Programmbelegung im DVB-T-Projekt Berlin/Brandenburg
Und bislang zeigt sich die Branche zufrieden, denn ohne Widersprüche hat die sonst so mäkelige Hauptstadtbevölkerung die bisherige Umstellung auf DVB-T über sich
ergehen lassen. Schon seit März sind alle privaten Programme nur noch digital empfangbar und die öffentlich-rechtlichen auf weitaus schlechtere analoge
Frequenzen verschoben worden. Mehr als 140 000 Decoder wurden inzwischen in Berlin und Umland verkauft.
Seit geraumer Zeit sitzen auch andere deutsche Regionen in den Startlöchern, um auf
digitales terrestrisches Fernsehen umzustellen: als nächstes soll der Ballungsraum Köln/Bonn und das Ruhrgebiet umschalten, gemeinsam mit den Großstädten
zwischen Braunschweig/Hannover und Kiel, wo der NDR schon seit längerer Zeit in Zusammenarbeit mit dem Digitalfernsehpapst Professor Ulrich Reimers von der TU
Braunschweig ein Pilotprojekt entlang der Autobahnen laufen hat. In 2005 sollen München und Nürnberg folgen sowie die Region Halle/Leipzig.
In den letzten Wochen werden die mahnenden Stimmen lauter, die auf schnelle
Einführung von DVB-T drängen, zuletzt noch Intendant Markus Schächter auf der ZDF-Fernsehratssitzung.
Hinter den Kulissen nämlich sieht es gar nicht nach Friede, Freude, Eierkuchen aus.
Die Unterzeichnung von Vereinbarungen zwischen Regulierungsbehörden, Telekom und Rundfunkveranstaltern ziehen sich immer weiter in die Länge. Diese
Vereinbarungen sollen sicherstellen, dass alle Beteiligten in einem wohlabgewogenen Interessensausgleich am gleichen Strang bei der Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens ziehen. Da geht es um gleichwertige
Ausstrahlungsbedingungen für Private und Öffentlich-Rechtliche, um Abschaltedaten für analoge Sender, um die Attraktivität des analogen Fernsehens zu senken. Aber vor allen Dingen geht es um Geld.
Die Privaten fordern massive Zuschüsse aus den Haushalten der Landesmedienanstalten für die terrestrische Digitalverbreitung. Andreas Hofmann von RTL: „RTL gibt schon jetzt 50 % seiner Programmverbreitungskosten für die
Terrestrik aus, erreicht damit aber nur 1,75 Mio., also ganze 6,4 % aller Fernsehhaushalte.“
Hofmann findet inzwischen sogar Verbündete bei den öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten. Auf einer Tagung der Deutschen TV-Plattform im Mai verlangte Dieter Hoff, Technischer Direktor des WDR, eine Förderung privater
Programmanbieter in der Startphase des terrestrischen digitalen Fernsehens.
Diese ungewöhnliche Allianz ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund einer
Verweigerungshaltung der privaten Sender. Sie wissen ganz genau: wenn sie nicht terrestrisch ausstrahlen, sinkt sofort die Massenattraktivität des digitalen Angebots und die
Zuschauer werden auf Satellitenschüsseln oder Kabelanschluß umschwenken. Damit stehen die Öffentlich-Rechtlichen alleine da und
müssen dann auch noch rechtfertigen, warum sie soviel Gebührengelder in eine Flop-Technologie gesteckt haben.
Dieter Hoff mußte zuletzt seine Hoffnungen begraben, dass schon zum NRW-Medienforum eine umfassende
Vereinbarung wie in Berlin und Brandenburg für NRW unterzeichnet werden könne. Jetzt hofft man auf die IFA als Termin. Inzwischen liegt der Text der Vereinbarung
vor. Er wurde jüngst in der Rundfunkkommission der Landesanstalt für Medien NRW behandelt. Ein Papier, das zwar die Startdaten für DVB-T in Nordrhein-Westfalen
festschreibt, aber die privaten Veranstalter nicht wirklich in die Pflicht nimmt.
Stattdessen haben die LfM-Experten dem nordrhein-westfälischen Landtag schon
eine Rechnung aufgemacht, was an Zuschüssen an die Privaten in den nächsten vier Jahren aufgewandt werden sollte, um das terrestrische digitale Fernsehen in
Deutschlands größtem Ballungsraum auf die Schiene zu bringen: bis zu 24,3 Mio. Euro, wovon die Düsseldorfer LfM derzeit 7 Mio. Euro übernehmen will. Dass
möglicherweise für die terrestrisch bislang nicht empfangbaren Tochtersender der großen Privatgruppen (Pro7, Kabel 1, RTL II) durch die - wenn auch geringe -
Ausweitung der Zuschauerbasis per DVB-T neue Werbemärkte erschlossen werden, interessiert da wenig. Für die RTL-Gruppe bezifferte sich der Mehraufwand für die
terrestrische Ausstrahlung in NRW auf 0,78 Mio. Euro pro Jahr (ohne Zuschüsse), weniger als ein Hauptgewinn im Quotenbringer „Wer wird Millionär“ und allenfalls den
Gegenwert von 12 Werbespots in „Ritas Welt“. Auf Bundesebene umgerechnet kostet DVB-T die RTL Group für vier Programme etwa 20 Mio. Euro pro Jahr,
abzüglich der Einsparungen für die analoge Ausstrahlung (schätzungsweise 40 % davon), mithin also etwa 12 Mio. Euro
Auch die Bayern tun sich schwer. Reiner Müller von der Bayerischen Landeszentrale
für Neue Medien berichtet von zähen Verhandlungen. Neben der Finanzfrage stehen vor allem sendertechnische Hindernisse im Weg. So sind die privaten Veranstalter mit
der Forderung in die Verhandlungen gegangen, dass im Ballungsraum München ARD und ZDF auch ihre analoge Verbreitung einstellen. Das aber geht technisch nicht,
denn die öffentlich-rechtlichen Programme für München werden von Sendern auf den Alpenspitzen abgestrahlt, während die Privaten den Münchener Olympiaturm nutzen.
Würden ARD und ZDF den Forderungen der Privaten nachkommen, stünde plötzlich das gesamte Voralpenland ohne öffentlich-rechtliche Programme - weder analog,
noch digital - da. Mittlerweile hätten die privaten Veranstalter sich mit diesen technischen Realitäten abgefunden, so Müller. Sie verlangen dafür aber, dass sie
beim Start von DVB-T in München und Nürnberg nicht mehr verpflichtet werden, ihre Regionalprogramme in den weiterhin analog versorgten Städten wie Augsburg oder Regensburg auszustrahlen.
Doch die Privaten zeigen wenig Interesse an schnellen Übereinkünften. Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Privatfunkverbandes VPRT: „Wir wollen erst einmal fundierte
Zahlen über die exakten Reichweiten im Berlin/Brandenburger Projekt abwarten. Die sollen im Herbst vorgelegt werden. Klar aber ist: ohne Förderung können wir nicht
einsteigen“ Auch RTL-Sprecher Thorsten Grothe glaubt, dass vor dem Herbst kein weiteres Projekt in die Gänge kommen wird. Doch zwischen den Zeilen läßt sich
heraushören, dass es am Marktführer nicht scheitern soll. Grothe betont: „RTL ist grundsätzlich DVB-T gegenüber nicht negativ eingestellt.“
Insgesamt reduziert sich das Interesse der privaten Veranstalter jedoch nur auf die acht bis neun größten deutschen Ballungsräume, wo der Aufwand für die
terrestrische Versorgung ein Maximum an Zuschauern garantiert. Die Öffentlich-Rechtlichen dagegen wollen letztlich etwa 80 % der bundesdeutschen
Bevölkerung auch mit terrestrischen Digitalsignalen versorgen, nicht zuletzt um auf internationaler Ebene den deutschen Anspruch bei der Verteilung von Funkfrequenzen aufrecht erhalten zu können.
Eine derartig komplizierte Gemengelage und dementsprechend komplizierte Verhandlungen stellen somit die gesamte Zukunft des digitalen terrestrischen
Antennenfernsehens in Deutschland in Frage. Wenn nicht bald eine weitere Region auf Berlin und Brandenburg folgt, dann erlischt das Interesse bei allen Beteiligten schlagartig und die Hauptstadtregion
wäre die einzige Digitalinsel in Deutschland mit
wenig dauerhaften Perspektiven. Dann dürfte - etwa mangels Gerätenachfrage - gegen 2010 auch dort die terrestrische digitale Verbreitung wieder abgeschaltet werden.
Noch allerdings haben die
Landesmedienanstalten einen Trumpf in der Hand, den sie gegenüber den privaten Veranstaltern ausspielen könnten, anstatt ihnen die zuletzt von zahlreichen Rechnungshöfen kritisierten Zuschüsse zu zahlen: in den
Lizenzbedingungen und den medienrechtlichen Bestimmungen sind die großen Privatveranstalter verpflichtet, auch Regionalprogramme auszustrahlen. Das aber geht nur terrestrisch oder über Kabel.
Die Privaten haben daran aber kein Interesse. Sie wollen möglichst ganz aus der Verpflichtung entlassen werden, Regionalprogramme auszustrahlen. Die
Rundfunkreferenten der Staatskanzleien haben dieses Problem mittlerweile erkannt und versuchen daher diese Verpflichtung im zukünftigen Rundfunkstaatsvertrag für
alle Regionalfenster festzuschreiben, die am Stichtag 1. Juli 2002 ausgestrahlt wurden.
Jürgen Bischoff