Wer in diesen Tagen in Berlin des Nachts auf Pro 7 einen Spielfilm aufnehmen will und noch immer per Hausantenne empfängt, erlebt sein blaues Wunder.
Irgendwann bricht die Aufzeichnung ab. Der Sender wird gegen 1 Uhr vorübergehend abgestellt. „Es handelt sich um technische Vorarbeiten für die Umstellung auf den Digitalempfang. Da müssen Techniker auf die Sendetürme
und die sollen nicht von den Funkwellen gegrillt werden.“ sagt Sascha Bakarinow von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB).Am 1. November ist es soweit: dann werden Pro 7 und RTL 2 kurzzeitig auf eine
schwächere analoge Sendefrequenz verschoben, bevor sie zum 1. März 2003 zusammen mit den anderen Privatsendern RTL, Vox und Sat.1 ganz von der analogen Mattscheibe fliegen. Auf den bisherigen Frequenzen werden dann die
Programme in digitaler Technik ausgestrahlt. Spätestens zur kommenden Funkausstellung sollen schließlich auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihre analoge Verbreitung in der Hauptstadtregion einstellen.
Wer dann noch mit Hausantenne seine Programme sehen möchte, der muß sich eine spezielle Set-Top-Box für das terrestrische digitale Fernsehen (DVB-T) besorgen. Dafür allerdings wird er dann in Berlin und Umgebung nicht
mehr nur 12 Fernsehprogramme empfangen, sondern doppelt so viele zuzüglich einer Reihe von Datendiensten und digitalem Radio.
Die Industrie hat dem MABB-Direktor Hans Hege versprochen, bis zur ersten
Abschaltung terrestrische Geräte für unter 200 e auf den Markt zu bringen. Doch Mitte Oktober ist davon wenig zu sehen in den Läden und zahlreiche Hersteller bieten auch überflüssigen Schnickschnack wie MHP oder
Common-Interface-Module, was die Preise nach oben treibt.
Die MABB schätzt, dass bis zu 200 000 Haushalte in Berlin und Umgebung von der Abschaltung des analogen Fernsehens betroffen sein werden. Aber das
vernachlässigt die Zahl der Zweit- und Drittgeräte in Satellitenhaushalten. Für die Betroffenen bedeutet die Abschaltung, dass jedes Empfangsgerät demnächst eine zusätzliche Set-Top-Box benötigt, jeder Videorecorder und
jedes tragbare oder Kleingerät im Kinderzimmer. Wer dann sagt, ich stelle komplett auf Satellitenempfang um, der ahnt jetzt noch nicht, dass alleine die zusätzlichen Installationskosten (Schüssel, Verteiler, Kabel,
Bauarbeiten) leicht einen vierstelligen Euro-Betrag verschlingen können. Aber auch terrestrisch muß für jede Empfangsstelle mit weiteren 200 e gerechnet werden, sonst bleibt der Bildschirm schwarz.
Juristisch betreten die MABB und die Fernsehanstalten totales Neuland. Lediglich Sozialhilfeempfänger und Gebührenbefreite bekommen eine kostenlose Box, zum Teil gesponsert aus Mitteln der Fernsehlotterie. Unter den
anderen Zuschauern dürfte es sicher den ein oder anderen geben, der sich enteignet fühlt und sein Recht auf analoge TV-Versorgung einklagen will, zumindest solange, bis sein alter Fernsehapparat seinen Geist aufgegeben
hat und er sich im Rahmen der Ersatzbeschaffung ein neues Gerät kauft.
Eine solche Parallelausstrahlung von analogen und digitalen Signalen aber wollen die deutschen Fernsehanstalten auf alle Fälle
vermeiden, denn erstens kämen sie auf Jahre hinaus nicht in den Genuß der Kosteneinsparungen, die die digitale Technik mit sich bringt. Und zweitens blockiert eine weitere analoge Ausstrahlung die Fernsehkanäle, auf der
die digitale Vielfalt in die Häuser kommen soll.
Dabei hat Berlin Pilotfunktion, nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt: nirgendwo anders ist das analoge Fernsehen bisher abgeschaltet worden. Weltweit
schauen daher die Experten auf die Erfahrungen in der deutschen Hauptstadt.
Nicht auszuschließen ist, dass es in Berlin zu vehementen Protesten der Zuschauer kommen wird. Je näher der Tag der dunklen
Mattscheibe rückt, umso mehr werden sich die Zuschauer der Konsequenzen bewußt. Auch bei der Volkszählung 1984 wuchs der Widerstand plötzlich rasant an.
Anderswo mehren sich die skeptische Stimmen über
diese Form der radikalen Abschaltung ebenfalls. In den USA hat gerade erst ein Ausschuß des Kongresses über die dort für 2007 geplante analoge Abschaltung debattiert. Eliot Engel, demokratischer Kongressabgeordneter,
befürchtet vehemente Zuschauerproteste und das damit die Karriere so manches Politikers besiegelt werde.
Auch das Marktforschungsunternehmen Forrester Research rechnet in einer jüngsten Studie mit massiven
Protesten in Europa, wenn der analoge Bildschirm schwarz bleibt. Andere, wie der Kabelnetzbetreiber ewt oder Berliner Wohnungsbaugesellschaften schüren das Feuer, um so den betroffenen Zuschauer ein Kabelabonnement
aufzuschwatzen.
Für Hans Hege allerdings ist dies kein Beinbruch. Auch wenn die Berliner das terrestrische digitale Fernsehen nicht wollen: digitalisiert wird früher oder später ohnehin. Dann aber müssen
sich die Haushalte komplett ans Kabel oder an die Satellitenversorgung anschließen. Und die, die sich den terrestrischen Decoder besorgt haben, bleiben auf ihrem Elektronikschrott sitzen.