im auge des universums

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2006 - 2012

[ prosa ]

 

 

17. Januar
2007 - Mittwoch 2008 - Donnerstag 2009 - Sonnabend
Meine Neurologin eröffnete mir heute, dass sie mir nur noch Sumatriptan-Tabletten verschreiben kann. AscoTop-Nasenspray war bislang das einzige wirklich wirksame Schmerzmittel gegen meine Migräne. Das passt jetzt nicht mehr ins gedeckelte Kassenbudget der Ärzte rein - gar nichts mehr, nur noch Sumatriptan-Tabletten. Nun muss man wissen, dass Migräne fast immer mit Übelkeit und Erbrechen einhergeht. Schon zu DDR-Zeiten hatte ich daher immer Schmerzzäpfchen bekommen, weil Tabletten meist schlicht nicht drin bleiben. Natürlich könnte ich mein Nasenspray weiter nehmen - wenn ich eine Gelddruckmaschine hätte, klar, dann könnte ich das. Auf Privatrezept: 15 Euro pro Dosis. Mit einem Fingerdruck jage ich mir 15 Euro in die Nase, bloß um diesen Tag durchzustehen. Da kommt doch Freude auf!
Der erste Reflex ist bei allen natürlich: Böse Krankenkasse, böse Politik! Kann schon sein, aber in diesem Fall muss sich doch mit der Zeit die Frage aufdrängen, wie ein Arzneimittel so teuer sein kann! Wer verdient denn dran, doch nicht die Kassen? Wie lange könnte ein Kind in Somalia von dieser Dosis Schmerzspray überleben? Wie viele Menschen, die von deutschen oder amerikanischen Waffen verkrüppelt wurden, könnten davon geheilt werden? Was machen die Pharma-Aktionäre mit dem Geld? Essen sie es?
Das Übliche: Arbeit, Einkauf, Studium, Astrologie. Und drei Zeichenlehrbücher, die mir mein Göttergatte einfach so geschenkt hat. Ich habe den ganzen Tag an der Site gearbeitet.

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18. Januar
2007 - Donnerstag 2008 - Freitag 2009 - Sonntag
Heute war europaweiter Orkantag. Mit bis zu 202 km/h fegte der Orkan seit dem späten Nachmittag und die ganze Nacht lang über den Kontinent, durch Deutschland, durch Chemnitz, Leipzig... Insgesamt 10 Todesopfer allein in Deutschland. Bäume hat es bei uns nicht umgeknickt und - wenigstens im überschaubaren Umkreis - auch nicht mit Dachziegeln geworfen, aber Mülltonnen schon, so dass der Müll die Barbarossastraße auf und ab gefegt wurde und die Autos beim Fahren hinderte, und am Morgen lagen auch Mengen abgerissener Äste unten. Das Beeindruckendste aber war das ununterbrochene, gewaltige Dröhnen am schwarzen, brodelnden Himmel. In meinem Zimmer hatte ich schon gelegentlich Angst, dass es mir das Fenster eindrückt. Auch hier in der Nacht das Brüllen draußen...
Und ich bin jetzt frei! Ein denkwürdiger Tag: Ich habe alles fertig, was bislang noch "to do" gewesen war: Steuererklärung, die großen Aufträge, Behördenschreiben, Behördengänge, Behördenanrufe... Nichts Dringendes liegt mehr an, keine Termine, nichts drückt. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen: Ich bin nicht arbeitslos, verdiene Geld, kann aber machen, was mir Spaß macht! Wer auf der Welt hat es so gut wie ich?
Eine kleine Auftragsflut ist auf einmal wieder über mich hereingebrochen. Einerseits schön, nachdem im vorigen Halbjahr fast alles weggebrochen war, andererseits kann ich mich nicht wirklich drüber freuen: Zu erschöpft bin ich nach den vergangenen zwei Jahren, zu sehr möchte ich das Studium vorantreiben, zu wenig Geld kommt bei der vielen Arbeit rum - und vor allem: Werde ich überhaupt etwas von dem Geld haben? Wird die ARGE es mir gleich wieder wegnehmen? Jarek hat noch immer keinen Job, noch nicht mal seine Prüfung.
Jedenfalls stecke ich ab sofort wieder in großartigem Stress, denn auch der Überprüfungsantrag an die ARGE muss bald geschrieben werden, mein Buch muss verkauft werden, es warten Steuererklärung und Rückzahlungsantrag an die AOK... und morgen, Dienstag und Mittwoch Schule... und der Besuch in Bad Wörishofen und Augsburg... Und schließlich und endlich: Wo bleiben meine so dringend benötigten freien Tage?! Ich musste ja schon voriges Wochenende durcharbeiten. Zwei freie Tage pro Woche brauche ich unbedingt und das möglichst regelmäßig!
Nun liegen die fantastischen Zeichenbücher rum, und ich habe wirklich-konkrete Lust zum Zeichnen... und kann nicht.
Und heute war die Motivation schon wieder futsch. Es ist mir nicht möglich, ruhig für lange Zeit bei einer Sache zu bleiben, keine Chance. Am schlimmsten sind immer die Motivationslöcher dazwischen, wenn ich das Alte schon über habe, aber noch kein neuer Magnet wieder geladen ist. Es gibt so vieles, was mir Freude macht, was ich tun könnte, doch um so etwas wie Glück zu verspüren, muss es erst eine Stichflamme geben, aus der ein Programm springt: "WOW! das MUSS ich jetzt machen, und zwar SO und SO und in dieser SYSTEMATIK!" Dann trägt mich diese lodernde Systematik durch eine knappe Woche, und dann ist sie abgefackelt. Hilfe, ich brauche schon wieder ein Streichholz!
Falls jemand fragen sollte: Widder-Mars aus 8 und 9 in 8! (Spiegelpunkt Schütze-Venus Konjunktion Saturn in 4)
Abends hab ich ein Stück Konzert für Obama geguckt. Irgendwie schon selten sympathisch...

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19. Januar
2007 - Freitag 2008 - Sonnabend 2009 - Montag
Davon abgesehen, dass ich frei bin, ein ganz normaler Tag. Unser Autounfall vom 3. Januar ist noch nicht abserviert. Heute kam ein Schreiben von der Versicherung. Die junge Frau behauptet plötzlich, wir seien schuld am Unfall gewesen, und nun erwartet man von uns eine Stellungnahme. An und für sich etwas ziemlich Normales, wer gibt schon gern seine Schuld zu. Trotzdem stört mich an der ganzen Sache, dass die Dame auf einmal so krass umschwenkt. Es ist eher eine zwischenmenschliche Enttäuschung, weil sich so etwas einfach nicht gehört, als die juristische Nervenbelastung, die es trotz allem ist. J. ist völlig am Ende, er jammert nur noch, was dieses Jahr um Gottes Willen noch bringen wird, wenn es schon so angefangen hat.
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Denn heute hat auch noch unsere Tochter einen 1-Euro-Job aufs Auge gedrückt bekommen. Helle Aufregung.
Es ist wärmer geworden. Der Schnee ist fast weggetaut. Nur noch große schwarzgraue Haufen blockieren die ohnehin schon viel zu spärlichen Parkplätze am Straßenrand.
Am Brückchen zum Stadtpark aber betrittst du die vorvergangene Woche: Die Wege sind dick vereist, so dass du mit deinen glatten Wanderschuhsohlen durchs Harschmehl auf der Wiese stapfen musst, um wenigstens etwas Halt zu haben. Die rasch fließende Chemnitz aber - eigentlich nur ein besserer Stadtkanal - ist ganz zugefroren. Nur eine dünne Schicht Wasser dringt durch die schmalen Eisspalten am Ufer, bedeckt das Eis, und darauf haben sich an die zweihundert Stockenten und ein paar Blesshühner versammelt. Wahrscheinlich um den Hungertod wenigstens gemeinsam zu sterben, denn kaum fliegt die erste Handvoll Brotwürfel, bricht das Chaos aus: Zweihundert Enten (und ein paar Blesshühner) stürzen sich fast geschlossen auf einen Punkt. Es erhebt sich ein Höllenspektakel, jede will die erste sein, sie drängeln, hacken, quaken, was das Zeug hält. Das halbe Brot ist in nicht einmal zwei Minuten verschwunden, wahrscheinlich hätten auch drei Brote nicht gereicht für diese ausgehungerten Enten (und ein paar Blesshühner).

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20. Januar
2007 - Sonnabend 2008 - Sonntag 2009 - Dienstag

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