Vier große Themen prägten das diesjährige Symposium der Deutschen TV-Plattform, das unter dem Motto “Digitale Netze – Kooperation und Wettbewerb“ am
22. April in Düsseldorf stattfand: die Digitalisierungsstrategie für das Kabel, die neue Norm DVB-H, Fragen des Rechtemanagements im digitalen Fernsehen und – eine Rückkehr zu den Wurzeln der TV-Plattform – HDTV. Herbe Kritik musste die mit neuen Muskeln angetretene Kabel Deutschland (KDG) einstecken, deren Direktorin Regulierung, Beate Rickert, die künftige Strategie des Unternehmens auf dem Kabelmarkt zu erläutern
versuchte. Zwar bekräftigte Rickert, dass die KDG sich nicht auf dem deutschen Markt als Inhalteanbieter betätigen werde, „weil uns dafür das Know-how fehlt.“ Und ebenso bestätigte sie, dass sich die KDG vollkommen aus
dem Receivermarkt zurückziehen werde, um einen offenen Kaufmarkt für Kabelreceiver zu etablieren. Andererseits jedoch beharrt das Unternehmen auf bestimmte Ansätze, um Kunden an ihr Unternehmen zu binden. Mit diesem
Argument rechtfertigte sie die Forderung der KDG nach Grundverschlüsselung der von ihr verteilten Programme und die Adressierbarkeit: „Wir wollen die Adressierbarkeit, um Schwarzseher abschalten zu können und
Kundenbindungen aufzubauen, um personalisierbare Angebote zu unterbreiten.
Rickert betonte auf der anderen Seite, dass sich die KDG darauf festgelegt hat, MHP und als erster europäischer Kabelnetzbetreiber
den Common-Interface-Standard zu unterstützen. Darüber hinaus gebe es eine Reihe von Mindestanforderungen bei Jugendschutz, Urheberrechtsschutz und Kundenbetreuung, die die Boxen für einen offenen Kabelreceivermarkt
erfüllen müssten.
Gegen die Position von Rickert sprach sich Georg Lütteke, von Philips Consumer Electronics aus. Er verwies insbesondere darauf, dass die Zugangskontrolle in den inzwischen technisch
möglich gewordenen Hausnetzen zur Verteilung von digitalen Signale aus Computer und Unterhaltungselektronik schwierig wird. Die Kontrolle müsse an den Netzübergangspunkten erfolgen, weil sonst für jedes Endgerät in den
Wohnungen ein eigener Decoder mit Conditional-Access-Technik erforderlich sei. Dies wiederum würde die Geräteausstattung der Haushalte enorm verteuern. Im übrigen gehöre der Decoder nicht zum Netz, so Lütteke. „Der
Verbraucher gehört keinem.“
Auch Hans Hege, Chef der Berlin-Brandenburger Medienanstalt MABB gab Rickert Nachhilfe: Nicht Pay-TV, sondern das Free-TV-Angebot sei der Erfolgsgarant für das Kabelfernsehen in
Deutschland. Und Free-TV sei auch der eigentliche Treiber für digitales Fernsehen, nicht die Spartenkanäle wie in anderen Ländern. Die säßen in einer „Finanzierungsfalle“. Durch das für Deutschland typische Angebot von
Free-TV in Kabel und Satellit sei deren Nischenexistenz nicht gesichert, weil sie sich nicht über Kabelentgelte refinanzieren könnten.
Hege gab schließlich zu bedenken, dass das von der KDG und anderen
Kabelnetzbetreibern favorisierte Modell der Pay-TV-Vermarktung bzw. der Grundverschlüsselung das bisher so erfolgreiche Modell der Umlage der Kabelfernsehentgelte auf die Miete in Frage stellen werde.
Ulrich Reimers, Professor für Nachrichtentechnik an der TU Braunschweig und Vorsitzender der technischen Kommission des europäischen DVB-Projektes stellte in Details einen neuen DVB-Standard vor. DVB-H – H für Handheld,
also tragbare Kleinempfänger wie Handys oder PDA-Computer – soll die Möglichkeit zur Verschmelzung von Rundfunk und Telekommunikation bringen. In so genannten „hybriden Netzen“, also Netze, die sowohl
Telekommunikations- als auch Rundfunkanwendungen ermöglichen sollen verschiedenste Formen von Diensten erprobt werden. So wäre vorstellbar, dass Mobilfunkunternehmen gewisse Standardanwendungen für eine große
Abonnentenzahl, wie etwa Bundesligaergebnisse und –Spielberichte nicht über Mobilfunknetze an ihre Abonnenten verteilen sondern über DVB-H.
DVB-H wiederum setzt auf dem Standard für das digitale
terrestrische Fernsehen, DVB-T auf. Die Verteilung der Informationen findet über DVB-T-Kanäle statt. Zur Erprobung von DVB-H will die MABB schon in Kürze einen zusätzlichen DVB-T Kanal „und möglicherweise noch weitere
Kapazitäten im existierenden DVB-T-Kanalraster“ so Hege für Testzwecke zur Verfügung stellen. Berlin wäre dann nach Helsinki und Pittsburgh die dritte Testregion weltweit für die neue Technologie. Eine Reihe von
Vertretern aus der Mobilfunkbranche folgten entsprechend interessiert dem Vortrag von Ulrich Reimers.
Im Übrigen – so Reimers – sei mit neueren Codierungsverfahren auch eine effektivere Übertragung von
Fernsehbildern und Hörfunkprogrammen im DVB-H-Modus denkbar.
Um den Anforderungen der Telekommunikationswirtschaft für eine lückenlose Versorgung gerecht zu werden, muss allerdings auch für eine bundesweite
Flächendeckung im DVB-Spektrum gesorgt werden. Wolfgang Becker, inzwischen pensionierter Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, aber immer noch Koordinator der „Initiative Digitaler Rundfunk“ kündigte an, dass
die Bundesregierung auf der am 10. Mai beginnenden so genannten „Stockholm-Nachfolgekonferenz“ zur Neuverteilung der Frequenzressourcen in Europa in Genf mindestens sechs flächendeckende Bedeckungen für DVB-T für
Deutschland beantragen werde, „darunter zwei zur Nutzung von DVB-H in den ländlichen Gebieten.“ Im Klartext: mindestens in zwei DVB-T-Kanälen können bundesweit Rundfunk wie Telekommunikations- und Datendienste
verteilt werden.
Dietrich Westerkamp, zuständig für technische Standards bei Thomson, referierte schließlich über die Renaissance des hochauflösenden Fernsehens. Schon seit einigen Monaten wächst die
Diskussion insbesondere in den Kreisen der Computernutzer und der Nutzer hochwertiger Unterhaltungselektronik in Deutschland zum Thema HDTV wieder an. Plazamedia, der technische Dienstleister der ProSiebenSat1-Gruppe,
übertrug beispielsweise am letzten Märzwochenende das Top-Spiel der Bundesliga VfB Stuttgart-Werder Bremen in hochauflösenden Bildern. Und auch Premiere experimentiert mit der HDTV-Technik. Empfangbar sind die Bilder
über einen Satellitenkanal, den das belgische Unternehmen „Euro 1080“ auf Astra angemietet hat
Über den Umweg der DVD und der hochauflösenden Computerbildschirme finde HDTV nun auch Einzug in die
Haushalte. Auf Produktionsseite sei es inzwischen so, dass beispielsweise die BBC mehr als 50% ihrer Produktionen in HDTV aufzeichne, so Westerkamp. Hintergrund hierfür sei der bedarf nach hochwertigen Aufzeichnungen
für das Archiv zur späteren Verwendung aber auch zur Weitervermarktung an andere Sender. Außerdem befasse sich die BBC auch verstärkt mit der Auswertung ihrer Produktionen auf DVD.
„Von verschiedenen Seiten werden die
Mehrkosten einer HDTV-Produktion im Vergleich zu einer Produktion in Standard-Auflösung mit 10-15 % angegeben.“ referierte der Thomson-Manager.
Dementsprechend habe die Deutsche TV-Plattform zu Jahresbeginn
eine Arbeitsgemeinschaft zu HDTV ins Leben gerufen, die in einer konzertierten Aktion Wege zu HDTV in Deutschland entwickeln soll.
Zu guter letzt referierte Wilfried Geuen von Panasonic über die
bestrebjungen für ein Rechtemanagement im digitalen Fernsehen. Anders als etwa in den USA, wo es schon einschlägige Gesetze gebe, die die Weiterverbreitung von digital aufgezeichneten Fernsehbildern selbst an Nachbarn
und Freund unterbinde, sei hier in Europa dieses Thema noch gar nicht groß im Bewusstsein der Öffentlichkeit und auch nicht der Fachwelt verankert. Auch die Europäische Union mache hier keinen Druck. Verschiedene neue
Direktiven lägen zwar auf dem Tisch und würden in den Gremien diskutiert, übten aber keinen Druck auf die Industrie aus.
Die wiederum arbeite schon seit 1999 in einer Arbeitsgruppe des DVB-Projektes an
entsprechenden Verfahren für das Digital Rights Management (DRM). Die steigenden Verkaufszahlen für digitale Festplattenrecorder erhöhten aber mittelfristig den Problemdruck.
Geuen machte allerdings
deutlich, dass gerade Hollywood derzeit „enorme Aktivitäten im Bereich DRM“ vorantreibe. Die Interessen der amerikanischen Filmindustrie an einem Schutz vor Weitergabe digital aufgezeichneter Filme werden auch in den
Verhandlungen mit den Sendeanstalten in Europa eine zunehmen wichtigere Rolle spielen.
Am selben Tag veranstaltete übrigens der „Münchener Kreis“ in der Bayrischen Landeshauptstadt eine Konferenz, in der
u.a. auch neue technische Verfahren aus der Kombination von Hardware-Authentifikation und Software-Decodierung vorgestellt wurden.
-boff-