Wer vor noch vor zehn Jahren, also zur Hochzeit der analogen Modems, lange vor ISDN und DSL, im Internet darüber
diskutierte, ob man Tondokumente zum Abruf bereitstellen könnte, der bekam wütendes Contra von den Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinde. Es sei eine Unverschämtheit, mit solchen bandbreitenfressenden Dateien die
Arbeit der Wissenschaft zu blockieren, hieß es.
Mittlerweile gibt es mp3, den heftigen Austausch von Musik und Video über Tauschnetze wie Kazaa und
e-mule und die Telekom fängt an, Spielfilme über ihr DSL-Breitbandnetz zu vermarkten.
Das Internet ist zu einem Medium geworden, in dem jeder sich und seine Arbeiten präsentieren kann, von Weblogs bis hin
zu Kurzfilmen. Die Netzexperten sprechen von der zweiten Generation des Internet, dem Web 2.0, das diese verschiedenen Anwendungen ermöglicht.
Aber es sind nicht nur Privatpersonen, die das Netz auf diese
Weise nutzen. Videoportale wie "YouTube" könnten in Zukunft auch von der Fernsehbranche für Ihre Zwecke genutzt werden.
„YouTube“, „Clipfish“ oder „My Video“, das sind die Anlaufstellen im Netz für kleine und große Videos, für selbstproduzierte Minispielfilme, Tricksequenzen, Dokumentarisches und belanglose
Urlaubsvideos. Hier kann sich jeder austoben, der mit einem digitalen Schnittsystem irgendwelche Videosequenzen bearbeiten kann. Aber hier gibt es auch Perlen aus professioneller Produktion, wie etwa den kurzen
Ausschnitt vom Comic-Adolf Hitler in seiner Badewanne, einem Trailer für den kommenden Walter-Moers-Film. Mehr als drei Millionen Abrufe hat dieser Clip schon im Netz erlebt.
Für Produzenten von Kino-
und Fernsehbilderware werden die Videoportale immer wichtiger, nicht nur für die reine Promotion von Filmen. Michael Rüger, Ex-Fernsehproduzent, der heute Konzepte für diverse Videomedien entwickelt und an
verschiedenen Medienakademien doziert, nennt sich Entertainment Engineer, auf deutsch Unterhaltungsingenieur. Er arbeitet beispielsweise strategisch für die Potsdamer Fernsehproduktion Ufa-Grundy und weiß, wie die
Branche in Zukunft die Videoportale nutzen wird:
Rüger:
Die Produktionsfirma (...) kann Inspiration finden, wie: nirgendwo habe ich so schnell die Möglichkeit, weltweite Trends zu sehen, weltweite Ideen zu sehen von Leuten, zu sagen: „Aha, so funktioniert das! Aha, das wird kommen! Das haben die Leute gerne gemocht. Das könnte vielleicht Inspiration sein für eine meiner Sendungen oder für einen Plot, den ich mir ausdenke.” Das zum Einen.
Dann natürlich im Casting: also mal ehrlich: wenn ich so eine Story wie „Lonely Girl 15” – 15 Mio. Abrufe bei „YouTube” ... Phantastisch. Das war kein Mädchen, das war eine Schauspielerin. Wow! Als
Hollywood-Caster würde ich die sofort casten. Für ‘ne Sendung. Wer es geschafft hat, 15 Mio. Leute emotional zu binden, die ist doch ideal als Schauspielerin.
Talente entdecken, nicht nur unter den Schauspielern, sondern auch beim technischen Nachwuchs. Das ist eine Möglichkeit. Aber auch das Antesten von neuen Formaten. Bei „YouTube„ und Konsorten können
die Nutzer die Videos kommentieren und bewerten. Rüger hat es selbst schon geschafft, mit einem kleinen Animationsfilm, der als Trailer für eine mögliche zukünftige Fernsehshow produziert wurde, bei „My Video“ zum
„Video der Woche“ gewählt zu werden.
Rüger: Über 24000 sind nach einer Woche auf diese Clips gegangen, ohne dass wir Promotion dafür betrieben haben. Und da muss man sagen: Wow! Das ist natürlich der absolute
Wahnsinn.
Auch im Verhältnis zwischen freier Produktionsgesellschaft und Fernsehsender kann ein Videoportal möglicherweise in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Produzent und TV-Redakteur werden vielleicht
gemeinsam durch „YouTube“ surfen und sagen: „Lass uns das doch mal fürs Brainstorming nutzen.“
Rüger:
Nehmen wir mal an, man hat einen guten Character entwickelt, man hat kleine Clips produziert mit diesem Character – und dann geht man zu dem Sender hin und sagt: dieser Character kann noch viel mehr. Der hat noch viel mehr Potential und wir haben das und das vor. Und auf „YouTube“, auf „Clipfish“ und auf „My Video“ gibt es die und die Abrufraten. Also: der ist schon a) irgendwie eine Größe, der ist schon bekannt, der hat schon funktioniert in dem und dem Bereich. Jetzt lasst uns den mal weiter ausbauen. Das wird interessant werden.
Es ist also gar kein Wunder, dass zwei der großen deutschen Videoportale zum Reich von großen Fernsehsendern gehören, nämlich „Clipfish“ zu RTL und „My Video“ zu ProSiebenSat.1. Ideen für neue
Unterhaltungsformate werden womöglich in Zukunft aus dem Netz gefischt werden. Versuchte früher der Amateur den Profi zu kopieren, so scheint es in Zukunft auch andersherum zu gehen.