sie steht da im weißen Morgenmantel. Er aber sieht sie nackt, "nackend wie die
Frauen vor dem Leichengraben". Er feuert das Magazin seiner Pistole leer. Beim
letzten Schuss fällt Ilse Kürenberg um.
Laura schreit. Judejahn torkelt auf die Straße.
Er hatte geschossen. Er hatte zur Endlösung beigetragen. Er hatte einen Führerbefehl erfüllt. Das war gut. Und nun musste er sich verstecken. Es war noch nicht der Endsieg.
Im Museum der Diokletianischen Thermen bricht er zusammen. Adolf, der zufällig in der Nähe ist, rennt in die nächste Kirche und holt einen Priester. Museumswärter tragen den Bewusstlosen in einen Schuppen. Er kommt nicht zu sich, auch nicht, als ihm der Priester die Sterbesakramente gibt. Die Sanitäter können ihm nur noch die Augen schließen.