Abenteuer Transalp 1998
Mit dem Mountainbike über die Alpen

Oberstdorf - Gardasee (abgeänderte Heckmair - Route)

Text: Florian Göbel
  Fotos

Dieser Alpencross ist die unbestrittene Nr.1 unter den Ostalpenüberquerungen. Der Oberstdorfer Bergführer Andi Heckmair legte mit seiner Überquerung zum Gardasee 1990 - als Heckmair-Route heute ein Begriff - den Grundstein für den jetzigen Alpencross-Run.

Vorbereitungen
Begonnen hat alles fast ein halbes Jahr zuvor mit Informationen aus Inseraten in einer Mountainbike-Zeitschrift. Die Planung für die Tour konnte beginnen. (Der ursprüngliche Plan, 1998 mit zwei befreundeten Mountainbikern die Alpen zu überqueren, konnte leider nicht verwirklicht werden.) Meine Eltern und ich suchten den besten Reiseveranstalter für mich aus. Er heißt "Serac Joe", mit dem Geschäftsführer und Alpencross-Profi Achim Zahn. Ich suchte mir eine lange und schwere Tour aus: die Tour "Oberstdorf - Gardasee".
Die Voraussetzungen und Anforderungen waren klar abgesteckt: Ein erstklassiges und robustes Mountainbike, mehrjährige Fahrpraxis auch in schwierigem Gelände und eine gute Kondition. Um für diese Tour fit zu sein, fuhr ich in der Trainingsphase (ab Beginn des Jahres) zwischen 2000 und 3000 km und absolvierte ein großes Laufpensum.

Der Anreisetag - Freitag, 31.7.98
Nach fast 7-stündiger Autofahrt über den Schwarzwald, am Bodensee entlang in die Allgäuer Alpen nach Oberstdorf (813 m) erreichten wir das 1. Bike-Hotel Gruben. Es befindet sich etwas außerhalb im schönen, sonnigen, verkehrsfreien und ruhigen Trettachtal.
Gegen 20 Uhr trafen wir uns mit den anderen Teilnehmern der Tour (Manfred, Stefan, Detlef, Heiko, Philipp) und unserem Führer Florian Müller (29) zu einem Gespräch über die Alpenüberquerung. Danach ging ich ins Zimmer zum schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein.

Erster Tag - Abfahrt zur Alpenüberquerung
Samstag, 1.8.98
Ausgerüstet mit - pro Person - ca. 6 kg Gepäck, verstaut im Rucksack, starteten wir gegen 8.45 Uhr. Das Wetter war frisch und wir waren ausgeschlafen und gut vorbereitet. Voller Elan fuhren wir zunächst auf Straßen und Radwegen im Trettachtal, dann folgte der steile und anstrengende Aufstieg zum Schrofenpass (1687 m - Grenze Österreich). Nach einem kurzen Halt mußten wir unsere Mountainbikes einen steilen Felsen hinauftragen. Die nachfolgende Schiebepassage, (mit einer Leiter über dem Abgrund!) war schwierig und gefährlich. Mein Puls stieg mir bis zur Kehle und mein ganzer Körper zitterte vor Angst. Zum Glück schafften es alle. Wir fuhren ins Lechtal, einem natürlichen Kessel mit dem eingebetteten Formarinsee, und zur Freiburger Hütte (1931 m). Am Abend begann es heftig zu regnen und der Wind blies eisig.
(ca. 50 km, 6 Std. Fahrzeit)
Zweiter Tag - Sonntag, 2.8.98
Ich wachte "mitten in der Nacht" auf: aber es war 7.15 Uhr. Ich war müde und hatte kaum Kraft in den Muskeln. Um 7.30 Uhr gingen wir zum Frühstück. Zum Essen bekamen wir zwei Scheiben Brot, Wurst und Käse. Das reichte uns nicht, aber wir hielten durch. Das Wetter war schön und die Luft kalt. Wir zogen uns warm an, Helm auf und ab ging es bergab.

Ein Trampelpfad mit Drifts in den Kurven und die zahlreichen Sprünge über Bodenwellen und Wasserrinnen machten diese Abfahrt zu einer wahren Freude. Unterwegs lief uns ein Mann entgegen und schimpfte, daß hier Biken nicht erlaubt sei. Mit Anstrengung bewältigen wir den Kirstbergsattel ins Montafon. In einem Ort machten wir Rast in einem Restaurant. Uns fehlten Kohlenhydrate. Also stopften wir uns Spaghetti rein. Noch mußten wir das Schlappiner Joch (2203 m - Schweizer Grenze) bis zum nächsten Nachtquartier überwinden.

Nach 4-stündigem Tragen der Bikes in der Hitze hatten wir es endlich geschafft. Ich wünschte mir in diesem Moment ein paar schöne Kilometer bergab, damit wir endlich vorankommen würden. An einer Gabelung wußte unser Biker-Guide nicht recht, wo es weiter ging. Nach weiteren 2 km Tragen und Schieben hielten wir an, weil wir auf dem falschen Trampelpfad waren. Wir entschlossen uns umzudrehen. Mit letzter Kraft konnte ich durchhalten. Mir kamen immer wieder dieselben Gedanken: "Aufgeben oder Weiterfahren".

Wir übernachteten im "Schweizerhaus" in Klosters. Wir vertilgten Unmengen von Nudeln, um die verbrauchten Kalorien wieder aufzunehmen. Wir hatten es verdient. Nach fast 10 Stunden Fahrzeit und ca. 70 km Strecke hatten wir unser zweites Tagesziel erreicht.

Dritter Tag - Montag, 3.8.98
Oje, beim Aufstehen fielen uns fast die Augen aus dem Kopf: es regnete heftig. Beim Frühstück konnten wir uns richtig vollstopfen, da es haufenweise Nahrung gab. Leider war das Wetter ausgesprochen unfreundlich, doch die Fahrt über den Scalettapass (2606 m) mußte weitergehen. Die Gruppe hatte wenig Lust und deshalb fragte unser Führer den Besitzer der Hütte, einen sportlichen jungen Mann, ob er uns mit dem Auto ein Stück fahren könnte. Es klappte. Wir befestigten die Mountainbikes auf dem Anhänger und fuhren über einen Gipfel (über 2600 m), auf dem Schnee lag. Na denn, Regenjacke an und los ging´s. Bei Regen und kaltem Wind fuhren wir bergab durch einen Ort und dann wieder auf einem beschwerlichen Anstieg nach S-Chanf.

Als wir im Hotel "Sternen" ankamen, waren wir erleichtert, da wir uns aufwärmen und stärken konnten. Im Hotelzimmer zog ich mich schnell aus und konnte deshalb als erster die Dusche benutzen. Die Zimmertüren waren so klein, daß sie mir bis zum Hals gingen und jeder, der größer war, sich ducken mußte. Die Zimmerdecke war verbogen, der Schrank schräg und der Fußboden so dick wie eine Matratze. Aber wir konnten uns endlich erholen. Beim Abendessen bemerkten wir wie schon beim Mittagessen im Salat eine Raupe und einen Käfer ..... und ich fragte mich, warum der Koch den Salat nicht richtig waschen konnte.

Danach putzten wir unsere Mountainbikes und wankten müde ins Bett.
(ca. 32 km, 5 Std. Fahrzeit)

Vierter Tag - Fahrt nach Italien
Dienstag, 4.8.98
Wir standen früh auf und genossen das Frühstück. Zum Glück verzogen sich die Regenwolken und die Sicht wurde frei. Voller Freude verließen wir um 8 Uhr bei schönem blauem Himmel das Hotel. Aus dem Ort fuhren wir in die grandiose Landschaft, die durch den Sonnenschein und den aufsteigenden Nebel wunderbar aussah. Der schmale Pfad führte uns in Richtung Chaschauna-Pass (2694 m) nach Italien. Vor der Grenze mußten wir unsere Mountainbikes 2 Stunden lang tragen.

Nach einem langen Downhill auf Schotter kühlten wir unsere Felgen in einem Bach ab, da sonst Gefahr bestand, daß der Schlauch wegen der Hitze platzt.. Es war eine schöne Strecke, die uns die 2 Stunden Tragen vergessen ließ.

In Livigno machten wir Rast und aßen in einer Pizzeria zu Mittag. Danach mußten wir einen schmalen Pfad über den Passo Alpisella (2268 m) ins Valtellina bewältigen. In Bormio machten wir kurzen Halt und Florian, unser Führer, besorgte jedem eine Flasche Wasser. Auf der Straße ging es dann weiter nach St. Caterina. Wir übernachteten im "Hotel Thurwieser". Die Bikes verschwanden im Skikeller und wir unter die Dusche. Nach dem Duschen kam Manfred als letzter an.

Am Abend aßen wir in einer Pizzeria im Ort. Die Bedienung verstand weder Deutsch noch Englisch und wir mußten uns mit Händen und Füßen helfen.
(ca. 78 km, 9 Std. Fahrzeit)

Fünfter Tag - Mittwoch, 5.8.98
Der Aufstieg zum Passo Gavia stand auf dem Plan. Zum Frühstück gab es ein Büffet mit großer Auswahl. Wir starteten um 8.30 Uhr und nach einem dreistündigen Kampf gegen den Berg hatten wir es endlich geschafft: Wir überquerten den Passo Gavia (2621 m).

Dann folgte nach dem Mittagessen der anstrengende Aufstieg zur Montozzo-Scharte. Durch meine gute Leistung schaffte ich einen Vorsprung von einer Stunde auf den nächsten. Als die anderen kamen, gab es wieder eine Schiebepassage. Ein Spitzendownhill über Fels und Geröll auf einem Trampelpfad, über schmale Holzbrücken und Schluchten führte uns ins Val di Sole, "auf dem besten Single - Trail der Alpen". Nach fast 8 Stunden Fahrzeit und ca. 55 km konnten wir uns im Hotel Santa Maria in Pejo Terme erholen, in einer sehr bäuerlichen Unterkunft für 85,-- DM. Zu essen gab es nur Kleinigkeiten. Das hat mir nicht sonderlich gefallen und ich fand es verhältnismäßig teuer.

Sechster Tag - Donnerstag, 6.8.98
Anfangs ging es auf der Straße talabwärts. Oberhalb des Passo Campo Carlo Magno (2288 m) rasteten wir. Die anderen pumpten ihre Reifen auf oder ließen vom Führer ihre Achter ausbessern. Heiko mußte einen neuen Mantel kaufen, weil der alte defekt war. Wir konnten uns 1 Stunde erholen.

Danach ging es ins Herz der Brenta über den Passo di Stencio ins Val Guidicarie. Bei einem Stop fuhr Stefan aus Versehen weiter. Ich teilte dies sofort den anderen mit. Unser Führer schickte drei von uns in verschiedene Richtungen, um ihn zu suchen. In einer halben Stunde wollten wir uns wieder am Standort treffen. Ich fuhr geradeaus durch einen Ort und weiter, von über 2000 m auf 800 m. Kurz bevor ich umdrehen wollte, traf ich eine deutsche Motorradgruppe, die rastete und fragte sie, ob sie Stefan gesehen hätten. Ich beschrieb ihnen, wie er aussah. Ein Mann fuhr los und versuchte ihn im nächsten Ort zu finden.

Auf dem Rückweg fuhr ich weiter, bis es mir komisch vorkam. Aufgeregt fragte ich die Leute mit Händen und Füßen, ob sie mir sagen könnten, wo es entlang ginge. Obwohl ich an einer Gabelung nicht wußte, welche Richtung ich einschlagen sollte, fuhr ich weiter und konnte meine Gruppe "Gott-sei-Dank" nach einer Stunde finden.

Mit letzter Kraft hielt ich auf den Tragepassagen über den Passo di Stencio ins Val Guidicarie durch. Der Weg zum nächsten Übernachtungsquartier in Pieve di Bono wurde dadurch erleichtert, daß wir uns bergauf an einem Traktor festhielten. Wir waren erschöpft. Vor der Ankunft begegneten wir Stefan, der schon 2 Stunden zuvor im Ort eingetroffen war. Im Hotel "Albergo Posta" konnten wir es uns nach 10 Stunden Fahrzeit gemütlich machen.
(ca. 100 km)

Siebter Tag - Der letzte Tag vor unserem Ziel
Freitag, 7.8.98
Das Ziel der Tour rückte näher: Mit dem Tremalzo (1665 m) war der letzte Paß zu bezwingen. Wir erreichten ihn nach stundenlanger Auffahrt. Auf der Straße hatte jeder von uns einen Abstand von mehr als 10 Minuten zum nächsten. Manfred kam wieder als letzter 1 Stunde später an.

Auf dem Gipfel aßen wir zu Mittag. Der überwältigende Blick zum Gardasee war ein unvergeßliches Erlebnis. Jeder bekam Spaghetti und etwas zu trinken.

Danach ging es nur bergab durch Tunnel über riesige Schottersteine nach Pieve, von wo wir noch 10 km zum Ziel fahren mußten.

RIVA, das Ortsschild. Erleichtert, glücklich und ziemlich fertig sprangen wir ins Wasser des Gardasees.

Nach langer Fahrt konnten wir uns in einem Sporthotel erholen. Nee, .... es war ein schreckliches Hotel .... die Betten standen nebeneinander und alle, die auf den Balkon wollten, mußten über mein Bett klettern. Das Bad war kaum ein Quadratmeter groß mit Dusche, Klo und Waschbecken. Na ja, erst mal duschen, dann essen. Ich drehte im Bad das Wasser auf und ......und es kam nur ganz wenig raus ...... Die Dusche war so instabil, daß sie fast zusammenkrachte. In einer Pizzeria feierten zusammen. Danach erkundeten wir die Stadt und gingen um Mitternacht schlafen. Das Hotel hier werde ich wohl nicht weiter empfehlen können. Drum vergessen wir es. Die Tour ist zu Ende. In Gedanken noch lange nicht.
(ca. 81 km, 8 Std. Fahrzeit)

Heimreisetag - Samstag, 8.8.98
Zum Frühstück bekam jeder zwei kleine Wecken, die kaum größer als ein Ei waren. Wir wurden nicht satt. Egal, durchhalten! Als wir uns fertig machten und nun auf den Transfer warteten, wollte ich vorher noch auf die Toilette gehen. Als ich mich aufs Klo setzte, flog mir die Kloschüssel unterm A.... weg. Beim Händewaschen drehte ich zuerst den Hahn auf, aus dem kaltes Wasser herausfloß. Es kam wenig Wasser heraus und ich drehte deshalb am anderen Hahn. Das Wasser kam wie eine Bombe herausgeschossen. .... Schrecklich .... Für dieses Hotel würde ich keine 5 DM mehr ausgeben. Als der VW-Bus kam, machten wir die Mountainbikes auf dem Dach fest und ab ging´s zurück nach Oberstdorf.
(4 1/2 Std. Fahrzeit)

Fazit der Tour
Ich würde diese Tour auf jeden Fall wieder machen. Wir sind 7 Tage gefahren, zwischen 5 und 10 Stunden pro Tag. Die Gesamtstrecke betrug ca. 450 Kilometer mit etwa 13.000 Höhenmetern.

Die Pannen beschränkten sich glücklicherweise auf zwei Platten, einen defekten Mantel und Probleme an den Bremsen und wir erreichten trotz einiger Stürze unverletzt das Ziel. Das war aufgrund genauer Planung, erstklassigem Material und langjähriger Erfahrungen mit dem Mountainbike und auch Glück möglich.

Für mich steht vielleicht nächstes Jahr eine andere Route auf dem Plan: Transalptour ´99.

Material und Ausrüstung:
Bergtaugliches, gewartetes Alu-Mountainbike (22/30 Untersetzung) mit Manitou SX-Ti, 24 Gänge XT / ESP Komponenten, 2 große Wasserflaschen, Helm, knöchelhohe Bikeschuhe "Shimano SH-M 056",

Luftpumpe, Satteltasche mit Ersatzschlauch (franz. Ventil - normales Werkzeug hatte der Tourenführer dabei), Flickzeug und Pannenheber, tourenspezifische Bereifung (vorne: Continental Navigator, hinten: Schwalbe Marathon XR)

Gepäckliste:
Rucksack (30 Liter Volumen und 6 Kilo schwer), zweckmäßige Radbekleidung:

Überschuhe "Umax", Kombi-Systeme (Bärentatze), Trikot, kurze und lange Radhose "Gore Bike Wear", Kälteschutz-Radhose und -Jacke "Cosmo", Faserpelzjacke, Funktionssocken "Gore Tex", Socken 2x ("Pearl Izumi" und Wintersocken), Handschuhe "Gore Tex Windstopper", Stirnband, Sonnenbrille mit Ersatzgläser und -creme, Energieriegel (10 Stk.), Magnesiumtabletten, Schreibgeräte (Blatt und Stift), Unterhosen 2x, lange Hose (für die Hütte), Schlaf-T-Shirt und lange Schlafhose "Jack Wolfskin", Regenschutzkappe für den Rucksack, Zahnbürste, Zahnpasta, Duschzeug, Tempo 1x, Lippenstift, Kettenöl "Finisch Line-Cross Country", Geld, Personalausweis
  Transalptour 1999
zurück zur vorherigen Seite
Hosted by www.Geocities.ws

1