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Und nun lag sie hier in ihrem Bett, mittlerweile eine erwachsene Frau und die Herrin von Burg Festenstein. Mit einem leisen Seufzer drehte Ginevra sich auf die Seite und starrte aus dem Fenster in die Schatten. Ihre Mutter hatte sich noch in der Nacht nach dem Streit mit Antor umgebracht. Sie war hinauf ins Turmzimmer gestiegen, eine Fackel in der Hand, deren flackernder Schein die Schw�rze der Nacht wie eine blutende Wunde zerri�, und hatte sich aus dem h�chstgelegenen Fenster gest�rzt. Als sie es erfuhr, hatte Ginevra der Schmerz wie in eine dunkle Wolke geh�llt. Von diesem Tag an hatten ihr Vater und sie wie Fremde nebeneinander her gelebt. So wuchs Ginevra zu einer jungen Frau heran, die bald lernte, was eine Hure war und was "bei einem Mann liegen" bedeutete - nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus dem Geschnatter der Dienstm�dchen. Sie lernte, warum ihr Vater so b�se auf ihre Mutter gewesen war. Irgendwo ganz tief drinnen konnte sie seinen Schmerz verstehen, aber sie wu�te, da� Astolat ihn geliebt hatte und ihn nie aus freiem Willen hinterlistig betrogen h�tte. Und sie war sich sicher da� Antor das ebenfalls wu�te. Warum also hatte sich seine Wut nicht gegen den Verf�hrer ihrer Mutter gerichtet? Vielleicht war sie ja einem �blen Zauber erlegen! Hatte Antor nicht gewu�t wer der Schuldige war? Hatte er ihn nicht schnappen k�nnen? Oder hatte er zu viel Angst vor ihm gehabt?
Graf Adrian hetzte geduckt durch den Wald. �ste mit scharfkantigen Bl�ttern peitschten ihm ins Gesicht und rissen die blasse Haut seiner Wangen auf. Er f�hlte warmes Blut aus vielen kleinen Wunden �ber sein Gesicht in den Kragen seines ebenfalls zerrissenen Hemdes laufen. Sein Atem kam sto�weise und seine Brust schmerzte, aber er lief unerbittlich weiter. Der dumpfe Rhythmus der zahlreichen Pranken hinter ihm verebbte nicht. Er kam zwar auch nicht n�her - aber seine Verfolger gaben auch nicht auf. Sie wu�ten, da� sie weitaus mehr Ausdauer hatten als er. Sie warteten nur darauf da� er zusammenbrechen und irgendwo v�llig ersch�pft liegenbleiben w�rde. Sie leckten sich schon ihre Lefzen nach ihm. Aber er w�rde es schaffen! Der Gedanke an ein unr�hmliches Ende als Futter f�r die Helsin-Hunde trieb ihn an, das letzte aus sich herauszuholen. Er kannte diese Gegend wie seine Westentasche, und er wu�te, da� die Grenze nicht mehr weit war. Die Helsin-Hunde, Schwarzwesen wie er, konnten die Grenze zu Terran nach Anbruch des Tages nicht mehr passieren. Er konnte es.
Ginevra konnte keinen Schlaf mehr finden. Mit einem Seufzer schl�pfte sie aus dem Bett. Um Venetia nicht zu wecken, huschte sie aus ihrem Schlafgemach. Sie nahm eine der wenigen ru�enden Fackeln aus der Halterung im Gang und lief auf nackten Sohlen durch die dunkle Burg. Wie jedesmal lenkten ihre Schritte sie zum Turm; sie raffte ihr langes Nachtgewand und erklomm flink die zahlreichen Steinstufen, bis sie das h�chste Zimmer erreichte. Dort steckte sie die Fackel wieder in eine Halterung, zog einen kleinen Schemel zum Fenster hin�ber und blickte gedankenverloren in die Schatten.
Graf Adrian erschrak so sehr, da� er nicht einmal mehr an seine Verfolger dachte, sondern abrupt stehen blieb. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich dann doch geistesgegenw�rtig in die B�sche zu ducken. Sein Herz h�mmerte ein wildes Stakkato in seinem Brustkorb, w�hrend er best�rzt Burg Festenstein anstarrte.
Im obersten Turmzimmer brannte eine Fackel.
In der Stille der Nacht h�rte Ginevra selbst in ihrem Turmzimmer das dr�ngende H�mmern am Eingangstor. Sie schrak aus ihren Gedanken auf. Wer konnte mitten in der Nacht so nachdr�cklich Einla� begehren? Angst scho� wie eine hei�e Eruption durch ihren K�rper. Sie war die Herrin der Burg - es war ihre Aufgabe hinunterzugehen und den Besucher, wer auch immer er sein mochte, in Empfang zu nehmen. Doch alles in ihr str�ubte sich gegen diese Aufgabe. Es war immer noch tiefe Nacht, und Burg Festenstein h�llte sich in Schatten. Schatten, die jedwedes Wesen vor ihre T�r treiben konnten. |
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