chapter 1 ~ sleeping beauty

einem Embryo gleich, zusammengekauert
gierig verzerrt das kalte Blut sich in der Finsternis
es entweicht schleichend meinen Adern
diese Wunden sind aus Hass entstanden
ich hasse mich

triefendes, erlösendes Blut
wird mein Herz je geheilt?
triefendes, verfluchtes Blut
ausgelacht von den Schatten der Nacht
könnte der Morgen den Tod bringen

einem Baby gleich, eine zögerlich ausgestreckte Hand
der Griff wird ins Leere gehen
denn niemand ist hier
diese Wunden schreien nach Hilfe
hilfst du mir?

Blut, das ich selbst fließen ließ
Tränen, die in meinen Wunden brennen
warum weinst du?
warum sterbe ich nur innerlich?

triefendes, erlösendes Blut
wird mein Herz je geheilt?
triefendes, verfluchtes Blut
ausgelacht von den Schatten der Nacht
könnte der Morgen den Tod bringen

diese Wunden schließt nichts außer Liebe
deine Liebe

~ * ~ * ~

"Reita?"....."Reita?!? Hey!!"
"Ruki!"
Ruki hielt in seiner Bewegung inne, als Uruha ihn am Arm plötzlich ergriff. "Lass ihn..." flüsterte ihr Leader beruhigend und tatsächlich ließ Ruki Reita wieder los, den er zuvor an den Schultern gepackt und geschüttelt hatte.
Vergeblich....Reita hatte keinerlei Reaktion gezeigt. Sein Blick war weiterhin auf einen unsichtbaren Punkt der gegenüberliegenden Wand gerichtet. Auf einen der vielen sterilen weißen Flecken in der sterilen, weißen Wand in dem sterilen, kalten Gang des ebenso viel zu sterilen Krankenhauses.
Alles hier wirkte steril. Steril und kalt. So kalt, wie die Hand des Gitarristen, die nun Ruki vorsichtig von Reita wegzog.
Der Kleinere seufzte leise und setzte sich wieder neben Kai auf seinen Sitz an der Wand.

Seit über einer Stunde warteten sie bereits hier, wenige Meter vom OP entfernt. Und doch war alles, was sie tun konnten, nichts außer warten.
Dieses ewige Warten machte sie noch alle verrückt. Und noch dazu Reitas komisches Verhalten, und schon war der kleine Sänger mit seinen Nerven am Ende gewesen und hatte ihn angeschrieen und wollte ihn auf irgendeine Weise aus seinem jetzigen Zustand reißen.
Sein jetziger Zustand. Der bestand bei Reita darin, seit sie hier warteten bewegungslos dazusitzen und nicht einmal mehr auf seine Außenwelt zu reagieren.
Vielleicht stand er ja gerade in Gedanken Aoi bei....
Gebrauchen könnte es Aoi auf alle Fälle. Einer der Ärzte hatte ihnen zu Beginn der OP kurz erklärt, dass das Leben ihres besten Freundes nur noch am seidenen Faden hing.
Seitdem war Reita so weggetreten.
Ein Schauer überkam Ruki, als er an den Anruf des Bassisten vor einer Stunde denken musste. Noch immer hörte er Reitas aufgelöste Stimme in seinen Ohren widerhallen, fühlte diese unendliche Machtlosigkeit bei der Gewissheit, dass Aoi sterben könnte.
Wahrscheinlich war es das, was Reita dazu brachte, nun nur noch schweigend dazusitzen. Verzweifelung über die Situation.
Aber auch wenn er es sich nicht so leicht anmerken ließ wie Reita oder Ruki, wusste der Sänger, dass auch Uruha sehr unter dem allen litt. Nur versuchte er dies so wenig wie möglich den anderen zu zeigen. Versuchte für sie stark zu sein, während bei ihnen gar nichts mehr ging.
Rukis dunkle Augen glitten von rechts, wo Uruha und Reita neben ihm saßen, nach links, wo Kai zusammengekauert auf dem Sitz saß. Keiner von ihnen konnte mit Sicherheit sagen, ob der Drummer schlief oder noch wach war, so hatte er sein Gesicht unter seinen Armen vergraben.

Die Stille hatte die vier Freunde wieder erreicht, einzig gestört durch das einsame Klingeln eines Telefons in der Eingangshalle, das jedoch keiner hörte.
Halb eins am Morgen war wirklich keine angenehme Uhrzeit um im Krankenhaus zu sein. Im Gegenteil. Es wirkte alles nur noch verlassener und lebloser als tagsüber.
Ein leises Schluchzen zerriss die Stille um sie herum. Erschrocken sah Ruki auf das zusammengekauerte Bündel neben sich, dessen Oberkörper begonnen hatte zu zittern.
Kai drehte sich etwas zur Seite um sein Gesicht abzuwenden. Er schien sich dafür zu schämen, dass er als einziger nicht stark bleiben konnte – dabei war doch jedem seiner drei Freunde klar, dass in diesem Moment falscher Stolz und Eitelkeit fehl am Platz waren.
Aoi starb vielleicht jede Sekunde....und sie konnten nur hier sitzen und warten.

Behutsam legte Ruki eine Hand auf Kais Schulter, der daraufhin erschrocken zusammenzuckte. Zögernd drehte er sich zu Ruki um, sah ihn aus traurigen, von Tränen nassen Augen an.
Es benötigte nur einen kurzen Blick dieser Augen, dass Ruki sofort Kai zu sich in eine feste Umarmung zog. Er wollte ihn trösten, ihm Halt spende, auch wenn er selber sich wie ein Ertrinkender fühlte. Und gleichzeitig gab auch ihm diese Umarmung noch etwas Hoffnung.
Uruha lächelte traurig bei dem Anblick der beiden. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner eigenen. Reita war immer noch in Gedanken versunken, doch er hatte der Hand seines Freundes fest ergriffen.
In diesem Augenblick war es deutlich zu spüren: Keiner von ihnen war allein. Sie würden es gemeinsam durchstehen, egal was passieren würde. Und obwohl Aoi nicht bei ihnen war, musste er doch nicht alleine kämpfen, denn in Gedanken waren sie alle bei ihm und gaben ihm Kraft, um es gemeinsam zu schaffen.
Nein, sie waren nicht allein.
Auch nicht Aoi.

Aoi, an den Reita ununterbrochen denken musste.
Er hätte es verhindern können, müssen, ja, da war er sich sicher.
Aoi hatte ihm schließlich seine verletzten Arme gezeigt. Was anderes hatte er getan als ihm dadurch gestanden, dass auch er Probleme hatte und sein fröhliches Wesen nicht immer hundertprozentig das war, was er wirklich fühlte. Er hatte ihn indirekt um Hilfe gebeten.
Doch er, Reita, hatte nur weggesehen und nichts getan. Wenn Aoi nun starb, war es ganz allein seine Schuld. Was war er nur für ein Freund...ignorierte einfach, dass sein bester Freund ihn dringend brauchte, nur weil er selber auch in einer Krise steckte. Es hätte ihm verdammt noch mal wichtiger sein sollen als alles andere. Und jetzt konnte er sich vielleicht nicht einmal dafür entschuldigen...
Während er so über alles nachdachte, musst er plötzlich daran denken, wie er und Aoi sich kennen gelernt hatten.
Damals in der Oberschule war er an die gleiche Schule gekommen wie Aoi. Er hatte ihn gehasst am Anfang. Er hatte ihn genervt und irgendwie kam er eingebildet rüber, war sowieso überall beliebt; Reita hatte ihn ziemlich schnell als Idioten abgestempelt, was dann auch bald auf Gegenseitigkeit beruhte.
Doch nach einiger Zeit hatten sie sich richtig kennen gelernt und wurden die besten Freunde.
Leider trennten sich nach Abschluss der Schule ihre Wege wieder. Aoi war eigentlich der einzige von seinen Schulfreunden gewesen, den er wirklich vermisst hatte. Deshalb war er um so glücklicher gewesen, als sie sich mit Gazette wiederfanden.
Es war eine schöne Zeit gewesen, seine Schulzeit mit Aoi. Ob der Schwarzhaarige auch manchmal zurückdachte? Wahrscheinlich schon, denn es gab genügend witzige Ereignisse aus dieser Zeit, die einer Erinnerung wert waren.
Sie hatten immer so viel Scheiß angestellte...vor allem, wenn sie zuviel getrunken hatten.
Einmal hatten sie sich sogar geküsst. Reita konnte sich noch genau daran erinnern, obwohl er keinen blassen Schimmer mehr davon hatte, wie es dazu gekommen war...

Am anderen Ende des Ganges ging schwungvoll die Tür des OPs auf. Das Auf- und Zuschwingen klang seltsam kalt in Reitas Ohren. Wie das Pendel einer Uhr, die schon lange stehen geblieben war...
Der Arzt näherte sich mit schnellen Schritten, wollte in seiner Eile einfach an ihnen vorbeilaufen. Doch da hatte er nicht mit Uruha gerechnet. Der Leader stand abrupt auf und versperrte dem Arzt den Weg. Bevor er ihnen nicht gesagt hatte, wie es um Aoi stand, würde er nicht sehr weit kommen, das war offensichtlich.
Jedenfalls schien auch er selber das zu wissen, denn er sprach sofort unsicher auf Uruha ein, wobei auch Ruki und Kai nervös zuhörten.
Nur Reita verschloss innerlich seine Ohren. Er wollte es nicht hören, es nicht auf diese Art und Weise erfahren. Doch plötzlich riss Uruhas aufgebrachte Stimme den Blondschopf aus seiner Flucht vor der Realität.
"Was soll das heißen?! Sie haben nicht mehr ausreichend Blut!?!"
Der sonst so ruhige Gitarrist war von einem Moment auf den anderen ausgerastet. Der Arzt schien im Vergleich zu ihm auf einmal um mehrere Zentimeter geschrumpft zu sein und fuhr unsicher fort, während er immer wieder nervös an seinem Arztkittel herumzupfte.
"Gestern Abend ereignete sich ein schwerer Verkehrsunfall und wir mussten viele Bluttransfusionen geben, mehr als wir sonst immer einplanen. Wir konnten in den vergangenen Stunden aber leider noch keine neuen Konserven bekommen. Wir hatten nur noch eine Transfusion übrig, die wir ihm geben konnten, aber ich befürchte, er hat schon zu viel Blut verloren, dass er allein damit überlebt..."
"Nehmen Sie mein Blut." sagte Reita plötzlich ruhig, krempelte den rechten Ärmel seines Pullis hoch und hielt dem Arzt seinen Arm entgegen, doch der schüttelte verlegen den Kopf.
"Aber nein....das können wir doch nicht-"
"Natürlich können Sie! Wir haben exakt die gleiche Blutgruppe. Also wo ist das Problem?" Der Blonde sprach ruhig, aber seine Augen wirkten dabei so leblos kalt, dass seine Freunde ihn mit wachsender Sorge beobachteten.
"Aber Sie sind ein Angehöriger und somit-"
"Das ist doch SCHEIß EGAL!!" Reita sah den Arzt wütend an, worauf dieser einige Schritte zurückwich. "Jetzt nehmen Sie endlich mein Blut und retten ihn verdammt noch mal damit!!!"
Der Arzte nickte zitternd. "Ja...ok....folgen Sie mir....bitte..."

Reita wurde in den Raum direkt neben dem OP gebracht, wo ihm wenig später eine Schwester zwei Konserven Blut abnahm. Sie war bemüht freundlich, obwohl Reita sie durchweg ignorierte. Ihre Worte und ihren mitleidigen Blick.
Auch als sie ihm erklärte, er könnte später Kreislaufprobleme bekommen, sollte er nicht genug in den letzten Stunden gegessen haben, schwieg er weiterhin, anstatt ihr zu sagen, dass er seit Stunden überhaupt nichts mehr im Magen hatte außer seiner Angst um Aoi. Ihn kümmerte es nicht so sehr, ob er später vielleicht ein paar kleine Schwindelanfälle bekommen könnte. Hauptsache war, man konnte Aoi retten.

Nach etwa einer halben Stunde war auch die zweite Konserve voll und er konnte wieder zurück zu seinen Freunden.
Schon beim Aufstehen merkte er, wie sein Kreislauf sich bei ihm für das mangelnde Essen und den angeblichen Blutverlust bedankte. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen, aber er schüttelte energisch seinen Kopf ungeachtete des darauf nur noch stärker folgenden Schwindelgefühls. Als er seine Augen erneut öffnete, schwankte seine Sicht etwas, was jedoch für ihn (als guter Trinker ^^,) kein großes Hindernis darstellte.
Er trat aus dem Zimmer und ging langsam leicht an der Wand abgestützt zurück zu den anderen dreien.
Ruki und Kai waren anscheinend in der Zwischenzeit Arm in Arm eingeschlafen. Wäre die Situation nicht so ernst, hätten Reita und Uruha jetzt sicherlich ihre Späße auf Kosten des "Pärchens" gemacht. So aber lief Uruha nervös den Gang auf und ab, während er leise irgendetwas Unverständliches vor sich her murmelte. Als er Reita erblickte, stürzte er sofort auf ihn zu, um ihn zu stützen, doch Reita schob seinen angebotenen Arm entschlossen zur Seite und ging alleine zu seinem Stuhl zurück. Uruha folgte ihm schweigend.

Wiederum eine halbe Stunde später ging erneut die OP-Tür auf.
Uruha war als einziger der vier Freunde noch wach. Kai und Ruki schliefen immer noch friedlich und Reita war erst vor wenigen Minuten seiner Müdigkeit unterlegen. Uruha hatte sich währenddessen an einem Automaten einen Kaffee gezogen und hielt sich mit der Ausrede seine Pflichtbewusstseins wach. In Wirklichkeit war er einfach nur zu besorgt um überhaupt ein Auge zuzukriegen....
Schon vom Ende des Gangs aus konnte er die klappernden Rollfüße eines Krankenbettes hören. Es war das erste Geräusch an diesem Tag, das nicht kalt und leblos klang. Schließlich bedeutete es, dass Aoi höchstwahrscheinlich überlebt hatte.
Hastig sprang Uruha auf und lief den Ärzten entgegen, um sich zu vergewissern.
Aoi lag blass dort im Bett. In diesem Moment wirkte er auf Uruha verletzlich wie ein Schmetterling. Kein Heben und Senken seiner Brust war zu sehen. Doch das kleine, an seinem Bett befestigte Gerät zeichnete deutlich auf, dass sein Herz trotzdem schlug, er immer noch atmete. Immer noch lebte.
Uruha fühlte eine riesengroße Last von seinem herzen fallen, als er es endlich wusste. Er bemerkte den Arzt neben sich erst, als dieser begann zu reden und die Helfer das Krankenbett weiterschoben.
"Ihr Freund hatte einen wirklich guten Schutzengel. Bei der Menge Blut, die er bereits verloren hatte, war es wirklich zweifelhaft, ob er es überlebt."
"Doch er hat es geschafft..." murmelte Uruha glücklich.
"Ja, aber im Moment ist er noch sehr erschöpft. Sein Körper selbst hat ihn in einen teifen Schlaf, fast einem Koma ähnlich, versetzt, um sich zu erholen. Ich bin mir aber sicher, dass er in den nächsten Tagen wieder aufwachen wird. Wann kann ich jedoch nicht genau sagen, das hängt von ihm selber ab."
Der ältere Mann fuhr sich erschöpft durch die Haare. Man konnte deutlich sehen, dass auch er über den Ausgang der OP sehr erleichtert war.
"Wenn Sie wollen, können Sie kurz zu ihm. Aber bitte nicht alle auf einmal, sondern nur einer. Vielleicht wäre es auch für Sie alle das beste, wenn Sie erst einmal zu sich nach Hause fahren, sich etwas ausruhen und später wiederkommen."
"Machen wir, Herr Doktor. Vielen Dank für alles!" Uruha verbeugte sich leicht. "Welche Nummer hat denn sein Zimmer?"
"Nr. 24 im 3. Stock. Ich kann aber auch Sie oder einen Ihrer Freunde hinbringen, wenn Sie wollen."
"Das wäre sehr nett! Warten Sie bitte kurz, ich wecke kurz meine Freunde, dann kann Reita Sie begleiten."
Die Gesichtszüge des Arztes entglitten leicht, als er das hörte, sodass Uruha leise lachte. "Keine Sorge. Er ist nicht wirklich so aggressiv wie er vorher war. Das ganze hat ihn nur sehr mitgenommen. Er hat Aoi nämlich in seiner Wohnung gefunden, und Sie müssen wissen, Aoi bedeutet ihm sehr viel."
Der Arzt nickte verständnisvoll. Dass einer der Angehörigen die Nerven verlor, war nichts Neues für ihn. Dennoch hatte ihm Reitas Gefühlsausbruch etwas Angst gemacht.
Der junge Gitarrist wollte schon verschwinden, da hielt ihn der Arzt noch einmal kurz zurück und sah ihn ernst an, während er sprach. "Ich wünsche Ihnen wirklich Alles Gute für die kommende Zeit, denn ich denke, dass können Sie eindeutig gebrauchen. Schließlich handelte es sich hierbei um einen Selbstmordversuch. Die Hilfe eines Psychologen wäre vielleicht ratsam."
"Danke vielmals, aber: NEIN danke. Ich denke, wir werden es zusammen auch ohne einen "Psychologen" schaffen." erwiderte Uruha ruhig und ging zu seinen Freunden.

Kai quiekte kurz, als Uruha ihn in die Seite piekste, um ihn zu wecken. Dann sah er verwirrt um sich und wurde plötzlich rot, als ihm bewusst wurde, dass er Ruki in seinen Armen hielt. Ruki hingegen brauchte mehrere Minuten um überhaupt wach zu werden. Er sah Kai kurz an, blickte weiter, verkrampfte sich auf einmal und sah erschrocken zurück zu Kai, bevor auch er einen hochroten Kopf bekam und sofort aufstand. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, wann er zu Kai auf den Sitz gerutscht war. Eigentlich hatte er doch Kai trösten wollen....und dann wachte er am Ende auf und war derjenige von ihnen, der an des anderen Brust gekauert und in dessen Armen friedlich geschlafen hatte.
Uruha verkniff sich mühevoll ein Lachen. Die beiden waren aber auch zu süß, wenn sie verlegen waren und versuchten überall hinzusehen, nur nicht zum anderen. Glücklich sagte er ihnen schnell, dass es Aoi wieder besser ging, dann ging er zu Reita. Wie auch Ruki benötigte er einige Zeit um zu wissen, wo genau er war. Er aber sah Uruha sofort ernst an und fragte nach Aoi. Uruha lächelte und strich dem Jüngeren beruhigend durch die Haare. "Es geht ihm ganz gut Rei-chan. Er hat es überstanden!"
Reitas Augen wurden leicht glasig und Uruha hätte schwören können, dass der Blonde kurz davor war, dass erste Mal vor seinen Freunden zu weinen. Doch Reita fuhr sich schnell mit dem Hemdärmel über die Augen um die Tränen zu verstecken. Statt zu weinen, lächelte er kurz darauf Uruha glücklich an.
"Du kannst zu ihm...." erklärte Uruha weiter und deutete auf den Arzt, der immer noch wartend hinter ihm stand. Reita nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte, stand auf und folgte dem Arzt auf seinem Weg durch das noch größtenteils schlafende Krankenhaus.

Das Zimmer, in dem Aoi lag, war bis auf eine kleine Nachttischlampe neben seinem Bett vollkommen dunkel. Die Vorhänge waren noch zugezogen, sperrten so die Nacht aus. Die zwei weiteren Betten im Zimmer waren leer. Das einzige Geräusch, das Reita wahrnahm, als der den Raum betrat, war das stetige leise Summen der Maschine, die Aois Puls bzw. Herzschlag aufzeichnete.
Zögernd trat Reite näher, wusste zuerst nicht, was er tun sollte. Aoi lag schlafend in seinem Bett. Das Licht der Lampe erhellte sein blasses Gesicht teilweise, doch warf es gleichzeitig auch Schatten. Hätte es Reita nicht besser gewusst, hätte er gedacht, Aoi sei tot. Er lag so leblos in diesem Bett. Der Anblick zog Reita das Herz zusammen. Und die Gewissheit, dass er nichts tun konnte, aber auch, dass er davor nichts getan hatte, um ihm zu helfen, ließ sein Herz noch mehr schmerzen. Er fühlte sich schuldig, denn wäre er bei Aoi gewesen, wäre dies vielleicht nie geschehen. "Wäre"....."Vielleicht".....Er sollte aufhören über bereits Geschehenes zu spekulieren, das half Aoi nun auch nichts mehr.
Seufzend zog er sich einen Stuhl ans Bett und setzte sich, bevor er unsicher nach Aois Hand griff. Das Handgelenk einschließlich des Unterarms war stark bandagiert....seine Hand fühlte sich so kalt an. Reita war sich sicher, als er sie das letzte Mal ergriffen hatte, waren Aois Hände warm gewesen. Wie sein Lächeln immer...
Ein silberner Tropfen salzigen Nasses zersprang leise auf Aois Hand. Reita hatte angefangen zu weinen.
"Hey Kleines.." begann er mit leicht erstickter Stimme, während er Aois Handrücken zärtlich streichelte. "Ich hoffe doch, du hörst mich auch...wie sieht das denn sonst aus....ich und Selbstgespräche...." er lächelte leicht, obwohl ihm immer noch Tränen die Wangen entlang leifen. Leicht beugte er sich über Aoi, strich ihm sanft seine Gesichtskonturen nach.
"Es tut mir so leid."
Er setzte sich wieder aufrecht hin, drückte Aois Hand kurz ohne sie jedoch loszulassen. "Weißt du, ich wollte dich mit meinem Besuch gestern überraschen....dich ein bisschen aufmuntern, gemeinsam deinen Geburtstag feiern und so....wie früher immer..." er schluckte fest. "Eigentlich wäre ich viel früher bei dir gewesen, schon am Nachmittag. Aber ich hab meinen Anschlusszug verpasst...und stand plötzlich in so einem blöden Kuhkaff rum. Ich dachte....es wäre nicht so schlimm, wenn ich erst später komme. Überraschung bleibt Überraschung. Aber ich hätte ich anrufen sollen....nicht nur gestern, sondern schon seit sehr langer Zeit....."
Vorsichtig legte er Aois Hand zurück auf die Bettdecke, beugte sich erneut etwas über Aoi und betrachtete seine schlafenden Gesichtszüge nachdenklich. Zögernd beugte er sich noch etwas tiefer und gab Aoi einen flüchtigen Kuss auf seine kalten Lippen. Seine geschlossenen Augen füllten sich dabei wieder mit Tränen, doch diesmal unterdrückte er sie.
"Wach bitte wieder auf!" flüsterte er Aoi ins Ohr. "Komm zurück zu mir....ich liebe dich...."
Verzweifelt stieß er sich vom Bett ab und verließ schnell das Zimmer. Fluchartig rannte er aus dem Krankenhaus, bremste er sein Tempo ab, als er in Sichtweite von Uruhas Auto kam. Die anderen warteten bereits auf ihn.
Aois einsame Träne, die wenig später über seine Wange rann, wurde von niemandem gesehen.

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~ lucent ~
author: hikari ai
stories: 9
finished: 0
one-shots: 2
since: 2005.11.13.
until: 2007.04.09. (oyla)
reborn: 2007.04.09. (geocities)

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