Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
7. "Federvieh & Fesselspiele"
Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.
Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.
Episoden:
"Eiskalter Tod" ("Silent Service");
"Wiedersehen macht Freude I + II" ("Boomerang I + II");
Inhalt:
Im Haushalt MacKenzie-Rabb weihnachtet es sehr und die Vorbereitungen
sind bereits in vollem Gange, als der Admiral das frisch verheiratete
Paar auf eine ungewöhnliche Mission schickt. Granny und Will
bleiben zurück, um auf Haus und Zoo ihrer Enkel aufzupassen und
ganz nebenbei ihrer wahren Bestimmung nachzugehen – dem Verkuppeln.
Es gibt auch eine Linksammlung zu dieser Geschichte.
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.
Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.
Neu!!! Die Granny-Serie hat jetzt ihre eigene Mailing Liste, auf der diskutiert werden kann und auf der die neuesten Updates des bald folgenden 9. Teils veröffentlicht werden. Ihr alle seid – auch im Namen der List-Owner – herzlich dazu eingeladen, euch anzuschließen:
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries
24. Dezember 2001
0548 Z-Zeit (15:48 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der Yacht ‚Divine Wind’,
irgendwo im Great Barrier Reef,
Queensland, Australien
"Okay, wie Sie wissen sind wir hier in tropischen Gewässern," erklärter der Kapitän, während er mit Taucherbrille und Schwimmflossen inmitten seiner Touristen-Gruppe paddelte. "Das bedeutet, dass es hier jede Menge Lebewesen gibt – und nicht alle davon sind freundlich gesinnt und harmlos. Aber wenn Sie sich an ein paar einfache Regeln halten, dann wird es keine Probleme geben und Sie werden einige wunderschöne Dinge da unten sehen."
Harm sah Mac an, die neben ihm Wasser trat. <Mmmhm, ich werde auf jeden Fall ein wunderschönes Ding da unten sehen.>
"Die wichtigste Regeln ist: Am besten nichts anfassen, was sie dort unten sehen," mahnte der Australier.
Harm verzog das Gesicht und Mac lachte, so als kenne sie seine Gedanken genau.
"Vor allem nicht, wenn Sie es nicht genau kennen," fuhr der australische Kapitän fort.
Nach ein paar weiteren Instruktionen lösten sich die Touristen paarweise von der Gruppe und begannen, in unterschiedliche Richtungen durchs Riff zu schnorcheln.
Seite an Seite glitten Harm und Mac durch das flache, glasklare Wasser des Barriereriffs. Sie trieben über gelben, rosafarbenen und grünen Korallenwäldern dahin, umgeben von einem Schwarm winziger, bunter Fische. Um sie herum war soviel Bewegung und so viele Farben, dass sie kaum wussten, wohin sie zuerst blicken sollten.
Ein Krebs huschte zwischen einem Seestern und einer Gruppe von Schwämmen hindurch und ein paar größere blau-gelbe Fische wechselten hastig die Richtung, als sie die Taucher bemerkten.
Der australische Kapitän tauchte plötzlich neben ihnen auf und blies Wasser aus seinem Schnorchel. "Haben Sie gesehen? Da!"
Harm und Mac drehten die Köpfe in die angegebene Richtung und sahen gerade noch einen großen, olivgrünen Umriss im tieferen Wasser verschwinden.
"Das war eine grüne Meeresschildkröte. Sie werden bis zu 1 ½ Meter lang und 150 kg schwer. Nur die Weibchen hieven ihr Gewicht je an Land, nämlich um ihre Eier in den Sand zu legen," erklärte der Australier.
"Typisch!" schnaubte Mac, ihren Schnorchel ausspuckend. "Immer müssen wir Frauen die harte Arbeit machen!"
Harm beantwortete den Kommentar, indem er seine Frau an den Schultern packte und sie unter Wasser tauchte.
"Hey!" protestierte Mac, als sie wieder auftauchte. "Du sollst hier im Wasser doch nichts anfassen!"
"Nur nichts, was ich nicht genau kenne!" widersprach Harm, grinsend mit den Fingern wackelnd.
Ein paar Stunden später saßen sie müde und mit vollem Magen auf dem Deck der ‚Divine Wind’, die sich langsam auf den Weg machte, um ihre Passagiere zum Rendezvous-Punkt mit dem Kreuzfahrschiff zu bringen.
Harm blinzelte schläfrig gegen das Licht der tiefersinkenden Sonne. Mac saß vor ihm, zwischen seinen Beinen, den Rücken gegen seine Brust gekuschelt. Unter ihnen hob und senkte sich das Deck in einem beruhigenden Rhythmus. Gedankenverloren strich er mit dem Zeigefinger Macs Bein hinauf und hinunter; umkreiste sanft die Narbe der alten Schussverletzung auf ihrem Oberschenkel.
"Weißt du was?" murmelte Mac, den Kopf gegen seine Schulter lehnend.
"Hmmm?"
Mac verflocht ihre Finger mit denen ihres Mannes, die auf ihrem Schenkel ruhten. "Irgendwie ist es seltsam, den Tag des Heiligabend im Bikini zu verbringen, während man mitten auf dem Pazifik seine Sonnenbräune auffrischt."
"Ach ja?" Harm öffnete ein Auge und lehnte sich vor, um einen Blick in Macs Gesicht werfen zu können.
"Ach ja," bestätigte Mac. "Weihnachten verbindet man doch eigentlich mit Winter... ... Schlittenfahren... einem romantischen Kaminfeuer... Kälte... Schnee!"
"Mmmh! Dir ist also nicht kalt genug, hm? Kein Problem, dem kann ich abhelfen!" Harm fischte eine Handvoll Eiswürfel aus seiner Cola Light und ließ sie in das Oberteil von Macs Bikini gleiten. "Besser?"
"Iiiiiiiiih!" Mac schnellte herum. "Harm! Das war kalt!" protestierte sie indigniert.
Harm gab sich unschuldig. "Ich dachte, du wolltest ein kaltes Weihnachten? Ich habe nur versucht, meiner Frau jeden Wunsch von den Augen abzulesen." Fasziniert beobachtete er, wie geschmolzenes Eis Macs flachen Bauch hinablief.
Mac behinderte Harms Augenweide, indem sie die Arme vor der Brust verschränkte. "Ich vermute, wenn ich Rentiere möchte, wirst du mir die auch beschaffen, hm?"
"Das könnte ein Weilchen dauern," gab Harm zu und zog Mac wieder zurück an ihren Platz, gegen seine Brust lehnend. "Aber mal im Ernst, für mich ist es dieses Jahr auch ein eher ungewöhnlicher Heiligabend..."
Mac zog seine Arme wie einen Sicherheitsgurt um ihren Bauch. "Ich weiß. Du gehst sonst an Heiligabend immer ans Vietnam-Memorial, um deinen Vater zu ehren," sagte sie ernst. Sanft streichelte sie Harms Hand.
Harm nickte. "Mmm-hm. Meinen Dad und die vorigen Generationen von Rabb-Fliegern."
Mac schwieg einen Moment lang. "Wenn wir irgendwann... eines Tages mal ein Kind haben, würdest du dann wollen... würdest du dir wünschen, dass er – oder sie – auch Pilot wird? Ich meine, ich weiß, dass das Fliegen in deiner Familie so etwas wie eine Tradition ist und dir viel bedeutet..." Sie dachte an die Ängste, die sie ausgestanden hatte, wann immer Harm über Kriegsgebiet geflogen war; aber gleichzeitig wusste sie auch, dass der Wagemut und das Selbstvertrauen, die dazu führten, dass er ein Top-Pilot war, ihn auch zu einem guten Militäranwalt machten – und zu dem Mann, den sie liebte.
Harm umschloss sanft ihr Kinn und drehte ihren Kopf, um ihr in die Augen sehen zu können. "Mac, ich würde wollen, dass unser Kind das wird, was sie – oder ihn – glücklich macht. Ob das die Navy ist, das Marine-Corps, die Fliegerei oder das Züchten von afghanischen Windhunden, das ist nicht weiter wichtig. Okay, ich gebe zu, wenn sie Strip-Tänzerin werden möchte, könnte ich ein paar Bedenken haben, aber sonst..."
Mac ließ sich zurücksinken und schloss wohlig die Augen. <Wow! Ich bin mit dem besten zukünftigen Vater der Welt verheiratet!> "Und was wäre, wenn *er*, unser potentieller Sohn, Strip-Tänzer werden wollte?"
Harm zuckte die Schultern. "Na ja, wenn er so gut aussieht, wie sein Vater, könnte ich das verstehen... autsch! Ich meine natürlich: Wie seine *Mutter*!"
"Gerade noch mal gerettet, Flyboy! Du weißt, die Weihnachtsfrau sieht und hört alles und wenn sie dich für eingebildet halten würde, dann würde sie dir dein Geschenk nicht bringen können," mahnte Mac mit würdevoller Miene.
"Mein Geschenk?" Harms Augen leuchteten auf. "Was ist es denn?"
"Bis morgen bleibt das ein Geheimnis, das nur die Weihnachtsfrau und ich kennen."
Harm legte jedes verfügbare Gramm seines Flieger-Charmes in sein Lächeln. "Hey, in Washington ist es bereits morgen."
"Das mag ja sein, aber die Weihnachtsfrau und ich, wir rechnen in Nordpol-Zeit," beharrte Mac spielerisch.
"So? Nordpol-Zeit?" wiederholte Harm skeptisch. "Und wann ist es nach Nordpol-Zeit Zeit für die Geschenke?"
Mac drehte sich um und schlang ihre Arme um seinen Hals. Leidenschaftlich und herausfordernd küsste sie ihn. "Wenn ich dich wieder aus der Kabine lasse," flüsterte sie ihm ins Ohr.
Harm ließ sich ohne Proteste auf die Füße ziehen. "Ho-ho-ho!" rief er mit tiefer Stimme, als er Mac unter Deck folgte.
25. Dezember 2001
1348 Z-Zeit (08:48 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Komm, mach schon, Skates!" Keeter hüpfte aufgeregt auf dem Sofa auf und ab. "Verteil endlich die Geschenke, bevor uns allen lange weiße Bärte wachsen!"
Skates nahm sich einen Moment mehr, um das Glitzern des Lamettas zu bewundern. "Nur keine Hektik, Keeter. Bist du dir überhaupt so sicher, dass da unter dem Baum überhaupt Geschenke für dich liegen? Hat dir niemand gesagt, dass der Weihnachtsmann Buch darüber führt, wer im vergangenen Jahr brav war und wer nicht?" neckte sie den Piloten.
Indigniert reckte Keeter die Brust. "Wenn es danach geht, müssten alle Geschenke unterm Baum meine sein!" behauptete er kühn.
Skates fischte das erste Paket unter dem Tannenbaum hervor und warf einen Blick auf das angehängte Kärtchen. "Nein, tut mir leid, aber das hier ist für Granny. Es ist von Keeter."
"Danke, Jackson." Granny begann mit geschwinden Bewegungen, ihr Geschenk aufzuschnüren und förderte schließlich ein Buch zutage. "‚Verkuppeln für Fortgeschrittene. Handbuch für Standesbeamte und Romantiker. Band zwei’," las sie den Titel vor.
Skates ließ beinahe das Päckchen, das sie gerade in der Hand hielt, fallen. "Du schenkst ihr *WAS*?!" Anklagend starrte sie Keeter an.
"Na ja, Band vier – ‚Trennungen für Fortgeschrittene. Handbuch für Scheidungsanwälte und Pessimisten’ - fand ich dann doch etwas makaber, schließlich ist Weihnachten, das Fest der Harmonie," entschuldigte sich Keeter.
"Nicht streiten, ihr zwei," murmelte Granny abwesend, schon halb in ihr neues Buch vertieft.
Skates wandte sich brummend ab, um das nächste Geschenk unter dem Baum hervorzuholen. "Okay, das ist von Will, für Granny."
Granny rieb sich zufrieden die Hände. "Wie ihr seht, muss ich dieses Jahr ein Musterbeispiel an gutem Benehmen gewesen sein." Rasch löste sie das Geschenkpapier und küsste ihren Mann überwältigt auf die Wange. "Oh, Will, genau das Fernglas, das ich wollte!"
"Du schenkst ihr ein Fernglas?" Keeter sah den älteren Mann fragend an. "Kommt mir nicht sehr romantisch vor."
"Nicht irgendein Fernglas, es ist genau das Nachtsicht-Fernglas, das sie sich schon seit Monaten wünscht," verteidigte sich der Halb-Cherokee.
Skates sah stirnrunzelnd zu, wie Granny am Fenster stehend das Fernglas ausprobierte. "Wozu brauchst du auf einer Farm ein Nachtsicht-Fernglas?"
"Oach, auf der Farm brauche ich es eigentlich gar nicht, mehr wenn wir zu Besuch sind. Ich verderbe mir sonst noch mal die Augen, wenn ich im Dunkeln zu erkennen versuche, ob mein neuestes Projekt sich nun auf der Veranda küsst oder nicht," erklärte Granny sachlich.
Skates stöhnte. "Von mir bekommst du ein *normales* Geschenk!" verkündete sie entschlossen und drückte Granny das betreffende Geschenk in die Hand. "Es ist für euch beide, Granny und Will."
"Flugtickets?" fragte Granny, als sie den Umschlag aufriss.
Skates nickte. "Flugtickets nach San Francisco. Ich lade euch ein und werde euch in meinem nächsten Urlaub mal meine Heimatstadt zeigen."
"Wundervoll!" freute sich Granny, sich im Geiste bereits ausmalend, wie sie es anstellen würde, Keeter mit zu dieser Stadtführung zu bringen. Vielleicht würde ja ihr neues Buch ein paar Tipps dazu enthalten...
"Das hier ist von Granny und Will für uns beide," las Skates weiter vor, ein riesiges Geschenk, das kaum unter den Baum passte, hervorzerrend. Vorsichtig begann sie, das Papier zu lösen und zum Vorschein kam ein langer Schlitten.
"Ein Toboggan," erklärte Will stolz. "Ich werde euch in den nächsten Tagen mal zeigen, wie man ihn benutzt."
Skates rieb liebevoll über das Holz des Schlittens. "Wow! So einen hatte ich mal als Kind! Schlittenfahren ist fast so gut wie Skaten!" verkündete sie begeistert.
"Na, ich hoffe, du wirst mich in die Freuden des Schlittenfahrens einweihen, Skates. Als ich aufwuchs, gab es in Texas nämlich kaum mal genug Schnee, um es auszuprobieren," erzählte Keeter.
Skates hob das vorletzte Geschenk hoch und reichte es Keeter. "Von mir," erklärte sie lächelnd.
Behutsam löste Keeter die Klebestreifen und faltete das dunkelgrüne Geschenkpapier auseinander. "Ein Buch," stellte er fest. "Sicher nicht Grannys vielgerühmter Kama Sutra, hm?"
Skates warf ihm einen tadelnden Blick zu. "Wohl kaum. Nein, das Buch heißt ‚Skaten mit Hunden’."
"Ich soll Rett Rollschuhe kaufen?" Keeter lachte ungläubig.
"Nein, du sollst dir Inline-Skates kaufen und Rett soll nebenher laufen. Das ist wirklich gut für die Fitness!"
Keeter betrachtete seine durchtrainierte schlanke Hündin, die friedlich neben der Couch lag. "Rett ist doch schon fit."
"Ich hab ja auch nicht behauptet, dass es nur gut für die Fitness des Hundes ist," meinte Skates und tätschelte grinsend Keeters Bauch.
Der Pilot straffte seinen Körper. "Gib’s schon zu, Skates, mein stahlharter Waschbrettbauch hat es dir angetan!" Als Skates nur schnaubte, bückte er sich nach dem letzten Geschenk und drückte es Skates in die Hand. "Nodlig mhaith chugna – frohe Weihnachten, Skates."
Skates schüttelte das runde, bunt verpackte Paket, bevor sie es öffnete. "Ein Fahrradhelm?"
"Kein Fahrradhelm, ein Skates-Helm – im doppelten Sinne des Wortes. Mir ist aufgefallen, dass du beim Skaten zwar Ellenbogen-, Handgelenk- und Knie-Schützer trägst, aber keinen Helm und wir wollen ja nicht, dass du den Kopf verlierst..." Keeter verzichtete lieber darauf, hinzuzufügen, dass er ein nicht ganz uneigennütziges Interesse daran hatte, dass ihr Kopf unverletzt blieb. Bei den meisten anderen Frauen in seinem Leben hatte er sich mehr für ihren Körper als für ihre geistigen Qualitäten interessiert.
"Oh, nein, das Herz wäre uns lieber," murmelte Granny, halb hinter ihrem Buch versteckt.
25. Dezember 2001
0851 Z-Zeit (18:51 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
irgendwo im Pazifik,
Queensland, Australien
"Haaarm?" Mac öffnete die Türe des kleinen Badezimmers ihrer Kabine. "Flyboy?" rief sie fragend nach draußen. "Kannst du mir mal kurz mit dem Reißverschluss helfen? Ich komme da nicht so richtig ran..."
Als Harm im seinem eleganten Anzug im Türrahmen auftauchte, vergaß Mac ihren Reißverschluss für einen Moment. Die schwarze Hose betonte seine schmalen Hüften und die anthrazitfarbene Weste umspannte breite Schultern. "Was gibt’s?" erkundigte sich Harm, obwohl seine Aufmerksamkeit mehr auf ihren Körper als auf das, was sie sagte, gerichtet war.
"Kannst du mir mit dem Reißverschluss helfen?" wiederholte Mac ihre Bitte. Sie drehte sich um und begann, ihre Haare zu einer eleganten Frisur zu arrangieren.
"Das kommt darauf an." Harms Stimme dicht hinter ihr sandte einen wohligen Schauer über ihre Haut. In der Enge des winzigen Badezimmers pressten sich ihre Körper unwillkürlich aneinander. "Möchtest du, dass ich den Reißverschluss schließe oder öffne?" Er ließ seine Hände über die rote Seide ihres Kleides gleiten, bis sie auf Macs Taille zu ruhen kamen.
"Uhmm..." Mac brauchte einen Moment, bevor sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. "In Anbetracht dessen, dass wir sonst zu spät zum Kapitänsdinner kommen, solltest du ihn lieber schließen," meinte sie schließlich vernünftig.
Harm hauchte einen Kuss auf ihren bloßen Nacken, ließ seine Lippen dann verführerisch Macs hals hinabwandern und küsste spielerisch die Stelle über ihrem Schlüsselbein. "Spielverderberin," murmelte er neckisch, schloss aber gehorsam den Reißverschluss des Kleides.
Gerade hatte Harm sich wieder in die Ermittlungsakte auf dem Tisch der Kabine vertieft, als Macs Stimme wieder aus dem Badezimmer kam. "Harm? Kannst du mir noch mal schnell helfen?"
Mit der Aussicht, das Kleid vielleicht diesmal öffnen zu dürfen, ließ Harm sich das nicht zweimal sagen. Zu seinem Bedauern stellte er fest, dass Mac gerade ihre Ohrclips befestigte und einen Hauch Parfüm auftrug. Sie wirkte fest entschlossen, sich das Weihnachtsbüfett nicht entgehen zu lassen.
"Was gibt’s?" erkundigte sich Harm, seine Frau bewundernd. "Ich dachte, du wärst jetzt fertig mit dem Kleid."
"Bin ich auch. Ich brauche deine Hilfe beim Erfüllen einer uralten Weihnachtstradition."
Harm trat näher und schlang erneut die Arme um Macs Hüften. Er konnte seine Hände einfach nicht von der glatten Seide und der noch glätteren Haut darunter lassen. "Und die wäre?"
Mac hob einen Mistelzweig, den sie irgendwo in ihrem Gepäck versteckt haben musste, über ihre Köpfe und schwenkte ihn verführerisch.
Harm grinste. "Oh, kein Problem, ich helfe gerne. Die Navy, dein Freund und Helfer."
"Es heißt aber ‚die *Polizei*, dein Freund und Helfer’," widersprach Mac schelmisch.
Harm, der sich ihren Lippen bereits genähert hatte, zuckte zurück. "Willst du, dass ich hier auf dem Schiff einen Polizisten auftreibe, der dich dann küsst?"
"Nein, nicht nötig, ein Seemann tut’s auch," versicherte Mac hastig, bevor sie mit Nachdruck seinen Mund gegen den ihren zog.
Als die beiden Rabbs endlich den Speisesaal betraten, waren ihre Tischgefährten bereits beim Dessert angekommen.
"Sieh an, die Rabbs haben das Dessert mal wieder vor dem Hauptgang genossen, hm?" kommentierte Carl Benton sarkastisch.
Seine Frau Rachel senkte beschämt den Kopf.
Noch bevor Harm oder Mac etwas sagen konnten, sah Ben Yates, der junge Mechaniker aus Newport News, von seiner Mousse au Chocolate auf. "Nur weil Ihre Ehe im Eimer und Ihnen das scheinbar ganz egal ist, heißt das nicht, dass wir anderen nicht hier sind, um etwas an unserer zu ändern, Benton."
Carl Benton schob übellaunig sein Essen zurück. "Manche Dinge lassen sich einfach nicht ändern."
Mac setzte sich, so dass sie auf gleicher Augenhöhe mit dem Ingenieur aus Detroit war. "Mr. Benton, es ist Weihnachten und Sie sind auf einem Luxus-Schiff mit der Frau, die Sie lieben – oder die Ihnen jedenfalls noch sehr viel bedeutet, denn sonst wären Sie nicht hier. Wenn Ihr Problem so unabänderlich ist, wie Sie sagen, wird es sicher morgen auch noch da sein, also können Sie es getrost mal für einen Abend oder zumindest für einen Tanz vergessen." Sie nickte sanft zur Tanzfläche hinüber, die sich langsam zu füllen begann.
Ein paar Sekunden lang starrte Benton sie nur an und Harm hielt sich bereit, sofort hinzuzuspringen, sollte er auch nur einen Finger nach Mac ausstrecken. Dann aber wandte Carl Benton den Blick von Macs sanften braunen Augen ab und richtete ihn stattdessen auf seine stille Frau. "Rachel?" Er streckte die Hand aus und Harm bemerkte, dass seine Finger leicht zitterten.
Rachel Bentons Augen leuchteten auf, als sie ihre Hand in die ihres Mannes schob und ihm zur Tanzfläche folgte.
Harm drückte Macs Schulter und ließ sich endlich neben ihr auf einen Stuhl sinken.
"Lady, Sie haben Schneid!" Anerkennend nickte Ben Yates Mac zu.
Harm nickte stolz. "Sie ist ein..." Er unterbrach sich in letzter Sekunde, als ihm einfiel, dass er hier auf dem Schiff nicht stolz verkünden konnte, dass Mac ein Marine war. "... Mensch, der weiß, wie man Männer um den kleinen Finger wickelt," sagte er stattdessen.
"Ah!" Der braunhaarige Mechaniker grinste. "Ich wette, dann hat sie von Ihnen zu Weihnachten auch alles bekommen, was sie nur wollte, hm?"
Mac schüttelte vehement den Kopf. "Wenn ich’s recht bedenke... wo bleibt eigentlich mein versprochener Billardtisch?"
Harm tat, als sehe er in seinen Hosen- und Westentaschen nach. "Tut mir leid, den muss ich wohl zuhause vergessen haben. Vielleicht könnte ich mit dem Zubehör für die besprochene Alternative dienen... weißt du noch? Allerdings beträgt die Lieferzeit neun Monate..."
<Zubehör... Alternative für den Billardtisch... Lieferzeit neun Monate... oh!> Mac ging plötzlich ein Licht auf. <Er meint einen Wickeltisch!> Sie hüstelte verlegen, als sie die erwartungsvollen Blicke ihrer Tischgefährten auf sich ruhen spürte. "Ähm, ich glaube, ich geh mir jetzt mal was zu essen holen. Ich bin am Verhungern!" Geschwind schlüpfte sie an sie zwischen zwei riesigen Stoff-Koalabären und Kängurus mit Weihnachtsmannmütze und roten Schals hindurch und verschwand in Richtung Büfett.
Harm blieb grinsend zurück.
26. Dezember 2001
2217 Z-Zeit (08:17 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
in der Nähe von Fraser Island,
Queensland, Australien
Mac tappte barfuß über die kalten Fließen des Badezimmers und huschte zurück ins Bett.
Harm lag, die muskulösen Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf dem Rücken und sah seine Frau lächelnd an. "Guten Morgen."
"Hey, guten Morgen!" grüßte Mac fröhlich. "Wie geht’s dir?"
"Gut."
Mac kniff ihre braunen Augen zusammen.
"Wirklich, Mac, mir geht es wirklich gut!" versicherte Harm. Seine Übelkeitsanflüge waren in den letzten Tagen tatsächlich ein wenig besser geworden, auch wenn sie nicht völlig verschwunden waren.
"Macht es dir was aus, wenn ich mich selbst davon überzeuge?" fragte Mac, noch immer ein wenig misstrauisch. Sie wusste, dass ihr Ehegatte dazu neigte, den ‚Fliegerhelden’ zu spielen.
Harm grinste ein wenig, als er seine Arme öffnete und ihr stumm bedeutete, mit seinem Körper zu tun, was immer sie auch wollte.
Macs ‚Gesundheits-Check’ begann auch wirklich ganz professionell und unschuldig. Ihre Finger strichen prüfend die Muskeln seiner Arme und Schulter entlang und tasteten dann prüfend über seine Rippen. Harm, als vorbildlicher Patient, blieb still liegen.
Erst als Mac anfing, sanfte Küsse quer über seine Brust regnen zu lassen, begannen die Muskeln in seinem Bauch zu zucken. Seine Finger krampften sich ins Bettlaken, in dem eisernen Bemühen, sie nicht in Macs seidigem Haar zu vergraben.
"Hmmm, der Patient zeigt beschleunigten Herzschlag, sein Atem ist schnell und unregelmäßig, die Pupillen sind geweitet und er hat Krämpfe in den Finger," urteilte Mac klinisch, bevor sie mit ihrer Kuss-Behandlung fortfuhr. "Ich fürchte, da ist eine intensive Therapie nötig."
"Ähmmm, Mac," stöhnte Harm, kraftlos den Kopf hebend, "ich will mich ja nicht beschweren, aber ich glaube nicht..." Er vergaß einen Moment lang, was er sagen wollte, als weiße Zähne begannen, zärtlich an seinem Ohrläppchen zu knabbern. "... uh, ich glaube nicht, dass Krankenschwestern üblicherweise *so* den Zustand ihrer Patienten checken..."
Harm und Mac zuckten beide heftig zusammen, als plötzlich unerwartet das Telefon auf ihrem Nachttisch klingelte. Verärgert rollte sich Harm herum und griff nach dem lästigen Unterbrecher seines ‚Gesundheits-Checks’. "Ja?!" bellte er in bester Chegwidden-Manier in den Hörer.
"Hallo, Harmon," grüßte ihn die Stimme seiner Großmutter vom anderen Ende der Welt her.
"Oh, hallo, Granny."
Mac setzte sich im Bett auf, als sie hörte, wer der Anrufer war. Das Bettlaken, unter dem sie und Harm lagen, verrutschte und gab den Blick auf ein großzügiges Areal nackter Haut frei.
Mac grinste, als sie Harms Blickrichtung folgte, amüsiert darüber, wie leicht er sich von ihr ablenken ließ, und nahm ihm den Telefonhörer aus der Hand.
Harm zuckte nur hilflos die Schultern. <Ist wohl ohnehin besser so... der Anblick hat mich fast vergessen lassen, mit wem ich überhaupt rede.>
"Hallo, Granny. Schön, von dir zu hören... aber woher hast du überhaupt die Telefonnummer?" fiel Mac plötzlich ein.
"Oach, ich kenne die eine oder andere Person in der... äh, im Außenministerium...," erklärte Granny als wäre das das Normalste der Welt für eine silberhaarige Farmerin aus Pennsylvania. "Ich wollte nur mal hören, wie’s euch so geht und wie eure ‚zweite Hochzeitsreise’ so läuft."
Mac klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter, um mit der Hand sanfte Kreise auf Harms Arm ziehen zu können. "Das Schiff ist ein Traum von Luxus und Australien ist wirklich..."
"Oh, ich weiß, wie Australien ist, das wollte ich gar nicht wissen," unterbrach die alte Dame. "Ich habe gefragt, wie eure zweite Hochzeitsreise ist!"
"Granny, wir sind nicht zum Vergnügen hier!" betonte Mac. "JAG hat uns zu einer Ermittlung hergeschickt!"
Granny schien das nicht sonderlich zu beeindrucken. "Wer sagt denn, dass man Arbeit und Vergnügen nicht manchmal verbinden kann? Und, hilft die Paartherapie eurem Liebesleben weiter, hmmm?"
Mac nahm die Hand von Harms Arm und starrte ungläubig den Telefonhörer an. "Granny, glaubst du im Ernst, ich diskutiere mein... unser Liebesleben mit dir?!"
"Aber sicher, so wie du es an eurem Hochzeitstag gelobt hast."
"Ich habe *WAS* getan?! An welcher Stelle unseres Eheversprechens war das genau? ‚Ich will dich lieben, ehren und unser Liebesleben mit deiner Großmutter besprechen’?!" Mac konnte nur noch den Kopf schütteln, während Harm sich amüsiert gegen die Rückwand des Bettes lehnte.
"Du bist Anwältin, Liebes, du hättest das Kleingedruckte lesen sollen," mahnte Granny. "Der Priester flüstert den Liebesleben-diskutieren-Teil immer am Ende der Trauung... du weißt schon, wenn man all dem anderen Zeug schon zugestimmt hat."
Mac ließ sich gegen Harms stützende Schulter zurücksinken. "Jetzt will Granny auch noch über Sex reden!" erklärte sie Harm stöhnend.
"Wieso *auch noch*? Hey, ihr zwei sollt nicht über Sex *reden*, klar?!" kam sofort Grannys Ermahnung.
Mac rollte mit den Augen. "Ich meine unsere Therapeutin. Das Gesprächsthema in der Gruppentherapie war gestern: Sex."
"Ah. Und wann kommt das Thema Urenkel... ich meine Kinder dran?" wollte Granny eifrig wissen.
"Erst morgen. Heute lernen wir, wie man neugierige Großeltern loswird!" rief Harm, der, Wange an Wange mit Mac, mitgehört hatte.
"Granny, ist ja wirklich nett, mit dir zu plaudern, aber ich fürchte, wir müssen langsam los, wenn wir rechtzeitig zur Gruppentherapie und dem Landausflug kommen wollen. Grüße Skates, Keeter, Will und unseren Privatzoo von uns, ja?"
"Mach ich. Und ihr denkt daran: Üben, üben..."
"Tschüüüüß, Granny!" Mac legte hastig auf, bevor Granny ihre Übungsanweisungen näher beschreiben konnte. Bedauernd sah sie Harm an. "Tja, Mister Rabb, sieht so aus, als müssten Sie heute Abend noch mal in die Sprechstunde kommen, damit ich Ihre Behandlung fortsetzen kann."
Harm grinste neckisch. "Sie meinen, Sie wollen mich nicht zu einem Spezialisten überweisen, Doktor?"
Mac zog ihm mit einem Ruck das Bettlaken weg und jagte ihn damit zum Badezimmer. "*Ich* bin der Spezialist für alle Ihre Behandlungen, Mister Rabb! Nur keine Sorge, Sie sind in fähigen Händen." Lachend schubste sie ihn in Richtung Dusche, während sie selbst begann, eilig die Zähne zu putzen.
Einige Stunden später setzten die Zodiacs der ‚Dreamcatcher’ sie auf Fraser Island, der größten Sandinsel der Welt, ab. Ein Inselkundiger fuhr die kleinen Touristengruppen mit einem Allradfahrfahrzeug über die straßenlose Insel. Außer ein paar Sandsteinklippen bestand die Insel gänzlich aus Sand, der sich landeinwärts hoch auftürmte.
Sie ließen den endlosen Strand hinter sich zurück und fuhren ins Inselinnere. Der Jeep hoppelte über staubige Sandpisten und durch ausgewaschene Bäche.
Harm beugte sich zu Mac hinüber. "Weißt du, eigentlich hätten wir zur Gruppentherapie heute ruhig zu spät kommen können. Unsere ‚Fähigkeiten des Spürens und Wahrnehmens’ hätten wir auch im Bett weiterüben können."
Mac grinste nur, während sie sich an ihrem Sitz festklammerte, um nicht hin- und hergeworfen zu werden, als der Jeep die holprige Piste entlang fuhr.
"Sehen Sie mal da rüber!" rief der Reiseführer über das Motorengeräusch hinweg. "Da sind Brumbies!"
Harm stöhnte, als er die australische Bezeichnung für die kleine Herde Wildpferde hörte.
Mac wandte den Blick von den Pferden ab, um ihren Mann ernst zu mustern. "Harm…," begann sie unsicher.
Harm schloss für eine Sekunde die Augen. <Warum hab ich Idiot nicht den Mund gehalten?!> Er seufzte. "Ich weiß, Mac, wir müssen noch darüber reden, aber… nicht jetzt, ja?" Aufrichtig sah er ihr in die Augen.
Mac drückte stumm seine Hand. "Okay."
Nach einer Weile hielt der Jeep. Vor ihnen lag ein großer See. Sein türkisblaues Wasser wurde umgeben von schneeweißem Sand und dem dunklen Grün des nahen Regenwaldes.
"Das ist Lake McKenzie, einer der Süßwasserseen der Insel," erläuterte der australische Reisebegleiter.
"Lake McKenzie?" wiederholte Harm kopfschüttelnd. "Meine Güte, ich möchte auch nur ein einziges Mal irgendwohin kommen, wo ein Fluss, ein See oder meinetwegen auch nur eine Pfütze nach den Rabbs benannt ist!" Er stupste Mac neckisch an.
"Hey, der zukünftige Harmon junior-junior wird irgendwann mal nach den Rabbs benannt werden, ist das nicht besser als eine Pfütze?" gab Mac schlagfertig zu bedenken.
Harm grinste breit. "Kein Einspruch, Frau Kollegin. Ich ziehe meine Argumentation zurück."
Einige Kilometer weiter nördlich überquerten sie Eli Creek, einen breiten Bach, der hier ins Meer mündete. Alles, was nördlich von Eli Creek lag, gehörte zum Nationalpark.
Der nächste Stop des Jeeps lag direkt an der Küste. Hier hatte vor fast 70 Jahren ein Zyklon ein tasmanisches Schiff, die Maheno, an den Strand gespült. Von Wellen umspült ruhte das rostige Wrack im Sand, während ein paar halbwilde Dingos um die Überreste des Rumpfes herumschnüffelten.
Zwei Kilometer weiter nördlich stellte sich die kleine Gruppe für ein paar Fotos an den ‚Pinnacles’ und ‚Cathedrals’ auf. Mächtige Sandsteinklippen, von Wind und Regen geformt, ragten hier an der Küste empor. Die Farben der Sandsteinformationen leuchteten spektakulär gegen den blauen Himmel – einige Stellen waren weiß oder ockergelb, manche spielten ins Rostbraune oder Orange und andere leuchteten in grellem Zinnoberrot.
Harm beschloss, das Foto von Mac vor diesem Hintergrund für seinen Schreibtisch rahmen zu lassen.
27. Dezember 2001
1922 Z-Zeit (14:22 Uhr EST)
Außerhalb von MacLean,
Virginia
Fröhlich stapfte Keeter durch den kniehohen Schnee den Hügel hinauf. Das Seil des Schlittens, den er hinter sich her zog, schnitt durch den Stoff seines Handschuhs ein wenig in seine Hand und er blieb stehen, um das Seil in die andere Hand zu wechseln.
Skates verharrte wortlos neben ihm. Ihr Atem kondensierte in der kalten Winterluft, als sie hinab auf die bunten Lichterketten in den Vorgärten der Häuser unter ihnen sah.
Keeter warf ihr ein zuneigungsvolles Lächeln zu. Automatisch, fast ohne sein Zutun, streckte sich seine Hand aus und strich ein paar Schneeflocken von Skates’ Augenbrauen. "Ich bin schon mal Schlitten gefahren als Kind, aber noch nie auf einem Toboggan," erzählte er, als sie Seite an Seite weiter durch den Schnee stapften.
Skates grinste schelmisch. "Ah, dann bist du also eine Toboggan-Jungfrau!"
Keeter versuchte ein schüchternes Lächeln, das dem wagemutigen Piloten aber nicht ganz gelang. "Ja, aber du wirst doch sicher ganz sanft mit mir sein, oder?" Er klimperte spielerisch mit den Wimpern.
Skates musste lachen. "Aber sicher doch," versicherte sie und nahm ihm das Seil aus der Hand, um den Toboggan selbst zu ziehen.
Der Hügel stieg jetzt steiler an. Ein paar einzelne Schlitten kamen ihnen entgegen und irgendwo vor ihnen hörte man lautes Lachen und Rufen aus dem Hang.
Zielsicher führte Skates sie den Hügel hinauf, bis sie den Schlitten schließlich in der Nähe von ein paar Baumstämmen, die als Bänke um eine erloschene Feuerstelle platziert waren, stoppte.
"Wow!" Keeter atmete die klare Luft tief ein. Bewundernd ließ er seinen Blick über die schneebedeckten Hänge und den Wald hinter ihnen gleiten. Nur ein oder zwei andere Personen kamen weiter unten mit Schlitten im Schlepptau den Hügel hinauf. "Eine großartige Stelle! Wie hast du die gefunden?"
"Ich war mal mit Randy hier, als ich sie in Washington besucht habe und mir gefiel die Stelle, weil sie nicht so überlaufen ist wie die Hügel weiter unten," erklärte Skates. "Und an der Feuerstelle da drüben kann man sich prima aufwärmen, wenn es zu kalt wird."
"Okay, also, hier sind wir nun. Wie funktioniert das Ding jetzt?" Keeter klopfte auf das geschwungene Holz des Toboggan.
Skates nahm auf dem Schlitten Platz und bedeutete Keeter, sich hinter sie zu setzen. "Ist nicht weiter schwer, fast wie bei einem normalen Schlitten. Wenn du nach links willst, lehnst du dein Körpergewicht nach links; willst du nach rechts, lehnst du dich nach rechts. Mit zwei Leuten ist es sogar noch leichter, weil das höhere Gewicht dem Schlitten mehr Stabilität verleiht."
"Gut," murmelte Keeter, "ich hatte auch nicht vor, es alleine zu versuchen. Sonst noch Tipps?"
Skates zuckte die Schultern. "Halt dich einfach nur gut fest."
Keeter musterte den Toboggan skeptisch. Er hatte keine Kufen, wie ein normaler Schlitten, nichts, wo seine Hände oder Füße einen Halt hätten finden können. "Ähm, und *woran* soll ich mich festhalten? Ich sehe keine Griffe oder so was."
"Halt dich einfach an mir fest, sonst bist du doch auch nicht so schüchtern," meinte Skates mit freundschaftlichem Spott.
Keeter nickte. "Und wohin soll ich mit meinen Beinen?"
Skates umfasste kurzerhand Keeters Stiefel und hob Keeters Beine über ihre eigenen, so dass seine Stiefel neben ihren ruhten.
<Hey, ich glaube, ich finde Gefallen an diesen Toboggan-Dingern!> Keeter grinste, als er seine behandschuhten Hände um Skates Hüften legte. So eng an Skates Rücken gepresst zu sitzen, selbst durch so viele - <Viel zu viele!> - Schichten dicker Winterkleidung getrennt, war wundervoll.
Sie stießen sich kräftig ab und innerhalb von Sekunden sausten sie den Hügel hinab. Skates lehnte sich ab und zu sanft in die Kurven, um ein paar Schlaglöcher oder Hindernisse zu umrunden, und Keeter folgte einfach den Bewegungen ihres Körpers.
"Wuuuuuhu! Yeeee-ha!" Keeter stieß einen begeisterten Schrei aus, als sie schließlich am Fuße des Hügels zum Stehen kamen. "Das macht Spaß! Gleich noch mal!"
"Ja, aber zuerst mal müssen wir den Hügel wieder hinauf laufen," erinnerte Skates amüsiert.
Sie atmete die kühle, nach Schnee riechende Luft tief ein und aus, als sie Keeter den Weg zurück folgte. So frei und unbeschwert, weit weg von all dem Stress ihres Berufes und den Problemen in ihrem Privatleben, hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Keeter drehte den Schlitten, als sie erneut an der Spitze des Hügels ankamen. "Kann ich jetzt mal vorne sitzen?" erkundigte er sich enthusiastisch.
"Na klar, aber dann musst du auch lenken," forderte Skates, "um deine Mammut-Gestalt kann ich nämlich nicht drüber sehen."
Die beiden Piloten kletterten auf den Schlitten. "Festhalten!" kommandierte Keeter und zog Skates’ Arme enger um seinen Körper, während er spürte, wie ihre Beine sich über seine Schenkel schoben. "Fertig?" Er drehte den Kopf und seine Wange streifte Skates’, als sie nickte.
Keeter stieß sich ab und sie flitzten den Hügel hinab. Die erste Kurve kam und Keeter lehnte sich nach rechts. Er spürte, wie Skates’ Körper seines ohne zu zögern folgte. Ein Baumstumpf ragte vor ihnen aus dem Schnee und Keeter verlagerte sein Gewicht scharf nach links, um ihm auszuweichen. Der Toboggan raste über eine Bodenwelle, flog durch die Luft und warf seine Passagiere links und rechts in den Schnee. Der Schlitten glitt alleine den Rest des Hügels hinab.
Skates schüttelte den Kopf, um den Schnee aus ihren Ohren zu entfernen, und erhob sich langsam. "Keeter?" Sie entdeckte ihren Toboggan-Partner ein paar Meter entfernt reglos im Schnee liegend. In einem Anflug von Panik rannte Skates los. "Keeter! Gott, Keeter, bist du okay?!" Neben ihm ließ sie sich auf den Knien im Schnee nieder und schälte eilig eine Hand aus dem Handschuh, um seinen Puls zu fühlen.
Noch bevor sie die Hand nach ihm ausstrecken konnte, packte Keeter sie lachend und warf sie in den Schnee.
"Keeter!" schimpfte Skates, unter einem Berg von Schnee und dem Piloten begraben. "Das war nicht witzig, klar?! Ich dachte, dir wäre was passiert!"
Keeter erstarrte, die Handvoll Schnee, die er Skates gerade in den Nacken hatte stopfen wollen, noch in der Faust. "Du hast dir Sorgen um mich gemacht?" erkundigte er sich mit einem hoffnungsvollen Unterton in der Stimme.
"Na klar, du fährst ja auch wie ein Verrückter! Du musst erst noch den Rhythmus und die Balance lernen, die es erfordert, es mit einer anderen Person bis zum Schluss zu schaffen," meinte Skates, hinunter zu ihrem einsamen Schlitten zeigend.
Keeter seufzte grinsend. "Ja, ja, das ist die Geschichte meines Lebens. Ich höre das ständig von Frauen." Er rollte sich auf die Füße und reichte Skates die Hand. "Komm, lass uns den Schlitten holen und dann erst mal ein Feuer machen, um uns ein wenig aufzuwärmen."
Innerhalb kurzer Zeit hatten sie ein Feuer in Gang gesetzt und ihre durchnässten Handschuhe an langen Stöcken daneben zum Trocknen aufgehängt. Skates sah zu, wie Keeter einige weitere trockene Zweige auf die Flammen schob. Keeters ruhige, effektive Bewegungen waren beruhigend und Skates lehnte sich zurück, als er neben ihr auf dem Baumstamm Platz nahm.
Sie streckte die Hände in Richtung des wärmenden Feuers aus und genoss die widersprüchliche Mischung der Elemente um sie herum; Feuer, Eis und das Wasser, das von ihren langsam trocknenden Handschuhen in den Schnee tropfte.
Die beiden Piloten saßen auf ihrer improvisierten Bank, ohne viel zu sprechen. Skates lauschte dem Knacken und Prasseln des Feuers; beobachtete die tanzenden Flammen. Keeters Wärme neben ihr war fast so intensiv wie die des Feuers. Er saß entspannt auf dem Baumstamm, die Beine weit von sich gestreckt und seine breite Schulter war eng gegen ihre gepresst. Skates stellte mit gelinder Überraschung fest, dass sie die Berührung recht angenehm fand. Obwohl sie Keeter immer wieder bremste und ihn warnte, dass zwischen ihnen nie mehr sein würde als Freundschaft, konnte sie doch nicht umhin, sich von seiner Aufmerksamkeit und den kleinen Gesten der Bewunderung geschmeichelt zu fühlen. Sie mochte den kräftigen Piloten, auch wenn sie es nicht zugab.
Sie drehte sich zu Keeter um und schloss spontan die Finger um seine bloße Hand. "Ich hab ziemlich viel Spaß gehabt, in den letzten Tagen," gestand sie halblaut. "Ich wollte nur, dass du das weißt."
Keeters graue Augen wirkten im Feuerschein wie flüssiges Silber, als er lächelte. Sanft drückte er ihre Finger. "Ich auch, Skates."
Sie lehnten ihre Schultern aneinander und richteten ihren Blick wieder auf das wärmende Feuer vor ihnen.
28. Dezember 2001
2306 Z-Zeit (09:06 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
im Hafen von Brisbane,
Queensland, Australien
"Okay!" Anne-Marie Chavez-Burton schlug ihr Notizbuch auf. "Nachdem wir jetzt die Klippe des einen Themas einigermaßen erfolgreich umschifft haben, kommen wir jetzt zu dem Thema, das logisch daraus folgt."
"Frustration?" warf Edith DelRey grinsend ein und alle lachten.
Die Therapeutin schüttelte amüsiert den Kopf. "Nein, Kinder. Unser Thema heute ist die Entscheidung jedes Paares für oder gegen Kinder."
Carl Benton schnaubte und ließ sich mit finsterer Miene in seinem Stuhl zurückfallen.
Mrs. Chavez-Burton wandte sich an das erste Paar. "Mister und Mrs. Yates, Sie haben einen Sohn, richtig?" Die Angesprochenen nickten. "Möchten Sie noch mehr Kinder haben?"
"Ja." Nancy Yates nickte sofort, während ihr Mann im selben Moment sagte:
"Nein… ich meine, jedenfalls nicht jetzt sofort, im Moment. Ich bin beruflich gerade in einer... Übergangssituation und da ist alles einfach zu instabil für ein weiteres Kind," fügte Ben Yates entschuldigend hinzu.
"Sehen Sie das genauso?" wollte die Therapeutin von seiner Frau wissen.
Nancy schüttelte den Kopf. "Nein, wieso ist deine berufliche Situation instabil? Sie ist doch seit Jahren immer die gleiche!" Irritiert blickte sie ihren Mann an.
Anne-Marie Chavez-Burton hob beschwichtigend die Hände. "Einmal abgesehen von Ihrer beruflichen Situation... möchten Sie weitere Kinder?"
Diesmal bejahten beide Partner und die Therapeutin wandte sich dem nächsten Paar zu. "Wie sieht das bei Ihnen aus, Mister und Mrs. Benton? Sie haben bisher keine Kinder... war das eine Entscheidung, die Sie beide gemeinsam getroffen haben?"
"Entscheidung?!" explodierte Carl Benton. "Wer zum Teufel sagt, dass es überhaupt eine Entscheidung war?!"
Die Therapeutin drehte ernst den Kopf in seine Richtung. "Sie meinen, Sie sind..."
"Impotent, jawohl! Im-po-tent!! Jetzt zufrieden, Doktor Freud?!" knurrte Benton unwirsch.
Anne-Marie Chavez-Burton ließ sich nicht auf die Provokation ein. "Ist das einer der Gründe, warum es in Ihrer Ehe Probleme gibt?" erkundigte sie sich sanft.
Carl Benton schnaubte. "Wissen Sie, wie viele Kinder meine Brüder haben? Fünf! Jeder von ihnen hat *fünf* Kinder und ich bringe nicht einmal eines zustande!"
Die Therapeutin nickte, wohl verstehend, was für ein harter Schlag dies für seinen männlichen Stolz und für seine Lebensplanung war. "Sie wissen aber, dass Sie noch andere Optionen haben, wenn Sie beide ein Kind wollen, oder?" Sie sah zwischen den beiden Bentons hin und her. "Sie könnten zum Beispiel Ihre Brüder um eine ‚kleine Spende’ bitten oder sich einen anonymen Spender aussuchen. Sie könnten auch ein Kind adoptieren. Heutzutage gibt es da eine Vielzahl von Möglichkeiten." Sie beschloss, dass es besser war, ihre Worte erst einmal auf das Paar einwirken zu lassen und sie ließ ihren Blick zu den nächsten Klienten in der Reihe wandern.
"Bevor Sie fragen, nein, wir wollen keine Kinder mehr," sagte Lennard DelRey, der Endfünfziger in der Runde, grinsend. "Aber wir üben trotzdem noch regelmäßig unsere Technik... für alle Fälle."
Alle lachten und ein wenig von der Spannung, die im Raum entstanden war, legte sich wieder.
"Okay, bevor wir zu den Hausaufgaben kommen, wie sieht die Familienplanung bei Ihnen aus, Mister und Mrs. Rabb?"
Harm griff über die Lücke zwischen ihren Stühlen und drückte Macs Hand. "Natürlich wollen wir ein Kind oder vielleicht auch mehrere, aber da wir noch nicht sehr lange verheiratet sind, haben wir uns darauf geeinigt, noch mindestens ein Jahr zu warten, um noch ein wenig Zeit nur für uns beide zu haben," erzählte er mit leuchtenden Augen. Es war schön zu wissen, was die Zukunft für ihn bereit hielt.
"Das halte ich für eine gute Idee," lobte die Therapeutin. "Vielen Paaren, die sich ohne lange Paarphase gleich in die Familienphase stürzen, fehlt dann die solide Basis, um Jahre der Partnerschaft mit allen Höhen und Tiefen durchstehen zu können. Gut, kommen wir jetzt also zu den Hausaufgaben..."
Zwei Stunden später schipperten die beiden Rabbs auf einem Schaufelraddampfer den Brisbane River hinauf, zum Lone Pine Koala Sanctuary Park, der eine halbe Stunde außerhalb der Stadt lag.
Mac sah gedankenverloren dem Schaufelrad am Heck des Dampfers zu und erinnerte sich an ihre Schaufelraddampfer-Fahrt in New Orleans zurück. Sie musste grinsen, als sie an Grannys hartnäckige Verkupplungs-Versuche dachte, denen sie ebenso hartnäckig widerstanden hatten.
Harm hingegen hing sehr viel weniger angenehmen Gedanken nach. "Was würdest du machen, wenn es uns so wie den Bentons geht? Ich meine, was wäre, wenn ich... oder überhaupt einer von uns beiden... keine Kinder haben könnte... was würden wir dann tun?"
Mac löste ihren Blick von den braunen Wassern des Brisbane River und bekam gerade noch Harms letzten Satz mit. "Hm? Was wir machen? Na, wir trennen uns natürlich!"
Harm erstarrte. Er hatte immer gewusst, dass ein Kind Mac wichtig war, aber... wichtiger als er? Als ihre Liebe? Wichtiger als alles, was sie sich über die vielen Jahre der Freundschaft hinweg aufgebaut hatten?
Mac legte ihm die Hand auf den Arm. "Harm? Ist was? Dir ist doch nicht schon wieder schlecht, oder?"
"Ob etwas ist?" wiederholte Harm ungläubig. "Mac, du hast mir gerade gesagt, dass du dich von mir trennen würdest..."
"Aber das hat Mrs. Chavez-Burton doch so angeordnet! Hast du nicht zugehört, als sie die Hausaufgaben erklärt hat? Sie hat uns erklärt, dass wir eine innige, aber keine symbiotische Beziehung führen sollen; dass wir für eine ausgewogene Mischung aus gemeinsamen Interessen und Erlebnissen jedes einzelnen sorgen sollen. Deshalb sollen wir heute mindestens zwei Stunden getrennt verbringen. Du hast nicht zugehört, stimmt’s?"
Harm sank erleichtert gegen die Reling des Schaufelraddampfers. "*Du* hast nicht zugehört, was ich eben gesagt habe! Ich hab’ dich gefragt, was wir machen würden, wenn wir plötzlich feststellen würden, dass es uns wie den Bentons geht und wir keine Kinder haben können..."
"Oh!" Mac schlang die Arme um seine Taille. Langsam dämmerte es ihr, welchen Schrecken sie ihm mit ihrer Antwort eingejagt hatte. "Entschuldige." Sie küsste ihren Mann zart auf die Wange. "Ich dachte eben an New Orleans und dachte, du fragst mich, was wir nachher machen."
Harm legte beide Arme um sie. "Schon okay. Also, was würden wir machen, wenn wir keine eigenen Kinder haben könnten?" wiederholte er seine Frage.
"Na ja, das kommt darauf an... würdest du trotzdem Kinder haben wollen, auch wenn es nicht deine eigenen sind?" erkundigte die Anwältin sich vorsichtig.
Harm sah hinüber zu dem jungen Vater, der mit einem etwa dreijährigen Jungen auf dem Arm am Bug stand und seinem Sohn etwas zeigte, was auf der anderen Seite des Ufers lag. Könnte er ein solches emotionales Band mit einem Kind entwickeln, das nicht sein eigenes war? Wollte er das? Dann stellte er sich Mac an der Stelle des jungen Mannes am Bug vor, wie sie ein Kind in den Armen hielt. "Ich würde jedes Kind, das von dir stammt, genauso lieben, als wäre es tatsächlich mein eigenes," sagte er nach einigen Sekunden aufrichtig.
Mac musterte ihn überrascht.
Harm lachte. "Was ist? Hast du etwa gedacht, das würde mein männlicher Flyboy-Stolz nicht zulassen?"
"Ähm... ja, so ähnlich. Irgendwie dachte ich, du würdest dann lieber ein Kind adoptieren," gestand Mac.
"Nein, ich möchte ein Kind, dass all deine wunderbaren Eigenschaften hat," Harm lächelte seiner Frau zu. "Aber ich hätte auch nichts dagegen, ein weiteres Kind zu adoptieren. Und wie stehst du zu diesem Thema?" Neugierig forschte er in Macs Augen nach der Antwort.
"Ich hätte gerne ein Kind mit all *deinen* wunderbaren Eigenschaften – minus der Abneigung gegen Beltway Burger, versteht sich." Mac grinste, fuhr aber ernst fort: "Wenn das aber aus irgendeinem Grund nicht möglich sein sollte, dann möchte ich trotzdem Kinder mit dir großziehen. Ich weiß, dass du ein wundervoller Vater sein wirst – und deshalb bin ich froh, dass unser Gespräch hoffentlich rein hypothetischer Natur ist."
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als der Schaufelraddampfer anlegte und die Touristen von Bord strömten.
Das Lone Pine Koala Sanctuary, der älteste Tierpark Australiens, lag idyllisch direkt am Brisbane River. Über eine Holzbrücke, unter der sich Katzenwelse tummelten, betraten sie den Tierpark.
Auf dem weitläufigen Gelände waren Wombats, Echidnas, Emus, Reptilien und Schnabeltiere zuhause. Sie wanderten vorbei an einem kleinen Rudel rostbrauner Dingos, bis sie schließlich ein paar der unzähligen Koalas des Parks entdeckten, die hoch in den Bäumen Eukalyptusblätter mümmelten. Nach ein paar Fotos setzten sie ihren Weg fort.
Eines der freilaufenden Kängurus sprang wenige Meter von ihnen entfernt über den Weg; sich immer mit seinem muskulösen Schwanz abfedernd.
Um noch wie verordnet zwei Stunden getrennt in der Stadt verbringen zu können, kürzten sie den Besuch im Tierpark rasch ab.
Harm begleitete Mac noch bis zur Haltestelle des Touristenbusses, der sie zum 14km entfernten Ferny Hill bringen sollte. "Also," sagte Mac langsam, als die Türe des Busses aufschwang, um sie einsteigen zu lassen, "bis später dann..."
Harm nickte. "Bis später." Mit einem Gefühl des Verlustes ließ er langsam Macs Hand los.
Mac verharrte in der Türe, drauf und dran, die Anweisung der Therapeutin zu ignorieren und Harm mit sich in den Bus zu ziehen.
"Was ist jetzt, Lady? Wollen Sie mit oder nicht?" drängte der Busfahrer ungeduldig.
Seufzend stieg Mac ein und suchte sich einen Fensterplatz, um Harm noch winken zu können. <Gott, ich bin wirklich pathetisch! Ich führe mich auf, als ob es zu meiner Hinrichtung ginge, dabei sollen wir nur mal zwei Stunden getrennt verbringen! Reiß dich zusammen, Marine!> Sie fühlte sich etwas besser, als ihr auffiel, dass es Harm genauso zu ergehen schien. Sie sah ihn auf dem Parkplatz stehen und winken, bis der Bus in der Ferne verschwand.
Als der Bus sie und die anderen Touristen schließlich an ihrem Ziel absetzte, hatte sich ihre Stimmung schon gebessert. <Jetzt sind es ja nur noch eine Stunde und 41 Minuten!> Mit neuer Energie folgte sie dem Rest der Gruppe zur Führung durch den Erlebnispark, der im Stil einer Outback-Schaffarm gestaltet worden war.
Zottige Hirtenhunde machten vor, wie sie Schafe zusammentrieben. Ein paar Meter davon entfernt lief eine Show mit acht dressierten Schafen, die auf Zuruf an den Zuschauern vorbei auf ihre Plätze trotteten.
Ein professioneller Schafscherer zeigte den Touristen, wie Schafe geschoren wurden. Das Schaf wurde mit einem kräftigen Schwung zu Boden geworfen und zwischen den Beinen des Scherers festgehalten. Die elektrische Schere wanderte schnell durch das weißgelbe Vlies, das in einem möglichst großen Stück entfernt wurde. Nach kaum einer Minute wurde das Schaf wieder losgelassen. Sofort sprang es auf und rannte blökend davon.
Grinsend hielt der Schafscherer das Vlies in die Höhe. "Die meisten der 160 Millionen Schafe, die es in Australien gibt, sind Merinos, deren Vlies bis zu zehn Kilogramm wiegen kann. Zwar verwenden wir heute meist elektrische Scheren, aber der Schurrekord stammt immer noch von 1892. Damals hat ein Queensländer 321 Schafe in sieben Stunden und 40 Minuten geschafft."
Der Australier führte sie weiter, in einen Raum, wo die Wolle gekämmt und gesponnen wurde. Ein paar der Touristen versuchten sich im Wollespinnen, aber angesichts ihrer haushälterischen Fähigkeiten – oder dem Mangel daran – ließ Mac es lieber bleiben.
Harm hatte sich unterdessen von den CityCats, den blau-weißen Schnellbooten, die auf dem Brisbane River den Bus ersetzten, zurück in die Stadt bringen lassen und bummelte durch das Zentrum, noch immer ein wenig betrübt, dass Mac nicht bei ihm sein konnte.
Moderne Hochhäuser mit Glasfronten ragten hier am Fluss in die Höhe, aber schon ein paar Straßen weiter wirkte die drittgrößte Stadt Australiens eher wie eine Ansammlung von Vororten mit breiten Straßen und grünen Parks.
Harm wanderte vorbei am alten Rathaus der Stadt, dessen 100m hoher Glockenturm das Zentrum beherrschte, und an unzähligen Restaurants, Cafés und an diversen Marktständen, die eine bunte Vielfalt von Nahrungsmitteln anboten. <Ah! Das hätte Mac gefallen!> Kurzerhand beschloss er, seiner abwesenden Frau etwas von seinem Ausflug mitzubringen.
Zwei Stunden später sprang Mac auf die Füße, als es dumpf an der Türe ihrer Kabine klopfte. <Wer kann das sein? Harm sicher nicht, der wäre doch einfach reingekommen... Außerdem klang es mehr, als ob jemand gegen die Türe rempelt, als ein ordentliches Anklopfen...> Vorsichtig öffnete sie die Türe und spähte hinaus in den Korridor des Schiffes.
"Gott im Himmel! Harm, was hast du getan?!" Lachend ließ sie ihren über und über mit Päckchen und Tüten beladenen Mann an sich vorbei eintreten.
Erleichtert lud Harm einen Armvoll seiner Last auf den Tisch ab und ließ sich in den Sessel fallen.
Mac stupste neugierig eines der Pakete an. "Was ist das alles?"
Harm sah sie unschuldig an. "Ich bin einkaufen gewesen und da hab ich dir was mit gebracht."
"Du? Du warst einkaufen?" wiederholte Mac ungläubig. Sie wusste, dass Harm das Einkaufen nicht besonders mochte – es sei denn, er konnte Zug fahren gehen, während sie auf der Jagd nach einem Paar Schuhe war.
"Na ja, nicht wirklich einkaufen... mehr so ein... Stadtbummel und da hab ich hier und da was gesehen..." Harm gestikulierte in Richtung des voll beladenen Tisches.
"Hier und da?" Mac lachte. "Das hier sieht mir mehr so aus, als ob du mir aus jedem Geschäft in Brisbane etwas mitgebracht hast! Was ist das alles?" Sie hob eine braune Papiertüte hoch und schüttelte sie vorsichtig. Plötzlich schnüffelte sie. "Hmmm… ist das was zu essen?"
Harm nickte. "Mmm, die hatten da so ein paar Stände und ich dachte mir, du bist sicher hungrig, wenn du von deinem Schafe-Zählen zurück kommst, also hab ich dir ein oder zwei Sachen mitgebracht."
Mac begann eifrig, die einzelnen Pakete auszupacken. "Lass mal sehen... Teigtaschen mit Fleisch... Krabben... Paprika und Schafskäse... geröstete Mandeln und Erdnüsse... ein kandierter Apfel... ein Stück Pizza..." Sie brach ab und sah auf. "Harm… hast du selbst auch irgendwas davon gegessen?"
Harm räusperte sich. "Na ja, ich konnte dir ja nichts mitbringen, was dir nachher womöglich nicht schmeckt oder wovon dir schlecht wird..."
Mac machte große Augen. "Du hast das *alles* probiert?!"
"Nein, das Fleisch nicht," wehrte Harm energisch ab.
"Aber alles andere schon, oder? Harm, ich will nicht, dass dir wieder schlecht wird," meinte Mac besorgt. "*Ich* bin es gewohnt, die ungesündesten Dinge wild durcheinander zu essen, aber du?"
"Hey, mir geht’s prima. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja wieder einen deiner Gesundheits-Checks machen," wandte Harm grinsend ein und deutete einladend auf seinen Körper.
Mac sah zwischen ihrem Mann und den verlockenden Nahrungsmitteln hin und her. "Nach dem Essen," versprach sie lachend.
29. Dezember 2001
2017 Z-Zeit (15:17 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Tut mir wirklich leid, dass sich das Abschlussinterview ein wenig verzögert hat," Edwin Kennelly, Nachwuchs-Reporter vom People Magazine, sah seine beiden Interview-Kandidaten um Vergebung bittend an. "Und Miss Worthing lässt sich heute auch entschuldigen. Sie ist leider verhindert und deshalb werde ich das letzte Interview mit Ihnen führen."
Skates grinste innerlich vor sich hin, als sie neben Keeter auf der Couch Platz nahm. <Verhindert, ha! Ich wette, sie hat einfach keinen Spaß mehr daran, einen schmucken Flyboy zu interviewen, wenn dieser sich weigert, mit ihr zu flirten!> In triumphierender Genugtuung tätschelte sie Keeters Bein, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden.
"Okay," der Jung-Journalist wirbelte nervös seinen Bleistift zwischen den Fingern hin und her, "heute haben wir eigentlich nur noch ein Thema abzudecken... wir möchten unserer Leserschaft auch einen Ausblick auf die Zukunft des Traumpaares der Streitkräfte geben... also, sagen Sie uns, wie viele Sprösslinge werden aus dieser großen Romanze hervorgehen?"
"Wie bitte?!" Skates Finger bohrten sich unwillkürlich in Keeters Knie.
Ed Kennelly sah von seinen Notizen auf. "Kinder," erklärte er, als hätte Skates ihn nicht schon beim ersten Mal verstanden, "es geht einfach darum, wie viel Kinder Sie haben möchten."
Skates lehnte sich mit verschränkten Armen in die Polster der Couch zurück. "Keine," murmelte sie.
"Oh, so vier oder fünf," antwortete Keeter gleichzeitig.
Der Reporter sah irritiert zwischen den beiden Interviewten hin und her.
"Nicht alle Kinder sind geplant," fügte Keeter erklärend hinzu.
"Meine schon," murmelte Skates, gerade so laut, dass nur Keeter sie hören konnte. "Ich plane, keine zu haben."
"Wie bitte?" Edwin Kennelly beugte sich vor, um das Gemurmel der jungen Ehefrau besser verstehen zu können.
Keeter grinste. "Ach, meine Frau sagt nur gerade, dass sie es kaum noch abwarten kann, mit unserem Baby schwanger zu werden." Er kraulte Skates’ imaginären Baby-Bauch.
"Heißt das, dass Sie Ihre Karriere aufgeben werden, um bei dem Kind oder den Kindern zuhause zu bleiben, Mrs. Rabb?" erkundigte sich der Journalist.
"Oh, nein, Harmon wird natürlich das Windeln wechseln und die Kinderpflege übernehmen, nicht wahr, Schatz?" Skates grinste schadenfroh, als sie sich an Keeters Desaster mit der Waschmaschine zurückerinnerte.
Keeter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich hätte mir früher nie vorstellen können, meinen Job für irgendetwas aufzugeben, schon gar nicht, um mich an eine einzige Frau oder sogar noch an ein Kind zu binden, aber selbst wir Flyboys werden irgendwann älter... und weiser... und verliebter, natürlich... und irgendwann erscheint einem eine einsame Junggesellen-Wohnung, in die man nach Hause kommt, gar nicht mehr so verlockend."
Kennelly kritzelte eilig mit, während Skates ihren Pseudo-Ehemann erstaunt ansah. <Wow! Das klingt beinahe... echt! So als hätte sich Keeter darüber schon ernsthafte Gedanken gemacht!>
Der Reporter sah grinsend von seinem Block auf. "Das darf ich doch sicher zitieren, Commander Rabb?"
Keeter lehnte sich zurück und legte beiläufig einen Arm um Skates’ Schulter. "Aber natürlich."
Gerade als sie den Reporter zur Türe begleiteten, stieg draußen Granny aus einem Taxi, gefolgt von einem mit einem Dutzend Tüten beladenen Will.
"Hey, Will, was ist dir denn passiert?" erkundigte sich Keeter amüsiert.
Der Halb-Cherokee stöhnte, bedachte seine Ehegattin aber mit einem nachsichtig-liebevollen Blick. "Jetzt, wo wir morgen nach Hause fliegen, ist bei Sarah wohl ein uralter Jagd- und Sammelinstinkt durchgebrochen. Ihr sind plötzlich Hunderte von Leute eingefallen, denen sie ein kleines Präsent zum neuen Jahr oder ein verspätetes Weihnachtsgeschenk kaufen muss und schon steckte ich mitten drin in einem Beutezug durch ganz Washington, der die Plünderung Roms durch die Barbaren wie einen Kindergeburtstag hat aussehen lassen!"
"Unsinn," verteidigte sich Granny, als sie ihrem Mann nach innen folgte, "so schlimm war es gar nicht. Ich musste doch schließlich den Roberts eine Kleinigkeit besorgen, zum Dank dafür, dass sie bis zu Sarahs und Harmons Rückkehr aufs Haus und die Tiere aufpassen."
"Bei all dem Spielzeug, das du gekauft hast, könnte man eher denken, dass der kleine A.J. höchstpersönlich auf das Haus aufpasst," neckte Will lachend.
Granny reckte stolz das silberhaarige Haupt. "Ich übe lediglich für unsere Urenkel, William MacKenzie! Auch beschenken will schließlich gelernt sein!" erklärte sie würdevoll. Sie ließ sich auf der Couch nieder und richtete anklagende Blicke auf Skates und Keeter. "Zu schade, dass ihr nicht die restliche Zeit auf das Haus aufpassen wolltet. Ihr hättet es völlig für euch gehabt, hättet in trauter Zweisamkeit tun können, was immer ihr auch wolltet..."
Skates grinste. "Tut mir leid, deinen Plan durchkreuzen zu müssen, aber meine Familie möchte Sylvester gerne mit mir feiern und noch ein paar Tage mit mir verbringen, bevor mein Urlaub zuende ist, wo ich doch schon an Weihnachten nicht zu Hause war. Und ich nehme an, Keeters Familie geht es da ähnlich."
Keeter betrachtete verlegen den Parkettboden. "Ähm, na ja... eigentlich... meine Eltern sind gerade zu Besuch bei Verwandten in Irland und meine Brüder verbringen Sylvester und Neujahr bei ihren jeweiligen Schwiegereltern..."
Granny schoss mit einer Geschwindigkeit von der Couch in die Höhe, die ihre mittlerweile 87 Jahre Lügen strafte. "Waaaaas?! Du Ärmster wirst das neue Jahr ganz alleine anfangen? Elizabeth, kannst du das wirklich übers Herz bringen?"
"Ich habe nicht gesagt, dass ich alleine sein werde," wandte Keeter zaghaft ein.
Drei Augenpaare richteten sich auf Keeter – Wills erstaunt, Grannys verärgert und Skates’... <Enttäuscht? Eifersüchtig?> beobachtete Keeter hoffnungsvoll.
"Soll das heißen, du verbringst Sylvester mit einer *anderen Frau*?!" Granny baute sich, die Arme in die Hüften gestemmt, vor dem zwei Köpfe größeren Keeter auf und funkelte ihn so empört an, als hätte er eben einem wehrlosen Säugling den Schnuller geklaut.
Keeter nickte vergnügt. "Ich vermute sogar, dass es mehrere Frauen sein werden, eine schöner als die andere," prahlte er grinsend.
"Wer sind diese Frauen?!" verlangte Granny zu wissen, so als plane sie bereits, eine Reihe von Auftragskillern auf die unliebsamen Konkurrentinnen anzusetzen.
Der Navy-Pilot hob beschwichtigend die Hände. "Skates’ Familie war so lieb, mich für ein paar Tage nach San Francisco einzuladen."
"Oooooh, Sylvester bei den zukünftigen Schwiegereltern, wie süüüß!" quietschte Granny, ihrem Mann erleichtert um den Hals fallend.
Skates starrte ihren Flieger-Kollegen ungläubig an. "Keeter, du kennst meine Eltern nicht einmal!"
"Oh, deine Eltern nicht, aber deine Cousine – und die hat mich im Namen der gesamten Familie ganz herzlich eingeladen, mit dir zu kommen, wenn du nach Hause fliegst," erklärte Keeter heiter.
"Randy! Ich bringe sie um!" knurrte Skates kopfschüttelnd. "Ich hätte sie damals im Lastenaufzug stecken lassen sollen, dann würde sie sich jetzt nicht mit Granny gegen mich verbünden!" Sie stampfte in die Küche, um sich zur Beruhigung ein Glas Orangensaft einzugießen.
Keeter folgte ihr langsamer. "Bist du wirklich sauer, dass sie mich eingeladen hat?" fragte er, ihr den Tetra-Pack aus der Hand nehmend, damit sie nicht noch mehr Saft verschütten konnte. Kommentarlos drückte er ihr das gefüllte Glas in die Hand und schnappte sich einen Putzlappen. "Skates, wenn du mich nicht dabei haben möchtest, wenn du lieber mit deiner Familie allein sein willst... wenn ich störe... dann bleibe ich hier, wirklich! Du musst es nur sagen."
Skates setzte das Glas ab und seufzte. Es war nicht etwa so, dass sie sich durch Keeters Anwesenheit gestört fühlte oder unbedingt alleine mit ihrer Familie sein wollte. "Nein, Keeter, das ist es nicht, wirklich, aber... na ja, ich weiß, dass du mehr von unserer Freundschaft willst, als ich... als ich dir im Moment anbieten kann..."
Keeter trat einen Schritt zurück, so als fürchte er, Skates im wahrsten Sinne des Wortes zu nahe getreten zu sein. "Skates," murmelte er. Die grauen Augen blickten betroffen. "Skates..." Er atmete tief durch und hob dann den Blick, um ihr direkt in die Augen zu sehen. "Ja, okay, damit hast du wohl recht und ich wollte das auch gar nicht vor dir verbergen. Aber ich habe mich doch wirklich bemüht, mich nicht wie ein Flyboy zu verhalten, der gerade Landgang hat und hinter der nächstbesten schönen Frau her ist... oder habe ich dir dieses Gefühl gegeben, dass ich nicht mehr will als eine heftige, aber kurze Affäre, um damit dann vor meinen Kumpels prahlen zu können?"
"Nein," versicherte Skates sofort entschieden, "nein, das ist es ja gerade. Du bist wirklich... nett..."
"Autsch!" unterbrach Keeter mit einem gezwungenen Grinsen. "Nicht gerade das Kompliment, das ein Mann von seiner heimlichen Angebeteten hören möchte."
Skates streckte beschwichtigend die Hand aus, stoppte die Bewegung aber, kurz bevor sich ihre Hand auf Keeters Unterarm senken konnte. "Im Vergleich zu den Männern, mit denen ich es bisher zu tun hatte, ist ‚nett’ wirklich ein Kompliment, glaub mir. Du nimmst mich ernst und respektierst meine Wünsche und außerdem habe ich jedes Mal, wenn wir uns treffen, eine Menge Spaß..."
"Aber mehr als das möchtest du nicht," beendete Keeter ihren Satz.
"Ja... nein... ich meine, nicht im Moment. Darum geht es mir ja gerade, Keeter!" Skates tigerte in der Küche auf und ab. "Ich habe nichts dagegen, Sylvester mit dir zu verbringen, aber ich mag dich zu sehr, um falsche Versprechungen zu machen. Ich will einfach nicht, dass du dir irgendwelche Hoffnungen machst... den Eltern vorgestellt zu werden, im Kreise der Familie zu feiern – das ist traditionell doch ein wichtiger Schritt in einer Beziehung."
"Stop mal für einen Moment, bevor du dir noch ’nen Knoten in die Zunge redest, Skates!" bremste Keeter. "Du hast mir gar nichts versprochen und ich mache mir auch gar keine Hoffnungen... außer der Hoffnung, ein nettes Neujahrsfest mit einer netten Familie zu feiern, das ist alles, okay?"
Skates blickte ernst in die aufrichtigen grauen Augen. "Okay," stimmte sie langsam zu und begann zu lächeln.
"Na also!" Keeter schlang in einer freundschaftlichen Geste einen Arm um ihre Schultern und dirigierte sie zur Türe. "Und jetzt lass uns Granny und Will erlösen, die sich seit zehn Minuten die Nase an der Küchentüre platt drücken!"
30. Dezember 2001
2202 Z-Zeit (09:02 EADT / East Australian Daylight Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
im Hafen von Sydney,
New South Wales, Australien
Anne-Marie Chavez-Burton lehnte sich auf ihrem Stuhl nach vorne und nickte den beiden Amerikanern ihr gegenüber zu. "Ich habe Sie heute zu einer Einzeltherapie herbestellt, weil es an diesem Punkt an der Zeit ist, auch mal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen."
Sie wartete, bis Harm und Mac durch ein Kopfnicken ihr Verstehen andeuteten.
"Jeder von Ihnen beiden hat vermutlich vor Ihrer Heirat schon andere Beziehungen gehabt und darin Erfahrungen gemacht, die Sie in Ihre jetzige Beziehung einbringen und die Ihre Vorstellungen und Erwartungen, wie eine Partnerschaft sein sollte, mit prägen. Ich weiß nicht, ob und wie viel Ihr Mann von Ihren früheren Beziehungen weiß...," wandte sie sich vorsichtig an Mac.
Mac lächelte beruhigend. "Harm weiß von allen meinen vorigen Beziehungen." <Die meisten dieser Desaster hat er sogar ‚live’ miterlebt!> fügte sie in Gedanken hinzu.
"Das ist gut. Wie sieht das bei Ihnen aus, Mister Rabb?" Fragend sah die Therapeutin Harm an.
Harm grinste in einer Mischung aus Flyboy-Charme und purer Verlegenheit. "Mac... Sarah weiß von jeder meiner Beziehungen, die überhaupt die Bezeichnung ‚Beziehung’ verdient. Ich... na ja, ähm... ich hatte früher ziemlich viele One-Night-Stands und Beziehungen, die nur ein Wochenende oder einen Urlaub lang gedauert haben."
Er erinnerte sich noch gut an seine damalige Meinung über Beziehungen. <Es kann nicht immer alles klasse laufen, mit keiner Frau. Sie können von Glück sagen, wenn es 5 Tage pro Monat gut geht,> hatte er damals zu Bud gesagt
"Wussten Sie das?" erkundigte sich Mrs. Chavez-Burton bei Mac.
Harm wartete, ebenso gespannt auf Macs Reaktion wie die Therapeutin.
"Nicht, dass ich Zahlen, Namen oder Fakten kennen würde, aber... ich wusste ja, welchen Ruf sein Berufsstand bezüglich Frauen hat," meinte Mac sachlich. "In diesen Kreisen ist es irgendwie einfach normal, ein Charmeur und Frauenheld zu sein und ich wusste, dass Harm da sicher keine Ausnahme war."
"War das nie Anlass zu Diskussion und Eifersucht zwischen Ihnen?" wollte Anne-Marie Chavez-Burton wissen.
Harm und Mac wechselten einen kurzen Blick. "Nein, nie. Harm hat mir nie Grund zur Eifersucht gegeben. Ich vertraue ihm," erklärte Mac ruhig.
Die Therapeutin nickte zufrieden. "Wie sehen Ihre früheren Beziehungserfahrungen aus, Mrs. Rabb? Waren das auch eher kurzfristige Beziehungen?"
Mac schluckte und zupfte mit den Zähnen unbehaglich an ihrer Unterlippe herum. "Nein. Ich war sogar mal verheiratet, allerdings nur kurze Zeit."
"Wirklich?" Das schien die Therapeutin zu überraschen. "Wenn ich fragen darf... woran ist Ihre erste Ehe denn gescheitert?"
"An der Realität," antwortete Mac spontan und fügte dann erklärend hinzu: "Wir waren einfach zu jung und zu unreif. Ich habe geheiratet, um zuhause weg zu kommen und um etwas zu erleben. Als ich langsam erwachsen wurde, haben wir uns in so verschiedene Richtungen entwickelt, dass die Ehe vorbei war."
"War es schwer für Sie, den Beschluss zu fassen, ein zweites Mal zu heiraten?" erkundigte sich Anne-Marie Chavez-Burton interessiert.
"Sie meinen, Harm zu heiraten?" hakte Mac nach.
"Mmm...," Ein wenig irritiert sah die Therapeutin zwischen den beiden Rabbs hin und her. "Ja, natürlich."
Mac schüttelte den Kopf. "Nein, nachdem wir uns erst einmal eingestanden hatten, dass wir mehr sind als nur beste Freunde, war es gar nicht schwer, diesen Schritt zu machen. Ich kenne Harm so gut und vertraue ihm so sehr, wie noch keinem anderen Mann zuvor."
"Warum haben Sie mich eben gefragt, ob ich den Beschluss, Ihren Mann zu heiraten, gemeint habe?" hakte die aufmerksame Paartherapeutin nach.
Mac sah auf ihre Fingernägel hinab, als hätte sie plötzlich etwas Interessantes darauf entdeckt. "Weil ich vor der Beziehung zu Harm mit einem anderen verlobt war und ihn beinahe geheiratet hätte," gestand sie halblaut.
Harm sah zu ihr hinüber; unsicher, ob er nach ihrer Hand greifen sollte, um sie zu halten, oder nicht.
"Waren *Sie* der Grund, warum es zu jener Hochzeit dann doch nicht gekommen ist, Mr. Rabb?" fragte die Psychologin offen.
Harm öffnete den Mund, um zu antworten, und schloss ihn dann wieder, als ihm bewusst wurde, dass er die Antwort nicht wirklich kannte. <Bin ich der Grund, warum sie sich von Brumby getrennt hat? Hmm, einerseits habe ich sicher kein gutes Haar an Crocodile-Dundee gelassen, aber andererseits... seinen Ring hat sie erst angenommen, als ich ihr damals auf der Fähre in Sydney praktisch eine Abfuhr erteilt habe... > Eine kurze Pause entstand, als er Mac ansah und fragend die Augenbrauen hob.
Mac räusperte sich. "Ja... und nein. Das ist... kompliziert."
"Versuchen Sie, es uns zu erklären." Anne-Marie Chavez-Burton hatte nicht vor, ihr die ausweichende Antwort durchgehen zu lassen.
"Mir ist schon eine ganze Weile vor der damals geplanten Hochzeit klar geworden, dass ich Mi... meinen damaligen Verlobten nicht wirklich geliebt habe," erzählte Mac, nicht die Therapeutin, sondern nur Harm ansehend. "Ich liebte seine Integrität, seine Ehrenhaftigkeit, seinen Humor und seinen Mut – all die Eigenschaften, die ich auch an Harm so liebe – aber ich habe nicht ihn als Person geliebt. Ich habe versucht, ihn zu lieben, weil er mir all das bieten konnte, was ich mir für mein Leben gewünscht habe."
"Eine tolle Karriere, einen guten Mann und bequeme Schuhe – und zwar einen ganzen Haufen davon," warf Harm mit einem schmalen Lächeln ein.
Mac erwiderte das Lächeln und griff nach seiner Hand. "Genau. Ein einfaches Leben mit Stabilität und einer Familie."
"Alles, was ich dir damals nicht geben konnte oder wollte," murmelte Harm, plötzlich verstehend.
"Noch nicht," wiederholte Mac Harms Worte von der Fähre. "Aber glücklicherweise haben wir beide noch rechtzeitig erkannt, dass wir nicht auf dem richtigen Weg waren."
Ein diesmal angenehmeres Schweigen entstand; als die beiden Rabbs verstummten und sich ihre Finger automatisch ineinander verflochten.
Anne-Marie Chavez-Burton lächelte. "Sieht so aus, als hätten Sie einen langen Weg zurückgelegt, um dahin zu kommen, wo Sie heute sind. Sie haben einige Hindernisse und Probleme überwunden, auch ohne diese Therapie, und ich glaube daran, dass Sie es auch in Zukunft schaffen werden, Ihren Scheidungsrechts-Kollegen erfolgreich aus dem Weg zu gehen," meinte sie zuversichtlich. Die Therapeutin warf einen Blick auf die Uhr. "Ich sehe, wir müssen zum Ende kommen. Schicken Sie auf dem Weg nach draußen bitte die Yates’ rein?"
Wenige Stunden später ließen sich die Rabbs auf einem Zwei-Mast-Segler, der der Bounty nachempfunden worden war, durch das weitläufige Hafenbecken des Sydney Harbour und der Mündung zum tiefblauen Pazifik fahren; vorbei am Opernhaus mit seinem weißen Dach, das wie eine Reihe aufgeblähter Segel wirkte, und unter der Sydney Harbour Bridge hindurch.
Die Sonne brannte bei 30°C von einem fast wolkenlosen Himmel hinab, so dass Harm und Mac nach ihrer Hafenrundfahrt spontan beschlossen, hinaus zum Strand zu fahren.
Nebeneinander standen sie an der Reling der Fähre, die sie von Circular Quay nach Manly Beach, dem auf einer Halbinsel liegenden Badestrand, brachte.
Harm ließ die Hand über die nackte Haut ihrer Schulter gleiten; froh, dass Mac heute nur ein Top mit dünnen Trägern anhatte. Er brauchte jetzt einfach den engen Kontakt mit ihr.
Jetzt, wo er wusste, wie einmalig und völlig anders seine Beziehung mit Mac war und wie sehr er sie in seinem Leben brauchte, tat es noch mehr weh, daran zu denken, wie leicht alles ganz anders hätte kommen können. "Eigentlich ist es fast ein Wunder, dass wir jetzt wieder hier sind, genau an dieser Stelle, auf der Fähre; zusammen und verheiratet! Wenn man bedenkt, wie unser letztes Gespräch auf einer solchen Fähre geendet hat..." Harm verstummte und zog Mac noch ein wenig enger gegen seinen Körper.
Mac nickte, die Wange gegen seine Schulter gelehnt. "Wenn ich daran denke, wie dumm ich damals war..."
"*Du*?" Erstaunt hob Harm das Kinn von Macs Scheitel.
"Klar, ich!" Mac nickte heftig. "Ich war doch schließlich diejenige, die noch am selben Tag den Ring eines anderen angenommen hat; aus lauter Trotz und Einsamkeit oder vielleicht, um dich zu einer Entscheidung zu zwingen. Wenn das nicht blöd war..."
"Das war nicht blöd, das war mutig und konsequent," verteidigte Harm Mac gegen sie selbst. "*Ich* war der emotionale Feigling von uns beiden, der dir ständig ausgewichen ist und nicht mal über seine Gefühle sprechen wollte, während du ganz offen die Karten auf den Tisch gelegt hast. Ich hatte damals einfach Angst, dass ich eine Beziehung zwischen uns ebenso schnell in den Sand setzen würde, wie all meine vorigen Beziehungen und dass uns dann nicht mal unsere Freundschaft bleibt."
"Immer noch?" fragte Mac, beide Arme um Harms Hüften geschlungen.
"Immer noch was? Habe ich diese Angst immer noch oder sind wir immer noch Freunde?" hakte Harm nach.
Mac zuckte die Schultern. "Beides."
"Abgesehen davon, dass wir in einer Paartherapie stecken," begann Harm grinsend, "glaube ich, dass unsere Beziehung sehr gut läuft. Ein verheirateter Mann zu sein, scheint mir plötzlich so natürlich und so erstrebenswert, wie ich mir das nie vorgestellt hätte." Nachdenklich blickte Harm auf seinen Ehering hinab. "Und ich glaube, dass wir es selbst als Paar noch geschafft haben, obendrein auch noch Freunde zu bleiben."
Sie sahen zu, wie die Fähre in diesem Moment am Anleger von Manly Beach festmachte. Eine Reihe von Restaurants und Geschäften flankierte den Weg zum langen, weißen Sandstrand.
"Okay, *Freund*, dann mal auf zum Strand!" Lachend zog Mac ihren Begleiter mit sich.
Innerhalb kurzer Zeit hatten sie zwei Liegestühle gemietet und sich einen Platz unweit des Wassers gesichert.
Harm streifte sein T-Shirt über den Kopf und sah dann zu, wie Mac dasselbe tat und ein schwarzes Bikini-Oberteil darunter zum Vorschein kam. Harm sah sich hastig um. Um sie herum wimmelte es nur so von braungebrannten Surfern, muskelstrotzenden Lebensrettern und durchtrainierten Beach-Volleyball-Spielern.
Einer der Lebensretter beobachtete interessiert, wie Mac aus ihrer Jeans schlüpfte und sich die Muskeln ihres flachen Bauches streckten, als sie sich aufrichtete.
Harm rückte seinen Liegestuhl näher an den von Mac heran. "Vergiss nicht, dass ich nicht nur dein *Freund* bin, ja?"
"Hmm?" Verständnislos sah Mac von ihrem Wäsche-Falten auf.
Harm nickte mit dem Kinn in Richtung des sie noch immer beobachtenden Rettungsschwimmers. "Was ist das nur immer mit dir und diesen David-Hasselhoff-Typen!"
Bevor Mac protestieren konnte, setzte sich der australische Rettungsschwimmer in Bewegung und kam zu ihr hinüber. "Hallo. Ich habe zwar gerade ‚Feierabend’, aber irgendwie fühle ich mich doch noch für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Badegäste verantwortlich," erklärte er in breitem Aussie-Slang und mit einem noch breiteren Grinsen. "Wie wäre es, wenn ich Ihnen damit helfe, Miss...?" Er deutete einladend auf die Flasche Sonnencreme, die Mac eben aus ihrem Rucksack geholt hatte.
"Mrs.," verbesserte Mac lächelnd, ohne mit der Wimper zu zucken, "und das ist nicht nötig. Mein Mann ist der Aufgabe völlig gewachsen. Trotzdem danke."
"Oh." Der Lebensretter schien Harm jetzt erst zu bemerken. "Na dann... werd’ ich mich wohl mal wieder auf den Weg machen." Er joggte davon.
Wortlos rollte sich Harm von seinem Liegestuhl auf Macs hinüber, schlang die Arme um seine Frau und küsste sie.
"Wow! Wofür war das denn?" erkundigte sich Mac, sobald sie wieder zu Atem kam.
"Ich hab mir nur gerade überlegt, ob ich auch so kühl und gelassen reagiert hätte, wenn Pamela Anderson aufgekreuzt wäre und mir angeboten hätte, meinen Rücken einzucremen," meinte Harm grinsend.
Mac schlang ihr Handtuch um seinen Nacken und zog ihn daran näher zu sich heran. "Und was hättest du Pam auf dieses Angebot hin erwidert?" Spielerisch ließ sie den Bund seiner Badeshorts gegen Harms Haut schnappen.
"Autsch! Ich verweigere die Aussage!"
Mac schnaubte. "Das kannst du nicht."
"Nein?"
"Nein. Du bist hier nicht vor Gericht, auch wenn du schon längst lebenslänglich erhalten hast. Also, was hättest du der guten Pam gesagt?" neckte Mac.
"Ich hätte gesagt: ‚Mmmhm, ein bisschen fester, bitte’," behauptete Harm grinsend.
Mac ließ den Gummibund seiner Shorts fester gegen Harms Haut klatschen.
"Hey, nicht *du* sollst das fester machen, sondern Pam!" protestierte Harm. "Okay, okay, im Ernst," er hielt eilig Macs angreifende Hände fest, "ich hätte ihr gesagt, dass gleich meine Ehefrau mit einem 5-Kugeln-Eis zurückkommt und ihr das dann vermutlich entgegenschleudert, wenn sie nicht sofort die Hände von meinem Rücken nimmt."
Mac schüttelte den Kopf. "Ich werfe nicht mit Essen, schon gar nicht mit meinem Lieblings-Eis!"
"Aber das weiß Pam doch nicht!" wandte Harm clever ein.
Lachend erhob sich Mac und zog Harm vom Liegestuhl hoch. "Also, was ist jetzt mit dem Eis, das du mir eben versprochen hast?"
Grinsend folgte Harm seiner Frau zum nächsten Eisstand.
Fünf Kugeln Eis und einige Stunden später kletterten Harm und Mac die 200 Stufen des südöstlichen Granitpfeilers der Sydney Harbour Bridge hinauf. Im Inneren des Pylons befand sich ein Museum, das die Geschichte der Stahlbrücke zeigte, die von den Einheimischen liebevoll ‚Kleiderbügel’ genannt wurde.
Eine Stunde vor Sonnenuntergang gesellten sie sich dann zu dem halben Dutzend Touristen, das wie sie an der Kletterpartie auf der Brücke teilnehmen wollte. Die beiden Führer teilten graue Overalls, Lampen und Funkgeräte aus. Die Sicherheitsleine jedes Kletterers wurden im Brückengeländer eingehakt und dann ging es los.
Vom Pylon aus kletterten sie über schmale Gänge und Leitern den östlichen der beiden stählernen Brückenbögen hinauf. Der heftige Wind hoch oben über der Stadt zupfte an ihren Overalls und versetzte die Brücke in ständige leichte Schwankungen.
Harm, der hinter Mac in das Sicherheitssystem eingeklinkt war, beobachtete mit einem gewissen Stolz, wie leichtfüßig und sicher sich Mac hier oben bewegte. Er erinnerte sich an die Klettertouren mit Onkel Matt, von denen sie ihm erzählt hatte.
Die Sonne begann eben, im Westen am Horizont zu verschwinden, als sie den höchsten Punkt der Brücke, in 134 Meter Höhe, erreichten. Ihr Rastplatz bot einen herrlichen Anblick auf die Stadt und den Hafen. Direkt unter ihnen verliefen acht Fahrspuren und zwei Bahngleise über die Brücke. Die Autos darauf wirkten aus dieser Höhe wie Spielzeug.
Harm ließ den Blick über den botanischen Garten, die Wolkenkratzer des Finanzdistrikts und das Treiben der Segelboote und Fähren im weitverzweigten Hafen der Jackson Bay gleiten, während er neben Mac auf dem windigen Aussichtsplatz thronte.
Als sie langsam begannen, über den westlichen Bogen der Brücke zurückzuklettern, setzte die Dämmerung ein und schließlich brach die Dunkelheit an. Unter ihnen gingen langsam die Lichter der Stadt an. Die Kletterer hakten ihre Lampen von den Gürteln und blieben für einen Moment stehen, um die nächtliche Skyline von Sydney zu bewundern. Das erleuchtete weiße Dach des Opernhauses hob sich deutlich von seiner Umgebung ab.
Während ihrer kurzen Rast erzählte einer der beiden Kletterführer interessante Fakten über die Brücke, während sein Kollege die Sicherheitsleinen der Touristen überprüfte. "Wussten Sie zum Beispiel, dass hier oben auf der Brücke schon 23 Heiratsanträge gemacht worden sind?"
Mac stupste ihren Mann an. "Hey, das würde Granny gefallen!"
"Hm, ich weiß nicht, jetzt, wo wir unter der Haube sind, ist sie über das Heiraten ein wenig hinaus. Sie fände es sicher interessanter, wenn auf der Brücke schon 23 Kinder gezeugt worden wären!" wandte Harm grinsend ein.
Mac verschluckte sich beinahe an dem Mineralwasser, das einer der beiden Führer ihr gerade gereicht hatte. "Exhibitionist!" schnaubte sie kopfschüttelnd.
31. Dezember 2001
0320 Z-Zeit (19:20 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien
"Hey, hey, nicht so schnell, Skates!" Keeter hastete hinter seiner Begleiterin die lange, heckengesäumte Auffahrt zum Hawkes-Anwesen hinauf. "Ich muss schließlich noch einen Teil deines Gepäcks mittragen! Gott, was hast du in dem Koffer? Backsteine? Eine Leiche? Das Ding ist *schwer*!"
Skates grinste nur. "Okay, du hast mich ertappt. Ich musste eben den Taxifahrer beseitigen, weil er kein Wechselgeld hatte." Sie führte ihren Gast die lange Treppe zum Haus hinauf.
Oben angekommen stellte Keeter die Koffer ab und zupfte nervös die Falten des 6-Stunden-Fluges von Washington aus seiner Hose und dem Hemd. "Was hast du eigentlich deinen Eltern über mich erzählt?" erkundigte er sich. Es war ihm wichtig, einen guten Eindruck bei der Familie der Frau zu hinterlassen, mit der er insgeheim eine Zukunft plante – auch wenn sie davon noch nichts wissen wollte.
Skates grinste über die Schulter zurück. "Was hätte ich denn erzählen sollen?"
"Na ja... wissen sie zum Beispiel, wer ich bin? Ich meine, wer ich für dich bin, in welcher Beziehung ich zu dir stehe?" Unauffällig wischte Keeter seine feuchten Hände an seiner Hose ab. Er rettete sich in ein verwegenes Grinsen. "Wissen Sie, dass ich..." <Total verrückt nach ihrer Tochter bin?> "... praktisch dein Ehemann bin?"
Skates zupfte neckisch an seinem gerade erst mühsam geglätteten Hemd. "Du bist *was*?! Ich glaube, die Nutzung der zivilen Luftfahrt hat dir nicht gut getan, Keeter!"
"Hey, weißt du nicht mehr... Irland... wir waren zusammen auf Hochzeitsreise, also bin ich praktisch dein liebender Ehemann!" strahlte Keeter.
"Das sollten wir meinen Eltern aber besser schonend beibringen. Sie werden besser häppchenweise erfahren, wer du bist... heute können wir ihnen beichten, dass du nicht von der Westküste stammst, sondern ein Südstaatler bist. Beim nächsten Besuch können wir sie dann langsam an den Gedanken gewöhnen, dass du kein kohlescheffelnder Anwalt, sondern ein unterbezahlter Offizier bist. Und in viele, vielen Jahren können wir ihnen dann vielleicht erzählen, dass du Pilot bist."
Keeter pflügte mit den Fingern nervös durch seine Haare. "Deine Eltern mögen Piloten nicht besonders, hm?" <Nicht, dass ich ihnen das verdenken könnte, nach dem, was dieser Kerl ihrer Tochter angetan hat!>
"Aber sicher mögen sie Piloten; ihre Tochter ist Pilotin, schon vergessen?" Skates schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. <Ich verschweige ihm wohl besser, dass Dad sogar alle seine Anteile an Fluglinien verkauft hat, nachdem Bryan sich von mir ‚entlobt’ hat, sonst traut der arme Keeter sich gar nicht mehr ins Haus!> Sie betätigte den imposanten Türklopfer und innerhalb von Sekunden wurde das schwere Portal zur Hawkes-Villa geöffnet.
Keeter nestelte nervös am über seine Brust geschlungenen Träger seiner Reisetasche herum. Er kam sich vor, als stünde ihm gleich eine Audienz bei einem Königspaar bevor.
Statt des frackgekleideten Butlers, den Keeter erwartet hatte, tauchte jedoch eine übergewichtige, kleine Frau mit grauen Dauerwellen und mit weißer Schürze vor den Neuankömmlingen auf.
"Josie!" Skates ließ ihr Gepäck fallen und lief direkt in eine warme Umarmung. Erst nach ein paar Sekunden erinnerte sie sich wieder an ihren Gast. "Oh! Josie, das hier ist Jackson Díarmuid Keeter," die Jägerleitoffizierin grinste, als sie seinen vollen Namen aussprach, "und Keeter, das ist Josephine Tathwell, Haushälterin, Köchin und gute Seele des Hauses Hawkes."
Keeter stellte die Koffer in der riesigen Empfangshalle ab und griff gentlemanlike nach der Hand der älteren Dame, um einen charmanten Kuss darauf zu hauchen. Ganz offensichtlich war ‚Josie’ mehr als nur eine Angestellte des Hauses für Skates und er beschloss, sie dementsprechend zu behandeln. "Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Tathwell," erklärte er, seinen irisch-südstaatlerischen Flyboy-Charme herauskehrend.
Die Haushälterin erwiderte sein Lächeln freundlich. "Willst du deinem netten Besucher nicht erst mal das Haus zeigen, Kind?" schlug sie vor. "Oder schließt ihr euch gleich den anderen Gästen im großen Saal an?"
Skates drehte sich fragend zu Keeter um. "Wie sieht’s aus, Keeter, willst du den Rest des Hauses ansehen?"
Keeter blickte sich in der großen Eingangshalle um, entlang des langen Flures und hinauf zu der breiten Treppe mit dem reichverzierten Geländer. Langsam bekam er das Gefühl, dass man sein ganzes Haus im Wohnzimmer der Hawkes hätte unterbringen können. "Aber sicher doch. Wenn ich nur erst ein paar Brotkrumen haben könnte, so dass ich den Weg zurück wieder finden kann und mich nicht völlig verirre," scherzte er, während er Skates schon die Treppe hinauf folgte.
"Keine Angst, Hänsel, ich kenne mich hier aus," versicherte Skates grinsend. Sie führte ihn einen langen Gang hinab und zeigte ihm links und rechts die Räume, an denen sie vorbei kamen. "Ach ja, das da ist mein altes Zimmer, aber das interessiert dich sicher nicht." Eilig wollte sie an der geschlossenen Zimmertüre vorbeigehen.
Keeter packte eilig zu und hielt Skates an der Gürtelschlaufe ihrer Jeans fest. "Hier geblieben! Und wie mich dein Zimmer interessiert!" Er war wirklich gespannt, was ihn hinter dieser Türe erwartete; wie die kleine Skates gelebt hatte. Gab es da drinnen ein riesiges Himmelbett? Teure Rokokomöbel? Eine Ballettstange samt Spiegel an der Wand?
Skates näherte sich zögernd der Türe. "Ähm, na gut, aber es ist wirklich nicht sonderlich interessant."
"Ach nein? Wenn ich mich recht erinnere, fandest du *mein* altes Zimmer aber sehr interessant!" schnaubte Keeter.
"Oh, ja! All diese Poster von den leichtbekleideten Blondinen mit den großen..."
"Ohrringen!" unterbrach Keeter eilig, als eine schlanke Frau den Gang hinab auf sie zu kam. <Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass das erste, was Skates Mutter über mich erfährt, die pubertierenden Poster in meinem Jugendzimmer sind! Vorausgesetzt, das ist überhaupt Skates Mutter.>
Einen Moment lang bezweifelte er, dass die Fremde wirklich Skates Mutter war. Sie war etwas kleiner als Skates und wirkte zerbrechlicher und ihre Haarfarbe ging mehr ins Rötliche als Skates’ braunes Haar. Auch ihre Kleidung war eigentlich zu leger, um zu der Besitzerin einer solchen Villa zu passen. Aber dann blieb die Frau lächelnd stehen und Keeter konnte jetzt ihre Augen erkennen. Eine ihm wohlvertraute Mischung aus Intelligenz und spitzbübischem Humor funkelte Keeter aus den braunen Augen entgegen. Alle Zweifel an der Identität der Frau waren plötzlich beseitigt – nicht zuletzt deshalb, weil sie Skates sofort in eine mütterliche Umarmung schloss.
"Skates! Du bist schon da!"
"Na klar, Mum. Glaubst du, ich komme auch nur eine Minute zu spät, wenn meine Cousine mit dem kalten Büfett alleine ist?" scherzte Skates.
Mrs. Hawkes lächelte beruhigend. "Keine Sorge, diesmal hat sie ihre Ziege zuhause gelassen." Sie drehte sich zu Keeter um. "Liebe Tochter, ich sehe, es ist höchste Zeit, dass du wieder mal nach Hause kommst, um deine Erziehung aufzufrischen. Du hast mich noch nicht vorgestellt!"
Keeter trat eilig vor, um Skates eine mütterliche Standpauke zu ersparen. "Mrs. Hawkes, ich bin Jack Keeter. Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen und Ihrer Familie für diese freundliche Einladung bedanken."
"Wir freuen uns, Sie hier zu haben, Jack. Nennen Sie mich bitte Victoria oder Tori; wir sind nicht halb so formell, wie einen dieses Haus glauben machen könnte. Und ob es wirklich so eine Freude war, hier zu sein, können Sie entscheiden, wenn Sie dann wieder abreisen. Es gibt so ein paar Dinge, die man im Hawkes-Haushalt beachten sollte," warnte Victoria Hawkes scherzhaft.
"Zum Beispiel sollten Sie sich vom Speisen-Aufzug fern halten, wenn Skates in der Nähe ist," kam eine Stimme von der Treppe her.
"Zu komisch, Randy!" antwortete Skates, ohne sich umdrehen zu müssen. Die freundschaftlich-neckische Stimme ihrer Cousine würde sie immer und überall erkennen. "Wirst du nicht irgendwo ganz dringend gebraucht? Zum Braten-Tranchieren zum Beispiel? Zu irgendwas muss eine Chirurgin in der Familie ja schließlich nütze sein."
Randy Hawkes kam die letzten Stufen der Treppe herauf. "Tut mir leid, aber Gwen hat all meine Skalpelle konfisziert – ich hab Urlaub und darf keine Arbeit anrühren. Ich würde Ihnen also raten, sich nicht wieder irgendwelche Knochen zu brechen, Keeter."
Keeter rieb sich unwillkürlich den Arm, den er sich bei einem Notausstieg aus seinem Flugzeug gebrochen hatte. "Keine Sorge, Randy, ich habe auch Urlaub und fliege im Moment nicht... irgendwelche Leitern hinunter," fügte er schnell hinzu, als ihm einfiel, dass Skates Eltern nicht unbedingt gut auf Piloten zu sprechen waren. <Ich verschweige meinen Beruf vorsichtshalber lieber noch ein Weilchen.>
"Hast du deinen Vater schon begrüßt?" erkundigte sich Tori Hawkes bei ihrer Tochter.
Skates schüttelte den Kopf. "Wo ist er denn?"
"Er ist eben aus dem großen Saal geflüchtet, um nicht all seinen Freunden erzählen zu müssen, wie er von seiner eigenen Nichte beim Golfen geschlagen wurde," berichtete Randy grinsend.
Skates führte ihren Gast die Treppe hinunter und einen langen Gang hinab. Im Eingang eines großen Saals, in dem sich gerade ein Dutzend Gäste über das Büfett her machten, blieb sie stehen, schüttelte aber den Kopf, als sie ihren Vater nicht entdeckte. "Vielleicht im Wohnzimmer."
Sie bogen in einen weiteren Gang ab. Keeter blieb absichtlich ein wenig hinter Skates zurück, um ihr Gelegenheit zu geben, ihren Vater – wenn sie ihn denn fanden - ungestört zu begrüßen.
Keeter bog um eine Ecke und musste plötzlich feststellen, dass Skates verschwunden war. <Meine Güte, ist das ein Haus oder ein Labyrinth?!> Er sah zwischen den beiden Türen zu seiner Linken und Rechten hin und her. <Hm... sie muss in irgendeinem Zimmer verschwunden sein... links oder rechts? Links!> beschloss er und klopfte höflich an die Türe.
"Ja?" kam eine männliche Stimme von innen.
Zögernd trat Keeter ein. Der Raum, in dem er sich wiederfand, war ganz offensichtlich ein Arbeitszimmer, nicht das gesuchte Wohnzimmer, und auch von Skates war weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen saß ein Keeter fremder Mann im Sessel hinter dem Schreibtisch.
"Puh!" Der Mann grinste erleichtert, als er Keeter sah. "Ich dachte schon, es wäre meine Frau!" Er brachte eine hastig ausgedrückte Zigarre hinter seinem Rücken hervor und zündete sie wieder an. "Sie sieht es nicht sonderlich gerne, wenn ich rauche, deshalb hab ich mich hierher geflüchtet."
Keeter erwiderte das Lächeln und musterte sein Gegenüber aufmerksam. Der Mann war hochgewachsen, durchtrainiert und in seinen vollen, schwarzen Haaren war kaum eine graue Strähne zu sehen, obwohl Keeter ihn auf Anfang 50 schätzte. Intelligente blaue Augen blickten Keeter offen entgegen.
<Ich könnte wetten, dass das Randys Vater ist – die Ähnlichkeit ist ziemlich verblüffend!> urteilte Keeter sofort.
Skates mutmaßlicher Onkel bot Keeter freundlich eine der Zigarren an und Keeter nahm sie höflich entgegen. Eine Minuten lang pafften sie schweigend, bevor der ältere Mann das Wort ergriff: "Ich bin Konteradmiral Artemus Hawkes. Und neben wem ende ich am Galgen, falls meine Frau uns erwischen sollte?" erkundigte er sich scherzhaft.
Keeter straffte sich automatisch. <Wow! Randys Vater ist Admiral?!> "Commander Jackson Keeter, Sir!" meldete er schneidig.
Artemus Hawkes schob seine Zigarre in den anderen Mundwinkel. "Ah, Sie sind Offizier, hm? Hätte ich wissen sollen, als Sie eine gute Zigarre zu schätzen wussten. Navy?"
"Ja, Sir. Pilot," antwortete Keeter stolz, bevor er sich zurückhalten konnte. <Oh, Mist! Na, hoffen wir mal, dass er das nicht gleich seinem Bruder erzählt.>
"Ah, dann sind Sie der junge Mann, den meine Tochter mitbringen wollte, hm?"
Keeter erstarrte. <Oh, oh!> "Ähm... Ihre Tochter, Sir?"
In diesem Moment riss Skates die Zimmertüre auf. "Dad! Hätte ich mir ja denken können, dass ich dich mal wieder hier finde! Hey, und mein verlorengegangener Gast ist auch da! Keeter, du solltest vielleicht wissen, dass auf heimliches Zigarrenrauchen in diesem Haus die Todesstrafe steht," warnte sie spöttisch.
"Der Galgen, ich weiß." Keeter fühlte sich tatsächlich, als ob seine Hinrichtung kurz bevor stände. <Toll! Keine fünf Minuten im Haus und schon erzähle ich Skates Vater, dass ich Pilot bin und verstoße gegen irgendwelche geheiligten Familienregeln!>
Artemus Hawkes klopfte ihm lachend auf die Schulter. "Unsinn, nur wenn meine Frau uns erwischt. Von Skates haben wir nichts zu befürchten; ich habe genug Erpressungsmaterial, das wir im Laufe der Jahre vor ihrer Mutter geheimgehalten haben. Ich erinnere mich da an die Geschichte mit einem Paar Inline-Skates und dem neuen Cabrio ihrer Mutter..."
"Die Keeter ganz sicher jetzt nicht hören möchte," unterbrach Skates eilig die Geschichte ihres Vaters. "Kommt ihr mit in den großen Saal, damit ich Keeter allen vorstellen kann?"
Der Konteradmiral winkte ab. "Geh’ mit deinem Piloten-Freund nur schon vor, ich muss erst noch eine Rolle Pfefferminzbonbons verspeisen, bevor ich deiner Mutter wieder unter die Augen treten kann."
Keeter hätte gerne um einen Anteil an den Bonbons gebeten, aber Skates zog ihn kurzerhand mit sich und so fand er sich wenig später neben Tori Hawkes am Büfett stehend wieder. Das Essen war wirklich vorzüglich und er hätte gerne jemandem ein höfliches Kompliment gemacht, aber er wusste, dass niemand im Raum mit der Zubereitung auch nur das Geringste zu tun gehabt hatte und daher wusste er nicht genau, was er sagen sollte. <‚Mein Kompliment, Sie wissen wirklich, wie man einen Partyservice bucht’ scheint mir irgendwie nicht so ganz passend zu sein,> sagte er sich kopfschüttelnd.
Skates ließ sich neben Keeter auf eine Designer-Couch fallen. "Hey, ich dachte, du hättest es nicht sehr eilig, meiner Familie zu sagen, dass du Pilot bist? Und bei der erstbesten Gelegenheit finde ich dich, wie du mit meinem Vater eine Zigarre rauchst und mit ihm übers Fliegen redest?"
Keeter schüttelte verzweifelt den Kopf. "Wir haben nicht übers Fliegen geredet und ich wollte deinem Vater auch nicht verraten, dass ich Pilot bin, aber... ich wusste nicht, dass er dein Vater ist. Ich dachte, er wäre dein Onkel."
"Mein Onkel?" Mit skeptischem Blick leerte Skates ihr Weinglas.
"Ja, ich dachte, er wäre Randys Vater. Die beiden sehen sich ziemlich ähnlich, finde ich."
"Hm." Skates ließ ihren Blick über ihre hochgewachsene, dunkelhaarige Cousine gleiten, die am anderen Ende des Saales gerade dabei war, Josie die neuesten Ärzte-Witze zu erzählen. "Ich glaube, du hast recht. Die beiden sehen sich ähnlich und Dad war für Randy auch immer eine Vaterfigur; sie hat praktisch bei uns gelebt, nachdem Onkel Cyril sie rausgeschmissen und jeglichen Kontakt zu ihr abgebrochen hat."
"Oh!" Keeter wusste nicht so recht, was er darauf sagen sollte. Er deutete auf Skates leeres Glas. "Soll ich dir noch was nachschenken? Was trinkst du?"
Skates reichte ihm ihr Glas. "Den Rotwein, den Josie vor den Gästen in der Küche versteckt hat. Sag ihr einfach, es ist für mich."
Keeter bahnte sich mit dem leeren Glas einen Weg durch die ums Büfett versammelten Gäste und betrat die Küche.
Josephine Tathwell, die Haushälterin der Hawkes, sah von der Platte gefüllter Eier, die sie gerade anrichtete, auf. "Ah, Mister Keeter, was kann ich für Sie tun?" erkundigte sie sich freundlich.
"Für mich nichts, ich bin rundum zufrieden, aber Skates hätte gerne noch ein Glas Ihres vorzüglichen Rotweins."
Die grauhaarige Köchin grinste und förderte sofort die entsprechende Flasche zutage. "Möchten Sie nicht auch ein Glas?"
In diesem Moment betrat Artemus Hawkes die Küche. "Da sind Sie ja, Josie! Sie haben nicht zufällig noch irgendwo ein paar Pfefferminzbonbons oder so was versteckt?" fragte er hoffnungsvoll.
"Man sollte wirklich meinen, Sie wären besser darin, auch ein paar Bonbons zu verstecken, wo Sie doch so gut darin sind, dasselbe mit Zigarren zu tun!" schimpfte die patente Haushälterin ihren Arbeitgeber aus, drückte ihm aber dennoch eine Rolle der gewünschten Bonbons in die Hand.
"Haben Sie mir nicht beigebracht, dass man immer gastfreundlich sein sollte? Ich habe lediglich eine Willkommenszigarre mit unserem Gast geraucht, das war alles," behauptete Art Hawkes. "Haben Sie Jack Keeter schon kennen gelernt? Er ist einer von Skates’ Pilotenfreunden."
Keeters Finger schraubten sich fester um das noch immer leere Glas. <Oh, Mist! Jetzt weiß es bald die ganze Familie!>
Josie drehte sich wieder zu Keeter um, doch ihr zuvor so freundlicher Blick war merklich abgekühlt. "Sind Sie sicher, dass das Glas für Skates ist?"
Keeter blinzelte verblüfft. "Ähm, ja, natürlich."
Zögernd schenkte die Haushälterin ihm den Wein ein, bevor sie sich abrupt von ihm abwandte. Keeter wollte eben wie ein geprügelter Hund die Küche verlassen, als ein kleines Mädchen mit einem Kopf voller blonder Locken angerannt kam und Artemus direkt in die Arme sprang. "Wo warst du, Grandpa?" rief das etwa fünfjährige Kind vorwurfsvoll. "Du wolltest doch mit mir spielen!"
Keeter hätte um ein Haar den mühsam erkämpften Wein verschüttet. Mit großen Augen machte er sich auf die Suche nach Skates. "Ähm, Skates, ich dachte, du wärst ein Einzelkind?" begann er verwirrt, als er ihr das Glas überreichte.
Skates nickte amüsiert. "Falls meine Eltern mir da nicht etwas Wesentliches vorenthalten haben, bin ich das auch."
"Aber...," Keeter blickte zurück zur Küchentüre, "... aber da in der Küche, da ist ein Kind... und es hat deinen Vater gerade Opa... Grandpa genannt..." Er sah Skates an, als erwarte er gleich ein Geständnis zu hören, dass sie Mutter von mindestens einem Dutzend Kindern war.
Skates jedoch zuckte ganz ruhig mit den Schultern. "Oh, das war sicher Nia, Randys Tochter," erklärte sie zwischen zwei Schluck Wein.
"R... Randys... Tochter?" Keeter hatte das Gefühl, langsam überhaupt nichts mehr zu verstehen, was die Hawkes-Familie betraf. "Aber... ähm, ich dachte, Randy wäre... sie hätte... keine Kinder?"
"Genaugenommen ist Nia ja auch die Tochter von Gwen, Randys Lebenspartnerin, aber die ganze Familie hat die beiden inzwischen adoptiert. Hast du etwa geglaubt, Nia wäre meine Tochter?" Skates schnaubte amüsiert in ihren Wein und zog ihre Cousine, die gerade vorbeiging, am Ärmel zu sich heran. "Hey, Cousinchen, stell dir mal vor, Keeter hat mir gerade eine Tochter angedichtet – Nia!"
Randy lachte. "Ha! Irrtum, Keeter, Nia ist viel zu brav, um Skates’ Tochter sein zu können!"
"Ist Ihre... ich meine, ist Nias Mutter auch hier?" erkundigte sich Keeter neugierig. Vielleicht konnte sie ihm ein paar Tipps darüber geben, wie man am besten eine Hawkes-Frau für sich gewann.
Randy schüttelte bedauernd den Kopf. "Nein. Gwen konnte leider nicht mitfliegen, sondern musste in Washington bleiben. Schwangerschaften kennen nun mal keine Feiertage."
<Schwangerschaften?!> Keeter bemühte sich, nicht allzu erstaunt dreinzublicken. "Sie... Ihre... Freundin ist schwanger?!"
Die Ärztin klopfte ihrer Cousine anerkennend auf die Schulter. "Skates, endlich hast du dir mal einen Mann mit Humor gesucht! Nein, Keeter, Gwen ist nicht schwanger, sie ist Hebamme; Geburtshelferin! Sie konnte nicht aus dem Krankenhaus weg und deshalb habe ich Nia mitgenommen."
Keeter rieb sich die Stirn. <Oh, man! Habe ich eigentlich irgendein Fettnäpfchen ausgelassen, seit ich dieses Haus betreten habe?>
Ein paar Stunden später war es ruhiger geworden in der Hawkes-Villa. Die ersten Gäste waren bereits gegangen und als Mitternacht – und damit das neue Jahr – nahte, begaben sich die Hawkes und ihre verbleibenden Gäste nach draußen auf den großen Balkon im ersten Stock, um sich das Feuerwerk anzusehen.
Einer der Gäste zählte laut von zehn rückwärts, als die letzten Sekunden des alten Jahres anbrachen. Jubelnde Menschen in den hügeligen Straßen von Pacific Heights versuchten das Krachen und Heulen des Sylvesterfeuerwerks zu übertönen.
Keeter fand sich von der Masse der feiernden Gäste dicht neben Skates an das Balkongeländer gedrückt wieder. Überall wünschten sich die Leute "Glückliches 2002" und um sie herum küssten sich Paare, als das neue Jahr anbrach. Keeter wandte den Blick von dem feuerwerk-erleuchteten Nachthimmel von San Francisco ab und blickte stattdessen hinab in Skates Gesicht. "Glückliches Neues Jahr, Skates," wünschte er, noch ein wenig näher an sie heran tretend. Mit einem Blick auf die küssenden Paare schlug er lächelnd vor: "Ähm, weißt du, damit es wirklich ein glückliches Jahr bringt, vielleicht sollten wir auch... du weißt schon, Neujahrsküsse bringen Glück..."
"Ich weiß nicht...," murmelte Skates, wich aber nicht zurück und machte auch sonst keine Anstalten, ihn zu stoppen, als Keeter einen Arm um sie schlang und sich hinabbeugte.
Keeter drehte den Kopf, näherte seine Lippen behutsam den ihren und... wurde von einem beschwipsten Gast angerempelt. Seine Nase kollidierte mit Skates Stirn und er wich mit einem schmerzverzerrten Keuchen zurück.
"Ich wusste doch, dass das keine gute Idee ist," brummte Skates, noch während sie ein Taschentuch zu Tage förderte und es gegen Keeters blutende Nase presste.
Randy legte neben ihnen eine Hand über die Sprechmuschel ihres Handys. "Alles okay? Braucht ihr ärztliche Hilfe?"
"Nein, ich mach’ das schon," versicherte Skates. Sie legte die Hand um Keeter Ellenbogen und führte ihn in das leere Wohnzimmer, wo sie ihn in einen Sessel drückte. Sanft nahm sie ihm das Taschentuch aus der Hand und übte Druck gegen seine Nasenflügel aus.
"Es stimmt wohl doch, was deine Cousine immer über dich sagt," brummte Keeter dumpf in das Taschentuch. "Du bist ziemlich dickköpfig."
"Entschuldige," sagte Skates bedauernd.
"Oh, mach dir keine Sorgen – auf diese Weise werde ich unseren Neujahrskuss zumindest nie vergessen," meinte Keeter, seine Nase betastend. Endlich hatte sie aufgehört zu bluten.
"Aber wir haben uns doch gar nicht geküsst!" protestierte Skates und musste fast gegen ihren Willen lachen.
Keeter warf das Taschentuch weg und erhob sich aus dem Sessel. "Das können wir aber sofort nachholen." Er streckte die Arme aus, presste die Handflächen sanft gegen Skates Rücken und dirigierte sie so näher an seinen Körper heran. Seine Arme lagen locker um Skates, aber als er spürte, dass sie nicht versuchte, sich zu befreien, sondern einfach abwartete, trat er noch dichter zu ihr heran. Vorsichtig, um nicht erneut seine Nase zu verletzen, beugte er sich hinab, bis er Skates Atem in seinem Gesicht spüren konnte und dann trafen sich ihre Lippen. Als sie nicht zurückwich, übte er ein wenig mehr Druck aus und spürte, wie Skates Mund sich unter seinem regte. <Wow! *Sie* küsst *mich*!>
Nach einer weiteren Sekunde rief er sich zur Ordnung. <Langsam, langsam, Keeter! Stop! Lass ihr Zeit und verdirb nicht gleich wieder alles!> Langsam wich er zurück und beobachtete gespannt Skates’ Gesicht, in der Hoffnung, dort Zustimmung zu erkennen. "War das... okay?"
Skates’ Finger tasteten unwillkürlich über ihre Unterlippe. "Das war... nett," sagte sie schließlich, positiv überrascht klingend.
"Nett." Keeter hob kritisch die Brauen. Nett war nicht unbedingt das Adjektiv, das er hatte hören wollen. <Sieht so aus, als gehöre das ‚Wie-man-einen-Kuss-beschreibt’-Manual nicht zur Jägerleitoffizier-Standard-Ausbildung, aber ich denke, ich werde mich vorerst damit zufrieden geben!>
31. Dezember 2001
0812 Z-Zeit (19:12 EADT / East Australian Daylight Time)
Garden of Friendship,
Sydney,
New South Wales, Australien
"Aaaah!" Stöhnend ließ sich Mac auf eine der Holzbänke neben dem Lotusblüten-Teich fallen und streckte die schmerzenden Füße weit von sich.
Harm ließ den Rucksack von seinen Schultern gleiten und setzte sich neben sie. "Was ist?" fragte er grinsend. "Jetzt hast du bequeme Schuhe an und jammerst immer noch?"
Mac hatte noch immer ihre bequemen Trekking-Schuhe an, da sie direkt von ihrer Tour durch die Blue Mountains hierher gekommen waren. Seit dem frühen Vormittag waren sie durch die Sandsteinformationen der ‚blauen Berge’ gewandert, so benannt nach dem bläulichen Dunst, der über den Eukalyptuswäldern lag.
Sie hatten sich eine Tropfsteinhöhle angesehen und mehrere hohe Wasserfälle passiert, bis sie schließlich über steile Wege zu der Aussichtsplattform des Echo Point hinaufgeklettert waren, um die Sandsteinsäulen der ‚Three Sisters’ zu bewundern.
Um bis zum Abend möglichst viel von der Stadt zu sehen, waren sie nach ihrem anstrengenden Ausflug nicht zum Schiff zurückgekehrt, sondern hatten die nächste Monorail bestiegen. Die moderne Einschienen-Hochbahn, die auf einer Höhe von 5 Metern verlief, hatte ihnen eine schnelle Rundfahrt um Darling Harbour ermöglicht.
Nach zwanzig Minuten waren sie schließlich erschöpft im chinesischen ‚Garden of Friendship’ zwischen Darling Harbour und Chinatown angekommen. Mit steifen Beinen war Mac über die Holzbrücke, die über den Lotusblüten-Teich führte, gestelzt, um sich direkt auf die erstbeste Bank vor einem der Pavillons fallen zu lassen.
"Ich geb’s nicht gerne zu, aber ich glaube, es liegt nicht an den Schuhen," gestand Mac, während sie sich mit geschlossenen Augen gegen Harms Schultern lehnte. "Vermutlich bin ich einfach nicht so gut in Form, wie ich dachte."
Harm schüttelte den Kopf und ließ seinen Blick bewundernd über die verstaubte Gestalt seiner Frau gleiten. "Du bist in unglaublicher Form!" Er beugte sich hinüber und hauchte einen Kuss auf Macs Halsansatz.
Mac öffnete ein Auge, sich noch ein wenig mehr zu Harm hinüberlehnend. "Warum bin ich dann so müde und erschöpft, dass ich befürchte, das Neue Jahr schlafend begrüßen zu müssen?"
Harm schlang fürsorglich einen Arm um sie und musterte sie aufmerksam. <Sie sieht eigentlich nicht krank aus – im Gegenteil. Sie sieht wundervoll aus.> "Geht’s dir sonst gut? Ich meine, dir ist nicht schlecht geworden in dieser Monorail oder so?"
Mac lachte müde. "Nein, *das* ist dein Spezialgebiet."
"Hey, das war die Schuld dieses Busfahrers, der uns nach Katoomba gefahren hat! Bei diesem Fahrstil musste mir ja übel werden! Wenn ich so geflogen wäre, wie der gefahren ist, dann hätte mir die Navy nicht mal ein Papierflugzeug anvertraut!" grollte Harm spielerisch.
Mac öffnete beide Augen und schnupperte hoffnungsvoll. "Hmmm... ich glaube, da drüben verkaufen sie chinesischen Tee und Kuchen..." Sie deutete zum Teehaus mit seinen chinesischen Giebeln hinüber.
"Wie wäre es, wenn wir stattdessen etwas Richtiges essen gehen? Vielleicht findest du dann deine Energie wieder," schlug Harm vor. Er zog Mac behutsam von der Bank hoch und hinter sich her in Richtung Monorail.
Eine Stunde später saßen sie in einem der Restaurants des AMP Tower, dem höchsten Gebäude Sydneys. Das Restaurant rotierte in 305 Meter Höhe langsam um die eigenen Achse und ermöglichte ihnen damit einen beeindruckenden Ausblick auf das Meer aus Häusern unter ihnen und den Hafen im Norden.
Als sich Mitternacht langsam näherte, gesellten sie sich gestärkt zu den vielen Tausend Menschen, die die Ufer des Hafens belagerten. Ihre Finger schlossen sich eng umeinander, um sich in der Dunkelheit und dem Gedränge nicht zu verlieren.
"Nicht, dass ich dich aus den Augen verliere und du küsst versehentlich irgendeinen Australier beim Übergang zum neuen Jahr!" scherzte Harm, als er Mac enger an sich zog.
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Unmöglich! Ich habe den Australiern abgeschworen und küsse jetzt nur noch Amerikaner, schon vergessen?"
"Amerikaner?" wiederholte Harm. Scherzhaft drohte er seiner Angetrauten mit dem Finger. "In der Mehrzahl? Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz fürs neue Jahr..."
"Ich soll mir vornehmen, die Mehrzahl der Amerikaner zu küssen?" fragte Mac amüsiert.
Harm kniff sie spielerisch. "Nein, du sollst nur einen ganz bestimmten Amerikaner küssen, aber das gerne für die Mehrzahl der verfügbaren Stunden, Minuten und Sekunden jedes Tages."
"Ach, ich weiß nicht. Eigentlich wollte ich mir fürs neue Jahr vornehmen, ein neues Aktensortiersystem für mein Büro zu entwerfen."
Harm lachte. "Ah, im Klartext also: Du willst endlich mal das Aktenchaos auf und um deinen Schreibtisch herum beseitigen, hm?"
"Höre ich da eben, wie sich jemand zum Helfen freiwillig meldet?" Mac legte lauschend eine Hand ans Ohr.
"Oh, nein!" protestierte Harm. "Zu spät, meine Vorsätze sind bereits geschlossen – und das Aufräumen fremder Schreibtische gehört nicht dazu!"
"Sondern?" Macs braune Augen, in der Dunkelheit kaum zu erkennen, waren plötzlich ernst auf Harm gerichtet.
Harm kam nicht zum Antworten. Ein Raunen ging plötzlich durch die Menschenmenge, in deren Mitte sie sich befanden. Flackernder Lichtschein spiegelte sich auf dem dunklen Wasser des Sydney Harbour wider, als Hunderte von Schiffen und Booten in den Hafen einliefen. Die beleuchteten Umrisse ließen mehrmastige Segelschoner, moderne Fähren und Yachten erkennen, die Seite an Seite die Parade anführten.
Irgendwann folgte ein chinesisches Tempelboot und in der Nähe des Ufers paddelten ein paar Aborigines-Einbäume.
Als die Schiffe das hell erleuchtete Opernhaus passierten und schließlich unter der Sydney Harbour Bridge hindurchglitten, leuchtete auf der Brücke in goldenen Lichtern der verschnörkelte Schriftzug ‚Eternity’ auf.
Harm schluckte. Stumm zog er Mac so nah wie möglich an seinen Körper heran und spürte, wie sie in stillschweigendem Verstehen beide Arme um ihn schlang. "Ewigkeit," murmelte er, die Wange gegen Macs Haar pressend.
Macs Finger vergruben sich in den kurzen Haaren in Harms Nacken. "Ist das, wie lange wir beide zusammensein werden?" fragte sie, in einer Abwandlung ihrer letzten Unterhaltung über das Wort ‚Eternity’ und ihre Beziehung.
"Mindestens," bestätigte Harm.
Ihre Lippen trafen sich, genau in dem Moment, als zu beiden Seiten der Brücke buntes Feuerwerk in den Himmel stieg und den Beginn des Neuen Jahres verkündete.
Um sie herum ergoss sich Goldregen in die dunklen Wasser des Hafenbeckens; rotes Feuerwerk breitete sich wie Palmen über der Brücke aus und erhellte den Nachthimmel; Menschen jubelten, tanzten und lachten links und rechts von ihnen, ohne dass die beiden unbeweglich dastehenden Amerikaner etwas davon mitbekommen hätten.
"Warum ‚Eternity’?" fragte Mac schließlich atemlos, ihre Stirn gegen Harms gepresst. "Warum Ewigkeit, hm?"
"Weil alles Andere zu kurz ist, um eine wunderbare und vielseitige Frau wie dich wirklich kennen zu lernen," antwortete Harm, die Frage auf die Dauer ihrer Beziehung beziehend.
Mac lachte. "Nein, ich meine, warum wird eigentlich ‚Eternity’ an die Brücke geschrieben? Warum nicht schlicht und einfach ‚Glückliches 2002’ oder so etwas? Ich wollte dich das eigentlich schon eher fragen, aber..."
"Aber beim letzten Mal, als ich dir davon erzählt habe, war dir anschließend nicht mehr danach, über die australischen Neujahrsbräuche zu sprechen," beendete Harm verständnisvoll den Satz. Er war froh, dass sie endlich offen ansprechen konnten, was damals zwischen ihnen geschehen war. Auch wenn es nicht gerade glückliche Erinnerungen waren, brachte es sie dennoch einander ein weiteres Stückchen näher.
"Also, warum gerade ‚Eternity’?" wiederholte Mac ihre Frage.
"Das ist eine merkwürdige Geschichte. Im Jahr 1932 begann auf mysteriöse Weise das Wort ‚Eternity’ über Nacht auf den Straßen und Plätzen Sydneys zu erscheinen, mit gelber Kreide geschrieben. Vierundzwanzig Jahre ging das so, Nacht für Nacht, ohne dass man je entdeckt hätte, wer der fleißige Schreiberling war. Man nannte ihn nur ‚Mister Eternity’," erzählte Harm.
Mac lauschte interessiert. "Und? Hat man es je herausgefunden?"
"Ja. Eines Tages wurde ein Mann namens Arthur Stace dabei gesehen, wie er das Wort auf den Gehweg schrieb. Er war ein mittelloser Tramp. Sein Vater war Alkoholiker und seine Mutter leitete ein Bordell und er hat schon als Kind das Stehlen gelernt, um zu überleben. Aber dann hörte er eines Tages eine Predigt und die Botschaft, Ewigkeit, beeindruckte ihn so, dass er, der Analphabet war, lernte, das Wort in feinsäuberlicher Schrift zu schreiben. Man schätzt, dass er es in 33 Jahren über 500.000 Mal auf die Straßen Sydneys geschrieben hat."
"Wow!" Mac schüttelte beeindruckt den Kopf. <Sein Vater war Alkoholiker... und er hat trotzdem etwas geschaffen, das über seinen Tod hinausging... etwas, was fortbesteht... etwas für die Ewigkeit.> Sie nagte an ihrer Lippe. <Ob ich, Joe MacKenzies Tochter, das auch schaffe? Wobei wir wieder bei Vorsätzen und Zukunftsplänen wären...>
Sie sah hinauf zu der Zahl ‚2002’, die nun in gelb-orangefarbenen Lichtern neben einer Darstellung des Uluru – oder Ayers Rock - auf der Brücke aufleuchtete. <Was uns dieses Jahr wohl so alles bringen mag?> "Was sind denn nun unsere Vorsätze fürs Neue Jahr?" wandte sie sich erneut an Harm.
Harm zuckte die breiten Schultern. "Vielleicht eine Hochzeit?" schlug er vor.
"Wir sind schon verheiratet," wandte Mac ein. "Nicht, dass ich dich nicht immer wieder heiraten würde."
"Nicht unsere Hochzeit, die von Skates und Keeter."
Mac schüttelte den Kopf. "Das ist ja wohl eher Grannys und Wills Vorsatz, nicht unserer."
"Hmmm... wie wär’s dann mit einer anderen Familienfeier... sagen wir zum Beispiel...," Harm legte den Finger an die Lippen und tat, als überlege er angestrengt, "... einer Taufe?"
Mac stolperte ein wenig, als sie von den ersten Zuschauern, die das Gelände nach Ende des Feuerwerks verließen, angerempelt wurde. "Taufe?" wiederholte sie, als sie spürte, wie Harms Hand sich stützend um ihren Ellenbogen schloss.
"Na ja, okay, vielleicht ist es dafür noch ein wenig früh, aber wie wäre es mit einer Taufe im Jahr darauf und in diesem Jahr...ähm..." Harm gestikulierte und brach ab. Hoffnungsvoll-hilfesuchend fing er Macs Blick ein.
"Eine Geburt?" soufflierte Mac mit einem winzigen Lächeln.
Harm rieb sich das Kinn. "Mm, wie wäre es, wenn wir erst mal vage Pläne für eine Schwangerschaft schmieden, da das Ganze ja neun Monate..."
"Zehn!" unterbrach Mac.
"Okay, okay, ich habe nicht vor, mit der Frau, die dann das Vergnügen hat, besagte Zeit schwanger zu sein, über die Dauer zu streiten," gab Harm grinsend nach. "Also, da das Ganze *zehn* Monate lang dauert und wir ja gesagt hatten, dass wir erst mal eine Weile die Zweisamkeit genießen und nicht schon im ersten Ehejahr ein Kind haben wollen... wie wäre es, wenn wir uns am Ende des gerade angebrochenen Jahres mal mit dem Admiral hinsetzen und überlegen, wie wir ein Kind mit unseren Karrieren vereinbaren könnten?"
Mac neigte skeptisch den Kopf. "Unsere Kinderwünsche mit dem Admiral diskutieren? Harm, seit Klein-A.J.s Geburt zuckt der Admiral schon nervös zusammen, wenn jemand in der Nähe seines Büros auch nur die Worte ‚Schwangerschaft’ oder ‚Geburt’ erwähnt!"
Harm grinste beinahe schadenfroh. "Stell dir mal sein Gesicht vor, wenn es Zwillinge werden würden..."
"Harm!"
"... oder Drillinge..."
"Haaaaarm!"
"... oder Vierl- mpfff!"
Mac hielt ihrem Mann spielerisch den Mund zu, bevor er weitersprechen konnte. "Hey, vergiss nicht, mit wem du sprichst!"
Harm streckte die Zunge heraus, bis Mac mit einem Quietschen ihre Hand wegnahm. "Mit der Frau, die ich liebe und bewundere, mit der ich Kinder haben und alt werden möchte," erklärte er unschuldig.
"Ja, und mit der Frau, die endlose, schmerzhafte Wehen durchmachen muss bei jedem Kind! Also kein weiteres Wort über Zwillinge, Drillinge oder Vierlinge, ja?!" Warnend stieß sie ihm bei jedem Wort den Zeigefinger vor die Brust.
Lachend hielt Harm ihre Hand fest. "Okay, okay, aber ich hoffe, du bist dir bewusst, dass Mehrlinge unsere einzige Chance sind, zumindest eines unserer Kinder ab und zu mal im Arm halten zu dürfen, bevor sie volljährig sind? Oder glaubst du etwa, Granny würde das Ergebnis ihres jahrelangen Projekts so schnell wieder aus der Hand geben? Und da Granny zwei Arme hat, müssten wir mindestens Drillinge..."
"Schon wieder dieses Wort!" knurrte Mac scherzhaft. "Ich hab’ dich gewarnt!" Ihre Müdigkeit war vergessen, als sie Harm durch die sich langsam auflösende Menschenmenge den ganzen Weg bis zurück zur Anlegestelle der Dreamcatcher jagte.
01. Januar 2002
1535 Z-Zeit (07:35 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien
Jack Keeter stand in der Mitte eines der luxuriösen Gästezimmer der Hawkes-Villa und wühlte konzentriert in seiner Reisetasche, auf der Suche nach der passenden Kleidung für den Neujahrstag im Kreise dieser wohlhabenden Familie. <Hmm... ich möchte, dass Skates mich für attraktiv, charmant und aufregend hält, aber gleichzeitig möchte ich auch, dass ihre Eltern mich für zuverlässig und solide halten... uff, eine der Paradoxien der Liebe!>
Schließlich entschied er sich für eine elegante schwarze Hose - <Schwarz macht schlank!> - und sein bestes blütenweißes Hemd.
Als er aus dem Zimmer trat und auf die breite Treppe zusteuerte, traf er auf Skates und ihre Mutter, die aus einem der anderen Gänge auftauchten. <Ich könnte wirklich eine Karte für dieses Haus gebrauchen – oder zumindest GPS!>
"Guten Morgen, Jack," grüßte Tori Hawkes freundlich. "Mmm, elegant!" Anerkennend nickte sie ihrem Gast zu und Keeter bemerkte zu seiner Bestürzung, dass sowohl Skates, als auch ihre Mutter legere Freizeitkleidung anhatten. "Ich habe eben Skates vorgeschlagen, doch mal wieder ein Kleid anzuziehen..."
"Vergiss es!" unterbrach Skates energisch. "Dazu wirst du mich nicht bringen!" Victoria Hawkes öffnete den Mund, aber Skates hob den Finger und sprach weiter: "Es ist mir egal, ob du 28 Stunden brutalster Wehen durchmachen musstest! Ich ziehe dieses Kleid nicht an, ich bin im Urlaub und will es bequem haben!"
Keeter nahm im Kreis der Hawkes-Familie am Frühstückstisch Platz. Josie, die Haushälterin, kam mit einer Kanne Kaffee in der einen Hand und der kleinen Nia an der anderen Hand ins Zimmer. Sie warf einen Blick auf Keeters schneeweißes, faltenloses Hemd und platzierte lächelnd Nias Kinderstuhl zwischen den größeren Stühlen von Keeter und Skates.
Mit einem weiteren Lächeln stellte die Haushälterin eine Tasse Kaffee vor Keeter ab. Der Pilot bedankte sich höflich und hob die Tasse an die Lippen – nur um eine Sekunde später den Schluck Kaffee fast wieder auszuspucken. Wilder Husten schüttelte ihn, als er das bittere, ungenießbare Gebräu seinen Hals hinabzwang.
"Bist du krank?" erkundigte sich die 5jährige Nia neben ihm teilnahmsvoll und streckte freundlich die Hand nach ihm aus, ein bisschen Erdbeermarmelade auf seinem weißen Hemd hinterlassend. "Mama war auch mal krank, aber Randy hat sie gesundgepflegt. Musst du ihn jetzt auch ins Bett bringen, Tante Skates?"
<Hmmm, au ja! Tante Skates soll mich ins Bett bringen!> Keeters Husten ging in Gelächter über.
Randy lehnte sich über den Tisch. "Keeter ist nicht krank, Nia," erklärte sie geduldig. "Er hat sich nur verschluckt. Weißt du noch, was deine Mutter dir letzte Woche gesagt hat, als du den Müsliriegel runtergeschlungen hast?"
Das Mädchen nickte gewichtig. "Mmm-hmmm. Sie hat gesagt, ich soll nicht so schlingen, weil ich mich sonst selbst verschlucke."
Alle am Tisch lachten über Nias Ausdrucksweise.
"Und sie hat gesagt, ich soll bloß nicht deine schlechten Essenssachen übernehmen," fuhr das Kind fort.
Noch mehr Gelächter von den Hawkes.
Keeter nippte versuchsweise erneut an seinem Kaffee und nach sekundenlangem Kampf schaffte er es, nicht das Gesicht zu verziehen. Angewidert stellte er die Tasse weg. <Okay, guter Vorsatz für das gerade begonnene Jahr: Koffein aufgeben... und das Nikotin am besten auch gleich, um mich mit Skates Mutter gut zu stellen.>
Er begnügte sich damit, sein Croissant zu essen, bis auch die anderen mit dem Frühstück fertig waren und sich im Wohnzimmer versammelten, um verspätete Weihnachtsgeschenke zu verteilen.
Skates grüner Papagei, der die meiste Zeit über bei ihren Eltern lebte, gesellte sich auf ihre Schulter.
Automatisch rückte Keeter, der neben der Jägerleitoffizierin auf der Couch saß, ein Stück von seiner Angebeteten und ihrem Haustier ab.
"Moses ist lieb, sie beißt nicht!" versicherte Nia.
"Wie beruhigend," murmelte Keeter und sah argwöhnisch zu, wie die Gelbstirn-Amazone hinüber auf Skates andere Schulter kraxelte, um ihn besser beobachten zu können.
"Maaaamma!" krähte der Papagei.
Keeter hob die Brauen. "Der Papagei nennt dich ‚Mama’?" erkundigte er sich amüsiert.
Skates schüttelte so heftig den Kopf, dass Moses unruhig auf ihrer Schulter auf und ab wippte. "Nein, sie hat dich gemeint!"
"Miiiich?"
Die Gelbstirn-Amazone neigte den Kopf und sah Keeter direkt an. "Maaaama!" verkündete der Vogel lautstark.
Keeter stöhnte. "Könnte er nicht wenigstens ‚Papa’ sagen?"
"Sie," verbesserte Skates kichernd. "Und das muss wohl deine einfühlsame weibliche Seite sein, die sie spürt!"
"Maaaama!" flötete der Papagei erneut und hopste von Skates Schulter hinüber auf Keeters.
Keeter, der Feder-Phobiker, erstarrte und begann zu schielen, als er panisch den Vogel auf seiner Schulter im Auge behielt. "Ähm, Skates... würde es dir etwas ausmachen, ihn... sie da weg zu nehmen? Bitte!"
Lachend erlöste Skates den Piloten.
"Danke!" Schlaff ließ sich Keeter gegen die Couchpolster sinken.
Skates grinste. "Gerne geschehen... Mama."
Tori Hawkes kam mit den Armen voller Geschenke ins Wohnzimmer und überreichte sie ihrer Tochter. "Frohe Weihnachten, Skates," wünschte sie heiter. "Besser spät als nie!"
Skates kramte in einer der Reisetaschen, die Keeter am Tag zuvor die hügeligen Straßen von Pacific Heights hinaufgeschleppt hatte, und verteilte Geschenke an ihre Familienmitglieder.
"Oh, Karten für Seaworld!" freute sich Tori, als sie neugierig den Umschlag aufriss. "Na, das ist doch ein eindeutiger Fortschritt, wenn ich an das erste Geschenk denke, das Skates mir je gemacht hat!"
"Aarrrh, nicht *diese* Geschichte, Mum!" Skates versuchte vergebens, Keeter die Ohren zuzuhalten.
"Ich glaube, sie war in etwa so alt wie Nia jetzt... und sie brachte etwas vom Kindergarten mit nach Hause, das wie ein großer Brocken Karamell aussah," begann Tori unbeirrbar ihre Geschichte. "Ich sagte ihr, sie könne ihr Geschenk ruhig behalten und es mit ihrer Cousine teilen. Sie hätten mal Skates’ Gesicht sehen sollen! Sie sah aus, als hätte ich von ihr verlangt, Mutter Theresa zu spielen und die hungrigen Massen von Indien zu nähren! Wie hätte ich auch wissen sollen, dass dieses braune, klebrige Etwas eine selbstgemachte Kerze war?!"
Skates erhob sich von der Couch. "Okay, Mum, ich würde sagen, du hast mich jetzt genug blamiert! Hey, Dad, wie wäre es, wenn wir deinen neuen Golfschläger ausprobieren? Kommst du mit, Keeter?" fragte sie in dem Bemühen, Keeter von ihrer geschwätzigen Mutter loszueisen.
Keeter schoss in die Höhe. "Golf? Klar, ich bin dabei!"
"Ah!" Skates Vater nickte anerkennend. "Sie spielen Golf?"
Skates fragte sich plötzlich, ob ihr Vorschlag so klug gewesen war, wie sie dachte. Ihr Vater blickte Keeter jetzt so an, als hielte er ihn für vorzügliches Schwiegersohn-Material.
"Seit meiner Kindheit," erklärte Keeter eifrig. "Ich muss gestehen, dass ich sogar schuld daran bin, dass Harm den Golfschläger ergriffen hat."
"Schuld?" wiederholte Skates. "Ist Harm denn so schlecht?"
Keeter winkte ab. "Oh, nein, Harm ist nicht schlecht – er ist *grauenhaft*!"
"Na ja, wenn er das Golfspielen von dir gelernt hat..." Skates grinste vielsagend.
"Hey, ich spiele gut, wirklich!"
Skates rollte mit den Augen. "Ja, ja, der übliche Flyboy-Größenwahn!"
"Gut, wenn du mir nicht glaubst, dann lass uns wetten: Wir spielen gegeneinander und der Verlierer muss dem Gewinner einen Wunsch erfüllen. Einverstanden?" Keeter hielt ihr die Hand hin.
"*Ich* bin nicht der Golfspieler in unserer Familie, das sind Randy und mein Vater!" protestierte Skates.
"Dann spiele ich gegen Sie und falls ich verlieren sollte, muss Skates den Wunsch erfüllen," bot Artemus Hawkes an und zog Keeter hinter sich her in Richtung des ersten Tee, des Abschlags seines privaten Golfplatzes hinter dem Haus.
Zwei Stunden später stand Keeter am Abschlag des achtzehnten – und damit letzten - Loches. Sorgfältig platzierte er seinen Ball auf dem kleinen Kunststoff-Stift und sah hinüber zum anderen Ende der Bahn, wo eine Flagge im Rasen die Position des Loches anzeigte.
Skates Vater hatte sein Spiel eben beendet und lag drei Schläge hinter Keeter zurück. <Wenn ich den letzten Abschlag jetzt versaue und den Ball in die Büsche neben dem Fairway schlage, kann ich ihn noch gewinnen lassen... schließlich will ich ihn auf meine Seite ziehen,> überlegte Keeter. <Aber andererseits... will ich wirklich darauf verzichten, dass Skates mir einen Wunsch erfüllt?>
Entschlossen umfasste er den Griff seines Golfschlägers fester und trat an das Tee heran. Sekunden später schlug der Ball auf dem Grün auf, keine zwei Meter vom letzten Loch entfernt.
Ruhig griff der Pilot nach dem Putter und ging, um den Ball einzulochen.
Artemus Hawkes und der Rest der Hawkes-Familie folgten ihm. "Tolles Spiel, Jack!" Der Admiral klopfte dem Gewinner väterlich auf die Schulter.
Skates stöhnte. "Dad, ich enterbe dich!" Sie drehte sich zu ihrer Cousine um. "Nächstes Mal bist du mein Champion, Randy!" Schließlich wandte sie sich ergeben zu dem grinsenden Keeter um. "Also, was willst du? Welchen Wunsch soll ich dir erfüllen?"
Tausend Gedanken schossen Keeter gleichzeitig durch den Kopf. <Einen Kuss!> drängte eine innere Stimme, aber Keeter rief sich rasch zur Ordnung. "Erfüllen Feen normalerweise nicht drei Wünsche?" erkundigte er sich lächelnd.
Skates zuckte die Schultern. "Sorry, ich habe gerade meinen Zauberstab vergessen, du musst wohl mit dem einen Wunsch vorlieb nehmen."
"Okay. Ich werde mir noch einen Wunsch überlegen und dann wieder auf dich zukommen, in Ordnung?"
"Okay." Skates schüttelte seine ausgestreckte Hand. "Und jetzt lasst uns essen gehen; Josie winkt schon seit zehn Minuten verzweifelt aus dem Küchenfenster!"
In Windeseile hatte sich die hungrige Hawkes-Familie um den großen Eichentisch im Speisesaal versammelt und die Haushälterin begann mit großen Geschick, das Mittagessen zu servieren.
Keeter, der zum Frühstück wegen des bitteren Kaffees nur ein Croissant hinuntergewürgt hatte, rieb sich voller Vorfreude die Hände. Er erinnerte sich daran, wie Skates immer von den Kochkünsten ihrer Haushälterin geschwärmt hatte.
"Vielen Dank, Mrs. Tathwell," sagte Keeter höflich, als die Köchin seinen Teller vor ihm abstellte.
Doch Josie schien seine Worte nicht gehört zu haben. Stattdessen präsentierte sie Skates warm lächelnd ihren Teller. "Lass es dir schmecken, Kind."
Skates ließ sich das nicht zweimal sagen und auch Keeter schob sich erwartungsvoll eine Gabel des goldgelben Kartoffelpürees in den Mund. Seine Augen weiteten sich unwillkürlich, als er schluckte – leider aber nicht vor Bewunderung.
Skates sah von ihrem Essen auf und musterte Keeter fragend, als er ein Husten unterdrückte. Unter größter Mühe gelang Keeter ein Lächeln. Er pflügte kurz mit der Gabel durch das versalzenste Kartoffelpüree, das er je erlebt hatte, und beschloss dann, sein Glück stattdessen mit dem Braten zu versuchen.
"Chhhhhha!" hauchte er, als scharfe Gewürze ihm fast die Speiseröhre verätzten. In seiner Hast, einen Schluck zu trinken, stieß er fast sein Wasserglas um, bevor er beide Hände darum schraubte und es in einem Zug leerte.
"Hast du was gesagt?" fragte Skates zwischen zwei Bissen Fleisch.
"Nein, nein, ich hab nur gerade gesagt, wie... vorzüglich das Essen schmeckt. Ganz ausgezeichnet, wirklich!" versicherte Keeter tapfer. Er schob das Fleisch neben das gleichermaßen ungenießbare Kartoffelpüree und spießte ein wenig Brokkoli mit der Gabel auf. <Den kann nun wirklich niemand so leicht verderben! Einfach in Wasser kochen; das würde sogar Mac noch hinkriegen!>
Hungrig führte er die Gabel zum Mund. Eine Sekunde später ließ er klappernd sein Besteck fallen und griff eilig zum Glas, nur um festzustellen, dass es leer war und Josie es versäumt hatte, ihm nachzuschenken. Verzweifelt griff er nach Skates Glas und leerte es mit einem entschuldigenden Blick.
"Alles in Ordnung?" Skates sah ihn besorgt an.
"Ja, alles bestens, ich hab mich nur gerade verschluckt," versicherte Keeter, während er argwöhnisch in Richtung Küche schielte. Er griff nach einem Stück Brot aus dem Körbchen in der Mitte des Tisches und hob es unauffällig an die Nase, um daran zu riechen. Erleichtert nahm er einen großen Bissen und bemerkte, dass Mrs. Hawkes ihn verwundert anstarrte. Keeter lächelte schwach und hob gequält eine weitere Gabel Kartoffelpüree zum Mund.
zur Fortsetzung in Kapitel 30 - 41
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