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Berliner Strohfeuer

Terrestrisches Digitalfernsehen: Berliner Strohfeuer für eine Technologie?

Kaum eine Woche noch und in Berlin wird eine Weltpremiere zum Abschluss gebracht: am 4. August 2003 wird in der Hauptstadtregion der letzte analoge Fernsehsender abgeschaltet. Wer dann noch über die Dachantenne sein Programm - immerhin mittlerweile bis zu 24 verschiedene Angebote - empfangen will, braucht nun eine DVB-T-Set-Top-Box.

Berlin und Brandenburg wären damit die erste Region weltweit, in der der harte Umstieg auf die inkompatible neue Ausstrahlungstechnologie vollzogen worden wäre. Für alle Beteiligten in den Rundfunkanstalten, der Geräteindustrie und in der Medienpolitik war Berlin ein Testfall in Sachen Akzeptanz.

Programmbelegung im DVB-T-Projekt Berlin/Brandenburg

Und bislang zeigt sich die Branche zufrieden, denn ohne Widersprüche hat die sonst so mäkelige Hauptstadtbevölkerung die bisherige Umstellung auf DVB-T über sich ergehen lassen. Schon seit März sind alle privaten Programme nur noch digital empfangbar und die öffentlich-rechtlichen auf weitaus schlechtere analoge Frequenzen verschoben worden. Mehr als 140 000 Decoder wurden inzwischen in Berlin und Umland verkauft.

Seit geraumer Zeit sitzen auch andere deutsche Regionen in den Startlöchern, um auf digitales terrestrisches Fernsehen umzustellen: als nächstes soll der Ballungsraum Köln/Bonn und das Ruhrgebiet umschalten, gemeinsam mit den Großstädten zwischen Braunschweig/Hannover und Kiel, wo der NDR schon seit längerer Zeit in Zusammenarbeit mit dem Digitalfernsehpapst Professor Ulrich Reimers von der TU Braunschweig ein Pilotprojekt entlang der Autobahnen laufen hat. In 2005 sollen München und Nürnberg folgen sowie die Region Halle/Leipzig.

In den letzten Wochen werden die mahnenden Stimmen lauter, die auf schnelle Einführung von DVB-T drängen, zuletzt noch Intendant Markus Schächter auf der ZDF-Fernsehratssitzung.

Hinter den Kulissen nämlich sieht es gar nicht nach Friede, Freude, Eierkuchen aus. Die Unterzeichnung von Vereinbarungen zwischen Regulierungsbehörden, Telekom und Rundfunkveranstaltern ziehen sich immer weiter in die Länge. Diese Vereinbarungen sollen sicherstellen, dass alle Beteiligten in einem wohlabgewogenen Interessensausgleich am gleichen Strang bei der Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens ziehen. Da geht es um gleichwertige Ausstrahlungsbedingungen für Private und Öffentlich-Rechtliche, um Abschaltedaten für analoge Sender, um die Attraktivität des analogen Fernsehens zu senken. Aber vor allen Dingen geht es um Geld.

Die Privaten fordern massive Zuschüsse aus den Haushalten der Landesmedienanstalten für die terrestrische Digitalverbreitung. Andreas Hofmann von RTL: „RTL gibt schon jetzt 50 % seiner Programmverbreitungskosten für die Terrestrik aus, erreicht damit aber nur 1,75 Mio., also ganze 6,4 % aller Fernsehhaushalte.“

Hofmann findet inzwischen sogar Verbündete bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Auf einer Tagung der Deutschen TV-Plattform im Mai verlangte Dieter Hoff, Technischer Direktor des WDR, eine Förderung privater Programmanbieter in der Startphase des terrestrischen digitalen Fernsehens.

Diese ungewöhnliche Allianz ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund einer Verweigerungshaltung der privaten Sender. Sie wissen ganz genau: wenn sie nicht terrestrisch ausstrahlen, sinkt sofort die Massenattraktivität des digitalen Angebots und die Zuschauer werden auf Satellitenschüsseln oder Kabelanschluß umschwenken. Damit stehen die Öffentlich-Rechtlichen alleine da und müssen dann auch noch rechtfertigen, warum sie soviel Gebührengelder in eine Flop-Technologie gesteckt haben.

Dieter Hoff mußte zuletzt seine Hoffnungen begraben, dass schon zum NRW-Medienforum eine umfassende Vereinbarung wie in Berlin und Brandenburg für NRW unterzeichnet werden könne. Jetzt hofft man auf die IFA als Termin. Inzwischen liegt der Text der Vereinbarung vor. Er wurde jüngst in der Rundfunkkommission der Landesanstalt für Medien NRW behandelt. Ein Papier, das zwar die Startdaten für DVB-T in Nordrhein-Westfalen festschreibt, aber die privaten Veranstalter nicht wirklich in die Pflicht nimmt.

Stattdessen haben die LfM-Experten dem nordrhein-westfälischen Landtag schon eine Rechnung aufgemacht, was an Zuschüssen an die Privaten in den nächsten vier Jahren aufgewandt werden sollte, um das terrestrische digitale Fernsehen in Deutschlands größtem Ballungsraum auf die Schiene zu bringen: bis zu 24,3 Mio. Euro, wovon die Düsseldorfer LfM derzeit 7 Mio. Euro übernehmen will. Dass möglicherweise für die terrestrisch bislang nicht empfangbaren Tochtersender der großen Privatgruppen (Pro7, Kabel 1, RTL II) durch die - wenn auch geringe - Ausweitung der Zuschauerbasis per DVB-T neue Werbemärkte erschlossen werden, interessiert da wenig. Für die RTL-Gruppe bezifferte sich der Mehraufwand für die terrestrische Ausstrahlung in NRW auf 0,78 Mio. Euro pro Jahr (ohne Zuschüsse), weniger als ein Hauptgewinn im Quotenbringer „Wer wird Millionär“ und allenfalls den Gegenwert von 12 Werbespots in „Ritas Welt“.  Auf Bundesebene umgerechnet kostet DVB-T die RTL Group für vier Programme etwa 20 Mio. Euro pro Jahr, abzüglich der Einsparungen für die analoge Ausstrahlung (schätzungsweise 40 % davon), mithin also etwa 12 Mio. Euro

Auch die Bayern tun sich schwer. Reiner Müller von der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien berichtet von zähen Verhandlungen. Neben der Finanzfrage stehen vor allem sendertechnische Hindernisse im Weg. So sind die privaten Veranstalter mit der Forderung in die Verhandlungen gegangen, dass im Ballungsraum München ARD und ZDF auch ihre analoge Verbreitung einstellen. Das aber geht technisch nicht, denn die öffentlich-rechtlichen Programme für München werden von Sendern auf den Alpenspitzen abgestrahlt, während die Privaten den Münchener Olympiaturm nutzen. Würden ARD und ZDF den Forderungen der Privaten nachkommen, stünde plötzlich das gesamte Voralpenland ohne öffentlich-rechtliche Programme - weder analog, noch digital - da. Mittlerweile hätten die privaten Veranstalter sich mit diesen technischen Realitäten abgefunden, so Müller. Sie verlangen dafür aber, dass sie beim Start von DVB-T in München und Nürnberg nicht mehr verpflichtet werden, ihre Regionalprogramme in den weiterhin analog versorgten Städten wie Augsburg oder Regensburg auszustrahlen.

Doch die Privaten zeigen wenig Interesse an schnellen Übereinkünften. Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Privatfunkverbandes VPRT: „Wir wollen erst einmal fundierte Zahlen über die exakten Reichweiten im Berlin/Brandenburger Projekt abwarten. Die sollen im Herbst vorgelegt werden. Klar aber ist: ohne Förderung können wir nicht einsteigen“ Auch RTL-Sprecher Thorsten Grothe glaubt, dass vor dem Herbst kein weiteres Projekt in die Gänge kommen wird. Doch zwischen den Zeilen läßt sich heraushören, dass es am Marktführer nicht scheitern soll. Grothe betont: „RTL ist grundsätzlich DVB-T gegenüber nicht negativ eingestellt.“

Insgesamt reduziert sich das Interesse der privaten Veranstalter jedoch nur auf die acht bis neun größten deutschen Ballungsräume, wo der Aufwand für die terrestrische Versorgung ein Maximum an Zuschauern garantiert. Die Öffentlich-Rechtlichen dagegen wollen letztlich etwa 80 % der bundesdeutschen Bevölkerung auch mit terrestrischen Digitalsignalen versorgen, nicht zuletzt um auf internationaler Ebene den deutschen Anspruch bei der Verteilung von Funkfrequenzen aufrecht erhalten zu können.

Eine derartig komplizierte Gemengelage und dementsprechend komplizierte Verhandlungen stellen somit die gesamte Zukunft des digitalen terrestrischen Antennenfernsehens in Deutschland in Frage. Wenn nicht bald eine weitere Region auf Berlin und Brandenburg folgt, dann erlischt das Interesse bei allen Beteiligten schlagartig und die Hauptstadtregion wäre die einzige Digitalinsel in Deutschland mit wenig dauerhaften Perspektiven. Dann dürfte - etwa mangels Gerätenachfrage - gegen 2010 auch dort die terrestrische digitale Verbreitung wieder abgeschaltet werden.

Noch allerdings haben die Landesmedienanstalten einen Trumpf in der Hand, den sie gegenüber den privaten Veranstaltern ausspielen könnten, anstatt ihnen die zuletzt von zahlreichen Rechnungshöfen kritisierten Zuschüsse zu zahlen: in den Lizenzbedingungen und den medienrechtlichen Bestimmungen sind die großen Privatveranstalter verpflichtet, auch Regionalprogramme auszustrahlen. Das aber geht nur terrestrisch oder über Kabel.

Die Privaten haben daran aber kein Interesse. Sie wollen möglichst ganz aus der Verpflichtung entlassen werden, Regionalprogramme auszustrahlen. Die Rundfunkreferenten der Staatskanzleien haben dieses Problem mittlerweile erkannt und versuchen daher diese Verpflichtung im zukünftigen Rundfunkstaatsvertrag für alle Regionalfenster festzuschreiben, die am Stichtag 1. Juli 2002 ausgestrahlt wurden.

Jürgen Bischoff

    vergl. hierzu auch die Pressemeldung der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten ALM

 

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