IV. Woody Allen's Zelig
Woody Allen hat als New Yorker und als Jude seine eigenen amerikanischen Marginalitätserfahrungen gemacht. "Bei all seiner Suche und all seiner Seelenangst ist Woody Allen ein widerwilliger - er hofft, daß es einen Gott gibt -, wenn auch pessimistischer - er bezweifelt, daß es ihn gibt - Agnostiker, der sich wünscht, mit einer religiösen Überzeugung geboren worden zu sein..." Als nicht-religiöser Jude erlebt Allen seine Marginalität ohne religiösen Trost, muß also den Sinn seines Seins am Rande woanders suchen. Zelig ist so ein Versuch. Es ist eine Geschichte über die Suche eines Mannes nach sich selbst und nach Anerkennung durch die Mehrheit.
IV.1 Marginalität made in New York Ohne Zweifel nimmt New York als Stadt eine prominente Rolle in Zelig ein: es ist Zeligs Heimatstadt, sie steckt ihn ins Manhattan Hospital (S. 31), macht ihn zum Ehrenbürger (S. 97) und feiert ihn mit einer Konfettiparade (S. 126). Die Bemerkung des jüdischen Komikers Lenny Bruce "Even if you are Catholic, if you live in New York you're Jewish. If you live in Butte, Montana, you are going to be goyish even if you are Jewish" schreibt New Yorker Umständen eine starke jüdische Prägekraft zu, ohne sie freilich genau zu erklären. Meint Bruce damit die großstädtische Entfremdung der Menschen voneinander, die uns alle einander zu Fremden macht? Denkbar ist auch eine von Richard Sennett angeregte Interpretation. Er schlägt vor, New York als Palimpsest zu betrachten, also als eine Art Manuskript, das immer wieder gelöscht und neu beschrieben wird. New York zerstöre und verändere sich ständig, um zu wachsen, "diese chamäleonartige Struktur ist von großer Bedeutung für die Geschichte des Multikulturalismus in New York gewesen." Meint Bruce vielleicht, daß die Wechselhaftigkeit der Stadt ihre Bewohner zu Anpassung zwingt? Als "Fremde" oder als "Anpasser" würden die New Yorker Charakteristiken des jüdischen Schicksals erfahren. Zeligs Heimat ist nicht zufällig New York.
Oder meint Bruce etwas Drittes, nämlich das Verhältnis der New Yorker zu Amerika, daß der Marginalität der Juden im Vergleich zum Rest der Amerikaner gleicht? In Annie Hall wird die Parallele zwischen Juden und New York deutlich, als die nicht-jüdische Annie zum jüdischen Alvy sagt: "Your life is New York City... You're like this island unto yourself." New York, so belegt Kinne, gilt für Woody Allen in seinen Filmen immer als eigenständiger Kosmos abseits Amerikas. Er fährt fort:
"Als New Yorker und als Jude ist auch Allen... der "ewige Außenseiter" und dementsprechend zieht sich das Marginalitätsmotiv, wie gezeigt, durch sein ganzes Werk (...) Allen läßt aber auch sein Publikum an der Lage des Außenseiters teilhaben, macht 'Außenseiter aus uns allen'... Symbolisch macht er, wie Kafka, damit auch 'Juden aus uns allen'".
Und Foster Hirsch schreibt:
"Playing... the goony-looking Jewish outsider who speaks in a voice of a Jewish comic complaint while peering at the dominant goy culture with a mixture of longing and sarcasm, Woody has created a character who expresses the frustration of millions... His work lines up the world in two camps - outsiders vs insiders, symbollically Jew versus gentile... Laughter both at Woody and Woody's targets is... an invitation to join a club, to shed some of our own feelings of being an outsider, and to give up some of our own guilt and fear and alienation in a threatening, illogical world."
IV.2 Allan Konigsberg's Zelig Kinne resümiert: "Offenbar sieht Allen, wie Heine in seinen späteren Lebensjahren, in den Juden 'ein... ewiges... Volk, ... das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen' kann." Dem entspricht, daß das Chamäleon "Leonard the Lizard", "der kleine Chamäleon-Junge" im Verlauf des Films als Metapher für den Juden Zelig etabliert wird. Die jüdische Sängerin Helen Kane singt im Chamäleon-Song vom Chamäleon, das wir alle sind, während eine Leonard-Zelig-Puppe per Enthauptung und Austausch des Kopfes vom schwarzen zum asiatischen Zelig wird (54). Die jüdische Erfahrung Zeligs, auf die oft genug verwiesen wird, ist eine universale.
Zelig ist deshalb nicht nur ein sehr jüdischer Film, sondern auch ein sehr wichtiger Film eines New Yorker Juden namens Allan Konigsberg, der im Showgeschäft sein Selbst zur öffentlichen Ikone "Woody Allen" formte. Es ist der paradigmatische Film über einen Außenseiter, über die jüdische Assimilationserfahrung, und über die existentielle Fragen nach Sein und Sinn ("die einzigen..., für die es sich zu arbeiten lohnt"). Zum ersten Mal in seiner Filmkarriere wechselte Allen mit Zelig von der Ersten-Person-Singular zur Dritten Person, nahm also einen reflektierten Abstand von seiner von außen dokumentierten Hauptfigur. Allen selbst hält Zelig zwar für einen seiner besten Filme, aber er findet in der Kritik kaum Beachtung. Zelig blieb bis heute einem größeren Publikum unbekannt. In "The 50 Greatest Jewish Movies" findet sich neben einigen Allen-Filmen u.a. Dirty Dancing - aber nicht Zelig.
IV.3 Zelig als Jude Allen macht wiederholt deutlich, daß Zelig eine Verkörperung jüdischer Gegenwart ist.
IV.3.1 Jude ausdrücklich Er stammt, wie viele New Yorker Juden aus Allens Elterngeneration, aus orthodoxer jüdischer Familie (schon der Vater ein Schau-Spieler, S. 21) und wird früh mit Antisemitismus und jüdischem Selbsthaß konfrontiert (S. 21 f.). Ebenso auch entfremdet er sich von seinem Judentum, wie Zelig unter Hypnose zu Protokoll gibt: um die Zeit seiner Bar Mitzwa (zum 13. Geburtstag) fragt der kleine Leonard den Rabbi nach dem Sinn des Lebens, den dieser ihm auf Hebräisch erklärt - was Leonard nicht spricht, für Hebräisch-Unterricht aber auch noch 600 $ zahlen soll. Dem Klu-Klux-Klan gilt "Zelig, der Jude" als symptomatische Bedrohung (S. 42), und das "moralische Amerika" in Gestalt einer netten alten Dame zieht daraus die Konsequenz: "Lyncht den kleinen Juden!" (S. 114f.).
IV.3.2 Jude in Andeutungen Eine Reihe subtilerer Hinweis beginnt auf Seite 13: Zelig schleicht sich ins Trainingslager der Yankees ein, die mit "harten Schlägern" ausgerechnet "in St. Petersburg" trainieren. Zelig, der mittrainieren will, wird vertrieben. Dies ist ohne Zweifel eine Anspielung auf die geschlossenen Clubs der Wasps (Yankees) und auf die Pogrome in Rußland im 19. Jahrhundert. Das Wortspiel mit den Schlägern (batters) und den Schlägen findet seine Fortsetzung auf S. 54, wo im Zuge der Vermarktung Zeligs als Leonard the Lizard "drei Bücher mit geheimnisvollen Abenteuergeschichten über Leonard Zelig auf einem Tisch liegen". Das erste heißt: "Leonard Zelig bei den Fledermäusen", also bei den "bats", das zweite "Der verwunschene Berg" (Sinai) und das dritte "Die boshafte Mumie" (Ägyptens Pharao). Der Auszug aus Ägypten mit seiner Wanderschaft, der Bundesschluß am Sinai als Versprechen Gottes und das Leben mit den Schlägen in der Diaspora sind, wie oben bereits dargestellt, wohl die drei für das jüdische Selbstverständnis prägendsten Erfahrungen.
In die Reihe subtiler Hinweise gehören auch Zeligs Auslandserfahrungen in Rom und in Nazi-Deutschland - Zitate des geschichtlichen Antijudaismus und Antisemitismus. Daß Zelig ausgerechnet am Ostersonntag nach langem Abtauchen wieder in Erscheinung tritt und damit den Messias Jesus karikiert (S. 71), ist dabei noch weniger "deutlich jüdisch" als die Tatsache, daß er in Konflikt mit der katholischen Kirche gerät: sie "hat ihm nie ... äh ... den Zwischenfall im Vatikan verziehen" (Professor Blum, S. 104), genauso wenig, wie Christen den Juden nie verziehen haben, Jesus gekreuzigt zu haben. Unter Juden gilt der Ostersonntag bis heute als Tag der Erinnerung an jährliche Osterprogrome. Und Juden haben dem von Zelig gestörten Papst Pius XI. nicht verziehen, daß er gegenüber Mussolini und Hitler auf klare Worte zugunsten der Juden verzichtet hat.
Was in Rom begann, setzt sich in Berlin fort: Zelig fällt negativ auf und wird angegriffen. Dem Führer Adolf Hitler vermasselt er "den besten Witz, den es über Polen gibt" (S. 124) und entkommt seinen Verfolgern durch die Heldentat eines "Non-Stop-Fluges über den Atlantik mit dem Kopf nach unten". Daß er dafür wie zuvor Charles Lindbergh (S. 11) mit einer Medaille gefeiert wird, entbehrt nicht eines geschichtlichen Hintergrundes: Juden vergessen Lindbergh seinen Antisemitismus und seine Verehrung für die Nazis nicht. Leonard ("Lionheart") Zelig ist Allens kleine Rache am American Hero Charles Lindbergh.
IV.4 Der sprachlose Hiob Margarete Susman schrieb über Hiob: "Unter Hiob aber ist im Leid der Grund des allgemeinen Daseins eingebrochen; er ist hinabgestürzt in den Abrgrund des radikalen Alleinseins. Er ist nichts anderes als das reine brennende Subjekt des Leidens; die reine unmittelbare Frage an Gott..." An dieses Bild darf man denken, wenn die Regieanweisung lautet: "Zelig sitzt alleine am Fenster eines Hotelflures und ißt ein Brötchen. Er starrt ins Leere. Leute hasten vorbei." Dazu sagt der Erzähler: "... Zeligs eigenes Leben (ist) im Grunde gar kein Leben. Er ist bar jeder Persönlichkeit, denn seine menschlichen Qualitäten sind im immerwährenden Auf und Ab des Lebens verloren gegangen; er sitzt still und einsam da, eine Null, ein Nichts, eine Zirkusnummer" (S. 64) Zelig ist in dieser Einstellung ein einsamer und ratloser Hiob. Doch von Hiob schreibt Susman auch:
"Er, dieses fliegende Blatt, dieser dürre Halm, dieses winzige, vergängliche, sterbliche Wesen steht zugleich als dieser unverwechselbare Eine von aller Welt verlassen dem unendlich Fernen gegenüber und wagt es, seine Stimme, diesen Hauch eines Augenblicks, verzweifelnd und anklagend wider den Ewigen zu erheben."
Zelig ist dagegen ein sprachloser Hiob; der moderne Jude Zelig hat verlernt oder vielleicht nie gelernt, anzuklagen oder mit Gott zu reden - er hat eben nie Hebräisch gelernt (s.o.).
Der moderne Jude Allen kann, im Gegensatz zum Dokumentar-Objekt Zelig, die Geschichte Hiobs wenigstens noch erzählen. Religiöse Sprachlosigkeit muß nicht Hilflosigkeit gegenüber Gott bedeuten. Der Londoner Rabbi Albert H. Friedlander zitierte folgende Geschichte von Elie Wiesel:
"Let us say it again: God listens to prayer. To all prayers. And here I come to the Hasidic story often retold by my teacher, Elie Wiesel. - When the great Rabbi Israel Baal Schem Tow saw misfortune threatening his people, it was his custom to go into a certain part of the forest to meditate. There he would light a fire, say a special prayer, and the miracle would be accomplished, and misfortune averted. - Later, when his disciple, the Maggid of Mezrich, had occasion, for the same reason, to intercede with heaven, he would go to the same place in the forest and say: 'Ruler of the universe, listen! I do not know how to light the fire, but I am still able to say the prayer.' And again the miracle would be accomplished. - Still later, Rabbi Moshe Leib of Sassov, in order to save his people once more, would go into the forest and say: 'I do not know how to light the fire, I do not know the prayer, but I know the place and this must be sufficient.' It was sufficient and the miracle was accomplished. - Then, it fell to the Rabbi Israel of Rizhin to overcome misfortune. Sitting in his armchair, his head in his hands, he spoke to God: 'I cannot even find the place in the forest. All I can do is to tell the story. And this must be sufficient'. And it was sufficient. - God made us because he loves stories. - Well, here we are: god's children who love stories."
Der moderne Jude Woody Allen bleibt Geschichtenerzähler, und sein Zelig schreibt Geschichte. Das ist eine legitime jüdische Auseinandersetzung mit Gott.
IV.5 Zelig's Search for Self: Die Themen der Innensicht Woody Allen exerziert an Zelig den Zustand der Fremdheit komplett durch. Dazu gehört zunächst die Innensicht des Fremden: seine Suche nach seinem Ort in der Welt, nach Sicherheit, Anerkennung und Normalität in einer befremdlichen Welt, und sein Oszillation zwischen totaler Assimilation und Selbstbewahrung. Die Innerlichkeit dieser Auseinandersetzung wird symbolisiert durch die Weiße-Zimmer-Sitzungen, in denen Zeligs unterdrücktes Unterbewußtsein eine Stimme erhält und von ihren Ängsten erzählt.
IV.5.1 Zelig's Assimilation Zelig will sich "sicher" fühlen, und übersetzt das mit "So wie die anderen zu sein... Ich will, daß man mich mag" (S. 35). Anpassung an seine Umwelt wird zu Zeligs Markenzeichen, ist der Kern des Filmes, und muß hier nicht weiter illustriert werden. Bemerkenswert ist aber, daß Allen die Assimilation bis zum Äußersten treibt, nämlich bis zum Verschwinden Zeligs in der anonymen Masse - bei den Nazis. Den Kommentator Saul Bellow verwundert das nicht: "Und der Faschismus gab Zelig genau diese Möglichkeit, daß Zelig nämlich aus sich selbst etwas ganz Anonymes machen konnte ... äh ... indem er ... zu dieser riesigen Bewegung gehörte" (S. 119). Assimilation führt in letzter Konsequenz zu Faschismus: das ist eine Botschaft, die Juden vor den Kopf stoßen muß. Das jüdische Selbstgespräch um Zelig ist hier an seiner ernstesten Stelle.
IV.5.2 Zelig, the American Citizen, als er selbst Gleichzeitig sind die Nazi-Szenen auch eine doppeldeutige Anmerkung über den Bürgerbegriff (s.o.). Denn Zeligs Teilnahme an einer Nazi-Parade (S. 118) wird parallelisiert von seiner Teilnahme an zwei New Yorker Jubelparaden (S. 97, 125f.). Beides mal tritt Zelig als Bürger seines jeweiligen Landes auf. In New York ehrt man ihn mit der Ehrenbürgerwürde (S. 125), in Nazi-Deutschland gehört er zum ehrenhaften inneren Kreis von Hitlers Offizieren und Offiziellen (S. 120f.). Was es heißt, Bürger Amerikas zu sein, macht Zelig in einer Ansprache an junge Leute klar: "Leute, ihr müßt zu euch selbst finden. Ihr könnt nicht so sein wie jemand anderes (...)" und: "Ihr müßt lernen, ihr selbst zu sein und eure Meinung zu sagen und ehrlich zu sein. Ja, vielleicht ist sowas in vielen Ländern nicht erlaubt, aber in Amerika geht das. Ihr könnt mir glauben, weil ... ich gehörte früher selbst mal zur Familie der Reptilien, aber das ist jetzt vorbei" (S. 102). Kurz: als vorbildlicher Bürger ist Zelig nicht mehr der wandelbare Zelig, sondern "endlich sein eigener Herr. Seine Ansichten über Politik, Kunst, das Leben und die Liebe sind ehrlich und direkt. Sein Geschmack wird zwar von vielen als anspruchslos bezeichnet, aber es ist wenigstens sein eigener." (S. 103f.) Die Ironie trieft natürlich: als Bürger Amerikas ist Zelig zwar letztendlich dem Nazi Zelig überlegen, aber dennoch bleibt er gewöhnlich, durchschnittlich, uninteressant. Er ist wie alle anderen. "Bürger sein" ist ein Ausweg aus dem Innen-Außen-Dilemma Zeligs, aber um den Preis dessen, was ihn so besonders und einzigartig machte. Das ist das Versprechen und die Gefahr Amerikas, die Allen hier aus jüdischer Perspektive thematisiert. "Citizen Zelig" hat's geschafft, aber seine innersten Fragen und Nöte bleiben, wie bei "Citizen Kane", für den Preis des äußeren Erfolges verborgen und abgestorben.
IV.5.3 Kein Happy End Ambivalent aus jüdischer Sicht ist übrigens auch das Ende. Die dem Autor zugänglichen Kritiken an Zelig halten Zeligs Heirat mit Euroda Fletcher für ein Happy End: die Liebe, noch dazu "die Liebe einer einzelnen Frau" (S. 131), hat gesiegt. An die schicksalsversöhnende Kraft der Liebe glaubt man im christlichen Amerika freilich gerne. Aber das Chamäleon Zelig ist tot, und, insofern das Chamäleon eine Metapher für Zeligs Jüdischkeit war, endet damit auch die jüdische Geschichte. Der Jude Zelig wird zur Erinnerung, wie es im Abspann heißt: "... er hielt von Zeit zu Zeit Vorlesungen, in denen er über seine Erfahrungen sprach. Zeligs Persönlichkeitsveränderungen traten immer seltener auf, und allmählich verschwand seine Krankheit völlig." Der amerikanische Durchschnittsbürger Zelig erfreut sich fortan beim Baseball, statt sich mit Moby Dick, zu beschäftigen (S. 104), wozu er erst wieder im Angesicht des Todes kommen soll (S. 134). Insofern Moby Dick, "das größte Buch der amerikanischen Literatur" (William Faulkner), eine Metapher für die Suche nach dem Sinn des Lebens ist - Fragen, die nach Allen die einzigen sind, die sich lohnen (s.o.) - hat Zelig das Fragen verlernt. War einst Moby Dick der Einstieg in seine Chamäleon-Karriere (S. 43), so kam er als zufriedener, in der Liebe einer WASP geretteter Ehemann nie wieder auf sie zurück. Bedeutet jüdisches Leben aber (mit Martin Buber) "die dialogische Situation, in der der Mensch steht", so hat Zelig sie aufgegeben. Das amerikanische Happy End glücklichen Ehelebens entpuppt sich als resignatives Ende von Zelig.
IV.6 Die Themen der Außensicht Der Film wechselt zwischen Perioden, in denen Zelig "selbst" zu Wort kommt, und Perioden, in denen andere ihn beschreiben. Wenn wir Zelig begreifen wollen, müssen wir ihn aus seiner Situation heraus ebenso wie als Ikone der Massenkultur begreifen. Der Fremde kann nie nur "er selbst" sein und mit seiner privat-existentialistischen Perspektive leben. Immer muß er sich auch mit der Außensicht auf ihn selbst auseinandersetzen.
IV.6.1 Zelig, der Skandal der Ambivalenz Von außen als Fremder gesehen zu werden ist in erster Linie eine Frage verschiedener Zuschreibungen. Sie fallen in zwei Kategorien: in das Faszinierende und das Bedrohliche, das im Fremden gesehen werden kann. Daß Zelig als unbestimmbarer Mensch ein Ärgernis für die öffentliche Ordnung ist (ein wandelnder "Skandal der Ambivalenz", wie Zygmunt Bauman es nennt), muß nicht nur zum Zugriff der Polizei führen (S. 17), sondern auch ins Krankenhaus, wo man das "Zelig-Phänomen" (S. 22) kurieren will (Ambivalenz ist für die Moderne unertragbar, behauptet Bauman). Der unerkannte Zelig sorgt für Chaos, "obwohl die Ärzte behaupten, Herr der Lage zu sein". Die Zuschreibungen beginnen, doch "jeder stellt eine andere Diagnose." Französische Intellektuelle stellen sich später nicht besser an (Allen's Gruß an die franzöische Postmoderne), da sie "in ihm ein Symbol für einfach alles sehen" (S. 59 - Allen hinterlegt diesen Kommentar mit Zeligs Verwandlung in einen Rabbiner; diese Szene darf als Warnung davor gesehen werden, die hier wieder explizit gemachte jüdische Erfahrung zu allen möglichen Zwecken zu interpretieren). Diagnosen hin oder her: der geduldige Patient Zelig muß die Folgen der Zuschreibungen alle ausbaden. Ihm werden die Füße verdreht, Drogen verabreicht, Chamäleon-Reaktionen provoziert - und das ganze Land ist fasziniert (S. 30-31).
IV.6.2 Zelig, das Faszinans Das Faszinierende an Zelig ist, daß er die Phantasie beflügelt und Träume vom Außergewöhnlichen erlaubt. Zelig ist, wozu die Menschen ihn machen, die sich für einen Dollar neben ihn stellen. Er wird als faszinierender Freak auf Jahrmärkten herumgezeigt und entwürdigt, durch den Vergleich mit einem Reptil entmenschlicht. Alles, was noch Subjekt gewesen sein könnte oder war (nämlich in den Weiße-Zimmer-Sitzungen), wird hier zum Objekt. Er ist "eine Neuheit, ein Wunderwesen", ein verfilmungswürdiger Charakter (S. 52), ein Massenprodukt (S. 53), eine Attraktion in Paris (S. 57), geliebt, bejubelt, in Liedern und Tänzen gefeiert (S. 38, 54, 56, 62) und in Witzen festgehalten. Zelig wird zur umjubelten Ikone der Massenkultur, eine Zielscheibe der Träume des Durchschnittsbürgers, der aus seiner mittelmäßigen Existenz (die Zelig selbst ja mehr als alles andere anstrebt) ausbrechen möchte: "Ich wäre gern wie Leonard Zelig und könnte mich jeder Situation anpassen. Immer jemand anderes sein. Dann würden endlich meine Träume wahr." (S. 34).
IV.6.3 Zelig, das Tremens Das Bedrohliche an Zelig ist aber genau seine Ambivalenz. Die Leerstelle seines Fremdseins, die er als Projektionsfläche für Faszinierendes bietet, ist Anlaß, sich bedroht zu fühlen. Den Demonstranten "für mehr Arbeit und gegen den Faschismus" wird er zum Symbol der Ungerechtigkeit, der Kapitalisten und der Ausbeutung, für den Klu-Klux-Klan eine dreifache Bedrohung (s.o., und S. 41f.). Und gerade, als Zelig endlich einmal kuriert erscheint, als die früher entmenschlichende Massenbegeisterung ihm genießbare und gleichberechtigte Auftritte bei den Reichen und Schönen eingebracht hat (S. 100 f., sein Auftritt bei "Citizen Kane" Hearst) - da wird er unvermutet wieder zur Bedrohung Amerikas: "Zeligs Vergangenheit holt ihn ein" (S. 111). Er soll sich nicht nur moralisch schlecht verhalten und während seiner Chamäleon-Zeit mehrere Frauen geheiratet haben, sondern wird auf einmal auch als der Schuldige an allen möglichen kleinen Defekten im ganzen Land identifiziert: hier ein kaputtes Auto, dort ein schlecht angestrichenes Haus, eine überflüssige Zahnextraktion - überall im Land ist Zelig schuldig (S. 111ff.). "Zelig wird als Verbrecher hingestellt", er hat sich gegenüber "Gott und der Menschheit schuldig" gemacht, seine Polygamie "rüttelt an den Grundfesten der christlichen Welt", und auf einmal ist Zelig nur noch der skandalöse Jude, der er nie sein wollte: "Lyncht den kleinen Juden!" (S. 113f.) Die Masse wünscht ihm jetzt den Tod am Galgen (S. 115).
Aber natürlich war das alles nur Projektion. Genau so schnell, wie er zum Verbrecher wurde, wird Zelig wieder zum American Hero und Ehrenbürger, als er vor den Nazis flieht (s.o.). Als Fremder ist man Spielball der Masse - mal faszinierend, mal bedrohend, durchaus abwechselnd oder zugleich. Die Zuschreibungen kommen und gehen, es bleibt ein Fakt: daß Zelig, der Jude, ein Fremder ist, mit dem man sowas machen kann.
V. Das Arrangement des Filmes als Thema jüdischer Selbstreflexion
Woody Allen hat in seinem Film inner-jüdische Themen meisterhaft mit allgemeinen modernen Fragen verwoben. Man kann sie nicht voneinander trennen, ohne daß eine Perspektive Schaden erleidet. In der Rezeption wird die jüdische Perspektive konstant unterbelichtet - ein Mißstand, den aufzuhellen diese Arbeit versucht hat.
Interessant ist auch das technische Arrangement des Filmes, das den Dialog über Innen- und Außensicht aufgreift und fortführt. Mit einer Parodie auf die Dokumentation führt Allen die grundsätzliche Unsicherheit vor, bei Zelig nicht das "authentische Leben" von seiner Kopie unterscheiden zu können (von Allen filmtechnisch meisterhaft zusammengetrickst und sicher mehr wert als nur diese Nebenbemerkung). Diese Verwischung der Spuren zwischen innerer Erfahrung und äußeren Signalen (wobei Zeligs Kommunikation notwendigerweise auf Stereotype zurückgreifen muß) ist das Problem des Leonhard Zelig wie des Filmes Zelig. Filmtechnisch spiegelt sich die Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion, von innerer Erfahrung und äußerer Projektion auch in den Kommentaren "authentischer" "Persönlichkeiten". Vier der fünf "real-life"-Kommentatoren - Saul Bellow, Bruno Bettelheim, Susan Sontag und Irving Howe - waren zur Zeit des Films 1983 anerkannte amerikanische Persönlichkeiten jüdischer Herkunft. Wieder zeigt sich hier, daß Zelig in seinen prägenden Momenten wesentlich ein jüdisches Selbstgespräch ist - mit allen Gaumenfreuden virtueller Kommunikation.
Irving Howe, Historiker des amerikanischen Judentums, spricht ein deutliches Urteil über Allen's Unterfangen, den Zusammenhang zwischen dem Geist der Moderne und dem jüdischen Schicksal zu erzählen. Er sagt zunächst von Zelig: "Seine Geschichte spiegelt das Wesen der Kultur wider, den Geist unserer Zeit... und dennoch war es auch die Geschichte eines einzelnen Mannes... und, äh, um den sich alle großen Themen unserer Kultur drehten, Heldentum, Willenskraft und solche Sachen." (S. 9 f.) Später bewertet Howe:
"Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, daß seine Geschichte eine Menge von dem wiedergibt, was die jüdische Erfahrung in Amerika ausmacht. Den großen Drang, hier ansässig zu werden, dann seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und sich vollständig der Kultur hier anzupassen. Ich meine nur, er wollte sich um jeden Preis anpassen" (S. 105).
Howe hat für den Charakter Zelig zusammengefaßt, was eine mögliche Deutung des Filmes Zelig ist. Es ist auch die Deutung, die in dieser Arbeit herausgearbeitet wurde: Chamäleonhart Zelig als paradigmatisches modernes Individuum auf der Suche nach dem Selbst und als jüdischer Mensch zwischen Innen und Außen auf der Suche nach seinem Ort in der Geschichte und der Welt zugleich.
Der Schöpfer und Direktor des Filmes hieß Allan Kongisberg oder auch Woody Allen - aber von wem stammt denn die Geschichte wirklich? Und wie geht sie weiter? Wir haben gerade erst angefangen, sie zu verstehen - gerne wollen wir wissen, wie sie einmal ausgeht.
Und damit zurück zu Herman Melville im Studio von Ur.