DIE WELT, 30.12.2002

„Wir brauchen einen neuen Ludwig Erhard“

Der Unternehmensberater Roland Berger prophezeit den Deutschen ein Jahrzehnt der Unsicherheit, und sieht den Bundeskanzler im Aufwind - Interview

Zum Jahreswechsel wirft Deutschlands bekanntester Unternehmensberater Roland Berger einen verhangenen Blick in die Zukunft. Berger prophezeit ein Jahrzehnt der Unsicherheit und sehnt sich nach einem neuen Wirtschaftswunderminister wie Ludwig Erhard. Gleichzeitig sieht er Gerhard Schröder wieder erstarken: Der Bundeskanzler befreie sich gerade von der Umklammerung durch die Gewerkschaften, so wie er sich in der ersten Legislaturperiode vom damaligen Finanzminister Oskar Lafontaine befreit habe. Berger ist sich sicher: Aus dem „Nachbesserungskanzler“ wird ein „pragmatischer Polit-Manager“. Mit Roland Berger sprach Wolfgang Ehrensberger.

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DIE WELT: Die Politik ist offenkundig nicht in der Lage, diese Strukturveränderungen anzugehen.

Berger: Wir brauchen einen Deutschen Konvent der 30 klügsten Köpfe im Land – aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Kirchen, allerdings ohne Verbandsvertreter und Parteipolitiker. Die müssen dem deutschen Volk dann reinen Wein einschenken und zukunftsträchtige Vorschläge zur Erneuerung unserer politischen Entscheidungsprozesse machen.

DIE WELT: Nennen Sie ein Beispiel.

Berger: Die wachsende Gruppe der Rentner darf wählen, wird also von der Politik gehätschelt. Warum dürfen beispielsweise Eltern mit zwei minderjährigen Kindern nicht insgesamt vier Stimmen abgeben? Es ist doch so, dass deren Kinder – die Zukunft unserer Gesellschaft – die Renten unserer alternden Gesellschaft bezahlen müssen, politisch aber kein Gewicht in diesem Land haben, weshalb sich auch kein Politiker um sie bemüht.

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