Die Fotosession

Kerstin lies sich allerdings, wie Pia feststellte, gar nicht auf ein Wettrennen um das Durchbrechen der 100 kg-Grenze ein. Vielmehr hatte sie beschlossen, ernsthaft den Versuch zu machen, ein paar Kilos loszuwerden. Auch für Pia war die wilde Zunehm-Phase damit zu Ende. Sie war zwar weit davon entfernt, eine Diät zu machen, die gedämpfte Stimmung ihrer Freundin wirkte sich aber scheinbar etwas appetitzügelnd auf sie aus. Irgendwie fand Pia das gar nicht so übel. Im Tempo der letzten Wochen hätte das Speckansetzen unmöglich weiter gehen können. Thomas verführte sie auch weiterhin regelmäßig mit kulinarischen Extravaganzen, äußerte sich aber in keiner Weise über das langsam stagnierende Gewicht seiner Pia. Irgendwie war wieder Normalität eingekehrt. Pia wog nun knapp über neunzig Kilo, Kerstin hatte angeblich schon ein paar Kilo abgenommen (angeblich, weil Pia noch keine Veränderungen bemerken konnte) und die beiden Mädchen näherten sich somit gewichtsmäßig Schritt für Schritt einander an. Anders zwar, wie sich dies Pia noch vor wenigen Wochen dachte, aber doch. Pia stellte fest, dass sie sich nun auch an das hohe Gewicht gewohnte: Waren ihr noch vor kurzem die kleinsten körperlichen Anstrengungen schwer gefallen, merkte sie nun, das ihr nun vieles wieder leichter fiel. Spaziergänge, kleine Radtouren und sogar Discobesuche machten mit etwas besserer Fitness wieder mehr Spaß.

Nach einigen Wochen bemerkte Pia, dass sich Kerstin Selbstvertrauen langsam wieder einstellte. Untrügliche Zeichen dafür waren ihr Outfit und ihre Unternehmungslust. Immer häufiger schloss sie sich den Discobesuchen von Thomas und Pia an. Georg war kein begeisterter Tänzer, deshalb war sie in den letzten Jahren weniger oft zum Tanzen aus. Schon beim ersten gemeinsamen Abend in der Disco stellte Pia fest, dass Kerstin - der man es nun tatsächlich auch ansah, dass sie abgenommen hatte - fast wieder ganz die Alte war. Kerstin flirtete ständig mit irgendwelchen Jungs und stahl mit ihrer Ausstrahlung und Sexappeal ihren Geschlechtsgenossinnen mit 30kg weniger komplett die Show. Kerstin stand bald im Mittelpunkt des Abends. Pia hatte so etwas noch nicht erlebt.

"Was war denn das heute ?", fragte Pia Kerstin auf der Heimfahrt im Taxi. "Was meinst du?"; entgegnete Kerstin, die Unschuldigkeit in Person mimend. "Na, dein Auftritt natürlich, was den sonst !", lachte Pia. "Ich glaub, mir haben die paar Kilos weniger gut getan - jetzt hab ich mein Idealgewicht, glaub ich." "Geht dir das ungehemmte Schlemmen nicht ab?", fragte Pia nun. "Schon ein bisschen - man kann halt nicht alles haben. Zur Zeit ist es so, wie es jetzt ist, ideal. Wer weis, vielleicht ändert sich das morgen schon wieder!"

Am nächsten Tag änderte sich zwar nichts an Kerstins neuem seelischen Gleichgewicht, allerdings stellten die beiden Freundinnen am Telefon fest, dass ihre Muskeln wie verrückt schmerzten. "Wir sind einfach nichts gewöhnt !", stellte Kerstin abschließend fest. Nach jedem Discobesuch gewöhnten sich die beiden immer besser an diese neue Form der Belastung. Pia schaute sich von Wochenende zu Wochenende die Tricks ihrer Freundin, was einen effektvollen Auftritt beim Tanzen anbelangte, ab. Bald waren die beiden üppigsten Mädchen in der Disco als Tanzpartnerinnen die mit am heftigsten Umworbenen. Woche für Woche stieg das ohnehin nicht geringe Selbstvertrauen der beiden. Während sich Kerstin praktisch vom ersten gemeinsamen Discobesuch ziemlich gewagt gekleidet hatte, "riskierte" Pia trotz wachsendem Selbstbewusstsein modisch nur langsam etwas mehr. Eines Samstags, Pia benutzte gerade die Toilette der Disco, vernahm sie folgendes Gespräch zweier Mädchen, die offenbar vor dem Spiegel ihr Make-up kontrollierten: "Mensch, hast du zwei fetten Oldies gesehen?", begann die erste. "Na klar, waren ja nicht zu übersehen! Ich versteh nicht, wie die das hinkriegen - aber Bernd tanzt fast nicht mehr mit mir sondern immer mit einer der beiden !" "Nicht alle finden die zwei so toll!" "Das ist schon klar", sagte nun wieder das zweite Mädchen mir der etwas lauteren Stimme, "aber doch mehr, als man glauben könnte!" "Das ist allerdings richtig. Mir ist das wirklich ein Rätsel - die versuchen gar nicht mal, ihren Speck zu verstecken, so wie die sich anziehen! Hast du den Hintern von der mit den weißen Jeans gesehen? Gigantisch! Soviel haben wir nicht mal gemeinsam!" . Nun verließen die beiden die Toilette. Das letzte, was Pia vernehmen konnte, war ein zorniges "Wozu ich immer nur Grünzeug esse, frag ich mich schön langsam!" . "Nur rann an den Speck, Mädels !", dachte Pia. "Hab ich tatsächlich so ein sehenswertes Hinterteil?", grinste Pia innerlich. "Wär' mal interessant, wenn ich mich mal selbst von außen beobachten könnte, wie ich so aussehe, in diesen Klamotten!" Pia erzählte Kerstin natürlich sofort von dem mitgehörten Gespräch. Beide mussten herzhaft darüber lachen, wie schnell die einfache Logik einiger Teenies - schlank=sexy, üppig-kurvig=ekelig - über den Haufen zu werfen war. Pia genoss die Aufmerksamkeit, die man ihr den restlichen Abend in der Disco schenkte, in vollen Zügen.

In den nächsten Wochen häuften sich solche direkten oder indirekten Komplimente: Einmal meinte ein ziemlich gutaussehender Kerl nach einem weiteren Discobesuch am Parkplatz zu den beiden - ganz locker im Vorbeigehen - "Ihr zwei habt´s den ganzen Ally McBeals aber gezeigt heute! Respekt". Ein anderes mal sagte ein anderer Typ, zwar weniger gutaussehend, dafür aber sehr sympathisch, zu Kerstin mitten auf der Tanzfläche "Endlich mal eine, bei der sich ein Hüftschwung noch auszahlt!" Immer häufiger kam Pia deshalb der Gedanke, Georg sollte Kerstin und sie einmal zur Abwechslung nicht malen, sondern fotografieren. Zu gern hätte sich Pia einmal in den diversen Outfits und aus allen Blickwinkeln betrachtet, und zwar ohne sich den Hals zu verrenken, um das eigene Spiegelbild zu erspähen.

Noch in der gleichen Woche machte Pia Kerstin diesen Vorschlag. Kerstin war sofort überzeugt. "Das wär wirklich mal eine Abwechslung zur Malerei. Georg hat seit Neustem so eine neumodische Digitalkamera. Die kann er gleich mal am lebenden Objekt ausprobieren, er ist ohnehin noch nicht dazu gekommen! Hoffentlich hat das Ding Weitwinkel!", scherzte Kerstin.

In den nächsten Wochen schien die Idee allerdings im Sande zu verlaufen. Kerstin machte keine Andeutung, Georg über ihr Vorhaben informiert zu haben. Pia dachte zwar ab und zu daran, drängte Kerstin aber auch nicht, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Pia entdeckte nämlich in diesen Tagen eine "alte" Leidenschaft: Das Essen. Kerstins Beobachtungen

Pia hatte ihre sportlichen Aktivitäten um Schwimmen und neuerdings Inline-Skaten erweitert. Kerstin leistete ihr dabei manchmal Begleitung. Wenn Kerstin nicht wollte oder konnte war Thomas mit ihr unterwegs. Eine "Nebenwirkung" dieser Aktivitäten war der nun zurückkehrende große Appetit. Alle paar Tage gab Pia ihrem Appetit etwas mehr nach, ihre Waage nahm davon allerdings keinerlei Notiz: 91,4 kg, 90,8 kg, 91,1 kg, 91,6 kg, 90,5 kg, 89,8 kg, 90,3 kg...... so ging es in einer Tour dahin. Zuletzt futterte Pia wieder wie in ihren besten Tagen, ohne das sich was änderte. "Soll mir auch recht sein", sagte sich Pia und dachte nicht weiter darüber nach.

Zu guter letzt kam das Fotoshooting dann doch zu Stande. An einem verregneten Samstag Vormittag packten die beiden Mädchen ihre Koffer mit den aufregendsten Klamotten. Nicht, um auf Urlaub zu fahren, sondern um sie in Georgs Atelier zu verfrachten. Der ganze restliche Tag wurde ein einziger Erfolg: Georg hatte seine Kamera aufgebaut und im Atelier ein bisschen zusammengeräumt - ein Teil des Fußbodens und eine Wand war mir Leintüchern bedeckt. Damit sollte Fotostudio-Atmosphäre improvisiert werden. Pia und Kerstin verwandelten die kleine Küche in eine Garderobe. Aufgeregt wie kleine Kinder vor Weihnachten machten sich die Beiden für das Fotografieren fertig. Zuerst fand ein - in Georgs Augen - ziemlich zeitaufwendiges Schminken statt, dann schlüpften die beiden Mädchen in die ersten Teile. Flüsternd beschlossen die Freundinnen, mit den eher verhüllenden Kleidungsstücken anzufangen. Obwohl Pia all diese Kleidungsstücke schon öfters angehabt hatte - selten hatte sie eine derartige Körperlichkeit erlebt. Das hineinschlüpfen in Kleidungsstücke, die ihr durch ihren engen Sitz abwechselnd die Fülle ihrer Hüften, ihrer Oberschenkel, ihres Pos, ihrer Brüste, ihrer Arme bewusst machten, empfand Pia erneut als erotisches Erlebnis. Seit dem Abwiegeritual, in dessen Zuge sie Thomas kennen lernte, hatte sie dies nicht mehr so intensiv erlebt. Der einzige Unterschied zu damals waren gute 20 kg mehr. Jedes einzelne davon zahlte sich aus, dachte Pia.

Das Fotoshooting ging über Stunden und war viel lustiger als das Modellsitzen: Man war ständig in Bewegung - Posen im sitzen, liegen und stehen wechselnden sich ständig ab. Mit jedem mal umziehen wurde baute sich die Spannung in Pia neu auf: Fettpölsterchen, die bei gewissen Posen in einem T-Shirt kaschiert wurden, kamen in einer nächsten Runde, dieses mal in einem engen Langarm-Stretch-Oberteil, voll zur Geltung. Das Bewusstsein, dass mit jeder Runde ein weiteres ihrer üppigen "Geheimnisse", die diversen Fettpölsterchen, auf Foto festgehalten wurde, brachte in Pia Gehirn das Lustzentrum auf Hochtouren. Was wohl Georg dachte, wenn er sie so beobachtete? Als sie damals das erste mal posierte, sah sie noch ganz anders aus, wusste sie noch nicht, welche sinnlichen und kulinarischen Höhenflüge ihr in den nächsten Monaten bevorstanden. Wenn die Fotos fertig waren, musste sie Georg unbedingt um die ersten Aktbilder bitten. Der Vergleich würde sicher spannend sein...

Stunde um Stunde vergingen. Die Fotosession war so aufregend, dass keiner der drei Beteiligten müde wurde. Erst als Thomas am Abend mit dem Abendessen - natürlich Pizzas- auftauchte, wurde eine Pause eingelegt. "Bin schon gespannt, wie ihr zwei Schönen Euch als Modells anstellt!", meinte Thomas mit gespielter Ernsthaftigkeit. "Live wirst du nicht mehr allzu viel zu sehen bekommen", meinte Pia, "wir haben fast unseren gesamten Kleiderschrank durchprobiert. Aber wenigstens die heißesten Outfits wirst du noch erleben!" "Wir könnten ja noch ein paar Bilder in Unterwäsche machen!", meinte Kerstin leise, scheinbar mit ihrer Pizza beschäftigt. In Pia machten sich ambivalente Gefühle breit - wie jedes mal, wenn sie im Begriff war, eine auch noch so kleine erotische Grenze zu überschreiten. Sich nackt malen zu lassen gehörte schon fast zur Routine, rational viel harmloser erscheinendere Fotos in Unterwäsche waren ein neues, bisher unbeschriebenes Kapitel. Kerstin tat sich leicht, solche Vorschläge zu machen, saß sie doch in der Uni nackt vor Pias Kollegen und war somit schon an solche Situationen gewohnt. "Keine üble Idee", meinte nun auch Thomas augenzwinkernd "dann bekomm ich auch noch was zu sehen!" "Ich hab aber keine fotografierenswerte Unterwäsche da !", meinte Pia vorsichtig. "Kein Problem", mischte sich nun wieder Kerstin ein, "ich hab meine gesamte schöne Wäsche dabei, such Dir zwei, drei Sets aus!" Damit war der Würfel gefallen. Pia fügte sich ihrem Schicksal, schon jetzt wissend, dass sich erneut eine Menge heftiger Gefühle einstellen würden. Pia sollte sich nicht irren. In der Unterwäsche wurde sich Pia nun jedes ihrer Kilos bewusst. Und zwar durchaus angenehm. Während des Posierens kam ihr unzählige Gedanken: "Wahnsinn, wie dick ich geworden bin! Dieser schwere Busen - selbst der BH ist gegen das Gewicht machtlos! Wie sich die Träger in das Fett am Rücken eingraben- und das, obwohl das Teil fast perfekt sitzt! Und dieser Bauch! In dieser Pose - kniend und auf den Händen gestützt Georg ein tiefes Dekollete bietend - wird sicher auch mein Bauch eine gute Figur machen!" Von den Oberschenkeln ganz zu schweigen!" Auf ihre Zellulite war Pia zwar nicht so stolz, man kann aber nicht alles haben, dachte sie.

Die Unterwäschefotos bildeten ohne Zweifel den Höhepunkt des Abends. Weitere, wenn auch anderer Art, sollten in dieser Nacht folgen......

Gespannt wartete Pia in den nächsten Tagen auf die fertigen Fotos. Zwar hatte Georg die digitale Kamera verwendet und die Fotos sofort in seinen Computer gespeist, doch sie waren allesamt zu müde gewesen, die Unzahl von Fotos durchzusehen. Die wenigen, die Pia in den kurzen Pausen des Shootings erspäht hatten, waren ihrer Meinung nach ziemlich gut. Allerdings hatte sie weder eine Rückenansicht noch die Fotos nach der Pizzapause gesehen.

Einige Tage später war es dann soweit. Gemeinsam schauten die vier das Resultat der Session an: Für Pia war es eine kleine Entdeckungsreise: Auf manchen Photos kam sie sich ziemlich schlank vor, in anderen unglaublich dick, wobei sie gerade diese Bilder mit der größten Faszination betrachtete. Mit den meisten Körperteilen war sie sehr zufrieden, so wie sie sich präsentierten. Das Doppelkinn, das auf manchen Fotos deutlich zum Vorschein kam, fand Pia nicht unbedingt so ideal, dafür hatten die zwei Mädchen aus der Disco-Toilette völlig recht. Ihr Po war eine Sensation! Ausladend und perfekt geformt! Zumindest in den Fotos, in denen sie mehr als einen knappen Slip anhatte. Und etwas anderes fiel Pia auf - wenn sie nicht alles täuschte, hatte sie Kerstin nun gewichtsmäßig überholt. Kerstin sah eine Spur schlanker aus. Sie musste unbedingt nach ihrem Gewicht fragen.

Die nächsten Wochen brachten wenig Veränderung mit sich: Wie sich herausstellte brachte Kerstin um die 90 Kilos auf die Waage. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das keines war, dachte Pia. Die eigene Waage war weiterhin wie eingefroren auf 90 kg plus-minus ein Kilo. Das Studium ging seinen normalen Weg. Eines Abends, Pia lernte gerade, läutete das Telefon und Kerstin teilte Pia mit, sie müsse ihr etwas beichten, ob sie sich nicht noch schnell in einem nahegelegenen Pub treffen könnten.

Pia erwartete ihre Freundin am vereinbarten Treffpunkt und überlegte, was so dringend sein konnte, dass Kerstin es sofort loswerden musste. Was ihr Kerstin mitteilte, war tatsächlich nicht von schlechten Eltern: Georg hatte ihre Fotos ins Internet gestellt. Es waren zwar nur wenige und eher zu den harmlosen - weil eher viel bedeckenden zählenden - Fotos, aber Pia fand das Ganze nicht gerade korrekt, um es harmlos auszudrücken. Damit war die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende erzählt: Gestern hätte sich per e-mail ein Manager einer kleinen Modell-Agentur gemeldet und den beiden ein kleines Nebenverdienst als Modell für größere Größe angeboten. Es handelt sich dabei um Modefotographie, beide seien eingeladen, sich bei zur Zeit laufenden Fotoshootings umzusehen. Pia war noch immer verärgert über Georgs Alleingang, als Kerstin meinte "Mich interessiert das, ich gehe da hin und schau mir das einmal an. Das Gehalt ist gar nicht übel!" Pia wollte davon nichts wissen. Wenn sie Kerstin begleiten würde, entschuldigte sie damit nur indirekt Georgs Vertrauensbruch.

Zwei Tage später in der Mittagspause berichtete Kerstin von ihrem Besuch im Fotostudio. Sie war begeistert von dem, was sie zu sehen bekam. "Ich werde für die nächste Kollektion wahrscheinlich engagiert. Es hängt nur noch davon ab, was der Jura-Student, den ich kenne, von dem Arbeitsvertrag hält" Irgendwie war Pia neidig auf Kerstin, die sich in solchen Dingen immer so rasch entscheiden konnte und offenbar von keinerlei Unsicherheit geplagt wurde. Als ob Kerstin Gedanken lesen könnte, meinte sie "Sie haben übrigens nach dir gefragt. Ich soll dich überreden, auch mal mitzukommen! Ich hab denen gesagt, dass ich es versuchen werde!". "Ich überleg es mir !", meinte Pia etwas böse, da sie sich ertappt fühlte. Kerstin packte darauf hin einen Katalog aus, in dem Modells aus der Agentur zu sehen waren. Ihre eigenen Fotos waren im Vergleich dazu laienhaft, was sich vor allem beim Hair-Styling und Make-up zeigte.

Wenige Tage später war nicht nur Kerstin, sondern auch Pia engagiert. Das ganze machte eine seriösen Eindruck auf Pia. Die Modells, mit denen sie sich unterhielten, waren alle auf ähnliche Weise für die Fotos gewonnen worden. Manche waren schon länger dabei und allen machte die Arbeit im großen und ganzen Spaß. Zwei Monate später standen die ersten Aufnahmen für einen neuen Sommer-Katalog auf dem Programm. Pia konnte es gar nicht erwarten, bis es losgehen würde: Nach der aufregenden Fotosession mit Georg und Kerstin war sie nun auf den Geschmack gekommen, außerdem ereignete sich sonst wenig Spannendes in diesen Tagen. Es war schon lange her, dass sie zuletzt neue Veränderungen an ihrem Körper registriert hatte. Irgendwie vermisste sie diese kurzen und unvorhersehbar auftretenden Augenblicke, in denen sie bemerkte, dass sie wieder zugenommen hatte: Etwa beim Einseifen unter der Dusche, wenn sie beim merkte, dass ihre Hüfte oder ihre Taille wieder weicher, elastischer und voluminöser geworden war. Oder das Gefühl, das sich einstellte, wenn Hosen, die vor kurzem noch bequem passten, am Bund in das frisch angesetzte Körperfett einschnitten. Irgendwie vermisste sie sogar die schnippischen Kommentare mancher Zeitgenossen, die glaubten, jedes neue Gramm Fett kommentieren zu müssen. Fast hatte sie den Eindruck, diese Leute um eine kleine Freude zu bringen, wenn sie nach Monaten noch immer nichts zugenommen hatte. Ausgiebig schlemmen ohne Gewichtszunahme machte zwar auch Spaß, irgendwie fehlte Pia aber das Resultat des übermäßigen Essens in Form neuer Fettpölsterchen. Obwohl ihr der Sport Spaß machte, überlegte sie immer häufiger, ihr Pensum an körperlichen Aktivitäten etwas zurückzuschrauben. Eines hinderte Pia allerdings daran: Weder Kerstin noch Thomas verbreiteten eine für neue Gewichtszunahme günstige Atmosphäre: Kerstin war offensichtlich sehr zufrieden mit ihren 90 kg, sie hatte schon ewig nicht mehr über die Stränge geschlagen. Und Thomas war nicht der geringste Kommentar zu entlocken, was er eigentlich davon hielt, dass ihre konstante Metamorphose zu einen Stillstand gekommen war. Vorher schien er Pias Wandlung sehr genossen zu haben. Nie fragte er etwa, wann und wo an Pias Körper sich wohl die nächste kulinarische Sünde festsetzen würde.

Die Hoffnung, dass die Fotoarbeit derlei negative Gedanken vertreiben würde, erfüllte sich nicht. Unter normalen Umständen - bei besserer Stimmungslage also - hätte es sogar Spaß machen können, so allerdings wurde ihr nur bewusst, welch harte Arbeit im Grunde hinter solchen Fotos steckte. Während der Tage, an denen die Fotos geschossen wurde, steckte Pia noch mehr als sonst mit Kerstin zusammen. Pia beobachtete sie genau beim essen und hinterfragte jedes Gespräch in der Hoffnung, den Startschuss für eine neue Phase der hemmungslosen Völlerei und des schrankenlosen Speckansetzens zu registrieren. Kerstin erfüllte ihr diese Hoffnung allerdings nicht.

Viele der Mädchen, mit denen Pia und Kerstin vor der Kamera standen, bewegten noch etliche Kilos mehr als die beiden durch das Fotostudio. Bald gerieten die besonders Fülligen in Pias engere Aufmerksamkeit. Mit verstohlenen Blicken beobachtete sie die eine oder andere ihrer Kolleginnen beim ständigen Umkleiden: Hier waren Oberweiten zu bewundern, die der Schwerkraft tatsächlich nichts mehr entgegenzusetzen hatten! Auch der Bauchspeck der Blondine, die in der Garderobe ihren Platz neben Pia hatte, hatte es ihr angetan. Sogar im Stehen zeigte sich dessen deutliche Tendenz, sich nicht mehr nach vorne oder seitlich , sondern nach unten auszubreiten. Zum Vergleich zu den Oberschenkel, die Pia hier ausmachte, kamen ihr ihre eigenen Beine fast stelzenartig vor. Die drei, vier Mädchen, die mit derart prächtigen Schenkeln gesegnet waren, hatten allerdings eine wiegende Gangart entwickelt, damit ihr die ausufernden Fleischmassen beim Gehen nicht ständig in die Quere kamen. Beim Anblick solcher Mädchen war sich Pia bisher sicher, dieses Stadium auf keinen Fall zu erreichen. Das war einfach zuviel des Guten! Mollig sein, war o.k., selbst jetzt, wo sie eindeutig dick und nicht mehr "nur" mollig war, hatte sie einen Körper, der in der heutigen Gesellschaft durchaus normal und nicht selten zu sehen war. Was die drei Schwergewichte in ihrer Garderobe anbelangte, war hier eindeutig die Grenze des Normalen überschritten. So hätte Pia bisher gedacht. Entsetzt stellte sie fest, dass sie das, was sie sah, nun gar nicht mehr als abnormal empfand. Im Gegenteil, von all den hübschen Modells, die anwesend waren, bewunderte Pia die drei am meisten. Ein Gewissenkonflikt plagte Pia nun immer stärker: Sollte sie tatsächlich wieder ihren Sehnsüchten nachgeben? Wollte sie wirklich so aussehen wie die drei Mädchen, deren Oberschenkel selbst in Kniehöhe noch aneinander rieben, die kein Doppel- sondern schon ein Dreifachkinn hatten? Deren Oberarme und Brustkorb derart viel weiches Fleisch angesetzt hatten, dass sich die Arme beim normalen Stehen nicht mehr gerade am Oberkörper anlegen ließen? Die ernsthafte Probleme hatten, sich aus dem tiefen Sofa, das zur Erholung für die Mädchen im Studio aufgestellt wurde, zu erheben? Unwahrscheinlich, dass sie Drei noch viele Sportarten ausüben konnten! Ein negativer Gedanke jagte den anderen. Neben den kritischen Gedanken machten sich aber, ohne das Pia etwas dagegen machen konnte, auch viele positive Gedanken breit. Diese waren eben der Grund für Pias Gewissenskonflikt, mit dem sie sich im Grunde gar nicht beschäftigen wollte: Schauten die Drei irgendwie unglücklich aus? Ganz und gar nicht! Hatten sie nicht vor ihrer ersten eigenen, heftigen Expansionsphase ähnliche Bedenken wie jetzt? Bestätigte sich eine einzige dieser früheren Befürchtungen? Zweimal war die Antwort Nein! Fand sie nicht den Gedanken, wieder regelmäßig Veränderungen an ihrem Körper festzustellen, reizvoll? "Reizvoll" war die Untertreibung des Jahres, musste Pia sich selbst zugestehen. Wäre es nicht ein Traum, jeden Morgen mit einem spannenden Gang zur Waage zu beginnen in der suggerierten "Befürchtung" - die in Realität natürlich eine tiefe Hoffnung zum Ausdruck brachte - wieder zugenommen zu haben? Oder ungläubig zu beobachten, wie sich der Zeiger der Waage langsam, aber scheinbar unaufhaltsam der 100 kg -Marke nähern würde? Welch ein Genuss würde es sein, das Gewicht Tage oder sogar Wochen mutwillig unter der vermeintlichen 100 kg-Schallmauer zu halten, um das Gefühl, in Kürze die "Ungeheuerlichkeit" zu begehen, mehr als 100 kg auf die Waage zu bringen, auszukosten! Waren die Tage, in denen sie im Bewusstsein, mit neuem Rekordgewicht auf den Rippen (und nicht nur dort) versehen und erneut enger gewordenen Klamotten durch die Gänge der Universität stolzierte und das Gefühl hatte, jeder Entgegenkommende würde sie eingehend mustern, nicht der reinste Hochgenuss? Eine nervöse Unruhe erfasste Pia in den nächsten Wochen. An manchen Tagen meldete sich beschwörend der rational denkende Teil ihrer Persönlichkeit, nicht auch noch die scheinbar letzten Schranken zu durchbrechen. An anderen Tagen spürte Pia nur das tiefe Verlangen (das ihr manchmal so schwer auf der Brust lag, dass sie sich einbildete, sogar mit dem Atmen Probleme zuhaben), endlich ihrer Libido nachzugeben. Wieso musste sie ihre Psyche so plagen? Wieso konnte es nicht so sein wie in den letzten Monaten? Kerstins Beobachtungen

In den nervlich aufreibenden Wochen, in denen sie im Geiste unermüdlich nach einer Lösung ihres Dilemmas forschte, wirkte sich die Grüblerei sogar auf Pias Appetit aus. Selbst vor Prüfungen oder anderen nervlichen Belastungen lies sie sich in der Regel nicht die Lust aufs Essen vertreiben. Dass dies diesmal der Fall war, war ein schlechtes Zeichen. Nach einigen Wochen wurde Pia bewusst, dass sich ihr Gewissenskonflikt gewandelt hatte: Pia saß gerade auf ihrem Sofa und begutachtete zum hundertsten male fast voyeuristisch den letzten Katalog, in denen Pias schwergewichtigen Modell-Vorbilder die Wintermode präsentierten, als sie merkte, dass sie gar nicht mehr die Entscheidung plagte, ob sie den Schritt in eine fettere Zukunft wirklich riskieren sollte. Ihre Gedanken drehten sich nur noch um die Frage, wann und wie sie den Mut aufbringen würde, ihren derzeitigen Lebensstil - normal (also reichlich) zu Essen und viel Sport zu betreiben - zu ändern und in einen Lebensstil zu verwandeln, der garantiert neue, sehens- und fühlenswerte Fettpölsterchen produzieren würde. Bisher hatte sie es leicht, gab es mit Kerstin doch eine "dicke" Freundin, der sie kilomäßig nacheifern konnte, ohne selbst neues Terrain als "big beautiful woman" erschließen zu müssen. Diese Vorreiterrolle lag Pia gar nicht. Kerstin würde diese Rolle von ihrem Naturell her viel eher liegen, doch machte die keine Anstalten, etwas diesbezügliches unternehmen zu wollen. Pia konnte sich einfach nicht durchringen, den ersten Schritt - bzw. Bissen - zu machen, obwohl sie inzwischen sicher war, dass sich eine große Erleichterung einstellen würde.

Eine Erleichterung ganz anderer Art stellte Pia eines Morgens auf der Waage fest. In den letzten Wochen der Grübelei und des geringen Appetits hatte sie sich schon mehrfach Verdacht gehabt, dass sie jetzt, wo sie sich ernsthaft mit der Möglichkeit auseinander setzte, wieder zuzunehmen, womöglich beginnen würde, abzunehmen. Tatsächlich zeigte Pias Waage nun 87,5 kg an. Das war zwar noch keine beginnende Magersucht, aber ein deutliches Zeichen, das Pia bald etwas unternehmen musste. Entweder mit ihrem jetzigen Gewicht zu einer seelischen Ausgeglichenheit zu kommen, oder eben mit zusätzlichen Kalorien. Aber der Zeitpunkt, die herrschende Situation irgendwie zu beenden, war gekommen. Abnehmen, gerade bei ihrem Gewicht, war zwar nicht ungesund, wenn das ganze aber die Folge einer seelischen Zwangslage war, sah die Sache etwas anders aus. Noch am selben Tag sollte sich ein, wenn auch nicht perfekter, Ausweg aus Pias Lage anbieten.



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