Die Mauer
Selbst die �ltesten wu�ten nicht mehr, wann und wie die Mauer entstanden war. Niemand konnte sich mehr erinnern, und so sagte man, sie sei einfach eines Tages da gewesen. Ein riesiger, grenzenlos langer, un�berwindlicher Kolo� aus Stein, der Norden und S�den voneinander trennte. Er hatte das Land geteilt, hatte Familien zerrissen, hatte Freundschaften zerst�rt. Zun�chst hatten die Menschen versucht gegen die Mauer zu k�mpfen. Sie hatten versucht sie niederzurei�en. Doch sie blieb stehen. Sie verwitterte nicht, sie br�ckelte nicht, sie gab nicht nach. Dann hatten die Menschen versucht, die Mauer zu �berwinden. Doch wenn einer auf der einen Seite es tats�chlich schaffte, die Mauer zu erklimmen, so kam er doch nie auf der anderen Seite an. Die Mauer blieb stehen. Sie gab nicht nach, sie br�ckelte nicht, sie verwitterte nicht. Da bekamen die Menschen Angst vor der Mauer. Sie sagten, sie wollten nicht mehr in ihre N�he gehen. Sie sagten, die Mauer �be einen b�sartigen Sog auf jeden aus, der ihr zu nahe kam. Sie wichen vor der Mauer zur�ck. Und die Mauer blieb stehen. Sie br�ckelte nicht. Sie verwitterte nicht. Sie gab nicht nach.
Irgendwann lebte niemand mehr, der miterlebt hatte, wie die Mauer aufgetaucht war. Und die Menschen nahmen sie als selbstverst�ndlich hin. Sie dachten nicht mehr dar�ber nach, was auf der anderen Seite war.
Irgendwann lebten auch die Kinder und Enkel derjenigen, die das Auftauchen der Mauer miterlebt hatten, nicht mehr. Und die Menschen dachten �berhaupt nicht mehr an die Mauer. Und sie dachten nicht mehr daran, DASS auf der anderen Seite etwas war.
Nur eines war in all der Zeit gleich geblieben.
Niemand ging zu nahe an die Mauer heran.
Nun lebte im Norden ein junger Mann. Er war der Sohn einer gutb�rgerlichen, harmonischen Familie, der eine gutb�rgerliche, harmonische Kindheit verbracht hatte, und f�r den sich die Eltern w�nschten, da� auch er einmal ein gutb�rgerliches, harmonisches Leben f�hren w�rde. Doch der Sohn, Faer mit Namen, hatte genug von dem gutb�rgerlichen, harmonischen Elternhaus. Er wollte rebellieren. Und so wie es bei jungen M�nnern immer war, ist und sein wird, so wollte auch er einer Bande angeh�ren. Und um dieser Bande beitreten zu k�nnen, mu�te er eine Mutprobe bestehen.
Und die Mutprobe lautete: geh zu der Mauer und lege Deine Hand auf den Stein!
Faer hatte gro�e Angst davor, an die Mauer heranzutreten. Er wu�te zwar nicht wovor er solche Angst hatte, das wu�te niemand mehr, doch es war ihm von klein auf eingesch�rft worden: gehe niemals nahe an die Mauer heran!
Aber Faer wollte unbedingt zu der Bande geh�ren. Und er wollte etwas tun, was seine Eltern schockieren w�rde. Und so willigte er in die Mutprobe ein.
Die ganze Bande, ein Trupp von fast drei�ig jungen M�nnern, stand in sicherem Abstand am Rande des Niemandslandes, das die Menschen von der Mauer trennte. Faer stand in ihrer Mitte. Er schluckte. Es brauchte seinen ganzen Mut und seine ganze Keckheit, um das Kinn hochzurecken und zu sagen:"Auf zur Mauer!"
Langsam, Schritt f�r Schritt, ging er �ber das Niemandsland. Er sp�rte wie sein Mut rapide sank, je n�her er dem riesigen, unerbittlichen, grauen Wall aus Stein kam. Rasch erinnerte er sich der Taktik, die er sich zurechtgelegt hatte, um dieser Mutprobe den Schrecken zu nehmen.
Und so begann er zu singen.
Er sang, leise zun�chst, dann mit neuem Mut lauter werdend, im Takt seiner eigenen Schritte, die ihn immer n�her an die Mauer heranf�hrten. Er sang, Worte ohne Sinn, aber gereimt auf eine lustige Melodie, und er wu�te, er w�rde die Probe bestehen. Er stand jetzt direkt vor der Mauer, er brauchte nur noch die Hand auszustrecken -
Er streckte die Hand aus -
Und gerade als seine Fingerspitzen den Stein ber�hren wollten, erklang von der anderen Seite ebenfalls Gesang.
Es war die Stimme eines jungen Mannes, und sie sang, Worte ohne Sinn, aber gereimt auf die lustige Melodie, die zweite Stimme zu Faer's kleinem Lied.
Wie vom Donner ger�hrt stand Faer da, die Fingerspitzen kurz davor die Mauer zu ber�hren, und das Lied erstarb in seiner Kehle.
Da rief die Stimme von der anderen Seite der Mauer leise:"Warum h�rst Du auf zu singen?"
Da ihm nichts besseres einfiel, fragte Faer zur�ck:"Warum bist Du auf der anderen Seite der Mauer?"
Die Stimme von der anderen Seite lachte. "Aus dem gleichen Grund warum Du auf Deiner Seite bist. Ich bin hier geboren worden. Wie meine Eltern, Gro�eltern, und Urgro�eltern vor ihnen."
Faer schluckte. Ungl�ubig wollte er wissen:"Hei�t das, es gibt auf Deiner Seite noch mehr Menschen?!"
Wieder erklang das Lachen. "Nat�rlich! Nur weil hier eine Mauer steht, hei�t das doch nicht, da� dahinter die Welt zuende ist!"
Staunend starrte Faer die Mauer an. Und pl�tzlich hatte er gar keine Angst mehr vor diesem riesigen grauen Kolo�.
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