Die "Granny"-Serie VIII

Kleinkrieg & Koalabären
Kapitel 30 - 41


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: 01. Januar 2003 – 09. Mai 2003
Klassifikation: Humor, H/M-Shipper

Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
7. "Federvieh & Fesselspiele"

Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.

Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.

Episoden:
"Eiskalter Tod" ("Silent Service");
"Wiedersehen macht Freude I + II" ("Boomerang I + II");

Inhalt:
Im Haushalt MacKenzie-Rabb weihnachtet es sehr und die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange, als der Admiral das frisch verheiratete Paar auf eine ungewöhnliche Mission schickt. Granny und Will bleiben zurück, um auf Haus und Zoo ihrer Enkel aufzupassen und ganz nebenbei ihrer wahren Bestimmung nachzugehen – dem Verkuppeln.

Es gibt auch eine Linksammlung zu dieser Geschichte.

Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.

Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.

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30. Zimmerservice –
oder warum ein Bild manchmal mehr sagt als tausend Worte

01. Januar 2002
2211 Z-Zeit (09:11 EADT / East Australian Daylight Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
irgendwo im Pazifik

Harm öffnete die Augen und blinzelte für einen Moment im hellen Licht, das durch das Kabinenfenster hereinfiel, bevor seine Augen sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnten und er die Anzeige des Radioweckers lesen konnte. <Fast Viertel nach neun!>

Harm schreckte hoch, bevor ihm einfiel, dass heute ein Tag auf See und ohne jeden Landausflug angesagt war und die Gruppentherapie deshalb auf den Nachmittag verlegt worden war.

Langsam ließ er sich zurück in eine waagrechte Stellung gleiten und stellte dabei erstaunt fest, dass Mac noch tief schlafend neben ihm lag. In den letzten Tagen hatte er zu seiner Zufriedenheit bemerkt, dass Mac länger im Bett blieb, statt wie üblich ‚mitten in der Nacht’ durchs Schiff zu joggen oder sich auf die Suche nach Frühstück zu machen.

Harm stützte sich auf einem Ellenbogen auf, um Mac besser beim Schlafen zusehen zu können. Er lächelte vor sich hin, als er seinen Blick über das zerstrubbelte braune Haar gleiten ließ, das unter der Decke hervorsah. Es hing Mac ein wenig in die geschlossenen Augen und ließ das glatte Gesicht jünger aussehen als ihre 33 Jahre. Harms Blick richtete sich auf die Stelle, an der die dunklen, sanft gebogenen Wimpern hauchzart Macs Wange berührten, als diese Wimpern plötzlich zu blinzeln begannen und sich dann hoben.

"Guten Morgen," grüßte Harm, tief in die noch etwas verschlafen blickenden braunen Augen sehend.

Mac gähnte ungeniert. "Morgen. Ein Glück, dass die Therapie erst heute Mittag beginnt!" Wohlig seufzend kuschelte sie die Wange an Harms Schulter.

Harm lächelte amüsiert auf sie hinab. "Wieso, was hattest du denn heute Morgen vor?"

"Hmmm, ich hatte da an Hausregel Nummer neun gedacht..."

Harm rieb sich nachdenklich das Kinn, als er sein mentales Hausregel-Handbuch durchging. "Ich soll dir den Rücken waschen?"

"Das ist Hausregel Nummer fünf, Harm, nicht Nummer neun," belehrte Mac. "Obwohl ich gegen die Rückenwäsche auch nichts einzuwenden hätte. Hausregel Nummer neun besagt: ‚Der an der Ehe Beteiligte, der morgens zuerst aufwacht, ist verpflichtet, dem jeweiligen anderen, im Bett verbleibenden Ehepartner ein Frühstück zuzubereiten und ans Bett zu bringen.’"

Der Ex-Pilot grinste breit. "Ah, endlich mal eine Hausregel, die zu *meinen* Gunsten arbeitet! Normalerweise bin ich nämlich der im Bett verbleibende Ehepartner!" freute er sich.

Mac tätschelte ihm tröstend die Schulter. "Na ja, das wäre korrekt, wenn da nicht Hausregel Nummer neun, Unterabschnitt b wäre: ‚Aus begründetem Selbstschutz ist jedem Ehe-Beteiligten, dessen Partner hauswirtschaftlich gehandicapt ist, davon abzuraten, auf der Erfüllung von Hausregel Nummer neun, Unterabschnitt a durch besagten gehandicapten Partner zu bestehen. Bei Zuwiderhandlung wird jegliche Haftung abgelehnt.’," warnte sie eindringlich.

Lächelnd küsste Harm Mac auf die Nase und schwang die Beine aus dem Bett. "Okay, du kannst Gebrauch von Hausregel Nummer sechs machen und meinen Koffer nach etwas Bequemem zum Anziehen durchsuchen, während ich versuche, Frühstück aufzutreiben."

Eine Viertel Stunde später kehrte Harm mit einem vollbeladenen Tablett in die Kabine zurück, gerade als Mac in einem der weißen Bademäntel des Schiffes aus dem Badezimmer kam. Fürsorglich nahm er ihr das Handtuch, mit dem sie eben versuchte, ihre Haare notdürftig zu trocknen, aus der Hand und drückte sie sanft aufs Bett, bevor er begann, das nasse Haar selbst zu frottieren. Als er damit fertig war, griff er nach Macs Bürste und ließ sie mit äußerster Behutsamkeit durch die dunklen Strähnen gleiten.

Eine halbe Stunde später saßen die beiden Rabbs dicht aneinander gepresst auf der Couch. Halb auf Harms, halb auf Macs Schenkel ruhte die Ermittlungsakte, die ihnen aber eigentlich nur als Grund diente, sich eng aneinander zu kuscheln und die Kabine nicht zu verlassen.

"Du glaubst also, Carl Benton ist Bennet Carlisle?" vergewisserte sich Mac, Harms Notizen durchgehend.

Harm sah auf. "Du etwa nicht? Er hat einen technischen Beruf, sein Aussehen und sein Alter stimmen ungefähr mit der Beschreibung von Bennet Carlisle überein..."

"Aber das allein trifft doch auf eine ganze Menge Männer zu., allein in unserer Therapiegruppe... nehmen wir mal Ben Yates, zum Beispiel. Wir müssen vorsichtig damit sein, uns nicht durch Bentons unfreundliche Art zu vorschnellen Schlussfolgerungen und Verdächtigungen hinreißen zu lassen," gab Mac zu Bedenken.

"Du hast recht. Irgendwie treten wir auf der Stelle und wissen noch immer so viel – oder so wenig – wie am Anfang! In wenigen Tagen ist die Reise zuende und uns fehlen die Beweise, um jemanden auch nur in U-Haft nehmen zu können." Harm seufzte. "Ich glaube, die Hoffnung, dass Bennet Carlisle sich durch eine unvorsichtige Bemerkung in der Gruppentherapie verraten könnte, können wir auch getrost aufgeben."

Mac nickte. "Zumal die Psychotherapeuten ja auch einer Schweigepflicht unterliegen und uns sicher nicht davon berichten würden. Bleibt uns nur zu hoffen, dass Carlisle tatsächlich ein Mitglied unserer Therapiegruppe ist."

"Setzen wir unsere Chips also erst einmal auf Benton," schlug Harm vor.

"Okay. Ist ja nicht so, als ob wir noch andere Optionen hätten. Hmm, ich könnte mich zum Beispiel heute vor der Therapie drücken und in der Zeit ein bisschen in Bentons Kabine herumschnüffeln..."

Harm spürte, wie sich die feinen Härchen in seinem Nacken aufrichteten, als sein Beschützerinstinkt sich rührte. <Hey, hey, langsam, alter Junge!> bremste er sich selbst. <Kaum bist du mit Mac verheiratet, wirst du zum Macho, der glaubt, nur er dürfe sich noch für eine Ermittlung in Gefahr begeben? Mac ist kein ‚wehrloses Weibchen’, das du beschützen musst und was soll auch schon passieren...> "Hmm, glaubst du nicht, dass ich mich glaubhafter vor der Gruppenstunde drücken könnte? Ich meine, du brauchst ja nur zu sagen, dass mich wieder mein Magen plagt und jeder wird dir auf Anhieb glauben...," versuchte er es trotzdem.

Mac lachte. "Glaubst du im Ernst, ich lasse es zu, dass du dir den Zorn von Mrs. Chavez-Burton zuziehst, indem du schon wieder eine ihrer Therapiesitzungen schwänzt?"

"Schwänzt? Ich habe nicht geschwänzt! Ich war zu beschäftigt damit, mein Frühstück über Bord zu werfen, um zur Therapie zu gehen!" verteidigte sich Harm.

Mac schüttelte weiterhin den Kopf. "Es bleibt dabei. Es war meine Idee und ich führe sie auch aus, dann ist es auch mein Hintern, den der Admiral zum Pinguine zählen an den Südpol versetzt, wenn die Sache schief geht."

Ein paar Stunden später trennten sich ihre Wege. Während sich der besorgte Harm auf den Weg zum Therapieraum machte, wartete Mac noch ein paar Minuten und schlenderte dann den Gang hinab, um zur Kabine der Bentons zu gelangen. Den Passe-Partout, der noch aus Harms Akademie-Tagen stammte, fest in der Faust umklammert, steuerte sie auf die Türe zu.

Sie machte sich an die ungewohnte Arbeit, dabei ständig über ihre Schulter blickend. <Oh, Mist! Da kommt jemand!> Schritte näherten sich und Macs Augen weiteten sich, als sie erkannte, dass es die Bentons waren. Sie schienen ihre Eheprobleme vorerst gelöst zu haben. Eng umschlungen und die Münder leidenschaftlich aufeinandergepresst torkelten sie den Gang entlang.

Noch hatten sie Mac nicht entdeckt und die Anwältin hatte auch nicht vor, es soweit kommen zu lassen, denn sie hatte keine Ahnung, welche Ausrede für ihre Abwesenheit Harm der Gruppe gegenüber verwendet hatte und wollte ihr ‚Alibi’ nicht auffliegen lassen. In fliegender Eile gelang es ihr, das Türschloss der gegenüberliegenden Kabine zu ‚knacken’ und sich in dem Zimmer zu verstecken.

Aufatmend sah sie sich in ihrem Versteck um. Die 2-Personen-Kabine war glücklicherweise leer. Gelangweilt spazierte Mac in dem Raum auf und ab, während sie dass die wild küssenden Bentons draußen endlich in ihrer Kabine verschwanden. Ein Bild auf dem Nachttisch fiel ihr auf. <Hoppla! Mir scheint, ich bin in der Kabine der Yates gelandet! Hey, was ist das denn?!> Plötzlich aufmerksam geworden hob sie das Bild an – und tatsächlich: Ben Yates, der Mechaniker aus Newport News, trug darauf die Uniform eines Petty Officers der United States Navy! <Hmm, mir scheint, ich bin zufälligerweise doch in der richtigen Kabine gelandet!>

Sie verzichtete darauf, das Zimmer nach weiteren Beweisen zu durchwühlen. Da ihr ein Durchsuchungsbefehl fehlte, würden alle Indizien, die sie fand, leicht angefochten werden und das Wichtigste, die Identität des Verdächtigen, war jetzt ohnehin geklärt. Alles Andere konnte bis nach der Verhaftung warten.

Ein Blick durch den Türspion zeigte ihr, dass der Gang leer war und sie machte sich rasch auf den Weg zurück in ihre eigene Kabine, um ungeduldig auf Harms Rückkehr zu warten.

"Und?" fragte Harm, sobald er die Türe öffnete. "Hast du was herausgefunden? Warum waren die Bentons nicht in der Therapiesitzung? Haben Sie dich gesehen? Bist du okay?"

Ruhig wartete Mac das Bombardement von Fragen ab. "Ja. Keine Ahnung. Nein und ja," antwortete sie grinsend.

"Maaaac!" stöhnte Harm. "Erzähl schon!"

"Okay, okay. Ich wollte eben das Zimmer der Bentons öffnen, als sie den Gang runter kamen. Zum Glück waren sie so miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht gesehen haben, und ich konnte mich ins nächstbeste Zimmer flüchten – was sich als glücklicher Zufall herausstellte, weil ich dort nämlich Bennet Carlisle gefunden habe!" erzählte Mac triumphierend.

"Du hast *was*?!"

Mac grinste. "Da war ein Foto von Ben Yates und seiner Familie auf dem Nachttisch – und Yates trug die Uniform eines Petty Officers. Ich würde sagen, wir haben unseren Verdächtigen!"

Harm griff zum Telefonhörer. "Wir sollten sofort den Admiral anrufen und um weitere Anweisungen bitten!"

Mac nahm ihm das Telefon aus der Hand und schüttelte den Kopf. "Nein, das hat Zeit bis morgen. In Washington ist es jetzt nach 23 Uhr und Carlisle läuft uns hier mitten im Pazifik so schnell ganz sicher nicht weg. Du hast also alle Zeit der Welt, mir zu erzählen, was ich in der Therapie verpasst habe und welche Hausaufgaben wir erledigen müssen."

"Oh, heute ging es um nonverbale Kommunikation," behauptete Harm grinsend und begann, Mac mit seinem Körper in Richtung Bett zu dirigieren, "und die Hausaufgabe ist eine sinnlich-erotische Partnermassage."


31. Grundlegende Veränderungen –
oder warum Brot kein Diätmittel ist

02. Januar 2002
2202 Z-Zeit (14:02 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien

Elizabeth Hawkes skatete schwungvoll die Auffahrt zur Hawkes-Villa hinauf. Mit einer gekonnten Drehung bremste sie ab, so dass sie vor der Treppe sicher zum Stehen kam.

Keeter, der ihr joggend durch das halbe Viertel von Pacific Heights gefolgt war, ließ sich aufatmend auf die unterste Treppenstufe fallen. Kommentarlos begann er, die Sicherheits-Schnallen der Inline-Skates zu lösen, um seiner Gastgeberin aus ihrem rollenden Schuhwerk zu helfen.

In Socken setzte Skates sich schließlich neben ihn. Sie sog Luft durch die Nase ein und rümpfte das Riechorgan dann. "Keeter, du riechst nach Schweiß!" beschwerte sie sich.

"Ha! Und das von der Frau, deren Käsefüße neben mir zum Himmel stinken! Außerdem, nach was sollte ich denn sonst riechen, nachdem du mich durch halb San Francisco gehetzt hast?! Nach Rosenwasser vielleicht?!" Keeter verschränkte indigniert die Arme, so dass sich das schweißgetränkte Sweatshirt um seinen Bizeps spannte.

Skates grinste nur. "Du hättest ja nicht mitkommen brauchen. Du hast darauf bestanden, schon vergessen? Was mir übrigens sehr verdächtig vorkommt..."

"Verdächtig? Inwiefern?" Keeter runzelte die Stirn. <Ich bin einfach nur bereit, ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um mehr Zeit mit Skates zu verbringen.>

"Zum Beispiel hab ich vorhin beobachtet, dass du dich mit einem Stück Brot begnügt hast, obwohl Josie doch extra dir zu Ehren dieses leckere Mittagessen gezaubert hat!" erklärte Skates bedeutungsvoll. Sie selbst hatte ihren randvollen Teller zweimal leergegessen. "Hey, Keeter, sag ehrlich – ich verspreche auch, dich nicht damit zu necken... Du hast dir doch nicht etwa den Vorsatz gefasst, im neuen Jahr abzunehmen, um mir besser zu gefallen, hm?"

Keeter starrte sie an, als zweifle er ernsthaft an ihrem Verstand. "Ich? An meinem Luxuskörper etwas ändern wollen? Niemals!" protestierte er scherzhaft, nur um dann wieder ernst zu werden. "Aber wo wir gerade davon sprechen... ich habe schon den einen oder anderen Vorsatz fürs neue Jahr gefasst..." <Zum Beispiel, endlich eine feste Beziehung mit jemandem einzugehen – und das nicht mit irgendwem...>

"Wirklich? Klingt irgendwie ernst, so wie du das sagst," meinte Skates vorsichtig. "Was hast du dir denn vorgenommen?"

Keeter stützte beide Hände auf die Treppenstufe hinter sich ab, um Skates besser ins Gesicht sehen zu können. "Ich denke schon seit einer Weile über ein paar grundlegende Veränderungen in meinem Leben nach. Mein Lebensstil stimmt so einfach nicht mehr für mich."

"Ah, so," machte Skates nur. Sie wusste nicht, was sie sonst zu diesen ‚grundlegenden Veränderungen’ sagen sollte. <Was meint er überhaupt genau damit? Hat er etwa vor... zu heiraten?> Der Gedanke, Keeter mit einer anderen Frau vor dem Altar stehen zu sehen, ließ sie plötzlich schlucken, aber sie rügte sich sofort. <Ständig sagst du Keeter, dass du keine Beziehung mit ihm willst, aber du willst auch nicht, dass er sein Glück mit einer anderen findet!>

"Ich habe da ein Angebot...," fuhr Keeter zögernd fort.

Skates schluckte erneut. "Oh." <Also doch!>

Keeter grinste auf sie hinab. "Wie kommt es, dass dein Vokabular sich plötzlich auf einsilbige Ausrufe beschränkt? Ich weiß ja, dass du, wie die meisten anderen aktiven Flieger, das vermutlich nicht so richtig verstehen kannst..."

"Es gibt auch verheiratete Flieger," erinnerte Skates.

"Hä?" begann diesmal Keeter mit den einsilbigen Ausrufen. "Was haben meine Zukunftspläne mit dem Heiraten zu tun?"

Skates rieb sich verlegen das Ohrläppchen. "Ich hatte gehofft, dass du mir das erklären würdest. Noch hast du nämlich nicht erläutert, wie diese ‚grundlegenden Veränderungen’ aussehen werden." <Eine Heirat scheint es ja doch nicht zu sein,> stellte sie mit einer gewissen heimlichen Erleichterung fest.

"Ich spiele mit dem Gedanken, den Pilotenjob aufzugeben," gestand Keeter, die Spitzen seiner Joggingschuhe betrachtend.

"Du willst... *was* tun?" Skates ließ sich gegen das Treppengeländer zurückfallen und starrte ihren Begleiter überrascht an. "Bist du verrückt geworden?!"

Keeters Kopf ruckte in die Höhe. Mit einer solchen Reaktion hatte er nicht gerechnet.

"Keeter, wenn du das für mich tun willst...," begann Skates etwas ruhiger, "... wenn du glaubst, dass ich mich auf eine Beziehung mit dir einlassen werde, sobald du kein Pilot mehr bist..."

Keeter schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht, Skates." <Jedenfalls nicht nur.> "Ich bin inzwischen 40 Jahre alt und ich werde nicht ewig fliegen können. Jede Verletzung, die ich mir beim Rausschießen hole, braucht länger, um zu heilen. Ganz abgesehen von all den Dingen, die ich nie werde haben können, solange ich auf Flugzeugträgern diene – die Dinge, die Harm jetzt haben kann."

"Ein Zuhause; eine Beziehung, die nicht über Ozeane hinweg geführt wird; das tägliche Leben mit jemandem teilen können..." Skates nickte versonnen. Manchmal dachte auch sie daran, wie es wäre, ein geregelteres Leben zu führen.

"Genau. Meine Sturm- und Drangzeit ist so langsam vorbei. Ich möchte etwas Dauerhaftes in meinem Leben," erklärte Keeter, ihr eindringlich in die Augen blickend. Er hoffte, dass sie verstand, dass sie einer der ‚dauerhaften Faktoren’ in seinem Leben sein sollte.

Skates wandte sich unbehaglich. "Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass du meinetwegen das Fliegen aufgeben willst," gestand sie leise.

"Aufgeben?" Keeter schüttelte den Kopf. "Ich habe nicht gesagt, dass ich das Fliegen völlig aufgeben will. Das Angebot, von dem ich vorhin gesprochen habe, hat natürlich mit der Fliegerei zu tun. Die Navy will ich auf keinen Fall verlassen. Man hat mir eine Stelle als Leiter einer neuen Trainingseinheit für Navy-Piloten angeboten, die im Trainingszentrum in Coronado aufgebaut werden soll."

Skates sah auf. "Coronado?"

Keeter nickte grinsend. "Mmm-hm. Coronado - der Heimathafen deines Schiffes und dazu auch noch ganz in der Nähe von San Francisco. Was sagst du jetzt?" erkundigte er sich stolz.

Skates atmete tief durch und beschloss, reinen Tisch zu machen. "Wusstest du, dass Bryan, mein Ex-Verlobter, vier Wochen vor unserer Trennung seinen Job als Pilot aufgegeben hat, um ein ‚geregelteres Leben’ mit mir zu führen und mir zu zeigen, wie ernst es ihm angeblich war? Und dass er mich dann trotzdem betrogen hat?"

"Skates... ich bin nicht Bryan, klar?" Aus ernsten grauen Augen sah Keeter sie an. "Weder mit, noch ohne den Pilotenjob. Und außerdem gibt es doch auch treue Ex-Piloten – oder willst du etwa behaupten, dass Harm weniger als 1000%tig treu ist?"

Ein schmales Grinsen schlich sich auf Skates Lippen. "Mac würde ihm helfen! Einen Marine zu betrügen ist keine gute Idee!"

"Skates," begann Keeter eindringlich, "Harm ist doch nicht deshalb treu, weil Macs Marine-Sein ihn einschüchtert!"

Skates seufzte. "Ja, ich weiß, aber..."

Das schwere Portal zur Hawkes-Villa schwang auf und Josephine Tathwells grauhaariger Kopf streckte sich aus der Türe. "Kind, willst du nicht lieber hereinkommen, anstatt da auf den kalten Treppenstufen herumzusitzen," wandte sie sich fürsorglich an Skates, ohne Keeter auch nur eines Blickes zu würdigen.

Skates griff nach ihren Inlinern und folgte der Aufforderung, froh, damit weiteren Diskussionen über ‚grundlegende Veränderungen’ vorerst aus dem Weg gehen zu können.


32. Harmcula –
oder warum Rollkragenpullis manchmal auch im Sommer getragen werden

01. Januar 2002
1948 Z-Zeit (08:48 NZDT / New Zealand Daylight Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
Whangaruru Harbour,
Neuseeland

Mac schloss die Badezimmertüre hinter sich und machte sich in der Kabine auf die Suche nach einem Paar bequemer Schuhe.

Harm, der auf sie gewartet hatte, sah von der Ermittlungsakte auf. "Ein Rollkragenpulli?" bemerkte er mit Erstaunen. "Mac, wir sind in Neuseeland, nicht in Alaska!"

Braune Augen funkelten ihn scherzhaft an. "Sei lieber ruhig, Mister, schließlich bist du schuld daran, dass ich heute den ganzen Tag über im eigenen Saft schmoren werde!" grollte Mac, ihn mit dem Finger gegen die Brust stoßend.

"Iiiich? Nur weil du erwiesenermaßen der weltschlechteste Kofferpacker bist und jetzt nichts Anderes mehr anzuziehen hast..."

"Ich habe noch mehr als genug andere Sachen zum Anziehen!" unterbrach ihn Macs empörtes Schnauben.

Harm hob die Brauen. "Und warum tust du’s dann nicht?"

"Du willst wissen warum?" fragte Mac mit zuckersüßer Stimme und näherte sich ihm mit Bewegungen, die halb drohend, halb sinnlich waren. "Du willst es wirklich wissen?"

Harm nickte. Sein Mund war für eine verbale Antwort plötzlich viel zu trocken.

"Darum!" Mac zog den Kragen ihres Pullovers ein Stück von ihrem Hals weg, so dass Harm die bunt verfärbten Stellen ihrer Haut sehen konnte.

"Uuupps!" Harm konnte sich ein befriedigtes Grinsen nicht verkneifen.

Mac zog ihn spielerisch am Ohr. "Uuupps? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast, du kleiner Blutsauger?"

Harm zuckte grinsend die Schultern. "Na ja, ich könnte dir anbieten, es gesund zu küssen...," bot er hoffnungsvoll an.

"Bloß nicht!" schnaubte Mac kopfschüttelnd. "Daher hab ich die Dinger ja überhaupt erst!" Sie ging zur Türe. "Kommst du, Harmcula, oder muss ich Carlisle alleine unter Arrest stellen?"

Vor einer Stunde hatten sie Admiral Chegwidden angerufen und Anweisungen über das weitere Vorgehen von ihm entgegen genommen. Da jetzt, wo sie das Reiseziel, Neuseeland, erreicht hatten und das Ende der Reise nahte, zunehmend Fluchtgefahr bestand, hatte Chegwidden es für besser gehalten, den Verdächtigen unter Arrest zu stellen, bis sie Auckland und ihr Flugzeug nach Hause erreichten.

Im Gang trafen sie auf Carl und Rachel Benton, die sich gerade auf den Weg zur Gruppentherapie machten – Hand in Hand. Seit sich das Paar zu einer Adoption entschlossen hatte, war Carl nicht mehr der ungenießbare Zyniker, als den Harm und Mac ihn kennen gelernt hatten.

<Wirklich erstaunlich, was eine ungewollte Kinderlosigkeit aus einem Menschen und einer Ehe machen können... Da kann man nur hoffen, dass so was Mac und mir erspart bleiben wird,> überlegte sich Harm, während sie die letzten Meter zur Kabine der Yates’ – alias Carlisles – zurücklegten.

Nancy Yates – oder Carlisle – öffnete ihnen die Türe. "Ah, die Rabbs!" Sie gab ihnen freundlich lächelnd die Türe frei. "Wollen Sie uns zur Gruppenstunde abholen? Ben ist noch im Badezimmer."

"Mrs. Carlisle...," begann Harm ernst.

Nancy hob überrascht die Brauen, wirkte aber nicht wie jemand, der gerade bei der Vertuschung eines Verbrechens erwischt worden war. "Hat Anne-Marie das ausgeplaudert?" fragte sie vergnügt. "Ben hat darauf bestanden, dass wir meinen Mädchennamen hier an Bord verwenden, um mir zu zeigen, wie ernst es ihm damit ist, unsere Beziehung zu retten und mir mehr Aufmerksamkeit zu schenken."

"Mrs. Carlisle," sagte Harm erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. "Ich muss Sie darauf hinweisen, dass meine Frau und ich nicht irgendwelche Anwälte sind, sondern wir sind Militäranwälte."

Auf dieses Stichwort hin kam Bennet Carlisle aus dem Badezimmer. "Undercover-Ermittler, hm? Und die Navy betreibt diesen ganzen Aufwand nur wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe?" erkundigte er sich ungläubig.

"Petty Officer Carlisle, ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie nach Artikel 31 des UCMJ nicht gezwungen sind, Aussagen zu machen, die Sie selbst belasten könnten," zitierte Harm förmlich. Nach all dem Aufwand, den die Navy betrieben hatte, wollte er auf keinen Fall riskieren, dass die Ermittlung wegen eines Verfahrensfehlers eingestellt werden musste. "Jede Aussage, die Sie dennoch machen, kann in einer Militärgerichtsverhandlung als Beweis gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, sich umgehend einen Anwalt zu nehmen und über die Verdachtsmomente gegen Sie informiert zu werden."

Bennet Carlisle schüttelte den Kopf. "Ich brauche keinen Anwalt, ich weiß genau, was ich getan habe."

Nancy starrte ihren Mann fassungslos an. "Und was hast du getan?"

Der Petty Officer rieb sich den Nacken. "Nachdem du mir das Ultimatum mit dieser Therapie gesetzt hast, habe ich meinen CO um Urlaub gebeten, aber so schnell ließ sich das nicht machen, also bin ich einfach... unerlaubt gegangen."

"Ihnen wird ein wenig mehr als nur unerlaubtes Entfernen von der Truppe vorgeworfen, Petty Officer," warf Mac ernst ein. "Es geht um Brandstiftung nach Artikel 126 des UCMJ und zumindest um fahrlässige Körperverletzung. Ihr Freund, Petty Officer Wynne, hat eine schwere Rauchvergiftung davongetragen, als ein Brand in Ihrer Kabine ausbrach – ausgerechnet in der Nacht, in der Sie von der ‚MacKenzie’ verschwunden sind."

"Was?!" Zum ersten Mal erschien Ben Carlisle wirklich beunruhigt. "Hören Sie, ich habe nichts dergleichen getan! Warum sollte ich auch?!"

"Das zu klären ist Gegenstand der Artikel-32-Ermittlung, für die wir beide hier sind," erklärte Harm sachlich.

Nancy Carlisle trat händeringend einen Schritt vor. "Hören Sie, das ist sicher alles nur ein Missverständnis. Ben hat sich nur von seinem Posten entfernt, weil ich ihn damit erpresst habe, mich scheiden zu lassen, wenn er sich nicht endlich mehr Zeit für uns nimmt und mit mir diese Therapie macht! Vielleicht hat ja jemand anderer das Feuer gelegt!"

Mac schüttelte den Kopf. "Es brach in der Kabine Ihres Mannes aus, in der sich zu dem Zeitpunkt nur er und Petty Officer Wynne befanden. Wynne hat geschlafen und entkam nur knapp einem Erstickungstod!"

"Nein, Joel hat nicht geschlafen, als ich gegangen bin, er lag auf seiner Koje und hat... Moment mal!" Ben Carlisle riss die Augen auf. "Er hat mal wieder eine seiner Zigarren geraucht! Was, wenn er eingeschlafen ist und die Matratze Feuer fing? Ich habe ihn mehr als einmal davor gewarnt!"

Harm und Mac wechselten einen langen Blick. Es sprach einiges dafür, dass Carlisle tatsächlich nicht für die Brandstiftung verantwortlich war – nicht zuletzt die Tatsache, dass er Harm schon vor mehr als einer Woche erzählt hatte, dass sein ‚Zimmergenosse’ eigentlich der Raucher von ihnen beiden war. Auch die Brandspuren auf der USS MacKenzie konnten so gedeutet werden. "Wir werden der Sache nachgehen," versprach Harm, "aber bis wir in die Vereinigten Staaten zurückkehren, stehen Sie hier an Bord unter Arrest, Petty Officer. Ich halte es nicht für nötig, Sie auf Ihre Kabine zu beschränken, es sei denn, Ihr Verhalten gibt uns noch Anlass dafür."

"Mein Verhalten wird mustergültig sein, Sir," versprach Ben Carlisle. "Ich werde zwar ins Zivilleben zurückkehren, aber nicht mit einer Brandstiftung in der Dienstakte! Wir werden hier an Bord bleiben, bis alles geklärt ist."

Mac nickte. "Tja, dann sollte ich Sie vielleicht darauf hinweisen, dass Sie mittlerweile zwölf Minuten zu spät zu Ihrer Gruppentherapie kommen," meinte die Marine-Anwältin mit einem unterdrückten Lächeln.

Carlisle ging zur Tür. "Ich schätze, ich brauche Sie nicht zu fragen, ob Sie mitkommen, hm? Sie sind nicht wirklich ein völlig zerstrittenes Ehepaar, oder?"

Harm und Mac schüttelten wortlos die Köpfe.

"Dachte ich mir doch, dass da irgendetwas faul ist! Keine Ehe ist derart perfekt! Erleichtert mich fast zu wissen, dass das alles nur gespielt war...," murmelte Ben Carlisle halblaut, bevor er mit seiner Frau aus der Türe schlüpfte, um zur Therapie zu eilen.

Lachend zog Harm Mac in seine Arme. "Alles nur gespielt, hm?"

"’Keine Ehe ist derart perfekt!’" äffte Mac kopfschüttelnd nach. "Er glaubt, unsere Beziehung wäre nur ein vorgespieltes Theater!"

Amüsiert knabberte Harm an Macs Ohrläppchen. "Vielleicht hättest du den Rollkragenpulli doch nicht anziehen sollen..."


33. Dornröschen und die sieben Todsünden -
oder warum es wichtig ist, das richtige vom falschen Ende unterscheiden zu können

01. Januar 2002
0214 Z-Zeit (15:14 NZDT / New Zealand Daylight Time)
in der Nähe von Russell,
Bay of Islands, Neuseeland

Ein wenig neiderfüllt blickte Harm auf Mac hinab. Wie sie in dem unruhig auf der unebenen Straße herumhüpfenden Jeep schlafen konnte, war ihm wirklich ein Rätsel, aber sie schaffte es, gegen seine Schulter gelehnt friedlich zu schlummern, während sie vorbei an Stränden und kleinen Dörfern mit weißen Holzhäuschen und durch Urwald kurvten und der neuseeländische Fahrer Walfängergeschichten zum Besten gab.

Mac, die zuhause schon aufschreckte, wenn Gypsie nachts auch nur mit einem Schnurrhaar zuckte, schlief unbeirrt weiter, als der Jeep über eine hölzerne Brücke rumpelte. Erst als der Jeep am Sandstrand des Hobson Beach hielt und die anderen Passagiere aus ihren Sitzen kletterten, begann Mac sich zu regen.

"Uuuaawh!" Sie streckte sich wohlig, während sie Arm in Arm mit Harm den anderen Touristen hinüber zu einem langen Maori-Kanu folgte. "Weißt du, dass ich das wirklich vermissen werde, wenn wir wieder zuhause sind?"

"Was? Auf Schritt und Tritt einem Boot oder sonst einer schwankenden Oberfläche zu begegnen?" scherzte Harm, auf das aus zwei riesigen Kauri-Bäumen zusammengesetzte und kunstvoll verzierte Kriegskanu zeigend. "Das werde *ich* bestimmt nicht vermissen!" Allein bei dem Gedanken, in das 150-Mann-Kanu zu klettern, hob sich Harms gelegentlich noch immer unruhiger Magen.

"Das meine ich doch gar nicht, Spei-Boy," neckte Mac. "Ich werde mein gepflegtes Mittagschläfchen und das lange Ausschlafen an Bord vermissen."

Harm zwickte erst sich und dann Mac in den Arm, während er dem Reiseführer durch Mangrovenwald folgte. "Wer bist du und was hast du mit meiner Frau gemacht? Was ist aus der Mac geworden, die es für eine der sieben Todsünden hielt, nach fünf Uhr früh noch zu schlafen?"

"Sie hat geheiratet und entdeckt, wie nett es ist, solche ‚Todsünden’ zu zweit zu begehen," gestand Mac grinsend.

Die Reisegruppe kam auf einer Kuppe über der Bucht zum Stehen und versammelte sich auf einer Wiese um einen Fahnenmast herum. Außer einem tollen Ausblick auf die Bay of Islands mit ihren vielen Inseln, gab es hier nicht sehr viel zu sehen.

Das Haus des ehemaligen britischen Gouverneurs James Busby war eigentlich eher uninteressant, wenn man davon absah, dass hier der Vertrag von Waitangi unterzeichnet worden war, durch den Neuseeland 1840 ein Teil des britischen Reiches wurde.

Nach ein paar Erklärungen ihres Reiseführers wanderte die Gruppe hinüber zum Maori-Versammlungshaus ganz in der Nähe.

Die verzierten Pfosten der schmalen Veranda waren aus rotem Holz geschnitzt. Die Pfosten stellten Ranginui, den Himmelsvater, und Papatuanuku, die Erdmutter, dar, während auf dem Dach des Hauses eine weitere Schutzfigur Ausschau hielt.

"Ein Versammlungshaus darf traditionell nicht mit Schuhen betreten werden, also bitte legen Sie Ihr Schuhwerk hier draußen ab!" bat der Reiseführer, bevor er sie hinein führte.

"Die haben hier wohl auch so eine nörgelige Putzfrau wie wir!" flüsterte Mac grinsend.

Harm bückte sich unter einem Pfosten hindurch. "Hey, solche Kommentare verbitte ich mir von jemandem, der bei einem Staubsauger nicht das Vorder- vom Hinterteil unterscheiden kann!"

"Hauptsache, ich kann das Hinterteil, auf das es wirklich ankommt, erkennen!" Mac zwickte ihn spielerisch in *sein* Hinterteil, als sie an ihm vorbeischlüpfte, um die über und über mit kunstvollen Schnitzereien bedeckten Wände und die statuenförmigen Pfeiler zu bestaunen.

Harm rutschte in seinen Socken fast auf dem glänzenden ‚Parkettboden’ aus rötlichem Holz aus, als er versuchte, ihr hastig zu folgen und sich für die Attacke zu rächen.

Der Reiseführer warf den beiden Amerikanern einen mahnenden Blick zu. "Das Versammlungshaus ist auch heute noch das kulturelle Zentrum eines Maori-Stammes. Hier trifft man sich, um Besprechungen abzuhalten, zu feiern und alte Traditionen zu lernen. Das Besondere an diesem Versammlungshaus ist die Tatsache, dass es nicht nur Schnitzereien seines eigenen Stammes enthält, sondern jedes der 18 geschnitzten Wandpaneele steht für eine Stammesgruppe der Nord-Insel." Er ließ den Touristen noch einige Minuten, um die Attraktion zu bestaunen, bevor er sie zur Türe winkte. "Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen, wenn wir uns noch Kerikeri ansehen wollen."

Mac warf Harm einen hoffnungsvollen Blick zu. "Glaubst du, wir haben noch genug Zeit, um in diesem Kerikeri eine Kleinigkeit zu essen aufzutreiben?"

"Kleinigkeit?" wiederholte Harm skeptisch. "Du meinst, irgendetwas in der Größe eines halben Rindes, richtig?"

Mac nickte zufrieden. "Ist es nicht toll, einen Ehemann zu haben, der einen so gut kennt?"


34. Kindermund –
oder warum Krümelfreiheit so manches Opfer wert ist

03. Januar 2002
0310 Z-Zeit (19:10 Uhr PDT)
Zuni Café & Grill,
Market Street,
San Francisco, Kalifornien

Keeter griff zu seiner dritten Brotstange und da er den Mund voll hatte, überließ er es seinen drei Begleiterinnen, die Unterhaltung zu führen.

"Meine Güte, Keeter, jetzt warte doch wenigstens, bis wir bestellt haben! Bis dein eigentliches Essen kommt, wirst du überhaupt keinen Hunger mehr haben," warnte Skates ihren Gast. "Dann verpasst du was, das Essen hier ist wirklich gut! Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!"

Keeter schüttelte den Kopf und schluckte den letzten Brotkrümel hinunter. "Keine Sorge, Skates, ich habe Hunger wie ein Wolf, das schaffe ich spielend."

"Wenn Onkel Keeter vor dem Essen essen darf, darf ich dann auch? Ich sag’s auch nicht Mama, versprochen!" meldete sich die fünfjährige Nia, eine Hand bereits über den knusprigen Brotstangen. Aus großen bittenden Augen sah sie Randy an.

<Onkel Keeter?> Skates sah scharf zwischen Keeter und ihrer Cousine hin und her. <Wer zum Teufel hat Keeter plötzlich zum ‚Onkel’ befördert?! Na warte, Cousinchen!>

"Na klar, Käpt’n," Randy wuschelte ihrer Ziehtochter durch die blonden Locken, "aber nur eine, okay?"

Eine gestresst wirkende Bedienung erschien endlich an ihrem Tisch und zückte einen Notizblock, um ihre Bestellungen zu notieren.

Randy orderte wie Keeter die Austernplatte, auf die das Restaurant sich spezialisiert hatte, und die Lasagne für Nia.

"Und ihre Freundin?" Die Kellnerin sah Randy fragend an und zeigte mit dem Kugelschreiber auf Skates, die sich gerade auf die Suche nach der Damentoilette des zweistöckigen Restaurants gemacht hatte.

"Sie nimmt jedes Mal den Lachs mit Thai-Reis, wenn wir hier sind," antwortete Randy.

<Freundin?> Keeter hob die Augenbrauen. Ihm war die Art, wie die Kellnerin das Wort betont hatte, nicht entgangen. <Klang als meinte sie *Freundin*!>

Randy lachte, als Keeter der Bedienung stirnrunzelnd nachblickte. "Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten, die Market Street liegt unmittelbar nördlich des Castro District, dem Zentrum der großen Homosexuellen-Gemeinde San Franciscos." Sie machte eine amüsierte Armbewegung, die Keeter veranlasste, von seinen Brotstangen aufzusehen und sich in dem Restaurant zum ersten Mal richtig umzusehen.

Tatsächlich saßen am Nebentisch zwei junge Frauen, die sich an der Hand hielten.

"Oh, sie hat also gemeint... sie hat wirklich gedacht..."

"Wer hat was gedacht?" Skates ließ sich wieder auf ihren Platz sinken.

Randy lehnte sich lässig in ihrem Stuhl zurück. "Ach, die Kellnerin dachte, du wärst meine ‚Freundin’," erklärte sie augenzwinkernd.

"Iiiih, ich und Randy? Ekelhafte Vorstellung – ich würde nie jemanden küssen, der Austern isst! Ich wette, sie hat schon wieder dieses glibberige, lebende Zeug bestellt! Ganz abgesehen davon, dass sie meine Cousine ist!" protestierte Skates scherzhaft.

Keeter lachte – bis ihm plötzlich auffiel, dass Skates nur gegen das Küssen von Verwandten und Austern-Essern protestiert hatte, nicht dagegen, eine Frau zu küssen. "Ähm, Skates... heißt das, du würdest... ich meine... würdest du Randy... küssen, wenn sie nicht deine Cousine wäre?"

"Hey, ihr zwei, würde es euch etwas ausmachen, euer Gespräch auf einen Zeitpunkt zu verschieben, wenn Kinderohren nicht mithören können?" beschwerte Randy, Nia scherzhaft die Ohren zuhaltend.

"Aber Mama und du k...," begann das Kind, bevor Randy ihr die Serviette, die sie ihr gerade um den Hals hatte binden wollen, spielerisch in den Mund stopfte.

Keeter erhob sich, um sich zur Toilette durchzufragen und bei dieser Gelegenheit der Bedienung zu sagen, dass er statt der Austern doch lieber das Rebhuhn mit den karibischen Gewürzen haben wollte.

Als er zurückkam, hatte sich das Gesprächsthema geändert. "Hast du wirklich einen Hund, Onkel Keeter?" erkundigte sich Nia eifrig, kaum, dass er sich wieder gesetzt hatte.

"Mm-hm, wirklich," bestätigte Keeter lächelnd. "Sie heißt Amaretto, aber wir nennen sie Rett."

"Mag Tante Skates deinen Hund auch?"

"Oh, ja, die beiden haben eine sehr innige Beziehung, seit Rett deiner Tante mal... seit sie mal einen Unfall auf Skates’ Schoß hatte, als sie noch nicht stubenrein war," erzählte Keeter grinsend.

Randy lachte. "Oh, ja, Skates hatte schon immer eine ganz besondere Beziehung zu Hunden. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem sie versuchte, dem Hund der Nachbarin ein Schönheitsbad zu verpassen – und schlussendlich den preisgekrönten Collie von Mrs. Jamison rosarot färbte."

Skates bemühte sich angestrengt, ein finsteres Gesicht zu machen und ihr Schmunzeln zu verbergen. "Na ja, ich mag Hunde eben. Hunde sind soviel besser und pflegeleichter als ein Mann, lass dir das für die Zukunft gesagt sein, Nia," erklärte sie ihrer Nichte. "Hunde sind absolut treu, lassen ihre Socken nicht überall herumliegen, sie lassen die Klobrille nicht ständig oben und außerdem kann man problemlos mehrere haben."

Am Tisch brach Gelächter aus und die sich nähernde Kellnerin sah irritiert vom einen zum anderen, während sie die Teller abstellte.

Keeter rückte seinen Stuhl möglichst beiläufig nach rechts, näher an Skates heran, und drapierte lässig seinen Arm über die Rückenlehne von Skates’ Stuhl. Währenddessen behielt er die Kellnerin genau im Auge, um sicher zu stellen, dass sie seine besitzergreifende Geste auch wirklich mitbekommen hatte und Skates nicht etwa weiterhin für Randys Freundin hielt.

"Ähm, Keeter...," Skates verrenkte den Hals, um argwöhnisch den um ihre Schulter geschlungenen Arm zu betrachten. "Was genau tust du da eigentlich?"

"Oach, Tante Skates, Onkel Keeter will nur ein bisschen kuscheln, weil er dich so lieb hat," erklärte die fünfjährige Nia altklug. "Mama und Randy machen das auch immer."

Skates verschluckte sich beinahe an ihrem ersten Bissen Lachs. "Randy, bitte erkläre deiner Tochter, dass Keeter und ich auf keinen Fall kuscheln!" verlangte sie, ihrer Cousine mit der Gabel drohend.

"Ich? Wieso immer ich? Ich komme mir schon vor wie zuhause; immer, wenn Nia etwas angestellt hat, ist sie plötzlich meine Tochter!" grummelte Randy.

Keeter verspeiste währenddessen ungestört sein Rebhuhn und beäugte schon die Dessertkarte, während die anderen noch mit ihrem Essen beschäftigt waren.

Skates beobachtete mit Erstaunen, wie Keeter schließlich sogar noch die Reste von Nias Lasagne verschlang. "Man könnte wirklich denken, du würdest im Hause Hawkes nicht genügend zu essen bekommen!" kommentierte sie kopfschüttelnd.

"Hey, ich hab den halben Tag die bezaubernde junge Frau da drüben," Keeter blinzelte Nia verschwörerisch zu, "durch die Gegend getragen, ich brauche jetzt ein bisschen Kraftfutter."

"Ein bisschen? Was du gerade gegessen hast, würde einer ganzen Elefantenherde zum Überwintern reichen!" neckte Skates.

Schließlich erschien die Kellnerin mit der Rechnung und sah fragend zwischen den drei Erwachsenen am Tisch hin und her.

"Ich zahle!" sagten Keeter und Randy gleichzeitig und sofort entstand eine heftige Diskussion zwischen den beiden, darüber, wer die Rechnung begleichen durfte. Während Randy Keeter die Rechnung aus den Händen wegschnappte, reichte Skates der erleichtert wirkenden Bedienung einige Geldscheine. "Kein Wort von euch beiden!" sagte sie zu den beiden sie anstarrenden Kontrahenten. "Ich musste etwas tun, bevor ihr angefangen hättet, ein Armdrücken um die Rechnung zu veranstalten!"

Nia hüpfte um den Tisch herum, als die Erwachsenen aufstanden. "Kann ich wieder auf deinen Schultern reiten, Onkel Keeter? Kann ich?" bettelte sie, zu Keeter aufblickend.

"Darf ich, bitte," korrigierte Skates automatisch.

Nia sah erstaunt zu ihrer Tante hinüber. "Du willst auch auf Onkel Keeters Schultern reiten, Tante Skates?" fragte sie erstaunt.

"Oh, ja, Tante Skates, willst du?" erkundigte sich Keeter grinsend. "Ich hätte nichts dagegen, auch wenn ich es ein wenig ungerecht finde, dass ich nicht einmal einen Arm um deine Schulter legen darf, während du sogar auf meinen Schultern reiten willst!"

"Aber ich will ja gar nicht auf deinen Schultern reiten!" schnaubte Skates.

"Okay, dann kann ich," stellte Nia zufrieden fest und ließ sich von Keeter hochheben. "Hast du auch Kinder, Onkel Keeter?" fragte sie, ihrem ‚Pferd’ sanft die Haare zerzausend.

Keeter schüttelte den Kopf. "Nein, aber ich habe ganz viele Nichten und Neffen."

Nia sah konzentriert zu ihrem ‚Reittier’ hinab. "Bin ich auch deine Nichte?" wollte sie ernsthaft wissen.

"Na ja, du wärst meine Nichte, wenn ich deine Tante heiraten würde."

Nia packte von ihrer erhobenen Position Skates an der Schulter und drückte sie. "Machst du das, Tante Skates? Biiiiiitte? Ich esse auch nie wieder Kekse im Bett, wenn ich bei dir übernachte, versprochen!"

Keeter lachte. "Wow, Skates, diesen Handel kannst du unmöglich ausschlagen! Nie wieder Kekskrümel im Bett und das für die Kleinigkeit, mich zu heiraten! Das klingt doch nach einem wirklich guten Deal!"

Skates stöhnte. "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass meine gesamte Familie mit Granny unter einer Decke steckt!"

"Können wir Granny besuchen gehen, Randy?" bettelte Nia sofort, als sie den Namen der alten Dame hörte. "Dann kannst du Mama wieder zeigen, wie man Kühe melken tut!"

Jetzt lachte Skates ihre Cousine aus. "Kühe melken, so nennt man das jetzt also! Irgendwann musst du mir wirklich mal die Geschichte erzählen, wie Granny es geschafft hat, euch beide zu verkuppeln."

Keeter nickte so heftig, dass Nia auf seinen Schultern auf und ab schaukelte. <Mir auch! Oder noch besser: Gwen soll mir erzählen, wie man es schafft, eine Hawkes-Frau davon zu überzeugen, dass man der – oder die – Richtige für sie ist!>

Während sie zurück zur Hawkes-Villa fuhren, begann Nia zu gähnen. Randy trug die erschöpfte Fünfjährige die Treppe hinauf. "Ich glaube, einer von uns sollte jetzt langsam ins Bett gehen," meinte sie sanft.

"Oach, muss ich wirklich?" jammerte Keeter spielerisch.

Nia kicherte. "Onkel Keeter, du bist doch ein Erwachsener. Du kannst ins Bett gehen, wann du willst!"

"Wirklich?" Keeter schmunzelte. "Gut, dass du mir das noch rechtzeitig gesagt hast."

"Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du gut mit Kindern umgehen kannst?" meinte Skates, während sie zusah, wie Randy Nia davontrug.

Keeter lächelte. "Schon oft. Meine Brüder sagen mir das jedes Mal, wenn ich wieder einmal auf eines ihrer Kinder aufpassen soll."

"Alle deine Brüder haben schon eigene Kinder?" erkundigte sich Skates.

Keeter nickte. "Ich bin der einzige, der noch Junggeselle ist." Es klang nicht sonderlich begeistert, nicht so prahlerisch und zufrieden, wie Skates das von einem Piloten erwartet hätte, der sich für den größten Segen für die weibliche Bevölkerung seit der Erfindung der Waschmaschine hielt.

"Und das gefällt dir mittlerweile nicht mehr sehr, stimmt’s?" Aufmerksam musterte die Jägerleitoffizierin ihren Kollegen.

Keeters graue Augen erwiderten ihren Blick offen. "Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich lieber heute als morgen etwas daran ändern würde, aber..."

"Aber?"

"Aber nicht mit irgendeiner Frau." Keeter beschloss, ganz offen zu sein. "Skates... ich denke, du weißt ganz genau, auf wen ich warte."

Schwungvoll ließ Skates die Haustüre hinter sich ins Schloss fallen. "Ich will aber nicht, dass du auf mich wartest!" Sie schien weniger ärgerlich als vielmehr besorgt. Sie wollte nicht, dass Keeter die Gelegenheit verpasste, sein Glück zu finden, nur weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, es bei ihr zu suchen.

Keeter grinste schwach. "Na, da haben wir doch was gemeinsam: Ich möchte eigentlich auch nicht mehr warten."

Skates musste plötzlich lachen und boxte Keeter gegen die Schulter. "Du bist unmöglich! Ich weiß wirklich nicht, warum ich es nicht endlich schaffe, dich ein für alle mal zu entmutigen!" <Aber irgendwie... bin ich doch ganz froh darüber.>


35. Ein Bad am Morgen... –
oder warum Sand so erotisch ist

03. Januar 2002
1920 Z-Zeit (08:20 NZDT / New Zealand Daylight Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
vor der Küste von Neuseeland

Harm hob den Kopf, als der durchdringende Weck-Ton des Radioweckers durch die Kabine schrillte. Noch bevor er reagieren konnte, schob sich Macs Hand unter der Decke hervor und brachte den Wecker mit einem groben Schlag zum Schweigen. Dann zog sich die Hand zusammen mit dem Rest des Armes wieder unter die warme Decke zurück. Nichts wies darauf hin, dass Mac während der ganzen Prozedur wirklich wach geworden war.

Liebevoll schmunzelte Harm auf seine Frau hinab, doch sein unruhiger Magen hielt ihn davon ab, sich einfach gegen sie zu kuscheln und im Bett zu bleiben. In der Hoffnung, dass ein entspannendes Bad seinen Magen beruhigen würde, machte er sich auf den Weg ins Badezimmer.

Erst eine halbe Stunde später tauchte Mac im Türrahmen auf, noch immer fest in die Bettdecke eingewickelt, mit zerwühltem Haar und einem Gesichtsausdruck, der Harm sagte, dass sie noch nicht lange wach war. Als sie Harm in der Badewanne entdeckte, schien sie schlagartig munter zu werden. Sie beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf die schaumbedeckten Schulterblätter. "Rutsch ein Stück nach vorne, dann kann ich dir den Rücken waschen," bot sie lächelnd an.

"Wie wäre es, wenn du hier reinkommst und ich *deinen* Rücken wasche?" Harms Augenbrauen hoben sich verführerisch.

Mac lehnte sich spielerisch gegen den Badewannenrand und ließ ihre Finger über die nasse Haut ihres Mannes gleiten. "Hmmm, der Vorschlag klingt wundervoll, aber ich habe eben den Zimmerservice angerufen und unser Frühstück muss gleich hier sein. Du willst doch sicher nicht, dass ich splitterfasernackt und nass die Türe öffne, oder?"

"Nur, wenn ich auf der anderen Seite der Türe stehe," entgegnete Harm, eine kleine Schaumkrone auf ihrer Nase platzierend.

Um den Schaum wieder los zu werden, rieb Mac ihre Nase an der seinen und nutzte die Gelegenheit, um Hausregel Nummer vier zu befolgen. Gerade in dem Moment, in dem der Kuss so weit eskalierte, dass Mac fast mitsamt Pyjama und Morgenmantel in die Badewanne gezogen worden wäre, klopfte es an der Kabinentüre.

Schwer atmend löste sich Mac von Harm und machte sich auf den Weg, um ihr Frühstück in Empfang zu nehmen.

Nach einem gemütlichen Frühstück in der Badewanne schlossen sich die Rabbs der Reisegruppe an, die mit einem Bus von Kaitaia nach Cape Reinga fuhr.

Die etwa 90 Kilometer – nicht Meilen - lange Straße entlang dem Ninety Miles Beach führte über eine schmale Halbinsel. Abwechselnd boten sich ihnen Blicke auf den Pazifik rechts und die Tasmanische See links. Der Bus benutzte statt einer Straße den wellenumspülten Strand und nach einer Weile begann der einheimische Busfahrer, Maori-Lieder zu singen. Ihr Reiseleiter übersetzte die Ballade vom Häuptling eines Maori-Clans, der seiner Frau überdrüssig wurde, weil er eine jüngere liebte. Deshalb nahm er seine schwangere Frau mit einem Boot hinaus aufs Meer und stieß sie mit einem Gewicht am Bein über Bord. Aber die Frau rettete sich auf eine kleine Insel und gebar Zwillinge. Als sie alt genug waren, schwammen sie an den Strand, um ihre Mutter zu rächen und brachten ihren Vater um.

"Hmmm, seine Frau über Bord stoßen, klingt das nicht gut?" witzelte hinter ihnen einer der Männer, der ebenfalls an einer Paartherapie teilnahm.

"Oach, ich weiß nicht, aber seinen Mann umbringen zu lassen, das klingt doch nett," meinte seine Frau grinsend.

Während die Menschen im Bus um sie herum lachten, wandte sich Mac Harm zu. "Ich hoffe doch nicht, dass du ‚meiner überdrüssig’ werden würdest, sobald ich schwanger werden würde." Sie lächelte, aber etwas in ihrem Blick war fragend.

"Überdrüssig?" Harm lachte. "Mac, du wirst dir vermutlich eine gerichtliche Verfügung holen müssen, damit du mich nur mal für fünf Minuten los wirst!"

Mac entspannte sich wieder. "Ach, ich kenne da einen Richter, der könnte dich für eine Weile beschäftigen. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es da noch eine Gerichtssaaldecke zu restaurieren."

Der Bus verließ jetzt den flachen Strand und fuhr hinein in die wüstenartigen Dünen, sie sich links und rechts auftürmten. An einer mächtigen Düne, an der schon andere Busse standen, hielten sie schließlich und der Busfahrer verteilte Plastikschlitten zum Sandschlitten-Fahren an die Touristen.

"Eine verrückte Idee!" Mac schüttelte den Kopf.

Harm zuckte die Schultern. "Wieso? Was glaubst du, was Keeter und Skates im winterlichen Washington gerade machen?"

Mac grinste. "Hmmm, in Washington ist es jetzt 17.44 Uhr Ortszeit... wie ich deinen Piloten-Freund Keeter kenne, hat er Skates gerade auf ein Bärenfell vor dem Feuer gezerrt und..."

"Hey!" protestierte Harm. "Woher willst du Keeter so gut kennen, um alles über seine Verführungstechniken zu wissen, hm?" Spielerisch-anklagend hob er die Brauen.

"Ach, kennst du einen Piloten, kennst du alle," behauptete Mac verwegen. "Und außerdem habe ich eine Nacht mit Keeter in der Wüste verbracht, schon vergessen? So viel heißer Sand um einen herum... das ist praktisch ein Aphrodisiakum."

"Ach ja?" Harm ließ den Plastikschlitten fallen und warf sich Mac über die Schulter, um mit ihr die Düne hoch zu laufen. "Dann lass uns diese Theorie doch gleich einmal ausprobieren!"

Eine halbe Stunde später winkte der Busfahrer alle zurück zum Bus. Unruhig rutschten Harm und Mac auf ihren Sitzen herum, während der Bus über eine Schotterpiste den letzten Kilometer bis Cape Reinga zurücklegte. Sie hatten kaum Augen für die malerische Landschaft aus Felsen und Buchten, während sie an ihrer Kleidung zupften.

"Oaah, ich habe Sand an Stellen, an die definitiv kein Sand gehört!" beschwerte sich Mac, ihr Hosenbein schüttelnd.

Harm grinste, während er die Tasche seines Jeans-Hemdes umdrehte und ein kleines Häufchen Sand auf dem Boden des Busses hinterließ. "Macht nichts, das gibt uns wenigstens einen Grund, heute Abend noch ein gemeinsames Bad zu nehmen."

Der Bus hielt an einem kleinen Parkplatz. Vorbei an einigen wenigen Häusern machten sich die Touristen auf den Weg hinüber zu dem kleinen, weißen Leuchtturm an der Spitze des Kaps. Neben dem Leuchtturm deutete ein Wegweiser die Entfernung nach London, Tokio und zum Äquator an.

Cape Reinga galt als nördlichster Punkt Neuseelands. Zwar gab es noch Punkte, die weiter nördlich lagen, aber diese waren nicht zugänglich. Von hier hatte man jedoch einen spektakulären Blick aufs Meer und die Three Kings Islands in der Ferne.

Der Maori-Legende nach verließen die Seelen der Verstorbenen an dieser Stelle Neuseeland. Sie reisten durch den Pohutukawa-Baum auf der Spitze des Kaps, durch seine Wurzeln ins Meer und tauchten auf der größten der Three Kings Islands noch mal kurz auf, um Neuseeland Lebewohl zu sagen, bevor sie in ihr sagenhaftes Ursprungsland "Hawaiki" weiterreisten.

Harm und Mac balancierten vorsichtig über die Klippen, um den über 800 Jahre alten Pohutukawa-Baum aus nächster Nähe zu sehen. Direkt unter ihnen brachen sich die bis zu zehn Meter hohen Wellen am vorgelagerten Columbus Reef, dort wo die Dünung der Tasmanischen See gegen die Wellen des Pazifik anrollte.

Der Reiseleiter begann, Blicke auf die Uhr zu werfen. "Wir sollten uns langsam auf den Rückweg machen. Und unterwegs kann ich Ihnen ein paar Tipps für die besten Restaurants in Auckland geben."

Mac war die erste, die wieder auf ihrem Platz im Bus saß und den Reiseleiter aus erwartungsvollen braunen Augen ansah.


36. Küchendienst –
oder warum ein Papagei niemals einen Hund ersetzen kann

04. Januar 2002
2223 Z-Zeit (15:23 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien

"Wirklich, Skates, es ist okay, wenn du gehst. Ich werde zuhause in Texas schon keine Horrorgeschichten über die Gastfreundschaft in San Francisco erzählen, nur weil du mich mal für eine Stunde alleine gelassen hast," versicherte Keeter, seine Gastgeberin in Richtung Türe schiebend. "Außerdem bin ich schließlich nicht alleine, sondern habe drei schöne junge Frauen, die mir Gesellschaft leisten."

Randy, die mit Nia lang ausgestreckt auf dem Wohnzimmerteppich lag, um sie herum ein Stapel bemalter Blätter und zwei Dutzend Buntstifte, sah von der Ziege auf, die sie Nia gerade zeichnete. "Sparen Sie sich den Charme, um Skates zu betören, Keeter," riet sie mit einem wohlwollenden Lächeln.

"Keine Sorge, ich habe Charme im Überfluss, es ist genug für alle da." Keeter begleitete die noch immer zögernde Skates zur Türe. "Nimmst du den Papagei eigentlich überallhin mit? Sogar zum Inline-Skaten?" Er nickte in Richtung des grünen Vogels auf ihrer Schulter.

"Ja, eigentlich schon. Nachdem ich einmal ein unerklärliches Drei-Stunden-Gespräch mit Hongkong auf meiner Telefonrechnung hatte, habe ich beschlossen, Moses nicht mehr unbeaufsichtigt zurück zu lassen." Skates bückte sich nach ihren Inlinern. "Bist du sicher, dass du nicht mitkommen möchtest?"

Tori Hawkes tätschelte ihrer Tochter die Schulter. "Keine Angst, Skates, wir werden deinen Gast in deiner Abwesenheit schon unterhalten." Sie grinste Keeter verschwörerisch zu. "Falls es Sie interessiert, Jack, ich habe *dicke* Fotoalben voller *peinlicher* Kindheitsfotos von Skates und ich bin mehr als bereit, Ihnen so viel zu zeigen, wie Sie möchten."

"Na, das klingt doch nach einem unterhaltsamen Nachmittag!" stellte Keeter zufrieden fest.

"Oooh, nein, Mum, wir müssen Keeter doch nicht wirklich mit meiner absolut uninteressanten Entwicklungsgeschichte langweilen!" protestierte Skates entsetzt.

Tori nickte energisch. "Oh, doch, das müssen wir! Kommen Sie mit rüber, Jack, Josie serviert gerade Apfelkuchen mit Vanilleeis und Schlagsahne."

Moses plusterte ihre Federn auf. Ihr Kopf hüpfte aufgeregt auf und ab, während sie auf Skates Schulter hin und her tanzte. "Ver-huuuuun-gern-der Vooooo-gel! Verhuuungernder Vooogel!" kreischte sie auf das Stichwort ‚Kuchen’ hin.

Als Skates nicht in Richtung Wohnzimmer – und damit zum Kuchen-, sondern zur Ausgangstüre ging, stieß der Vogel ein markerschütterndes "Maaama!" aus und flatterte hinüber auf Keeters Schulter, um sich zum Esstisch tragen zu lassen.

Keeter verdrehte die Augen, als er nach dem zutraulichen Vogel schielte, beschloss aber, Moses nicht von seiner Schulter zu verbannen. <Immerhin kann ich – in Ermangelung eines Hundes – versuchen, ihr mein Essen zu verfüttern, falls es wieder so grauenhaft schmecken sollte!> Voller Vorfreude rieb er sich die Hände, als der Dessertteller vor ihm abgestellt wurde. Wenn Keeter einem nicht widerstehen konnte, dann war das Eis mit Sahne und Kuchen. Genüsslich folgte er dem Beispiel seiner Gastgeber und tauchte seinen Löffel in die Schlagsahne.

<Chgrrrr!> Keeter würgte. <Ich sollte es so langsam wirklich besser wissen!> Offenbar hatte der Zubereiter des Desserts in seiner Schlagsahne die Zuckerdose mit dem Salzfass verwechselt. Vorsichtig geworden streckte er Moses, die erwartungsvoll auf seiner Schulter auf und abtanzte, ein Stückchen Apfel aus dem Kuchen hin.

"Wwrrrrraaaw!" Der Papagei stieß einen Protestschrei aus, als sie das so schmackhaft wirkende Nahrungsmittel kostete. Verärgert ließ sie das Apfelstück fallen und flatterte zu Skates Mutter hinüber, um dort auf einen genießbareren Snack zu warten.

Keeter versuchte erst gar nicht, den Kuchen selbst zu probieren. Enttäuscht legte er den Löffel weg. <Irgendjemand scheint hier wohl etwas gegen mich zu haben – und ich wette meine versalzene Schlagsahne, dass es Mrs. Josie Tathwell ist! Besser, ich unternehme was, sonst versalzt sie mein Essen noch an dem Tag, an dem Skates und ich Silberhochzeit feiern!> "Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment." Mit einem höflichen Nicken erhob sich Keeter und ging zur Küche hinüber. "Mrs. Tathwell..."

Die grauhaarige Köchin sah von dem Spülwasser auf, in dem sie gerade Teller wusch. "Ja?" fragte sie ohne die geringste Spur von Gastfreundschaft oder gar der Wärme, die sie Skates entgegenbrachte.

Keeter beschloss, ganz offen zu sein. "Versuchen Sie, Haushaltsgeld zu sparen, indem sie einen essenden Gast vergraulen, oder ist es einfach nur meine Nase, die Ihnen nicht passt?"

Ein wenig Wasser schwappte über das Spülbecken hinaus. "Ich weiß nicht, was Sie meinen," behauptete Josie, Keeter noch immer den Rücken zukehrend.

"Oder ist es vielleicht mein Beruf?" fuhr Keeter unbeirrt fort.

Josephine Tathwell drehte sich ruckartig zu Keeter um. Schaum spritzte von ihren Händen, als sie lebhaft gestikulierte. "Es sind Ihre Absichten, wenn Sie es unbedingt wissen möchten!"

Keeter lehnte sich gegen den Küchentisch und verschränkte ruhig die Arme. "Hmm, meine Absichten haben mir also diese Salz-Diät eingebracht! Und welche Absichten habe ich denn Ihrer Meinung nach?"

"Es mag vielleicht für Sie so aussehen, als ob ich hier nur die bezahlte Haushaltshilfe wäre, die sich um nichts Anderes Sorgen macht, als das Essen pünktlich auf den Tisch zu bringen, aber da täuschen Sie sich ganz gewaltig! Ich habe diese beiden Mädchen," sie sprach offensichtlich von Skates und Randy, "praktisch mit aufgezogen! Ich habe Skates’ Knie verarztet, als sie mit fünf Jahren das erste Mal mit diesen Rollschuhen gefallen ist! Ich habe sie unterstützt, als sie beschlossen hat, zur Navy zu gehen. Und ich habe miterlebt, wie Skates sich in ihrem Zimmer verkrochen hat, nachdem Bryan..."

"Mein Name ist Jack," unterbrach Keeter sanft.

Josie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Ihr ausgerechnet mitten in einer hasserfüllten Schimpftirade das ‚Du’ anzubieten schien ihr selbst für einen dieser unvernünftigen Piloten seltsam.

"Mein Name ist Jack, nicht Bryan," wiederholte Keeter ernst. "Und auch wenn ich zufällig denselben Beruf wie Skates’ Ex habe, meine Absichten sind ganz gewiss nicht dieselben! Oder glauben Sie etwa, ich hätte drei Tage lang Ihr versalzenes Essen gegessen, wenn es mir nicht ernst wäre?"

Josie Tathwell starrte intensiv hinauf in Keeters graue Augen, als könne sie darin den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung ablesen.

Ruhig griff Keeter nach dem Spüllappen und bückte sich, um die sich ansammelnde Wasserpfütze aufzuwischen. "Sie tropfen."

Endlich entspannte sich die starre Haltung der Köchin. Sie deutete auf das Geschirr auf dem Abtropfbrett. "Sie können schon mal abtrocknen, während ich neue Sahne für Sie schlage... Jack."


37. Hundert Liebhaber –
oder warum die Marines nie den Südpol erreicht hätten

04. Januar 2002
0021 Z-Zeit (13:21 NZDT / New Zealand Daylight Time)
Auckland Museum,
Auckland, Neuseeland

"Weißt du übrigens, wie Auckland in der Maori-Sprache heißt?"

Harm hob den Blick von der Glasvitrine, die einen Halsschmuck aus Elfenbein enthielt und wanderte hinüber zu Mac, die gerade eine Reihe von Zeremonialmasken bewunderte. "Noch nicht, aber ich schätze, meine kluge Ehefrau wird mich gleich mit ihrer Weisheit erleuchten," vermutete er.

"Mm-hm, das wird sie." Lächelnd ging Mac weiter, um ein langes Kriegskanu zu betrachten. "Tamaki-makau-rau."

"Klingt wie eine japanische Hundefutter-Marke," meinte Harm trocken, während sie sich an den anderen Touristen vorbei in Richtung Ausgang schoben.

"Ha, Hundefutter! Und du behauptest, *ich* würde immer nur ans Essen denken! Tamaki-makau-rau heißt ‚Die Stadt der hundert Liebhaber’!" Mac hob herausfordernd die Augenbrauen.

Harm schüttelte energisch den Kopf. "Nicht für dich. Für dich ist Auckland die ‚Stadt des einen und einzigen Liebhabers’," mahnte er scherzhaft.

"Aber sicher doch," versicherte Mac grinsend, "- einen in Auckland, einen in Sydney, einen in Brisbane, einen in Washington..."

Lachend jagte Harm seine Frau durch den Park vor dem Museum und hinunter zum Hafen, wo moderne Wolkenkratzer und Tausende von Segelyachten die Skyline Aucklands prägten. Keine andere Stadt der Welt hatte im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele Boote wie die ‚Stadt der Segel’.

Am Yachthafen kaufte Harm seiner hungrigen Begleiterin ein Eis. Mac schlang es in großen Bissen hinunter, als sie spontan beschlossen, den in Kürze abfahrenden Bus zu Kelly Tarltons Unterwasserwelt zu nehmen.

Unter den wachsamen Augen des Busfahrers schluckte sie eilig das letzte Stück der Eiswaffel hinunter, während sie einstieg.

Die Unterwasser-Welt lag sechs Kilometer außerhalb der Stadt, an der Mission Bay. Der Taucher Kelly Tarlton hatte sich hier in den 80er Jahren seinen Traum erfüllt und die Tanks eines alten, ungenützten Abwassersystems mit Meerwasser geflutet.

"Hä? Ich dachte, hier gäbe es tropische Fische und so was zu sehen?" wunderte sich Mac, nachdem sie gleich hinter dem Eingang auf eine Ausstellung von Ausrüstungsgegenständen für Antarktis-Expeditionen stießen.

"Ich dachte, du magst Eis?" neckte Harm.

Mac nickte heftig. "Mit Schokostücken und auf einer Waffel, ja!"

"Hey, du warst doch die Frau, die sich zu Weihnachten Kälte und Schnee gewünscht hat!" erinnerte Harm lächelnd.

Mac vergaß ihre Proteste, als sie durch einen Nachbau der Hütte spazierte, die dem Entdecker Robert Scott und seinen Männern als Basislager in der Antarktis gedient hatte. Fasziniert blickte sie sich um. Ein einziger Ofen heizte die Hütte, in der roh gezimmerte Stockbetten bis zur Decke ragten. "Wow, hier sollen 25 Männer drei Jahre lang zusammengelebt haben?" Mac sah sich skeptisch in der engen Hütte um. "Ich lebe mit nur einem Mann zusammen und kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen!"

"Ich wette, das Zusammenleben hat wunderbar geklappt – wenn alle dieser Männer so ordentlich waren wie ich," meinte Harm mit einem von sich überzeugten Flyboy-Grinsen. "Wenn ich mir dagegen 25 Marines mit deinem nicht vorhandenen Ordnungssinn hier drin vorstelle... der Südpol wäre nie erreicht worden, weil niemand in dem Chaos mehr seine Schuhe gefunden hätte!"

Mac zuckte die Schultern. "Scott hat den Südpol aber gar nicht als erster erreicht – was wieder beweißt, dass Ordnung nicht alles ist."

Sie verließen die Hütte und nahmen mit sechs anderen Passagieren in einem Schneemobil Platz. Das wuchtige Gefährt transportierte sie durch die antarktische Welt und durch einen simulierten Schneesturm.

Der Schneemobil-Führer beugte sich zu ihnen hinüber. "Da drüben können Sie mal ein paar Landsleuten guten Tag sagen," meinte er, auf eine riesige Plexiglasscheibe zeigend.

Dicht neben ihnen tauchten zwei Pinguine durch dunkles Wasser und auf dem Eis saß eine weitere Gruppe der schwarz-weißen Vögel.

"Das sind Königspinguine," erklärte der Kelly-Tarlton-Angestellte. "Ihre Ursprungskolonie stammt aus SeaWorld in San Antonio."

Nach der Antarktiswelt ging es hinüber in die wärmeren Gewässer von Neuseeland. Auf dem Boden des riesigen Aquariums, das ehemals ein Klärbecken gewesen war, verlief ein über hundert Meter langer Plexiglastunnel. Auf einem Laufband wurden Harm und Mac durch die Welt unter Wasser gelotst.

Bunte Tropenfische schwammen zu allen Seiten um die staunenden Besucher herum. Rochen glitten über sandige Meeresböden, Aale tauchten aus felsigen Riffen auf und ein paar Seepferdchen verharrten senkrecht im Wasser.

Den Abschluss bildete ein separates Becken. Mac streckte vorsichtig die Hand aus und berührte die Plexiglasscheibe. Nur Zentimeter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der Scheibe, schwamm ein langer, grauer Hai.

Als sie Kelly Tarlton’s verließen und den Strand der Mission Bay hinabschlenderten, knurrte Macs Magen.

Harm riss die Augen auf und spielte den Verängstigten. "Puh, für einen Moment dachte ich schon, uns wäre einer dieser hungrigen Haie gefolgt!"

Mac schob Harms T-Shirt-Ärmel beiseite und biss ihn neckisch in den Arm. Ein Ringkampf entstand und innerhalb von Sekunden fanden sich die beiden Rabbs im feuchten Sand wieder. Eng an Mac gepresst lag Harm da und nutzte die Gelegenheit, um seine Lippen ihren Hals hinauf wandern zu lassen, bis... das laute Knurren ihres Magens ihn innehalten ließ.

Lachend erhob er sich und reichte Mac die Hand, um ihr hoch zu helfen. "Ist wohl besser, wir füttern das Biest, bevor es noch Verletzte gibt!"

Mac strahlte. "Und ich weiß auch schon, wohin wir gehen! Da ist dieses Restaurant, von dem uns der Reiseleiter gestern erzählt hat... gleich um die Ecke, hier an der Mission Bay."

Harm runzelte die Stirn. "Welches Restaurant? Hab ich gar nicht mitbekommen. Wie heißt es denn?"

"Ähm, na ja..." Macs linker Mundwinkel hob sich.

Harm kannte das verräterische Anzeichen. "Raus mit der Sprache! Was ist das für ein Restaurant? Doch keine dieser Rinder-in-Öl-Bade-Stätten, oder? Ein neuseeländisches McDonalds?"

"Nein, nein, es ist ein rein vegetarisches Restaurant, da gibt es kein Fleisch, versprochen!" versicherte Mac treuherzig.

"*Du* willst in einem vegetarischen Restaurant essen? Freiwillig? Sollte es mir wirklich schon im ersten Jahr unserer Ehe gelungen sein, dich zu gesundem Essen zu bekehren?" Harm reckte sich stolz bei dem Gedanken, das Unmögliche vollbracht zu haben.

Mac räusperte sich. "Ähm... das ist das Restaurant." Sie zeigte auf ein Gebäude unweit des Strandes.

Harm kniff die Augen zusammen, als sie näher kamen. "‚Death by Chocolate’? Das Restaurant heißt ‚Tod durch Schokolade’?!"

Mac nickte und zog Harm am Arm hinter sich her. "Rein vegetarisch, wie versprochen!"

Skeptisch nahm Harm die Speisekarte entgegen und begann, sie zu studieren. "Mac, da stehen nur Desserts drauf!" beschwerte er sich misstrauisch. "Kein Salat, kein Gemüse, nicht mal Joghurt! Nichts – außer zuckerstrotzenden Desserts!"

"Ich weiß!" jauchzte Mac glücklich. "Endlich mal ein Restaurant ganz nach meinem Geschmack!"

"Und die Namen dieser ‚Menüs’! ‚Latin Lover’, ‚French Affair’, ‚Verführung’… vergiss nicht, dass dies für dich noch immer die ‚Stadt des einen und einzigen Liebhabers’ ist!" mahnte Harm scherzhaft.

Mac studierte die Speisekarte mit einer Aufmerksamkeit, die sie sonst nur einem Gesetzbuch – oder Harm – schenkte. "Wir könnten uns auch eine der Dessertplatten für zwei teilen... Die ‚Multitude of Sins’ zum Beispiel. Schokotorte, weiße Schokolade und Kaffee-Sahne zwischen Waffeln und Karamell-Soße – das klingt doch wirklich sündhaft lecker, oder?"

"Das klingt auf jeden Fall wie etwas, von dem du alleine auch locker eine Platte für zwei essen könntest." Harm wusste genau, was dabei heraus kam, wenn Mac vorschlug, sich mit ihm ein Dessert zu teilen – sein Anteil bestand regelmäßig nur aus einem einzigen probierten Löffel.

Die Kellnerin näherte sich dem Tisch und lächelte freundlich auf Harm hinab. "Hallo, haben Sie sich schon entschieden? Was darf ich Ihnen bringen?"

Mac gefiel das flirtende Lächeln, mit dem die Bedienung Harm bedachte, nicht sonderlich, aber sie war schon zu sehr in einem vorfreudigen Schokolade-Delirium, um der Frau einen scharfen Marine-Blick zuzuwerfen. "Ich nehme.... hm, die ‚True Sensations’," entschied sie nach sorgfältigen Abwägen.

"Ich denke, ich entscheide mich für ‚Fall mir in die Arme’," beschloss Harm.

Die Kellnerin sah aus, als würde sie genau das herzlich gerne bei Harm machen, aber als Mac sich demonstrativ räusperte, gab sie sich einen Ruck und marschierte in Richtung Küche davon.

Innerhalb kürzester Zeit erschien die Bedienung mit zwei hübsch angerichteten Dessert-Tellern wieder.

"Na, das Restaurant macht seinem Namen ja wirklich alle Ehre – wenn du das Zeug da regelmäßig isst, stirbst du an einer Herzverfettung!" kommentierte Harm, mit dem Stiel seines Löffels auf Macs Schoko-Boden mit Haselnuss-Füllung und Sahne zeigend.

"Hey, ich hab extra was bestellt, was auch gesund ist, nur um dich zu beruhigen!" verteidigte sich Mac, mit Genuss Sahne und Haselnuss-Creme auf ihren Löffel schaufelnd.

Harm starrte ungläubig die Kalorienbombe auf Macs Teller an. "Gesund? Was ist daran denn bitte gesund?"

"Die Bananen und die Kiwi-Stücke!" Mac zeigte bedeutsam auf die Handvoll Früchte, die dekorativ auf der Sahne verteilt worden waren.

Kopfschüttelnd begann Harm, an seiner mit Heidelbeeren und Aprikosen gefüllten Pastete zu nibbeln. "Deine Vorstellung von gesund entspricht wirklich nicht dem, was ich oder die WHO darunter verstehen!"

"Ich muss eben Kraft tanken für den Rückflug heute Abend!" behauptete Mac.

"Mac, du wirst die halbe Zeit über ohnehin schlafen oder eine der Stewardessen damit nerven, dass sie dir noch etwas zu essen bringen soll! Es ist ja nicht so, als ob du aus eigener Kraft zurückfliegen müsstest!" bemerkte Harm nüchtern.

Mac dezimierte weiterhin unbeirrt ihr Dessert. "Ich brauche die Kraft, um mich auf das vorzubereiten, was uns zu Hause erwartet."

Harm horchte auf. "Wieso? Ist zuhause irgendetwas passiert, von dem ich noch nichts weiß?" Sein Löffel schwebte reglos über den Heidelbeeren, als er automatisch die Luft anhielt.

"Na ja, Granny hat mir eine E-Mail geschrieben und darin so komische Andeutungen gemacht...."

"Lass mich raten: Wir sollen unverzüglich nach Hause kommen, weil Keeter und Skates dringend zwei Trauzeugen benötigen." Harm wusste genau, was typischerweise innerhalb kürzester Zeit geschah, wenn Granny mit zwei gegengeschlechtlichen unverheirateten Menschen allein gelassen wurde. Nicht umsonst gab es in Belleville den geringsten Anteil Single-Haushalte im ganzen Land.

Mac leckte sich ein wenig Sahne vom Mundwinkel und schüttelte den Kopf. "Nein, das ist es nicht. Wenn ich sie richtig verstanden habe, sind Keeter und Skates ihren Kuppler-Klauen entkommen, indem sie zu Skates Familie nach San Francisco geflohen sind. Granny hat irgendetwas über Admiral Chegwidden und irgendeinen Pressebericht geschrieben... irgendein Klatschblatt muss wohl etwas über uns geschrieben haben..."

Harm stöhnte. Er konnte sich noch zu gut an den Wutausbruch des Admirals erinnern, als eines der Bellviller Boulevardblätter über sie berichtet hatte. "Wie fandest du die Pinguine vorhin?"

"Pinguine?" Mac war einen Moment lang verblüfft über den plötzlichen Themenwechsel. "Na ja, wie man Pinguine eben so findet... ganz nett, warum?"

"Ich habe irgendwie das Gefühl, dass uns der Admiral irgendwohin versetzen wird, wo wir eine Menge mehr von diesen schwarz-weißen Viechern sehen werden!"


38. Mehr als mehr –
oder warum eine Fee niemals raten sollte

05. Januar 2002
1905 Z-Zeit (12:05 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien

"Vorsiiiicht!" Skates schnappte sich hastig ihr Glas und hielt es vorsichtshalber mit beiden Händen fest, bevor Josie es umwerfen konnte. Verblüfft beobachtete sie die Haushälterin. In all den Jahrzehnten, in denen sie das Essen in der Hawkes-Villa serviert hatte, hatte Skates Josie nie so ungeschickt gesehen.

Die sonst so zuverlässigen und geschickten Hände schienen sogar ein wenig zu zittern, als Josie den Teller vor Keeter absetzte. Der unsanfte Ruck, der dabei entstand, ließ ein paar Erbsen vom Teller fallen und über das weiße Tischtuch rollen.

"Oh, entschuldigen Sie bitte, Jack, wie ungeschickt von mir!" plapperte die Köchin verlegen.

Keeter nickte ruhig. "Schon okay, Mrs. Tathwell, es ist ja nichts passiert." <Noch nicht,> fügte er in Gedanken hinzu, ein wenig misstrauisch das knusprig-braune Stück Rebhuhn auf seinem Teller betrachtend. Er wagte kaum, das aromatisch riechende Fleisch zu probieren, weil er fürchtete, es wieder versalzen vorzufinden.

"Ich hoffe, Sie sind hungrig," sagte Josie, die noch immer neben Keeters Stuhl verharrte und sich nervös die Hände rieb. "Randy hat mir erzählt, dass Ihnen letztens das Rebhuhn so gut geschmeckt hat und ich wette, Sie werden mein Rezept lieben!" verkündete sie stolz und verschwand in der Küche.

Keeter stellte plötzlich fest, dass die anderen Personen am Tisch ihn anstarrten. "Guten Appetit," sagte er, statt einer Erklärung. Er hatte nicht vor, Josies ‚großzügige Salz-Benutzung’ bei der Würzung seiner Speisen jemandem zu verraten. Vorsichtig schnitt er sich ein winziges Stück Fleisch zurecht und hob es langsam zum Mund, bereit, es im Notfall unauffällig wieder auszuspucken. "Mmmmm," machte er eine Sekunde später überrascht, "das ist... köstlich!"

Skates schob ihm den Brotkorb hin, aber Keeter schüttelte den Kopf. "Nanu, Keeter, gar kein Brot heute?"

"Du warst doch diejenige, die mir gesagt hat, dass Brot kein Diätmittel ist," entgegnete Keeter eifrig kauend.

"Und du warst derjenige, der mir versichert hat, sein Luxuskörper bedürfe ohnehin keiner Diät." Skates beobachtete ihn weiterhin beim Essen und Josie beim übereifrigen Nachschenken von Keeters Glas, sagte aber nichts.

Nach dem Essen erhob sie sich und schnappte sich die Autoschlüssel ihres Vaters.

"Hier geblieben, junge Dame, wohin willst du so eilig mit meinem geliebten, noch völlig kratzerfreien Gefährt?" hielt Artemus Hawkes seine Tochter hastig auf.

"Ich bringe Keeter zum Flughafen."

Der Admiral drehte sich zu Keeter um. "Sie reisen schon ab, Jack?" fragte er bedauernd.

Keeter nickte. "Ich muss. Mein Schiff, die Enterprise, läuft morgen aus." Er sah von einem der Hawkes zum nächsten. "Ich möchte mich noch einmal ganz herzlich für Ihre Gastfreundschaft bedanken."

"Sie sind hier jederzeit wieder willkommen," versicherte Tori Hawkes.

"Ja, du kannst wiederkommen und wieder mit mir malen!" stimmte Nia sofort zu.

"Hals und Beinbruch für die nächste Mission, Keeter," wünschte Randy, während sie ihm die Hand drückte. "Und nehmen Sie’s nicht zu wörtlich, ich sitze Ihnen lieber am Essens- als am OP-Tisch gegenüber!"

Lächelnd schulterte Keeter die Reisetasche, die er bereits am Vormittag gepackt hatte. <Sieht so aus, als hätte ich Skates’ Familie geschlossen auf meiner Seite!> stellte er zufrieden fest, als sogar Josie aus der Küche kam, um ihm die Hand zu schütteln. Die Haushälterin schien vorerst beschlossen zu haben, bis zum Beweis des Gegenteils an Keeters ernste Absichten gegenüber Skates zu glauben.

Skates führte Keeter um das Haus herum, hinüber zu der riesigen Garage, die die fünf Autos der Hawkes beherbergte. "Uff, ich dachte schon, wir kommen da nicht mehr raus!" schnaubte Skates, mit einem Blick zum Haus zurück.

"Deine Familie mag mich eben! Sieht so aus, als ob sie mich vermissen werden, hm?" Keeter wartete, aber die erhoffte Bemerkung von Skates, dass auch sie ihn mochte und vermissen werde, blieb aus. Seufzend nahm er im Beifahrersitz des schwarzen Porsche Platz.

Skates sah auf, als sie das Seufzen hörte. "Willst du fahren?" fragte sie, Keeters Enttäuschung darauf zurückführend, dass er das sportliche Auto nicht selbst fahren durfte. "Du weißt ja, dass du noch einen Wunsch frei hast."

"Nein, nein," Keeter winkte ab, "fahr du nur. Ich hebe mir meinen Wunsch lieber für etwas Besseres auf." Als Skates den Motor startete, begann Keeter lächelnd vor sich hin zu träumen und sich auszumalen, was er sich von Skates wünschen könnte.

Sie schwiegen beide, bis sie den Flughafenkomplex erreichten. Keeter schulterte seine Tasche und begann, vom Auto weg auf das Hauptgebäude zuzulaufen. Nach drei Schritten stellte er fest, dass Skates noch immer gegen den Porsche gelehnt dastand und keine Anstalten machte, ihm zu folgen. "Kommst du nicht mehr mit rein? Wir haben noch Zeit für einen kurzen Kaffee..."

Skates schüttelte den Kopf. "Nein, ich hasse Abschiede am Terminal. Die Hektik, das Gedränge, überall weinende und sich in den Armen liegende Menschen... nicht mein Ding."

<Und ich hasse Abschiede generell – wenn es Abschiede von dir sind.> Keeter lief zum Auto zurück und lehnte sich neben Skates an den Wagen. "Ich weiß jetzt, was ich mir wünsche," sagte Keeter plötzlich, "und ich möchte den Wunsch gerne noch einlösen, bevor ich gehe."

Skates seufzte übertrieben. "Na schön, lass es uns hinter uns bringen." Sie stieß sich vom Porsche ab und trat noch näher an Keeter heran. Noch bevor der Pilot ein Wort sagen oder eine Bewegung machen konnte, hatte sie die Arme um seine Schultern geschlungen und zog ihn zu sich hinab.

Keeter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber als er Skates’ Atem auf seinem Gesicht und dann ihre Lippen auf seinen spürte, vergaß er schlagartig, was er hatte sagen wollen. Worte waren plötzlich unwichtig, als er sie an sich zog und den Kuss erwiderte.

Erst ein aufsteigendes Flugzeug, das über sie hinwegdonnerte, ließ sie langsam wieder auseinanderrücken.

"So," meinte Skates etwas kurzatmig, eine Hand noch immer auf Keeters Ellenbogen gelegt, so als würde sie sonst die Balance verlieren, "ist dein Wunsch hiermit erfüllt?"

"Wunsch?" Keeter glaubte noch immer, den Druck ihrer Lippen auf seinen zu spüren. Es fiel ihm schwer, klar zu denken.

Skates stupste ihn tadelnd an. "Na, du wolltest doch deinen Wunsch einlösen, bevor du abfliegst!"

"Oh, ja, natürlich! Aber... das war eigentlich nicht mein Wunsch... also, ich meine, es ist natürlich *immer* mein Wunsch, dich zu küssen, aber es war nicht *der* Wunsch!"

Skates starrte ihn an. Verlegen rieb sie sich den Nacken. "Das war nicht dein Wunsch...? Ich hätte eine Menge Geld darauf verwettet, dass du dir einen Kuss von mir wünschen würdest," murmelte sie, zu Boden sehend.

"Kam mir nicht in den Sinn! Ich bin Offizier und Gentleman, schon vergessen?" Keeter gab sich indigniert, obwohl ein Kuss wirklich sein erster Gedanke gewesen war, nachdem er Skates’ Vater beim Golf geschlagen hatte. "Okay, im Ernst, ich will *mehr* als nur einen Kuss."

Skates blinzelte. Ihr Mund imitierte plötzlich einen nach Luft schnappenden Fisch. "Keeter..." sie suchte sichtlich nach Worten. "... ich weiß, wir haben kein Limit für diesen Wunsch gesetzt, aber *das* sollte man nicht als Wettgewinn setzen, da käme ich mir einfach zu ... billig vor!"

Jetzt war es an Keeter, nach Luft zu schnappen. "Nein! Nein, Skates, da hast du mich missverstanden. Von *diesem* ‚Mehr’ habe ich doch gar nicht gesprochen. Ich rede nicht von Sex, wirklich nicht!"

"Oh!"

Keeter grinste. "Ist das jetzt ein enttäuschtes ‚Oh’?" erkundigte er sich neckisch.

"Nein, das war ein tödlich-verlegenes ‚Oh’," brummte Skates. "Von welchem ‚Mehr’ redest du dann? Und diesmal im Klartext, bitte!"

"Ich rede von ‚mehr als mehr’."

"Klartext!" erinnerte Skates.

Keeter sah hinab in ihre Augen. "Ich wünsche mir, dass du dir ernsthaft überlegst, ob du nicht eine Beziehung mit mir beginnen möchtest."

Skates lehnte sich wortlos gegen den Porsche zurück.

"Skates? Bekomme ich eine Antwort, bevor ich gehe?" Keeter musterte sie besorgt.

Skates spielte nervös mit dem Autoschlüssel. "Keeter... so eine Entscheidung bricht man nicht übers Knie. Ich... brauche Zeit, um darüber nachzudenken, vielleicht mit jemandem darüber zu reden..." Sie gestikulierte hilflos und sah ihn um Verständnis bittend an.

Keeter nickte, froh darüber, dass sie seinen Wunsch zumindest ernsthaft in Betracht zog und nicht sofort von der Hand wies. "Natürlich." Keeter war das Verständnis in Person. "Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst, diskutiere das mit wem auch immer du willst... frag eine Wahrsagerin, wirf eine Münze oder zupf Blüten von einem Gänseblümchen – ist mir ganz egal, solange die Antwort nur ‚ja’ ist." Er grinste jungenhaft.

Skates musste ungewollt lachen. "Und was ist, wenn ich ‚nein’ sage?"

Keeter zuckte in gespielter Gleichgültigkeit die breiten Schultern. "Dann wiederhole ich meinen Wunsch in regelmäßigen Abständen, bis zum Übelwerden, solange, bis du schließlich einsiehst, dass du mir nicht widerstehen kannst und ja sagst!"

"Meine Güte, du bist vielleicht hartnäckig!"

Keeter grinste. "Ist praktisch mein zweiter Vorname."

Skates schmunzelte neckisch. "Ich dachte, dein zweiter Vorname ist Díarmuid?"

Keeter lächelte nur und griff nach ihrer Hand. "Hoffentlich bis bald, Skates."

"Auf Wiedersehen, Jack Díarmuid Keeter."

 


39. Tante Ma’am –
oder warum man nie an einem Samstag blau machen sollte

05. Januar 2002
1630 Z-Zeit (11:30 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.

"Ah, da bist du ja!" Harm hob seine Reisetasche, die er abgestellt hatte, um auf Mac zu warten, über die Schulter. "Ich dachte schon, du wärst von der Flughafenpolizei verhaftet worden, nachdem du in deiner Hast, zur Toilette zu gelangen, die beiden Rentner umgerannt hast!"

Mac schnaubte. "Ich habe niemanden umgerannt! Ich habe die beiden Damen lediglich höflich gefragt, ob sie mich vorlassen würden, weil ich es wirklich, wirklich eilig gehabt habe."

Harm öffnete den Mund, um eine schlagfertige Antwort zu geben, aber die Worte erstarben ungesagt auf seiner Zunge, als sich vor ihnen die Menschenmenge lichtete und am Ausgang der Halle drei vertraute Gestalten sichtbar wurden.

"Hey, Bud, Harriet, AJ!" Harm winkte, um die Roberts auf sich aufmerksam zu machen.

Der kleine AJ begann auf Buds Arm zu strampeln, als er seine beiden Paten auf sich zukommen sah. "Onkel Haaam! Tante Maaac!" jauchzte der fast Dreijährige begeistert und streckte seine Ärmchen nach der Anwältin aus.

Bud errötete verlegen. "Ma’am, ich hab versucht, ihm beizubringen, dass es eigentlich ‚Tante Sarah’ heißen muss, wirklich!" versicherte er statt einer Begrüßung.

Mac lächelte nur. Sie nahm ihren Patensohn entgegen und zauste ihm liebevoll durchs Haar. "Mac ist okay, Bud. Für Sie übrigens auch, bevor AJ noch denkt, er müsse mich ‚Tante Ma’am’ nennen!"

Harriet hob kichernd die Hand zum Mund.

Harm trat neben Mac und schlang einen Arm um sie und das Kind in ihren Armen. Lächelnd stellte er fest, dass es sich gut anfühlte, sie so zu halten. "Nicht, dass ich nicht froh wäre, Sie und meinen Lieblingspatensohn hier als Begrüßungskommando zu sehen, aber... sollten uns nicht eigentlich Granny und Will vom Flughafen abholen?" Fragend hob er die Brauen.

Harriet und Bud wechselten einen kurzen Blick. "Ähm... die beiden mussten ganz plötzlich abreisen... und außerdem will der Admiral Sie heute noch sehen," erklärte Harriet, nervös die Finger ineinander verschlingend.

Harm schlug sich die Hand gegen die Stirn, während Mac stöhnte: "Was haben Granny und Will denn jetzt schon wieder angestellt?!"

"Oh, nein, Ma’am... Mac, diesmal sind die beiden wirklich völlig unschuldig," verteidigte Harriet die Rentner eindringlich, "- na ja, fast völlig – Commander Keeter und Lieutenant Hawkes haben es diesmal ganz alleine geschafft, Sie in Teufels Küche zu bringen."

Harm seufzte und schob Mac vorwärts. "Lass uns gleich zum Admiral fahren und es hinter uns bringen, dann haben unsere armen Ohren bis Montag Morgen Zeit, sich von all dem Brüllen zu erholen."

Es war Samstag und deshalb war das Großraumbüro bis auf den einen oder anderen Überstunden schiebenden Nachwuchs-Anwalt leer, als sie es durchquerten. Nicht einmal Petty Officer Tiner saß wie gewohnt hinter seinem Schreibtisch.

"Kommen Sie mit rein?" fragte Harm die beiden Roberts. Er stand vor der Türe zu Admiral Chegwiddens Büro, eine Faust schon zum Anklopfen erhoben.

Bud trat hastig einen Schritt zurück und Harriet nahm Mac ihren Sohn ab. "Oh, nein, Sir, gehen Sie lieber alleine. Wir sehen uns sicher später noch."

Harm zuckte die Schultern und klopfte dreimal rhythmisch gegen die Türe.

"Aha, die Rabbs!" Admiral AJ Chegwidden sah von einer Zeitschrift auf, als seine beiden Offiziere eintraten. "Willkommen zuhause – obwohl ich befürchte, Sie werden sich gleich wünschen, zurück am anderen Ende der Welt zu sein, wenn Sie das hier lesen!" Er klatschte die Zeitschrift, die er eben noch gelesen hatte, vor ihnen auf den Schreibtisch. "Und die hier!" Ein Stapel von Papieren mit dem Briefkopf des Marineministers landete neben der Zeitschrift.

Der Judge Advocate General erhob sich und kam mit schweren, bedrohlichen Schritten um den Schreibtisch herum. "Ich weiß wirklich nicht, wie Sie es immer so mühelos schaffen, mir einen Höllenärger mit dem Marineminister einzuhandeln!"

"Aber, Admiral... Sir, wie können wir Ihnen denn Ärger machen, wenn wir nicht einmal da sind?" verteidigte sich Harm. Er versuchte, in Richtung der Zeitschrift zu schielen, um den Titel lesen zu können, aber seine militärische ‚Stillgestanden’-Haltung machte das unmöglich.

Der Admiral schnaubte. "Das frage ich mich allerdings auch! Aber irgendwie haben Sie es hingekriegt! Zu allem Überfluss ist auch noch Tiner krank und ich musste die Briefe des Marineministers selbst beantworten!"

"Tiner ist krank?" Erstaunt hob Harm die Brauen. "Aber Tiner war doch noch nie krank."

"Wenn man von den drei Tagen nach Klein-AJs Geburt absieht, in denen er wegen Kreislaufschwäche zuhause bleiben musste," warf Mac mit der Genauigkeit eines Schweizer Uhrwerks ein.

"Diesmal ist er aber krank – und seltsamerweise genau seit dem Tag, an dem dieser Artikel hier veröffentlicht wurde!" Chegwidden wedelte mit dem Heft vor den Nasen seiner Offiziere herum. "Lesen Sie’s!" Er klatschte Harm die Zeitschrift gegen die Brust. "Die Titelstory!"

"Romanze im Weißen Haus," begann Harm vorzulesen. Schon nach der Überschrift sah er wieder auf. "Sir, was haben wir damit zu tun, wenn solche Klatschgeschichten über den Präsidenten veröffentlicht werden?"

Chegwidden knurrte nur. "Das ist keine Geschichte über den Präsidenten! Lesen Sie auf Seite drei weiter!"

Harm schlug hastig die Seiten um und suchte den Anfang des Absatzes. "...fragten uns allerdings, wie ein Paar, das sich so selten einig ist, überhaupt jemals zusammen finden konnte – bis wir die Großmutter von Commander Rabb kennen lernten."

"Rabb? Steht da wirklich Rabb?" Mac versuchte, über Harms Schulter einen Blick auf das Papier zu werfen.

Harm nickte finster. "Da steht ‚Großmutter von Commander Rabb’. Und weiter heißt es da: Die pennsylvanische Bäuerin ist laut Aussage von Freunden als kupplerische Urgewalt bekannt und schaffte es tatsächlich, in weniger als zwanzig Minuten, einen aufstrebenden Nachwuchs-Journalisten praktisch mit der jungen Fotografin des Teams zu verkuppeln."

"Sir, Granny... unsere Großmutter hat da wohl ein bisschen viel mit ein paar Journalisten geplaudert, aber das ist doch nichts, was den Marineminister in Rage bringen müsste, oder?" erkundigte sich Mac vorsichtig.

"Das, was über Ihre Großmutter gesagt wird, könnte den Marineminister gar nicht weniger interessieren, aber als er Zeile 34 gelesen hat, hat er förmlich Gift und Galle gespuckt!" Chegwidden betastete automatisch mit seinem Uniformärmel sein Kinn, als wolle er es abtrocknen. "Er lässt Ihnen dazu gratulieren, dass Sie es ganz im Alleingang geschafft haben, den Ruf der Streitkräfte in Verruf zu bringen und eine teure Rekrutierungscampagne notwendig gemacht zu haben, weil wir plötzlich ‚Nachwuchsprobleme’ haben!"

Harms scharfe Pilotenaugen fanden Zeile 34 auf Anhieb. "... scheinen erhebliche Nachwuchsprobleme auf die Streitkräfte zuzukommen. Drei Generationen ruhmreicher amerikanischer Militärflieger-Tradition werden mit Harmon Rabb junior ein Ende finden, denn laut Aussage von Mrs. Rabb wünscht das Paar sich keine Kinder – was angesichts der S & M-Leder-Szene, in der die beiden zu verkehren scheinen, vielleicht auch besser so ist."

"Keine Kinder?!" echote Mac.

"S & M-Szene?!" wiederholte Harm.

Chegwidden nickte grimmig. "So haben Sie es der Presse angegeben, ja."

"Sir, das kann alles nur ein Missverständnis sein und wird sich sicher alles ganz leicht auflösen lassen, wenn ich nur erst Granny in die Finger... ich meine, zu sprechen kriege!" beteuerte Harm.

Der Admiral winkte ab. "Ich habe bereits eine elektronische Mail von Ihrer Großmutter bekommen – und nachdem ich herausgefunden habe, wie man das Ding öffnet und liest, hat sie mir versichert, dass das mit der S & M-Szene nur ein Versehen war. Irgendwer hat sich in der Straße geirrt, als es darum ging, einen Treffpunkt mit den Journalisten auszumachen, und so sind die Reporter in einer Leder-Bar gelandet. Das People Magazine hat uns für die nächste Ausgabe ein Dementi versprochen." Chegwidden ließ sich auf der Schreibtischkante nieder und verschränkte die Arme vor der Brust. "Dem Marineminister gefällt aber trotzdem nicht, wie ‚zukunftslos’ die Streitkräfte dargestellt werden, als wäre es ein aussterbender Berufszweig!"

Macs Augen weiteten sich. "Sir, Sie meinen, derselbe Mann, der fast explodiert ist bei dem bloßen Gedanken, dass Harm... Commander Rabb und ich ein Paar geworden sind, möchte jetzt plötzlich unbedingt, dass wir Kinder haben?"

"Nicht, wenn sie nach Rabb kommen – das ist ein Originalzitat," erklärte der Admiral trocken. "Ihm gefällt es lediglich nicht, wie ausdrücklich Sie sich gegen Kinder ausgesprochen haben. Die Beendigung von drei Generationen ‚ruhmreicher amerikanischer Militärflieger-Tradition’ wirft eben kein besonders gutes Licht auf die Streitkräfte."

"Aber das haben wir doch gar nicht! Ich meine... wir haben nie mit diesen Journalisten gesprochen... Sir!" versicherte Harm energisch.

"Wer dann?" gab der Admiral barsch zurück. "Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Ihre Großmutter hätte sich als Mac ausgegeben, oder?"

Mac trat vor, als ihr ein Gedanke kam. "Granny vielleicht nicht – aber Skates. Admiral, was, wenn Commander Keeter und Lieutenant Hawkes sich als Mister und Mrs. Rabb ausgegeben haben, um das Interview durchzuführen?"

"Und warum sollten sie das tun, Colonel? Karneval ist noch längst nicht!" Mit verschränkten Armen wartete Chegwidden auf eine plausible Erklärung.

"Vielleicht hat jemand die beiden darum gebeten.... weil ein anderer jemand versehentlich einen Interviewtermin vereinbart hat, obwohl wir in Australien waren?" führte Harm das Argument seiner Frau weiter.

Chegwidden stieß sich schwungvoll vom Schreibtisch ab und stürmte wortlos aus seinem Büro. Entschlossen griff er zum Terminkalender, der wie immer auf Tiners Schreibtisch lag – und tatsächlich: Dort stand der Interviewtermin mit dem People Magazin mit dicken roten Ausrufezeichen eingetragen, im Haus der Rabbs, an einem Tag, an dem die beiden Kontinente entfernt gewesen waren!

Der Admiral schlug das Terminbuch zu und wirbelte zu seinen Offizieren herum, die zögernd im Türrahmen stehen geblieben waren. Hastig rückten sie beiseite, als Chegwidden zurückkam und mit entschlossenen Bewegungen nach Mantel und Uniformmütze griff. "Wegtreten!"

"Sir?" Harm und Mac verharrten unschlüssig.

AJ Chegwidden trat hinaus ins Großraumbüro. "Sie können gehen," erklärte er über die Schulter hinweg, "ich muss einen dringenden ‚Krankenbesuch’ machen!"


40. Doktor Doolittle –
oder warum man sich nicht auf Diskussionen mit seinen Vierbeinern einlassen sollte

08. Januar 2002
1420 Z-Zeit (09:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Mac faltete sorgfältig den Putzlappen zusammen und betrachtete ihr Spiegelbild in den blitzblanken Armaturen des Waschbeckens, das sie eben geputzt hatte. "So weit hat die Langeweile es mit mir getrieben!" sagte sie zu ihren beiden treuen Begleitern, Jingo und Gypsie, die ihr zu Füßen auf dem Badezimmervorleger lagen.

Statt der Woche gemeinsamen Urlaubs, den die beiden Rabbs nach ihrer Rückkehr aus Neuseeland eingeplant hatten, war Harm plötzlich nach Japan abkommandiert worden, um dort in Yokosuka, dem Heimathafen der USS MacKenzie, letzte Ermittlungen zu betreiben, und Mac hatte ihren Urlaub alleine antreten müssen.

Seit gestern versuchte sie also, sich rund um die Uhr zu beschäftigen, um Harm nicht ständig zu vermissen. Sie hatte es sogar endlich geschafft, den längst wieder einmal fälligen Termin bei ihrem Frauen-Arzt zu vereinbaren.

<Na, der wird vermutlich sauer sein, dass ich nicht früher gekommen bin... aber schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ich meine Periode verpasse – das ist der einzige Bereich meines Lebens, in dem ich nie so ganz pünktlich bin.> Sie grinste zu Hund und Katze hinab. <Außerdem ist es ja allgemein bekannt, dass all der Stress, die Flugreisen, die ständigen Zeitumstellungen und die krassen Klimawechsel genauso gut dafür verantwortlich sein können. Schließlich nehme ich ja die Pille...> Zufrieden mit dieser Argumentation nickte sie ihrem Spiegelbild zu und wandte sich dann ab, um ihren Putzmarathon im Wohnzimmer fortzusetzen.

Als sie sich an den beiden Tieren vorbei aus dem Badezimmer drängen wollte, erhob sich der alternde Hund und winselte.

Streng schüttelte Mac den Kopf. "Nichts da, Jingo, es gibt jetzt nichts zu fressen! Harm bringt mich um, wenn er zurückkommt und du schon wieder zugenommen hast!"

Jingo machte jedoch keine Anstalten, zur Küche zu laufen. Mit treuen braunen Augen sah er zu Mac auf und stupste sie mit der kalten Nase in den Bauch. "Nhhhnnn-rrrrwwhh!"

"Was genau willst du damit sagen, hm?" Mac stützte eine Hand in die Hüften und kraulte mit der anderen seine Ohren.

Jingo wedelte enthusiastisch mit dem Schwanz und stupste sie erneut an.

"Du bildest dir schon Dinge ein, Jingo," rügte Mac. "Das kann doch nicht sein... das ist so was von unwahrscheinlich... ich habe keine Morgenübelkeit, kein Erbrechen, nichts... Okay, ich esse ziemlich viel, aber das ist doch normal für mich, oder?"

"Määäh!" meldete Gypsie sich lautstark zu Wort.

Mac rollte mit den Augen. "Jetzt fang du nur auch noch an! Ich bin nur ein bisschen spät dran, das ist alles. Außerdem bin ich nicht diejenige, die sich plötzlich seltsam verhält – Harm ist derjenige, dem plötzlich ständig übel ist und der Dinge isst, die er sonst nie anrühren würde! Wollt ihr etwa behaupten, er ist schwanger?" Herausfordernd blickte sie zwischen den beiden Tieren hin und her.

Kein Bellen, kein Miauen antwortete ihr.

"Na also, seht ihr!" Mac machte sich auf die Suche nach dem Staubsauger, um die Zeit bis zu ihrem Arzttermin konstruktiv zu überbrücken.


41. Zimmerservice –
oder warum es für das Couvade-Syndrom nur ein einziges bekanntes Heilmittel gibt

09. Januar 2002
1103 Z-Zeit (20:03 Uhr JST / Japan Standard Time)
Hotel "Ambassador",
Yokosuka,
Japan

Harm klemmte die Uniformmütze unter den Arm und wechselte die Aktentasche in die andere Hand, um mit der rechten die Türe zum hoteleigenen Restaurant öffnen zu können. Er war seit über vierzehn Stunden auf den Beinen und wollte nur noch drei Dinge: Etwas zu essen, ein Bett und ein Telefongespräch mit Mac.

Bedauerlicherweise war es zuhause in Washington erst 6 Uhr früh und da Mac Urlaub hatte, beschloss er, sich beim Essen Zeit zu lassen, um sie nicht allzu früh zu wecken. Ein Blick in das Restaurant zeigte ihm, dass er ohnehin keine andere Wahl gehabt hätte. All die Touristen und Geschäftsleute, die in dem amerikanisch ausgerichteten Hotel abgestiegen waren, füllten das Restaurant bis zum letzten Platz.

Harm kämpfte sich mühsam bis zur nächstbesten Kellnerin durch. Die blonde junge Frau sah anerkennend die uniformgekleidete durchtrainierte Gestalt hinauf und hinunter und lächelte ihm freundlich zu. "Guten Abend. Was kann ich für Sie tun? Ein Tisch für…?" Interessiert sah sie zu ihm auf.

"Für mich, meines Vaters Sohn und meine Wenigkeit," erwiderte Harm lächelnd und sah sich weiter nach einem freien Platz um. "Ist es hier immer so voll?"

"Meistens, aber heute ist besonders viel los. Die Wartezeit für einen Tisch ist etwa eine drei Viertel Stunde, aber wenn Sie nur eine Kleinigkeit essen möchten, können Sie auch an der Bar Platz nehmen und ich kümmere mich dann persönlich um Sie." Die Kellnerin zeigte nach rechts, wo eine lange Bar entlang der gesamten Wand verlief.

Harm überlegte nur einen kurzen Moment lang. Zu lange wollte er auf das Telefongespräch mit Mac auch wieder nicht warten. "Die Bar ist okay." <Wenigstens sitze ich an der Bar nicht ganz alleine.> Nach all den Wochen, in denen er jede einzelne Minute in Macs Gesellschaft verbracht hatte, fühlte er sich hier in Japan beinahe einsam.

"Folgen Sie mir bitte." Die freundliche Bedienung führte ihn zu einem freien Platz an der Bar und reichte ihm eine Speisekarte.

Innerhalb einer Minute hatte sich Harm schon für die gegrillten Shrimps entschieden.

Die Kellnerin musste ihn trotz des regen Betriebs im Restaurant im Auge behalten haben, denn sie war sofort zur Stelle, als er die Karte zuklappte. Sie stützte sich auf einem Ellenbogen auf und lehnte sich über die Bar, was Harm einen unfreiwillig tiefen Einblick in ihre großzügig geschnittene Bluse verschaffte. "Was kann ich Ihnen bringen?"

"Ein Cola light, die Shrimps und die gebackenen Kartoffeln, bitte." Harm reichte ihr die Speisekarte zurück, eisern bemüht, den Blick auf ihr Gesicht gerichtet zu halten.

Die junge Dame lächelte. "Gute Wahl," meinte sie, sich noch näher lehnend. "Möchten Sie irgendeinen Appetitanreger? Die gefüllten Champignon kann ich sehr empfehlen."

Harm lehnte sich auf seinem Barhocker zurück, sich unter ihrer Aufmerksamkeit ein wenig unwohl fühlend. "Gut, dann also auch noch die Champignon." Er fischte die Ermittlungsakte aus der Tasche und begann zu lesen, während er wartete.

Er war noch keine Seite weit gekommen, als die Kellnerin schon die Cola light und die Champignons neben ihm abstellte. Sie verharrte für einen Moment, auf die Akte hinabblickend. "Sind Sie hier stationiert?" fragte sie mit einem Kopfnicken auf seine Uniform.

Harm schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin nur vorrübergehend hier."

"Oh, dann sind Sie völlig fremd hier? Und ganz allein? Also, falls Sie jemanden brauchen, der Sie ein wenig durch die Stadt führt und Ihnen die Attraktionen zeigt...," bot die junge Bedienung mit glänzenden Augen an.

Ihr Tonfall und das Leuchten in ihren Augen ließen Harm vermuten, dass sie bereit war, ihm mehr als nur die Stadt zu zeigen. Er griff nach Messer und Gabel, in der Hoffnung, das unwillkommene Gespräch zu beenden. "Danke, aber ich komme ganz gut alleine zurecht."

"Mag schon sein, aber es ist eine Schande, auch nur daran zu denken, dass ein Mann wie Sie völlig alleine ist," beharrte die Kellnerin. "Ich habe in einer Stunde Feierabend und es würde mir wirklich nichts ausmachen, Sie ein wenig herumzuführen."

Harm spießte mit energischen Bewegungen einen Riesenchampignon auf. "Ihnen mag es vielleicht nichts ausmachen, aber meiner Frau ganz gewiss." Demonstrativ hob er den Finger, an dem sein Ehering glänzte.

"Oh." Die Kellnerin rückte sofort ein Stück von ihm ab. "Sorry. Und ich dachte, Sie wären Offizier mit Leib und Seele."

Harm grinste amüsiert. "Ich bin Offizier, das stimmt – aber mein Leib und meine Seele gehören meiner Frau."

Die blonde Bedienung musste lachen. "Die Glückliche. Okay, ich bringe Ihnen gleich Ihr Essen." Ohne weiteres Flirten ging sie davon.

Harm aß in Ruhe seine Shrimps und kehrte dann in sein Hotelzimmer zurück. Er hängte lediglich Uniformjacke und Mütze auf und stellte die Aktentasche ab, bevor er auch schon den Telefonhörer in der Hand hielt und die vertraute Nummer wählte. Als der Anrufbeantworter ansprang, legte er enttäuscht wieder auf. <Hmm, sieht so aus, als ob Mac noch schläft. Ich hätte nicht gedacht, dass sie diese Angewohnheit von der Kreuzfahrt zuhause beibehält.>

Er beschloss, zu duschen und es dann noch einmal zu versuchen. Nur in der Pyjamahose hängte er sich erneut ans Telefon und begann schon zu lächeln, als er das ‚Hallo’ hörte, bevor ihm klar wurde, dass Macs Stimme wieder nur vom Band des Anrufbeantworters kam. Er warf einen Blick auf die Uhr und rechnete. <Acht Uhr... es ist inzwischen zuhause schon nach acht Uhr! Seltsam, dass Jingo sie nicht schon längst für seinen Spaziergang aus dem Bett geworfen hat... aber vielleicht geht sie ja gerade eine Runde mit unserem Privat-Zoo um den Block...>

Es klopfte an der Türe.

Harm legte den Telefonhörer weg und schlüpfte in sein Pyjamaoberteil, um die Türe zu öffnen. Ein smokinggekleideter Hausangestellter des Hotels stand vor ihm, ein Tablett mit silberner Haube in der Hand. "Ihre Spezialbestellung, Sir," sagte er, als Harm ihn nur fragend anstarrte.

"Spezialbestellung?" Harm runzelte die Stirn. "Sie müssen sich in der Zimmernummer geirrt haben. Ich habe nichts bestellt," wehrte er ab und versuchte, die Türe wieder zu schließen.

Der Hotel-Butler trat schnell einen Schritt vor und nahm die Silberhaube vom Tablett. "Es ist die richtige Zimmernummer. Speziallieferung für Mister Harmon Rabb junior, Zimmer 112!" wiederholte er eindringlich und hielt Harm das Tablett hin.

Verdutzt starrte Harm auf die Speziallieferung hinab. Statt Essen oder Getränken starrte ihm jedoch ein Stofftier entgegen. <Wer zum Teufel bestellt mir ein Stofftier? Mein Bett ist zwar ziemlich leer ohne Mac, aber wenn, dann würde ich mir doch nicht unbedingt so einen seltsamen Vogel aussuchen.> Er hob das weiß-schwarze Tier mit den roten Beinen hoch, in der Erwartung, einen Zettel auf dem Tablett zu finden, aber da war nichts. Nur dieser Vogel. <Ein Storch,> stellte Harm beiläufig fest.

Er machte einen Schritt zurück ins Zimmer und streckte die Hand aus, um die Zimmertüre zu schließen, als ihn plötzlich die Erkenntnis traf. "Ein Storch!" <Ein Storch als Speziallieferung für mich!>

"Mac?!" Harm stieß die Zimmertüre wieder auf und rannte fast den Hotelbediensteten um, in seiner Hast, in den Gang zu kommen. Sein Herz raste, als er sich suchend umsah und er plötzlich zu ahnen begann, warum es ihm nicht gelang, Mac telefonisch zu erreichen. "Mac, bist du da? Mac?!"

Der Hotelpage wurde fast zum zweiten Mal umgerannt, als Mac um die Ecke sprintete. In abgewetzten Jeans, einem von Harms Sweatshirts und einer kleinen Reisetasche über der Schulter sah sie besser aus als je zuvor.

Mit zwei schnellen Schritten überbrückte Harm die verbleibende Distanz zwischen ihnen, schloss sie in die Arme und wirbelte sie ausgelassen herum.

"Darf ich daraus schließen, dass dir im Moment nicht übel ist und du dich besser fühlst?" keuchte Mac nach der zehnten Umdrehung lachend.

"Ich fühle mich großartig!" jubelte Harm. Seine Haut fühlte sich plötzlich zu eng an für all das Glück und die Energie, die ihn durchflossen. Abrupt verharrte er in seinem Freudentaumel und wurde ganz still. Verspätet fiel ihm ein, dass es für das Stofftier und Macs überraschende Ankunft auch noch ganz andere Erklärungen geben konnte. <Granny... wenn das wieder ein Streich von Granny ist, bringe ich sie um!> "Der... der Storch... du bist hier in Japan und... und... was genau hat das zu bedeuten?" Mit beinahe angstgeweiteten Augen blickte er zu Mac hinab.

Mac wurde schlagartig ernst. Sie schluckte mühsam und löste sich aus der Umarmung. <Mist! Für einen Moment habe ich tatsächlich geglaubt, Harm weiß es und freut sich darüber! Dabei hat er sich bloß gefreut, mich so unverhofft hier in Japan zu sehen.> Ernst dirigierte sie Harm vor sich her ins Hotelzimmer. Das Geräusch der Türe, die hinter ihr zufiel, klang plötzlich beinahe bedrohlich. Eine Minute lang herrschte Schweigen, als Mac nach Worten suchte. "Ich dachte, es liegt an dem Ermittlungsstress und den ständigen Flugreisen in der letzten Zeit...," begann sie, heftig an ihrer Unterlippe nagend.

Harm stellte plötzlich fest, dass er die Luft angehalten hatte. Er atmete tief ein, bevor er langsam fragte: "Du dachtest, dass *was* an dem Stress und den Flugreisen liegt?" Hoffnung glühte in seinen Augen, die unvermittelt auf Mac gerichtet waren.

Mac schloss für einen Moment die Augen, nicht sicher, wie sie Harms Blick interpretieren sollte. <In zwei Jahren, vielleicht in einem, so war es vereinbart... es sollte mich wirklich nicht wundern, wenn Harm sich unangenehm überrumpelt fühlt!> Sie rang ein paar weitere Sekunden mit sich. <Los, Marine, raus damit!>

"Harm... ich... ich bin schwanger." <Okay, jetzt weiß er es also.>

Eine Sekunde lang stand Harm da, ohne sich zu bewegen, dann sprang er plötzlich vorwärts und Mac fühlte sich von zwei starken Armen umschlungen. Sie spürte, wie der Körper, der eng gegen ihren gepresst war, vibrierte. Neben ihrem eigenen Herz hämmerte ein zweites.

"Wow! *Wow*! *WOW*! Du bist… wir sind... schwanger! Schwanger!" Harm hauchte das Wort so ehrfurchtsvoll wie den Namen eines Heiligen.

Mac spürte, wie die Anspannung der letzten vierundzwanzig Stunden von ihr abfiel. "Ich schätze, es ist okay, hm?" fragte sie, lächelnd das breite Grinsen auf Harms Lippen studierend.

"Okay?! Okay?! Es ist mehr als okay – es ist das wundervollste, was mir je passiert ist!" Enthusiastisch drückte Harm die Frau in seinen Armen, zu überwältigt, um viel mehr zu tun, als sie einfach nur festzuhalten. "Hast du wirklich gedacht, ich könnte etwas Anderes als völlig aus dem Häuschen vor Freude sein?"

"Na ja," Macs Hände wanderten die vertrauten Muskeln seines Rückens entlang, eine Geste, die sie beide beruhigte, "ich weiß, dass das nicht gerade geplant war... nicht zu diesem Zeitpunkt, jedenfalls. Wir haben ja gesagt, dass wir noch etwas warten wollen, dass wir erst noch ein wenig unsere Zweisamkeit genießen und uns ganz für uns haben möchten, bevor wir an Kinder denken. Ein Kind wirft unsere Pläne bezüglich Zweisamkeit und Karriere natürlich vollkommen über den Haufen und ich war mir nicht sicher, wie du reagierst, wenn du plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt wirst..."

Harm zuckte die Schultern. "Vielleicht hatten wir das ja mal anders geplant, aber das spielt jetzt überhaupt keine Rolle mehr. Es ändert nichts daran, dass ich total glücklich bin... glücklich und fassungslos." Strahlend schüttelte er den Kopf.

Mac lachte. Scheinbar waren all die bangen Gedanken, die ihr in den endlosen Stunden im Flugzeug gekommen waren, völlig umsonst gewesen. "Ha, du nennst dich fassungslos! Mich hättest du mal sehen sollen, als mein Arzt mir plötzlich gratuliert hat! Dabei hatte ich keine Übelkeit, kein Erbrechen... außer ein bisschen Müdigkeit hatte ich überhaupt keine Symptome!"

"Aber...," Harm schlug sich gegen die Stirn, "... aber ich! Oder?"

"Der Schiffsarzt auf der ‚Dreamcatcher’ war gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Mein Frauenarzt hat bestätigt, dass du wahrscheinlich am Couvade Syndrom leidest. Viele Männer erleben ein paar Symptome, zum Beispiel Heißhunger oder Gewichtszunahme, wenn ihre Frauen schwanger sind. Ungewöhnlich ist nur, dass du diese Symptome gezeigt hast, bevor wir auch nur eine blasse Ahnung davon hatten, dass ich schwanger bin!" Mac musste noch immer unkontrolliert grinsen, wenn sie das Wort ‚schwanger’ aussprach.

"Typisch, du machst einfach ein paar Nickerchen mehr und siehst absolut umwerfend und wunderschön aus, während mir die halbe Zeit über speiübel ist!" stöhnte Harm, obwohl auch er lächelte. "Dein Arzt hat dir nicht zufällig ein Heilmittel für dieses Kuh... was-auch-immer-Syndrom gegeben, oder?" Hoffnungsvoll beäugte Harm die kleine Reisetasche, die unbeachtet auf dem Boden gelandet war.

Mac schüttelte bedauernd den Kopf. "Für das Couvade-Syndrom gibt es nur ein endgültiges Heilmittel – und das ist die Geburt."

Harm zog Mac mit sich und ließ sich aufs Bett fallen. Er fühlte sich, als hätte die ebenso unerwartete wie freudige Nachricht seine Kniegelenke in Gummi verwandelt. "Was ich noch nicht so ganz verstehe... wie ist das denn überhaupt passiert?" fragte er, während Mac sich gegen ihn kuschelte. Er stützte sich auf einem Ellenbogen auf und sah ehrfürchtig in die braunen Augen seiner Frau hinab.

Mac lachte. Ihr Atem kitzelte die Haut seines Halses. "Muss ich dir wirklich noch die Sache mit den Bienchen und den Blümchen erklären, Flyboy?" neckte sie amüsiert.

Harm schnaubte und schwellte stolz die Brust. "Nein, danke. Wie man sieht, beherrsche ich diese Lektion bereits – in Theorie und Praxis." Seine Hand wanderte automatisch hinab und legte sich schützend über Macs noch flachen Bauch. "Nein, was ich meinte, ist... ich dachte, du nimmst die Pille und..."

"Dachte ich auch," warf Mac trocken ein.

Harms Kopf ruckte herum. "Soll das etwa heißen, Granny hat deine Antibabypille wirklich gegen Placebo ausgetauscht, wie sie es so oft angedroht hat?!" Er starrte Mac an. "Das wäre die erste Frau, die eine so aktive Rolle in der Zeugung ihres Urenkels übernimmt!"

Macs Finger schlüpften unter den seidenen Stoff des Pyjamas und streichelten beruhigend Harms Schulter. "Nein, nein, keine Sorge, das haben wir ganz alleine geschafft – mit ein wenig Hilfe von einem Virus. Erinnerst du dich noch an die Magen-Darm-Grippe, die ich im November hatte?"

Harm nickte. Natürlich hatte er es nicht vergessen, denn er hasste es, Mac leiden zu sehen.

"Tja, scheinbar kann es vorkommen, dass die Pille nicht mehr wirkt, wenn man solche Erkrankungen hat..."

Harm begann zu rechnen. "Heißt das, du bist jetzt in der... sechsten Woche?"

"Nein," Mac schüttelte den Kopf, "in der achten."

"Hä? Ich mag ja nicht so gut sein mit Zahlen wie du, aber auf sechs zählen kann ich doch noch! Seit dieser Grippe sind sechs Wochen vergangen, nicht acht!" widersprach Harm energisch.

Mac zuckte die Schultern. "Ja, seit der Grippe schon, aber scheinbar rechnet man Schwangerschaften immer vom ersten Tag der letzten Periode aus, frag mich nicht warum."

Harm kratzte sich am Kopf. "Soll das heißen, unser Kind war bereits zwei Wochen alt, als es gezeugt wurde?" Er wartete, bis Macs Nicken seinen Gedankengang bestätigte. "Ah, ich sehe schon, es wird mal so überpünktlich wie seine – oder ihre – Mutter!" Er ließ seinen Blick über Macs schlanke Figur gleiten und versuchte sich vorzustellen, wie sie aussehen würde, wenn das Baby erst zu wachsen begann. "Ah, du wirst so süß aussehen mit einem dicken Bauch!" schlussfolgerte er grinsend.

"Danke!" meinte Mac ironisch.

"Und du," er tippte Mac spielerisch auf die Nase, "wirst die verwöhnteste Schwangere in der Geschichte der Menschheit sein."

Mac schnaubte. "Oh, nein! Wenn du glaubst, dass ich die nächsten acht Monate nur faul im Bett rum liege, dann hast du…" Sie brach ab, als warme Lippen plötzlich ihren Hals hinabwanderten und schließlich ihren Mund erreichten. "... hmmm, okay, vielleicht wenn du neben mir im Bett liegst...," gab sie schließlich nach.

Harm wälzte sich herum und senkte vorsichtig den Kopf, so dass sein Ohr sanft gegen Macs noch immer flachen Bauch.

"Hey, was tust du da?" fragte Mac, nachdem Harm minutenlang nichts Anderes getan hatte, als in ihren Bauch hineinzuhorchen. Sie ließ ihre Finger durch das kühle schwarze Haar ihres Mannes gleiten.

"Pssst, ich führe gerade eine Unterredung mit unserem Nachwuchs!" wisperte Harm, die Lippen dicht gegen Macs nackte Haut gepresst. "Hallo, Baby Rabb. Ich bin’s, dein Vater. Ich möchte dich da drin ja nicht stören, aber ich wollte dich im Namen der ganzen Familie herzlich willkommen heißen..."

"Und vor allem im Namen deiner Urgroßmutter," warf Mac ein, grinsend auf Harm und ihren Bauch hinabblickend. "Merk dir lieber jetzt gleich, dass diese hartnäckige alte Dame immer bekommt, was sie will."

Harm sah lachend von seinem Zwiegespräch auf und tippte vielsagend auf Macs Bauchdecke. "Wollte Granny nicht Vierlinge?"

Stöhnen und Lachen ging ineinander über, als die beiden werdenden Eltern sich eng umschlungen aufs Bett zurücksinken ließen.

~ ENDE ~

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Die Granny-Serie endet nicht mit "Kleinkrieg & Koalabären", sondern wird zumindest noch einen weiteren Teil haben. Granny Nr. 9 wird – wie auch schon Teil 7 und 8 – zunächst nur auf der Granny-Mailing-Liste (http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries) zu lesen sein, wie immer in hoffentlich regelmäßigen Updates.

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