Die Bibliothek am Ende der Welt
Gedankenverloren bog Miss Cross um eine Regalecke. Ihr Blick war auf das Klemmbrett geheftet, da� sie an ihre magere Brust gedr�ckt hielt. Ihre Schritte verhallten mit vielfachem Echo in dem unterirdischen Labyrinth, wo sich Regal an Regal reihte, vollgestellt vom Boden bis zu der nur zu erahnenden Decke mit B�chern. Dicke B�cher, d�nne B�cher, gro�formatige Schinken in Schweinsleder mit Goldkanten und winzige Taschenb�chlein, die den Eindruck machten als wollten sie sich heimlich aus den Regalen davonstehlen. B�cher in jeder erdenklichen Sprache, Bilderb�cher, B�cher die mit seltsamen Zeichen beschrieben waren, die vielleicht nie jemand w�rde entziffern k�nnen.
Miss Alice Cross war eine der Herrinnen dieser B�cher. Tag f�r Tag durchschritt sie wie heute die staubigen G�nge, den Blick auf dem Klemmbrett, die Hand erhoben, um gelegentlich gegen eines der Regale zu tippen. Wenn sie das tat, schob sich ein Buch nach vorn, glitt lautlos aus dem Regal und vereinigte sich mit dem Stapel anderer B�cher, der eine Handbreit �ber dem Boden hinter Miss Cross herschwebte. Miss Cross war seri�s, souver�n und sauber. Mancher w�rde vielleicht sogar sagen sie war sauert�pfisch. Und ganz b�se Zungen w�rden es zusammenfassen mit:"Sie ist eben eine typische Bibliothekarin!"

Mit einem ihrem Alter angemessenen Schnaufer erklomm Miss Cross die letzten Stufen, die sie aus dem unterirdischen Magazin wieder in den Bereich der hellen B�ros und weitl�ufigen, mit alten M�beln und gr�nbeschirmten Lampen ausgestatteten Leses�le f�hrte. Miss Cross hatte New York noch nie wirklich gemocht, doch als ihre Bibliothek in die verlassenen Geb�ude der ehemaligen Zentrale der Public Library umzog, stellte sie fest, da� sie sich dort geradezu wohl f�hlte. Die R�ume hatten etwas Herrschaftliches, angenehm Antikes an sich, und es h�tte auch keine andere Stadt gegeben, unter der gen�gend Platz f�r ihr Magazin gewesen w�re. (Miss Cross w�rde allerdings nie so weit gehen um zu sagen da� sie die Stadt mochte.)
Als sie den kleinen, gem�tlichen Aufenthaltsraum der Bibliotheksmitarbeiter betrat, fiel ihr Blick sofort auf den einzigen Insassen: Liberty Neiva, eine normalerweise fr�hliche junge Frau von knapp �ber 30 Jahren, die B�cher liebte als w�ren sie ihre eigenen Kinder, sa� mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter am Tisch. Mit vorn�bergebeugtem Kopf, so da� ihr langes, herbstlaubfarbenes Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fiel, starrte sie in ihre Kaffeetasse. Ihrer Stimmung angemessen r�hrte ihr L�ffel in tr�gen, unregelm��igen Kreisen das hellbraune Getr�nk.
Miss Cross setzte sich ihr gegen�ber auf einen wackeligen, aber sehr bequemen Holzstuhl. Seit Liberty in der Bibliothek angefangen hatte, hatte die manchmal etwas verkn�chert wirkende alte Bibliothekarin eine tiefe Zuneigung zu der jungen Frau gefa�t, und es betr�bte sie, ihre liebste Kollegin so ungl�cklich zu sehen.
Vor allem weil sie wu�te was der Grund f�r Libertys Traurigkeit war.
Miss Cross legte der jungen Frau leicht eine Hand auf den Arm. "Denk nicht immer so viel an ihn. Das tut Deinem Herzen nicht gut."
Liberty hob m�de den Kopf. Ihre Augen waren ger�tet, und auch wenn man sonst keine Spuren in ihrem Gesicht sah, wu�te Miss Cross da� sie geweint hatte.
"Wie soll ich das denn machen? Wenn ich ihn nun mal jeden Tag sehe?" Liberty zog laut schniefend die Nase hoch. "Ich w�nschte ich k�nnte meine Gef�hle abschalten..."
"Nein", erwiderte Miss Cross ruhig. "Du w�nschst Dir, Du k�nntest SEINE Gef�hle ANschalten."
Liberty starrte wieder auf den Tisch. Sie wu�te da� Alice recht hatte, nat�rlich wu�te sie das. Sie hatte Breen deutlich genug gezeigt da� sie an ihm interessiert war. Er ging auch mit Begeisterung auf ihre neckischen Flirtereien ein, aber... aber mehr eben nicht.
Scheu blickte sie wieder hoch und der �lteren Kollegin ins Gesicht. Sie erschreckte sich fast vor dem Ausdruck von Sehnsucht und entt�uschter Hoffnung in Alice' sonst so gefa�tem Antlitz.
"Mach nicht den gleichen Fehler wie ich", riet Miss Cross ihr mit warmer, aber trauriger Stimme. "Du bist noch so jung. Werd nicht zu so einer vertrockneten alten Schachtel, nur weil Du ewig auf einen Mann wartest, der Dich gar nicht will - und nicht verdient."
Liberty wurde neugierig. Sie wu�te so gut wie nichts �ber Alice' Vergangenheit und ihr Privatleben, trotzdem sich zwischen den beiden ungleichen Frauen eine enge Freundschaft entwickelt hatte. Und obwohl Liberty sonst nicht wirklich ein Blatt vor den Mund nahm, traute sie sich nicht nachzufragen.
Sie trank einen Schluck von ihrem erkaltenden Kaffee, seufzte tief und stie� abrupt hervor:"Das beste ist, ich w�rde von hier fortgehen!"
Sie erwartete eigentlich, da� Alice sie ein wenig schelten w�rde - das Weglaufen keine Probleme l�ste. Doch als sie der �lteren Frau wieder ins Gesicht sah, strahlte Alice sie breit an.
"Ich wollte es Dir schon lange vorschlagen, aber... ich habe auf einen guten Moment gewartet." Sie lie� den Namen "Breen" ungesagt zwischen ihnen schweben und dann wie ein trockenes Blatt zu Boden fallen.
"Du w�rst die perfekte Bibliothekarin f�r die Bibliothek am Ende der Welt!"
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