das Alphabet der klassischen mongolischen Schrift
die
klassische mongolische Schrift
Die sogenannte klassische mongolische
Schrift war die erste eigene Schrift der Mongolen. Im Mongolischen wird sie als
"chuucin mongol bicig" – alte mongolische Schrift – oder auch
einfach als "mongol bicig" – mongolische Schrift – bezeichnet.
Es gibt grundsätzlich drei Theorien dazu,
wie und wann die Mongolen zu dieser Schrift gekommen sind. Die ältere dieser
Theorien lautet, daß die Mongolen die klassische Schrift 1204 von den Uiguren
(1) übernommen haben, die sie ihrerseits von den Soghdern übernommen hätten.
Diese Theorie stützt sich vor allem auf das 124. Kapitel des Yüan-shih
(auf mongolisch "Jüany ulsyn sudar" – "Buch des Yüan
Reiches"). Dort wird geschildert, wie im Jahr 1204 – im Krieg der
Mongolen gegen die Naiman – Cingis khaan einen gebildeten uigurischen Beamten
namens Tatatunga gefangen nahm, der in der Brusttasche seines Deels (2) ein
Siegel mit uigurischen Schriftzeichen bei sich trug. Nach diesen Schriftzeichen
übernahmen die Mongolen die uigurische Schrift, und Cingis khaan machte
Tatatunga zudem zum Lehrer seiner Söhne.
In den letzten Jahrzehnten hat sich eine
zweite Theorie herausgebildet: die Mongolen hätten ihre Schrift schon 200 Jahre
früher direkt von den Soghdern übernommen. Die Verfechter dieser Theorie
berufen sich vor allem auf das erste Schriftdenkmal der Mongolen, den
sogenannten Cingis culuu ("Cingis Stein") aus dem Jahr 1225. Das würde
bedeuten, daß die Mongolen innerhalb von nur 20 Jahren, gerechnet ab 1204, eine
Schriftkultur hätten entwickeln müssen, was zugegebenermaßen sehr schnell
gewesen wäre.
Allerdings darf man nicht vergessen, daß
nicht die mongolischen Fürsten beziehungsweise Cingis Khaan selbst geschrieben
haben sondern ihre Schreiber haben schreiben lassen. Und diese Schreiber
stammten aus Völkern wie den Uiguren oder den Naiman, die sich schon seit
Jahrzehnten einer Schrift bedienten und somit keine Schwierigkeiten mit einer
Lobeshymne auf einen Bogenschützen gehabt haben dürften, wie sie sich auf dem
Cingis culuu findet.
Noch weniger nachvollziehbar ist meiner
Meinung nach die Behauptung, daß die Mongolen ihre Schrift direkt von den
Soghdern übernommen hätten. Zum einen dürften Kontakte zwischen diesen beiden
Völkern sehr vereinzelt gewesen sein. Zum anderen weisen das uigurische und das
klassische mongolische Alphabet zu große Ähnlichkeiten auf, als das es möglich
erscheint, daß sie sich voneinander unabhängig entwickelt haben. Nun könnte
an natürlich vermuten, daß die Uiguren die Schrift von den Mongolen übernommen
hätten, aber der Kontakt zwischen Uiguren und Soghdern ist bewiesenermaßen eng
gewesen, und die direkte Schriftübernahme gilt als bewiesen.
Von einer Übernahme der Schrift der
Mongolen von den Uiguren gehen auch die Anhänger der dritten Theorie aus. Sie
kombinieren praktisch die erste und die zweite hier vorgestellte Theorie und
behaupten, daß die Mongolen ihre Schrift um 1000 nach Christus von den Uiguren
übernommen hätten. Als Hauptbeweis gilt ihnen der beträchtliche Unterschied
zwischen der klassischen mongolischen Schrift und der um 1200 gesprochenen
mongolischen Sprache. Es könnte also tatsächlich sein, daß die klassische
Schrift schon zu Zeiten Cingis Khaan historisch war.
In jedem Fall ist erwiesen, daß die
klassische mongolische Schrift auch zu Zeiten Cingis khaans nicht die ausschließliche
Schrift im Mongolischen Großreich war. Parallel wurde vor allem auch eine schon
länger verwendete Umschrift mit chinesischen Schriftzeichen (3) verwendet. Die
große Stärke der klassischen Schrift lag und liegt darin, daß man mit ihr die
verschiedenen mongolischen Dialekte annähernd gleich gut niederschreiben kann,
was natürlich die breite Annahme dieser Schrift erleichterte.
Auf der anderen Seite eignet sich die klassische Schrift nur sehr bedingt zur Wiedergabe anderer Sprachen. Ein weiteres Manko war die immer stärker werdende Historizität der Schrift - mittlerweile hatte sie mit der gesprochenen Sprache nicht mehr viel gemein. Aber gerade dazu mußte die offizielle Schrift im Mongolischen Großreich in der Lage sein, da inzwischen nicht mehr nur die Kommunikation zwischen mongolischen Stämmen sondern zwischen vollkommen verschiedenen Völkern gewährleistet werden mußte. Insofern ließ Khubilai khaan 1260 eine neue Staatschrift entwickeln, die sogenannte Quadratschrift.
Dennoch
blieb die klassische mongolische Schrift in Gebrauch und konnte sich als einzige
der verschiedenen Schriften bis heute erhalten. Mittlerweile wird die alte
Schrift als mongolisches Kulturerbe betrachtet, an dem man nichts verändern
darf, so daß eine Reform der Schrift auch heute kaum in Frage zu kommen
scheint. Nachdem 1941 ein leicht verändertes kyrillisches
Alphabet in der Mongolei eingeführt worden war, wird inzwischen aber auch
die klassische Schrift wieder an den Schulen unterrichtet.
(1)
Die Uiguren waren zu dieser Zeit das mächtigste
zentralasiatische Volk, das
(2) Der Deel ist das traditionelle
Kleidungsstück, ein Mantel, der mongolischen Nomaden.
(3) In dieser Umschrift ist uns auch die "Geheime Geschichte der Mongolen" überliefert. (zurück zum Text)