"Die drei Schwestern, Georgia, Virginia und Carolina, f�hrten nach dem Tod ihrer Eltern die Plantage weiter", erz�hlte Notar Fortenberry mit seiner brummigen Stimme weiter. Belle war ganz an die Kante ihres Stuhls vorger�ckt und hing an seinen Lippen. Dies war das erste Mal da� sie etwas �ber ihre Familie, ihre Vorfahren h�rte, und sie wollte kein Wort davon mehr verpassen.
"Die Mittlere, Virginia, wurde schlie�lich Mutter einer Tochter, Yvette. Der Vater - nun, keine der drei Schwestern war je verheiratet, und als Yvette ins Geburtenregister eingetragen wurde, gab Virginia den Vater als "Unbekannt" an."
Es zuckte in Belles Mundwinkeln. Notar Fortenberry war bei seinen letzten Worten in verschiedenen Rott�nen angelaufen, und Belle hatte instinktiv das Bild von drei liebeshungrigen Frauen im Kopf, die sich die M�nner nahmen wie sie gerade wollten. Sie mu�te sich zusammenrei�en, um das Gesicht nicht angewidert zu verziehen.
"Und dann", fuhr Fortenberry fort, nachdem er sich wieder gesammelt hatte, "kam der Unabh�ngigkeitskrieg."


1775

Yvette blieb auf dem Bauch liegen, den Kopf in den Staub der Auffahrt zum Haus gedr�ckt. Sie wagte nicht sich zu bewegen, zu blinzeln, zu atmen. Ohne den Mund sichtbar zu bewegen, bi� sie sich auf die Zunge bis sie Blut schmecken konnte, suchte einen Weg um den Impuls, aufzuspringen und laut zu schreien, zu unterdr�cken. In ihrem Kopf erschien ungebeten und unerbittlich das Bild ihrer Mutter und ihrer beiden Tanten, im E�zimmer des Herrenhauses liegend, die Kleider zerrissen, die Gesichter mit Schnitten und Bluterg�ssen �bers�t, gesch�ndet, ermordet. Der Gestank von Blut und M�nnerschwei� lag schwer wie eine erstickende Decke in der Luft. In diesem Moment gesellte sich ein weiterer Geruch hinzu, bei�end und irgendwie saftig - der gerade erst erneuerte Holzboden der Veranda, in den sich leise knisternd die ersten Flammen fra�en. Yvette k�mpfte gegen die Tr�nen, die in ihr aufsteigen und sich wie eine Springflut entladen wollten. Das Ohr an den Grund gedr�ckt, lauschte, f�hlte sie mehr nach den galoppierenden Hufen und den Stiefelschritten, die sich langsam, qu�lend langsam wieder von Stella Manor entfernten. Waren sie endlich fort? Waren sie alle fort? Lie�en sie eine Wache zur�ck? Hatte irgendeiner von ihnen eine Ahnung da� sie nicht wirklich tot war? Da� in dem, was sie wie eine weggeworfene Puppe in der Auffahrt liegengelassen hatten, noch ein Mensch steckte?
Yvette z�hlte langsam im Geiste bis zehn, immer wieder, wieder, wieder, so lange, bis sie nicht l�nger ohnm�chtig liegenbleiben konnte. Sie mu�te aufstehen. Sie mu�te sich retten. Sie mu�te hier fort.
Sie stemmte sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf H�nde und Knie hoch. Ein Schrei pre�te sich durch ihre Z�hne, als ein stechender Schmerz von ihrem Scho� durch ihren ganzen K�rper fuhr. Mit gr��ter Anstrengung kam sie auf die F��e. Sie f�hlte sich wund, und helles Blut rann warm an den Innenseiten ihrer Schenkel herab. Wieder scho� ein ungebetenes Bild in ihren Kopf, veschwommen, ein gro�er Mann in Uniform, dann deutlich, ein paar kalte, hellblaue Augen. Er war nicht der einzige gewesen - aber der erste.
Schwankend blieb Yvette einen Moment stehen. Dann beugte sie sich herab, ri� einen Streifen vom Saum ihres Kleides und dr�ckte den Fetzen zwischen ihre Schenkel, um die Blutung zu stillen. Unsicher, denn ihre Knie zitterten heftig, ging sie einen Schritt. Dann noch einen. Und noch einen.
Und dann rannte sie.


"Yvette Fairfield schaffte es bis zur K�ste und schmuggelte sich auf ein Schiff, das nach England fuhr", sagte Fortenberry leise. "Zusammen mit vielen anderen, die vor dem Krieg zur�ck in ihre alte Heimat flohen. Sie bekam Monate sp�ter ein Kind - ein kleines M�dchen. Wieder ein M�dchen." Er machte eine Pause und blickte versonnen vor sich hin. Dann hob er ruckhaft den Kopf und sah Belle fest in die Augen. "Und so, von Tochter zu Tochter - oder Enkelin - wurde es auch weitervererbt." Bei diesen Worten klopfte er auf das kleine Holzk�stchen, das immer noch zwischen ihm und Belle auf dem Tisch lag. "Was weitervererbt?" fragte Belle, fl�sternd, immer noch gefangen in Notar Fortenberrys Geschichte. Als Antwort �ffnete er das K�stchen und holte ein altes, fadenscheiniges Samtband heraus, an dem etwas wie ein Amulett baumelte. Ganz behutsam legte er es in Belles unwillk�rlich ausgestreckte Hand, und sie sah, da� das "Amulett" eine eng gewickelte, br�chige Schriftrolle war. "Ich habe eine Abschrift", murmelte er und zog ein St�ck Papier aus einer anderen seiner vielen Schubladen. "Ich wei� nicht ob sie nicht endg�ltig zu Staub zerfallen w�rde, wenn wir versuchen sie aufzurollen." Er dr�ckte Belle den Bogen Papier in die andere Hand, und sie las laut vor:"Hiermit vermache ich, Virginia Fairfield, im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte, und im Namen meiner beiden Schwestern, Georgia und Carolina Fairfield, das Haus Stella Manor, seine Einrichtung, die dazugeh�rigen L�ndereien und die Sklaven, an meine Tochter Yvette Fairfield. Unterzeichnet: Virginia Fairfield, Georgia Fairfield, Carolina Fairfield."
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