Was dem
Privatmenschen eine lästige Angelegenheit sein mag, das ist für große Archive und Bibliotheken ein höchstbrisantes Problem: wie stellt man über Jahrzehnte, wenn nicht sogar über Jahrhunderte das angesammelte
Wissen zur Verfügung? Beim Buch oder bei alten Handschriften war das allenfalls eine Frage der Haltbarkeit des Papieres. Susanne Dobratz von der Humboldt-Uni Berlin und Mitglied im von der Bundesregierung
geförderten Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung:
Dobratz:
Bibliotheken müssen zunehmend digitale Zeitschriften archivieren, ihren Benutzern anbieten. Im Entstehen sind immer mehr sogenannte Dokumenten- und Publikationsserver zum Beispiel an den Universitäten, wo Dissertationen original in digitaler Form gespeichert werden. Die gibt es dann gar nicht mehr in anderer Form. Und die müssen natürlich für zukünftige Wissenschaftlergenerationen bereitgestellt werden, lesbar gemacht werden.
Und da arbeiten jetzt zahlreiche Archive und Bibliotheken in Deutschland daran, einheitliche Verfahren zu entwickeln, um die Töne, Texte, Bilder und vor allen Dingen auch die Informationen über
deren Fundstellen nicht nur abzuspeichern, sondern auf lange Sicht und für neue digitale Systeme verfügbar zu halten.
Zwei Möglichkeiten haben die Archivare: die Migration, das heißt, wie der
Normalverbraucher immer wieder die vorhandenen Daten auf die aktuellen Verfahren umzukopieren. Oder die Emulation:
Dobratz:
Das sind kleine Programme, die die alte Hard- und Software-Umgebung emulieren können, nachstellen können, sodass ich als PC-Benutzer heutzutage einfach ein Programm aufrufe, ein Fenster aufgemacht bekomme, und habe dann genau ein Bild, wie ich das früher in meinem Atari hatte und kann dann genauso spielen damit.
Insgesamt ist es ein weltweites Problem, wie die Archive zugänglich gehalten werden können. Das Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung, in dem verschiedene Archive und Bibliotheken erste Entwürfe
für den langfristigen Umgang mit unseren heutigen digitalen Daten erarbeiten, muss auch über den Tellerrand schauen. Susanne Dobratz:
Dobratz:
Wir müssen die Entwicklungen, die in den USA geschehen zur Standardisierung bestimmter Formate oder zum Umgang mit digitalen Medien genauso berücksichtigen, wie das, was in Japan passiert oder was in Frankreich passiert. Und wir müssen natürlich versuchen, die Erfahrungen, die wir in Deutschland gemacht haben, und die Standards, die wir hier haben, dort einzubringen.
In anderen Ländern sind die Institutionen schon sehr viel weiter. In Großbritannien etwa unterstützt das Parlament schon seit einigen Jahren vergleichbare Arbeiten der nationalen Archive, denn
Archive prägen den Zugang zur Geschichte einer Nation.
In diesem Zusammenhang bereitet den Archivaren aber noch etwas Kopfschmerzen: die zunehmende Arbeit ausschließlich am Computer:
Dobratz:
Da steht ein ganz massiver Geschichtsverlust dahinter. Stellen wir uns vor: Einstein hätte schon digital gearbeitet. Dann hätten wir seine ganzen Notizbücher nicht zur Verfügung und könnten seinen Gedankengang gar nicht mehr nachvollziehen.
Bei vielen der heutigen Entdeckungen, die Wissenschaftler machen, ist das der Fall. Da wird rein am Computer gearbeitet, vorherige Versionen werden verworfen, so dass man eigentlich den
Erkenntnisprozess gar nicht nachvollziehen kann.
Ob im Museum, im Archiv oder zu Hause: die rasante Digitalisierung bringt eben auch massive Probleme beim Zugang zu alten Beständen – von der Vinylplatte über die Diskette bis zu längst vergessenen
Programmen - mit sich, deren Lösung noch nicht ansatzweise bewältigt ist.