Reflection
Prolog
Nie h�tte ich erwartet,
dass in diesem Jahr 1999 so viel passieren w�rde, so viel Schreckliches, aber
auch Gutes! Es hat mein ganzes Leben ver�ndert und wenn ich mich heute daran
erinnere, ist es so, als ob ich in einen Spiegel blicke.
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Flashback
August
1981:
�Das
frisch verm�hlte Ehepaar Mr und Mrs Benson gaben gestern erstmals bekannt, dass
sie Nachwuchs erwarten. In einem pers�nlichen Interview sagte Charles Benson,
der Besitzer von I-Media und Bushed, den f�hrenden Computerfirmen der Welt:
�Meine Frau Delia und ich freuen uns sehr, aber so richtig glauben k�nnen wir
es immer noch nicht. Nicht mehr lange und wir sind die Eltern eines kleinen
Babys. Nat�rlich bedeutet ein Kind sehr gro�e Verantwortung, aber��
SWITSCH! Der Fernseher wurde ausgeschaltet.
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Ich schaute aus dem Fenster.
Drau�en d�mmerte es bereits und hinten am Horizont verschwand gerade ein
glutroter Sonnenball, der die riesigen Wolkenkratzer in ein orangenes Licht
tauchte. Der Hudson River floss nicht weit von dem Haus entfernt, indem ich in
einem kleinen Apartment wohnte. Ein winziges Zimmer, in das ich eine Einbauk�che,
einen Beistelltisch, eine ausziehbare Schlafcouch, einen Schrank und einen Stuhl
quetschte, es gab noch ein Badezimmer, das ich mir aber mit den anderen Leuten,
die in diesem Stockwerk wohnten, teilen musste. Eigentlich machte es mir nichts
aus hier zu wohnen, denn ich kam normalerweise nur zum Schlafen her, tags�ber
war ich an der Uni oder irgendwo in New York und das Zimmer kostete nicht viel,
denn als Studentin, die nebenbei in einer Bibliothek jobbt, verdiente ich nicht
viel und von meinen Eltern bekam ich keinen Zuschuss. Ich hatte gar keine Eltern
und hatte auch noch nie welche gehabt.
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Flashback
April
1982:
�Hi
Angela, du wirst nicht glauben, was ich heute erfahren habe.�
�Was
denn, Camille?�
�Delia
Benson ist gestern nieder gekommen.�
�Oh,
das freut mich! Ich muss sie unbedingt anrufen. Sind sie und das Kind
wohlauf?�
�Ja,
und es gab sogar eine �berraschung. Es sind Zwillinge! Zwei M�dchen!�
�Nein,
das ist ja schier unglaublich!�
�Jaja,
aber was ich dir unbedingt noch erz�hlen muss, meine Cousine Mariah, die
hat��
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Die Dunkelheit senkte sich
�ber New York, die Stadt, die ich so sehr liebte. Hier war ich geboren und
aufgewachsen, hier w�rde ich mein Leben lang bleiben. Langsam wandte ich mich
vom Fenster ab, auch hier im Zimmer war es d�ster. Ich griff nach meiner k�nigsblauen
Umh�ngetasche, tat einen Ordner und zwei B�cher, die ich ausgeliehen hatte
hinein und guckte mich dann suchend nach meinem Portemonnaie um, das ich auf der
K�chenablage entdeckte. Nachdem auch dieses und noch eine Flasche Mineralwasser
verstaut waren, riss ich die Tasche schwungvoll hoch, leider hatte ich
vergessen, den Reisverschluss zu schlie�en und alles lag auf dem grauen
Teppichboden verstreut. Leise fluchend sammelte ich alles wieder auf, zuletzt
griff ich nach einem Photo und blickte es traurig an. Ein M�dchen mit
schulterlangen, schwarzen Haaren lachte strahlend in die Kamera. �Annie!�,
fl�sterte ich leise und eine Tr�ne lief mir �ber die Wange.
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Flashback
Im
New Yorker Krankenhaus St. Albert:
�Schatz,
es ist wirklich die beste Entscheidung!�
�Aber
ich will Laurie nicht hergeben!�, schluchzte Delia Benson.
�Wir
m�ssen es tun, ansonsten verlieren wir alles. Du kennst doch die Klausel im
Testament meines Vaters. Ich werde nur Firmennachfolger, wenn ich nur ein
einziges Kind bekomme.�, versuchte Charles sie zu �berzeugen.
�Ich
kann das einfach nicht tun, f�r kein Geld der Welt werde ich eines meiner
Kinder hergeben.�, beharrte sie.
�Du
hast doch geh�rt, was der Arzt gesagt hat, Laurie hat S�uglingsfieber, zudem
ist sie sehr schwach. Die Chancen, dass sie die n�chsten Wochen �berlebt, sind
gering. Wenn wir sie behalten, verlieren wir m�glicherweise beides, das Kind
und unser Geld!�, redete er weiter auf sie ein, �Wir m�ssten unser
Luxus-Apartment verkaufen, unsere Villa in Beverly Hills auch, das Ferienh�uschen
in Italien. Du k�nntest dir keine teuren Designer-Kleider mehr kaufen und m�sstest
arbeiten gehen. Stellst du dir so dein Leben vor? Ich jedenfalls nicht!�
Mit
gro�en, verweinten Augen schaute sie ihn an und sch�ttelte stumm den Kopf.
�Nein,
ich will nicht wieder zur�ck in die Armut, das ertrage ich nicht!�, rief sie
verzweifelt.
�Mir
f�llt es auch schwer, aber wir haben keine andere Wahl!�, sagte er und
streichelte z�rtlich ihre ger�tete Wange. Er drehte sich zu den beiden
Babybettchen um, in denen zwei winzige Gesch�pfe mit schwarzem Flaum auf dem
Kopf tief und fest schliefen. Er schaute noch einmal auf die Namensschildchen um
sich zu vergewissern, nahm dann das rechte, kleinere heraus und trug sie unter
seinem Mantel versteckt nach drau�en. Mit seinen verhallenden Schritten wurde
das Weinen von Delia immer lauter. Sie hatte gerade ein Kind f�r immer
verloren!
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�Hey S��e, wie w�re es
mit uns beiden heute Abend?�, ich beachtete den Typen nicht weiter, sondern
starrte stur gerade aus. Vor mir lag die gekachelte Wand der U-Bahn Station, auf
der verschmierte Graffitis in allen Farben zu sehen waren, aus dem dunklen
Tunnel h�rte ich ein Rauschen und gleich darauf fuhr die U11 ein, die
quietschend bremste. Alle Leute au�er mir stiegen ein und schon war die Bahn
wieder verschwunden. Von der Schw�rze verschluckt! Ich fr�stelte in der d�nnen
Jeansjacke, und stand auf, die steinerne Bank war mir zu kalt geworden. Es war
so still hier, normalerweise waren die Stationen erf�llt von Stimmen. Stimmen,
die lachten, Stimmen, die weinten, Stimmen, die schrieen, Stimmen, die fl�sterten,
aber jetzt war alles ruhig. Nachdenklich blickte ich auf die Gleise, die im
Licht der Neonr�hren aufblitzten. Es w�re so einfach, sich auf das k�hle
Metall zu legen und zu warten, warten bis die U-Bahn kam und dann war alles ganz
schnell vorbei. Ob man noch etwas sp�rt? Es tut vielleicht kurz noch weh, aber
dann ist man erl�st. Aber erl�st wovon? In einer Minute kommt die Bahn.
1. Kapitel
So lange ich mich zur�ck
erinnern kann, wohnten wir immer in dieser kleinen Reihenhaus-Siedlung in
Queens. Wir, das waren Nanny, Granpa und ich, Laurie! Meine Eltern waren nur
wenige Wochen nach meiner Geburt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen,
deshalb habe ich fast keine Erinnerungen an sie, wenn ich es jetzt recht �berlege,
keine einzige. Noch nicht einmal Photos hatten wir in der 4th Avenue, Number
55a, 2. Stock. Unsere Wohnung sah genauso aus, wie tausend andere in diesem
Wohngebiet, aber ich f�hlte mich hier wohl. Es war wie eine eigene, heile Welt
f�r mich und so wuchs ich von meinen Gro�eltern beh�tet zu einem jungen
Teenager heran. Ich ging zur High School wie jeder andere in meinem Alter auch
und hatte auch viele Freunde, doch eine beste Freundin oder einen besten Freund
hatte ich nie. Man traf sich nachmittags zum Shoppen oder
Eis essen, aber eine Person, der ich meine intimsten Geheimnisse
anvertrauen konnte, gab es nicht. Es machte mir eigentlich auch nichts aus, denn
ich war von Natur aus ein eher zur�ckhaltender Mensch. Eine Sache, die mich bis
auf den heutigen Tag verwundert, dass ich bei Jungs so gut ankomme, denn ich
unterschied mich nicht sehr von den Leuten aus der Siedlung. Ich hatte schwarze,
schulterlange Haare, eine schlanke, zierliche Figur, ein h�bsch geschnittenes
Gesicht und blasse Haut, das einzig bemerkenswerte waren vielleicht meine Augen,
die in einem strahlenden Gr�n leuchteten. Nanny wei� auch nicht, woher ich
diese Augen habe, jedenfalls nicht von meinen Eltern, aber eigentlich war mir
das ziemlich egal. Meine Augen waren so und damit basta! Meine Freunde nannten
mich oft �Die Tr�umerin�, denn ich verga� oft alles um mich herum und
verschwand in meiner Traumwelt. Dort erlebte ich all die Abenteuer, die ich hier
in Queens nicht erlebte und manchmal, wenn mir ein Traum besonders gut gefiel,
schrieb ich ihn auf. H�ttet ihr mich damals nach meinem Berufswunsch gefragt,
ich h�tte ohne zu z�gern gesagt: �Ich m�chte Geschichten schreiben!� Das
war das Einzige, was mir lag, davon war ich fest �berzeugt gewesen.
In einigen Tagen war mein
16. Geburtstag und ich wollte mit einigen Freunden eine Party machen, nichts Au�ergew�hnliches,
einfach das was ein normaler Teenager an seinem 16. Geburtstag machen w�rde und
obwohl ich nur etwa 25 Leute eingeladen hatte, tauchte die halbe Schule auf.
Geburtstage an der South Western Highschool
sprachen sich rum wie der Wind. Ich machte mir schon Sorgen nicht genug Essen
und Trinken zu haben, aber der eine brachte noch ein paar Muffins mit, die
andere zwei Flaschen Pepsi und so war im Endeffekt wieder mehr als genug da.
Irgendwann nach Mitternacht verabschiedete sich der letzte Gast und ich begann
aufzur�umen. W�hrend ich die Dosen und Flaschen zusammen r�umte, trat Nanny
in ihrem Morgenmantel ins Wohnzimmer. �Na, meine Kleine, habt ihr sch�n
gefeiert?�, wollte sie wissen. �Oh, haben wir dich geweckt?�, fragte ich
best�rzt, doch sie lachte nur. �Nein, nein! Ich hab noch gar nicht
geschlafen, denn Granpa und ich wollen dir noch etwas sehr Wichtiges sagen!�,
ihre Stimme wurde wieder ernst. �Ja, in Ordnung, aber ich r�ume vorher noch
alles weg, ok?� �Laurie, der M�ll l�uft dir nicht weg, aber das was wir
dir zu sagen haben, ist��, sie beendete den Satz
nicht, sondern bat mich stattdessen zu ihnen ins Schlafzimmer. Granpa
hatte das Feuer im Kamin entfacht und die roten Flammen warfen lange Schatten
auf die W�nde. Er selbst sa� in seinem Ohrensessel und rauchte eine Pfeife.
Neugierig, was sie mir erz�hlen wollten, setzte ich mich auf das B�renfell
vorm Kamin und w�rmte mir meinen R�cken. Nanny zog sich einen kleinen Hocker
heran und nahm neben Granpa Platz.
�Laurie!�, begann er das
Gespr�ch, �Du wei�t, wie sehr wir dich lieben, du bist f�r uns keine
Enkelin, sondern eine Tochter geworden und wirst es auch immer bleiben, egal,
was du jemals tun wirst. Wir werden auf jeden Fall zu dir halten, denn wir
wissen, was f�r ein herzensguter Mensch du bist und dass du niemandem ohne
Grund schaden w�rdest.� Was sollte das? Ich hatte doch gar nichts angestellt
oder wieso hielten sie mir urpl�tzlich eine Moralpredigt? Nanny l�chelte kurz
und sprach dann weiter: �Das, was wir dir jetzt sagen werden, wird nichts an
den Gef�hlen f�r dich �ndern und wir hoffen auch, dass du uns weiterhin so
liebst wie bis jetzt, aber wir w�rden auch verstehen, wenn du nichts mehr mit
uns zu tun haben willst, weil wir dir solange nichts gesagt haben.� Mein Herz
pochte schneller als sonst, was bedeutete diese Geheimniskr�merei? Was hatten
sie mir verheimlicht? Verwirrt blickte ich von einem zum anderen, doch ich
konnte in ihren Gesichtern nichts lesen, au�er dass es ihnen sehr schwer fiel,
mir das Geheimnis zu erz�hlen. Nanny holte tief Luft und sagte dann ganz ruhig:
�Wir haben dich all die Jahre angelogen! Deine Eltern sind nie bei einem
Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Sie leben!� Versteinert sa� ich da und
starrte auf die Kommode, die hinter den beiden stand. Das konnte nur ein Scherz
sein, oder? Aber tief in meinem Innern sp�rte ich, dass es wahr war. Irgendwo
da drau�en waren zwei Menschen, sie liebten sich und lebten vielleicht zusammen
in einem gro�en Haus auf dem Land mit noch vielen, vielen anderen Kindern oder
sie wohnten in einer Gro�stadt wie L.A. und arbeiteten als leitende Angestellte
in einer Firma, es konnte auch sein, dass sie sich als Forscher durch den
Regenwald schlugen und seltene Tier- und Pflanzenarten untersuchten. Aber
vielleicht war alles auch ganz anders und sie hatten sich scheiden lassen,
sprachen kein Wort mehr mit einander und lebten jeder sein eigenes Leben. STOP!
Laurie, h�r auf zu tr�umen. Jetzt geht es um die Realit�t, nicht um
irgendwelche Hirngespinste deiner Fantasie. Doch es war egal, wie sie lebten, wo
sie lebten, mit wem sie lebten, denn eines wusste ich, es war ein Leben ohne
mich!
Hinter mir knackten die
Holzscheite und das Feuer prasselte wie gew�hnlich leise vor sich hin, doch
hier sa� ich auf dem struppigen Fell und mein Leben hatte sich einmal um 180�
gedreht. Nichts war mehr, wie es schien. Ich begann mich von einem ersten Schock
zu erholen und blickte die beiden an. In ihren Augen las ich Trauer und Furcht
mich zu verlieren, aber was konnten sie schon daf�r, wenn mich irgendwelche
Leute, die sich meine Eltern nannten, einfach weggaben. Ich hatte Gl�ck gehabt
nicht in einem Heim aufzuwachsen, sondern in einem wohlbeh�teten Haushalt.
�Bist du sauer auf uns?�, ihre Stimme kam von weit her, obwohl sie nur zwei
Meter entfernt sa� und ich sch�ttelte blo� den Kopf. In ihm wirbelte alles
durcheinander, so viele Fragen, aber keine Antworten, die ich so bitter ben�tigte.
�Warum? Warum wollten sie mich nicht?�, brach es schlie�lich aus mir raus
und erste hei�e Tr�nen liefen mir �ber die Wangen. �Sie haben dich geliebt,
aber sie hatten nicht die Mittel dich zu behalten. Es war nicht ihre eigene
Entscheidung.�, sagte sie und beugte sich runter, um mich in den Arm zu
nehmen, doch ich sch�ttelte ihre Hand ab. �Das ist keine Entschuldigung!�,
meine Stimme brach und ich begann unkontrolliert zu schluchzen. �Laurie, sie
mussten es tun, glaube mir. Wenn sie eine andere Wahl gehabt h�tten, sie h�tten
alles getan um ihr Kind nicht zu verlieren.�, meinte jetzt auch Granpa. Doch
ich war viel zu durcheinander den Sinn dieser Worte �berhaupt zu erfassen,
meine Schultern zuckten, ich zitterte. �Ist alles ok?�, Nanny�s Stimme
klang besorgt. Ich nickte rasch und meine Haare flogen wild durch die Luft.
Hilflos mussten die beiden mit ansehen, wie ich vor dem Kamin kniete und mir die
Augen ausheulte, aber was h�tte ich sonst tun sollen? Weitermachen, als ob
nichts geschehen w�re? Mich freuen? Ich wei� nicht, wie lange ich geweint
hatte, irgendwann sp�rte ich eine eisige K�lte und als ich meinen Kopf etwas
zur Seite drehte, sah ich dass das Feuer im Kamin erloschen war, nur die Glut
glimmte noch ein wenig. �Laurie, willst du ins Bett?�, Granpa sa� immer
noch in seinem Sessel und paffte an seiner Pfeife. Ich entrang meiner
ausgetrockneten Kehle ein heiseres �Ja!� und er hob mich, wie fr�her als
ich noch klein war, hoch und trug mich in mein Zimmer. Vorsichtig setzte er mich
auf meinem Bett ab und Nanny, die hinterher gekommen war, deckte mich zu. Meine
Augenlider waren schwer wie Backsteine, aber ich musste noch eine letzte Frage
loswerden. �Wer ist es, Nanny? Wie hei�en sie?� Ihre aufgerissen Augen, die
sich vor Entsetzen weiteten werde ich nie vergessen. �Das darf ich dir nicht
sagen und glaub mir, du willst es gar nicht wissen. Es ist besser so wie es im
Moment ist.�, mit diesen Worten l�schte sie das Licht und verlie� den Raum.
Ich schloss die Augen und versuchte zu schlafen, versuchte an fr�her zu denken,
als meine Welt noch in Ordnung war. Hallo, mein Name ist Laurie und ich bin ein
ganz normales M�dchen!
2. Kapitel
Ich war vier Jahre alt, als
mein Opa mir eine Schaukel im Garten baute. Eigentlich hatte er keine Zeit, denn
in der Fabrik, in der er arbeitete, gab es mehr als genug zu tun und wenn er sp�tabends
heimkam, setzte er sich ins Wohnzimmer, holte seine S�ge und das Holz und
zimmerte an der Schaukel. An die ganzen Holzsp�ne, die an meinen F��en
pieksten, erinnerte ich mich sehr gut. Schlie�lich nach wochenlanger Arbeit war
die Schaukel fertig. Granpa hatte sie extra noch pink und blau (meine damaligen
Lieblingsfarben) gestrichen. Es war ein Sonntag, als er nach dem Fr�hst�ck mit
mir hinten in den Garten ging und das Ger�st aufstellte, vorsichtig h�ngte er
die Schaukelseile mit der Sitzbank ein und hob mich lachend hinauf. Dann
schubste er mich leicht von hinten an und schon flog ich wie ein Vogel durch die
L�fte. Es war das sch�nste Gef�hl der Welt und wann immer ich Zeit hatte und
hinaus durfte, sprang ich auf meine Schaukel. Manchmal verbrachte ich ganze
Nachmittage dem Himmel entgegen zu fliegen. Doch ich wurde �lter, kam in die
Schule, fand Freunde mit denen ich in die Stadt ging und ich benutzte die
Schaukel immer seltener. Irgendwann hat ein Sturm sie nachts umgerissen und die
Balken zerbrochen.
Vorsichtig �ffnete ich
meine geschwollenen Augen. Von drau�en schien die Sonne in mein Zimmer und
unten in der K�che h�rte ich Nanny, die leise sang. Wie viel Uhr war es denn
�berhaupt? Oh schon kurz vor eins! Eigentlich w�re ich jetzt aufgestanden, h�tte
mich gewaschen und angezogen, und w�re dann hinunter gegangen, aber jetzt blieb
ich liegen und beobachtete den Baum vor meinem Fenster, mit dessen Bl�ttern der
Wind spielte. Ein an den R�ndern schon braunes Blatt l�ste sich vom Ast und
wurde von einer B�e weggetragen, hinaus in die weite Welt, weg von dieser
Siedlung, in der alles so gleich war, weg von New York, auf�s Land, weg aus
Amerika nach Europa oder Australien, aber wahrscheinlich blieb es irgendwann auf
dem Boden liegen und wurde von einem Schuh zertrampelt. Mein Blick glitt durch
mein Zimmer. Es war nicht gro� und nicht klein, an den W�nden hingen ein paar
Poster von Stars, von denen ich CD�s besa� oder die ich im Fernsehen sah,
Bilder von einer Seerose und einem s��en Welpen. Ein Schreibtisch stand unterm
Fenster, den hatte Granpa vor zwei Jahren gezimmert, genau wie den Schrank und
das Bett, in dem ich gerade lag. So ziemlich alle M�bel hatte er selbst
gemacht, so wie ich sie mir gew�nscht hatte. Ich hatte mir die Form, das Holz
und die Farbe ausgesucht und darauf war ich immer stolz gewesen. Meine Freunde
kauften ihre M�bel alle im selben Gesch�ft, sie sahen sich meistens �hnlich
und es war eigentlich egal, bei wem wir uns trafen, die Zimmer sahen eh fast
gleich aus. Nur die B�cherregale an der Wand neben der T�r hatten wir gekauft,
das war damals, als Opa Probleme mit dem R�cken gehabt hatte und drei Monate im
Krankenhaus war. Ich hatte schon immer gern gelesen und so standen jede Menge B�cher
auf den Regalbrettern. �Freedom� so hie� mein absolutes Lieblingsbuch, in
ihm geht es um ein M�dchen, das zuhause geschlagen und misshandelt wird, eines
Tages flieht sie und ist endlich frei. Heute frage ich mich, was die Autorin
damit gemeint hat, denn niemand ist je richtig frei. Wir sind alle gefangen,
gefangen in unserem Leben!
Da klopfte es an der T�r.
�Laurie, willst du nicht langsam mal aufstehen?�, Granpa�s Stimme drang
durch die T�r. �Wieso sollte ich?�, ich klang ruppiger als ich es
beabsichtigt hatte. �Bitte, wir machen uns Sorgen um dich.�, bat er mich
noch einmal. �Das h�ttet ihr euch vorher �berlegen sollen!� �H�tten wir
es dir denn nicht sagen sollen? Dich weiterhin anl�gen, h�tte dir das
gefallen?� Ich �berlegte kurz und sch�ttelte den Kopf. Nat�rlich konnte er
das nicht sehen, aber ich brachte es nicht �ber meine Lippen. Erst als er ein
zweites Mal nachfragte, murmelte ich ein leises �Nein!�, was er gar nicht h�ren
konnte, aber trotzdem wusste er, was ich gemeint hatte. �Na also, aber Laurie,
deswegen darfst du dich nicht h�ngen lassen, denn dein Leben hat sich nicht gro�
ver�ndert.� Bei diesen Worten musste ich scharf nach Luft schnappen und war
gleich darauf an der T�r. �Nicht ver�ndert? Ihr habt mal kurz alles auf den
Kopf gestellt!�, b�se funkelte ich ihn an. �Ich verstehe nicht ganz��
�Ich hab immer geglaubt, dass meine Eltern tot sind und seit gestern wei�
ich, dass sie leben. F�r euch mag es kein gro�er Unterschied sein, aber wei�t
du, was es f�r mich bedeutet? Sie haben sich nie um mich gek�mmert, kein Anruf
an meinem Geburtstag oder Weihnachten. Es ist als w�rde ich f�r sie nicht
existieren und dieses Gef�hl, von seinen Eltern nicht geliebt zu werden ist f�r
ein Kind schlimmer, als die Tatsache, dass die Eltern gestorben sind.�, ich
begann wieder zu schluchzen. Stumm nahm er mich in den Arm und strich tr�stend
�ber meinen R�cken, wenigstens auf meine Gro�eltern konnte ich mich noch
verlassen.
Leider hatte ich mich
geirrt, wie ich in den n�chsten Wochen schmerzlich feststellen musste. Denn
immer wenn ich den Raum betrat, brachen die beiden ihr Gespr�ch ab und blickten
mich mitleidig an. Noch schlimmer war, dass sie mir nicht den Namen meiner
Eltern verrieten. Egal, wie oft ich sie darum bat, sie verneinten und wichen mir
mit fadenscheinigen Ausreden aus. �Wir wollen dich nicht noch mehr
verletzen!�, hie� es meistens. Ahnungslos, dass es in Wirklichkeit um Geld
ging, das sie von meinen Eltern monatlich erhielten, dachte ich jedes Mal, dass
sie tats�chlich nur das Beste f�r mich wollten, aber einsehen konnte ich es
nie. Schlie�lich bereiteten mir die Gedanken um meine Eltern oft schlaflose N�chte
und wenigstens ihren Namen wollte ich kennen, aber ich stie� bei den beiden auf
Granit und manchmal fingen wir an uns zu streiten. Auch an diesem verh�ngnisvollen
Mittwochabend hatten wir uns gestritten. Es war der gr��te Krach, den wir je
gehabt hatten. �Ihr liebt mich doch in Wahrheit gar nicht!�, schrie ich
bebend vor Zorn. KLATSCH! Granpa hatte mir eine schallende Ohrfeige gegeben.
Totenstille! Meine Wange war rot wie Blut, doch ich sp�rte keinen Schmerz,
sondern starrte nur Granpa an. Tiefer Hass stieg in mir auf. Dann drehte ich
mich ganz pl�tzlich um und rannte aus der Wohnung, knallte laut die T�r hinter
mir zu und lief ohne einen klaren Gedanken fassen zu k�nnen, los. Nach einer
Weile wurden meine Beine schwer, ich konnte sie kaum noch heben und mein Atem
rasselte ohne Ende, doch ich blieb nicht stehen, sondern rannte weiter, immer
weiter bis ich �ber eine Borsteinkante stolperte und hinfiel. Sofort durchfuhr
mich ein stechender Schmerz und ich jaulte leise auf. Stundenlang sa� ich mit
einem blutendem Knie und einem verstauchten Kn�chel auf dem eiskalten Boden und
der Regen, der seit heute morgen ganz New York in eine graue Wolke h�llte,
prasselte auf mich ein. Schlie�lich stand ich bibbernd vor K�lte und mit steif
gefrorenen Gliedern auf und lief langsam nach Hause. Es erstaunte mich, wie weit
ich gerannt war, denn ich musste durch halb Queens laufen, bevor ich in unserer
Siedlung ankam. Kaum erreichte ich sie, �berkam mich ein seltsames Gef�hl und
ich lief trotz starker Schmerzen
schneller, als ich in unsere Stra�e einbog, blieb ich erschrocken stehen. Drei
Polizeiautos und zwei Sanit�tswagen standen hier mit Blaulicht und zwar direkt
vor unserer Haust�r. Es ist bestimmt Ms Jenkins aus dem 4. Stock, versuchte ich
mir einzureden, als ich mich rasch n�herte. Mit rot-wei�em Plastikband war das
Haus abgesperrt und drum herum standen Schaulustige, die meisten Nachbarn. Ich
quetschte mich zwischen einigen durch und stand gleich darauf direkt an der
Absperrung. �Was ist passiert?�, fragte ich schrill, doch kein Polizist
reagierte, auch als ich ein zweites Mal schrie, h�rte oder wollte mich keiner h�ren.
Auf einmal erschien Mrs Tanner von nebenan im Hausflur. Wie verr�ckt winkte ich
ihr, doch sie schien mich nicht zu sehen. �berhaupt wirkte sie v�llig
abwesend, in dem Moment sagte einer der Polizisten etwas zu ihr und sie nickte.
Mitten in der Bewegung erstarrte sie und schaute mich entsetzt an. Was hatte das
zu bedeuten? Erf�llten sich gerade meine schlimmen Bef�rchtungen? Ohne
Nachzudenken schob ich mich unter dem Band durch und ging zu ihr hin. �Laurie,
Laurie! Es ist etwas Furchtbares passiert.�, sprach sie leise. �Was? Mrs
Tanner so sagen sie doch!�, dr�ngte ich. �Deine Gro�eltern �. sie sind
tot!� Das durfte nicht wahr sein! Um mich herum begann sich alles zu drehen
und ich schwankte hin und her, stie� mit dem R�cken gegen den T�rrahmen und
versank in einem Meer von Dunkelheit.
Als ich wieder erwachte, lag
ich in auf einer Couch, in einem Sessel schr�g neben mir sa� Mr Tanner und
schaute Football. Da kam Mrs Tanner mit einer Sch�ssel Chips wieder herein.
�Hier Jim, mach es dir gem�tlich! Oh, Laurie, du bist aufgewacht.� Rasch
eilte sie zu mir und bef�hlte meine Stirn, als ob ich Fieber h�tte. �Wie
geht es dir?�, fragte sie mich besorgt. Nachdenklich schaute ich sie an und �berlegte,
ob sie die Frage tats�chlich ernst gemeint hatte. Wie sollte ich mich denn f�hlen?
Meine Gro�eltern waren tot und ich hatte mich kurz vorher mit ihnen gestritten
und nicht mehr vers�hnt. Waren sie sauer auf mich gewesen, als sie starben?
Hatten sie an mich gedacht in ihren letzten Sekunden? Warum hatte man mir die
Chance genommen, mich bei ihnen zu entschuldigen? Wie sollte ich jemals wieder
lachen k�nnen, in der Gewissheit nie von Nanny und Granpa Abschied genommen zu
haben. Wie sollte es �berhaupt mit mir weitergehen? Ich hatte keine anderen
Verwandten, jedenfalls keine, die ich kannte. Wahrscheinlich w�rde ich in ein
Heim gesteckt werden, mit anderen Kindern, die ihre Eltern verloren hatten, doch
ich unterschied mich von ihnen, denn ich hatte meine Eltern nicht verloren. Sie
lebten und sie wussten, dass es mich gab, trotzdem hatten sie nie einen Gedanken
an mich verschwendet, und die beiden Menschen, die mich geliebt haben, sind nun
tot. Wie ungerecht konnte diese Welt denn sein? Ja, in diesem Augenblick w�nschte
ich mir nichts sehnlicher als das meine Eltern anstelle meiner Gro�eltern aus
dem Leben gerissen worden w�ren. Es war falsch, so etwas zu denken, aber damals
war der Schmerz �ber den Verlust so �bermenschlich gro�, so gro�, dass ich
fast daran zerbrach. In nur wenigen Wochen hatte sich mein Leben sehr stark ver�ndert.
Ich hatte alles verloren, was ich Gl�ck nennen konnte und zur�ck geblieben war
ein Scherbenhaufen und Tr�nen, so viele Tr�nen.
3. Kapitel
In ein Heim musste ich zum
Gl�ck erstmal nicht. Ich blieb bei Mr und Mrs Tanner, bis die Polizei die
Untersuchungen an den Morden in der Wohnung beendet hatte. Ja, genau, es war
Mord! Meine Gro�eltern waren brutal erstochen worden. �ber siebzig
Messerstiche pro Person! Vermutlich war es ein Einbrecher gewesen, denn der
Fernseher und der Schmuck von Nanny fehlten, au�erdem ihr Haushaltsgeld, dass
sie in einem Beh�lter in der K�che versteckt gehalten hatte. Fast jeden Tag
kam ein Polizist vorbei, um mit mir zu sprechen. Sie fragten immer, ob ich
jemanden kannte, der den Einbruch begangen haben k�nnte, doch ich verneinte
jedes Mal. Ihre zerm�rbenden Verh�re erinnerten mich andauernd an all das
Schreckliche und wenn ich nachts schreiend aufwachte, weil ich mal wieder
schlecht getr�umt hatte, hoffte ich, dass diese nervt�tende Fragerei bald ein
Ende hatte. Mrs Tanner und ihr Mann lie�en mich so gut es ging in Ruhe, das lag
aber nicht daran, dass sie freundliche, einf�hlsame Menschen waren, sondern,
dass ich mich von Anfang schroff und gemein gegen�ber ihnen verhalten hatte.
Ein Wunder, dass sie mich �berhaupt aufgenommen hatten. Wie sonst auch lag ich
auf der Couch und starrte an die Decke. Was sollte ich auch sonst tun? Mir war
die Lust auf alles vergangen, auch wenn ich wusste, dass es nicht gut war, mich
so gehen zu lassen, versuchte ich noch nicht mal dagegen anzuk�mpfen. Mrs
Tanners Bem�hungen, dass ich wenigstens wieder in die Schule ging, scheiterten
kl�glich. Wieso sollte ich in die Schule gehen? Viel Sinn machte es nicht, denn
ich konnte mich sowieso nicht auf den Stoff konzentrieren und ob ich hier oder
in einem Klassensaal sa� und an Nanny und Granpa dachte, war eh egal. Da
klopfte es an der Wohnzimmert�r, als ich nicht antwortete, klopfte es erneut
und schlie�lich nachdem die Person noch eine Weile gewartet hatte, ging die T�r
z�gerlich auf. Ein junger Polizist, so um die zwanzig, steckte seinen Kopf
herein und als er mich auf der Couch liegen sah, trat er ein. �Sind Sie Ms
Jefferson?�, fragend schaute er mich an. Nicht schon wieder eine Befragung,
die hingen mir wirklich zum Hals heraus. Etwas verlegen stand er noch immer an
der T�r. Freundchen, du musst in deinem Job echt noch viel lernen. �Also, Ms
Jefferson, ich bin Tom Green vom FBI.� Oh, ein Typ vom FBI, welch eine Ehre!
Weiterhin starrte ich an die wei�e Decke. �Bitte, k�nnten Sie mich w�hrend
unserer Unterhaltung angucken?� Ich will doch gar nicht mit ihm reden, doch
ich sp�rte seine eindringlichen Blicke auf mir und wurde leicht nerv�s. Schlie�lich
drehte ich meinen Kopf etwas zur Seite und sah ihn an. �So ist es schon
besser. Vielen Dank! Ms Jefferson, ich m�chte Sie nicht nach irgendwelchen
Dingen zur Tat befragen, sondern Ihnen etwas Wichtiges mitteilen.�, erkl�rte
er sein Kommen. �Sie leben seit Ihrer Geburt bei Ihren nun verstorbenen Gro�eltern,
ist das korrekt?� �Ja!�, erwiderte ich tonlos. �Wieso wohnen Sie nicht
wie jedes andere Kind bei ihren Eltern?� �Weil Sie mich nicht gewollt
haben!�, lautete meine knappe Antwort. Mr Green wirkte �berrascht. �Oh, das
verstehe ich nicht ganz. Haben Sie Kontakt zu Ihren Eltern?�, wollte er nun
wissen. �Nein, �brigens wei� ich erst seit etwa zwei Monaten, dass meine
Eltern am Leben sind.�, sagte ich schroff. �Wie?�, verwirrt schaute er
mich an, �Man hat Ihnen erz�hlt, Ihre Eltern w�ren tot?� �Ganz genau.�
�Aber Sie wissen es ja offensichtlich seit einiger Zeit, wieso haben Sie nicht
wenigstens probiert Kontakt aufzunehmen?� �Ich kenne weder ihre Adresse noch
ihren Namen und ich kann nicht hexen.� �Achso, wenn das, das Problem war,
moment�� Er setzte sich mir gegen�ber in einen Sessel und suchte in seinem
Aktenkoffer nach einer Mappe, schlie�lich holte er sie heraus und entnahm ihr
ein Blatt Papier, das er mir schweigend reichte. Meine Hand zitterte, als ich
danach griff und ich sp�rte, dass sich meine Welt erneut ver�ndern w�rde,
wenn ich es gelesen hatte.
Mr
Charles und Mrs Delia Benson
10th
Kingstreet
Manhattan
New
York
USA
Den Namen Charles Benson
hatte ich schon �fter in den Nachrichten geh�rt. Er geh�rte zu den reichsten
und einflussreichsten M�nnern New York�s. �Das sind wirklich meine
Eltern?�, ungl�ubig schaute ich von dem Blatt auf. �Ja und ich verstehe
immer noch nicht, wieso sie dich weggegeben haben. Am Geld kann es nicht gelegen
haben, au�erdem haben sie ja Annie auch aufgezogen.�, sprach er. �Wer ist
Annie?�, fragte ich �berrascht. �Ihre Zwillingsschwester!� �Was?�,
ich konnte mich nur verh�rt haben. �Sie haben eine Zwillingsschwester, die
Annie hei�t.�, wiederholte er. �Und sie ist genauso h�bsch wie sie.�, f�gte
er noch grinsend hinzu. Oh no, h�r blo� auf zu flirten. �Wollen Sie mich
verarschen oder wie?�, fragte ich w�tend. �Nein! Ich hab sogar ein Photo
dabei!�, wieder suchte er in seinem Koffer und holte ein Photo heraus. Ungl�ubig
starrte ich es an und hatte das Gef�hl in den Spiegel zu blicken. Ein M�dchen,
ebenfalls mit schwarzen, glatten Haaren, die etwas k�rzer als meine waren,
einem blassen Gesicht, das genauso geschnitten war wie meines und denselben
tiefgr�nen Augen wie ich sie besa�, l�chelte in die Kamera. Meine Augen f�llten
sich mit Tr�nen, ich war v�llig geschockt. Von einer Sekunde auf die andere
hatte ich eine Zwillingsschwester und ich hatte all die Jahre nichts von ihr
gewusst. Mein Herz blutete und als Mr Green einen Arm ausstreckte um mich zu tr�sten,
sprang ich auf und lief weg. Nat�rlich wusste ich wie wenig dieses Weglaufen
brachte, aber ich sah in dem Augenblick keine andere M�glichkeit vor mir und
meinem verwirrten Leben zu entkommen. Irgendwann, nachdem ich durch halb New
York gelaufen war, setzte ich mich in ein Cafe. Man, war es drau�en kalt. Ganz
verfroren bestellte ich einen hei�en Kakao und begann meine Gedanken zu ordnen.
Meine Gro�eltern, bei denen ich gelebt hatte, waren tot, daf�r hatte ich
erfahren, dass meine Eltern lebten und ich sogar eine Zwillingsschwester hatte.
Na gro�e Klasse, mir w�re es wirklich lieber gewesen, wenn alles so geblieben
w�re, wie es vor meinem 16. Geburtstag gewesen war, aber leider lie� sich die
Zeit nicht zur�ck drehen und ewig in der Vergangenheit leben konnte ich auch
nicht. W�hrend ich die Tasse austrank, fasste ich einen Entschluss. Ich w�rde
meine Familie besuchen gehen, jetzt sofort. Nicht weit von dem Cafe war eine
U-Bahn Station, zum Gl�ck hatte ich mir die Adresse gemerkt. Die Stra�e war zw�lf
Stationen entfernt und w�hrend ich in der Bahn sa�, �berlegte ich, was ich
ihnen sagen wollte. �Hi, ich bin Laurie und eure Tochter!�, nein, ich konnte
sie nicht so �berrumpeln. �Entschuldigen Sie, Mr und Mrs Benson, mein Name
ist Laurie Jefferson und ich hab bis jetzt bei meinen Gro�eltern gelebt.
Wahrscheinlich kennen Sie mich nicht, aber��, das w�re zu umst�ndlich.
Ach, mir fiel nichts ein, ich wusste, dass es eigentlich unm�glich war, in
einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden, aber ich wollte es
wenigstens einmal versuchen. Als ich an der Station ausstieg f�hlten sich meine
Beine an wie Wackelpudding und je n�her ich dem Haus kam, desto schlimmer wurde
es. Schlie�lich blieb ich z�gernd vor einer prunkvollen Villa, die in einem
zarten Beige gestrichen und deren Fassade mit Ornamenten verziert war, stehen.
In goldenen Lettern stand eine 10 an
einem der beiden breiten Torpfosten. Eine zwei Meter hohe Mauer, die um das
ganze Grundst�ck f�hrte, verhinderte weitere Einblicke, nur durch die St�be
im schmiedeeisernen Tor, konnte man einen Blick auf das Haus erhaschen. Gro�artig,
wie sollte ich denn da reinkommen? Am besten gehe ich wieder, dachte ich und
drehte mich schon um. Da hatte ich auf einmal ganz klar das Bild von Annie vor
Augen. Sie war meine Zwillingsschwester und vielleicht genauso einsam wie ich.
Allein um ihretwillen musste ich diesen Schritt wagen, entschied ich und lief
wieder auf das Tor zu. Ob ich klingeln sollte? Was blieb mir anderes �brig?
Doch da bemerkte ich, dass ein Torfl�gel nicht geschlossen war, sondern einen
Spalt breit offen stand. Schnell schl�pfte ich hindurch und betete, dass es
hier keine Kameras oder gar tollw�tige Hunde gab. Ohne erwischt zu werden,
erreichte ich das riesige Eingangsportal und stieg die Mamorstufen hinauf. An
der T�r war ein metallener Klopfer in Form eines L�wenkopfes angebracht, ohne
noch einmal zu �berlegen, griff ich danach und pochte gegen die T�r. Ein
dumpfes Klopfen t�nte durchs Haus, dreimal, dann war es still. Nachdem ich etwa
eine Minute gewartet hatte, nahm ich an, dass niemand zuhause war und wollte
wieder gehen. Ob ich noch einmal den Mut aufbringen w�rde, hierher zu kommen?
Ich wusste es nicht, aber vielleicht war es wirklich besser so. Es sollte
einfach nicht sein, punkt und damit w�rde ich mich abfinden. Das Schicksal
hatte etwas anderes f�r mich vorher gesehen und wenigstens wurde nicht das
Leben von den dreien zerst�rt, dachte ich traurig, als pl�tzlich die Eingangst�r
aufgerissen wurde und ich starrte in meine gr�nen Augen.
4. Kapitel
Fassungslos blickte ich
Annie an, die keuchend an der T�r stand und mich genauso entsetzt anstarrte.
�Hi, ich bin Laurie, deine Zwillingsschwester!�, sagte ich. Sie schaute mich
weiter nur an, als ob vor ihr ein Geist stand. Naja, jeder h�tte wohl so
reagiert, wenn es klingelt, er aufmacht und einen Menschen vor sich sieht, der
ihm zum Verwechseln �hnlich ist. Langsam l�ste sich Annie aus ihrer Erstarrung
und schnappte erstmal nach Luft. �Ich glaub es nicht!�, sprach sie schlie�lich
und auch ihre Stimme glich meiner. Ohne zu �berlegen, nahm ich sie pl�tzlich
in den Arm und presste meinen Kopf gegen ihre Schulter. Hemmungslos begann ich
zu schluchzen und merkte gar nicht, wie sie mich ins Innere des Hauses zog. Erst
als ich kurz hoch schaute, bemerkte ich, dass wir in einer riesigen
Eingangshalle standen, die trotz breiter Fenster, d�ster wirkte. �Geht�s
wieder ein bisschen?�, fragte mich Annie besorgt. �Ja!�, doch sie lie�
mich nicht los, sondern hielt mich weiterhin fest im Arm. Minutenlang sprachen
wir kein Wort, schlie�lich brach sie das Schweigen. �Irgendwie hab ich es
immer gesp�rt.� �Was?� �Das es da jemanden gibt.� �Du wusstest,
dass du eine Zwillingsschwester hast?� �Nein,�, sie sch�ttelte den Kopf.
�Aber mir hat immer etwas gefehlt, als ob ich nicht vollst�ndig w�re.�
�Oh�, mehr sagte ich nicht, denn da fiel mir auf, dass es mir ebenso
ergangen war, nur hatte ich dieses Gef�hl immer unterdr�ckt. �Jetzt hab ich
dich ja endlich. Ah, ich muss Mom und Dad anrufen, die flippen bestimmt aus.�,
sie l�ste sich von mir, doch bevor sie zum Telefon gehen konnte, hatte ich sie
am Arm gepackt. �Warte! Das ist keine so gute Idee.�, hielt ich sie zur�ck.
�Wieso?�, �berrascht blickte sie mich an, als sie das �ngstliche Flackern
in meinen Augen sah. �Fragst du dich nicht, warum du nichts von mir wei�t,
weshalb ich nicht mit dir zusammen aufgewachsen bin?� �Nein, so etwas kannst
du nicht sagen! Sie sind die liebevollsten Eltern dieser Welt!�, widersprach
sie mir. �Ich kenne ihre Gr�nde auch nicht, das einzige, was ich wei�, sie
haben mich gleich nach der Geburt zu den Gro�eltern deiner Mutter gegeben und
die haben mir all die Jahre erz�hlt, dass meine Eltern tot sind.� Annie
klammerte sich an mich und begann zu zittern. Mich wunderte es nicht, dass sie
unter Schock stand, nachdem was sie in den letzten Minuten alles erlebt hatte,
ihr ging es so wie mir. Tr�stend strich ihr �ber den R�cken und als sie sich
etwas beruhigt hatte, gingen wir hinauf in ihr Zimmer. Dort machten wir es uns
gem�tlich und quatschten �ber alles M�gliche. Schlie�lich hatten wir einiges
nachzuholen und es tat so gut endlich einmal mit einem Menschen zu sprechen, dem
ich voll und ganz vertraute, obwohl ich sie nur kurz kannte. Ein Band, das schon
vor der Geburt im Mutterlaib zwischen uns gekn�pft worden war, lebte wieder
auf. Unsere Themen waren zum Teil sehr ernst, denn Annie war nicht, wie ich es
angenommen hatte, gl�cklich und zufrieden mit ihrem Leben. F�r sie war es mehr
ein goldener K�fig von Normen und Regeln, zwar bekam sie jeden Wunsch sofort
erf�llt, aber etwas viel Wichtigeres wurde ihr nicht gegeben: LIEBE! Schon
wenige Stunden sp�ter, es d�mmerte bereits, musste ich aber wieder gehen, denn
ihre Eltern konnten jeden Augenblick kommen und wir waren uns einig, dass wir es
nicht riskieren durften. Keiner von uns beiden wusste, wie sie reagieren w�rden,
wenn sie erfuhren, dass Annie und ich miteinander in Kontakt standen. Als ich
mich auf der Treppe von ihr verabschiedete, wurde mein Herz schwer und als ich
erst ein paar Meter gelaufen war, vermisste ich sie schon wahnsinnig. Mr und Mrs
Tanner machen sich wahrscheinlich ziemliche Sorgen, dachte ich, als ich die Stra�e
herunter zur U-Bahn Station lief, mir kam ein schicker, k�nigsblauer Rolls
Royce entgegen und als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich wie er in die
Einfahrt von Nummer 10 einbog. Mein Puls raste, da waren meine Eltern. Panisch
rannte ich los und stoppte erst wieder unten im U-Bahnhof.
�Laurie, wo warst du?�,
streng schaute mich Mrs Tanner an, ich zuckte nur mit den Schultern und schob
mich an ihr vorbei in die Wohnung. �Wenn du hier mit uns in einem Haushalt
leben willst, musst du dich an gewisse Regeln halten.�, schimpfte sie weiter.
�Okay!�, meinte ich und setzte mich auf die Couch, Mr Tanner guckte kurz zu
mir und widmete sich dann wieder der Sitcom, die �ber den Bildschirm flimmerte.
�Wie okay?�, verwirrt stand sie in der T�r und stemmte ihre Arme in die H�ften.
�Ich ziehe aus!�, sagte ich und starrte ebenfalls auf den Fernseher. �Das
kannst du doch nicht machen, du bist viel zu jung daf�r!�, fl�tete sie pl�tzlich.
�Nat�rlich kann ich! Ich werde morgen mit Mr Green reden!�, ich hatte
einfach drauf los gequatscht, aber jetzt fand ich die Idee gar nicht mal so
schlecht und ich war mir ziemlich sicher, dass er mir helfen konnte. Noch vor
dem Abendessen packte ich meine Reisetasche. In der Nacht w�lzte ich mich herum
und konnte gar nicht richtig einschlafen, es war nichts au�ergew�hnliches,
denn mein Schlaf hatte in den letzten Monaten unter all den Ereignissen
furchtbar gelitten, aber heute war es zum ersten Mal etwas, worauf ich mich
freute und eine kleine Hoffnung stieg in mir auf, vielleicht w�rde ich doch
noch einmal das Gl�ck finden. Es d�mmerte bereits, als ich meine Augen endlich
schloss und in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel, die ganze Zeit hatte ich
Laurie�s lachendes Gesicht vor mir, es war das gleiche wie meins. Mrs Tanner
war schon etwas entt�uscht, dass ich sie so pl�tzlich verlie� und obwohl ich
nie nett gewesen war, hatte sie ein leckeres Abschiedsfr�hst�ck gezaubert. �berrascht
blieb ich in der T�r zur K�che stehen, sogar Mr Tanner hatte sich an den Tisch
gesellt, normalerweise futterte er seine 6 Br�tchen im Bett und guckte das
Morgenfernsehen. Nachdem ich mich ein letztes Mal voll gestopft hatte, kam der
Abschied. Mit meiner Reisetasche �ber der Schulter stand ich etwas verloren im
Flur. Mrs Tanner gab mir noch eine T�te prall gef�llt mit S��igkeiten und
belegten Broten. �Danke, Mrs Tanner, danke, dass sie mich so liebevoll
aufgenommen, dank f�r alles!�, sagte ich mit belegter Stimme. �Ach, das
versteht sich doch von selbst!�, sprach sie und zog mich an ihren Megabusen.
Mr Tanner t�tschelte mit seiner Hand meinen Arm und ich versprach ihnen, sie
auf jeden Fall einmal besuchen zu kommen. Dann trat ich in den Gang, winkte noch
einmal kurz und stieg die Treppen hinab. Das sich manche Menschen erst am
letzten Tag als sympathisch herausstellen, ist wirklich �rgerlich, �berlegte
ich, als ich durch die Siedlung lief, die um diese fr�he Stunde noch sehr
verschlafen wirkte. Eigentlich h�tte ich auch mit der U-Bahn oder dem Bus
fahren k�nnen, aber ich wollte es genie�en, ein letztes Mal durch unsere
Siedlung, ich wusste, dass ich eine ganze Weile nicht wieder kommen w�rde,
vielleicht w�rde ich auch nie wieder hierher zur�ckkehren, denn alles
erinnerte mich an meine Gro�eltern. Mitten auf der Old Bridge, die �ber den
Hudson River f�hrte, blieb ich noch einmal kurz stehen und blickte auf die
vielen Reihenh�user, die alle gleich aussahen und musste l�cheln.
Bye, bye liebes Queens, bye,
bye liebe Kindheit!
5. Kapitel
Ungeduldig stand ich vor Mr
Greens T�r und klingelte zum zweiten Mal Sturm. �Ich komm ja schon!�, kam
es ged�mpft von drinnen und gleich darauf wurde die T�r schwungvoll ge�ffnet.
�Oh!�, �berrascht blickte er mich an, mit einem Besuch hatte er wohl nicht
gerechnet. �Hi Mr Green, wie geht�s?!�, begr��te ich ihn mit einem
zuckers��en L�cheln. �Ganz gut!�, sagte er und grinste d�mlich. ��hm�
willst du nicht vielleicht auf einen Kaffee reinkommen? Ich wollte mir gerade
einen machen.�, einladend �ffnete er die T�r weiter. �Gerne!�, nickte
ich und kam in seine Wohnung. �Also, was f�hrt dich zu mir?�, fragte er
mich, als wir eine Viertelstunde sp�ter an seinem K�chentisch sa�en und viel
zu starken Kaffee tranken. �Ich hab gehofft, sie k�nnten mir helfen� bei
der Suche eines eigenen Apartments.�, lie� ich die Katze aus dem Sack.
Erstaunt schaute er mich an. �Aber du wohnst doch bei diesem Ehepaar in eurem
Haus.� Ich sch�ttelte den Kopf. �Nicht mehr, ich bin gestern ausgezogen.
Sie waren zwar nett zu mir, aber ich brauche einen Tapetenwechsel, es ist
einfach zu viel passiert.� Ich las Verst�ndnis in seinen Augen, aber pl�tzlich
wurde sein Blick traurig. �Ich verstehe dich nat�rlich, aber bis ich eine
Wohnung f�r dich gefunden habe, k�nnen noch ein paar Wochen ins Land gehen, du
wirst wohl noch etwas bei ihnen bleiben m�ssen.� �Bitte Mr Green, ich
ertrage diese Umgebung nicht mehr! Meinen Schlussstrich hab ich endg�ltig
gezogen.�, stur starrte ich auf den Untersatz meiner Tasse und bemerkte wie
faszinierend ein kleiner Sprung im Porzellan sein konnte. �Was ist mit deinen
Eltern?� Mein Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. �Welche Eltern?�,
fragte ich angriffslustig und meine Augen funkelten b�se. Abwehrend hob er die
H�nde, als ob er wirklich Angst vor mir haben konnte, dabei sollte ich eher
Angst haben. Ich war hier ganz allein mit ihm in seiner K�che, er konnte mit
mir machen, was er wollte. �Schon gut! Ich lasse mir etwas einfallen und
solange��, er schien zu �berlegen, �wenn es dir nichts ausmacht, kannst
du hier bei mir bleiben. Die Couch ist auch bequem.�, bevor er weiter sprechen
konnte, war ich ihm schon spontan um den Hals gefallen. Normalerweise erlebte
ich nicht solche Gef�hlsausbr�che, aber bei dem Chaos, was ich im Moment in
meinem Herz und Kopf vorfand, wunderte mich nichts mehr. Dann schnappte ich
meine Reisetasche und trug sie ins Wohnzimmer, kopfsch�ttelnd kam er nach. �Aja,
und was h�ttest du gemacht, wenn ich nein gesagt h�tte?� �Dann w�re ich
nicht zu Ihnen gekommen!� Verwirrt schaute er mich an. �Ach, �brigens
kannst du mich duzen. Ich bin Tom!�, er streckte mir seine Hand entgegen und
ich sch�ttelte sie. �Ok, Tom, auf gute Nachbarschaft.� �Aber wie gesagt,
du ziehst sofort aus, wenn ich eine Wohnung f�r dich gefunden habe.� Lachend
nickte ich und begann mit dem auspacken.
Tom und ich verstanden uns
ziemlich gut und wurden rasch gute Freunde. Wenn er tags�ber arbeiten ging,
traf ich mich meistens mit Annie in der Stadt. Auch die Freundschaft zu ihr
wurde immer intensiver und manchmal hatte ich schon das Gef�hl, dass wir nie
getrennt gewesen waren und uns schon immer gekannt hatten. Auch heute waren wir
erst shoppen und machten es uns dann in einem Cafe gem�tlich. W�hrend ich an
meiner eiskalten Cola schl�rfte, bemerkte ich Annie�s traurigen Blick, der
durch das Cafe schweifte. �Was ist?� �Ach nichts� nur� ich war hier
mit Erik sehr oft.� Ohje, jetzt hie� es wieder tr�sten. Z�rtlich legte ich
einen Arm um sie. �Hey Annie, ich kenne Erik ja nicht pers�nlich, aber
nachdem was du mir �ber ihn erz�hlt hast, scheint er ein echt lieber Kerl zu
sein. Au�erdem war er dein bester Freund und w�rde es ganz bestimmt nicht
wollen, dass du wegen ihm Kummer hast.� Sie nickte, doch ich sah ihre glasigen
Augen und musste seufzen. Manchmal glaubte ich, Annie war in Erik verliebt, so
wie sie sich benahm. Schnell hatte ich gemerkt, dass er ihr sehr am Herzen lag,
denn sie sprach fast ununterbrochen �ber ihn. Nichts besonderes, wenn man seit
dem Kindergarten befreundet ist und wirklich alles zusammen gemacht hat,
gemeinsam durch dick und d�nn gegangen ist. Bis vor einem Jahr waren sie
wirklich die besten Freunde, dann ist Erik pl�tzlich nach Florida gezogen, weil
seine Mom dort eine Stelle als Schulleiterin angeboten bekommen hatte. F�r
Annie war der Verlust von ihm ein sehr harter Schlag gewesen, sie zog sich von
allem zur�ck, kapselte sich ab. Ihren Eltern war es egal, was mit ihrer Tochter
passierte. Sie schienen es noch nicht mal zu bemerken. �Erz�hl mir noch ein
wenig von Erik!�, meinte ich und hielt sie weiter im Arm. Meistens half es
ihr, wenn sie �ber ihn sprach und mir machte es Spa� zu zuh�ren, denn was die
beiden alles erlebt hatten, war wirklich witzig. Manchmal dachte ich sogar, Erik
durch die vielen Gespr�che tats�chlich zu kennen.
Es war mittlerweile vier
Wochen her, dass ich bei Tom eingezogen war und noch immer hatte er keine
Wohnung gefunden. Es lag nicht daran, dass es keine Angebote gab, nein, er hatte
nach ein paar Tagen aufgeh�rt zu suchen und ich hatte ihn nicht daran erinnert,
denn ehrlich gesagt, gefiel mir der Gedanke, jeden Abend allein zu sein, nicht
und woher sollte ich das Geld f�r die Miete nehmen? Meine Gro�eltern waren
nicht verm�gend gewesen und Waisenrente bekam ich auch nicht. Von der Schule
abgehen und einen Job annehmen? Das wollte ich nicht, denn das hie�e, dass ich
mein Leben lang in irgendeiner Burgerbude Pommes in T�ten scheffeln w�rde,
aber ich wollte es zu jemandem bringen und dazu brauchte ich wenigstens einen
High School Abschluss, ans College dachte ich erstmal gar nicht. Tom und ich sa�en
eines Abends auf der Couch im Wohnzimmer, futterten Pizza und guckten eine schr�ge
Sitcom. �Laurie, kann ich dich mal was fragen?� �Hmmm!�, mein Mund war
gerade voller Pizza. �K�nntest du dir vorstellen, hier f�r l�nger
einzuziehen?� Ich verschluckte mich an meiner Pizza und musste erstmal einen
gro�en Schluck Pepsi trinken, bevor ich antworten konnte. �Ist das dein
Ernst?�, ungl�ubig schaute ich ihn an. �Klar, sonst h�tte ich dich nicht
gefragt.� �Ja, auf jeden Fall, supergerne! Aber ich denke, deine Freundin
hat etwas dagegen.�, meinte ich schlie�lich. ��hm� der wird es
garantiert nichts ausmachen, weil ich gar keine hab.�, kl�rte er mich auf.
�Oh!�, mehr brachte ich nicht heraus, sondern konzentrierte mich wieder auf
den Fernseher. Trotzdem sp�rte ich Tom�s Blick, der auf mir ruhte. �Wenn es
ein Problem f�r dich gibt��, sprach er ruhig. �Nein, nein! Es ist alles
ok!�, ich l�chelte ihn an, trotzdem hatte ich das Gef�hl ihn anzul�gen,
denn mein Herz klopfte schneller als sonst, wenn ich ihn anguckte. Aber wir
waren schlie�lich nur gute Freunde, oder?
Am n�chsten Tag traf ich
mich mit Annie in einem Park, wir wollten spazieren gehen. Als ich ihr davon erz�hlte,
dass ich jetzt richtig bei Tom einzog, blieb sie pl�tzlich stehen. �Was l�uft
da zwischen euch beiden?�, fragte sie mich ernst. �Nichts! Wir sind nur gute
Freunde.�, widersprach ich, aber irgendwie klang das nicht sehr glaubw�rdig.
�Haha und morgen ist Weihnachten!�, sagte sie, �Du brauchst vor mir keine
Geheimnisse zu haben.� �Es ist die Wahrheit.�, wiegelte ich sie ab und zog
sie weiter. Nat�rlich machte ich ihr und allen anderen etwas vor, doch ich
glaubte fest daran, dass es zwischen uns nicht mehr gab als Freundschaft und
solange ich es mir selbst nicht eingestehen konnte, dass ich log, konnte ich
auch mit niemandem dar�ber sprechen.
Eigentlich �nderte sich zwischen Tom und mir nichts, denn es
war alles wie vorher. Naja, er r�umte sein Arbeitszimmer f�r mich aus und
kaufte ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen gem�tlichen Sessel. Als
ich ihn fragte, wie viel ich ihm schuldete, zuckte er nur mit den Achseln und
brummelte etwas von �schon ok!� Doch eines Morgens wachte ich auf und meine
Blase dr�ckte unheimlich, ich sprang schnell aus dem Bett und spurtete zur
Toilette. Wie immer trug ich nur einen BH und einen Tanga, denn ich hasste es in
Klamotten zu schlafen. Nachdem ich mich erleichtert hatte, merkte ich, dass mein
Hals ganz trocken war und ich ging, so wie ich war, in die K�che und suchte im
K�hlschrank nach etwas zu Trinken. �Laurie?�, h�rte ich hinter mir pl�tzlich
Tom�s Stimme und ich drehte mich um. �Oh, guten Morgen!� Als er sah, dass
ich nur Unterw�sche anhatte, lief er rot an. �Was soll das? Warum l�ufst du
halbnackt durch die Wohnung?�, fuhr er mich an. �Ich� ich war nur kurz auf
Toilette.�, versuchte ich mich zu verteidigen, ganz erstaunt, dass er so
ausrastete. �Da kann man sich ja wohl was �berziehen, oder?�, schrie er.
�Ich kann ja nicht wissen, dass du so kleinkariert bist.�, br�llte ich zur�ck
und lief an ihm vorbei auf mein Zimmer. Sp�ter schlich ich mich aus der Wohnung
und rief von einer Telefonzelle aus, Annie an, die mir versprach sofort zu
kommen, als sie h�rte wie aufgel�st ich war. Wir sa�en mal wieder in ihrem
Lieblingscafe, doch diesmal war sie an der Reihe mich zu tr�sten. �Hey, so
schlimm wird es schon nicht sein. Ich bin sicher, er hat sich wieder beruhigt,
wenn du zur�ck kommst und entschuldigt sich f�r sein dummes Benehmen.�
�Meinst du?�, fragte ich weinerlich. �Jo klar!�, sie war zuversichtlich
gestimmt. �Aber wieso ist er denn so ausgeflippt? Um meine Gesundheit ging es
ihm wohl kaum!�, ich schmiegte mich fester in ihre Arme. �Nein!�, sie
lachte, �Ich denke eher, er bekommt Probleme mit seiner M�nnlichkeit.�
�Wie meinst du das, Annie?� �Na, er hat sich in dich verliebt!�
�Quatsch!�, ich wurde patzig und rutschte ein St�ck von ihr weg. �Und du
dich in ihn!� �Doppelquatsch!�, ich verschr�nkte die Arme. War heute �berhaupt
jemand normal? Ich begann langsam daran zu zweifeln. Nachdem wir noch �ber dies
und jenes gesprochen hatten, musste Annie schlie�lich gehen. Sie brachte mich
noch bis zu dem Haus, in dem Tom wohnte, weil es eh auf dem Weg lag, dr�ckte
mich noch einmal an sich und sagte: �Los Laurie, gib dir einen Ruck und steh
zu deinen Gef�hlen!� Ich ignorierte ihre Bemerkung und verschwand im Haus. An
der Aufzugst�r hing mal wieder ein Zettel Defekt.
Oh, es schien echt darauf hinauszulaufen, dass heute mein Pechtag war, da ahnte
ich noch nicht, was mich gleich erwarten w�rde. Nachdem ich die Treppen in den
siebten Stock nach oben gestapft war, hielt ich atemlos vor der T�r unserer
Wohnung an. W�hrend ich nach dem Schl�ssel suchte, h�rte ich seltsame Ger�usche
von drinnen und machte mir Sorgen um Tom. Eilig schloss ich die T�r auf und
lief in den Flur. �Tom?�, fragte ich aufgeregt. Nun konnte ich es deutlich h�ren,
ein schmerzverzerrtes St�hnen, das aus Richtung K�che kam. In meiner Phantasie
malte ich mir schon aus, wie Tom in einer Blutlache auf dem Boden lag, doch als
ich die K�chent�r aufriss, lag er auf dem Boden unter ihm ein blondes
Flittchen, von der ich nicht mehr sah, als ihre L�wenm�hne und tierisch lange
Beine. Tom st�hnte erneut und das blonde Ding quiekte vergn�gt, da warf er den
Kopf nach hinten und entdeckte mich. Sofort hielt er inne und starrte mich an.
Zwei Sekunden sp�ter knallte laut die T�r meines Zimmers. Heulend schmiss ich
mich auf�s Bett. Von wegen er w�re in mich verliebt, da hast du dich aber ganz
sch�n geirrt, Annie. Wie k�nnte er sich denn in einen dummen, naiven Teenager
verlieben? Irgendwann h�rte ich die T�r der Wohnung zu schlagen und kurz
darauf klopfte es an meiner. �Laurie?�, er versuchte hereinzukommen, aber
ich hatte klugerweise abgeschlossen. �Geh weg!�, schrie ich. �Bitte, lass
es mich erkl�ren.� Nach zehn Minuten hatte er mich �berredet und ich �ffnete
ihm widerstrebend und eigentlich wollte ich sie sofort wieder schlie�en, er
stand nur mit Boxershorts bekleidet vor mir und blickte mich an. �Es ist nicht
so, wie es ausgesehen hat.� �Achja? Bl�d und blind bin ich noch nicht. Ich
sehe schon, wenn da gefickt wird.�, sagte ich mit schriller Stimme. �Sie hat
mir nichts bedeutet!� �Daf�r bist du aber ganz sch�n auf ihr
rumgerobbt!� �Was sollte ich denn machen? Das M�dchen, das ich liebe,
interessiert sich nicht f�r mich. Ich bin f�r sie nur ein guter Freund! Und
sie merkt noch nicht mal, wie sich mich verr�ckt macht. Ich kann nicht immer
kalt duschen gehen.� Er guckte mich traurig an und ich begann langsam zu
begreifen, wen er meinte. Da verlor
ich mich in seinen klaren, blauen Augen und sp�rte, wie sein Gesicht sich
meinem n�herte, seine H�nde umfassten z�rtlich meine Wangen und schlie�lich
legten sich seine weichen Lippen auf meine. W�rme floss durch meinen K�rper,
von den Haarspitzen bis in die Fu�zehen. Es war das sch�nste Gef�hl dieser
Welt. Ich h�tte da ewig mit ihm stehen k�nnen, aber nach einer Weile schob er
mich von sich weg. Sofort ergriff mich eine Welle der Einsamkeit und ich dr�ngte
mich wieder zu seinen Lippen. �Hey, nicht so st�rmisch, meine Kleine!�, und
schon k�ssten wir uns wieder. Am Anfang war ich noch etwas verkrampft, doch
nach einer Weile wurde ich richtig locker und als er mit seiner Zunge meine
Lippen teilte, �ffnete ich sie nur bereitwillig weiter. Es kitzelte als sich
unsere Zungenspitzen ber�hrten und w�hrend er z�rtlich mit ihr meinen Mund
erkundete, strichen meine H�nde wie von selbst �ber seinen R�cken. �Oh oh,
Laurie!�, st�hnte er und zog mich ganz fest in seine Arme. Irgendwann l�ste
er sich von mir, griff aber sofort wieder nach meiner Hand. �Komm!�, fl�sterte
er und zog mich hinter sich in sein Schlafzimmer. Nat�rlich war ich schon oft
in seinem Zimmer gewesen, aber jetzt sah ich es in einem v�llig anderen Licht,
besonders als wir uns langsam auf�s Bett gleiten lie�en und da weiter machten
wo wir kurz zuvor gestoppt hatten. Ich w�re in dieser Nacht bis zum �u�ersten
gegangen, denn zu akzeptieren, dass ich Tom liebte, bedeutete auch, dass ich
mich selbst akzeptierte, doch Tom k�sste mich nur und hielt mich im Arm. Er
versuchte gar nicht erst weiterzugehen, und ich bewunderte ihn, weil ich dachte,
dass er Angst hatte mich zu verletzen. Deshalb wollte ich ihm zeigen, dass ich
bereit war und schob meine Hand in seine Boxershorts. Seine Reaktion fiel anders
aus als erwartet. �Aaaahh!�, schrie er auf, riss meine Hand weg und sprang
vom Bett auf. �Bist du verr�ckt, Laurie?�, fragte er mich entgeistert.
�Hab�. Hab ich etwas falsch gemacht?�, stotterte ich verschreckt.
�Ich� du�. Wir d�rfen das nicht tun!� �Also liebst du mich nicht!�,
meine Stimme zitterte. �Nat�rlich liebe ich dich!�, rief er und griff nach
meiner Hand, doch ich dr�ckte seine weg. �Aber warum willst du mich denn
nicht?�, ich verstand das alles nicht. �Ich will dich, nur Gott allein wei�,
wie sehr ich dich begehre, aber ich w�rde mich strafbar machen, weil du minderj�hrig
bist.� �Oh, das hab ich nicht gewusst.� Er nickte kurz, gab mir noch einen
Kuss auf meine erhitzte Wange und sagte beim rausgehen. �Ich geh dann mal kurz
duschen.� Im Mondlicht erkannte ich ganz deutlich die W�lbung seiner
Boxershorts, der Grund, wieso er sooft kalt duschen musste. Als er wiederkam,
war ich ersch�pft eingeschlafen. �Laurie, du bist die sch�nste Frau der
Welt.� Er legte sich neben mich und zog mich wieder in seine Arme. Im Schlaf
kuschelte ich mich an ihn und l�chelte selig vor mich hin, w�hrend ich davon
tr�umte, wie ich mit ihm auf einer einsamen Insel lag, wo uns niemand etwas
verbieten konnte, blo� weil ich noch keine 18 war.