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Aufbruchstimmung spürbar

Aufbruchstimmung spürbar

Forderung nach „Erheblicher Anschubfinanzierung“ auf dem DAB-Symposium der ARD

(Langfassung eines Artikels aus epd 70/03)

Weitgehend einig zeigten sich die Diskutanten auf dem Symposium der ARD zum Thema DigitalRadio am 29. August auf der IFA. Angesichts der anstehenden Wellenplankonferenz 2006 in Genf (sog. „Stockholm-Nachfolgekonferenz“), die für eine neue Verteilung der Frequenzressourcen für Rundfunk und Telekommunikation in Europa sorgen soll, muss DAB in den nächsten Monaten einen spürbaren Schub nach vorne bekommen. „Die Politik ist massiv gefordert.“ so der SWR-Intendant Peter Voß, der neben anderen Rednern auch noch einmal erhebliche Zuschüsse für die Einführung der Technik forderte. Thomas Hirschle, Präsident der baden-württembergischen Landesanstalt für Kommunikation, formulierte in einer von sieben Thesen: „Die Einführung von DigitalRadio wird nicht marktgetrieben gelingen. Es bedarf einer erheblichen Anschubfinanzierung.“

Wie diese allerdings aussehen soll, wie der in Rede stehende Digitalisierungsfonds der Landesmedienanstalten konkret gefüllt werden soll, dazu blieb einer Antwort schuldig.

Zu Beginn der Veranstaltung fand die Hörfunkdirektorin des Westdeutschen Rundfunks, Monika Piel, ziemlich deutliche Worte, als sie den Status Quo  und die kurz- bis mittelfristige Zukunft von DigitalRadio beschrieb: „Das Publikum interessiert nicht der gute Klang, wie die Zahl der bisher verkauften DAB-Geräte zeigt. Auch Textinformationen interessieren die Nutzer nicht. Wir strahlen schon heute im analogen Hörfunk Textinformationen aus und stellen immer wieder fest, dass die Hörer sie nicht nutzen.“

Eine Absage an technische Spielereien der Entwicklungsingenieure, die in der Vergangenheit immer wieder mit aufwendigen Zusatzfunktionen der Empfangsgeräte und darauf abgestimmte Programm- und Informationsangebote versucht haben, den „Mehrwert“ des digitalen Radios den desinteressierten Konsumenten schmackhaft zu machen.

Trotzdem verteidigte Monika Piel das DAB-System: „Radio wird digitalisiert werden müssen und Radio wird ein eigenes Empfangsgerät haben müssen. Die Entscheidung für DAB war richtig.“ In dieser Deutlichkeit eine lange nicht mehr gehörte ARD-Position nördlich des Mains.

Kritik richtete Piel - und nachher auch andere Redner - indirekt an die Adresse der Bundesregierung, als sie sich gegen die formale Festlegung auf ein konkretes Abschaltdatum für UKW wandte. In einem Gesetzentwurf für das neue Telekommunikationsgesetz, der derzeit im Bundestag beraten wird ist weiterhin vom Jahr 2015 als UKW-Ende die Rede.

Piel schlug stattdessen eine Abschaltregelung vor, die sich am Gerätedurchsatz in den Haushalten orientieren solle. Danach solle UKW abgeschaltet werden, wenn 95 % aller Haushalte über mindestens ein DAB-Empfangsgerät verfügten. Aus ihrer Sicht würden bis dahin noch mindestens 20 Jahre vergehen, bis man diese Regelung anwenden könne.

Zu den aktuellen Möglichkeiten der ARD, sich für DAB weiter zu engagieren meinte Piel, dass dies unter den gegenwärtigen finanziellen Umständen nicht möglich sei, ohne dass dies zu Lasten der UKW-Programme ginge. Trotzdem habe die ARD dieses Mal bewußt keine höhere Mittelzuweisung für DAB-Programme bei der KEF beantragt, weil in der Vergangenheit „fast schon reflexhaft“ diese Forderung von KEF und Politik abgeschmettert worden sie.

In sieben Thesen versuchte Thomas Hirschle die derzeitige unbefriedigende Situation bei der Einführung von DigitalRadio zusammenfassen. Auch Hirschle meinte, dass die Frage „Wann schalten wir UKW ab?“ nicht aktuell sei. Die Diskussion sei vielmehr sogar „unsinnig“: „Wir sollten mit dieser Frage nicht die Hörer schocken.“

Er bemängelte, dass es auch weiterhin keine Einführungsstrategie gebe, die DigitalRadio gerecht werde. Den Sendern warf er unter anderem vor, dass sie zu wenig für DAB würben, denn selbst für altbekannte Produkte wie Coca-Cola oder Aspirin werde weiter geworben: „Glaubt eigentlich irgendjemand, dass DigitalRadio ohne Werbung eingeführt werden kann?“

Der Presse warf Hirschle in einer These vor, dass sie aufhören solle Fehlinformationen zu verbreiten. Richtig sei beispielsweise, dass Digitalradio tauglich für den Inhouse-Empfang sei. Dem jedoch widersprechen Ingenieure aus seinem eigenen Hause, die anderswo in Vorträgen von Simulationen berichten, nach denen selbst bei einer verzehnfachten Sendestärke in Städten wie Stuttgart weiterhin ca. 50 % der Haushalte ihr Radio an die Dachantenne anschließen müßten, wenn sie denn ein DAB-Programm empfangen wollten.

Schließlich analysierte Hirschle auch die föderalen Strukturen, die sich als „verhängnisvoll“ auswirkten. Zum einen fehlten dadurch verbindliche Absprachen und zum anderem Lenkungsgremien mit Entscheidungskompetenz. Letztlich verhinderten die föderalen Strukturen auch das Aufkommen neuer innovativer (Sparten)Programme, die ein bundesweites Publikum interessieren könnten.

Wie mit solchen Spartenprogrammen das Interesse neuer Nutzergruppen geweckt werde, das sprach Simon Nelson von der BBC in seinem Vortrag an. Mit fünf neuen Programmen, die sich die BBC pro Jahr 30 Mio. e kosten lasse, spricht der Sender sowohl Sportliebhaber, Freunde von Hörspielen und Sportprogrammen, ein junges Musikpublikum und u.a. die asiatische Minderheit auf den Inseln an. Diese Programme sind nur digital zu hören, allerdings nicht exclusiv in DAB, sondern auch im digitalen Satellitenmultiplex des BBC-Fernsehens. Doch dies sei gute Werbung, so Simon Nelson: Wir haben festgestellt, dass 9,5 Mio. Nutzer einmal pro Woche Radio via DVB hören. Doch deren Nutzungszeit ist relativ kurz. Die aber wollen bestimmt bald auch DAB-Empfänger haben, um die Programme auch länger zu hören in der Küche oder sonstwo, jedenfalls nicht dort, wo sie an die TV-Set-Top-Box gefesselt sind.“

Insgesamt erwarten die Engländer in diesem Jahr, dass die Zahl der insgesamt dort verkauften DAB-Geräte in diesem Jahr von 135 000 Ende 2002 auf 350 000, Optimisten schätzen sogar auf 500 000 Empfänger ansteigen könnte. Damit wäre ein entscheidender Durchbruch erreicht, so Annika Nyberg, Programmdirektorin beim finnischen Radio YLR und Präsidentin der Weltweiten DAB-Lobby WorldDAB.

Dazu gehört, dass in Großbritannien schon eine Reihe von DAB-Empfängern auf dem Markt ist, die um die 100 £ kosten. Zahlreiche dieser Geräte waren auch auf dem Messestand, den die Initiative Marketing Digitalradio (IMDR) aufgebaut hatte, zu sehen. Die meisten dieser Geräte waren allerdings speziell für den englischen Markt konzipiert und nicht dazu in der Lage, den in Deutschland zusätzlich genutzten Frequenzbereich im L-Band wiederzugeben.

In deutschen Läden sind sie ohnehin kaum zu finden, weil die britischen und koreanischen Hersteller über keinerlei Vertriebswege auf dem europäischen Festland verfügen.

Neue Empfangsgeräte von den großen Namen der Unterhaltungselektronik-Industrie waren auch nicht zu sehen, wenn man einmal von einer verbesserten Version des Blaupunkt-Autoradios „Woodstock“ absieht.

Doch hochgerüstet mit Aufnahmefunktion und Speicherchipkarten für mp3-Musik ist das Gerät nicht dazu geeignet einen Massenmarkt zu entwickeln. Immerhin kündigte Wolf-Henning Scheider, Geschäftsführer von Blaupunkt endlich für das kommende Jahr eine „preiswerte Autoradiolinie“ an. Im Gegensatz zu den anderen Diskutanten forderte er aber ein klares Abschaltszenario für UKW und eine kurze Simulcastphase.

Josef Trappel, Leiter des Bereiches Medien beim Basler Forschungsinstitut Prognos appellierte an die Teilnehmer des Symposiums, sich nun zusammenzuraufen und die Chancen von DAB zu nutzen. Er definierte das Jahr 2003 als das eigentliche Jahr Null von DAB, als dem eigentliche Beginn der Einführung der Technologie und lag somit auf einer Linie mit denen, die sich - wie Hirschle - darüber beschwerten, dass man viel zu früh und zu optimistisch zu vergangenen IFAs die Marktreife von DAB herausposaunt habe.

Trappel warnte vor den Folgen der „Stockholm-Nachfolgekonferenz“, wenn man nicht mit einer festen Position für DAB in die Verhandlungen ginge. Dann würden Telekommunikationskonzerne den mangelnden Erfolg der Radiotechnologie dazu nutzen, die freien Funkfrequenzen für sich zu reklamieren und mit einer effektiveren Frequenznutzung für ihre Interessen werben.

Ein Vertreter der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft machte auf die Interessenlage des kleinen Nachbarn aufmerksam, der naturgemäß nicht zu den Vorreitern der Technologie gehören, sondern erst in einer zweiten Welle verstärkt einsteigen könne: „Deutschland wird stark beobachtet, denn wenn Deutschland an DAB zweifelt, dann räumt Frankreich sein Fernsehband III nicht und dann können weder die Schweiz insgesamt noch Deutschland an seiner Westgrenze viel für DAB tun. Damit aber wird DAB in Zentraleuropa nicht laufen.“

In der Folge der Diskussion zeichnete sich ab, dass sich verschiedene Akteure im DAB-Umfeld nun noch einmal zusammensetzen wollen und die Technologie durch vereinte Bemühungen, insbesondere auch durch Einflußnahme auf die Politik, ans Laufen zu bringen. Oft gehört in der Vergangenheit, doch diesmal schwang eine Ernsthaftigkeit mit, die selbst langjährigen Skeptikern nicht verborgen geblieben sein dürfte.

Auf die nächsten sechs bis neun Monate kommt es nun an. In dieser Zeit muss sich substantiell etwas bewegen und vor allem müssen die verantwortlichen die Industrie und den Handel in die Pflicht nehmen, um einen endgültigen Flop des DigitalRadios zu vermeiden.

Jürgen Bischoff

 

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