Abenteuer Transalp 1999
Mit dem Mountainbike über die Alpen

Karwendel - Dolomiten

Text: Florian Göbel
  Fotos

  • Erlebnisreiche Alpenüberquerung von Hinterriß im Karwendel über die Zillertaler Alpen nach Südtirol.
  • Atemberaubendes Hochgebirgs-Panorama.
  • Auf alter Militärstraße über das Pfundererjoch (2568m) nach St. Lorenzen im Pustertal am Fuße der Dolomiten.
  • Die schon legendäre Fanesalm sowie die Plätzwiese mit Gipfelauffahrt zum Strudelkopf sind für jeden Biker ein Muß! Vom Ausblick auf die Drei Zinnen ganz zu schweigen.

Entscheidung
Letztes Jahr überlegte ich mir, was ich in den Sommerferien machen könnte. Da ich diesen en Sommer nach dem Abschluss der Sekundarstufe I meine letzten Schulferien hatte und unmittelbar vor dem Beginn meiner Berufsausbildung stand, wollte ich wieder mit einer Gruppe auf Reisen gehen. Ich dachte an Windsurfen am Mittelmeer oder eine Alpentour mit dem Mountainbike. Dies waren zwei Ideen, zwischen denen ich mich entscheiden mußte: Ich wählte die Alpenüberquerung.
Ich fing an, Informationen bei verschiedenen Bike-Veranstaltern zu sammeln. Weil bei meinem Reiseveranstalter vom letzten Jahr "Serac Joe" fast alle Touren ausgebucht waren, wandte ich mich an "Bike-Alpin". Diesmal suchte ich mir eine kürzere und schöne Tour aus, weil ich mich dieses Jahr mehr auf die Schule konzentriert und deshalb nicht so viel Zeit zum Trainieren hatte.

Samstag, 17. Juli 1999 - Anreisetag

Mit Rucksack und MTB fuhr ich mit der Bahn von Offenburg über Heidelberg, Stuttgart und München nach Garmisch-Partenkirchen.
Als der Zug von München aus nach Süden fuhr, war ich froh, die Alpen wiederzusehen.
Nach fast 6 Stunden Fahrt holte mich mein Führer Andi Biberger mit dem Auto am Bahnhof ab.
Wir fuhren am Mittelwald entlang nach Österreich, nach Hinterriß. Um 18.30 Uhr trafen wir uns mit den anderen Teilnehmer der Tour (9 Männer und eine Frau) auf der Terasse vor dem Hotel "Herzoglicher Alpenhof". Es gab ein Gespäch über die Alpentour. Danach aßen wir gemeinsam zu Abend und gingen gegen 22 Uhr ins Bett.

18. Juli 1999 - Sonntag
1. Etappe: Hinterriß - Plumsjoch - Gernalm - Achensee - Inntal - Fügen

Morgens um 9 Uhr sind wir bei tollem Wetter gestartet. Zunächst fuhren wir auf der Straße am Rißbach entlang. Nach 10 km begann die steile Auffahrt zum Plumsjoch (1630m). An der gleichnamigen Hütte legten wir eine Pause ein und genossen die Ausblicke auf die umliegenden Karwendelgipfel. Anschließend folgte eine tolle, technisch anspruchsvolle Abfahrt ins Gerntal (1180m). Als die Gruppe sich nach einem Stopp wieder versammelt hatte, ging es weiter hinunter nach Pertisau am Achensee (980m). Dort legten wir am Ufer eine Mittagspause ein. Das Wasser war eiskalt. Keiner traute sich schwimmen zu gehen. Weil es so heiß war, bin ich doch ins Wasser gegangen. Es war schön erfrischend.
Später fuhren wir am See entlang nach Maurach und hinunter ins Inntal, dem Inn und der Ziller entlang nach Fügen (500m). Gegen 17 Uhr kamen wir dort an. Im Hotel vertilgten wir Unmengen von Nudeln, um die verbrauchten Kalorien wieder aufzunehmen.

19. Juli 1999 - Montag
2. Etappe: Fügen - Mayerhofen - Dornauberg - Breitlahner - Schlegeisspeichel - Pfitscherjoch

Um 9 Uhr war wieder Abfahrt. Nach mäßigem Frühstück fuhren wir an der Ziller entlang. Heute war eine harte Etappe angesagt. Wir mußten uns bergauf bis zu unserem nächsten Übernachtungsquartier quälen. In Mayerhofen angekommen, kauften wir Proviant ein. Einer von uns mußte ein neues Vorderrad kaufen, weil seines defekt war.
Jetzt begann der anstrengende Aufstieg durch das Dornaubergtal nach Breitlahner (1265m). An einem Gasthof machten wir Rast. Wir füllten unsere Wasservorräte auf, gönnten uns noch einen Müsliriegel und weiter ging's auf der Schlegeispass-Straße in Serpentinen weiter zum Schlegeisspeicher (1800m). Wir fuhren durch zwei lange Tunnel. Dabei dachte ich: "Oh je, hoffentlich komme ich am anderen Ausgang wieder raus!".
Am Schlegeisspeicher hatten wir schöne Ausblicke auf die Gletscher und Gipfel der Zillertaler Alpen. Am Ende des Stausees wurde aus dem Fahrweg ein Wanderweg, auf dem wir unser Bike fast 4 Stunden zum Pfitscherjoch (2250m) schieben und tragen mußten. Kurz vor unserem Ziel bekam ich einen Krampf, weil ich nichts mehr zum Trinken dabei hatte. Ich war schon ziemlich am Ende. Mir kamen immer wieder dieselben Gedanken: "Aufgeben oder bis zum nächsten Übernachtungsquartier durchhalten". Doch hat sich die Plackerei diesmal gelohnt. Wir verbrachten die Nacht im Pfitscherjochhaus (2275m), das sich nur wenige Meter jenseits der Grenze nach Italien befindet.

20. Juli 1999 - Dienstag
3. Etappe: Pfitscherjoch - Fußendraß - Pfundererjoch - Vintl - St. Lorenzen

Ein Gewitter hat in der Nacht ordentlich Regen gebracht, sodaß unsere Moutainbikes naß waren. Heute Morgen sind wir um 8.15 Uhr nach nicht ausreichendem Frühstück losgefahren. Es war kalt und frish. Wir zogen uns warm an, Helm auf und ab ging es bergab nach St. Jakob im Pfitschertal (1300m). Dort legten wir einen Stopp ein. Wer wollte, konnte sich in einem kleinen Supermarkt Proviant einkaufen. Hinterher kurbelten wir die extrem steile Auffahrt auf der alten Militärstraße zum Pfundererjoch (2568m) hinauf, dem höchsten Punkt dieser Tour.
Es ist ein Hochgebirgserlebnis und nur schwer zu überbieten. Ich mußte anhalten, da sich meine Kette zwischen Ritzel und den Speichen eingeklemmt hatte. Auf den letzten 350 Höhenmetern bis zur Passhöhe mußten wir unser Bike schieben. Dort angekommen, waren wir gut gelaunt, aber kraftlos.
Es lag, schätze ich, 1 Meter Schnee. Aber der Pfad nach der Passhöhe war frei.
Auf dem Pfundererjoch wurden windfeste Sachen angezogen und los ging's bergab. Wir fuhren auf einer Super-Trial-Strecke durch die hochalpine Landschaft, dann kam eine Genuß-Abfahrt auf der Straße hinunter ins Pfunderer- und Pustertal. An einem Restaurant machten wir Rast und aßen ein Wurstbrot. Anschließend ging es weiter entlang der Rienz nach St. Lorenzen. Von dort aus folgten wir einer sehr stark befahrenen Landstraße. Um 18.30 Uhr hatten wir unser zweites Etappenziel erreicht, das Hotel St. Martin.
Am Abend gingen wir gemeinsam im Ort in eine Pizzeria. Nach einem Teller Spaghetti und dem einen oder anderen Bier ließen wir den Tag ausklingen. Wir hatten es verdient.

21. Juli 1999 - Mittwoch
4. Etappe: St. Martin - St. Vigil - Pederü-Hütte - Fanesalm

Diesmal konnten wir länger ausschlafen und genossen das Frühstück. Am üppigen Buffet stärkten wir uns reichlich, und sogar für den Rucksack blieb noch etwas übrig. Die Abfahrt war um 9.30 Uhr. Wir fuhren zuerst auf der Höhenstraße unterhalb des Kronplatzes nach St. Vigil (1193m). Nach einer Pause ging es weiter, dem Vigilbach entlang durch das Rautal, welches den Eingang zur Fanes-Region bildet. An der Pederü-Hütte (1530m) angekommen machten wir Mittagsrast und aßen unsere Müsliriegel.
Frisch gestärkt setzten wir unsere Fahrt Richtung Lavarella-Hütte fort. Danach kurbelten wir auf einer breiten Militärstraße die Serpentinen bergauf zu der in traumhafter Bergkulisse gelegenen Fanes-Alm. Unsere Übernachtung war in der sehr komfortablen Lavarella-Hütte (2060m). Die halbe Nacht hindurch hatten wir ein sehr schlimmes Gewitter.

22. Juli 1999 - Donnerstag
5. Etappe: Fanesalm - Ampezzotal - Plätzwiese - Strudelkopf - Plätzwiese

Heute war ich fit.Über Nacht hatte es wieder aufgeklart und es sah so aus, als sollte uns heute die Sonne begleiten. Um 9 Uhr war Abfahrt. Wir fuhren eine kurze, sehr anspruchvolle Steigung zum Passo di Limo (2100m) hinauf. Die Auffahrt war kaum zu bewältigen. Doch ich schaffte es mit viel Kraft. Nach einem Fotostopp gab es einen langen Spitzen-Downhill hinunter ins Ampezzotal (1300m). Dann weiter durch das Ampezzotal nach Cimabanche (1450m). An einem Gasthaus machten wir Rast. Daraufhin fing es an, heftig zu regnen. Zum ersten Mal kamen fast die kompletten Regenklamotten zum Einsatz.
Obwohl das Wetter leider ausgesprochen unfreundlich war, mußte die Fahrt doch weitergehen.
Wir fuhren weiter bergauf zur Plätzwiese (2000m). Auf dem Weg mußten wir auf einer Länge von 600m viele Schotterkehren hinauffahren. Zum Glück schafften es alle.
Auf der Plätzwiese war es saukalt und regnerisch. Die Bikes verschwanden in der Garage und wir unter die warme Dusche.
An diesem Tag hatten wir viele Platten. Einer von uns mußte seinen Schlauch sogar 5x auswechseln.
Wie auf dem Programm stand, sollten wir als letzten Höhepunkt die Auffahrt zum Gipfelkreuz des Strudelkopfs (2300m) fahren. Eine grandiose Aussicht zu den Drei Zinnen würde für uns ein unvergessliches Erlebnis sein. Leider konnten wir dies nicht verwirklichen, weil überall Wolken waren.
Die letzte Nacht verbrachten wir im Berggasthaus Plätzwiese.

23. Juli 1999 - Freitag - Rückreise
Plätzwiese - Prags

Wir standen früh auf und genossen das Frühstück. Zum Glück verzogen sich die Regenwolken und die Sicht wurde frei. Wir verließen das Berggasthaus um 8.15 Uhr, bei schönem blauem Himmel und kalter Luft. Eine letzte, ca. 14 Kilometer lange, wunderschöne Abfahrt mit Sonnenschein und vom Tal aufsteigendem Nebel führte uns nach Prags. Wir ließen die Tour ausklingen.
Gott-sei-Dank fühlte ich nach der Abfahrt langsam wieder Leben in den Fingerspitzen. Als wir den Bus erreicht hatten, kamen unsere Bikes in den Kofferraum. Von Prags aus fuhren wir zurück nach Hinterriß.

Nachtrag

Die Tour hat mir viel Spaß gemacht, auch wenn einmal schlechtes Wetter war. Besonders gefielen mir die drei verschiedenen Gebirgsteile, nämlich das Karwendel, die Zillertaler Alpen und die tollen Dolomiten. Wir sind 5 Tage gefahren. Die Gesamtstrecke betrug ca. 280 Kilometer mit etwa 7.200 Höhenmetern.
Die Pannen beschränkten sich auf 11 Platten, ein defektes Vorderrad und Probleme mit den Bremsen. Wir erreichten das Ziel ohne Stürze.
Da ich jetzt nach zwei Alpenüberquerungen Erfahrung gesammelt habe, werde ich das nächste Mal wahrscheinlich nicht mehr mit einer geführten Gruppe, sondern mit Freunden auf Reisen gehen.

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