(Langfassung eines Artikels aus der taz v. 29. 8. 03)
Preisfrage: es wurde vor Jahrzehnten in Deutschland entwickelt, die Technik ist toll, seit Jahren gibt es Referenzinstallationen und massive Unterstützung
durch die Politik, das Interesse der potentiellen Nutzer dagegen tendiert gegen Null und gebaut wird in China.
Falsch: nicht vom Transrapid ist die Rede, sondern von DAB (“Digital Audio Broadcasting”), dem Standard,
der eigentlich das UKW-Radio ablösen soll.
Mittlerweile zum fünften Mal wird auf der heute beginnenden Internationalen Funkausstellung (IFA) der Durchbruch von DAB beschworen - und er wird wieder nicht kommen.
Es
liegt nicht an den Rundfunkveranstaltern, den Sendenetzbetreibern, der Politik, den fehlenden Geldern oder mangelnden neuartigen Programmen. Da ist in den vergangenen Jahren genug an Vorleistung erbracht worden.
Mittlerweile ist praktisch ganz Deutschland mit einem DAB-Sendernetz für mindestens zwölf Digitalradioprogramme überzogen worden. Die öffentlich-rechtlichen Sender betreiben massenhaft DAB-Wellen und selbst die
Privatsender haben sich noch immer nicht ganz aus DAB zurückgezogen. Im Gegenteil: sie lassen durchaus Bereitschaft erkennen, sich in Zukunft auch wieder in DAB zu engagieren.
Es ist schlichtweg die Geräteindustrie
und der Handel, die sich seit Jahren nicht bemüßigt fühlen, billige Empfangsgeräte auf den Markt zu bringen. Dort wo beim digitalen Fernsehen in kaum zehn Jahren seit Start der technischen Entwicklung (!) die
Gerätepreise schon z.T. unter 100 Euro gefallen sind, kriegen es die DAB-Hersteller seit zwanzig Jahren nicht auf die Reihe, preiswerte Digitalradios für den Alltag auf den Markt zu werfen.
Aktiv sind in Deutschland
lediglich Blaupunkt und Grundig sowie einige sehr kleine Geräteschmieden auf dem Markt. Bei Grundig weiß jeder über die Lage des Unternehmens Bescheid, die keine weiteren Marktexperimente derzeit zulassen. Und Blaupunkt
- einst der führende DAB-Entwickler in der Industrie - beackert borniert nur den Autoradiomarkt. Doch Autokonzerne wie VW, die einen Massenstart der Geräte in Gang bringen sollen, finden die Blaupunkt-Receiver wenig
geeignet für die Aufnahme in ihr Standardausstattungsprogramm.
Auch die Japaner wie Sony und Panasonic bieten zwar DAB-Geräte an, aber die wurden seit Jahren nicht weiterentwickelt. “Versuchen Sie mal einem
Vorgesetzten in Japan davon zu überzeugen, dass wir bei DAB weiter machen müssen.” so ein deutscher Verantwortlicher für die Produktentwicklung bei einem japanischen Konzern.
Alle Welt starrt mittlerweile auf England.
Auf der Insel scheint es mit DAB endlich voran zu gehen. Mehr als 135 000 Geräte waren dort bis Ende 2002 (Schätzungen für Deutschland pendeln zwischen 20 000 und 50 000 Geräten) verkauft worden und für dieses Jahr
peilt man die Gesamtmarke von 350 000 Empfängern an.
Dort stehen die ersten Küchenradios für unter 100 £ (ca. 150 Euro) in den Schaufenstern. Und die ersten großen Mediensupermärkte haben DAB-Radios in ihr Sortiment
aufgenommen. Das Baseler Forschungsinstitut Prognos empfiehlt daher in einer jüngsten Studie auch der deutschen Rundfunk- und Gerätewirtschaft, nach dem englischen Modell vorzugehen. Noch gebe es eine realistische
Chance für DAB.
englisches Billiggerät Evoke
Doch dieser Ratschlag verkennt viele britische Eigentümlichkeiten. So hat sich auch auf der Insel die Industrie lange geweigert, überhaupt billige Empfangsgeräte zu
entwickeln. Erst als der private DAB-Sendernetzbetreiber “Digital One”, der z.T. auch den großen privaten Radiogruppen in Großbritannien gehört, mit Millionenaufwand
eine Gerätestudie für ein Billigradio in Auftrag gab, kam der Empfänger auch in - einige wenige - Läden. Und gebaut wurde es in der VR China - ein Armutszeugnis für eine
Technologie, die in den 80er Jahren in Europa entwickelt wurde, um der heimischen Industrie wieder einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der fernöstlichen Konkurrenz zu verschaffen.
Glyn Jones, Betriebsdirektor bei Digital One, warnte im April vor übertriebenen Hoffnungen auf ein Billigradio: “Für euch in Deutschland wird so ein Gerät gleich 50 % mehr kosten, weil ihr
noch weitere Frequenzbereiche abdecken müßt.” Also ab 225 Euro aufwärts. Hoffnungen, dass die englische Industrie die Rolle übernehmen könnte, die weder Blaupunkt noch Sony
oder Philips spielen wollen, und die kontinentaleuropäischen Märkte mit Billiggeräten versorgt, dürften ebenfalls übertrieben sein. Bei den Geräteherstellern auf der Insel handelt es sich
meist um kleine Unternehmen der zweiten oder dritten Garde, die über keinerlei Vertriebsstruktur in Resteuropa verfügen.
Und so muss auch Annika Nyberg, Direktorin beim Finnischen
koreanischer Miniempfänger von Perstel. Wer kennt Perstel, Pure, Tag McLaren, Ministry of Sound?
Rundfunk und Vorsitzende der internationalen DAB-Lobby “WorldDAB” eingestehen, dass selbst in ihrem Land höchstens ein paar Blaupunkt
DAB-Autoradios in Betrieb sind. Von einem Aufrollen der europäischen Märkte kann nicht die Rede sein.
Die Politik hat in Teilbereichen erkannt, dass etwas getan werden muss für die Einführung von DAB. Von Kurt Beck
bis zum Direktor der NRW-Landesanstalt für Medien, Norbert Schneider hat sie im Laufe dieses Jahres noch einmal mehrere Versuche unternommen, mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen. Die
Bundesregierung will sogar im jetzt anstehenden neuen Telekommunikationsgesetz den Stopp des UKW-Radios für 2015 festschreiben. Und heute lädt die ARD noch mal zu einer großen Podiumsdiskussion im Rahmen der IFA ein.
Letztlich aber führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass DAB ohne ein massives Engagement von Geräteindustrie und Handel innerhalb der nächsten zwei Jahre gestoppt werden muss.