Er war der Enkel von Effi Briest – und doch ganz real. Seine Großmutter hieß Elisabeth von Plotho und war das Vorbild für den berühmten
Roman von Theodor Fontane. Der Enkel, am 20. Januar 1907, also vor einhundert Jahren geboren, war eines der letzten großen Universalgenies. Sein Name: Manfred von Ardenne
Von Ardenne war
Schulabbrecher, Rundfunkpionier, Erfinder, Atomforscher, Unternehmer, Volkskammerabgeordneter, Baron und Krebsforscher, alles in allem ein technologischer Tausendsassa. Er lebte und arbeitete in und für sechs
unterschiedliche Gesellschaftssysteme, vom Kaiserreich über die UdSSR bis in das wiedervereinigte Deutschland.
Doch vor allem ist er heute für eines bekannt: für die Erfindung des Fernsehens, wie
wir es heute kennen. Und das mit sage und schreibe 23 Jahren.
Das Licht der Welt erblickte Manfred von Ardenne in Hamburg als Sohn eines kaiserlichen Offiziers, der bald schon ins preußische
Kriegsministerium nach Berlin versetzt wurde. Der junge Manfred interessierte sich schon früh für physikalische Erscheinungen. Er experimentierte in der elterlichen Wohnung an der Hasenheide im heutigen Berliner
Bezirk Kreuzberg mit allerlei elektrischen und funkensprühenden Materialien und verbrachte kurz nach Ende des ersten Weltkrieges viel Zeit damit, durch Berliner Läden zu streifen, in denen ausgediente Teile
früherer Funkstationen aus Heeresbeständen verkauft wurde.
Bei einem dieser Streifzüge durch die Berliner Läden lernte der 15-jährige den Unternehmer Siegmund Loewe kennen, Besitzer einer
Laboratoriums für Hochfrequenztechnik. Loewe war begeistert von den unkonventionellen Ideen des Schülers und ermöglichte es ihm, in seinen Entwicklungslabors ein- und auszugehen und seine Kenntnisse zu vertiefen.
Bald darauf arbeitete von Ardenne mit an den ersten Hörfunktests aus Loewes Laboratorium.
von Ardenne: „Das hatte zur Folge ... von der Schule ab.“ (0’32“)
Für
Ardenne allerdings kein Problem. Er widmete seine Zeit nun dem Bau von Komponenten für den Funkempfang und erhielt schon im Oktober 1923 mit 16 Jahren sein erstes von annähernd 600 Patenten.
Mit dem
Start des Hörfunks in Deutschland im Spätherbst 1923 entwickelte von Ardenne für Sigmund Loewe eine neuartige Empfangsröhre, die auf einen Schlag den Preis der Radioempfänger um zwei Drittel senkte. Mehrere
Millionen Exemplare des Radioempfängers wurden in der Folgezeit verkauft. Die Röhre selbst gilt als erster integrierter Schaltkreis.
Mit 17 Jahren machte sich von Ardenne selbständig und baute sich
ein eigenes Laboratorium. Von den Erträgen aus der Radioröhre konnte er es sich leisten, ein eigenes Haus mit großem Gelände in Berlin-Lichterfelde zu kaufen. Das war die Grundlage eines später sehr vielseitigen
Instituts, das vor allem von Staats- und Industrieaufträgen lebte.
In jener Zeit experimentierten Forscher in den entwickelten Industriestaaten mit der Übertragung von Bildern über Funkwellen. Das
Problem, die Bilder in einzelne Punkte zu zerlegen wurde mit der mechanischen sogenannten Nipkow-Scheibe gelöst: ein spiralförmig angelegtes Lochraster auf einer schwarzen Scheibe tastete ein Bild ab. Hinter den
Löchern nahm eine fotoelektrische Zelle das Lichtsignal zur Weiterverarbeitung auf. Die Bilder blieben aber sehr schemenhaft, weil es kein Verfahren gab, die Bildhelligkeit zu steuern.
Elektronische
Bauteile, die von Ardenne in den Jahren zwischen 1925 und 1930 in seinem Labor für die unterschiedlichsten Anwendungen entwickelt hatte, führte er im Dezember 1930 zu einer neuartigen Apparatur zusammen, den
sogenannten Leuchtfleckbildabtaster. Kern dieses Gerätes war eine Braunsche Röhre, also das, was wir noch bis vor kurzer Zeit in jedem Fernsehgerät als Bildröhre vorfanden. Ein genau fokussierter
Elektronenstrahl tastet ein Bild Punkt für Punkt ab und gibt die Helligkeitswerte in die elektronische Signalverarbeitung ein. Am Ende der Funkkette steht das Gegenstück, ebenfalls eine Braunsche Röhre, die das
Bild für den Betrachter wieder zusammensetzt.
Die Funkausstellung 1931, auf der das System von Ardenne erstmalig einer erstaunten Öffentlichkeit vorgeführt wird, gilt als die Geburt des
elektronischen Fernsehens.
von Ardenne: „Und die Wirkung ... System übergegangen war.“ (0’24“)
Manfred von Ardenne aber widmet sich anderen wissenschaftlichen Gebieten. Nach dem
gleichen Prinzip der elektronischen Bildaufnahme versucht er nun den Elektronenstrahl so fein zu fokussieren, dass er in den submikroskopischen Bereich vordringt. In den frühen dreißiger Jahren ist von Ardenne
mit seinem Labor Pionier des Elektronenrastermikroskops und besitzt bis zum Ende des zweiten Weltkrieges das seinerzeit schärfste Mikroskop für wissenschaftliche Forschungen.
Mittlerweile sind die
Nazis an die Macht gekommen und der junge Mann aus preußischem Adel mit alter militärischer Tradition arrangiert sich mit der neuen Macht. Apolitisch, wie er zunächst ist, forscht er weiter in Deutschland und
bekommt gut dotierte Aufträge insbesondere aus dem Reichspostministerium, wo inzwischen Wilhelm Ohnesorge, ein alter Freund des Vaters, Minister geworden war. Trotz einer Aversion gegen die Nazis, entwickelte
von Ardenne Konzepte für die Radarortung, die aber von Göring als kriegsunwichtig eingestuft wurden. Die Entwicklung dafür dauere zu lange, der Endsieg stünde sowieso bevor, beschied der Reichsmarschall.
Zunehmend beginnt sich von Ardenne für die Atomtechnik zu interessieren. Das Reichspostministerium bewilligt ihm Mittel für ein Zyklotron in seinem privaten Forschungsinstitut in Berlin-Lichterfelde.
Unter Mithilfe des Atomphysikers Fritz Houtermans, den Ardenne beschäftigt, obwohl er zur den Nazis politisch verdächtig ist, leistet von Ardenne bis zum Ende des 2. Weltkrieges wesentliche Forschungsarbeit zur
Urananreicherung.
von Ardenne: „Und da waren unterirdische Bunker ... voll arbeitete.“ (0’22“)
Die Möglichkeit, rechtzeitig in den deutschen Westen zu ziehen und sich in die
Hände der Amerikaner zu begeben, hat Ardenne abgelehnt, weil er in diesem Fall den Großteil seines Laboratoriums hätte aufgeben müssen. Dieses konsequente Festhalten an seinem Institut ermöglicht es ihm auch
später in der DDR als einer der wenigen weltweit herumzureisen. Der Dresdener Totalitarismusforscher Professor Gerhard Barkleit bringt es in einer jüngst erschienenen Biographie zu Manfred von Ardenne auf den
Punkt:
„Die Anstrengungen, es vor Schaden zu bewahren und als privaten Besitz zu erhalten, ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Biographie. Formelhaft zugespitzt galt: Wer das Institut hat,
der hat auch Ardenne.“
Zwei Tage nach der Kapitulation stellt Ardenne in einem direkt an Stalin gerichteten Brief seine Arbeit in die Dienste der russischen Regierung. Er wird von den Russen zu einem Besuch in Moskau
eingeladen, wie man das so nennt. Und er bleibt dort zehn Jahre. Das ist die Frist, die die Alliierten vereinbart hatten, um von den aufgegriffenen deutschen Top-Forschern, eine wissenschaftliche
Wiedergutmachung in der Nachkriegszeit zu verlangen.
Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wird Manfred von Ardenne von Stalins Geheimdienstchef Berija an die Schwarzmeerküste
geschickt, wo er zusammen mit zwei anderen Gruppen deutscher Atomforscher an Programmen zur Herstellung einer russischen Atombombe arbeitet. Ein Großteil seines Lichterfelder Laboratoriums wird in mehr als 700
Kisten nach Suchumi verfrachtet, darunter auch das halbfertige 60-Tonnen-Zyklotron. In seinem georgischen Institut entwickelt er einen magnetischen Isotopentrenner zur gefahrlosen Gewinnung radioaktiver
Spaltprodukte sowie eine Ionenquelle, einem entscheidenden Baustein für die Teilchenbeschleunigung.
1955 nach dem Tode Stalins und dem Ablauf der 10-Jahres-Frist durfte von Ardenne die UdSSR wieder
verlassen. Er entschied sich für die Ansiedlung in Dresden, denn wäre er in den Westen gegangen hätte er sein ganzes Laboratorium, in Georgien zurücklassen müssen.
In Verhandlungen mit Walter
Ulbricht, der in Ardenne seinen Vorzeigewissenschaftler sieht, gelingt es ihm, sein Institut als privatwirtschaftlich verfasstes Unternehmen zu etablieren. Manfred von Ardenne wendet sich nun der medizinischen
Forschung zu. Er entwickelt Radiosonden für medizinische Untersuchungen. Er schlägt neuartige Verfahren zur Bekämpfung des Krebses vor, die „Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie“ und die „systhemische
Krebs-Mehrschritt-Therapie“, die er in Verbindung mit selbstentwickelten Geräten an einer eigenen Klinik in Dresden erforscht. Allerdings sind die Therapien bis heute umstritten.
Für den Export bis
hin nach Japan und Brasilien entwickelt sein Institut Elektronenkanonen zum Schweißen und Plasma-Feinstrahlbrenner zum Schneiden von Metall.
Von Ardenne geht in die Politik. Er wird zwar kein
Mitglied der SED, ist aber als Präsidiumsmitglied des Kulturbundes der DDR Volkskammerabgeordneter. Im DDR-Parlament betätigt er sich ganz im Sinne der Staatspartei, wie etwa in der folgenden Rede, die er
anlässlich der Verabschiedung des Gesetzes zum einheitlichen sozialistischen Bildungssystem 1965 gehalten hat:
von Ardenne: „Das Gesetz über ... missbraucht wird.“ (0’35“)
Bis zum Ende der DDR schafft Ardenne es, sein Institut als privates Unternehmen durchzubringen, auch gegen den Widerstand von Erich Honecker, der es 1972 verstaatlichen will. Zur Wendezeit arbeiten in Dresden
mehr als 500 Mitarbeiter für den umtriebigen Wissenschaftler. Wie das möglich sein konnte erklärt sich der Ardenne-Forscher Professor Gerhard Barkleit so:
„In der DDR angekommen, stellte er zügig und zielstrebig belastbare Beziehungen zu den drei Säulen der aus Staatspartei, Staatsapparat und Staatssicherheit bestehenden Führungstrias her,
eine Strategie, die nicht nur den raschen Zugriff auf Ressourcen sicherte und damit sein Überleben als Unternehmer garantierte, sondern auch seinen raschen Aufstieg zum Vorzeigewissenschaftler des
SED-Regimes ermöglichte.“
Die fallweise Kooperation mit den jeweiligen Geheimdiensten liegt somit auf der Hand. Doch für Ardenne gab es auch Grenzen seines Arrangements mit der Macht – so Barkleit - die er nie überschritt:
er identifizierte sich nie mit der politischen Macht.
Ardenne, der auf Grund seiner zahlreichen Reisen ins westliche Ausland durchaus die Lage in der DDR einzuschätzen wusste, ging seit den 70er
Jahren zunehmend auf Distanz:
von Ardenne: „Das war eine Zeit ... Reformen vorzuschlagen.“ (0’49“)
Nach der Wende brach die wirtschaftliche Basis seines Instituts zusammen, denn
die Abnehmer aus der DDR-Wirtschaft und den sozialistischen Nachbarländern machten reihenweise pleite. Sein Institut schrumpfte auf 220 Mitarbeiter in zwei eigenen Bereichen, dem medizinischen Bereich und dem
Anlagenbau.
Am 26. Mai 1997, fünf Monate nach seinem 90. Geburtstag starb Manfred on Ardenne in Dresden.