Auf dem Weg zu Notar Fortenberry sa� Belle im Bus und lie� ihre Gedanken schweifen. Ihr Vater hatte die kleine Familie kurz nach Belles Geburt verlassen. Komplikationen hatten die Entbindung erschwert und es war ein Wunder da� Mutter und Kind �berlebt hatten. Allerdings wurde Belles Mutter anschlie�end mitgeteilt da� sie keine weiteren Kinder mehr bekommen k�nnen w�rde. Ihr Vater nahm diese Nachricht mit eisiger K�lte entgegen und erkl�rte, wenn sie nicht in der Lage sei ihm einen Sohn und Erben zu schenken, k�nne er sein weiteres Leben nicht mit ihr teilen. Das war das letzte was Belles Mutter je von ihm h�rte.
Verst�ndlicherweise hatte sie seitdem keine hohe Meinung von den M�nnern im Allgemeinen und gab diese Einstellung auch an Belle weiter. Obwohl die junge Frau mittlerweile gelegentlich mal ein Date gehabt hatte, machte sie der Umgang mit M�nnern eher �ngstlich als zuversichtlich. So war der ein oder andere Ku� bisher das einzige, was Belle mit einem Mann geteilt hatte. Der Satz, den sie am h�ufigsten von ihrer Mutter zu h�ren bekommen hatte, war wie eine Art Motto f�r sie geworden:�La� nicht zu, da� sie sich mit Gewalt nehmen, was Du ihnen nicht freiwillig zu geben bereit bist.�
Die Durchsage des Busfahrers ri� Belle aus ihren Gedanken; sie hatte ihre Haltestelle erreicht und stieg eilig aus.


1759

Die "drei dunklen Damen", wie die drei Schwestern schon seit ihrer Kindheit genannt wurden � alle hatten von ihrer Mutter nicht nur die vornehm blasse Haut, sondern auch das rabenschwarze Haar und die dunklen Augen geerbt � hatten sich in Virginias Zimmer versammelt. Das hei�t, Georgia und Carolina standen an dem Bett auf dem die mittlere lag und sich vor Schmerzen kr�mmte. "Sie m�ssen atmen, atmen und pressen!" rief die Hebamme zum wiederholten Mal und suchte den Geburtsvorgang mit ihren kundigen H�nden zu unterst�tzen. Georgia wrang ihr Taschentuch aus, das sie in einen Bottich mit kaltem Wasser getaucht hatte, und wischte Virginia den Schwei� von der Stirn. Carolina hielt die Hand ihrer Schwester und murmelte Worte, die, so hoffte sie, die �ltere beruhigen und entspannen sollten. Auch die Hebamme war schwei�gebadet von der Anstrengung der Entbindung, die bisher nicht ohne Komplikationen abgelaufen war, doch ihre Stimme war ruhig und aufmunternd, wenn sie Virginia zum Atmen und Pressen aufforderte.
Die Schwangere b�umte sich mit einem Schrei, der im ganzen Zimmer wiederhallte, und in die wartenden H�nde der Wehmutter glitt ein verschrumpeltes, rotes Etwas. "Es ist ein M�dchen!" rief sie triumphierend. "Ein M�dchen!" echoten Georgia und Carolina begeistert. Mit raschen Handgriffen s�uberte die Hebamme das Baby und legte es vorsichtig der Mutter in den Arm. Atemlos dr�ckte Virginia ihre kleine Tochter an sich und fl�sterte:"Hallo Yvette, willkommen im Leben!"


Belle lief die Marmorstufen hinauf, die in das rote Backsteingeb�ude f�hrten. Notar Fortenberry hatte sein heimelig wirkendes B�ro im vierten Stock und empfing Belle mit einer onkelhaften Umarmung. Seit der Scheidung ihrer Eltern war er ein Freund der Familie gewesen, und Belles Mutter hatte ihm selbstverst�ndlich auch die Regelung ihres Testaments �berlassen. W�hrend ihrer Krankheit war der Notar ein h�ufig und gern gesehener Gast in der kleinen Wohnung der beiden Frauen gewesen. Zum ersten Mal seit der Beerdigung fing Belle wieder an zu weinen, als er sie nun so warmherzig begr��te. "Na na, Belle", murmelte er und zauberte ein Schnupftuch aus der Tasche seines Sakkos. Dankbar nahm sie das Tuch entgegen, wischte sich die Augen und setzte sich dann auf den Besucherstuhl vor seinen imposanten Schreibtisch.
"So, das w�re also das erste..." begann Notar Fortenberry mit seiner Brummb�rstimme. Belle unterbrach ihn irritiert:"Das erste?" Der Notar hatte ihr das Testament ihrer Mutter vorgelesen, aus dem nichts hervorging was Belle nicht schon gewu�t h�tte � sie war l�ngst als Mieterin f�r die kleine Wohnung eingetragen, und die �berlassung der wenigen Habseligkeiten - M�bel, Kleidungsst�cke, ein wenig Schmuck � war f�r sie nur eine Formsache gewesen. Was sollte jetzt noch kommen?
Notar Fortenberry sah Belle mit einem merkw�rdigen Blick an und erkl�rte:"Ja, Belle, Deine Mutter hat Dir noch etwas vermacht." Mit diesen Worten, die nicht gerade dazu beitrugen Belles Verwirrung zu zerstreuen, griff er in eine der scheinbar bodenlosen Schubladen seines Schreibtisches und holte ein kleines, sehr alt aussehendes Holzk�stchen hervor.
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