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2006 - 2012

[ prosa ]

 

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3. Januar
2007 - Mittwoch 2008 - Donnerstag 2009 - Sonnabend
Ein fast normaler Tag. Übersetzungen, familiäre Diskussionen und Probleme, die geklärt werden oder auch nicht. 10:40 Uhr fuhr uns eine junge, schwangere Frau aus einer Seitenstraße heraus ins Auto. Wir hatten die Spur gewechselt, und sie hatte gedacht, wir wollten in die Seitenstraße einbiegen. Es ging alles sehr schnell, ein Knall, ein Riesenschreck, Aufregung, ran an den Straßenrand. Ihr Auto war vorn so demoliert, dass es abgeschleppt werden musste. Wir hatten in der Beifahrertür vorn unten ein Loch, die Kotflügel waren beschädigt, und die Beifahrertür schloss nicht mehr dicht. Das Mädel war so von der Rolle, dass wir sie trösten mussten, vor allem, nachdem ihr Freund gekommen war und sie runtergeputzt hatte.
20 Minuten warteten wir in der Arschkälte auf die Polizei, mit uns ein junger, netter Security-Mann, der hinter uns gefahren war und sich als Zeuge anbot. Als die Polizisten endlich da waren, dauerte alles auch noch mal mindestens eine Viertelstunde. Dann fuhren wir gleich zur HUK, wo wir abermals 20 Minuten warten mussten, bis wir dran waren. Die schickte uns in eine Vertragswerkstatt außerhalb der Stadt. Auch dort dauerte alles noch mal mindestens eine halbe Stunde, aber wenigstens war es warm und gemütlich, und ich bekam einen Kaffee und konnte ein bisschen lesen. Unser Auto wird eine Woche lang in der Werkstatt bleiben müssen.
Irgendwie war ich abends sehr unruhig im Bett. Immer wieder platzte der Unfall wie ein Film vor mein inneres Auge. Das war nicht schrecklich, gar nicht, sondern einfach nur störend.
Weihnachten und Silvester sind vorbei, das letzte Kind fährt nach Hause. Daheim kehrt wieder Ruhe ein, Ordnung muss erst gemacht werden. Wir haben uns wieder selbst.

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4. Januar
2007 - Donnerstag 2008 - Freitag 2009 - Sonntag
Übersetzungen, Buchhaltung. Es geht mir seelisch nicht gut: Die Familie zehrt an meiner Energie. Es geht darum, dass der Freund der Tochter aus Österreich über Weihnachten und Silvester zu Besuch war und es zwischen den beiden dauernd kracht, so dass er gestern sogar vorzeitig nach Hause gefahren ist. Und es geht darum, dass eine Tochter auf die andere eifersüchtig ist. Und dass die Klärung dieser Probleme immer wieder an mir hängen bleibt und ich keinerlei Unterstützung bekomme. Ich hatte einen Traum:
Wir kamen in ein Textilgeschäft, und dort verkündete jemand, dass schwarze Kleidung zu einem schleichenden Energieverlust führe. Ich war ganz braun gekleidet - sehr schöne Hippieklamotten, aber ganz braun. Ich meinte, vielleicht wirke auch die braune Farbe ähnlich wie die schwarze: Ich brauche endlich etwas Farbiges, Lebendiges. Da bekam ich in diesem Laden einen olivgrünen Pullover mit leuchtend gelben und orangen Streifen vorn drauf. Er gefiel mir außerordentlich, und ich war glücklich, endlich etwas so schönes Buntes zum Anziehen zu haben. Das Bild von dem Pullover war sehr intensiv.

An diesem Tag waren wir einkaufen, und als ich im Kaufland auf J. warten musste, stand ich plötzlich vor einer ganzen Reihe dicker, olivgrün-gelb-orange gestreifter Kerzen, genau dieselben Farben wie der Pullover aus meinem Traum! Natürlich griff ich sofort zu und kaufte mir eine von den kleineren für knapp 2 Euro! J. überredete mich dann noch, auch noch ein Glasschüsselchen als Untersetzer mitzunehmen. Seitdem bin ich richtig glücklich mit meiner Kerze! Sie sieht so schön aus - es ist, als habe genau sie meinem Zimmer jetzt gefehlt!
Abends war ich völlig am Boden wegen eines heftigen Streits.
Seit dem 12. Dezember ist mein PC kaputt. Am 15. hatte ich einen für 700 Euro bei Aldi gekauft, mit dessen integriertem WLAN ich nie länger als 20 Minuten online bleiben konnte und der sich auch sonst als ziemlicher Media-Mist herausstellte. Den habe ich heute wieder in den Ausgangszustand zurückversetzt, um ihn zurückzugeben. Hat mehrere Stunden gebraucht mit Dateiensicherung, Defragmentierung etc.
Es hat die ganze Nacht und den ganzen Tag geschneit! Eine Märchenwelt ist zum Leben erwacht, die hässlichste aller Städte sieht zum Verlieben schön aus!
Zweimal rief unsere ältere Tochter an. Sie hat eine schlimme Darmgrippe und brauchte Trost. Bis fast Mitternacht repertorisierte ich nach einem homöopathischen Mittel für sie, das sie jedoch am nächsten Tag gar nicht holte, weil es ihr schon deutlich besser ging.

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5. Januar
2007 - Freitag 2008 - Sonnabend 2009 - Montag
Ja, und außerdem geht es um meine Dauermigräne, so dass es mir zusätzlich zur seelischen Belastung auch noch körperlich Scheiße geht. Ich bin seit Wochen regelrecht krank, dieses elende Klimakterium will und will nicht zu Potte kommen - seit zwei Jahren kommt die Regel, wie sie will oder auch nicht, kann sich aber nicht entschließen, endlich ganz wegzubleiben, und jetzt erst diese ewigen Hitzewellen, die Aufgedunsenheit, das Gefühl, als habe ich mir dauernd den Mund verbrannt, die Schweißausbrüche, die Gliederschmerzen, die endlose Müdigkeit... Ich habe es so gründlich satt!
Warum habe ich denn nur solche Angst, andere wütend zu machen?! ICH bin wütend!!!
Dann habe ich aber doch wieder 12 Seiten Interview mit einer polnischen Frau, die Auschwitz überlebt hat, übersetzt. Das war ganz schrecklich heute, es kam eine grauenhafte Szene drin vor. Dann kam auch noch ein Brief von Irena M. Sie ist mit dem Verlagsvertrag, den sie als Autorenwitwe unterschreiben soll, überhaupt nicht einverstanden. Ich verstehe sie, aber gleichzeitig regt sie mich auf, was hat sie erwartet? Einen A-Verlag mit breiter Verhandlungsbasis? Ich hatte ihr am Telefon extra gesagt, das Buch werde kaum Geld einbringen, es geht darum, dass es erscheint. Sie hat das Buch weder geschrieben noch übersetzt, also was will sie? Geschäfte machen? Dann kann sie sich die deutsche Ausgabe abschminken, ich habe keine Lust, mir auch noch in endlosen Verhandlungen den Arsch aufzureißen, ich bin Übersetzerin, keine Verlegerin. Es war eigenartig, wie sehr dieser Brief mir zusetzte. Ich bekam tatsächlich so etwas wie leichte Angstzustände, zitterte, es war die Summe aus der grauenhaften Szene, die ich übersetzt hatte, und diesem Brief. Und dann antwortete Kasia von der polnischen Stiftung, für die ich das Interview übersetze, mir auch noch abends und erklärte den Begriff "szpilować"... Ist alles ein bisschen viel auf einmal.
Und was mache ich zum Feierabend? Buchführung. J. braucht bis Ende Februar unseren Steuerbescheid.
Ich habe mich fast den ganzen Tag mit Astrologie beschäftigt und Gitarre gespielt.
Eigentlich wollten wir heute zum Media Markt fahren, um mir ein neues Telefon zu kaufen, ein schnurloses mit Freisprechfunktion, weil mein altes nicht mehr klingelt. Durch den Streit jedoch hatte ich das ganz vergessen, und dann hatten wir beide keine Lust mehr.
Vormittags sind die "Mystiker und Junkies" gekommen! Endlich ist es geschafft, das Buch ist erschienen! Es steht auch schon bei amazon drin.
Gleich früh sind wir mit dem Media-Dings zu Aldi geschlichen… Es ist nämlich klirrend kalt, und es liegen mindestens 30 cm Schnee, alles eingeschneit, und der komplette Kassberg war nicht beräumt worden, selbst auf den großen Hauptstraßen lag dickes Schneemehl, so dass der Verkehr in Zeitlupe vor sich hin schlich. "Den Computer haben Sie aber schon 2007 gekauft", kommentierte die Verkäuferin meinen stolz präsentierten Kassenzettel - ich habe den falschen erwischt! Also noch mal in Zeitlupe nach Hause. J. habe ich unten im Auto gelassen, damit er mir nicht ausflippt, wenn ich den Kassenzettel nicht gleich finde. Ich habe ihn aber doch gleich gefunden und in Zeitlupe ein zweites Mal über den ganzen Kassberg zu Aldi. "Grund der Rückgabe? - Gerät defekt? Gerät entspricht nicht den Vorstellungen?..." "Jawoll!" Und anstandslos kriegte ich meine 700 Euro bar in die Hand gedrückt - ein Glück, dass sie Montag früh schon so viel Geld in der Kasse hatten.
Reich wie Oskar, also auf zum Media Markt. Geschlichen, was sonst. J. war sehr enttäuscht von dem PC, den T. ihm gestern für mich empfohlen hatte: "So klein?! Der ist bestimmt nichts wert!" Ja, gut, es ist ein Acer, sieht fast aus wie eins ihrer Notebooks, aber ich fragte mich, was der Wert mit der Größe zu tun hat. Er kostet jedenfalls nur 400 Euro! Schließlich sind wir doch mit dem Teil und einer externen Festplatte wieder nach Hause geschlichen.
Den Rest des Tages habe ich am Telefon verbracht, weil das Teil weder eine ordentliche Gebrauchsanweisung noch eine Recovery-CD enthielt. Als ich nach Stunden endlich einen Typen aus der PC-Abteilung beim Media Markt in der Leitung und von ihm erfahren hatte, dass Selbst-Recovern der neueste Schrei ist, schloss ich das Teil endlich an und recoverte erst mal. Und verbrachte den Rest des Tages überm Einrichten und Installieren, was sehr durchmischt klappte, so dass J. schon wieder ausrastete und den Computer anschrie.

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6. Januar
2007 - Sonnabend 2008 - Sonntag 2009 - Dienstag
Und wieder... und wieder und wieder... Migräne. Den ganzen Tag.
Tochters 22. Geburtstag. Mittags Gratulationen, J. hatte Pasta gekocht, dann riefen nacheinander die Gratulanten an. Nur mein Vater nicht. Es ist unerträglich.
Nachmittags besuchten wir meine Mutter im Pflegeheim. Sie war recht gut drauf. Als ich sie fragte, wie es ihr gehe, klagte sie nicht einmal, sondern berichtete mir freudig, sie sei heute zum ersten Mal wieder draußen gewesen! Erstaunlich. Sie scheint wirklich keine Schmerzen zu haben, wenn sie nicht gerade bewegt wird. Nur ihre Augen tränen dauernd, sie muss beim Essen und danach noch ständig Schleim abhusten, und sie atmet nie richtig aus, hält immer wieder die Luft an, keine Ahnung warum, man bekommt ja auch keine Antwort von ihr. Und sieht natürlich schon aus wie kurz vor dem Ableben. Aber über Preil und Herricht von der Kassette hat sie gelacht, obwohl sie nichts verstanden hat, und bei der Ouverture zu My Fair Lady wieder mitgesungen. Dann ist sie eingenickt und hochgeschreckt, als ich meinen Stuhl vom Bett wegtrug.
Ich habe es so satt... Wieder die dauernde Migräne, dazu dieses unerträgliche Schwellungsgefühl, besonders in Kopf und Gesicht, und die ebenso unerträglichen Hitzewellen! Und das Gefühl, krankhaft fett zu sein.
Wie üblich klebte ich den halben Tag am Computer, an der Astrologie. In meinem Thread im Astroforum wechselte ich ein paar Postings mit einer Künstlerin, in denen ich wieder auf meine ungelebte Kreativität als Ursache für mein Kranksein kam, vorrangig das Malen, und sie schrieb mir ein paar interessante Gedanken, die nun aber auch nicht gerade etwas völlig Neues oder Umwerfendes für mich enthielten... Doch auf einmal ertrug ich den Computer nicht mehr... die ganze Astrologie... die Homöopathie... das Internet... Ich konnte einfach nicht mehr... Mir wurde dauernd übel, egal, was ich anfing...
Da schaltete ich ihn einfach ab. Ich stellte meine schöne grün-gelb-orange Kerze, den Räucherstäbchenhalter mit einem Myrrhe-Stäbchen und einen frisch gebrühten schwarzen Tee mit Zitrone im Dreieck auf den Fußboden, setzte mich davor vor die Heizung und wurde einfach nur still... Keine Meditation, kein autogenes Training, ich wollte endlich mal überhaupt kein Programm mehr, sondern nur SEIN... Und zum ersten Mal merkte ich ganz unmittelbar, wie mein Verstand meine Seele fertig macht! Der ist so dominant in mir und gleichzeitig so krank, um nicht zu sagen schlecht, dass er die urweibliche Person in mir völlig still gelegt hat. Seit so vielen Jahren! Immer, wenn die früher das Wort ergreifen wollte, hat er es ihr ganz schnell abgeschnitten und selber geredet und geredet und geredet... Und mit diesem Reden hat er ihr sukzessive die Energie entzogen. Jetzt ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, weil sie nicht reden kann und es womöglich gar nicht mehr vermag! Wie ein Kind, dem immer wieder das Reden verboten wird und dem niemand zuhört, am Ende nur noch vor sich hinvegetiert und richtig krank wird - so krank ist die urweibliche Person in mir, so am Ende, ausgezehrt und schon lange verstummt. Und der Verstand redet zwanghaft immer weiter, zwanghaft und krankhaft, als der Gegenpol dieser Krankheit. Als ich so da saß, musste ich ihm ständig das Wort verbieten. Heftig und bestimmt. Er fing immer wieder an. Es ist noch sehr schwer, ihn für längere Zeit ruhig zu stellen. Das muss ich konsequent wieder und wieder tun - und in den nach und nach länger werdenden Ruhepausen meine Seele wieder und wieder und sanft und geduldig zum Reden ermuntern. Und einfach warten, bis es kommt. Bis sie die Sprache wiedergewinnt.
Ich saß sehr lange. Dann stand ich auf und holte meine Acrylfarben runter. Ich holte sie einfach runter. Ich kippte das Fenster an, und in meinem Zimmer roch es wunderbar zart nach Myrrhe. Auf dem Toilettenschrank, neben dem Malzeug leuchtete die grün-gelb-orange gestreifte Kerze und verbreitete eine warm leuchtende Stimmung. Ich baute die kleine Palette auf. Dann saß ich da und probierte einfach erst mal die Farben und die Pinsel aus. Beim Sitzen hatte ich schließlich auch Bilder gesehen. Vor allem eine kleine, leuchtend gelbe Elfe am Himmel. Auch die skizzierte ich.
Als J. und Tochter in mein Zimmer kamen, um zu verkünden, dass wir jetzt ihren Geburtstag feiern - sprich Kaffee trinken - wollen, wunderten sie sich über die Maßen, mich da sitzen und tatsächlich malen zu sehen!
Zum Kaffeetrinken sahen wir "Der mit dem Wolf tanzt"... anschließend ging ich in mein Zimmer und zeichnete für den Rest des Abends Pferde. Wunderschöne Pferde! Die zeigte ich überglücklich den anderen, und die waren begeistert, so dass unsere Tochter mir spontan zwei große Pferdebücher von sich ausgrub und J. seitdem nur noch am Computer sitzt und mein stehendes Pferd vermehrt, färbt und in gemalte Landschaften einpasst. Sogar auf einer Maya-Pyramide waren meine Pferde schon!
Als ich noch mal den Computer anschaltete, fand ich etwas Bemerkenswertes: Die Künstlerin im Forum hatte mir zwischenzeitlich noch mal geantwortet und geschrieben, ich müsse meinen Verstand zu Schweigen bringen!
Nachts im Bett las ich in Rosinas und Haralds Tierbuch über Krafttiere weiter und hatte mit einem Schlag ein ganz neues Verhältnis zu Tieren. Ich spürte sie jetzt. Ich spürte, dass ich von nun an auf sie achten und ihre Kräfte anziehen werde.
Vormittags lernte ich endlich wieder Chemie, mittags bekam ich zwei Aufträge, nachmittags rief ich unsere Jüngste an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.
Ansonsten PC einrichten.

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7. Januar
2007 - Sonntag 2008 - Montag 2009 - Mittwoch
So sehnsuchtsvoll... Es wird wieder schlimmer... Ich habe gerade eine Doku aus Nova Scotia gesehen... Ich kann nicht fassen, dass ich immer noch und dass ich überhaupt in Chemnitz, in Sachsen, in Deutschland sitze! Meine Fresse, ich habe aber in diesem Leben eine Hauptportion an Romantik, Sehnsucht und Einschränkung, Versagung gleichzeitig mitgekriegt! Wofür, zum Deibel, was bedeutet das? Klar, hat’s ein Steinbock nie leicht, aber warum krieg ich dann diese bodenlosen Sehnsüchte mit? Wofür will ich mich quälen, bestrafen? Hier ruft das Draußen heute auch sehr laut und klagend, es jagen dunkle Wolken über den Himmel und öffnen seine Weiten und Tiefen... Aber niemand geht mit mir raus, und wohin soll ich, bittschön, allein gehen, wenn ich kilometerweit zwischen Mietskasernen, Straßen, Menschen, Gewerbegebieten eingeklemmt bin? Ich will nicht, nicht hier.
Am frühen Nachmittag habe ich kurz unsere ältere Tochter angerufen und dann länger H. in Polen, das war sehr erfrischend. Früh hatte ich mir mit J. die zweite Hälfte des Bilderbuchs Deutschland, "Westerzgebirge" angeschaut. Und jetzt, zur Torte eben, Nova Scotia. Währenddessen rief mein Bruder an und gratulierte der Jüngeren auch noch. Die hört nicht auf, mir Sorgen zu machen. Sie will oder kann einfach nicht von diesem Unheil verheißenden Mann lassen.
Ich wachte schmerzfrei und voller Energie auf.
Ganz langsam und traumhaft bewusst tat ich alles. Ich wusste auf einmal, dass man seiner Seele nicht weglaufen darf. Meine ganze eine Stunde lang dauernde Morgentoilette ist die Zeit, die meine Seele braucht, um in den Tag zu kommen.
Ich hielt Ausschau nach Tieren. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass wir fast alle Tiere aus unserer zivilisierten Welt verbannt haben, vor allem die wilden. Hier in unserem Wohnviertel sehe ich nur Elstern und manchmal Hunde. Unsere Welt erscheint mir plötzlich tot.
Nachdem ich anderthalb Stunden weiter an meiner EÜ-Rechnung gearbeitet hatte, fuhr ich mit J. zum Media Markt und kaufte mir ein neues Telefon. Schnurlos und mit Freisprechanlage.
Anschließend waren wir im Stadtpark, Enten füttern, aber nur kurz, weil es mal stärker, mal schwächer, aber ununterbrochen nieselte.
Abends war ich zum Unterricht: Wasser-Säure-Basen-Elektrolyt-Haushalt. Ich schaffte es auch gut zum Bus halb zehn und hatte eine angenehme Rückfahrt. Zu Hause wartete schon ein großer Teller Schnittchen auf mich, die J. ganz liebevoll vorbereitet hatte. Ich sprang in meinen Schlafanzug, ließ es mir schmecken und schaute dabei ein Interview mit Emil Steinberger an, der bei mir einen intensiven Eindruck hinterließ.
So einen Feierabend lasse ich mir gefallen!
Den ganzen Tag übersetzt, gelernt und Computer eingerichtet.
Heute war Online Banking dran. Die neue StarMoney installierte sich wie am Schnürchen - und dann blieb ich wieder auf dem Treiber des Kartenlesers sitzen. Ich hatte alles probiert, es funktioniert nichts, nada, niente. J. war den ganzen Tag fuchteufelswild, es war grauenhaft.
Verzweifelt schrieb ich eine Mail an Reiner SCT - und erhielt schon nachmittags Antwort und dann auch eine Reparaturdatei. Das nenne ich Support! Danach erkannte Vista wenigstens den Treiber und der Treiber den Kartenleser. Nur dass meine Karte immer noch nicht gelesen wird, die LED am Leser sind tot.
Und abends rief die jüngere Tochter an: Nun ist sie krank, hat einen schlimmen grippalen Infekt, der sie ausgerechnet auf ihrer Geburtstagsparty beim Chef erwischt hat.
Ansonsten PC einrichten.

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8. Januar
2007 - Montag 2008 - Dienstag 2009 - Donnerstag
Migräne.
Komischerweise hatte ich gegen zwei das Interview fertig. Damit hatte ich nicht gerechnet. Früh hatte ich gleich eine halbe Seite für Lublin übersetzt und abgeschickt. Bis um fünf schaffte ich dann auch noch die Buchhaltung für 2005.
Stresstag.
Nach der EÜ-Rechnung und Einkäufen beim Pfennig-Pfeifer erinnerte mich J. plötzlich an die abgelaufene ec-Karte meiner Mutter, die ich durch den Unfall ganz vergessen hatte. Also fuhren wir zu ihrer Sparkasse. Dort erfuhr ich, es sei wohl am besten, wenn sie mir eine ec-Karte auf meinen Namen für ihr Konto ausstellen, da meine Mutter ihre sowieso nicht mehr unterschreiben und erst recht nicht benutzen kann. Doch: Dafür muss ein Antrag ausgefüllt, und der muss von ihr unterschrieben werden! Als ich erklärte, dass das nicht möglich sei und ich eine Vorsorgevollmacht habe, wollte die Angestellte sie natürlich sehen.
Ich war etwas gnatzig, als wir gingen, weil sich schon wieder etwas kompliziert. J. redete wie ein Blöder auf mich ein, ich solle das jetzt gleich erledigen. Ich wollte nicht, ich wollte überhaupt nicht, mir war eh schon genug, was ich heute erledigt hatte. Doch er nervte so lange, bis ich mich geschlagen gab. Das bereute ich dann, denn die ganze Sache zog sich immer mehr in die Länge. Als ich der Schalterdame beim zweiten Besuch die Vollmacht vorlegte, diskutierte die erst mal ewig mit ihrer Vorgesetzten, dann noch ewiger mit mir, weil sie diese Vollmacht normalerweise nicht anerkennen könnten, denn woher wüssten sie, dass meine Mutter wirklich geschäftsunfähig sei (obwohl doch drin steht, dass die ab Unterzeichnung immer gilt!) und dass sie die Vollmacht noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte unterschrieben habe blabla - aber sie würden eine Ausnahme machen, weil eine ec-Karte ja nichts Großes und ich ja eh unterschriftsberechtigt sei blabla... Mir ging das alles tierisch auf die Nerven. Es dauerte, bis der Antrag fertig war, es dauerte, bis sie mir erklärt hatte, was ich im Todesfall tun muss...
Und das Beste kam zum Schluss: Die Karte - egal für wen - wird von der Zentrale automatisch immer dem Kontoinhaber zugeschickt. Im Computer hatte sie aber noch die Adresse vom Pflegeheim Rembrandtstraße, und die konnte sie nicht ändern und auch nichts dazu schreiben, weil das Programm sie ohne Autorisierung durch meine Mutter nicht mehr rein ließe: Sie brauche unbedingt deren Personalausweis dazu. Das heißt also, die Typen schicken meine Karte zwar jetzt gleich zur Sparkasse, die Benachrichtigung aber geht ans Pflegeheim Rembrandtstraße, von wo sie natürlich an die Sparkasse zurückgeschickt werden wird. Das heißt also, ich muss selbst in etwa drei Wochen mal die Sparkasse anrufen, ob die Karte schon da ist, sie mir dort abholen, und das am besten gleich mit dem Ausweis meiner Mutter, damit sie mal die Adresse ändern kann...
Ziemlich sauer aß ich mit J. dann ein Baguette beim Bäcker und trank einen Pott Kaffee dazu. Als wir nach Hause kamen, lagen meine Nerven schon blank, meine Beine schmerzten, und ich sorgte mich, dass ich am Abend in der Schule Kopfschmerzen bekommen könnte. Natürlich machte ich dann nichts mehr, ich hatte die Nase voll. Ich ließ J. mein neues Telefon anschließen, wusch Wäsche, richtete später mein Telefon ein - ich mag es richtig sehr! - und spielte Gitarre.
Abends Schule und Astrologie.
Übersetzungen weggeschickt, Rechnungen geschrieben, neue Aufträge bekommen, Chemie gelernt...
Es geht mir nicht wirklich gut in letzter Zeit, ich fühle mich auf eine doofe Weise überfordert - d.h. zwar wird mir der ganze Alltagskram immer egaler (ich muss nicht sieben Welten unter einen Hut kriegen, oder?), leicht und glücklich fühle ich mich aber nicht, keine Ahnung warum. Vielleicht ist es der Mars-Transit. Ich bin wirklich ganz schön mürrisch und gereizt.
Abends musste ich wieder repertorisieren. Unserer Jüngeren geht es immer schlechter, sie scheint sich zusätzlich zum Schnupfen, Husten und Fieber noch eine Bindehautentzündung eingefangen zu haben.

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9. Januar
2007 - Dienstag 2008 - Mittwoch 2009 - Freitag
Der erste Morgen ohne Migräne! Ich war nahe daran, die Welt zu umarmen!
Bin nach dem Übersetzen gleich draußen rumgelaufen und habe mir endlich einen neuen Monitor gekauft.
Bei Möbel Polster benahm sich die Verkäuferin (die einzige Person im riesigen Laden) derart daneben (regte sich auf, dass wir uns von ihr nicht so beraten lassen wollten, wie sie das wollte), dass ich ihr sagte, sie sei aber nicht gern Verkäuferin, oder? Sie war aber vorher schon rot angelaufen - ich frage mich, wie man solche Beobachtungen nutzen könnte? Wir verließen jedenfalls den Laden, und sie verjagte uns noch regelrecht, war schon krass. Na ja, jetzt fällt es mir ein: Als sie auf meine Kritik behauptete, sie sei sogar sehr gern Verkäuferin, es sei ihre Aufgabe zu beraten, hätte ich ihr antworten können, das sei wohl wahr, das habe sie aber augenscheinlich etwas falsch verstanden. Ist ja auch egal.
Ich korrigierte noch nicht mal die Hälfte des Interviews, werde also doch noch morgen brauchen, da kam von Lublin ein 29-Seiten-Auftrag bis Montag. Und auch noch schöner Text, eine Website für die Caritas! Um vier schlossen wir den neuen Monitor an. Jetzt habe ich Platz an meinem Schreibtisch, und toll sieht es auch noch aus! Hinterher machte ich gleich die Schreibtischecke sauber.
Früh saßen auf einmal zwei fette Tauben auf der Linde vor dem Balkon, und die eine war fast ganz weiß! Sie saßen lange da, während ich auf dem Balkon stand, rauchte und sie betrachtete, als wollten sie mir ein Zeichen geben.
Heute kam ich gar nicht erst zum Arbeiten, denn wir fuhren erst in die Werkstatt, um die grüne Karte zu holen, und dann nach Tschechien. Unterwegs verstopfte meine Nase immer grässlicher, bis ich gar nicht mehr durch sie atmen konnte. Bei den Vietnamesen lief ich ein bisschen draußen umher - da öffnete sie sich wieder - kaum saß ich im Auto, verstopfte sie nach und nach. Es ist der KIA! Ich mag dieses Auto überhaupt nicht. Es ist auch so eng, und ich sitze so unbequem, dass mir auf der Rückfahrt erst die Beine und dann der rechte Arm einschliefen.
Kurz vor Chemnitz saß plötzlich ein großer, heller Raubvogel auf dem Feld, dicht am Straßenrand. Vielleicht ein Mäusebussard. Er saß ganz unbeweglich da, als ob er schliefe, und strahlte so eine Sicherheit und geheimnisvolle Majestät aus, dass ich tief beeindruckt war.
Zu Hause übersetzte ich den ersten Auftrag im neuen Jahr, und nach dem Essen stellte ich endlich meine EÜ-Rechnung fertig. Dabei stellte sich heraus, dass ich meine Ausbildung wohl doch als Betriebsausgabe absetzen kann. Damit hätte ich voriges Jahr so wenig Gewinn gemacht, dass uns die ARGE fast 2000 Euro nachzahlen müsste. Das freute mich sehr.
Endlich - zwischen Übersetzen und Lernen - kriegte ich meinen Kartenleser zum Laufen! Juppheidi - ich hatte einfach mal den USB-Ausgang gewechselt! Und nach Wochen Abstinenz konnte ich unsere Konten wieder checken, mit verheerendem Ergebnis: Wir sind im Minus, die 800-Euro-Rechnung für November von meinem Hauptauftraggeber ist immer noch nicht bezahlt. Ich musste meine Tante um ein 700-Euro-Darlehen bitten, nur, um unsere Konten zu stopfen. Leben werden wir diesen Monat von 450 Euro müssen, das war nämlich unser Weihnachtsgeschenk von Tante. Denn wenn die 800 Euro endlich kommen, muss ich sie ja zurückzahlen. Wo ist das ganze Geld hin? Ich schaffe es einfach nicht, für zwei zu verdienen.

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