das Alphabet der Vagindra Schrift
die Vagindra Schrift
1905 erschuf der Burjate Agvaandorž –
auch Agvaan Doržijev, Agvaan Lchaaramba, Agvaanchamba, burjatischer Khanèjen
Agvaan oder auch Vagindra – die Vagindra Schrift, die eben nach dieser letzten
Namensvariante benannt und der zweite Versuch einer Weiterentwicklung der klassischen
Schrift ist.
Agvaan Lchaaramba wurde 1853 geboren und
kam mit 19 Jahren als Schüler in das Brajbün Kloster in Lhasa. Zusammen mit
dem achten Bogd Žavzandamba kehrte er in die Mongolei zurück und legte etwas
später in Ikh khüree die Gelübde eines Lamas ab. Im Jahr 1888 erhielt er den
Titel des Lchaaramba, und in derselben Zeit wurde er in die Gefolgschaft des 13.
Dalai Lamas aufgenommen. Da eine solche Verbindung zum Dalai Lama in einer Zeit,
als die Mandschus scharf aufpaßten, daß Tibet keinerlei Anstalten in Richtung
Unabhängigkeit machen konnte, für Agvaan Lchaaramba recht gefährlich war,
ging er für einige Zeit nach Indien und kehrte dann über China schließlich
nach Burjatien zurück. 1898 reiste er nach Sankt Petersburg und überreichte
Zar Nikolai ein Bittgeschenk im Auftrag des Dalai Lamas. Danach reiste er durch
Europa und besuchte die meisten europäischen Metropolen. In den folgenden
Jahren spielte er immer wieder die Rolle eines Mittlers zwischen Sankt
Petersburg und Tibet, das die Unterstützung Rußlands suchte. Natürlich
brachte diese Botenrolle Agvaan Lchaaramba in nicht ganz unbeträchtliche
Gefahr. So gab es immer wieder Gerüchte, das ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt
sei. Dennoch half er dem Dalai Lama weiter dabei, Hilfe gegen die Mandschuren
bei den Russen zu suchen. 1909 begann er mit dem Bau eines buddhistischen
Tempels in Sankt Petersburg, der 1915 eingeweiht wurde. Als er nach der
Oktoberrevolution 1917 aus Rußland floh, wurde er von den Russen wegen Spionage
inhaftiert. Ein bestochener Wärter leitete schließlich einen Brief an den
Mongolisten Kotviè weiter, der ihn mit Hilfe einiger anderer Wissenschaftler
endlich freibekam. 1938 wurde Agvaan Lchaaramba in dem Tempel Acaan in Burjatien,
in dem er lebte, verhaftet und in Ulaan-du in ein Gefängnis gebracht, in dem er
als 85-jähriger Greis noch in demselben Jahr verstarb. In der Forschung ist man
sich bis heute nicht sicher, auf welcher Seite Agvaan Lchaaramba wirklich stand,
ob er nicht vielleicht eine Art Doppelagent war.
Agvaan Lchaaramba war also nicht nur
Lama sondern auch Politiker. Mit der Entwicklung der nach ihm benannten Schrift
im Jahr 1905 – einer Zeit, als er in verschiedenen Missionen zwischen Rußland
und Tibet pendelte – gab er sich auch noch als Linguist zu erkennen. Er
unternahm mit der Vagindra Schrift nach der Klaren
Schrift einen zweiten Versuch, die klassische mongolische Schrift zu
reformieren, indem auch er durch Zusatzzeichen die Homographen beseitigte. So
wie die Klare Schrift auf den westmongolischen Dialekt zugeschnitten war,
schnitt Agvaan Lchaaramba seine Schrift auf seinen eigenen burjatischen
Heimatdialekt zu.
Nachdem die Burjaten zwischen 1931 und
1937 ein lateinisches Alphabet benutzten, wurde schließlich unter dem Einfluß
der Russen die kyrillische Schrift eingeführt, so daß auch die Vagindra
Schrift mehr oder weniger in Vergessenheit geriet. Heute ist sie in erster Linie
von linguistischem Interesse für die Wissenschaft.