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Mit der Nacht kamen auch die Schatten wieder zu Burg Festenstein. Ginevra von Festenstein, die junge Burgherrin, warf einen fl�chtigen Blick aus dem Fenster und schauderte. Sie zog ihre Stola fester um ihren K�rper. Sie hatte die Schatten schon immer geha�t, auch wenn ihr Vater ihr immer und immer wieder erkl�rt hatte, da� sie nun mal zu ihren L�ndereien dazugeh�rten. Burg Festenstein lag auf der Grenze zwischen Terran und Helsin, dem Reich der Menschen und dem Reich der Schwarzwesen, Kreaturen der Dunkelheit, die au�erhalb der Schatten nicht �berleben konnten. Soweit sich Ginevra erinnern konnte - und eigentlich soweit sich die Menschheit erinnern konnte - hatten sich die Schwarzwesen an den vor undenklichen Zeiten geschlossenen Frieden gehalten. Es gab also eigentlich keinen Grund f�r Ginevra, sich vor ihnen zu f�rchten - au�er der Tatsache da� sie des Nachts, sobald Festenstein sich in die tiefschwarzen Schatten h�llte, Zugang zu den L�ndereien und der Burg hatten. Wieder schauderte Ginevra. Sie lief hin�ber zu ihrem Bett, neben dem die Klingelschnur hing, die zum Zimmer ihres Dienstm�dchens f�hrte. Mit einem kurzen Ruck alarmierte sie Venetia, die nur wenige Augenblicke sp�ter verhalten an ihre T�r klopfte. "Komm rein", rief Ginevra leise. Venetia, ein ausgesprochen h�bsches junges M�dchen mit einer wilden M�hne langer, feuerroter Locken, kam mit ihrem typischen lautlosen Gang ins Zimmer gehuscht. Ginevra l�chelte ihr entgegen. "Venetia, sei so lieb..." Sie brauchte gar nicht auszusprechen. Ihre Kammerzofe l�chelte zur�ck und begann wortlos, auf dem luxuri�sen Diwan, der am Kamin stand, ein Bett aufzuschlagen. "Danke", fl�sterte Ginevra ihr zu, dann begab sie sich, etwas beruhigter durch Venetias Anwesenheit, ebenfalls zu Bett.
Es war noch tief in der Nacht und hinter den dicken Butzenscheiben der Fenster herrschten weiterhin die Schatten, als Ginevra ruckhaft aus einem Traum hochfuhr. Es war wieder der gleiche Traum gewesen, der sie seit ihres Vaters Tod so oft heimsuchte. Sie war wieder klein, hockte in ihrem Lieblingsversteck, einer Nische im Kamin der gro�en Thronhalle, und wurde unfreiwillig Zeugin eines Streitgespr�chs zwischen ihren Eltern. Mit dem R�cken zu ihr stand ihr Vater Antor, hochgewachsen, breitschultrig, und sein blondes Haar leuchtete im Feuer der den Raum erhellenden Fackeln wie eine Gloriole. Ihre Mutter Astolat stand am anderen Ende des Raumes, halb verborgen in einer Ecke, die vom Licht kaum noch erreicht wurde. Astolat hatte nie verleugnen k�nnen da� sie Schwarzwesenblut in sich trug, doch Antor hatte sie entgegen aller Warnungen seiner Berater geheiratet. Wie sie dort stand, fast verschmolzen mit den Schatten, ihre lange schwarze Haarm�hne um ihr blasses Gesicht wehend wie ein Umhang, ihre schwarzen Augen tief und unergr�ndlich wie die See, fand Ginevra sie einfach wundersch�n. Und in ihrem kindlichen Verstand begriff sie nicht, warum ihr Vater so b�se auf sie war. "Sag mir die Wahrheit: hast Du bei ihm gelegen?" Antors Stimme war leise und drohend; ihre eisige Wut brannte tiefere Wunden als Feuer. Astolat wand sich wie ein Tier in der Falle, doch sie hielt ihre Lippen fest aufeinandergepre�t. "Was hei�t 'bei ihm gelegen'?" fragte sich Ginevra halb �ngstlich, halb neugierig. "Und von wem spricht Vater?" Antor trat einige Schritte auf seine Frau zu, seine h�nenhafte Gestalt �berragte sie um mehr als einen Kopf. "Selbst jetzt sch�tzt Du ihn noch", fl�sterte er zischend. "Du hast Dich, mich und ihn entehrt, Du hast Dich unter dem gleichen Dach, unter dem unsere Tochter gro� werden soll, zur Hure gemacht, und trotzdem sch�tzt Du ihn noch!" Nun wurde seine Stimme lauter, klang schon fast wie das Br�llen eines Raubtiers. Ginevra duckte sich instinktiv zusammen. Sie f�hlte sich schrecklich, sie wollte dies alles nicht mitansehen, und doch konnte sie ihren Blick nicht abwenden. Und so beobachtete sie, den Mund zu einem stummen Schrei aufrei�end, wie ihr Vater ihrer Mutter mit dem Handr�cken so hart ins Gesicht schlug, da� Astolat taumelnd zu Boden fiel. Kalt blickte Antor auf seine Frau herunter und befahl tonlos:"Geh. Verlasse die Burg noch heute. F�r Ginevra � erspare ihr die Schande, als Tochter einer Hure aufzuwachsen. F�r sie, und f�r mich, existierst Du nicht mehr."
Sobald Antor und Astolat den Thronsaal verlassen hatten, sprang Ginevra aus ihrem Versteck und floh. Ihre Gedanken tanzten wie wirre Farben durch ihren Kopf. Was war eine Hure? Und wer war der "er", von dem ihr Vater gesprochen hatte? Warum hatte er Astolat geschlagen, und warum sollte ihre Mutter sie nun verlassen? Sie fing an zu schluchzen, und ihre Tr�nen hinterlie�en helle Streifen auf ihren ru�geschw�rzten Wangen. Sie rannte in ihr Zimmer, wo sie von ihrem Kinderm�dchen eine Tracht Pr�gel mit dem Rohrstock bekam, weil sie sich von oben bis unten mit kalter Asche besudelt hatte. Doch nicht einmal die harten Schl�ge sp�rte sie. Ihre Mutter sollte sie verlassen. Und alles in Ginevra wurde taub. |
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