| Der Roman pr�sentiert gerade 1968, w�hrend der Studenten- bewegung die Konfrontation mit der V�tergeneration sucht und deren mangelnde Auseinandersetzung mit dem Nazismus auszugleichen versucht. Lenz beschreibt in seinem Roman eigentlich den Alltag des Nationalsozialismus. Lenz m�chte, meiner Meinung nach, dem Leser die fr�hen Nachkriegsjahre nahebringen und ihn vielleicht auf die moralischen Fehler aufmerksam machen. Die Kritik in dem Roman richtet sich gegen historische Begebenheiten in Deutschland unter dem Nationalsozialismus. Von daher kann dem Titel >Deutschstunde< metaphorische Bedeutung zugesprochen werden. Lenz weist darauf hin, dass auch nach dem Krieg der weitl�ufige Begriff der Pflichterf�llung noch existiert und von vielen mi�verstanden oder mi�gedeutet wird. Lenz versucht den Erfolg der Nationalsozialisten blo�zulegen, indem er den Begriff der Pflichterf�llung in Frage stellt. In der Deutschstunde, in der von Dr. Korbjuhn das Thema �Die Freuden der Pflicht� gestellt wurde, dachte Siggi sofort an seinen Vater, dem die Erf�llung seiner Dienstpflichten und Pflichten �berhaupt sein Lebensinhalt ist. Er ist einer der Charaktere, der dieses un�berdachte Begriffsverst�ndnis von Pflichterf�llung mit all seinen verheerenden Auswirkungen, verk�rpert, die sich zum Beispiel im dritten Reich gezeigt haben und auch noch heute in der Bundesrepublik zeigen. Auch Dr. Korbjuhn ist ein solcher: �Die Schwachen gehen unter im Kampf, die Starken bleiben �brig. Alles Starke lebt vom Schwachen. Am Anfang hat alles die gleiche M�glichkeit, jedes unscheinbare Ei umschlie�t und speist ein Leben, dann aber, wenn der Kampf beginnt, bleibt der Nichtw�rdige auf der Strecke.� Jens Ole Jepsen gehen seine Prinzipien �ber alles, worunter Siggi seine ganze Kindheit lang leidet. Jens hat einen kleinb�rgerlichen, autorit�ren Charakter und er ist als gewissenhafter, strenger Polizist st�ndig im Dienst. Fast schon rituell, zieht er sich jeden Tag seine Uniform an und auch das mit unbedingter Genauigkeit. Es mu� alles korrekt sitzen und es darf kein Knopf offen bleiben. Schon dieses Verhalten zeugt von �u�erster Korrektheit und von unglaublichem Pflichtbewu�tsein. Er ist v�llig obrigkeits- h�rig, und kritiklos ohne jemals nach dem Sinn und der Berechtigung seines Befehls zu fragen. �Ich hab meinen Auftrag�, �Wer seine Pflicht tut, der braucht sich keine Sorgen zu machen.� Pflichterf�llung bedeutet f�r Jens in erster Linie unbedingter Gehorsam von Befehlen, und er macht es sich damit wirklich zu leicht! Aussagen wie �Ich hab meinen Auftrag, ich hab mir das nicht ausgedacht� sieht er als Entschuldigung f�r sein Handeln, da er vielleicht oft selbst nicht ganz �berzeugt von seinen Handlungen ist und sich somit jeder Verantwortung entzieht. Doch er l��t dabei v�llig au�er acht, dass die Erf�llung einer Pflicht auch m�glicherweise bedeuten kann, seine Pflicht nicht zu tun; doch einen solchen Gedankengang kann Jens �berhaupt nicht nachvollziehen. Jens mu� im Grunde ein unsicherer, unselbst�ndiger Mensch sein, der nicht dazu f�hig ist, seine eigene Meinung zu bilden, geschweige denn, daf�r einzustehen. �Nichts, nicht einmal das Ende ver�ndert euch.� Auch wenn es um die Familie geht, w�rde er nicht einmal ein Auge zudr�cken. Nein, er l��t es so weit kommen, dass er seine Familie nach und nach zerst�rt und sie damit verliert: Er �berbringt Nansen das Malverbot (und das unmittelbar nach der Beerdigung seiner Frau Ditte), liefert seinen Sohn an die Gestapo aus, treibt seine Tochter aus dem Haus, weil sie dem Maler Modell gestanden hat und schl�gt und z�chtigt Siggi wiederholt. Auch bei den neuen Machthabern dient er der Regierung genauso h�rig, wie der alten, obwohl kein Malverbot mehr besteht, �weil er sich treu bleiben mu�...� Wenn man sein Verhalten, seine Lebensgeschichte, betrachtet, k�nnte zum Teil fast Mitleid auftauchen, da er einfach keinen eigenen Geist und keine Seele hat. Er kennt kein Mitleid und wirkt oft unmenschlich. Sein unbedingtes Pflichtbewu�tsein nimmt sogar paranoide Z�ge an: �Er hatte einen Tick zuletzt�, schreibt Siggi, �so wie alle einen Tick bekommen, die nichts tun wollen, als ihre Pflicht. Es war eine Krankheit zum Schlu�, vielleicht noch schlimmer.� Am Ende ist er in seiner Pflichterf�llung schon so gefangen, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hat. �Das ist eigentlich ein trauriges Schicksal. Doch f�r Gudrun Jepsen, Jens� Frau, kann man, meiner Meinung nach, keine Art von Mitgef�hl mehr aufbringen. Sie ist selbstgerecht, hart und unbarmherzig. Ihr enger Horizont ist unverkennbar. In Gudruns Person kann man wirklich keinen Hauch von Mitgef�hl mehr erkennen, sie ist innerlich v�llig versteinert. �Max sollte froh sein �ber das Malverbot, weil es ihn zu sich selbst zur�ckbringt-zu unserer Art.� Jens� extremen Gegensatz stellt der Maler dar, welcher sozusagen einer inneren Berufung verpflichtet ist. Ich denke, Jens kann eigentlich gar keine �Freuden der Pflicht� mehr empfinden, da Pflichtaus�bung f�r ihn ja nur noch einen Zwang darstellt. Es ist unvermeidlich, dass sich der Maler und Jens nicht einigen und vor allem verst�ndigen k�nnen, denn sie haben zwei v�llig andere Auffassungen von Pflicht. F�r Nansen h�ngt die Pflicht eher mit dem Gewissen und eigentlich mit Moral zusammen. �Gut, sagte er leise, wenn du glaubst, dass man seine Pflicht tun mu�, dann sage ich dir das Gegenteil: man mu� etwas tun, das gegen die Pflicht verst��t. Pflicht, das ist f�r mich nur blinde Anma�ung. Es ist unvermeidlich, dass man etwas tut, was sie nicht verlangt.� Max Ludwig Nansen sieht das Malverbot als v�llig unn�tig, da man es gar nicht verbieten kann, denn unsichtbare Bilder kann nicht einmal die Regierung verbieten. Auch diese unsichtbaren Bilder fallen Jens in die H�nde, doch da man auf den Bildern einfach nichts entdecken kann, f�hlt er sich verh�hnt und m�chte sie zur Pr�fung nach Berlin schicken. �Aber das Wichtigste, das, worauf es ankommt: das ist unsichtbar.� Aber Jens erkennt das Wichtigste im Leben einfach nicht, deshalb kann er auch nichts auf den Bildern erkennen. Maler: Keiner von uns kann aufh�ren. Da ihr gegen das Sichtbare seid, halte ich mich ans Unsichtbare.� Erst wieder nach dem Zusammenbruch des herrschenden Regierungssystems erh�lt er seine Rechtfertigung und wird von der K�niglichen Akademie in London zum Ehrenmitglied ernannt. Nun kann er wieder frei seiner Aufgabe nachgehen, doch leider wird er von den Menschen nicht mehr verstanden und sogar abgelehnt. Nur Siggi steht noch zu Nansen und verteidigt ihn. Siggi fand schon zuvor einen Freund in dem Maler Max Ludwig Nansen, dem Expressionisten Nansen weckt in Siggi die Liebe zu Bildern und einen Bezug zu Kunst. Au�erdem sieht er in dem Beispiel des Malers, dass auch Menschen, die sich ihrer sogenanten �Pflicht� wiedersetzen, deshalt sicher keine schlechten Menschen sind. Was ich an Nansen, unter anderem, auch so beeindruckend finde ist, dass er immer seinen Stolz und seine gewisse �berlegenheit bewahrt. Man kann in Nansen Z�ge Emil Noldes entdecken, dessen b�rgerlicher Name Hansen lautete. Lenz selbst weist darauf hin, dass er mit dem Vornamen der Romangestalt Nansen auch auf viele andere verfolgte K�nstler habe hinweisen wollen. So etwa auf Max Beckmann oder Ludwig Kirchner. Schon als Kind im Alter von zehn Jahren ger�t Siggi in den Konflikt zwischen seinem Vater und Max, besser gesagt Siggi wird zum Opfer dieses Konflikts. Nach der Aufhebung des Malverbotes kann auch Siggi sich in der neuen Situation nicht zurechtfinden. Er kann nicht aufh�ren, den Maler und dessen Bilder zu sch�tzen, obwohl es am Ende gar nicht mehr notwendig ist. Wie er sein Leben weiterf�hren wird und was er vor hat bleibt letztendlich v�llig offen. Die Lieblosigkeit und K�lte seines Elternhauses macht Siggi schon fr�h zu einem Einzelg�nger. Zu seinen Eltern hat er eigentlich kein Verh�ltnis und keinen Bezug. Die Erziehungsma�nahmen der Eltern bewirken genau das Gegenteil vom Erhofften. Siggi f�hlt sich immer mehr zum Maler hingezogen, da er ihn versteht, doch letztendlich wird Siggi zu einem Opfer der Verh�ltnisse, zu einem Opfer der von seinem Vater ausge�bten Pflicht. Der Psychologe Mackenroth verwendet beim Studium von Siggis Fall einen neuen Fachbegriff: n�mlich Jensenphobie, die krankhafte Angst des Kindes vor dem Vater. Nachdem Jens auch noch nach Ende der Hitler-Diktatur nach Bildern von Nansen sucht und sie vernichten will, w�chst in Siggi die Furcht vorseinem Vater, dem Polizeiposten Rugb�ll, und Angst um die Bilder von Max, die er schon vorher immer in einer M�hle versteckt hat, um sie vor seinem Vater zu sch�tzen. Dieser Rettungs- und Schutzinstinkt wird allm�hlich zum Zwang, und Siggi wird schlie�lich zum Bilderdieb. Das ist ja auch der Grund f�r seine Einlieferung in die Jugendstrafanstalt. Ich finde, in gewisser Weise wird er an Stelle seines Vaters bestraft. Das ist Siggi zwar klar, er zieht jedoch daraus keine Folgerungen. �Siggi leidet seine ganze Kindheit an der Pflichtaus�bung seines Vaters. Als Siggi sich zum Beispiel einmal unerlaubterweise beim Maler aufh�lt, erwischt ihn sein Vater und sagt ihm folgendes: �Du brauchst nicht mehr zu verstehen, als du gesagt bekommst, das gen�gt ..... Brauchbare Menschen m�ssen sich f�gen, sagte er, und ich hastig darauf: Ja, Vater, ja...� |