das Alphabet der Quadratschrift
die Quadratschrift
Die
von Pagwa lam Lodojžalcan entwickelte sogenannte Quadratschrift – auf
mongolisch "dörvölžin bicig" – war die zweite Schrift, derer
sich die Mongolen bedienten. Sie wurde 1269 auf Erlaß des damaligen Großkhaans
Khubilai khaan zur offiziellen Staatschrift des Yüan-Reiches (1)
erklärt. Nach
ihrem Erfinder wird sie auch Pagwa-Schrift genannt.
Lodojžalcan wurde 1235 in Tibet geboren. Sein Großvater
Saža bandid Gungažalcan (1182-1251) war ein hoher lamaistischer Würdenträger
in Tibet und unter anderem auch der Verfasser der ersten mongolischen Grammatik namens "zürchen
tol't" (1241) schrieb. Als Khubilai khaan 1253 nach ihm schickte, war der Saža
bandid bereits verstorben, und so wurde an seiner Stelle sein 18-jähriger Enkel
Pagwa lam Lodojžalcan an den Hof des Großkhaans geschickt. Dieser erwies sich
als sehr begabt und redegewandt, und wurde bald zu einem engen Vertrauten des Khubilai
khaan. Später entwickelten sie gemeinsam die Staatstheorie des "khojor
jos" ("zwei Ordnungen"), nach der das religiöse Oberhaupt als
Gabenempfänger – zu diesem Zeitpunkt war das Pagwa lam Lodojžalcan – und
das weltliche Oberhaupt des Großreiches als Gabenspender – damals Khubilai khaan – in eine Art symbiotisches und gleichberechtigtes Verhältnis treten
sollten. 1275 kehrte der Pagwa lam mit Khubilai khaans Erlaubnis und hochbeladen mit
Schätzen nach Tibet zurück, wo er 1280 verstarb.
Während
seiner Zeit am Hof in Peking aber erhielt Pagwa lam Lodojžalcan im Jahr 1260
den Befehl, eine neue Staatschrift zu entwickeln und schuf so die Quadratschrift.
Es waren wohl vor allem zwei Gründe, die Khubilai khaan bewogen, eine neue
Schrift in Auftrag zu geben. Die
bis dahin verwendete klassische mongolische Schrift hatte sich in den vielen
Jahren ihres Gebrauchs stark von der gesprochenen Sprache entfernt. Zum anderen
eignete sich die alte Schrift nur bedingt zur Wiedergabe anderer Sprachen. Ihre
vielen Homographen und fehlende Phoneme im Mongolischen an sich, die sich in
fehlenden Graphemen spiegelten, waren dafür verantwortlich. In dem neuen Großreich
wurde aber eine einheitliche Schrift gebraucht, mit der man nicht nur Mongolisch
sondern auch Chinesisch, Tibetisch, Sanskrit und Türkisch wiedergeben konnte.
Insofern sah sich Khubilai khaan wohl gezwungen, eine neue Schrift einzuführen, die
den veränderten Anforderungen gewachsen war.
In
jedem Fall eignete sich diese neue und erheblich eindeutigere Schrift besser zur
Wiedergabe der verschiedenen Sprachen im Reich, und so verwundert es wenig, daß
Khubilai khaan darauf drängte, daß die Quadratschrift allgemein benutzt wurde,
und dabei auch einigen Druck ausübte. Um einen Anreiz zu schaffen, versprach er
denen, die die Quadratschrift lernten, Ansehen und Privilegien. Offensichtlich
war dies das richtige Vorgehen, denn bald hatte sich die neue Schrift im Reich
durchgesetzt. Sie wurde in der Zeit des Yüan-Reiches in offiziellen Dokumenten
verwendet und ebenso zur Beschriftung des Münz- und Papiergeldes. Vor allem
aber wurden natürlich auch Bücher dieser Zeit in Quadratschrift geschrieben,
wobei es sich vielfach um Übersetzungen religiöser Texte ins Mongolische
handelte. Mit der Vertreibung der Mongolen aus China im Jahre 1368 und dem
Ende des Yüan-Reiches aber verschwand die Quadratschrift sehr rasch, und man
benutzte wieder die klassische Schrift.
Es waren vermutlich drei Hauptursachen, die eine Verbreitung der Quadratschrift ebenso erschwerten wie auch ihre Beibehaltung verhinderten. Die silbenweise Schreibung war sehr ungewohnt für die Mongolen, und das völlige Fehlen von Satzzeichen erschwerte den Gebrauch der Schrift zusätzlich. Vor allem aber eignete sich die Quadratschrift zwar für die Wiedergabe fremder Sprache, bei der Wiedergabe der verschiedenen mongolischen Dialekte stieß sie aber bald an ihre Grenzen. Ebenso wie den folgenden mongolischen Schriften wurde ihr gerade ihre Eindeutigkeit zum Verhängnis, die eine gleich gute Niederschrift aller mongolischer Dialekte unmöglich machte. Als dann der Druck eines starken Großkhaans fehlte, ging die Quadratschrift verloren. Erleichtert wurde dies möglicherweise durch eine Tendenz der Mongolen, sich jetzt, da sie aus China vertrieben worden waren, auch von allem Chinesischen zu distanzieren und sich dem Mongolischen wieder verstärkt zuzuwenden, wozu dann auch die klassische mongolische Schrift gehörte.
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