Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 26.6.03
Stewens setzt sich für Familienwahlrecht ein
Bayerische Sozialministerin referiert bei Kolpingfamilie über Familienpolitik
VON STEFAN
WEINZIERL
Olching - Mit aller Deutlichkeit hat sich Bayerns Sozial- und Familienministerin Christa Stewens bei einem Diskussionsabend der Kol-pingsfamilie mit dem Titel „Familie ohne Zukunft ?" für die Einführung des umstrittenen Familienwahlrechts ausgesprochen. Sie habe ihre frühere Meinung revidiert, gab die 57-jährige CSU-Politikerin im gut besuchten Kolpingheim zu. Sie verbinde mit dem Familienwahlrecht jetzt die Hoffnung, dass die von Politikern immer mehr an den Rand geschobene Familienpolitik wieder mehr an Bedeutung gewinnt.
Stewens betonte, dass Familie ihrer Ansicht nach sehr wohl Zukunft habe: „Die Familie ist zäh, sie ist oft tot gesagt worden, hat aber als Lebensform immer überlebt." Allerdings habe sich die Art der Familie mit der Zeit geändert. So gebe es mittlerweile viele alleinerziehende Familien. „Familie ist also da, wo Eltern Verantwortung für ihre Kinder tragen", stellte sie den Zuhörern ihre Definition vor.
Allerdings hätten Familien in Deutschland mit vielen Hindernissen zu kämpfen, kritisierte die 57-Jährige vor allem mit der Kinderunfreundlichkeit der Gesellschaft. Stewens schilderte aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sei, als sechsfache Mutter und mehrfache Großmutter in ein Restaurant oder zum Skifahren zu gehen. Oft werde man blöd angesprochen oder angeschaut, so Stewens. Die Forderungen nach Lärmschutzwällen oder Betriebszeiten für Spielplätze seien weitere Zeichen dieser Entwicklung.
Ein Zuhörer gab zu bedenken, dass Kinder heutzutage oft schlecht erzogen seien. Dies wollte die Familienministerin nicht abstreiten. Sie
räumte ein, dass es Erziehungsunsicherheit bei jungen Eltern gebe, die man auch von staatlicher Seite bekämpfen muss.
Die Kinderfeindlichkeit, fehlende Betreuungsmöglichkeiten und das Armutsrisiko durch den Nachwuchs hätten dazu geführt, dass die Geburtenrate in Deutschland von 2,1 Prozent (1970) auf 1,3 Prozent (2002) zurückgegangen sei. Die Zahl von Familien mit drei oder mehr Kindern habe sich seit 1970 sogar halbiert. „Familien mit mehreren Kindern sind heute etwas Exotisches", meinte Stewens. 30 Prozent der Frauen würden überhaupt keine Kinder mehr bekommen.
Eine Entwicklung mit fatalen Folgen: Alle Reformen bei den Sozialsystemen nützten nichts, warnte die Ministerin, wenn der Geburtenrückgang nicht gestoppt wird. Deshalb müsse der Staat, ab auch der einzelne Bürger dafür sorgen, dass es in Deutschland wieder eine kinderfreundliche Gesellschaft gibt. Denn „eine gute Familienpolitik ist die beste Wirtschaftspolitik, die ein Staat machen kann".
Als Vorbild nannte Stewens Frankreich. Dort habe man durch gezielte finanzielle Förderung von Familien mit Kindern und einem ausreichenden Betreuungsangebot.