Home
aktuelles
Texte
HDTV
Archiv
Audios
Consulting
Medienwitzbolde
Ortszeit

Jetzt wird’s ernst

In Berlin wird das analoge Fernsehen abgeschaltet

    O-Ton Anne Will:  “3, 2, 1, Null”

    Atmo :  Raketenstart, Beifall

    Atmo: Zusammenschnitt TV-Geräusche (ca. 25”)

    O-Ton Anne Will:  “Es hat geklappt!. Das ist es.”

    Musik (Fehlfarben):  “... keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran...” (ca. 20”)

Sprecher:  35 Jahre, nachdem Willy Brandt einen roten Knopf gedrückt hatte und damit den Startschuß für das Farbfernsehen in Europa gab, kam dieser historische Apparat am 31. Oktober 2002 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom wieder zu Ehren. Diesmal waren es die Intendanten von gleich mehreren öffentlich-rechtlichen Sendern sowie die Geschäftsführer von privaten Rundfunkveranstaltern und Medienbehörden, die alle - kommentiert von “tagesthemen”-Moderatorin Anne Will - gemeinsam den roten Knopf drückten, um in Berlin einmal mehr Rundfunkgeschichte zu schreiben.

Doch anders als 1967 als die Fernsehbilder trotz farblicher Hochrüstung auch weiterhin auf den schwarz-weißen Bildschirm zu empfangen waren, war es diesmal erstmalig seit Einführung des Nachkriegsfernsehens vor 50 Jahren ein revolutionärer Schritt: in Berlin ging das digitale terrestrische Fernsehen auf den Sender. Diese Technik ist keine Weiterentwicklung des herkömmlichen Fernsehens, sondern eine Neuentwicklung. Und das verlangt den Zuschauern erstmalig erhebliche Opfer ab: in kaum mehr als zehn Monaten werden die alten Fernsehapparate in Berlin und Brandenburg unbrauchbar, wenn die Zuschauer sich bis dahin nicht eine sogenannte Set-Top-Box gekauft haben. Dies ist ein Gerät, das die neu ausgestrahlten digitalen Fernsehsignale für die alten Fernsehgeräte übersetzt. Die herkömmlichen analogen Funkfrequenzen werden Zug um Zug im Berliner Raum bis August nächsten Jahres abgeschaltet.

Und das ist die eigentliche geschichtliche Dimension, denn digitales Fernsehen gibt es ja schon seit längerer Zeit: in Deutschland über Kabel und in erster Linie über Satellit. Und auch terrestrisches digitales Fernsehen - also Fernsehen ausgestrahlt über die herkömmlichen erdgebundenen Sendetürme - gehört in anderen europäischen Ländern, wie etwa England, Schweden und Spanien seit drei bis vier Jahren schon zum Alltag. Nur: die herkömmliche analoge Verbreitung hat in diesen Ländern noch niemand abgeschaltet. Zu heikel ist dieses Problem in Ländern, in denen Kabel- und Satellitenempfang lange nicht so stark verbreitet ist, wie in Deutschland. Schlagartig schwarze Mattscheiben für die Hälfte der Bevölkerung, das will man sich nicht leisten.

Hierzulande dagegen - so sagen viele Experten aus der Fernsehbranche - nimmt die Zahl der Haushalte, die ihr Fernsehprogramm über die althergebrachte Dachantenne empfangen, rapide ab. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB):

    Hege:  In unsere Umfrage die wir gemacht haben im letzten Jahr vor der IFA waren es 150000 Haushalte nur terrestrisch und 90000 zusätzlich mit Zweitgerät also Terrestrik neben dem Satellitenempfang. Nun habe wir aus den überregionalen Statistiken die Vermutung, daß es inzwischen weniger geworden sind. Aber wieviel genau, wissen wir nicht. Aber das sind die Größenordnungen, glaube ich, mit dem wir rechnen können. Es sind etwa 7 Prozent der Haushalte. Damit liegen wir etwa im Bundesdurchschnitt. Im Brandenburg ist es im Ballungsraum auch etwa ähnlich. Je weiter es von Berlin weg geht, das sehen Sie aus eigener Erfahrung. Aber es gibt auch Regionen in Brandenburg, wo es auch gegen 0 geht.

Sprecher:  Ob diese Zahlen wirklich so stimmen, das wird sich erst in einem Jahr zeigen, wenn man anhand der verkauften Geräte wirklich berechnen kann, wieviel Haushalte tatsächlich betroffen waren. Sascha Bakarinow, bei der MABB zuständiger Projektleiter für die digitale Umstellung:

    Bakarinow:   Es gibt leider bis zum heutigen Tag kein verläßliches Material, aus dem sich heraus schließen läßt, wieviele Fernsehapparate nun tatsächlich an einer Dachantenne oder an einer Zimmerantenne hängen. Das macht es ein bißchen unübersichtlicher in der Steuerung der Kampagne. Wir können mit der Zahl von 150 000+ viel zu hoch gegriffen haben, wir können aber genausogut viel zu niedrig liegen mit dieser Annahme.

    Wir haben auch keine Chance, irgendwo durch Bilder, durch Messungen oder ähnliches herauszubekommen, wieviele Haushalte tatsächlich betroffen sind. Der Aufwand, der dort betrieben werden müßte, würde in keinem Verhältnis dazu stehen, zu dem Erfolg, den man dadurch erreichen kann.

Sprecher:  Nun weisen Studien in den anderen großen Ballungsräumen der Republik, etwa in München oder in Hamburg schon immer weitaus höhere Zahlen für den terrestrischen Fernsehempfang aus als im Bundesdurchschnitt. Das hat u.a. damit zu tun, dass in diesen Regionen die Programmvielfalt im Äther immer etwas höher war als in den ländlichen Räumen und vor allen Dingen auch private lokale und regionale Programme zu empfangen waren. Für Hamburg und München lagen diese Zahlen vor zwei Jahren zwischen 16 und 18 % - allerdings auch dort mit abnehmender Tendenz.

Doch gerade am Beispiel Berlin und Umgebung vernachlässigt diese Rechnung oft auch, dass gerade auch die Satellitenhaushalte an ihren Masten oft genug noch eine herkömmliche Antenne befestigt haben. Das hat damit zu tun, dass der ORB und der SFB mit ihren Dritten Fernsehprogrammen erst als letzte der ARD-Anstalten vor kaum mehr als 2-3 Jahren auf den Satelliten aufgeschaltet wurden. B1, das dritte Fernsehprogramm des SFB ist mit analoger Schüssel auch jetzt noch nur in den Abendstunden aus dem All zu empfangen.

Auch ein Blick über die Dächer, etwa von der Dachterasse des Karstadt-Kaufhauses am Neuköllner Hermannplatz zeigt noch einen erstaunlichen Antennenwald, ebenso ein Rundgang durch die Straßen in den Außenbezirken. Dort stehen Häuser ohne jegliche Empfangsvorrichtung auf dem Dach. Dort darf man Kabelanschluß vermuten, aber neben zahlreichen Satellitenschüsseln sieht man immer wieder auch Dachantennen, die die 7-%-Marge in Zweifel ziehen. Nicht zu vernachlässigen auch die Zweit- oder Drittgeräte in den Satellitenhaushalten, die dort Kinder- oder Schlafzimmer mit Fernsehunterhaltung versorgen.

All diese Haushalte werden von der Umstellung betroffen sein. Klaus Hamann, Kundendienstleiter beim großen Neuköllner Fachhändler Clavis zieht aus seiner Erfahrung die Zahlen ebenfalls in Zweifel:

    Hamann:  Ich schätze, daß die Zahl der potentiellen Anwender wesentlich höher ist, weil man ja außer acht gelassen hat, daß die Kabelanschlüsse, daß da überlegt wird, umzusteigen und auf den terrestrischen Empfang, einfach um die laufenden Gebühren zu sparen. Und wir haben ja sehr viele Single-Haushalte in Berlin, wir haben sehr viele Haushalte mit älteren Menschen, obwohl tatsächlich nur ein Gerät steht, wo die ja die Problematik der Doppelanschlüsse gar nicht gegeben ist. Und ich glaube, daß da die Zahlen, die da genannt werden, nicht realistisch sind, daß da der Bedarf doch wesentlich höher sein wird.

    Atmo:  Spot:“Der Umstieg hat begonnen ... scharf auf Antenne?” (0’32”)

Sprecher:  Mit diesem Fernsehspot werden die Haushalte in Berlin seit Mitte Oktober nun auf die Umstellung auf die digitale terrestrische Fernsehausstrahlung vorbereitet. Bei Clavis macht man nun schon die ersten Erfahrungen mit den Kunden, die aus Fernsehen und Presse etwas von der neuen Zeit erfahren haben. Klaus Hamann:

    Hamann:  Ein Hauptproblem bei der Reaktion ist der doch relativ hohe Preis, der ja anfällt für die Boxen. Und es wird z. T. geschimpft, z. T. Ist Verständnis, z. T. ist Neugierde. Die Leute - ja, durch die fehlende Information - sind sie doch recht verunsichert.

    Frage:  Ja, sind sie denn dann bereit, Geräte zu kaufen, oder sagen sie: nein, dann sind vielleicht Kabel oder Satellit für mich interessanter?

    Hamann:  Also, wir haben doch schon sehr viele Geräte verkauft. Es geht ganz unterschiedlich. Viele Kunden wollen noch abwarten. Problem ist, daß bisher noch bis auf einen Sender keine Abschaltungen erfolgt sind, so daß der Druck noch nicht da ist, daß man eben umstellen muß.

    Frage:  Was würde das denn für einen solchen Haushalt bedeuten? Nehmen wir an, wir haben ein Fernsehgerät im Wohnzimmer stehen, vielleicht noch eines im Kinderzimmer und vielleicht noch einen Videorecorder.

    Hamann:  Das bedeutet im Augenblick, daß man für jedes Gerät eine eigene Set-Top-Box hat und bei Preisen im Augenblick von 179 - 199 Euro, sind das natürlich bei drei Geräten fast 600 Euro, die da anfallen,, allerdings dann mit dem Vorteil, daß man keiner weiteren - bis auf die Fernsehgebühren, die er in jedem Falle anfallen - keine weiteren Gebühren hat.

    Frage:  Und wenn die Kunden diese Zahlen hören, wie reagieren die dann?

    Hamann:  Ganz unterschiedlich: von totaler Ablehnung bis Schimpfen: "Was die da mit uns machen! Das wird einfach bestimmt! Keiner fragt uns! " bis zur ja doch jetzt allgemein auftretenden Resignation, die sagt: " Na, da müssen wir in den sauren Apfel beißen und diese Anlagen kaufen. "

    Atmo:  Reaktionen auf der Straße (ca. 1’20”)

Sprecher:  Sascha Bakarinow von der MABB rechnet allerdings nicht mit größeren Protesten der Zuschauer, auch wenn der eigentliche Prüfstein für das Projekt der 28. Februar nächsten Jahres erst sein wird. Dann nämlich werden die Zuschauer zum ersten mal konkret erleben, was der Umstieg bedeutet. Dann werden die privaten Programme im Berlin-Brandenburger Äther - die bis dahin noch auf schwächere Frequenzen verschoben worden sind - endgültig abgeschaltet. Auf den bis dahin genutzten Frequenzen soll dann ein breiteres Angebot an Programmen, so wie es bis jetzt vergleichbar in den Kabelnetzen zu sehen ist, ausgestrahlt werden.

    Bakarinow: Was wir derzeit erleben können, ist die häufig gestellte Frage: warum macht Ihr das denn eigentlich? Mein Gott: ich empfange doch Programme und die Programme, mit denen bin ich doch zufrieden und die Qualität stimmt auch.

    Das was wir darauf antworten können, ist, daß dieser Zustand, den wir in den vergangenen Jahren haben erleben können bei der analogen terrestrischen Versorgung, nicht der Zustand ist, der sich über weitere Jahre überhaupt hätte halten lassen können.

    Die öffentlich-rechtlichen Programme sind durch die KEF aufgefordert, die betriebswirtschaftlichen Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, was letzten Endes dem Rundfunkgebührenzahler zu Gute kommen  soll. Und die privaten bundesweiten Programme haben einfach ein Problem damit, wenn sie über Satellit verbreitet werden und über die Kabelanlagen verbreitet werden, auch noch zusätzlich die Kosten für die analoge Terrestrik zu bezahlen.

    Das lohnt sich für die paar Haushalte dann einfach nicht. Die Zukunft der Antenne wäre eigentlich gewesen, dass sie abgeschaltet wird.

Sprecher:  Ein großes Problem stellt sich allerdings für den chronisch klammen Berliner Haushalt: was passiert mit denjenigen Haushalten, die finanziell gar nicht in der Lage sind, sich ein neues digitales Empfangsgerät zu kaufen. Sozialhilfeempfänger haben einen Anspruch darauf, dass sie zur Teilhabe an der Gesellschaft Fernsehen schauen können. Die Sozialhilfe muss also für schätzungsweise 10 000 Berliner Haushalte einspringen. Eine Zusatzbelastung von 2 Mio. Euro deutet sich da an. Hans Hege, Chef der MABB:

    Hege:  Nur hielten wir es auch nicht für richtig, zu sagen, die Sozialhilfeinstitutionen haben das nun voll zu bezahlen, denn eines ist ja richtig: normalerweise folgt die Sozialhilfe eher dem Trend der Gesamtbevölkerung. Also neue Geräte, die die Industrie entwickelt, landen nicht gleich per Finanzierung durch die Sozialhilfe in den sozial schwächeren Haushalten. Nun haben wir es bei den Set-Top-Boxen mit Geräten zu tun, die heute noch teurer sind als sie es in drei oder vier Jahren sein können. Ich glaube da haben wir jetzt einen Kompromiß erzielt, wo jeder, Geräteindustrie, Sozialhilfe, Fernsehveranstalter und wir seinen Beitrag leisten.

Sprecher:  Der Kompromiss ist trickreich: da die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht aus Gebührengeldern die Set-Top-Boxen spendieren dürfen, hat man in die Kassen der Fernsehlotterie gegriffen. Dort gibt es einen Fonds, der auch in der Vergangenheit schon Bedürftigen bei der Anschaffung von Fernsehgeräten geholfen hat. Fraglich allerdings, ob dieses Finanzierungsmodell auch bei der Abschaltung in anderen Ballungsräumen noch funktionieren wird.

Die Privatsender jedenfalls halten sich vornehm zurück. Mit gönnerhafter Miene weisen sie darauf hin, dass sie mit ihrer Beteiligung für die Attraktivität des digitalen terrestrischen Angebotes sorgen und sie andererseits derzeit ohnehin in einer wirtschaftlichen Krise stecken. Subventionen für die technische Verbreitung ihrer Programme - zumindest in der Pilotphase -  streichen sie dagegen gerne ein.

Derzeit herrscht im Übrigen Mangel an Empfangsgeräten im Berliner Handel. Clavis hat schon Vorbestellungen für 50 Geräte. Die ein oder anderen Hersteller, selbst große Unternehmen wie Panasonic haben ihre Geräte im Spätsommer vollmundig angekündigt. Bis heute stehen sie aber nicht in den Regalen. Saturn hat fünf verschiedene Empfänger im Angebot, doch immer wieder sind sie ausverkauft. Sascha Bakarinow:

    Bakarinow: Die Geräteindustrie ist offensichtlich von der Nachfrage, die hier in Berlin besteht, nach Set-Top-Boxen völlig überrascht worden. Das kann man kurz und knapp so zusammenfassen. Das ist eine Situation, die haben wir bereits vor vielen Wochen bemängelt, weil wir das absehen konnten, daß unsere Kampagne gut angenommen wird, daß wir eine hohe Akzeptanz in Berlin haben und haben deswegen die Geräteindustrie frühzeitig darauf hingewiesen.

    Nun braucht man zwischen der Beauftragung, der Herstellung einer Set-Top-Box und der Auslieferung etwa sechs bis acht Wochen. Deswegen verzögert sich jetzt die Bereitstellung der Geräte im Handel bis auf Mitte/Ende November. Das ist sehr bedauerlich. Auf der anderen Seite: es ist dadurch noch kein riesiger Schaden entstanden, der jetzt das gesamte Umstiegsprojekt in Frage stellen würde. Bis zum 28. Februar hat jeder betroffene Haushalt ausreichend Zeit, sich mit einer solchen Box einzudecken.

Sprecher:  Bei der Umstellung auf das terrestrische digitale Fernsehen ist Berlin am weitesten fortgeschritten, denn es will als erste Region in der Welt schon im August 2003 die analoge Fernsehausstrahlung beenden. Andere deutsche Ballungsräume von München über Frankfurt, Leipzig/Halle, das Rhein-Ruhrgebiet bis nach Niedersachsen haben ähnliche Pläne, doch sie halten sich jetzt erst einmal Zurück und warten die Erfahrungen ab, die man in Berlin macht. Nach den Willen der Bundesregierung - noch beschlossen vom Kabinett Kohl - soll in ganz Deutschland spätestens im Jahr 2010 kein analoges Fernsehen zu sehen sein. Ob Zuschauerproteste oder gar Klagen dagegen erfolgreich sein werden, das steht noch in den Sternen. Für den Direktor der MABB Hans Hege jedenfalls ist eines klar:

    O-Ton Hege:  “Wir wollen es hier ausprobieren. Insofern sind wir die Modellregion für ganz Deutschland. Wenn es hier nicht klappt, dann stellt sich nicht das Ob der weiteren terrestrischen Versorgung. Dann ist es beantwortet, dann gibt es sie nicht.”

Sprecher:  Im Klartext: dann muss jeder Fernsehhaushalt an das Kabel oder an die Satellitenschüssel.

 

[Home] [aktuelles] [Texte] [HDTV] [Archiv] [Audios] [Consulting] [Medienwitzbolde]
Hosted by www.Geocities.ws

1