In Berlin wird das analoge Fernsehen in den nächsten elf Monaten abgeschaltet
Sprecher:
Ingrid Walther, Leiterin der Medienabteilung beim Berliner Wirtschaftssenator ist stolz darauf, dass wieder einmal in Berlin Rundfunkgeschichte geschrieben wird:
O-Ton Walther: „Nach dem derzeitigen Stand der Planungen werden zum 1. November insgesamt acht Programme - vier
öffentlich-rechtliche und vier private - auf zwei Kanälen den Regelbetrieb aufnehmen. Die anderen setzen zunächst noch die analoge Ausstrahlung fort, um dem Zuschauer noch eine gewisse Übergangsphase zu ermöglichen.
Im März nächsten Jahres werden die analoge Übertragung aller privaten Programme abgeschaltet und die dadurch frei werdenden Kanäle werden dann mit weiteren digitalen Programmen belegt werden. Bis zum Sommer 2003
werden die öffentlich-rechtlichen Programme der Region parallel noch analog weitergesendet. Spätestens zur Funkausstellung ist damit Schluß. Alle analogen Sender in Berlin und Brandenburg sind dann auf die digitale
Übertragung umgestellt.“
Sprecher: Mit diesem ehrgeizigen Zeitplan ist Berlin-Brandenburg weltweit die erste Region, in der demnächst das herkömmliche analoge
Fernsehen zumindest über die Hausantenne nicht mehr zu sehen sein wird.
Aber noch warten zahlreiche Fragen auf eine Lösung. Wo gibt es die Set-Top-Boxen und wieviel kosten sie? Wieviel Haushalte sind
betroffen? Und was ist mit den Haushalten, die sich den Neukauf einer Set-Top-Box nicht leisten können oder wollen?
Die ersten Set-Top-Boxen von Nokia stehen schon seit dem Sommer in den Regalen der
Medien-Supermärkte, aber sie sind mit Preisen um die 349
Euro
vergleichsweise teuer. In den nächsten Wochen bringen andere Hersteller einfache Boxen für unter 200 Euro in die Läden.
Nach Schätzungen der
Berlin-Brandenburger Medienanstalt MABB sind etwa 250 000 Haushalte in Berlin und Umgebung von der Abschaltung betroffen. Doch auf diese und möglicherweise zahlreiche weitere Haushalte kommen mehr Investitionen zu:
jedes Empfangsgerät, auch die Zweit- und Drittgeräte in Satellitenhaushalten, die über Haus- oder Zimmerantenne versorgt werden, aber auch die Videorecorder brauchen eine jeweils eigenständige Set-Top-Box, wenn sie in
ihrem Funktionsumfang nicht eingeschränkt werden sollen. Denn, wer digital die ARD sieht, kann nicht gleichzeitig ZDF aufzeichnen.
Der Berliner Bevölkerung ist noch gar nicht bewußt, was auf sie zu kommt.
In der Hauptstadtpresse ist noch wenig zum Thema zu lesen. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren selbst Vertreter der Geräteindustrie die schlechte Kommunikationspolitik der MABB und warnen vor einem Desaster und
Protesten in der Bevölkerung. Die soll erst ab Mitte Oktober in großangelegten Kampagnen u. a. mit Fernsehspots über die Umstellung informiert werden.
Ungeklärt ist derzeit auch noch, wie mit den sozial
schwachen Haushalte umgegangen wird. Schätzungsweise 10 000 Berliner Haushalte können sich keine Digitalbox leisten. Mangels anderweitiger gesetzlicher Regelungen muss hier die Sozialhilfe einspringen. Für die notorisch
klamme Stadt ein zusätzlicher Ausgabenposten von 2 Mio.
Euro. Die Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner rechnet allerdings damit, dass bei einer Großbeschaffung
die Preise um die Hälfte gedrückt werden können und hofft außerdem, dass sich die Rundfunkanstalten an der Finanzierung beteiligen.
Doch damit droht ein Präzedenzfall für die anderen Regionen in
Deutschland, in denen demnächst auch das analoge Fernsehen abgeschaltet werden soll. In der Rhein-Ruhr-Schiene, in München, Leipzig und Norddeutschland sind die geplanten digital-terrestrischen Projekte vorläufig auf
Eis gelegt, bis klar wird, wie erfolgreich die Berliner die anstehenden Probleme lösen.
Für den Direktor der MABB, Hans Hege aber steht auf jeden Fall fest, dass es kein Zurück mehr gibt:
O-Ton Hege:
„Wir wollen es hier ausprobieren. Insofern sind wir die Modellregion für ganz Deutschland. Wenn es hier nicht klappt, (...) dann stellt sich nicht das Ob der weiteren terrestrischen Versorgung. Dann ist es beantwortet, dann gibt es sie nicht.“