Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
7. "Federvieh & Fesselspiele"
Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.
Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.
Episoden:
"Eiskalter Tod" ("Silent Service");
"Wiedersehen macht Freude I + II" ("Boomerang I + II");
Inhalt:
Im Haushalt MacKenzie-Rabb weihnachtet es sehr und die Vorbereitungen
sind bereits in vollem Gange, als der Admiral das frisch verheiratete
Paar auf eine ungewöhnliche Mission schickt. Granny und Will
bleiben zurück, um auf Haus und Zoo ihrer Enkel aufzupassen und
ganz nebenbei ihrer wahren Bestimmung nachzugehen – dem Verkuppeln.
Es gibt auch eine Linksammlung zu dieser Geschichte.
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.
Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.
Neu!!! Die Granny-Serie hat jetzt ihre eigene Mailing Liste, auf der diskutiert werden kann und auf der die neuesten Updates des bald folgenden 9. Teils veröffentlicht werden. Ihr alle seid – auch im Namen der List-Owner – herzlich dazu eingeladen, euch anzuschließen:
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries
15. Dezember 2001
0014 Z-Zeit (20:14 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Eine irre Idee!" sagte Harmon Rabb über die Schulter hinweg, während er die Holzwendeltreppe hinab ins Wohnzimmer ging. "Ich dachte immer, du magst die Vorweihnachtszeit, den Winter, die Kälte und das alles?"
Sarah MacKenzie-Rabb hakte eine Hand in den Bund seiner Shorts, als sie ihm folgte. "Klar mag ich den Winter und die Kälte – aber nicht, wenn *mir* kalt ist. Außerdem hat ein wenig Abwechslung noch niemandem geschadet, stimmt’s, Bud?"
Lt. Bud Roberts sah mit großen Augen von seiner halben Kokosnuss auf. "Oh, ja, stimmt genau, Ma’am... Mac."
Harriet, die eben noch ins Gespräch mit Granny und Will vertieft gewesen war, strich lächelnd ein paar Falten aus dem rosa- und orangefarbenen Hawaii-Hemd ihres Mannes.
Zufrieden ließ Mac ihren Blick über die unzähligen Gäste in ihrem Wohnzimmer gleiten. Links von ihr saß Admiral Chegwidden in einem Sessel und zupfte stirnrunzelnd an dem Blumenkranz um seinen Hals. Vor dem Kamin versuchten Commander Mattoni und seine Frau einen Hula-Tanz zu Südsee-Klängen, während Gunny Galindez mit militärischer Präzision Pina Coladas in Kokosnusshälften an alle verteilte und Tiner Blumenkränze ausgab.
Die beiden Gastgeber eilten zur Türe, als es klingelte.
"Aloha, alter Junge!" Jack Keeter grinste seinen Freund über den Kopf seiner Begleiterin hinweg an. "Nettes Gras," meinte er neckisch zu Mac, während er eintrat.
Lachend ließ Mac ihren Bast-Rock hin und her schwingen, nur um fast das Gleichgewicht zu verlieren, als ein knie hohes Etwas zwischen Keeter und Skates zur Türe herein huschte und sich an ihr vorbei drängte.
"Amaretto, aus! Aaaaaus! Bei Fuß!" Keeter versuchte noch, seinen Hund am Halsband zu packen, aber der rotbraune Retriever war mit seinen sechs Monaten gerade in einer rebellischen Teenie-Phase und als er Gypsie auf der Treppe sah, gab es kein Halten mehr.
"Lass nur," beruhigte Harm, "Gypsie ist Hunde gewöhnt, die wird schon mit ihm fertig."
"Mit ihr," verbesserte Skates, "Amaretto ist eine Hunde-*Dame*, wie sonst könnte sie Keeter so um den Finger wickeln. Hallo, Mac, hi, Harm," grüßte die Jägerleitoffizierin leger, nur um dann dreimal hintereinander zu niesen. "Könnten wir vielleicht ein Handtuch haben?"
Keeter lachte. "Ist dein Schnupfen plötzlich so schlimm geworden, dass ein normales Taschentuch nicht mehr reicht?"
Skates stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen, während sie versuchte, ihre verstopfte Nase frei zu schnüffeln. "Nein, das Handtuch ist für dich." Sie drehte sich zu Harm und Mac um und fügte erklärend hinzu: "Keeter hat sich eben beim Aussteigen ein bisschen mit Schnee eingesaut." Sie drückte sich die Hibiskusblüte hinter ihrem Ohr fest und deutete anklagend auf ihren Begleiter.
Harm drehte sich zu seinem Freund um und stellte zum ersten Mal fest, dass sein rechter Arm in einem Gips ruhte – einem Gips, von dem halbgeschmolzener Schnee tropfte.
"Was ist dir denn passiert?" fragten Harm und Mac im selben Moment.
Keeter zuckte ein wenig linkisch die breiten Schultern. "Mein Vogel hatte ’nen Triebwerkschaden und ich musste mich rausschießen," antwortete er knapp.
Harm nickte verstehend. Er wusste, dass Keeter, wie viele Piloten, nicht gerne über schiefgelaufene Flüge sprach, weil das angeblich Unglück bringen sollte. <Dabei kann es gar nicht mehr viel schlimmer kommen, bei Keeters ‚Glück’ in den letzten Jahren! All die Bruchlandungen, die er hinter sich hat!> Harm stellte plötzlich fest, dass er Keeter kaum noch um seinen Job als Pilot beneidete. <Ganz im Gegenteil!> dachte er, als sein Blick Mac streifte. Jetzt, wo er verheiratet war und Mac hatte, war er froh, einen relativ geregelten Job zu haben. Er mochte seine Arbeit als Anwalt und außerdem erlaubte sie ihm, jeden Abend nach Hause zu kommen und jeden Morgen in den Armen derselben Frau, *seiner* Frau aufzuwachen.
Die Gruppe wurde von Keeters ein wenig mitgenommenem Gipsarm abgelenkt, als Amaretto winselnd und mit eingezogenem Schwanz die Treppe hinunterschlich. Die junge Hündin drückte sich gegen Skates Bein und blickte entsetzt zurück zur Treppe. Skates lachte und unterdrückte ein weiteres Niesen.
"Hey! Was hat eure Teufelskatze mit meinem Hund angestellt?!" beschwerte sich Keeter, während er dem kleinlauten Retriever die Ohren kraulte.
Harm grinste triumphierend. "Oach, sie hat ihm nur schon mal gezeigt, wer der Herr im Haus ist."
"Gypsie ist der Herr im Haus?" erkundigte sich Keeter spöttisch. "Und ich dachte, das wäre deine Rolle!"
"Fehlanzeige. Meine Rolle im Haus ist die des Dosenöffners, Gassiführers, Kochs, Putzmanns und Masseurs," widersprach Harm neckisch auf Mac hinabgrinsend.
Mac zupfte einmal ungeduldig mit den Zähnen an ihrer Unterlippe, während ihre braunen Augen noch ein wenig dunkler wurden. "Was willst du damit sagen, Harm? Hm?" verlangte sie scharf zu wissen. "Willst du damit etwa andeuten, dass ich..."
"Mac, ich will damit gar nichts andeuten!" versicherte Harm und versuchte, einen Arm um die Schulter seiner Frau zu schlingen.
Mac trat rasch zur Seite, so dass seine Hand von ihrer Schulter glitt, und warf ihm einen düsteren Blick zu. "Ich sehe mal nach den Party-Häppchen in der Küche," erklärte sie und verschwand hastig.
Keeter und Skates wechselten überraschte und ungemütliche Blicke.
Die gedrückte Stimmung, die sich wie eine Gewitterwolke über die Gruppe legte, wurde aufgelockert, als es erneut an der Türe klingelte.
Froh um die Ablenkung öffnete Harm die Türe und starrte ratlos in das Gesicht einer Unbekannten. "Ähm... hallo," grüßte er unsicher. Er hatte das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo und wann. <Rabb, du wirst alt!>
"Hallo, Mister Rabb." Die große, dunkelhaarige Frau stampfte den Schnee von ihren schweren Winterstiefeln, bevor sie eintrat. "Ich weiß nicht, ob Sie und Ihre Frau sich überhaupt noch an mich erinnern, aber Granny hat darauf bestanden..."
"Miranda!" Granny drückte Will ihre Kokosnuss in die Hand und eilte freudig zu dem Neuankömmling hinüber.
Randy Hawkes verzog das Gesicht, lächelte dann aber herzlich, als sie der älteren Frau die Hand schüttelte. "Schön Sie zu sehen, Granny – auch wenn Sie schon wieder vergessen haben, mich Randy zu nennen."
"Oh, ich hab’s nicht vergessen, ich sehe nur keinen Grund, Ihren schönen Namen abzukürzen. Miranda gefällt mir. Meine Großmutter hieß so. Ich habe sogar mal in Betracht gezogen, mein erstes Kind nach ihr zu benennen, aber ich bezweifle, dass Harmons Vater das sehr geschätzt hätte," meinte Granny und stupste ihren Enkel lachend an.
Skates starrte ihre Cousine überrascht an. "Und? Wem sollst du diesmal einen abnehmbaren Gips konstruieren?"
Randy grinste. "Niemandem. Wie ich sehe, hat dein Freund da drüben sich auch so schon einen angeschafft. Hallo, Keeter." Sie reichte dem Piloten die Linke und schüttelte seine gesunde Hand.
"Leider nicht abnehmbar," murmelte Keeter.
"Wenn du schon mal da bist, Cousinchen, könntest du dir den Gips vielleicht mal ansehen," schlug Skates vor. "Er hat nämlich vorhin ein bisschen Schnee abbekommen."
Randy trat bereitwillig auf Keeter zu, stoppte aber, um sich zu dem Hund zu seinen Füßen hinabzubeugen. Amaretto ließ sich die Aufmerksamkeit schwanzwedelnd gefallen.
"Hey, hier ist Ihr Patient, Doktor Hawkes!" meldete sich Keeter, Eifersucht vortäuschend. Insgeheim war er froh, dass Amaretto für ihn Pluspunkte bei Skates Cousine sammelte. <Was Skates angeht kann ich jede Hilfe gebrauchen, die ich bekommen kann! Man sieht ja an Harm und Mac, wie entscheidend die Meinung der Familie bei der Partnerwahl sein kann!>
Randy richtete sich wieder auf und Keeter stellte fest, dass die hochgewachsene Ärztin ihm fast ohne den Blick zu heben in die Augen sehen konnte.
"Der Gips ist in Ordnung, nichts passiert. Aber falls Sie bemerken, dass er nicht mehr richtig sitzt, dann sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Oder Sie kommen einfach zu mir in die Klinik," bot Randy freundlich an und drückte Keeter ihre Karte in die unverletzte Hand.
Zwei Stunden später verließen die ersten Gäste das Haus und die Übriggebliebenen begannen, die Spuren der winterlichen Hawaii-Party zu beseitigen.
"Ich hoffe, Sie bekommen keinen Ärger mit den Nachbarn, wir waren doch ziemlich laut mit unserer Südsee-Musik," meinte Harriet besorgt, während sie Seite an Seite mit Granny Krümel von der Couch fegte und Ananasstücke aus dem Hundekorb fischte.
Granny tätschelte den Arm der jüngeren Frau und schüttelte den Kopf. "Nein, wir haben das Problem gelöst, indem wir die Nachbarn auch eingeladen haben. Sehen Sie den Mann mit dem neongelb-roten-Hawaii-Hemd da drüben?"
Harriet kicherte. "Sie meinen den Mann, der Commander Mattonis Pina Colada über den ganzen Wohnzimmertisch verteilt hat, als er versuchte, einen Hula zu tanzen?"
Granny nickte mit einem stolzen Grinsen. "Genau. Das ist der Zahnarzt von nebenan und ich bezweifle, dass er in der Lage ist, sich über irgendetwas zu beschweren."
Sie sahen zu, wie der Zahnarzt von seiner Frau aus der Türe gezogen wurde, bevor sie sich auf den Weg in die Küche machten, um dort ihre Hilfe anzubieten. Einen Moment lang verharrten sie im Türrahmen und sahen zu, wie Harm und Mac gemeinsam die Reste verpackten und im Kühlschrank verstauten. Jeder schien genau zu wissen, welche Bewegung der andere machen würde; sie arbeiteten schweigend, nur hier und da eine spielerische Berührung oder ein Lächeln zwischen ihnen.
Granny lächelte, erleichtert darüber, dass der vorige Beinahe-Streit nichts zu bedeuten schien. Macs scharfe Worte hatten sie bei der liebevollen Harmonie, die zwischen ihren Enkelkindern üblicherweise herrschte, ziemlich überrascht. Sie zuckte zusammen, als sie sich wieder den Gastgebern zuwandte und gerade noch hörte:
"Das tue ich doch gar nicht!"
"Tust du doch!" behauptete Mac.
"Unsinn!" knurrte Harm unwirsch. "Ich hab dich noch nie bevormundet!"
Wütend schlug Mac die Kühlschranktüre zu. "Dann sag mir doch bitte schön auch nicht, wie ich die belegten Brote zu verpacken habe, verdammt noch mal!"
"Das bräuchte ich dir nicht zu sagen, wenn du auch nur die geringste Ahnung von irgendetwas hättest, was mit Haushalt zu tun hat!" Auch Harms Stimme wurde immer lauter, so dass die verbliebenen Gäste im Wohnzimmer sich betreten ansahen.
Granny bemerkte, dass sie eine Hand flach gegen ihr Herz gepresst hatte, und holte tief Luft, um ein großmütterliches Donnerwetter über ihre beiden Enkel herabregnen zu lassen, als Harm und Mac plötzlich in ihrem Streit innehielten, zu lachen begannen und sich in die Arme fielen, als wäre gar nichts vorgefallen.
"Was meinen Sie, Admiral?" fragte Mac ihren kommandierenden Offizier, der stirnrunzelnd zur Küchentüre hereinsah. "Waren wir überzeugend genug?"
Mahnend hob Chegwidden den Finger, aber seine Mundwinkel hoben sich. "Nicht, dass Sie noch *zu* überzeugend sind und als scheidungsreifes Paar zurückkommen!"
Granny hatte ihre übliche Großmutterschläue für den Moment verloren und starrte mit offenem Mund. "Zurückkommen? Von wo?" erkundigte sie sich misstrauisch.
"Von einer seeeeehr anstrengenden, uuuuungeheuer nervenaufreibenden Undercover-Ermittlung in einer aaaaabsolut unwirtlichen, feindlichen Umgebung!" betonte Harm dramatisch.
Chegwidden schnaubte. "Von einer Kreuzfahrt auf einem Luxusliner!"
13. Dezember 2001 – zwei Tage zuvor
2244 Z-Zeit (17:44 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
A.J. Chegwidden hatte von einem Stapel Akten aufgesehen und ihnen ungeduldig bedeutet, näher zu treten. "Ah, Colonel, Commander, setzen Sie sich."
Mac und Harm taten wie geheißen, während sie sich aus den Augenwinkeln fragende Blicke zuwarfen.
In schnellen Schwüngen platzierte Chegwidden eine letzte Unterschrift auf einem Bericht, bevor er die Akte mit Nachdruck zuklappte und sich seinen Offizieren zuwandte. "Ich habe einen neuen Auftrag für Sie beide. Erinnern Sie sich noch an die Ermittlung auf diesem U-Boot, der USS Watertown?"
Harm und Mac wechselten einen beunruhigten Blick. Keiner von ihnen war sonderlich erpicht darauf, erneut Tage oder sogar Wochen in der Enge eines U-Bootes unter der arktischen Eisdecke zu verbringen, ohne jegliche Privatsphäre, die sie als noch immer frisch verheiratetes Paar so dringend brauchten.
"Streiten Sie sich immer noch so gut?" fuhr Chegwidden fort, als eine Antwort ausblieb.
"Sir?"
"Streiten? Sagten Sie eben *streiten*, Sir?" vergewisserte sich Harm irritiert.
Der Admiral musterte sie mit einem eindringlichen Blick. "Stottere ich?" knurrte er grimmig. "Ja, ich sagte streiten. Diesmal erhalten Sie nicht nur meine Genehmigung, sondern sogar den ausdrücklichen Befehl, sich zu streiten."
"Auf einem U-Boot?" Trotz der unzähligen Sprachen, die sie beherrschte, hatte Mac jetzt das Gefühl, kein Wort von dem, was der Admiral da sagte, zu verstehen.
Ein Muskel im Mundwinkel des Admirals zuckte. "Nein, auf einem Kreuzfahrtschiff," bemerkte er ganz nebenbei und als er Harms verblüfftes Starren bemerkte, fügte er hinzu: "Oder haben Sie etwa kein Vertrauen in die zivile Seefahrt, Rabb?"
Mac kam ihrem Mann zur Hilfe. "Sir, könnten wir vielleicht am Anfang beginnen?"
Chegwidden straffte sich und nickte. Das amüsierte Funkeln in seinen Augen wurde durch sachliche Professionalität ersetzt. "Ich nehme an, Sie haben von dem Vorfall letzte Woche auf der ‚MacKenzie’ gehört?" erkundigte er sich, zwischen seinen Top-Anwälten hin und her sehend.
"Auf der *MacKenzie*, Sir?" Harm konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
Mac rollte insgeheim mit den Augen.
Chegwidden nickte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. "Auf der ‚George K. MacKenzie’, einem unserer Zerstörer im Pazifik, hat es letzte Woche einen Brand gegeben, als das Schiff in Yokosuka, seinem Heimathafen, vor Anker lag. Es besteht der Verdacht auf Brandstiftung," erläuterte der Admiral.
"Und jetzt sollen wir nach Japan, um zu ermitteln?" schlussfolgerte Mac. Als einziger JAG-Offizier mit Japanisch-Kenntnissen war sie die logische Wahl.
Der Admiral erhob sich und umrundete den Schreibtisch. "Ermitteln – ja. Japan – nein. Sie fliegen nächsten Dienstag nach Australien."
Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Australien?" wiederholte er ohne große Begeisterung.
"Petty Officer Third Class Bennett Carlisle ist in der Nacht des Brandes von der ‚MacKenzie’ verschwunden und gilt seither als fahnenflüchtig. Da der Brand in seiner Kabine ausbrach, ist er dringend tatverdächtig," erklärte Chegwidden, seinen Offizieren eine offene Akte mit dem Bild eines jungen Mannes mit abenteuerlustig blitzenden Augen hinhaltend.
"Warum dann Australien, Sir?" wollte Mac wissen. "Glaubt man, Carlisle hätte sich nach Australien abgesetzt?"
Chegwidden nickte. "Scheinbar hat er kurz vor seinem Verschwinden einem Freund von einer Kreuzfahrt erzählt, die er unbedingt machen wollte. Und Sie werden einfach dieselbe Kreuzfahrt machen, um ihn aufzuspüren." Der JAG klatschte eine weitere Akte vor ihnen auf den Tisch.
Skeptisch schlug Harm den Aktendeckel auf und rückte näher zu Mac, damit sie mitlesen konnte. "Eheglück?!" murmelte er nach ein paar Minuten kritisch.
Chegwidden zeigte sein grimmiges Halblächeln. "Passender Name für ein Eheberatungs-Institut," bemerkte er trocken.
Harm warf Mac einen schnellen Blick zu. "Verstehe ich das richtig, Sir... Mac und ich sollen undercover an einer *Paartherapie* teilnehmen?!"
"Was ist los, Rabb? Befürchten Sie, der Colonel könnte sich nach der Reise scheiden lassen wollen oder haben Sie Angst vor der australischen Konkurrenz?"
Macs Finger drückten unter gemeinsam gehaltenen Akte versteckt aufmunternd Harms Bein.
"Weder, noch, Sir," antwortete Harm steif.
Chegwidden nickte knapp. "Gut. Dann ist es also beschlossen: Ab sofort sind Sie ein Paar mit ernsthaften Eheproblemen." Er wies sie an, die Hintergrundberichte mitzunehmen und bedeutete ihnen mit einem Kopfnicken, wegzutreten. An der Tür holte Chegwiddens amüsierte Stimme sie ein. "Und ich schlage vor, Sie üben das Streiten schon mal!"
18. Dezember 2001
1410 Z-Zeit (09:10 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.
Nachdenklich sah Mac zu, wie Harm versuchte, in dem engen Fußraum der Boeing Platz für seine langen Beine zu finden. "In Australien ist jetzt Sommer," stellte sie an ihrer Lippe nagend fest. "Nicht, dass ich eine von der Navy bezahlte Kreuzfahrt nicht zu schätzen wüsste... ich meine, reichhaltige Büfetts, Faulenzen auf einem Luxus-Schiff und den ganzen Tag nur mit dir zusammen sein – das ist doch eigentlich ein Traum... aber trotzdem... ich hatte mich darauf gefreut unser erstes Weihnachten als Paar vor einem romantischen Kaminfeuer zu verbringen. Und außerdem bezweifle ich, dass wir glaubhaft ein Paar in einer schweren Ehekrise darstellen können."
Harm grinste. "Ich will doch schwer hoffen, dass wir darin nicht *zu* glaubhaft sind! Aber immerhin, ‚Eheglück’ behauptet, eine Erfolgsrate von 98% zu haben."
"Nicht gut genug für uns!" entschied Mac schelmisch. "In dieser Beziehung will ich nie weniger als 100%!"
Harm lehnte sich zu ihr hinüber, um sie zu küssen, als er feststellte, dass die Chef-Stewardess bereits ihre Sicherheits-Instruktionen begonnen hatte. Grinsend rückte er nach einem kurzen Kuss von Mac ab, um zu lauschen. "Aaaah! Ich liebe diesen Teil! Hör hin!"
Mac rollte nachsichtig schmunzelnd die Augen und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Ihr Mann war vermutlich der einzige regelmäßige Fluggast, der gebannt die Instruktionen vor dem Start verfolgte.
"... für den unwahrscheinlichen Fall einer Wasser-Landung...," hörte man die Stimme der Stewardess sagen.
"Wasser-Landung!" Harm lachte begeistert. "Tz, tz, ziviles Flugpersonal! Was genau soll eine ‚Wasser-Landung’ sein, hm? Ich meine, per Definition, sollte eine *Landung* nicht *Land* beinhalten?"
"... und bleiben Sie in Ihren Sitzen, da unerwartete Turbulenzen jederzeit auftreten können."
"Genau, deshalb sind sie ja auch *unerwartet*!" Harm hatte seinen Spaß daran, die Botschaft der Stewardess auseinander zu nehmen.
Lächelnd kam Mac der Stewardess zur Hilfe. "Ich glaube, sie wollte einfach nur sagen..."
"Pssst, jetzt kommt der beste Teil!"
"... platzieren Sie die Maske über Mund und Nase und atmen Sie weiterhin ganz normal aus und ein..."
Harm schüttelte lachend den Kopf. "Als ob wir *normal* puren Sauerstoff aus einer Plastikmaske in 10.000 Meter Höhe atmen würden!"
Mac stöhnte. "Harm, du bist hoff-nungs-los! Ich weiß nicht, ob Ärzte wirklich die schlimmsten Patienten sind, aber Piloten sind definitiv die schlechtesten Flugpassagiere!"
Harm grinste. "Du willst darüber doch nicht etwa unseren ersten Ehekrach beginnen, oder?"
"Oh, ich weiß nicht... zwanzig Stunden in einem engen Flugzeug, mit nichts zu tun... glaubst du, du kannst mich so lange beschäftigt halten?" fragte Mac. Ihre dunklen Augen glitzerten liebevoll-herausfordernd.
Harm zuckte lässig die Schultern. "Zwanzig Stunden, zwanzig Tage, zwanzig Jahre... alles kein Problem," behauptete er selbstbewusst. "Wir Rabbs haben von Natur aus einen hohen Unterhaltungswert."
Mac lachte. "Ich würde ja gegen eine solche Flyboy-Arroganz protestieren, aber immerhin bin ich jetzt selbst eine Rabb."
"Siehst du? Und du hast definitiv einen hohen Unterhaltungswert. Womit meine Theorie bewiesen wäre," urteilte Harm zufrieden.
18. Dezember 2001
2220 Z-Zeit (17:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Keeter stapfte mühsam durch den Knöchel hohen Schnee auf dem Rasen und sah zu, wie Amaretto mit der Nase im Schnee neben ihm herlief. Alle paar Meter nieste die Hündin kräftig, wenn die kalte, weiße Masse in ihre empfindliche Nase geriet.
Jingo folgte den beiden in einem gemächlicheren Tempo, den Kopf hoch erhoben, das übermütige Herumtollen des jüngeren Hundes weise ignorierend.
Mit steifgefrorenen Fingern fischte Keeter den Schlüssel, den Harm ihm anvertraut hatte, aus der Tasche und schloss die Türe auf. "Brrrrr!" Er stampfte kräftig mit den Füßen, um den Schnee von seinen Schuhen abzuschütteln und gleichzeitig seine Zehen wieder zum Leben zu erwecken. Dann streifte er den Hunden die Leinen ab.
Jingo ließ sich sofort neben dem roten Fellbündel im Hundekorb nieder und wurde mit einem freudigen "Määääh!" und einem liebevollen Nasenstüber begrüßt. Amaretto machte einen Schritt vorwärts, um dem älteren Hund zu folgen, schien sich dann aber an ihre letzte Begegnung mit der Katze des Hauses zu erinnern und machte kehrt.
"Okay, Rett, dann lass uns mal nachsehen, wo Skates ist! Wo ist Skates?!" spornte Keeter seine junge Hündin an.
Die rotbraunen Ohren schossen in die Höhe. Aufmerksam legte Amaretto den Kopf zur Seite und sah zu Keeter auf.
"Na los, such Skates!"
Sofort raste Amaretto los. Das Kratzen von Krallen über Fliesen war zu hören, als die Hündin auf dem glatten Boden des Ganges fast den Halt verlor. Innerhalb von Sekunden hatte sie Skates auf der Couch entdeckt und gab ihren Fund mit einem begeisterten Bellen bekannt.
Skates, die für ein paar Minuten eingenickt war, öffnete müde blinzelnd die Augen und mühte sich benommen, sich in eine sitzende Position hochzuarbeiten.
"Hey, bleib ruhig liegen!" Keeter ließ sich neben ihr auf der Kante der Couch nieder und drückte sie sanft an der Schulter zurück. Beiläufig sah der Pilot sich im Wohnzimmer um. Zusammengeknüllte Taschentücher bedeckten den Couchtisch, so wie der Schnee draußen die Landschaft in eine weiße Decke einhüllte. Jemand – vermutlich Granny – hatte eine Tasse Tee vor Skates abgestellt.
"Wie geht’s dir?" erkundigte sich Keeter und setzte sich unauffällig auf seine Hände, um zu verhindern, dass er der Versuchung nachgab, ihr das Haar aus der Stirn zu streichen oder sorgsam ihre Decke um sie herum fest zu stopfen.
Skates räusperte sich mühsam. "Oh, ganz gut. Ist nur ein bisschen Schnupfen, nichts weiter." Ihr Schulterzucken, das eigentlich Lässigkeit hatte vortäuschen sollen, fiel so steif aus, dass Keeter ahnte, dass jeder Muskel sie schmerzte.
Keeter seufzte innerlich. <Typisch Skates! Nie würde sie zugeben, dass es ihr nicht gut geht und sie Hilfe braucht – und das auch noch von einem männlichen Piloten! Gott bewahre!> "Kann ich dir irgendetwas bringen?" versuchte er es dennoch.
"Nein, danke," wehrte Skates ab. "Ich glaube, ich lege mich jetzt ohnehin ein bisschen hin. Ich bin ein wenig müde, muss wohl der Jetlag sein." Sie stemmte sich von der Couch hoch und ging auf sichtbar unsicheren Beinen zur Wendeltreppe hinüber, die hinauf in Macs ehemaliges Zimmer führte.
Ehe Keeter sich dessen so richtig bewusst wurde, stand er besorgt an ihrer Seite.
"Mmmpf!" Skates hielt sich krampfhaft am Treppengeländer fest und legte mühsam die erste Stufe zurück. "Etwas Seltsames ist gerade passiert," murmelte sie, etwas atemlos.
Alarmiert schloss Keeter zu ihr auf. "Was ist passiert?" Besorgt platzierte er eine stützende Hand auf ihrer Schulter und spürte die unnatürliche Wärme, die von ihrer Haut ausging.
"Diese Treppe hat sich plötzlich in den Mount Everest verwandelt," scherzte Skates, verbissen nach oben blickend. "Du hast nicht zufällig ein paar Sherpas in der Nähe gesehen, die mir helfen könnten, den Gipfel zu erreichen?"
Keeter grinste. "Was für ein Glück, dass ich gerade hier bin. Zufälligerweise stamme ich von einer langen Linie von Sherpas ab." Er kniete vor Skates auf der untersten Treppenstufe nieder. "Spring rauf!"
Skates zögerte nur einen Moment lang, bevor sie sich mit Armen und Beinen an Keeters breitem Rücken festklammerte. Möglichst unauffällig drückte sie ihre glühenden Wangen gegen die kühle Haut seines Nackens, während sie sich die Treppe hinauftragen ließ.
Trotz des Pochens in ihrem Kopf bemerkte sie, wie sanft und vorsichtig Keeter war, als er sie auf dem Bett absetzte. Als er sich bückte, um ihr die von Mac geliehenen Bugs-Bunny-Hausschuhe abzustreifen, stoppte ihn Skates mit einer Hand auf der Schulter. "Ähm, Keeter... ich kann selbst... du musst nicht..."
Keeters milde-tadelnder Blick stoppte sie.
"Danke," murmelte sie schließlich nur noch, als sie sich im Bett zurücksinken und sich von Keeter zudecken ließ.
Umständlich schlüpfe Skates mit einer Hand wieder unter der Decke hervor und griff nach den Grippe-Tabletten auf ihrem Nachttisch. Sie blinzelte angestrengt, als die Buchstaben auf der Packungsbeilage begannen, vor ihren müden Augen auf und ab zu tanzen.
Wortlos bedeckte Keeter ihre Hand mit seinen und half ihr, die vorgeschriebene Menge an Tabletten aus der Packung zu nehmen.
"Wäh! Tabletten! Ich hasse es, diese Dinger schlucken zu müssen!" Skates schüttelte sich, als Keeter ihr ein Glas Wasser reichte. "Könntest du mir nicht etwas Anderes geben, um mir diesen bitteren Geschmack zu versüßen?" beschwerte sie sich brummelnd.
Grinsend stellte Keeter das Glas ab. "Dein Wunsch ist mir Befehl. Einmal Tabletten versüßen, kommt sofort!" Er beugte sich über Skates und drückte seine Lippen in einer sanften Berührung gegen ihre. Schnell rückte er dann wieder von ihr ab, unsicher, wie sie auf diese Art von ‚Süßstoff’ reagieren würde.
Skates Finger betasteten automatisch ihre vom Fieber spröden Lippen. "Ähm, ich dachte da eigentlich eher an ein Stück Schokolade oder so..."
"Hey, ich mein’s ja nur gut mit dir und deiner Figur," versicherte Keeter und bemühte sich, nur in Skates Augen zu sehen und nicht auf besagte Figur. Skates Sweatshirt klebte geradezu an ihrem Oberkörper. "Meine Versüßung war garantiert kalorienfrei!" Er rutschte ein wenig auf der Bettkante nach hinten und wechselte das Thema, um Skates nicht unbehaglich zu machen. "Wie lange hast du eigentlich vor zu bleiben? Du bleibst doch sicher zumindest so lange, bis du diese Grippe - oder was immer das auch für eine Krankheit ist – auskuriert hast, oder?"
Skates quälte sich auf dem Ellenbogen in die Höhe. "Ich bin nicht krank... höchstens ein bisschen erkältet! Wie lange bleibst du denn?"
"Hm, ich weiß noch nicht so genau. Das hängt von mehreren Dingen ab," antwortete Keeter vage.
"Von was genau?" erkundigte sich Skates, schnüffelnd nach einem Taschentuch suchend.
Fürsorglich reichte Keeter ihr sein großes Taschentuch. <Nun... von Elizabeth Hawkes und von Elizabeth Hawkes und Elizabeth Hawkes, um nur mal einige Dinge zu nennen.> "Na ja, davon, wie lange Harm und Mac weg sind, zum Beispiel, und davon, wie lange Granny und Will bleiben und ob sich Rett mit Jingo und Gypsie verträgt."
"Apropos Rett... wo ist sie überhaupt? Man hört gar nichts von ihr... verdächtig!"
Keeter grinste. "Nicht, dass du im Moment bei all deinem Gehuste und Gepruste viel hören würdest, aber ich geh’ besser mal nachsehen. Wenn du etwas brauchst, dann ruf einfach und dein getreuer Sherpa wird dir zur Hilfe eilen."
Als Keeter kurz darauf die Küche betrat, fand er seine Hündin in der Küche, wo sie erwartungsvoll zu Granny hinaufstarrte, die gerade ihre Einkäufe auspackte. "Hey!" protestierte er, als eine Bratwurst zu Boden fiel und sofort von Amaretto verschlungen wurde. "Gerade erst habe ich Mac soweit gebracht, dass sie ihr nicht ständig Beltway-Burger füttert und jetzt fängst du auch noch an, meinen Hund zu einem Hängebauchschwein zu machen?!"
"Ich dachte, es wäre der Hund deiner Mutter, Jackson? Und außerdem wird man im Alter eben ein bisschen ungeschickt, da fällt einem schon mal das eine oder andere Pfund Fleisch aus der Hand," behauptete die fitte alte Dame unschuldig.
Will tauchte mit einem 5kg Paket Mehl in der Küche auf. "Hey, Keeter, wo ist denn Skates?"
Keeter rieb sich den Nacken und lauschte automatisch in Richtung Wendeltreppe. "Ich hab sie eben ins Bett gebracht."
"Und da lässt du sie ganz alleine, in diesem großen, breiten, kalten, einsamen Bett?" entsetzte sich Granny und schwang eine eben erst gekaufte Zeitschrift, als wolle sie Keeter damit einen Klaps auf den Hinterkopf verpassen.
"Granny, bitte! Fang nicht davon an, nicht jetzt, ja? Skates ist krank."
Grannys Finger, die eben angeblich noch zu gichtgeplagt gewesen waren, um eine Wurst festzuhalten, kniffen Keeter behände in die Wange. "Bei einer Krankheit hilft nichts besser, als ein wenig Körperwärme zu teilen! Und wenn du dich ansteckst, könnt ihr das Krankenbett teilen."
"Na, das klingt doch wahnsinnig romantisch!" kommentierte Keeter wenig enthusiastisch. "Man hört ja praktisch ständig, wie sexy Schnupfnasen und wie erotisch nächtliche Hustanfälle sind. Und dieser giftgrüne Hustensaft soll das reinste Aphrodisiakum sein!"
"Ich dachte da eher an das *gründliche* Einmassieren dieser Erkältungslotion," Granny drückte Keeter die vorhin erstandene Flasche in die Hand. "Also, geh schon und mach dich nützlich. Und denke dran, dass Wadenwickel nicht immer unbedingt auf die Wade aufgetragen werden müssen, hm?"
18. Dezember 2001
0946 Z-Zeit (19:46 EAST / East Australian Standard Time)
In der Nähe des Cairns International Airport,
Cairns, Queensland,
Australien
Die langsam tiefer sinkende Sonne brannte noch immer vom Himmel, als Mac den Mietwagen die palmengesäumte Straße vom Flughafen zur Stadt entlang lenkte.
"Das ist aber nicht das Hotel, Mac," beschwerte sich Harm, als Mac den Wagen anhielt. "Vielleicht hätte doch besser ich fahren sollen."
"Damit dann wieder beim nächstbesten Kreisverkehr reihenweise mit Obst beladene LKWs umkippen, hm?" spöttelte Mac.
Harm grinste nur schelmisch. "Dann ist das hier also eine Entführung? Vergisst du da nicht eine Kleinigkeit?"
"Nämlich?"
"Na, Hausregel Nummer drei, Unterabschnitt a, zum Beispiel: Die Entführungen sind abwechselnd durchzuführen. Der Kidnapper kann den Gekidnappten nicht kidnappen, wenn der Kidnapper den Gekidnappten beim letzten Mal schon gekidnappt hat," zitierte Harm. "Da du mich letztens in dieses Schokoladenmuseum gekidnappt hast, bin ich jetzt an der Reihe, dich zu entführen."
Unbeeindruckt stieg Mac aus dem Auto. "Ja, das wäre richtig... wenn da nicht Hausregel Nummer drei, Unterabschnitt d wäre."
Harm hob die Brauen, als er Macs Hand nahm und begann, den hölzernen Plankenweg entlang zu schlendern. "Es gibt einen Unterabschnitt d?"
"Jetzt schon. Hausregel Nummer drei, Unterabschnitt d besagt, dass ein Aufenthalt in Down Under auch den Kidnapping-Plan umdreht – also bin *ich* dran, dich zu entführen, was ich hiermit tue," verkündete Mac triumphierend.
"Um mir *das hier* zu zeigen?" Ein wenig skeptisch sah Harm sich um. Sie standen auf dem hölzernen Rundweg, umgeben vom Dickicht des Mangrovenwäldchens. Über ihnen bauten Spinnen große Netzte zwischen den Ästen der Mangroven; Geckos genossen die letzten Sonnenstrahlen auf den Holzbohlen und unter ihnen krochen Kleintiere durch das Gewirr der Wurzeln. Als er genauer hinsah, erkannte Harm die Krabben, die durch den Mangrovensumpf krochen. "Mmmm, wenn ich’s mir genau überlege, war es vielleicht doch keine so schlechte Idee, hier her zu kommen!" Begeistert leckte er sich die Lippen.
"Harm!" Lachend stupste Mac ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen. "Du bist hoffnungslos! Haben die Dinger nicht Scheren oder so was? Und du brauchst deine Finger noch dringend!"
Harm wackelte mit seinen langen, geschmeidigen Fingern. "Ah, du meinst...?" Er grinste verwegen und zog Mac enger an seinen Körper.
"Ich meine, dass *du* diesmal dran bist, den Ermittlungsbericht zu schreiben und das dürfte dir ohne Finger ziemlich schwer fallen."
Harm blieb stehen, schlang die Arme um sie und drückte Mac gegen seine Brust. "Ach ja?" murmelte er in verführerischer Tonlage. "Ist das das einzige Interesse, das du an mir und meinen Händen hast, hm?" Sein Atem streifte Macs Ohr, während besagte Hände über ihren Rücken wanderten, hinauf zu ihrem empfindlichen Nacken.
Mac schluckte und starrte fast hypnotisiert hinauf in die glitzernden Augen ihres Mannes. "Ähm, nein... wenn ich mir das genau überlege... das eine oder andere Privatinteresse hab ich da schon noch."
"Privatinteresse, so, so," neckte Harm, während seine Hände weiter erkundeten, "ich hoffe, damit meinst du nicht nur die Fähigkeit meiner talentierten Fingerchen, bei deinen Shopping-Eskapaden eine Kreditkarte aus der Tasche zu ziehen."
"Auf keinen Fall," versicherte Mac, etwas atemlos. "Zu dem Zeitpunkt, wo ich zum Zahlen komme, hast du dich meistens ja ohnehin in Richtung Zug aus dem Staub gemacht."
Lachend zog Harm Mac mit sich zurück zum Auto.
In Cairns schlenderten sie noch ein Weilchen die Strandpromenade an der Trinity Bay entlang und genossen das warme Südsee-Klima.
Energisch zog Mac ihren Begleiter zu einem Eisstand hinüber.
"Passen Sie auf, dass Sie nicht gebissen werden!" warnte die Eisverkäuferin lächelnd, als Mac die Waffeltüte entgegennahm.
Stirnrunzelnd ging Mac weiter. "Gebissen?" wiederholte sie verständnislos.
"Vielleicht sollte das eine Anspielung auf die gigantischen Ausmaße von deinem Eis sein?" Unschuldig deutete Harm auf die Schokolade-Stracciatella-Banane-Kokos-Kugeln, die auf einer riesigen Eiswaffel thronten, während er sich mit einer bescheidenen Kugel Zitronen-Eis zufrieden gegeben hatte. "Vielleicht haben all die Vögel hier es sich zur Aufgabe gemacht, gierige Touristen zu beißen, bevor sie die australische Gastronomie ruinieren."
Bei Ebbe erstreckte sich vor der Strandpromenade, in Cairns Esplanade genannt, ein schlammiges Watt, das ein Paradies für die heimischen Vögel war. Ganz in der Nähe der Touristen stolzierten Silberreiher, Ibisse, Pelikane und...
Harm verschluckte sich fast an einem Stück Eiswaffel. "Ähm, Mac, ich glaube, sie meinte, du sollst dich vor dem da in Acht nehmen." Er deutete zu einem der großen Vögel, der keine zehn Meter von ihnen entfernt mit seinem langen Schnabel im Watt stocherte.
Mac drehte den Kopf in die Richtung, in die Harm zeigte. "Wieso? Ich dachte immer, Störche seien harmlos."
"*Harm*los!" Harm lachte laut auf. "Nette Wortwahl, wirklich! Ja, Störche sind wirklich ziemlich harmlos, allerdings nur für Männer."
Mac schnaubte. "Was war das denn für ein Flyboy-Macho-Spruch, Mr. Rabb? Glaubst du, ich könne mich nicht vor einem dummen Vogel verteidigen? Ich bin ein Marine, Harm! Wie gefährlich kann mir da ein Storchenbiss schon werden? Ich werd’ schon nicht gleich einen Arm verlieren."
Keuchend vor Lachen schnappte Harm nach Luft. "Oh, nein, du wirst gar nichts verlieren, höchstens noch was dazu bekommen!" Grinsend deutete er einen vorgewölbten Bauch an.
"Oh!" Bei Mac war endlich der Groschen gefallen. "Hey, Moment mal, was sollte denn das heißen, Störche können nur Frauen gefährlich werden, hm? Wenn ich..." sie wiederholte die Kugel-Geste vor ihrem Bauch, "... dann hängst du genauso mit drin wie ich."
"Iiiich?" Mit Unschuldmiene tippte Harm sich auf die Brust. "Was hab ich denn damit zu tun, wenn du dich mit fremden Störchen einlässt? Wenn er seinen Schnabel nicht bei sich lassen kann, soll der da drüben doch gefälligst auch Storchimente zahlen!"
"Na warte!" Übermütig jagte Mac ihn den ganzen Weg zurück zum Hotel.
19. Dezember 2001<
0114 Z-Zeit (11:14 EAST / East Australian Standard Time)
Tjapukai Aboriginal Cultural Park
Einige Meilen nördlich von Cairns
Australien
Zähneknirschend ließ Mac ihr Holzstück fallen und sah bewundernd zu, wie ihr Aborigine-Instruktor mit einigen geschickten Bewegungen ein Feuer entfachte. "Ich wünsche mir plötzlich, ich wäre damals nicht aus der Pfadfinderinnen-Truppe geschmissen worden," seufzte sie zu Harm hinüber.
Harm, der gerade mühsam versuchte, einem Didgeridoo Töne zu entlocken, sah neugierig auf. "Du bist *rausgeschmissen* worden? Wieso das denn?"
"Aaach, das ist eine lange Geschichte, in der ein Stinktier, der Stützpunkts-Priester und drei Flaschen Tomatensaft eine Rolle spielen." Schnell wandte Mac sich wieder ihrem Feuer zu.
Seit mittlerweile zwei Stunden erkundeten sie die Kultur der Tjapukai, der Aborigines von Nord-Queensland, die hier im Park vorgeführt wurde. Sie hatten bereits eine Tanzvorführung gesehen, einen Filmvortrag zur Geschichte und eine Darstellung der Traumzeit, der legendenhaften Erschaffung der Welt.
Jetzt saßen sie im Schneidersitz im Zentrum des Camps und durften selbst Hand an legen.
Nach einer weiteren Minute sah Mac begeistert zu, wie endlich ein paar Funken entstanden und das trockene Holz zu glimmen begann. "So, jetzt brauche ich nur noch ein paar von diesen Maden, die angeblich wie Butter schmecken und schon habe ich mein Busch-Koch-Diplom!" stellte sie zufrieden fest.
"Würg!" Harm schüttelte sich.
"Hey! Dieses Krabben-Zeug isst du doch auch ständig, wo ist da der Unterschied?" Sie erhob sich und nickte dem Aborigine dankbar zu. "Kommst du mit zum Boomerang-Werfen, Harm?"
Harm ließ das Didgeridoo sinken. "Nur, wenn du mir erzählst, was es mit dieser Stinktier-Geschichte auf sich hat!"
"Ha! Damit ich mir das dann noch an unserer Silberhochzeit anhören kann!"
Eine halbe Stunde später wanderten sie gemeinsam hinüber zur nahegelegenen Talstation der ‚Skyrail’-Drahtseilbahn, die sie hinauf ins Hochland von Kuranda transportieren sollte.
Innerhalb von Minuten traf eine der Kabinen ein und die Rabbs stiegen zusammen mit vier der anderen Reisenden ein. Die Kabine erhob sich langsam über die Hügel und erlaubte ihnen einen spektakulären Blick über die Umgebung Cairns, ausgedehnte Zuckerrohrfelder und das Meer. Der Tjapukai Kulturpark verschwand langsam in der Ferne. Weiße Kakadus kreischten protestierend, ließen sich aber ansonsten nicht von der Seilbahn-Kabine stören, die in zehn Meter Höhe über dem Wipfel der Bäume dahinglitt.
"Wow! Ist das nicht ein phantastischer Anblick!" meinte Mac begeistert, als unter ihnen die Eukalyptusbäume des Flachlandes dem saftigen Grün des bergigen Regenwaldes wichen.
Außer dem eifrigen Geschnatter der anderen Touristen kam keine Antwort.
Mac drehte sich zu ihrem Ehemann um. "Harm?"
Harm saß, die Arme eng an die Seiten gepresst, auf seinem Sitz und starrte steif geradeaus. "Hm?" Langsam drehte er den Kopf in Macs Richtung.
"Harm? Alles okay? Geht’s dir gut?" Mac vergaß das Regenwald-Panorama, als sie auf der Sitzbank näher rutschte und besorgt ihre Hand auf Harms Bein ruhen ließ.
"Ährrrm... ja, klar, natürlich geht’s mir gut, prima, wieso?"
Mac stützte einen Ellenbogen auf Harms Schenkel auf und schielte zu ihm hinauf. "Weil du ein bisschen weiß um die Nase herum bist und bisher kaum nach unten gesehen hast. Du hast doch wohl nicht etwa Höhenangst, Fliegerheld?!" Ihre Stimme schwankte zwischen Spott, Unglauben und Anteilnahme.
"Iiiich? Höhenangst? Mac, das ist doch lächerlich! Ich bin regelmäßig auf 10.000 m Höhe geflogen, wieso sollten mich dann die zehn Meter über den Baumkronen stören?" verteidigte sich Harm indigniert.
"Hm, vielleicht verkraftest du einfach nicht mehr so viel, jetzt, wo du verheiratet bist?" schlug Mac keck vor.
Harm reckte seine breiten Schultern. "Darf ich dich daran erinnern, geliebte Ehefrau, dass *du* diejenige bist, die die Worte ‚Tomcat’ und ‚Frühstück’ nicht in einem Satz aussprechen kann?"
Eine ältere Mitreisende, die Harm gegenüber saß, tätschelte ihm freundlich den Arm. "Machen Sie sich nichts draus, wenn Ihnen bei dem Geschaukel hier drin schlecht wird, mir ist das auch schon so gegangen... vor dreißig Jahren, als ich mit meinen Zwillingen schwanger war," fügte sie lächelnd hinzu.
Mac lachte, während Harm bei diesem Vergleich das Gesicht verzog. Zufrieden stellte Mac fest, dass ihr neckisches Gespräch Harm von seiner... Was-auch-immer abgelenkt hatte, als die Kabine auch schon zum Stehen kam.
"Red Peak Station," las Mac auf einem Holzschild, als sie Harm nach draußen folgte. Die Haltestation der Skyrail lag mitten im Regenwald. Gemeinsam mit den anderen Touristen folgten Harm und Mac dem kleinen Lehrpfad, der auf einem Rundweg unter riesigen Urwaldriesen vorbeiführte.
Die Luft um sie herum roch nach feuchter Erde und Harm atmete tief ein und aus, als er stehen blieb, um Mac neben einem der großen Baumfarne zu fotografieren.
Eine Viertel Stunde später schwebte die nächste Kabine ein und die Reise ging weiter. Eine Weile folgte die Seilbahn den Eisenbahngleisen, die sich unter ihnen um enge Kurven wandten, über abenteuerlich wirkende Holzbrücken und durch zahlreiche Tunnels.
Sie schwebten vorbei an tropischen Flüssen und den Barron Falls, einem tosenden Wasserfall, bis sie schließlich ihr Ziel, das kleine Bergstädtchen Kuranda, erreichten.
"Oh, oh!" warnte Harm, nachdem sie eine Weile über den Markt des Städtchens gebummelt waren. "Wir müssen uns langsam auf den Rückweg machen, wenn wir nicht wollen, dass unser Schiff ohne uns ausläuft."
"Richtig! Wäre ja auch zu schade, wenn wir die Paartherapie verpassen würden! Hey, vielleicht kann die Therapeutin ja sogar deine Höhenangst therapieren!" schlug Mac grinsend vor.
Ohne Warnung prasselte plötzlich sintflutartiger Regen vom Himmel nieder, von dem gerade noch die Sonne gebrannt hatte. "Wenigstens einer ist auf meiner Seite!" kommentierte Harm mit Blick nach oben.
Er umschlang Macs Schulter, um sie zumindest notdürftig vor dem Regen zu schützen, als sie Seite an Seite in Richtung Bahnhof rannten.
"Bist du sicher, dass das hier der Bahnhof ist?" fragte Mac skeptisch. "Hier stehen mehr Blumen rum als Granny zu ihrem Geburtstag von all ihren verkuppelten Paaren bekommen hat – und das will doch etwas heißen!"
Der Bahnhof von Kuranda glich tatsächlich eher einem botanischen Garten als einer Eisenbahn-Haltestation. Mächtige Baumfarne spendeten den Reisenden Schatten und der Bahnsteig wurde von blühenden Orchideen und Hibiskusblüten geziert.
Unauffällig pflückte Harm eine der rosafarbenen Blüten und steckte sie Mac ins Haar.
Mac ergriff seine Hand, bevor er sie ganz zurückziehen konnte, und hauchte einen dankenden Kuss auf die Handfläche.
Harm wollte eben auch seine Lippen an dem Dankes-Ritual teilnehmen lassen, als er abgelenkt wurde. Mit geweiteten Augen sah er zu, wie eine Diesellok mit einer langen Reihe alter, roter Waggons in den Bahnhof einfuhr. "Pffwui!" Bewundert pfiff er durch die Zähne.
"Hey!" Mac zupfte energisch an der vergessenen Hand in der ihren. "Muss ich dich schon wieder an Hausregel Nummer acht erinnern?"
"Wieso kommt es mir nur so vor, als ob du für jede beliebige Situation plötzlich eine neue Hausregel parat hast?"
Mac zuckte grinsend die Schultern. "Vielleicht, weil es so ist?"
"Also, was ist jetzt mit dieser neuen Hausregel?" erkundigte sich Harm mit Märtyrer-Miene.
Mac schlug das imaginäre Regelbuch auf und zitierte: "Jegliche Bewunderung von, Aufenthalt bei oder Tätigkeit mit Zügen ist sofort aufzugeben, wenn der oder die jeweils andere an der Ehe Beteiligte die Aufmerksamkeit seines oder seiner Angetrauten erfordert."
"Heißt das, ich muss nach Cairns zurück laufen?"
"Ach was," wehrte Mac ab, "das fällt ja dann wieder unter Hausregel acht, Unterabschnitt b: ‚Züge dürfen betrachtet, betreten und benutzt werden, wenn der Ehepartner dies gutheißt.’"
Harm öffnete eine der Türen des abfahrbereiten Zuges und half der älteren Australierin, mit der sie zuvor schon eine Seilbahn-Kabine geteilt hatten, mit ihrem Handgepäck.
"Das ist wirklich nett von Ihnen, junger Mann," bedankte sich die Dame lächelnd, "aber glauben Sie wirklich, Sie sollten noch Gepäck schleppen – in Ihrem Zustand?"
Lachend stolperte Mac den Gang des Zuges entlang, während Harm für einen Moment stöhnend verharrte. "Frauen! Gott, wenn das so weiter geht, bin ich wirklich bald therapiereif!"
19. Dezember 2001
0658 Z-Zeit (16:58 EAST / East Australian Standard Time)
Im Hafen von Cairns,
Queensland, Australien
Die ‚Dreamcatcher’ lag im Hafen von Cairns vor Anker, als ein Taxi Harm und Mac dort absetzte. Die Sonne spiegelte sich auf dem auf Hochglanz polierten weißen Deck des beeindruckenden Kreuzfahrtschiffes.
Als sie die Gangway hinauf liefen, begann Harm die Titelmelodie des ‚Love Boat’ zu pfeifen. Der Stewart, der sie zu ihrer Kabine führte, unterdrückte ein Lächeln. "Mister und Mrs. Rabb? Hier entlang, bitte."
Die Kabine, die ihnen die nächsten drei Wochen als Unterkunft dienen würde, lag auf dem Explorerdeck, dem Deck direkt unterhalb der Brücke. Sie war komfortabel eingerichtet; inklusive Fernseher, Satellitentelefon und Mini-Bar. Ein Panoramafenster erlaubte ihnen einen Blick aufs Meer hinaus und da es eine Außenkabine war, hatten sie sogar einen kleinen Balkon.
"Wow!" kommentierte Mac, als sie die Türe hinter ihnen schloss. "Erinnere mich daran, dem Gunny für die Buchung zu danken, wenn wir Bericht erstatten."
"Das ist allemal besser als die Watertown!" stimmte Harm aus ganzem Herzen zu, während er sich auf der Couch nieder ließ und eine Büchse Cashew-Kerne aus der Mini-Bar fischte.
Mac kuschelte sich neben ihn, um sich ebenfalls eine Hand der Nüsse voll zu nehmen.
Harm klopfte ihr auf die Finger. "Denk dran, dass du diejenige von uns beiden bist, die sich nachher zum Kapitänsempfang in dieses enge schwarze Kleid zwängen muss!" warnte er spitzbübisch, während er sich eine Handvoll Cashew-Kerne in den Mund schob.
"Wirklich charmant, Mister Rabb! Übrigens, wie kommt es, dass du plötzlich Cashew-Nüsse magst?" fragte Mac, sich unbeirrt trotzdem bedienend.
Harm zuckte grinsend die Schultern. "Ich hätte sie vielleicht schon viel eher gemocht, nur hatte ich nie eine Chance, es herauszufinden, weil es irgendwo im Hause Rabb ein schwarzes Loch geben muss, das mysteriöserweise sämtliche Lebensmittel, die nicht gerade zur Gattung Obst und Gemüse gehören, auf nimmer Wiedersehen einsaugt." Er machte saugend-schlürfende Geräusche zur Verdeutlichung. "Das muss übrigens auch dasselbe schwarze Loch sein, dass dafür sorgt, dass jedes Mal, wenn du das Waschen übernimmst, jeweils eine Socke jedes meiner Paare in der Waschmaschine verschollen geht!"
"Woar! Na warte!" Mac warf sich auf ihn und begann ihn zu kitzeln.
Cashew-Kerne flogen quer durch die Kabine, als ein stürmischer Ringkampf entstand, der sich aber schon bald in eine leidenschaftliche Umarmung verwandelte.
Der Kampf der Geschlechter endete wie so oft mit einer Fraternisierung mit dem Feind.
Zwei Stunden später machten sie sich in Abendkleid und Smoking auf den Weg in den Speisesaal auf dem Brückendeck.
"Na, bist du jetzt nicht froh, dass ich dich daran gehindert habe, diese Nüsse zu essen?" fragte Harm, als er bewundernd registrierte, wie das hautenge Kleid die Figur seiner Frau umschmeichelte.
"*Ich* habe *dich* daran gehindert, sie zu essen!" erinnerte Mac mit Nachdruck, um dann ein wenig schelmisch hinzuzufügen: "Ich glaube, wir haben es immer noch nicht geschafft, alle Cashew-Kerne aus dem Sofa zu pflücken."
"Und dem Bett," fügte Harm grinsend hinzu, verstummte dann aber, als sie den Eingang der großen Halle erreichten und ein Stewart sie zu ihrem Tisch führte.
Wenn sie hier als zerstrittenes Paar gelten wollten, durften sie auf keinen Fall den Eindruck erwecken, beim Um-Cashew-Kerne-Ringen – oder anderen horizontalen Tätigkeiten – Spaß miteinander zu haben.
Mac beäugte das riesige kalte Büfett, an dem sie vorbeikamen, richtete ihre Aufmerksamkeit dann aber pflichtbewusst auf die anderen Gäste.
Jeder der mit zierlichen Farnen und exotischen Blüten dekorierten Tische im Saal beherbergte acht Personen, die für die gesamte Reise Tischnachbarn sein würden. Ihnen gegenüber saß ein jüngeres Paar, das sich etwas unbehaglich in formalen Atmosphäre des Kapitändinners zu fühlen schien.
"Hallo," begrüßte sie der schlanke, etwa 30 Jahre alte Mann, irritiert an seinen Manschettenknöpfen zupfend. "Ich bin Ben Yates und das ist meine Frau, Nancy." Er deutete auf die hübsche, rothaarige Frau neben ihm.
<Ben?> Harm und Mac wechselten einen kurzen Blick. Harm wusste sofort, dass seine Partnerin dasselbe dachte. <Ist nicht zufällig eine Abkürzung von Bennet, hm?>
Das Foto auf der Dienstakte von Bennet Carlisle war nicht so gut, als dass Harm den Mann ohne Zweifel hätte identifizieren können, selbst wenn er ihm am Tisch gegenüber sitzen sollte, aber die schlanke Statur und die braunen Haare hatten Bennet Carlisle und Ben Yates gemeinsam.
<Und etwa hundert andere Männer an Bord!> erinnerte sich Harm ironisch.
Die Plätze rechts von ihnen waren noch unbesetzt, während das ältere, sichtlich wohlhabende Ehepaar neben den Yates’ ihre jüngeren Mitreisenden nach einer kurzen Begrüßung weitgehend ignorierte.
In der Mitte des Saales wurde eine Gabel gegen ein Glas geschlagen und der Kapitän der Dreamcatcher erhob sich. "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Reisende, ich möchte Sie – auch im Namen der Reederei – ganz herzlich auf der ‚Dreamcatcher’ willkommen heißen. Bevor ich das Büfett eröffne, lassen Sie mich noch einige Worte zum Schiff und Ihrer Reise sagen."
Harm stupste Mac belustigt mit dem Fuß an, als er ihr unterdrücktes Seufzen hörte und den sehnsuchtsvollen Blick in Richtung Büfett sah.
"Die Dreamcatcher ist für über zweihundert Passagiere und eine 130 Mann starke Crew ausgerichtet. Sie ist 123 m lang, 18 m breit und 37 m hoch; verfügt über sechs Decks und ihre Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 16 Knoten. Wenn Sie mehr Informationen wünschen, ein Besuch der Brücke ist jederzeit möglich und der Wachoffizier wird Ihnen gerne alle Fragen beantworten," bot der Kapitän den Landratten an.
Harm, der auf Tipps bezüglich der Seefahrt gut verzichten konnte, spürte, wie seine Aufmerksamkeit vom Tisch des Kapitäns weg und hinüber zu seiner Frau wanderte.
Er war sich nur allzu deutlich des leichten Drucks bewusst, das ihr seidenumhülltes Knie auf sein Bein ausübte. Das Licht der Kronleuchter an der Decke gab ihrem Haar den Glanz von Mahagoni und verfing sich in den Ohrringen, die Harm ihr vorletzte Woche zum dreimonatigen Hochzeitsjubiläum geschenkt hatte. Ihre leuchtenden Augen waren aufmerksam auf den Kapitän gerichtet und ihre Wimpern warfen den Hauch eines Schattens auf ihre samtweichen Wangen. Alles in allem schien sie von innen heraus zu strahlen und sich wirklich auf die Reise zu freuen, auch wenn es eigentlich eine Dienstreise war.
Harm streckte unwillkürlich die Hand aus, um sanft Macs bloße Schulter zu streicheln, hielt sich aber noch im letzten Moment zurück, als ihm einfiel, dass sie hier ein Paar mit Eheproblemen spielten.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Unruhe an ihrem Tisch entstand. Gerade als der Kapitän sich setzte, schlüpfte das noch fehlende Paar zur Türe herein.
"Entschuldigung," wisperte der Mann, "Ich bin Carl Benton."
<Carl Benton,> wiederholte Harm in Gedanken, während Mac die Vorstellung übernahm. <Carl Benton – Bennet Carlisle... ist das Zufall oder wollte da ein Deserteur kreativ sein?> Der Mann, der sich als Carl Benton vorgestellt hatte, war ebenfalls schlank, groß und braunhaarig. Seine Eheprobleme jedoch schienen echt zu sein – er hatte seine Frau weder vorgestellt, noch sonst ein Wort mit ihr gewechselt.
Am Tisch des Kapitäns erhob sich jetzt eine kleine, elegant wirkende Frau mittleren Alters. "Danke, Kapitän, und hallo, alle miteinander." Sie lächelte freundlich und nahm Blickkontakt zu den Menschen an den Tischen um sie herum auf. "Ich bin Anne-Marie Chavez-Burton, die Gründerin von ‚Eheglück’. Mein Team aus geschulten Paartherapeuten und ich werden in den nächsten Wochen mit Ihnen gemeinsam an Ihrer Ehe arbeiten."
"Na toll!" murmelte Carl Burton sarkastisch. "Eine Paartherapeutin mit zwei Bindestrichen im Namen, ob das ein gutes Zeichen ist?"
Die drei anderen Paare am Tisch lachten, aber seine Frau Rachel warf ihm einen finsteren Blick zu.
Schließlich beendete auch die Therapeutin ihre kurze Begrüßungsrede und das Büfett wurde eröffnet.
Harm erhob sich und sah fürsorglich auf Mac hinab. "Soll ich dir was mitbringen?" bot er zuvorkommend an, nur um sich dann innerlich zu ohrfeigen. <Mist! Es ist gar nicht so leicht, ein Paar zu spielen, das sich auseinandergelebt hat, wenn man so verliebt ist wie wir!>
"Mmmhm, ja, das wäre wirklich lieb von dir..." Mac tappte in dieselbe Falle und brach ab, als sie die neugierigen Blicke der anderen Paare auf sich ruhen spürte. "Ähm, wir... das ist schon die vierte Paartherapie, die wir machen, und aus der letzten weiß ich noch, dass ein höflicher Umgang miteinander immer das erste Gebot ist," erklärte sie hastig.
Harm nutzte die Gelegenheit, um zum Büfett zu flüchten. Ein paar Minuten später kehrte er mit Krabben und Salat für sich und einem Teller mit Roastbeef, Russisch-Ei, Hühnchen und Käse für Mac zum Tisch zurück.
Die ältere, elegante Dame neben Mac, Edith DelRey, beugte sich mit großen Augen zu ihr hinüber und hielt dabei ihre schwere Perlenkette fest, um sie vor einer Begegnung mit der Mayonnaise auf Macs Teller zu bewahren. "Ich möchte Sie ja nicht irritieren, meine Liebe, aber... welchen BMI haben Sie?"
Mac sah erstaunt von ihrem Roastbeef auf. <BMI? Ist das irgendein paartechnischer Begriff, den man vergessen hat, in unsere Vorbereitungsunterlagen zu tun?> "Ähm, Entschuldigung, sagten Sie gerade BDI?" erkundigte Mac sich vorsichtig.
Edith DelRey stocherte in ihrem drei ohne Öl angemachten Salatblättern herum. "Nein, nein, meine Liebe, ich sagte BMI – Ihr Body-Maß-Index!" Sie warf einen vielsagenden Blick auf die Kalorienbomben auf Macs Teller.
Mac lachte so laut, dass sie beinahe Brotkrümel quer über den Tisch gespuckt hätte. "Oh, ich habe keine Ahnung, wie hoch mein BMI ist. Ich hab mich nie mit so was beschäftigt." <Und ich habe kein Interesse daran, wie ein anorektischer Windhund auszusehen!> fügte sie in Gedanken hinzu, als sie den schmalen Körper ihrer Tischnachbarin musterte.
Harm ertappte sich dabei, wie er Mac gerade sagen wollte, was immer der ideale BMI sei, sie müsse ihn wohl haben. Er schlug sich mental auf die Finger und stellte sich bereits jetzt darauf ein, das in den nächsten Wochen noch öfter tun zu müssen.
20. Dezember 2001
1420 Z-Zeit (09:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Okay, mal sehen, kann ja nicht so schwer sein, schließlich schafft Harm das auch. Also, 60° oder 30°? Hmmmm." Ratlos rieb Keeter sich das Kinn, als er auf den Wäscheberg zu seinen Füßen hinabsah. Er schüttelte Skates Pyjamaoberteil in seinen Händen, als würde ihm das störrische Wäschestück dann Auskunft darüber geben, wie es zu waschen sei.
Keeters Gesicht hellte sich auf, als er schließlich auf die Idee kam, einen Blick auf das Etikett im Kragen des Pyjamas zu werfen. "Aha, 30°, ab mit dir!"
Er griff blind nach dem nächsten Wäschestück und erstarrte, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er dunkelrote, seidene Damenunterwäsche in den Händen hielt. "Fffwwui, Skates! Wooa, sexy!" Grinsend pfiff er durch die Zähne. Dann erinnerte er sich selbst streng daran, dass er der gerade wieder genesenen Skates eine Freude machen wollte, indem er das Wäschewaschen für sie übernahm.
Fleißig stopfte er Wäsche in die Maschine und schloss triumphierend die Türe, nur um sich mit dem nächsten Problem konfrontiert zu sehen – den verschiedenen Flaschen und Schachteln neben der Waschmaschine. "Hmpf! Weichspüler... Kalkschutzmittel... Feinwaschmittel... zwei andere Waschpulver... was zum Teufel ist denn da der Unterschied!"
Entschlossen goss er Weichspüler in das dafür vorgesehene Fach. "Kann nicht verkehrt sein, Skates soll es ja schließlich weich und bequem haben, stimmt’s, Rett?"
Amaretto sah träge von ihrem Platz neben der Waschmaschine auf, nur um dann wieder uninteressiert die Augen zu schließen.
"Na, du bist deinem Herrn ja eine große Hilfe, danke, Mylady! Welches Waschmittel nehme ich nun, das da oder das hier? Okay, ene-mene-muh-und-raus-bist-du!" Er griff wahllos nach einer der Schachteln und schüttete einen großzügigen Becher der weißen Substanz in die Waschmaschine.
"Gut, jetzt muss ich das Ding nur noch programmieren und schon ist Skates Wäsche so gut wie neu!" Er studierte die Knöpfe und Schalter der Waschmaschine. "Gänge," las er laut vor. "Hey, was ist das, ein Auto oder eine Waschmaschine?! Energiespar-Gang, pflegeleicht, Feinspülen, Schonschleudern, Vorwäsche, Weichspülen! Meine Güte, eine Tomcat ist leichter zu bedienen als das Ding hier!" Er drückte den Knopf für das Weichspülen und beäugte den Schalter, mit dem er die Umdrehungen einstellen sollte. "Hm, nehmen wir mal 1000, die goldene Mitte."
Endlich drückte er auf die Start-Taste und sah zu, wie sich die Trommel der Waschmaschine gurgelnd in Gang setzte. "Puh, das wäre geschafft!" Erleichtert wischte er sich den Schweiß von der Stirn. "Jetzt brauche *ich* erst mal eine Wäsche!"
Er trottete die Treppe hinauf und öffnete die Türe des Gästebadezimmers.
"Hey!" Skates, die gerade unter der Dusche stand, fuhr herum, als er unangemeldet hereinplatzte.
Keeter stoppte im Türrahmen, unfähig sich zu rühren. Er fühlte sich plötzlich, als hätten seine Füße Wurzeln geschlagen – tiefe Wurzeln, von der Art, wie Mammut-Bäume sie hatten.
Das vom heißen Wasser beschlagene Glas der Duschwand ließ ihn nicht viel sehen; jedenfalls nichts, was er, der Flyboy und Frauenheld, nicht schon hundert Mal zuvor gesehen hätte. Aber allein das bisschen nackte Haut, das er schemenhaft erahnen konnte, trieb ihm die Röte ins Gesicht; alleine durch das Wissen, dass es Skates’ Haut war.
"Gehst du oder soll ich Eintritt verlangen?" erkundigte sich Skates, halb verärgert und halb amüsiert.
Keeter blinzelte und erwachte aus seinem tranceartigen Zustand. "Ähm, ich... ich wollte nicht... klar, ich gehe. Bin schon weg!" Er drehte sich so eilig um, dass er fast mit Granny zusammenprallte, die im Türrahmen stand und grinsend das Spektakel betrachtete. "Granny... ähm, sie ist... Skates ist... ähm, da drin!" Er deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück, eisern entschlossen, sich nicht noch mal umzudrehen.
"Hey, es wird kalt hier drin! Türe zuuuu!" beschwerte sich Skates aus der Dusche.
Keeter schloss eilig die Türe, murmelte aber: "Kalt? Find’ ich nicht. Mir ist ziemlich warm geworden." Er zupfte unbehaglich an seinem Kragen herum.
Granny tätschelte seine Wange. "Mein lieber Junge, für einen Piloten lässt du dich durch ein paar weibliche Reize wirklich zu sehr aus der Bahn werfen! Du hättest ihr einfach anbieten sollen, ihr den Rücken zu waschen... und alle anderen Körperteile, versteht sich." Die alte Dame grinste, als könne sie kein Wässerchen trüben.
"Graaaaanny!" stöhnte Keeter. "Ich will Skates nicht behandeln als wäre sie... ich will sie nicht behandeln als wäre ich... ähm, ein Pilot."
"Jackson, du *bist* ein Pilot!"
Keeter rollte mit den Augen. "Ja, sicher bin ich das, aber... ich will Skates nicht das Gefühl geben, dass ich... hinter ihr her bin."
Granny hob die silbernen Augenbrauen. "Du bist *nicht* hinter ihr her?"
"Nein... ich meine, doch, schon, aber... nicht, wie ich normalerweise hinter Frauen her bin... war," stammelte Keeter, hilflos mit den Händen gestikulierend.
Granny schüttelte missbilligend den Kopf. "Junge, wir müssen wirklich dringend was für dein Liebesleben tun, Romeo! Ganz dringend! Bevor die begehrte Maid in den Sonnenuntergang reitet – ohne dich und auf dem Pferd eines anderen!"
Die Badezimmertüre öffnete sich und Skates trat angezogen hinaus.
Keeter riss mühsam seine Augen von dem T-Shirt los, das an Skates noch immer nasser Haut klebte. "Ähm, kann ich jetzt...?" Fragend deutete er in Richtung Badezimmer.
"Eine Dusche nehmen? Klar kannst du. Ich hab dir genügend Wasser übriggelassen – kaltes Wasser." Grinsend schlüpfte Skates an dem kräftigen Mann vorbei. "Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen."
Keeter war kaum im Badezimmer verschwunden, als es an der Türe klingelte.
Granny öffnete die Türe, in der Erwartung, dass Will von seinem Spaziergang mit Jingo und Gypsie zurückkehrte, und sah sich stattdessen einem jungen Mann in Uniform gegenüber. "Oh, ich kenne Sie, junger Mann. Sind Sie nicht Petty Officer Tiny aus dem JAG-Hauptquartier?"
"Tiner, Ma’am, Petty Officer Tiner. Ma’am, sind Commander Keeter und Lieutenant Hawkes hier?" Nervös wrang Tiner die Mütze in seinen Händen.
"Sicher. Jackson nimmt gerade eine kalte... ähm, ich meine, er duscht gerade, aber Elizabeth ist gleich hier." Granny zog Skates neben sich in die offene Türe.
"Ma’am!" Tiner salutierte. "Ma’am, könnte ich vielleicht reinkommen? Was ich zu sagen habe, lässt sich nicht so gut zwischen Tür und Angel klären."
Grannys Wangen verloren ihre Farbe. "Oh Gott! Ist Harmon und Sarah etwas passiert?!"
"Oh, nein, nein, Ma’am, es geht Ihnen gut," versicherte Tiner eilig, während er den beiden Frauen ins Wohnzimmer folgte, "nur sind Sie eben im Moment nicht hier... und genau das ist mein Problem."
Granny lächelte nachsichtig. "Ah, verstehe, Sie wollten Harmon um seinen Rat bezüglich einer Frau fragen. Fürchten Sie nicht, junger Mann, Sie haben *die* Expertin vor sich! Ich garantiere, in spätestens sechs Monaten sind Sie verheiratet!"
Tiner riss erschrocken die Augen auf. "Das ist... wirklich nett von Ihnen, Ma’am, aber... ich will gar nicht heiraten."
"Glauben Sie mir, wenn ich mit Ihnen fertig bin, dann wollen Sie!" versicherte Granny resolut.
Der Petty Officer begann, sich mit seiner Uniformmütze Luft zuzufächeln. "Es wäre mir lieber, Sie könnten dafür sorgen, dass Commander Keeter und Lieutenant Hawkes heiraten," murmelte er halblaut.
"Schon in Arbeit," erklärte Granny vergnügt.
Keeter kam in Jeans und einem Handtuch um die bloßen Schultern geschlungen aus dem Badezimmer. Er stoppte, als er den Besucher in Wohnzimmer sah. "Alles in Ordnung?" erkundigte er sich besorgt.
"Nein, nicht direkt, Sir. Ich könnte Ihre Hilfe gut gebrauchen," gestand Tiner seufzend.
Keeter runzelte die Stirn. "Hilfe wobei?"
"Hilfe dabei, mein Leben zu retten," seufzte Tiner und als er die erstaunten Blicke seiner Zuhörer sah, begann er zu erklären: "Vor ein paar Tagen haben sich ein paar Reporter vom People Magazin im JAG-HQ gemeldet. Sie haben das Einverständnis des Marineministers, ein Interview mit einem frischverheirateten Ehepaar in den Streitkräften durchzuführen... die wollten wohl ein bisschen Romantik für ihre Weihnachtsausgabe oder so... Jedenfalls habe ich dann einen Termin für Colonel und Commander Rabb vereinbart – und dabei habe ich vergessen, dass die beiden um diese Zeit in Australien sein würden," gestand Tiner kleinlaut. "Der Admiral bringt mich um, wenn er das erfährt!"
"Ach was." Granny tätschelte seinen Arm. "Der Admiral ist ein sehr netter und verständnisvoller Mann."
Keeter schnaubte. "Vielleicht wenn ihm eine nette ältere Dame gegenüber sitzt, Ma’am, aber wenn ihm sein Bürohengst gesteht, dass er dem Marineminister beibringen muss, dass der versprochene Pressetermin platzt... der Admiral wird Christbaumschmuck aus mir herstellen!"
"Und wie können wir da helfen? Soll ich Ihre Hand halten, wenn Sie ihm das gestehen?" Granny grinste amüsiert.
Tiners Blick wanderte hinüber zu Keeter, der gedankenverloren seine Haare trocken rubbelte, und dann zu Skates. "Nein, es wäre besser, wenn der Admiral es nie erfahren würde. Ich brauche jemanden, der die Rolle der Rabbs spielt, nur für ein paar Tage... eine Woche, maximal!" Flehend sah er die beiden Piloten an.
Keeters Hände mit dem Handtuch verharrten abrupt. "Sie wollen, dass wir...?"
"Vergessen Sie’s, Tiner!" knurrte Skates. "Wie soll das denn klappen?! Der Admiral bräuchte nur das People Magazin aufzuschlagen und schon würde er merken, dass das nicht seine beiden Topanwälte sind, die da in trauter Zweisamkeit abgelichtet sind."
"Das wird kein Problem sein, Ma’am. Das Marineministerium hat dem People Magazin zur Bedingung gemacht, dass keine Fotos gemacht werden. Es wird ein reiner Text-Bericht sein. Der Commander und der Colonel sind doch gute Freunde von Ihnen; Sie wissen so viel über sie, dass es sicher niemandem auffallen wird."
Freudig klatschte Granny die Hände zusammen. "Das ist eine wunderbare Idee, Petty Officer Tiny! Die beiden werden Ihnen natürlich gerne helfen!" versicherte sie strahlend.
"Ach ja? Werden wir das?" Skates drehte skeptisch den Kopf in ihre Richtung.
"Komm schon, Elizabeth, es ist Weih-nach-ten!" betonte Granny. "Und wir wollen doch nicht, dass es die letzten Weihnachten des armen Petty Officers werden, oder? Kommt schon, ihr zwei! Jackson, was sagst du dazu?"
Keeter schluckte mühsam. <Was sage ich zu der Aussicht, eine Woche lang Skates’ liebenden Ehemann zu spielen? Ich weiß nicht, ob das der Himmel oder die Hölle auf Erden ist! Ich gebe ja zu, dass ich... na ja, dass ich Skates... dass ich ein klitzekleines Bisschen in sie verschossen bin, aber wenn ich nicht aufpasse und sie das merkt, kommt sie sich bedrängt vor und zieht sich sofort noch mehr von mir zurück!>
"Bitte, Sir!" flehte Tiner, die Hände eng um seine Mütze geschraubt. "Es ist ja nur für eine Woche, eine einzige Woche!"
<Eine Woche... sieben Tage... 168 Stunden... 10.080 Minuten... wie man es auch formuliert, es ist eine Ewigkeit.> Keeter seufzte in sein Schicksal ergeben und nickte schließlich.
"Oh, danke, Sir, danke!" Tiner schoss strahlend von der Couch in die Höhe. "Ich könnte Sie küssen, aber ich möchte Ihre Frau nicht eifersüchtig machen." Er grinste jungenhaft zu Skates hinüber.
"Moment mal!" bremste ihn Skates resolut. "*Ich* habe nicht ja gesagt!"
Tiner erstarrte.
Granny klopfte dem jungen Mann lächelnd die Schulter. "Keine Sorge, Petty Officer Tiny, sie scherzt nur. Elizabeth ist natürlich ganz aus dem Häuschen bei dem Gedanken, endlich verheiratet zu sein."
Hinter ihr schnaubten Skates und Keeter, aber Granny schob den Gast unbeirrt zur Türe hinaus. "Gehen Sie nur, wir machen das schon. Wann kommen denn die Paparazzi?"
Keeter hörte nicht mehr, was die beiden im Gang noch besprachen. Er warf einen Blick auf die Uhr. "Ich denke, ich mach’ mich jetzt mal auf den Weg, um das Ding hier endlich los zu werden." Er klopfte mit der Faust auf den Gips an seinem Arm.
Skates nickte und warf einen Blick aus dem Fenster. "Okay, aber fahr vorsichtig, es schneit immer noch."
<Hey, sollte das etwa schon ehefräuliche Besorgnis sein?!> Keeter grinste. "Aber sicher doch, Mausi-Schatzi."
Skates verzog das Gesicht. "Wenn wir das hier erfolgreich über die Bühne bringen wollen, dann sollten wir uns besser glaubhaftere Kosenamen einfallen lassen."
"Nämlich?" Keeter wartete grinsend. "Liebling, Schnucki, Herzallerliebste..."
"Nashörnchen," feuerte Skates zurück.
Keeter kratzte sich am Kinn. "Überzeugt mich nicht wirklich. Wie sprechen Harm und Mac sich denn immer an?"
"Diese clichémäßigen Kosenamen hab ich jedenfalls noch nie von ihnen gehört, nicht mal ein Schatz oder Liebling," meinte Skates überlegend. "Sie benutzen einfach ihre Namen oder mal ein ‚Flyboy’ und ‚Marine’. Ich denke, wir sollten uns auch daran halten."
"Okay... *Marine*, dann gehe ich jetzt."
Skates schnitt eine Grimasse. "Nicht viel besser als Mausi-Schatzi."
Pfeifend verließ Keeter das Haus.
Eine halbe Stunde später ging er den Gang des Mercy-Hospital hinab und wich zwei jungen Krankenschwestern aus, die ihm mit einem Geschirrwagen entgegenkamen. <Hey, ich hab mich nicht umgedreht, um ihnen hinterher zu sehen!> fiel ihm plötzlich auf. <Fragt sich, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, alter Junge!>
Vor ihm schwangen zwei weitere Glastüren automatisch auf. Suchend sah er sich um. Aus einer offenen Zimmertüre kamen Stimmen und er warf einen kurzen Blick hinein.
Im Raum wimmelte es von ‚Weißkitteln’, die sich um ein Bett herum verteilt hatten.
"Der Patient ist ein 51jähriger Mann, der vor zwei Tagen nach einem Autounfall mit einem Polytrauma eingeliefert wurde, darunter ein SHT, ein Thoraxtrauma und mehrere offene Frakturen," berichtete eine weibliche Stimme.
<Randy? Wer sagt’s denn, ich hab sie gefunden!> Keeter blieb stehen, um zuzuhören.
"Welche Erstversorgung wurde vermutlich durchgeführt?" wollte die Ärztin von ihren ‚Lehrlingen’ wissen.
Die Studenten traten sahen unauffällig weg, bis sich eine junge Frau zu antworten entschloss. "Leichte Oberkörperhochlage, Infusion von 500ml Ringer-Laktat und Beatmung per Trachealtubus," vermutete sie zögernd.
"Richtig. Aber vergessen wir nicht, ihm auch etwas gegen seine Schmerzen zu geben, hm?" erinnerte Dr. Randy Hawkes. "Okay, inzwischen geht’s dem Patienten schon wieder ganz gut, aber jetzt klagt er über Übelkeit, Kopfschmerzen, Hypotonie und ein unerträgliches Brennen der Haut. Was tun wir also?"
Die hochgewachsene Ärztin ließ ihren Blick über ihre Gruppe von Medizinstudenten gleiten. "Kommt schon, dass habt ihr alle gelernt, als ihr fünf Jahre alt wart!" Ihre blauen Augen verengten sich und sie deutete auf einen jungen Mann im Hintergrund. "Mister Thomas, Sie haben die Symptome gehört, jetzt erzählen Sie mir etwas, bevor der Patient einen Tierarzt aufsucht!"
"Ähm... es sieht so aus, als hätte der Patient einen anaphylaktischen Schock? Er könnte allergisch gegen eines der verabreichten Medikamente sein?"
"Sehr gut – außer dass Sie Ihre Antwort wie eine Frage klingen lassen. Sie sind ein Mediziner, kein Kandidat einer gewissen Quizshow, okay?"
Die Medizinstudenten und Assistenzärzte lachten.
"Gut. Doktor Carmichael, übernehmen Sie? Ich hab schon seit zwei Stunden Schichtende und will endlich hier raus, bevor noch etwas Anderes mich aufhält."
Der Assistenzarzt grinste. "Sie meinen..."
"Genau. Das, was immer passiert, wenn ich gerade gehen will. Mrs. Jonessy kommt mal wieder und sagt, sie hätte die neueste Krankheit, die auf dem Markt ist."
Die Gruppe der Nachwuchs-Mediziner lachte erneut. "Okay, Doktor Hawkes, ich übernehme, bevor Ihre Verehrerin Sie findet," meinte der Assistenzarzt schmunzelnd.
Randy Hawkes schritt zur Türe und sah Keeter im Gang stehen. "Hey, hallo, Keeter! Wollen Sie zu mir?"
Keeter studierte die hochgewachsene, eindrucksvolle Gestalt in den blauen Chirurgenhosen und dem weißen Kittel, dessen Namensschild "Dr. M. Hawkes" verkündete. "Ja, eigentlich schon. Ich dachte mir, ich komme mal vorbei und sehe, ob Sie was gegen den hier tun können." Er deutete auf seinen Gips. "Aber wie ich sehe, haben Sie schon ‚Feierabend’ und ich werde mir einfach einen anderen Arzt..."
"Unsinn, das mache ich schon, kein Problem. Matthilda wartet zwar zuhause schon sehnsüchtig auf mich, aber wir haben das sicher ganz schnell," versicherte Randy.
"Oh! Matthilda... ist sie… ähm, Ihre… Freundin?" erkundigte sich Keeter zögernd. <Partnerin? Geliebte? Ich hoffe, ich habe den richtigen Ausdruck benutzt.>
Randy lachte. "Einen besseren Geschmack trauen Sie mir nicht zu? Nein, Mattie ist meine Ziege."
"Ihre *Ziege*?"
Randy nickte amüsiert. "Eine dankbare Patientin hat mir mal eine Zwergziege geschenkt und seitdem lebt das Tier in meinem Haus. Sie bildet sich ein, ein Hund zu sein."
Keeter lachte. "Gott, in welche Familie hab ich da eben eingeheiratet!" murmelte er belustigt.
20. Dezember 2001
2158 Z-Zeit (07:58 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’,
In der Nähe der Hinchinbrook Island,
Queensland, Australien
Mac wurde aus dem Schlaf gerissen, als die Türe des kleinen Badezimmers aufschwang. Als sie die Augen öffnete, sah sie, wie Harm zurück ins Bett kroch und sich neben ihr zu einem engen Ball zusammenrollte. "Harm? Alles okay?" erkundigte sich Mac besorgt.
"Mnnn," murmelte Harm unidentifizierbar in sein Kopfkissen.
Alarmiert setzte Mac sich auf. "Geht’s dir nicht gut?"
Harm drehte den Kopf und sah sie mit leidendem Hunde-Blick an. "Nicht besonders im Moment. Mein Magen ist ein bisschen... flau."
Mac strich ihm behutsam die Haare aus der Stirn. "Fieber hast du keins," urteilte sie. "Vielleicht bist du einfach nur seekrank."
"Seekrank? Iiiiich?" Harm quälte sich in die Höhe. "Mac, ich habe jahrelang auf Flugzeugträgern gedient und war schon auf Schiffen und Booten aller Arten und ich bin *nie* seekrank geworden, kein einziges Mal, ganz egal wie unruhig die See war."
"Hm." Mac hielt es für besser, diese Argumentation zunächst zu akzeptieren, um Harm und seinen Magen nicht noch mehr aufzuregen. "Vielleicht hast du dich irgendwo angesteckt... bei Skates zum Beispiel."
Harm schüttelte den Kopf, ließ die hastige Bewegung aber schnell wieder bleiben, als seine Magennerven heftig protestierten. "Nein," sagte er stattdessen, "Skates hatte nur eine Erkältung, keine Magenverstimmung. Vielleicht hab’ ich ja auch einfach nur was gegessen, was mir nicht so gut bekommt. Fandest du nicht auch, dass diese Anchovis beim Kapitäns-Dinner gestern ein wenig seltsam geschmeckt haben?"
"Die hab ich gar nicht probiert, aber mir ist aufgefallen, dass du ziemlich viel davon gegessen hast... obwohl du normalerweise gar keine Anchovis magst."
Harm legte nachdenklich die Stirn in Falten. "Ich mag sie auch nicht, ganz und gar nicht. Keine Ahnung, was mich dazu gebracht hat, das Zeug anzurühren."
Mac streichelte seine Stirn. "Kann ich irgendetwas für dich tun? Soll ich dir Frühstück ans Bett bringen?"
"Gott, nein, bloß nicht!" wehrte Harm hastig ab, um dann sanfter hinzuzufügen: "Das ist lieb von dir, Mac, aber mir wäre lieber, wenn du mir ein paar von den magenberuhigenden Tabletten bringen würdest, die du nehmen musstest, als du letztens diesen Mageninfekt hattest."
Eine halbe Stunde später ging es Harm ein wenig besser und sie beschlossen, an Deck zu gehen, bevor sie sich ihrer Therapiegruppe anschlossen. Hand in Hand wanderten sie zum Bug des Schiffes, wo der Wind am stärksten blies.
Mac schloss die Augen und hob ihr Gesicht zur Sonne, die Wärme, den Wind und die winzigen Spritzer von Salzwasser auf ihrer Haut genießend.
Harm beobachtete sie, stumm, weil er den friedlichen Moment seiner Frau nicht stören wollte. <In dieser Umgebung sieht sie irgendwie so... anders aus... oder bin ich es, der sie plötzlich anders betrachtet?>
Mac beugte sich jetzt mit dem Oberkörper über die Reling und sah hinab auf die Schaumkronen, die der Bug der ‚Dreamcatcher’ aufwirbelte.
"Sie überlegen doch nicht etwa schon, von Bord zu springen, oder?" ertönte eine ironische Stimme hinter ihnen.
Carl Benton, einer ihrer Tischgefährten, lehnte an der Reling – wieder ohne seine Frau, wie Mac auffiel.
Mac lächelte freundlich. "Nein, keine Sorge. Sind Sie zum Gruppenraum unterwegs? Dann würden wir uns nämlich anschließen... es sei denn, Sie möchten noch auf Ihre Frau warten..."
"Rachel kommt gut ohne mich zurecht," brummte Benton. In seiner Stimme schwang Resignation mit.
Harm und Mac wechselten einen kurzen Blick, bevor sie Carl Benton in den Therapieraum folgten.
Ihre Therapeutin, Anne-Marie Chavez-Burton, und die anderen Paare warteten bereits. Eilig setzten sich die Neuankömmlinge auf die freien Plätze im Stuhlkreis.
"Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, aber meinem Mann war heute Morgen etwas flau im Magen," entschuldigte sich Mac höflich.
"Kein Problem, wir haben noch nicht angefangen. Guten Morgen nochmals," grüßte die Therapeutin freundlich, "wir werden in den nächsten drei Wochen viel Zeit miteinander verbringen und wir werden Dinge besprechen, die Sie vermutlich nicht einmal Ihren besten Freunden zuhause anvertraut haben, deshalb dachte ich, wir könnten damit beginnen, uns erst einmal vorzustellen. Möchten Sie den Anfang machen, Mister...?"
"DelRey, Lennard DelRey," sagte der gutgekleidete Mann neben ihr. "Na schön, also, ich bin Präsident einer Investment-Firma und 58 Jahre alt. Meine Frau, Edith, ist ehrenamtliche Vorsitzende mehrerer sozialer Stiftungen. Wir kommen aus New York City und sind seit mittlerweile... 31 Jahren verheiratet."
Der nächste in der Reihe war Carl Benton, der wenig erfreut aufsah, als er die Blicke der anderen auf sich ruhen spürte. "Ich bin Carl Benton, 32, und Ingenieur einer Firma in Detroit," erklärte er knapp.
Alle warteten auf weitere Worte, aber als klar wurde, dass er nicht die Absicht hatte, auch seine Frau vorzustellen, räusperte sich Rachel, eine blonde Frau mit sanften braunen Augen. "Hallo, ich bin Rachel Benton. Ich bin 31 und ich arbeite als Gynäkologin in einer Gemeinschaftspraxis in Detroit."
"Wow, mein Traumberuf!" kommentierte Ben Yates und alle lachten – alle, mit Ausnahme von Carl Benton, den scheinbar nichts aus seiner Verstimmung reißen konnte.
<Hmm, ich frage mich wirklich, ob dieser Carl Benton nicht etwas mit Bennet Carlisle zu tun hat!> überlegte Harm, einen schnellen Blick mit Mac austauschend. <Ingenieur, sagt er... wenn ich mich recht entsinne, gehörte Carlisle zum technischen Stab der USS MacKenzie.>
Mrs. Yates war die nächste in der Runde. "Guten Morgen. Ich bin Nancy Yates aus Newport News und das hier ist mein Mann, Ben. Wir sind beide 33. Ich arbeite halbtags in der Stadt-Verwaltung und Ben ist Mechaniker. Wir sind seit sechs Jahren verheiratet und haben einen dreijährigen Sohn."
Die Therapeutin nickte Mac erwartungsvoll zu, als Zeichen, dass sie jetzt an der Reihe war.
Mac ging in Kürze die Geschichte durch, auf die der Admiral und sie sich geeinigt hatten. Sie hatten beschlossen, möglichst dicht an der Wahrheit zu bleiben, um sich nicht in einem Netzwerk aus Lügen zu verstricken. "Hallo. Mein Name ist Sarah MacKenzie-Rabb und dieser s..." Sie stoppte sich gerade noch. <Man, ist das schwer! Beinahe hätte ich ‚dieser stattliche, charmante Mann’ gesagt!> "... dieser seekranke Mensch neben mir ist mein Mann Harm. Ich bin 33 und mein Mann ist 38. Wir leben in Washington D.C., sind seit vier Monaten, zwölf Tagen und etwa sechs Stunden verheiratet..."
"Darf ich fragen, warum Sie das so genau wissen?" erkundigte sich Anne-Marie Chavez-Burton aufmerksam. Ihr war anzusehen, dass sie befürchtete, die Ehe sei so schlecht, dass jede Minute den Ehepartnern wie eine Ewigkeit vorkam.
"Oh!" Mac biss sich verlegen auf die Lippe. "Ich habe nicht darüber nachgedacht, ich tue das ganz automatisch. Ich habe so etwas wie eine innere Uhr."
Harm hielt sich mit Mühe davon ab, einen stolzen Blick auf seine Frau zu richten.
"...ähm, na ja, wie gesagt, wir sind seit etwa vier Monaten verheiratet, haben keine Kinder und arbeiten beide als Anwälte."
Die Therapeutin lächelte. "Oh, die natürlichen Feinde aller Paartherapeuten. Nicht auf Scheidungs-Recht spezialisiert, wie ich hoffe?"
Mac erwiderte das Lächeln. "Nein, keine Sorge; wir haben vor allem mit... Arbeits-Recht zu tun."
"Danke schön," die Therapeutin nickte allen Kursteilnehmern zu, "dann möchte ich mich auch noch kurz vorstellen. Mein Name ist Anne-Marie Chavez-Burton und nein, auch wenn der Name vielleicht diese Befürchtung in Ihnen weckt, ich bin nicht geschieden, sondern glücklich verheiratet, mit einem Therapeuten übrigens. Ich bin 46 Jahre alt und komme eigentlich aus Seattle."
Sie warf einen Blick auf die Uhr. "Oh, ich wünschte plötzlich, ich hätte Ihre innere Uhr, Mrs. Rabb. Ich stelle gerade fest, dass uns nur noch zehn Minuten bleiben. Okay, also, das Ganze eben in Kurzform: In den nächsten drei Wochen werden Sie täglich zwei Stunden in der Paartherapie verbringen, eine morgens und eine abends. Einige der Treffen werden hier in der Gruppe stattfinden, andere werden Sie nur mit Ihrem Ehepartner und mir haben." Mrs. Burton reichte Terminpläne herum.
"In den nächsten Wochen werden wir uns unter anderem auch mit spezifischen Themen beschäftigen, die häufig für Uneinigkeit und Streit in Beziehungen sorgen: Geld, Sex, die Erziehung der Kinder, Arbeit und Haushalt. Die Hauptarbeit wird aber nicht nur in den Sitzungen stattfinden, sondern vor allem zwischen Ihnen. Jeden Tag wird es eine bestimmte Hausaufgabe für Sie geben, die Sie bis zum nächsten Treffen der Gruppe bearbeiten sollen. Es ist wirklich wichtig, dass Sie und Ihr Mann oder Ihre Frau sich ernsthaft zusammensetzen und sich Gedanken dazu machen. In der Aufgabe von heute geht es um offene Kommunikation. Sie sollen sich gemeinsam fünf Dinge überlegen, die Ihnen an dem ‚Wir’, das Sie geschaffen haben, gefallen, und fünf Dinge, die Sie an dem ‚Wir’ gerne ändern möchten." Die Therapeutin ließ ihren Blick über die Teilnehmer der Paartherapie schweifen. "Vielleicht werden Sie sogar feststellen, dass Sie eigentlich gar kein ‚Wir’ gebildet haben, sondern nur zwei ‚Ich’ weiterhin getrennt zusammenleben."
Noch ein Blick auf die Uhr. "Okay, wir sehen uns morgen früh, selbe Zeit, selber Ort. Genießen Sie Ihren Ausflug und vergessen Sie darüber Ihre Hausaufgabe nicht."
Mit eher gedämpftem Enthusiasmus verließen die vier Paare den Therapieraum und machten sich auf den Weg an Deck, wo inzwischen schon die ersten Boote zu Wasser gelassen wurden.
Harm und Mac fanden sich schließlich im selben Zodiac wieder wie Ben und Nancy Yates.
Die unruhige Schaukelei, als das Schlauchboot mit Außenmotor durch die Mangrovensümpfe an der Küste von Hinchinbrook-Island kurvte, ließ Harm wieder ein wenig blass um die Nase werden, aber er wurde abgelenkt, als ein Salzwasser-Krokodil ein paar Meter von ihnen entfernt vorbeiglitt und dann im Mangrovendickicht verschwand.
Eine halbe Stunde später vertäuten die Bootsführer das Zodiac an einer Bootsanlegestelle in der Nähe des Mangrovensumpfes.
Mac beobachtete mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung Harms Gesicht, als er aus dem Schlauchboot kletterte. "Hey, du siehst fast so aus, als würdest du am liebsten auf die Knie fallen und vor Erleichterung den Boden küssen."
Harm grinste schwach. "Der Gedanke ist mir gekommen, glaub mir."
Er riss sich zusammen, als sie einen einsamen Sandstrand entlang geführt wurden. Allmählich wich die flache Landschaft dichtem Regenwald.
Das Dach aus Baumkronen über ihnen wurde bald so dicht, dass es fast schien, als bewegten sie sich durch eine gigantische grüne Höhle. Ihr Reiseführer führte sie einen schmalen Pfad entlang, hindurch zwischen riesigen Bäumen, die mit Moosen, Lianen und Baumorchideen bewachsen waren. Große, farbenprächtige Schmetterlinge flatterten an den Touristen vorbei und die Feuchtigkeit hing fast wie Nebel in der Luft.
"Ich wäre nicht überrascht, wenn sich gleich Tarzan auf einer Liane an uns vorbeischwingen würde," kommentierte Carl Benton, "oder vorzugsweise Jane." Er grinste, ohne den finsteren Blick seiner Frau zur Kenntnis zu nehmen.
Der Reiseleiter winkte seiner Gruppe, sich ihm leise zu nähern. "Ein Echidna, auch Schnabel- oder Ameisenigel genannt," erklärte er flüsternd.
Das mit langen Stacheln bedeckte Tier stocherte mit seiner langen Schnauze auf der Suche nach Termiten, Schnecken und Würmern in den Blättern am Boden herum.
"Ich vermute, das Echidna sieht wie ein riesiger Igel für Sie aus, aber es sind Kloakentiere – sie legen Eier, säugen aber ihre Jungen und tragen sie in einem Brustbeutel." erzählte der Expeditionsleiter.
Das Echidna hörte schließlich auf, in den Blättern zu wühlen, hob den Kopf und blickte sie aus seinen kleinen, schwarzen Augen an. Dann schnaubte es erschrocken, grub blitzschnell mit seinen scharfen Krallen in der Erde und rollte sich zu einer Kugel zusammen, so dass nur noch seine Stacheln aus dem Boden ragten.
Der Reiseleiter winkte seine Gruppe weiter, wies sie im Vorbeigehen auf ein Gecko und einen grünen Baumfrosch hin. "Ah, sehen Sie sich das an..." Er zeigte auf eine schlanke, stachelige Kletterpflanze, die sich auf der Suche nach Licht im Blätterwerk des Regenwalds mit spitzen Haken an einem Baum entlang nach oben wand. "Das ist eine Kletterpflanze, aber man nennt sie auch ‚Anwaltsranken’, wegen ihrer scharfen Haken – was sie einmal in der Mangel haben, lassen sie nie wieder los."
Harm und Mac lächelten duldsam, als der Rest der Gruppe lachte. Harm schüttelte den Kopf. "Pffh, australischer Humor!"
21. Dezember 2001
2328 Z-Zeit (18:28 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Und Sie sind wirklich sicher, dass Sie nicht erst eine Tasse Kaffee möchten, bevor Sie mit dem Interview beginnen?" Skates versuchte, das Lächeln des Staubsauger-Vertreters zu imitieren, der es voriges Jahr geschafft hatte, ihrer Mutter einen Staubsauger zu verkaufen – obwohl die Hawkes-Residenz überwiegend mit Parkett-Boden ausgestattet war.
Die Journalistin vom People Magazin schüttelte resolut den Kopf. "Nein, Danke, Mrs. Rabb. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen."
"Oh. Na schön, wenn Sie sicher sind." Hilflos starrte Skates zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, dass Keeter oder zumindest Will oder Granny heimkehren und ihr aus der Patsche helfen würden. Aber leider war draußen außer ein paar Schneeflocken nicht viel zu sehen.
"Vielleicht sollten wir einfach vorne beginnen," schlug Rebecca Worthing vor. "Erzählen Sie mir ganz einfach frei, in Ihren eigenen Worten, wie Sie und Ihr Mann sich kennen gelernt haben."
<Ganz einfach!> dachte Skates ironisch, während sie verzweifelt versuchte, sich an all die Geschichten zu erinnern, die Granny und Will ständig erzählten. Verlegen musste sie feststellen, dass sie irgendwann wohl einfach nicht mehr hingehört hatte; jedenfalls war diese spezielle Geschichte ihr entfallen. "Also, das war... ähm, also, wir waren beide gerade im Dienst... genau, als wir uns kennen lernten, waren Harm und ich gerade dienstlich unterwegs..."
Skates unterbrach sich und schoss von der Couch in die Höhe, als sie hörte, wie ein Schlüssel im Schloss gedrehte wurde und die Haustüre aufschwang. Selten zuvor war sie so froh gewesen, Keeters breite Gestalt im Türrahmen auftauchen zu sehen. "Hallo, Sk...," setzte er an.
Skates sprang auf ihn zu und bevor er sie beide und den armen Tiner mit einer falschen Anrede verraten konnte, hatte sie ihre Lippen mit Nachdruck auf die seinen gepresst.
Keeter ließ die Hundeleine fallen, die er noch in der Hand gehalten hatte, und schlang automatisch beide Arme um Skates’ Taille, als er überrascht ihren Kuss erwiderte.
"Ah, Commander Rabb." Die Reporterin strich ihren kurzen Rock glatt, als sie sich erhob. "Aber wo bleiben meine Manieren... guten Abend, schön Sie kennen zu lernen. Ich bin Rebecca Worthing... Sie können mich ruhig Rebecca nennen."
Skates sah irritiert zu, wie die rotgeschminkten Lippen der Journalistin ihrem ‚Ehemann’ sinnlich zulächelten. Energisch zog sie Keeter hinter sich her aufs Sofa und legte besitzergreifend die Hand auf sein Bein.
Der arme Keeter musste sich beherrschen, um nicht einen halben Meter in die Höhe zu springen, als er die Finger spürte, die sein Knie hinaufwanderten. "Ähm, sehr angenehm, Miss Worthing."
Die Journalistin nahm ihnen gegenüber Platz. "Ihre Frau wollte mir gerade erzählen, wie Sie sich kennen gelernt haben," sagte sie sachlich, so als habe sie mental die Gänge gewechselt, nachdem sie gesehen hatte, dass der Gastgeber mit keiner anderen als seiner eigenen Frau flirtete.
"So, wollte sie das?" Keeter grinste auf Skates hinab, die begann, sich ein wenig unbehaglich zu winden.
"Ja, aber jetzt, wo du da bist, kannst du das ja machen, *Schatz*, du erzählst das immer so viel besser als ich," erklärte Skates eilig.
Keeter nickte lächelnd. <Endlich zahlen sich die langen Stunden, die ich mit Mac in der Wüste verbracht habe, aus. Ich kenne die Geschichte praktisch vor- und rückwärts.> "Aber sicher, Marine." Er nutzte die Gelegenheit, um einen Arm über die Couchlehne und Skates Schulter zu legen. "Es war vor fünf Jahren, 11 Monaten..."
"... drei Tagen, zehn Stunden und 32 Minuten," fügte Skates hinzu, ohne sich anmerken zu lassen, dass die Zahlen frei erfunden waren.
Keeter nickte. "Ich schätze, das stimmt. Sie tut das die ganze Zeit, wissen Sie?" Keeter lächelte liebevoll auf ‚seine Ehefrau’ hinab. "Also, wir trafen uns im Rosengarten des Weißen Hauses. Unser kommandierender Offizier, Admiral Chegwidden, hat uns einander vorgestellt, weil wir zusammen an einem Fall arbeiten sollten."
"Und wie war es so für Sie beide, in einem Team zusammen zu arbeiten?" wollte Rebecca Worthing wissen.
"Oh, es klappte prima," sagte Keeter im selben Moment, als Skates meinte: "Es war ziemlich schwierig."
Einen Moment lang starrten die drei Personen sich gegenseitig an, dann fügte Keeter geistesgegenwärtig hinzu: "Es klappte so prima zwischen uns, dass es ziemlich schwierig war, das vor den anderen zu verheimlichen. Wissen Sie, die Navy hat Vorschriften, die besagen, dass Offiziere sich nicht mit Personen, die unter ihnen dienen oder unter demselben Kommando arbeiten, einlassen dürfen."
"Dann haben Sie die Vorschriften gebrochen, um zusammen sein zu können?" Miss Worthing strahlte, als sie eine Bestseller-Story à la Romeo und Julia witterte.
Würdevoll hob Skates den Kopf. "Wir sind Offiziere der Streitkräfte, Miss Worthing, und wir wissen, wie wir uns als solche zu verhalten haben. Wir waren fünf Jahre lang die besten Freunde und es ist nie etwas zwischen uns passiert." <Jedenfalls haben Harm und Mac mir immer versichert, dass nie etwas passiert sei.>
"Wirklich?"
<Das hab ich die beiden auch immer gefragt.> "Wirklich," versicherte Skates. "Harm ist ein Offizier und Gentleman." Sie tätschelte Keeters Bein. "Wenn nicht Granny gewesen wäre..."
"Granny? Ihre Großmutter?" vermutete die Journalistin.
"Richtig." Skates kam sich selbst schon fast so vor, als wäre Granny wirklich ihre eigene Großmutter. "Na ja, eigentlich ist sie Harms Großmutter, aber sie hat mich gewissermaßen adoptiert. Sie hat sich alle möglichen Dinge einfallen lassen, um Harm und M... mich zusammen zu bringen... angesägte Betten, überschwemmte Wohnungen, Mistelzweige..."
"Hmmm," Rebecca Worthing kritzelte eifrig auf ihrem Notizblock herum, "mir scheint, ich sollte dringend mal mit Ihrer Großmutter reden. Sie scheint eine Phantasie zu haben, die einer Angehörigen der schreibenden Gilde würdig wäre! Wo finde ich diese Perle der Verkuppel-Kunst?"
"Ich glaube, ich habe sie eben in dieser Bar drei Blocks weiter gesehen, als ich mit den Hunden gelaufen bin," warf Keeter ein.
Rebecca Worthing warf einen Blick auf die Uhr. "Okay, dann werde ich mal zusehen, dass ich sie noch erwische und mich dann morgen wieder bei Ihnen melden." Sie verabschiedete sich hastig und eilte zur Türe hinaus, auf der Suche nach der alten Dame, die hoffentlich ihre Leser fesseln würde.
"Wuh! Gott sei Dank!" Skates rutschte auf dem Sofa nach unten. "Ich war auf ein solches Verhör nicht so richtig vorbereitet. Glaubst du, sie wird Granny noch dort antreffen?"
Keeter lächelte und hielt im letzten Moment seine ungehorsamen Finger davon ab, Skates Haar zu streicheln. "In einer Leder-Bar? Wohl kaum."
Hustend und lachend stemmte sich Skates in die Höhe. "Oh, man, Keeter, das ist göttlich! Ich könnte dich wirklich küssen!" rief sie schadenfroh.
"Tu’ dir keinen Zwang an. Ich habe nichts dagegen, wenn du deinen ehelichen Pflichten jetzt nachkommen willst," meinte Keeter schmunzelnd. Vielleicht war dieses Interview doch keine so schlechte Sache, wenn es Skates dazu brachte, ihn zu küssen.
Skates rollte mit den Augen und hauchte ihm blitzschnell einen Kuss auf die Wange. "Danke für die Rettung, aber denk daran: Du bist ein Offizier und Gentleman."
Keeter schüttelte verwegen grinsend den Kopf. "*Harm* ist ein Offizier und Gentleman – ich bin ein Offizier."
Skates lehnte sich auf der Couch zurück. "Und, was machen wir jetzt? Sollen wir eine Kleinigkeit kochen?"
"Mmh, ich weiß nicht; ich möchte nicht unbedingt feststellen, ob du mit Macs Rolle auch ihre Kochkünste übernommen hast. Uns wird schon noch eine andere Beschäftigungsmöglichkeit einfallen, schließlich sind wir ein frischverheiratetes Paar," meinte Keeter schmunzelnd.
"Du hast recht," stimmte Skates überraschend zu, "da wäre zum Beispiel ein Kurs im Wäsche waschen, den mein Ehemann bitter nötig hat!"
Keeter setzte seine unschuldigste Miene auf. "Iiiich?"
"Nicht, dass ich deine Bemühungen nicht anerkennen würde, Keeter, aber meine Angora-Socken wären mir in ihrer Original-Farbe doch lieber gewesen als in Schweinchen-Rosa! Ganz abgesehen davon, dass sie jetzt gerade noch so groß sind." Skates hielt Zeigefinger und Daumen eine Handbreit auseinander.
"Hey, es ist bald Weihnachten, vielleicht hast du eine Nichte, die sich über rosa Angora-Socken freuen würde," schlug Keeter unbeeindruckt vor.
Skates schüttelte den Kopf. "Ich bin ein Einzelkind, Keeter," erinnerte die Jägerleitoffizierin.
Keeter räusperte sich verlegen. "Aber sonst hat deine Wäsche meine jungfräuliche Erprobung der Waschmaschine doch ganz gut überstanden, oder?"
"Ja, wenn man von meiner Seidenunterwäsche absieht schon... die hat jetzt in etwa dieselbe Größe wie die Angora-Socken."
"Mach dir nichts draus, Männer lieben knappe Unterwäsche," tröstete Keeter grinsend.
"Ach ja?" Skates grinste schelmisch. "Vielleicht sollte ich sie dir dann zu Weihnachten schenken?"
Keeter hustete und erhob sich. "Wie wär’s mit einem Glas Wein?" Er verschwand in der Küche und kehrte mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück. Bevor er sich wieder neben Skates auf der Couch niederließ, zündete er die Kerze auf dem niedrigen Wohnzimmertisch an.
Eine Weile nippten sie beide schweigend an ihrem Rotwein und sahen zu, wie draußen lautlos der Schnee fiel und den Garten in eine weiße Decke hüllte. Hinter ihnen knackte und prasselte das Feuer im Kamin. Ab und zu barst eines der Holzstücke und ein Funkenregen sprühte auf.
"Noch Wein?" fragte Keeter nach einer Weile und erhob sich, um Skates nachzuschenken. Er selbst hatte sein Glas noch nicht einmal zur Hälfte geleert, denn er hatte sich vorgenommen, sich heute nur ein einziges Glas zu erlauben. Er wollte nicht, dass irgendetwas sein Bewusstsein trübte. <Mit Ausnahme von Skates betörender Anwesenheit, natürlich.>
Beinahe hätte Keeter den Wein verschüttet, als das Licht plötzlich ausging und der Raum nur noch durch die flackernde Kerze und das Kaminfeuer im Hintergrund beleuchtet wurde.
"Glühdraht durchgebrannt?" vermutete Skates.
Keeter schüttelte den Kopf, als er versuchte, das Licht in der Küche einzuschalten. "Nein, hier geht auch nichts. Vielleicht haben Harm und Mac ihre Stromrechnung nicht bezahlt. Ich gehe mal zum Sicherungskasten."
Skates schloss hastig die Finger um Keeters Arm und hielt ihn zurück. "Der ist unten im Keller. Ehe du den ohne Taschenlampe findest, hast du dir vermutlich den nächsten Knochen gebrochen. Bleib hier, wir brauchen im Moment ja nicht unbedingt Strom und wenn Granny und Will zurückkommen, können wir sie fragen, wo Taschenlampen sind."
Eine Stunde später saßen sie noch immer auf der Couch, jeder einen riesigen Teller mit halbzerschmolzener Eiscreme auf dem Schoß.
Keeter zuckte zusammen, als er plötzlich Skates Hand in seinem Nacken spürte. Er schluckte mühsam, als ihre Finger begannen, die Härchen in seinem Nacken zu kraulen. Langsam, um Skates nicht bei ihrer angenehmen Tätigkeit zu stören, drehte er den Kopf.
Skates starrte unentwegt die flackernde Kerze auf dem Tisch an. Sie verfolgte beinahe hypnotisiert das Tanzen der Flamme und die Schatten, die sie über den Tisch warf, ohne sich bewusst zu sein, was sie gleichzeitig mit ihrer Hand tat.
Keeter schloss die Augen. <Man, so muss sich die Hölle auf Erden anfühlen! Immerhin, der erste Tag ist vorbei,> erinnerte er sich selbst. <Noch sechs weitere und ich hab’s geschafft... wenn mich Skates nicht vorher in den Wahnsinn treibt.> Er biss die Zähne zusammen, um ein genießerisches Stöhnen zu unterdrücken.
Schließlich schob Keeter seinen Eisteller zurück. "Ich glaube, ich gehe ins Bett."
"Gut. Ich schließe mich dir an." Skates erhob sich ebenfalls.
Keeter schnitt in Gedanken eine Grimasse. <Nette Wortwahl. Gott, man hat’s wirklich nicht leicht mit dieser Frau!> Er folgte Skates zur Treppe und stellte fest, dass das Licht in der obersten Etage zu funktionieren schien. "Ich bring’ dich noch nach oben und nehme Amaretto mit runter, sonst weckt sie dich morgen früh."
Skates lächelte, als Keeter hinter ihr die Treppe hinauftrottete und ihr schließlich sogar fürsorglich die Bettdecke zurückschlug. "Ist schon viele Jahre her, dass mich jemand ins Bett gebracht hat. Umdrehen," befahl sie, als sie ihre Jogginghose auszog und den BH geschickt aus dem Ärmel ihres Schlaf-T-Shirts schüttelte. Dann schlüpfte sie ins Bett und ließ zu, dass Keeter die Decke um sie herum fest stopfte.
Keeter saß auf der Bettkante und lächelte auf Skates hinab. "Gute Nacht, Skates." Er zögerte, beugte sich dann ein wenig hinab, nur um dann erneut zu zögern und ihr dann einen raschen Kuss auf den Mundwinkel zu hauchen. Eilig erhob er sich, ging zur Türe und knipste das Licht aus, fast als hätte er Angst, Skates Reaktion zu sehen.
Skates lag da und starrte in die Dunkelheit. "Gute Nacht," murmelte sie verspätet, als Keeter schon längst auf der Treppe war und es nicht mehr hören konnte.
Zehn Minuten später lag Keeter auf seinem Sofa-Bett und wälzte sich unruhig herum. Inzwischen schien der Strom auch im Wohnzimmer wieder zu fließen, aber er war zu müde, um noch zu lesen. Der unaufdringliche Duft von Skates Parfüm hing noch in dem Kissen der Couch und Keeter schlang seufzend seine Arme darum. "Amaretto?" fragte er in die Dunkelheit, als er Geräusche von der Treppe her hörte. "Ich hab dir doch gesagt, du sollst hier unten bleiben!"
"Ich glaube nicht, dass hier unten auf der Couch genügend Platz für uns beide wäre," kam Skates Stimme von der Türe her.
Keeter fiel beinahe von der Couch, als er sich hastig umdrehte und das Licht anschaltete. "Hey, Skates, was ist los? Kannst du nicht schlafen?" erkundigte er sich vorsichtig, halb befürchtend, sie würde ihm gleich eine Predigt über seinen unerwünschten Kuss halten oder ihm ein ‚rotes Licht’ zeigen.
Das rotnasige Rentier auf Skates Schlaf-Shirt tanzte auf und ab, als sie mit den Schultern zuckte. "Ich war schon fast am Einschlafen, als mir plötzlich einfiel, dass du mich ins Bett gebracht und zugedeckt hast, aber... na ja... dass du niemanden hast, der kommt und dich zudeckt." Die Pilotin sah auf ihre nackten Füße hinab.
Keeter musste grinsen. "Oach, das ist schon okay, Skates," meinte er wegwerfend, "ich bin seit Jahren daran gewöhnt, mich selbst zuzudecken."
"Ich auch, aber... es war trotzdem ganz nett, so zur Abwechslung. Also... hier bin ich. Jetzt bringe *ich* *dich* ins Bett."
Keeter verzichtete atemlos darauf, sie darauf hinzuweisen, dass er sich bereits im Bett befand.
Skates kniete sich in den engen Raum zwischen Sofa und Wohnzimmertisch, zog die Decke bis hoch zu Keeters Kinn und zupfte ihm ein paar wirre Haarsträhnen aus den Augen. "Gute Nacht, Keeter." Sie stützte eine Hand gegen seine Schulter, als sie sich über ihn beugte und den Kuss auf den Mundwinkel wiederholte.
Keeter bemerkte erst, dass er den Atem angehalten hatte, als Skates die Wohnzimmertüre schloss und er nach Luft schnappen musste.
21. Dezember 2001
2204 Z-Zeit (08:04 EAST / East Australian Standard Time)
An Bord der ‚Dreamcatcher’
Im Hafen von Townsville,
Queensland, Australien
Harms Hand tastete über das Bettlaken und stieß erfreut auf das menschliche Knäuel, das sich neben ihm zusammengerollt hatte. Er hatte schon befürchtet, Mac könne aufgestanden sein, um noch vor dem Frühstück durchs Schiff zu joggen, aber sie schlief noch friedlich.
Als er sich auf dem Ellenbogen aufstützte, um sie sanft aufzuwecken, schlug seine Zufriedenheit abrupt in Unbehagen um. "Woooarrrgh!" Er presste mühsam die Lippen zusammen.
Schläfrig öffnete Mac die Augen. "Harm? Bist du wach? Mir ist eben eingefallen, dass wir unsere ‚Hausaufgaben’ noch machen müssen. Das hat mich wohl aufgeweckt." Sie rollte sich herum und ließ ihre Hände Harms nackte Schultern empor gleiten. "Guten Morgen. Ich verlange die sofortige Erfüllung von Hausregel Nummer vier!" Ihre Lippen schwebten erwartungsvoll über denen ihres Mannes.
Harm stöhnte. "Glaub mir, Mac, du willst jetzt keinen Guten-Morgen-Kuss von mir... meine Zunge fühlt sich an, als hätte ich die ganze Nacht lang das Deck damit geschrubbt!"
"Schon wieder seekrank?" Sanft vergrub Mac die Finger in Harms Haar und begann beruhigend auf- und ab zu streicheln.
"Ich bin nicht seekrank!" protestierte Harm, beide Hände auf den Magen gepresst. "Ich habe die sieben Weltmeere besegelt..."
"Flugzeugträger haben keine Segel," erinnerte Mac milde lächelnd.
Harm knirschte nur mit den Zähnen.
"Soll ich dir ein paar Tabletten gegen deine ‚Nicht-Seekrankheit’ holen?" bot Mac empathisch an.
Harm schüttelte leicht den Kopf. "Nicht nötig, das geht gleich wieder. War ja gestern auch so."
"Vielleicht könnten wir ja auch ein uraltes Hausmittel ausprobieren..." Mac lehnte sich über ihren kranken Ehemann und begann, zärtlich an seinem Ohrläppchen zu knabbern.
"W...was...? Mmm-hmmmm..." Harms Augenlider senkten sich, als Macs ‘Behandlung’ begann, ein angenehmes Prickeln durch seinen Körper zu senden. Seine verkrampften Schultern entspannten sich und sein nervöser Magen gab endlich Ruhe. "Wow! Das solltest du dir patentieren lassen!"
Mac gab zögernd das Ohrläppchen frei, um antworten zu können. "Ich fürchte, das hat Granny schon getan. Das Rezept stammt von ihr."
"Meine Großmutter bringt dir solche Sachen bei?!"
"Sie hat das eigentlich erfunden, um Will von den ‚fürchterlichen Start- und Landemanövern von Zivilpiloten’ abzulenken," erklärte Mac, "aber mir scheint, das Mittel ist universell einsetzbar. Leider hilft es uns aber auch nicht bei unserer Hausaufgabe weiter, die wir in exakt 48 Minuten abliefern müssen."
"Hm. Wie war das noch? Was wir an dem ‚wir’ mögen und nicht mögen," überlegte Harm, während er vorsichtig die Füße aus dem Bett schwang. "Also, ich mag, dass du in meinem Pyjama-Oberteil, mit Linien vom Kissen im Gesicht und zerwühltem Haar immer noch atemberaubend bist."
Mac eilte an ihm vorbei ins Badezimmer, um sich eine Bürste zu schnappen. "Das magst du an ‚mir’, nicht an ‚uns’," korrigierte sie.
Harm quetschte sich in dem engen Badezimmer vorbei an Mac in Richtung Dusche. "Okay, ich mag an dem ‚Wir’, dass wir über alles reden können; egal ob es JAG ist oder Paläontologie oder das Fernsehprogramm."
"Das mag ich auch. Und ich mag, dass wir soviel Spaß zusammen haben. Ich liebe es, mit dir zusammen zu lachen," meinte Mac, sich die Zahnbürste greifend. Niemand konnte sie so zum Lachen bringen wie Harm. Sein einzigartiger Sinn für Humor war eines der Dinge, die sie besonders an ihm mochte.
"Ich mag an uns, dass wir nicht unbedingt reden müssen, um auszudrücken, was wir fühlen," zählte Harm auf, durch das Glas der Duschwanne in Macs Augen sehend.
Mac spuckte einen Mundvoll Zahnpasta aus. "Ich mag, dass wir 24 Stunden am Tag miteinander verbringen können, ohne uns je zu langweilen."
"Und ich mag es, wenn wir zusammen duschen." Ein langer Arm schob sich zwischen der Türe zur Duschwanne hindurch, schlang sich um Macs Taille und zog sie unter den warmen Wasserstrahl.
Über eine halbe Stunde später waren die Rabbs ohne Frühstück auf dem Weg aufs Observationsdeck. "Okay, nun, da wir das geklärt haben, was magst du denn nun *nicht* an uns?" erkundigte sich Mac, einen Arm um Harms Hüfte legend.
Harm zuckte die breiten Schultern. "Da fällt mir nichts ein."
"Feigling."
Harm hob die Brauen. "Ich bin kein Feigling, sondern ein glücklich verheirateter Mann!" protestierte er entschlossen.
"Und dir fällt nicht mal eine einzige Kleinigkeit ein, die du an uns ändern würdest?" hakte Mac ungläubig nach. "Nichts, was du an *mir* ändern würdest?" Keiner ihrer bisherigen Lebenspartner hatte jemals ein Problem damit gehabt, Dinge zu finden, die es an ihr zu kritisieren gab – ganz im Gegenteil.
"Nein, nichts. Nicht ein einziges Detail." Harm sah sich rasch um und küsste Mac auf die Nasenspitze. "Ich liebe dich so wie du bist."
Mac lehnte sich gegen ihn. "Weißt du was?" fragte sie, das Gesicht gegen seinen Hals gepresst.
"Was?"
"Ich war nie gut darin, meine Hausaufgaben vorschriftgemäß zu erledigen. Sieht so aus, als würde es dabei bleiben."
Zum zweiten Mal in ebenso vielen Tagen kamen die Rabbs zu spät zur Gruppentherapie. Anne-Marie Chavez-Burton sah von ihrer Teilnehmerliste auf, als sie den Therapieraum betraten.
"Entschuldigung," murmelte Harm, als er sich setzte, "mir war ein wenig... flau im Magen und meine Frau hat mir... ähm... mit einem Hausmittel geholfen."
Die Therapeutin ließ ihren prüfenden Blick zwischen den angeblich zerstrittenen Ehepartnern hin- und hergleiten. Ihr war unschwer anzusehen, dass sie glaubte, Harms Magenprobleme wären das therapeutische Äquivalent einer Migräne – nur eine Ausrede, um zu verbergen, dass sie wegen irgendwelcher Uneinigkeiten zu spät gekommen waren. "Mister und Mrs. Yates waren gerade dabei zu erzählen, was sie dazu veranlasst hat, diese Therapie zu beginnen," erklärte sie für die zu spät Gekommenen.
Der junge Mechaniker nickte. "Ich hab’ nie so richtig gesehen, dass wir Probleme haben. Dazu war ich viel zu wenig zuhause..."
Harm und Mac wechselten einen unauffälligen Blick. <Nie zuhause. Könnte auf Bennet Carlisle passen.>
"... ständig auf Montagen, Dienstreisen, Fortbildungen. Eines Tages kam ich nach Hause und fand die Wohnung leer vor. Nancy war weg, unser Sohn war weg, sogar der Hund war weg."
"Autsch!" murmelte Harm.
Mac lehnte sich zu ihm hinüber und wisperte: "Denk daran, dass Jingo eigentlich *mein* Hund ist, solltest du je auf solche Gedanken kommen!"
"Zwei Wochen später hat sie sich bei mir gemeldet und mir ein Ultimatum gestellt: Entweder wir tun etwas für unsere Ehe oder sie verlässt mich." Ben Yates schluckte mühsam und sah seine Frau nicht an, versuchte aber aus den Augenwinkeln ihre Reaktion zu erkennen.
Nancy betrachtete eine interessante Stelle auf ihren Fingernägeln. "Ich... ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. So hatte ich mir unsere Ehe einfach nicht vorgestellt."
"Was ist ‚so’?" fragte Mrs. Chavez-Burton sanft nach.
"Es gibt ziemlich wenig ‚Wir’... eigentlich verbindet uns nur Denny, unser Sohn," erklärte Nancy Yates zögernd.
Die Therapeutin schüttelte den Kopf. "Sie haben noch etwas gemeinsam; Sie sind beide hier, nicht wahr? Und das zeigt doch, dass Sie beide an Ihrer Beziehung hängen und bereit sind, daran zu arbeiten."
Die beiden Yates’ nickten hoffnungsvoll.
"Okay," Anne-Marie Chavez-Burtons Blick wechselte zum nächsten Paar im Stuhlkreis. "Warum erzählen Sie uns nicht kurz, was Sie hierher geführt hat?"
Harm und Mac erstarrten einen Moment lang. "Wir... ähm, wir haben so viele Probleme, das ließe sich gar nicht in der Kürze beschreiben," antwortete Mac dann ausweichend.
"Und welches Problem hat schließlich das Fass zum Überlaufen gebracht, so dass Sie beschlossen haben, hierher zu kommen?" hakte die Therapeutin nach.
"Das war... beruflich bedingt... ich meine, wir haben beide sehr viel Stress im Beruf und dazu haben wir dann noch sehr unterschiedliche Einstellungen," meinte Harm vage.
Mrs. Chavez-Burton ließ sich nicht beirren. "Einstellungen wem oder was gegenüber?"
"Ach, eigentlich allem gegenüber... wir haben unterschiedliche Vorstellungen und Gewohnheiten, was fast alles betrifft... Essen, Haushalt, Schlafgewohnheiten..." Harm verzichtete darauf, hinzuzufügen, dass er jeden einzelnen Unterschied liebte und es deshalb nie Streit zwischen ihnen gegeben hatte, nur gutmütiges Necken.
Schließlich nickte Anne-Marie Chavez-Burton. "Die meisten dieser Dinge werden wir in den nächsten Sitzungen noch besprechen, aber für heute gibt es zunächst mal eine andere Aufgabe für Sie alle. Heute heißt das Thema ‚Verhaltensaustausch’ – und das gleich im doppelten Sinne. Es bedeutet einerseits, dass Sie heute die Rollen tauschen werden. Einen Tag lang soll jeder von Ihnen das tun, was der jeweils andere an einem typischen Tag tut."
"Ich soll mit meinen Kumpels um den Block ziehen und meinen Mann ignorieren?" kommentierte Rachel Benton sarkastisch.
"Dann plaudere ich intime Dinge über unser Privatleben bei meinen Freunden aus und mache dich völlig lächerlich, so wie du das sonst tust, hm?" schnappte ihr Mann, Carl Benton, zurück.
Die Therapeutin versuchte nicht, sich zwischen die Fronten zu stellen oder inhaltlich auf den Streit einzugehen. "Sie geben hier ein gutes Beispiel für die zweite Bedeutung von ‚Verhaltensaustausch’," unterbrach sie sachlich. "Paare wie Sie sind häufig in einem Teufelskreislauf gefangen, in dem es nur noch negative Interaktionen gibt. Der eine kritisiert und der andere schlägt zurück, so lange, bis gegenseitige Kritik und Abwertung völlig eskalieren. Diese Verhaltenskette sollen Sie durchbrechen, indem Sie stattdessen positives Verhalten Ihrem Partner gegenüber zeigen. Überlegen Sie, wie Sie dem anderen eine Freude machen können... zeigen Sie Interesse, unternehmen Sie etwas zusammen oder machen Sie kleine Geschenke – ganz egal was, solange Ihr Partner sich darüber freut."
Die Therapeutin wartete, bis alle, auch Carl Benton, der finster in seinem Stuhl hing, verstehend genickt hatten, bevor sie die Gruppe entließ.
Harm ließ sich auf die Couch fallen, als sie ihre Kabine betraten. "Wir haben noch eine Stunde Zeit, bevor der Ausflug beginnt. Irgendwelche Vorschläge, wie wir die Zeit verbringen könnten?" Er grinste verführerisch.
"Hm, lass mich mal überlegen, ich soll mich ja verhalten, wie du das normalerweise tun würdest. Und da wir noch nichts gegessen haben, würdest du jetzt wohl zu mir sagen: ‚Du bist dran zu kochen – sollen wir was vom Italiener oder vom Griechen bestellen?’"
Harm lachte. "Ja, aber schlussendlich könnte ich dann dem Blick dieser braunen Augen doch nicht widerstehen und würde mich selbst ans Kochen machen, also, bitte, Maestro!" Er deutete auf die winzige Kochplatte in der Ecke.
Macs Magen knurrte, also machte sie sich tatsächlich an die Arbeit.
Zehn Minuten später begann Harm, über ihre Schulter zu schielen, so wie Mac das immer zu tun pflegte. "Ähm... Mac, was wird das denn?"
"Ich wollte einen Grießbrei machen, für deinen Magen, weil ich ja was Nettes für dich tun soll, aber..." Mac nickte frustriert in Richtung der Grießsuppe, in der sie verzweifelt rührte. "...irgendwie wird das nichts, da muss wohl was mit dem Rezept nicht stimmen. Oder die Australier haben ziemlich seltsame Vorstellungen von einem Grießbrei."
"Wie viel Milch hast du genommen?"
Mac zuckte die Schultern. "Na, fünfzehn große Tassen, so wie es in der Anleitung stand. Ich hab sogar etwas weniger genommen, weil wir hier keinen so großen Topf haben."
Harm nahm die Grieß-Packung, die Mac ihm hinhielt und las die Instruktion auf der Rückseite. "Ich will dich ja nicht kritisieren und damit eine negative Interaktionskette starten, Mac, aber da ist ein Komma zwischen der Eins und der Fünf. Es muss 1, 5 Tassen heißen."
Mac starrte die Zahl an, sicher, dass die sich gegen sie verschworen und plötzlich geändert haben musste. "Oh."
Harm nahm ihr sanft den Schneebesen aus der Hand. "Kein Problem, meinem Magen geht es ohnehin besser. Wie wäre es, wenn ich stattdessen meine gute Tat einlöse und dir deinen geliebten Burger mache, während du mir die Ermittlungsakte vorliest?"
"Hmmm, ich liebe es, mit dir verheiratet zu sein."
21. Dezember 2001
0620 Z-Zeit (16:20 EAST / East Australian Standard Time)
Picnic Bay,
Magnetic Island,
Queensland, Australien
"Hmm, ich liebe es, mit dir verheiratet zu sein," seufzte Mac zum zweiten Mal an diesem Tage genießerisch, als sie sich wohlig auf ihrem Handtuch in der Sonne räkelte und sich von Harm den Rücken massieren ließ.
Sie hatten den Rest des Morgens damit verbracht, das Great Barrier Reef Wonderland, ein riesiges Korallenriff-Aquarium in Townsville, zu erkunden und lagen nun am Sandstrand von Magnetic Island, der Insel acht Kilometer vor der Stadt.
Mac rollte sich auf den Rücken und strich Harm liebevoll ein wenig Sand von der Stirn. Ein paar Meter von ihnen entfernt umspülte das kristallklare Wasser des Pazifik ein paar große Felsen und hinter ihnen reckten sich Palmen in den strahlendblauen Himmel. Mac atmete tief die salzhaltige Luft ein, bevor sie sich zur Ordnung rief und daran erinnerte, dass sie eigentlich zum Arbeiten hier waren. "Petty Officer Bennet Carlisle verschwand genau in der Nacht von Bord, als auf der MacKenzie ein Brand ausbrach – noch dazu in seiner Kabine," las sie aus der Ermittlungsakte vor, die zwischen ihren Handtüchern im Sand ruhte.
"Aber warum sollte er einen Brand in seiner eigenen Kabine legen und dann verschwinden? Er konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass der Verdacht sofort auf ihn fallen würde," wandte Harm ein.
Mac zuckte die Schultern. "Vielleicht hat er eben nicht gerechnet, nicht nachgedacht. Vielleicht wollte er sich einfach nur rächen."
"Rächen? Für was denn? Glaubst du, er wollte seinen Kabinenkumpel, Petty Officer Wynne, absichtlich töten? Viel hat ja nicht gefehlt..."
Mac seufzte. "Sieht nicht so aus, als kämen wir irgendwie vorwärts, oder? Am Ende der Reise bleibt uns vielleicht nur, denjenigen, den wir für Carlisle halten, zu verhaften, auch auf die Gefahr hin, dass wir uns irren und die US-Navy vor den Australiern ziemlich blamieren."
"Wenn wir bis dahin überhaupt eine begründete Vermutung haben, wer Carlisle sein könnte...," gab Harm zu bedenken.
"Du glaubst nicht, dass es Carl Benton ist?" Mac lehnte sich mit der Schulter gegen ihren Mann. "Ich meine, allein der Name – Carl Benton – Bennet Carlisle... und außerdem ist er Ingenieur und der freundlichste Zeitgenosse scheint er auch nicht zu sein. Wenn du so mit deiner Frau umgehen würdest..."
Harm drehte sich um und begrub Macs Körper unter seinem. "Was würdest du dann tun, hm?" fragte er, aus unmittelbarer Nähe hinab in Macs Augen sehend.
"Ich... ähm..." Mac vergaß ihre pfiffige Erwiderung, als Harms Lippen ihren Hals hinab wanderten. Sie war zu abgelenkt, um den Schatten zu bemerken, der plötzlich auf ihre engumschlungenen Körper fiel.
"Na, wenn das nicht positive Interaktionen sind, die uns die Rabbs da freundlicherweise vorführen!"
Harm rollte sich verärgert über die Störung zur Seite. "Mister Benton," grüßte er kühl. "Und Mrs. Benton."
Die blonde Rachel Benton stand zwei Meter neben ihrem Mann im heißen Sand, ohne auch nur seine Hand zu halten. Sie zögerte, als ihr Mann grußlos davon stapfte. "Entschuldigen Sie bitte," murmelte sie, auf Macs Handtuch hinabstarrend, "Carl ist sonst nicht so... es ist nur... er macht nur gerade eine schwere Zeit durch."
Mac lächelte aufmunternd. "Sie beide, würde ich sagen. Wenn Sie mal mit jemandem sprechen möchten..."
Harms Finger streichelten Macs Rücken entlang. Er wusste, dass sie das Angebot nicht nur in der Hoffnung gemacht hatte, mehr Informationen für ihren Fall zu sammeln, sondern auch aus aufrichtiger Anteilnahme. Einmal mehr war *er* glücklich, mit *ihr* verheiratet zu sein.
22. Dezember 2001
1236 Z-Zeit (07:36 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Skates balancierte auf einem Knie in dem schmalen Spalt zwischen Wohnzimmertisch und Sofa und sah auf den schlafenden Keeter hinab. Der Pilot hatte ein Grinsen auf den Lippen als würde er für das Portrait von Mona Lisa posieren und Skates fragte sich, was er wohl gerade träumen mochte.
Einer seiner Arme baumelte von der Couch, während der andere friedlich auf seinem Bauch ruhte. Er murmelte etwas Unverständliches im Schlaf und begann schließlich, leicht zu schnarchen.
Grinsend beugte Skates sich über ihn, um ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
Sie war nicht darauf gefasst, plötzlich dem Blick von zwei schläfrigen grauen Augen zu begegnen und zog ein wenig schuldbewusst ihre Hand zurück.
"Hmh, Schkat’s...," nuschelte Keeter, offensichtlich noch immer im Halbschlaf. "Ich lie..." Plötzlich brach er ab und rieb sich die Augen. <Oh, Mist! Ich glaube, das ist gar kein Traum, hm? Skates kniet wirklich vor mir!> "Ähm... ich liege hier ganz friedlich und dann kommst du und reißt mich aus den schönsten Träumen?" verbesserte er sich schnell.
"Ach?" Skates zeigte wenig Mitleid. "Was hast du denn geträumt, hm?"
Keeter reckte seinen Körper, in der Hoffnung, dass Skates seine kräftigen Muskeln bemerken würde. "Ich hab geträumt, dass du in einer Badewanne voller Schlagsahne vor mir liegst, mit ein paar sündhaft saftigen Erdbeeren obendrauf – nackt natürlich."
Skates starrte ihn ungläubig an.
"Okay, okay, das war nur ein Scherz," gab Keeter schließlich nach, "du warst nicht nackt – du hast deine seidene Reizwäsche getragen. Die, die aus unerklärlichen Gründen in der Wäsche eingegangen ist... Autsch!" Der Pilot schaffte es nicht mehr, der Fernbedienung, die plötzlich geflogen kam, auszuweichen.
"Meine Güte, Jackson, was hast du mit dem armen Mädchen gemacht... sie ist plötzlich rot wie ein Flamingo – ein Flamingo mit Sonnenbrand," kommentierte Granny, die plötzlich im Wohnzimmer auftauchte. "Und wieso schläfst du überhaupt hier unten, auf der Couch?"
Keeter setzte sich auf dem Sofa auf. "Das haben wir doch schon geklärt. Ich schlafe lieber hier auf der Couch, als mit einem alten Hund mit Mundgeruch das Bett zu teilen."
"Aber ich dachte, ihr wärt... du hättest..." Granny sah enttäuscht zwischen den beiden jüngeren Leuten hin und her. "Wir haben doch gehört, wie ihr zwei..."
Keeter verengte die Augen. "Wie wir zwei was getan haben?"
"Ihr seid zusammen ins Bett gegangen... ich meine, die Treppe hoch gegangen." Granny schüttelte verständnislos den Kopf. "War es denn so schlecht, dass du den armen Jackson danach wieder rausgeworfen hast?" fragte sie Skates unverblümt.
Die Jägerleitoffizierin schüttelte fassungslos den Kopf. "Granny, von was redest du da? Moment mal... was soll das überhaupt heißen, ihr habt *gehört*, wie wir zusammen die Treppe hochgegangen sind? Ihr wart doch gar nicht zuhause!"
"Anscheinend aber doch!" Keeter verschränkte die Arme vor der Brust. "Und mir kommt langsam der Verdacht, dass dieser romantische kleine Stromausfall nicht so ganz zufällig war! Also, raus mit der Sprache, Aphrodite! Was habt ihr getan?"
Granny pfiff harmlos durch ihre dritten Zähne. "Oach, fast gar nichts... nur eine winzig-kleine Sicherung so ein ganz kleines Bisschen rausgedreht... wir haben sie auch sofort wieder reingedreht, als wir gehört haben, dass ihr zusammen..." Die alte Dame unterbrach sich seufzend. "... ich schätze, wir hätten nicht so voreilig mit der Flasche Sekt vom Keller in unser Zimmer schleichen sollen, hm?"
"In der Tat. Die Jubelfeier war verfrüht." <Leider.> Keeter schlug die Decke zurück und erhob sich. "Also, was hast du heute vor, Skates?"
"Ich dachte, wir könnten Schlittschuhlaufen gehen und ein bisschen shoppen, schließlich ist übermorgen schon Heiligabend. Möchtet ihr mitgehen, Granny?" bot Skates an. Sie hatte schnell gelernt, Granny ihre Verkupplungsversuche nicht nachzutragen.
"Oh, nein, nein, Kinder, geht ihr zwei nur alleine, wir müssen noch ein bisschen planen... äh, ich meine natürlich das Weihnachtsessen. Und macht euch nicht die Mühe, uns etwas zu kaufen. Will und ich machen uns nicht viel aus materiellen Dingen, ihr könntet uns stattdessen mit einem völlig kostenlosen Geschenk eine Freude machen..." Granny grinste engelhaft.
"Nichts da!" schnaubte Skates, wohl wissend, auf was die silberhaarige Lady anspielte. "Ihr bekommt ein ganz normales, materielles Geschenk, wie alle anderen Großeltern auch."
Granny seufzte. "Okay, aber dann kauf wenigstens Elizabeth was Schönes, Jackson. Ein netter Ring würde es tun."
Skates rollte mit den Augen. "Setz deinen Piloten-Hintern in Bewegung und lass uns hier verschwinden, Keeter, bevor Granny als Weihnachtsüberraschung einen Priester samt Trauzeugen für uns aus der Torte springen lässt!"
Granny klatschte begeistert in die Hände und eilte geschäftig aus dem Raum.
"Vielen Dank, großartig gemacht, Skates," stöhnte Keeter. "Wetten, Sie sitzt jetzt schon am Telefon, um sich einen Pfarrer samt Torte zu besorgen?"
Skates schüttelte ruhig den Kopf. "Ach was, sie macht doch nur Spaß... zumindest hoffe ich das. Und außerdem gehört zu einer Trauung mehr als nur ein Priester. Zuallererst mal müsste die Braut doch wohl ja sagen!"
"Und?" erkundigte sich Keeter vorsichtig. "Würdest du ja sagen?"
"Zu einem Stück Torte? Aber sicher doch! *Ich* hab schließlich keine Figurprobleme!" Sie piekste Keeter spielerisch in den Bauch, bevor sie an ihm vorbei in der Küche verschwand.
Vier Stunden und zwei Dutzend Geschäfte später streckte Keeter seine Beine stöhnend unter dem Tisch eines Washingtoner Cafés aus. "Oah, ich wusste gar nicht, dass es so viele Läden in Washington gibt!" Er blickte auf den freien Stuhl zwischen sich und Skates, auf dem sich Einkaufstüten stapelten. "Wenn ich die Frage ‚Und, wie sehe ich darin aus?’ noch einmal höre, schreie ich das ganze Einkaufszentrum zusammen!" meinte er mit einem neckischen Grinsen. <Um die Wahrheit zu sagen, sie sieht einfach fabelhaft in allem aus – oder in nichts,> fügte Keeter insgeheim hinzu.
"Hey, ich hätte das ganze Einkaufszentrum zusammenschreien sollen, als du dich ständig geweigert hast, auch nur ein einziges Kleidungsstück anzuprobieren!" gab Skates schlagfertig zurück.
Keeter zuckte lässig die breiten Schultern. "Es kann ja nicht jeder so wie du ein Mitglied der anonymen Shopoholiker sein! Und im Übrigen habe ich deinem ersten Versuch, mich zum Anprobieren zu bewegen, durchaus nachgegeben."
Skates schnaubte in ihren Kaffee. "Ja, unter der Bedingung, dass ich mit dir in die Umkleidekabine komme!"
Keeter schmunzelte nur, als er dem Kellner zum Bezahlen winkte. "Und jetzt? Bestehst du wirklich darauf, dass ich meine vom Packesel-Spielen schon ganz geschwollenen Füße in ein Paar Schlittschuhe zwänge?" erkundigte er sich mit Leidensmiene.
"Das einzige, was bei dir geschwollen ist, ist dein Ego, Jackson D. Keeter! Und wenn deine Füße tatsächlich nicht mehr in Schlittschuhe passen sollten, dann liegt das nur daran, dass du soeben drei Stückchen Kuchen gegessen hast!"
Keeter streckte die Schultern und zog den Bauch ein. "Immer nörgelst du an meiner Figur herum," gab er sich schmollend. "Findest du an mir wirklich soviel auszusetzen?"
Skates setzte schon zu einer neckisch-schlagfertigen Antwort an, hielt sich dann aber zurück, als sie sah, wie aufmerksam Keeters Blick plötzlich geworden war. Sie wollte nicht, dass Keeter sich etwas zu Herzen nahm, was sie nur so im Scherz dahinsagte. "Unsinn, Keeter, du bist in Ordnung."
Keeters graue Augen leuchteten auf. "Wirklich?"
"Wirklich. Für einen Piloten," fügte Skates einschränkend hinzu und versetzte ihm einen betont kumpelhaften Klaps auf den Arm.
Eine Stunde später stand Skates inmitten einer Eisfläche und sah ein wenig ungeduldig zu, wie Keeter im Zeitlupentempo seine entliehenen Schlittschuhe zuschnürte und sich dann langsam zum Rand der Eisfläche vortastete. Schließlich stand er wackelig auf den Kufen und stakste storchenhaft auf Skates zu.
"Gleiten, Keeter, du sollst elegant gleiten! Das ist wirklich nicht schwer, denk nur mal daran zurück, als ich dir das Inline-Skaten beigebracht habe," ermunterte Skates, während sie geschmeidig Kreise um ihn zog und dann mit einer Pirouette zum Stehen kam.
Keeter sah beeindruckt zu. "Ich weiß nicht, Skates, Eleganz ist nicht eben meine große Stärke. Wie wäre es, wenn ich mich stattdessen da drüben auf die Bank setze und dir einfach zusehe? Schlittschuhlaufen ist wohl nichts für mich."
"Jetzt versuch es doch erst einmal!"
Keeter seufzte. "Skates, ich glaube wirklich nicht..."
"Bitte?"
<Das war gemein! Wie soll ich ihr widerstehen, wenn sie mich so ansieht und ‚Bitte’ sagt?!> "Na schön, ich versuch’s. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn ich gleich auf meinem Piloten-Heck lande, schneller als du ‚Plumps’ sagen kannst!" Er hoppelte auf Skates zu und ruderte mit den Armen, als er das Gleichgewicht zu verlieren drohte.
Skates erstaunlich kräftige Hände schlossen sich um seinen Arm und fingen seine Vorwärtsbewegung ab. "Einen Fuß nach dem anderen, immer schön im Rhythmus." Sie schloss die Finger um Keeters breite Hand und zog ihn mit sich zu einer ersten Runde um die Eisbahn.
Mit einem breiten Grinsen drückte Keeter die schlanke Hand in der seinen. <Und noch ein bekehrter Schlittschuhlauf-Freund ist geboren!>
22. Dezember 2001
2202 Z-Zeit (08:02 EAST / East Australian Standard Time)
Im Hafen von Mackay,
Queensland, Australien
Mac balancierte das vollbeladene Tablett durch die Kabine und verharrte damit erwartungsvoll neben dem noch schlafenden Harm. "Hey, Flyboy, aufwachen, ich hab dir Frühstück gebracht!" verkündete sie stolz.
Harm öffnete blinzelnd die Augen, aber der Geruch von Rührei und Tofu rief nicht etwa Freude, sondern ein vages Gefühl der Übelkeit hervor. <Mmpf! Nicht schooooon wiiiiieder!>
"Soll ich es dir gleich bringen?" erkundigte sich Mac eifrig.
"Nicht nötig," stöhnte Harm, den Kopf kaum vom Kissen hebend, "wirf es gleich über Bord, dort wird es ohnehin landen, so wie ich mich fühle."
Das Tablett landete vergessen am Boden, als Mac sich auf die Bettkante setzte und Harm besorgt durch die schlafzerwühlten Haare fuhr. "Harm, warum gehst du nicht endlich zum Arzt? Ich beginne langsam, mir ernsthafte Sorgen zu machen!"
"Ach was," Harm rappelte sich auf. "Vorhin ging’s mir noch gut, als das Schiff noch in Bewegung war." Sie waren vor einer halben Stunde im Hafen von Mackay vor Anker gegangen.
"Das könnte am Wellengang hier im Hafen liegen."
Harm stöhnte. "Sag dieses Wort nicht, mir wird allein davon schlecht." Er war erschöpft, aber er konnte die Augen nicht schließen, ohne dass der Raum sich um ihn zu drehen begann.
"Langsam solltest du deine Seekrankheit wirklich überwunden haben, vor allem, weil das Schiff Stabilisatoren hat, die die Rollbewegung abschwächen."
"Niiiicht solche Worte verwenden!"
Mac legte beide Arme um ihren leidenden Mann. "Harm, was ist, wenn es mehr ist als Seekrankheit oder eine harmlose Magenverstimmung? Was, wenn das mit dem Blinddarm oder so was zu tun hat? Ich würde mich wirklich sehr viel besser fühlen, wenn du jetzt gleich zum Arzt gehst."
Harm schnaubte. "Damit unsere Therapeutin mich wieder ansieht, als ob das die dümmste Ausrede seit dem Bau der Arche wäre?!"
"Vergiss diese blöde Therapie, okay?!" Macs aufgebrachter Tritt ließ das Tablett davon schliddern. "Das ist alles nicht so wichtig wie du mir bist!"
Trotz seiner Misere musste Harm über den energischen Beschützerinstinkt seiner Ehefrau lächeln. "Okay, okay, ich gehe. Aber dass du mir ja nicht mit den anderen Damen über deinen Mann herziehst, während ich mich vom Doc pieksen und stechen lasse!"
Mac grinste erleichtert. "Ich werde versuchen, mich zurückzuhalten," versprach sie mit einem Kuss.
Wenig später machte Harm sich auf den Weg zum Brückendeck, wo der Schiffsarzt seine Behandlungsräume hatte. Ben Yates, der junge Mechaniker aus Newport News, lehnte an der Reling, eine dicke Zigarre zwischen den Lippen. Er lächelte freundlich, als er Harm sah. "Guten Morgen. Na, auch ein wenig früher rauf gekommen, um noch in aller Ruhe eine Zigarre genießen zu können?" Einladend hielt er Harm das Etui mit den Havannas entgegen.
Harm wusste, dass er sich diese Gelegenheit noch vor zwei Jahren nicht hätte entgehen lassen, aber jetzt war er plötzlich froh, dass er das Rauchen aufgegeben hatte. Der süßlich-herbe Duft des Zigarrenrauches rief plötzlich eine neue Welle der Übelkeit hervor. "Nein, danke, ich hab das Rauchen schon vor längerer Zeit aufgegeben."
"Ah, verstehe – Ihre Frau, hm?" Ben Yates grinste mit der Zigarre zwischen den Zähnen.
Harm schüttelte den Kopf und versuchte, außerhalb der Rauchwolke zu bleiben. "Nein, eigentlich nicht. Aber als ich nicht mehr in dem Kreis, der mich auf den Geschmack gebracht hatte, verkehrte, hab ich beschlossen, dass ich es ebenso gut aufgeben kann."
"Hmmm," nuschelte Yates zustimmend um seine Havanna herum, "eigentlich ist auch mein Kumpel der Raucher von uns, aber irgendwann hab ich es dann auch versucht."
Harm nickte ihm höflich zu, als er den Schiffsarzt vorbeigehen sah. "Tut mir leid, ich muss los. Bis nachher in der Gruppenstunde." Er hastete hinter dem Arzt her. "Doktor...?"
Der ältere Arzt drehte sich um. "Riskins," stellte er sich vor, "was kann ich für Sie tun, Mister...?" Er winkte Harm, ihm in seine ‚Praxis’ zu folgen.
"Harmon Rabb. Mein Magen ist seit ein paar Tagen ein wenig nervös," begann Harm unbehaglich.
Der Arzt nahm in dem Sessel hinter seinem Schreibtisch Platz. "Aha, verstehe. Haben Sie schon etwas gegen Seekrankheit genommen?"
"Ich bin *nicht* seekrank!" protestierte Harm heftig. "Hören Sie, ich bin... ich hab mehr Zeit auf den verschiedensten Schiffen verbracht als Noah und Popeye zusammen, das kann es also nicht sein. Vielleicht hab ich einfach nur was Falsches gegessen."
Doktor Riskins schüttelte den Kopf. "Unwahrscheinlich, wenn es schon seit ein paar Tagen anhält. Ist Ihnen die ganze Zeit übel oder nur, wenn Sie auf dem Schiff sind?"
"Nicht die ganze Zeit, nein, aber auch nicht nur auf dem Schiff. Am schlimmsten ist es meistens nach dem Aufwachen und dann lässt es irgendwann nach," berichtete Harm, die Arme vor der Brust verschränkend. Ihm gefielen die Andeutungen des Arztes, seine Übelkeit könnte doch mit der Seereise zu tun haben, nicht.
Der Bordarzt kaute auf dem Ende seines Kugelschreibers. "Hm. Übelkeit also... haben Sie noch andere Beschwerden? Erbrechen?"
"Nur einmal, aber da hatte ich am Abend zuvor ziemlich viele Anchovis gegessen, die ich normalerweise gar nicht mag," verteidigte sich Harm. "Mir ist nur manchmal ein wenig schwindelig und ein- oder zweimal hatte ich auch ein bisschen Kopfschmerzen."
Doktor Riskins legte seinen Kugelschreiber weg, griff zum Stethoskop und kam um den Schreibtisch herum, um seinen Patienten näher zu untersuchen. "Tja, also, eine Magen-Darm-Grippe ist es nicht," urteilte er, nachdem er Harm abgehört, betastet und in Mund und Ohren geleuchtet hatte. "In solchen Fällen wie Ihrem trifft meist eine von drei Erklärungen zu."
"Nämlich?" Harm hob skeptisch die Brauen.
"Entweder Sie haben auf dieser Luxus-Seereise dem Bankett ein wenig zu sehr zugesprochen..."
"Ha!" Harm schnaubte entrüstet. "Ich hab das Frühstücks-Büfett nicht ein einziges Mal auch nur *gesehen*! Und ich ernähre mich sehr gesund, trinke so gut wie nie Alkohol und treibe Sport!"
"... oder Sie sind seekrank...," fuhr Riskins unbeirrt fort.
Harm verlor langsam die Geduld mit dem zivilen Arzt. "Herrgott noch mal, will mich denn niemand verstehen?! Ich bin nicht, war nie und werde auch nie seekrank sein!"
"Na schön, dann bleibt noch die dritte Erklärung: Sie sind schwanger!" verkündete der Arzt lachend.
Harm warf ihm einen finsteren Blick zu. "Zu komisch, Doktor."
Der ältere Arzt klopfte ihm grinsend auf den Rücken. "Die Symptome sind geradezu lehrbuchhaft," neckte er seinen Patienten, "Morgenübelkeit, Erbrechen, veränderte Ernährungsgewohnheiten, Kopfschmerzen, Sie sind überempfindlich und launisch..."
Harm sprang von seinem Stuhl auf. "Das bin ich nicht! Ich bin die Geduld in Person!" Ungläubig starrte er den Arzt an.
Riskins tätschelte ihm väterlich den Arm. "Das war nur ein kleiner Scherz, junger Mann. Nehmen Sie es einem alten Seebären wie mir nicht krumm, ja? Also, um wieder ernst zu werden, Schwester Mabelyn wird Ihnen jetzt gleich noch eine Blutprobe abnehmen, damit wir mal sehen können, ob in Ihrem Körper irgendwelche Entzündungsprozesse vor sich gehen und dann sehen wir erst mal weiter."
Halbwegs versöhnt ließ Harm sich ins Nebenzimmer führen, wo eine blonde Krankenschwester von einer Zentrifuge aufsah.
"Schwester Mabelyn, würden Sie Mister Rabb bitte ein wenig Blut abnehmen?" bat der Arzt lächelnd.
Die junge Frau ließ einen anerkennenden Blick über Harms Gestalt wandern. "Mit Vergnügen, Doktor." Sie machte sich daran, Harm beim Ärmel-Hochkrempeln behilflich zu sein. "Wow!" Sie strich mit dem Finger über seinen Bizeps und lächelte ihn an. "Sie sehen alles andere als krank aus. Was fehlt Ihnen denn, vielleicht kann ich Ihnen ja helfen?"
Harm war müde, ihm war immer noch ein wenig übel und der seltsame Humor des Arztes hatte ihn ziemlich entnervt. Dass jetzt auch noch diese blonde Krankenschwester versuchte, mit ihm zu flirten, obwohl er angeblich gerade versuchte, seine Ehe zu retten, konnte er wirklich nicht gebrauchen. "Ich bin verheiratet," erklärte er energisch und mit einem Blick hinüber zum Sprechzimmer des Arztes fügte er hinzu: "Und laut Ihrem Boss schwanger."
Das beendete die Flirt-Versuche der Krankenschwester abrupt.
Zehn Minuten später – und natürlich erneut mit Verspätung – erreichte Harm ein wenig atemlos den Gruppentherapieraum.
"Ah, Mister Rabb, Sie kommen genau im richtigen Moment," begrüßte ihn Anne-Marie Chavez-Burton mit einem freundlichen Kopfnicken. "Unser heutiges Thema ist die praktische Lebensbewältigung im Alltag und als gutes Team sollte es da natürlich gegenseitige Unterstützung und Arbeitsteilung geben."
Harm nickte zustimmend und ließ sich in den Stuhl neben Mac sinken.
Mac rutschte ihren Stuhl ein wenig dichter an ihn heran und sah ihn aus großen braunen Augen besorgt-fragend an. Ihre Hand tastete in einer unbewussten Geste nach Harms, bevor ihr wieder einfiel, dass sie hier als zerstrittenes Paar galten. Schnell zog sie die Hand wieder zurück, aber ihre Aufmerksamkeit blieb auf Harm gerichtet, bis dieser ihr beruhigend zunickte.
"Also, Mister Rabb, wie sieht das in Ihrer Beziehung aus? Sie sind ja beide berufstätig; helfen Sie Ihrer Frau im Haushalt?" erkundigte sich die Therapeutin.
"Helfen?!" Harm grinste, ohne sich bewusst zu sein, wie überheblich das auf die Therapeutin wirken musste, die nichts von Macs nichtvorhandenen Talenten in Sachen Haushalt ahnen konnte.
"Ja, helfen, Mister Rabb," bestätigte Mrs. Chavez-Burton. "Oder glauben Sie etwa, es macht Ihrer Frau Spaß, den ganzen Haushalt neben der Arbeit in der Kanzlei auch noch alleine zu bewältigen? Wie wäre es, wenn Sie einfach einmal zeigen lassen, wie die Spülmaschine funktioniert oder der Staubsauger oder der Herd..."
"Von meiner Frau??" Harm blickte ausgesprochen skeptisch drein.
Die Therapeutin nickte energisch. "Natürlich von Ihrer Frau. Oder gehören Sie etwa zu den Männern, die sich von einer Frau nichts sagen lassen?" Man sah Anne-Marie Chavez-Burton an, dass sie Harm für den größten Macho auf dieser Seite der Erde hielt.
Harm verschränkte finster die Arme vor der Brust und fragte sich, ob sämtliche Therapeuten und Ärzte des Schiffes sich gegen ihn verschworen hatten.
Mac war schon die ganze Zeit über unruhig auf ihrem Stuhl hin und hergerutscht. <Undercover-Ermittlung hin und Probleme vortäuschen her, aber ich werde sicher nicht hier sitzen und zulassen, wie Harm hier für etwas getadelt wird, was in Wirklichkeit gerade umgekehrt ist!> beschloss sie energisch. "Ähm, Mrs. Chavez-Burton... ich glaube, Sie sind soeben das Opfer eines Missverständnisses geworden. Es ist schon richtig, dass es bei uns nicht ungedingt eine Gleichverteilung der Haushalts-Pflichten gibt, aber Harm ist bei uns die ‚Hausfrau’, während mein Haushaltwissen sich auf das Auswendig-Können der Nummer des Italieners um die Ecke beschränkt," gestand sie, verlegen mit den Zähnen an ihrer Unterlippe zupfend.
Die überrascht-neidischen Blicke aller anwesenden Frauen richteten sich auf die beiden Rabbs.
"Oh. Nun, sieht so aus, als ob selbst wir Therapeuten nicht davor gefeit sind, Geschlechtsrollenstereotypen zum Opfer zu fallen," gab die Therapeutin offen zu. "Ich entschuldige mich bei Ihnen, Mister Rabb. Sieht so aus, als müsste ich meine tadelnden Worte an Ihre Frau adressieren, hm?"
"Nein, nicht wirklich," verteidigte Harm sofort. "Sie holt dafür morgens die Brötchen und geht mit Hund und Katze Gassi, weil sie der Frühaufsteher von uns beiden ist. Und sie sorgt dafür, dass ich immer absolut pünktlich bin und..." Er unterbrach sich, als er feststellte, dass eine solche Lobeshymne nicht unbedingt typisch für ein Paar mit Eheproblemen sein mochte.
Anne-Marie Chavez-Burton lehnte sich zufrieden lächelnd zurück. "Gut, dann also zum nächsten Problemthema..."
22. Dezember 2001
0219 Z-Zeit (12:19 EAST / East Australian Standard Time)
Romeo & Juliet’s Restaurant,
Shakespeare Street,
Mackay,
Queensland, Australien
Grinsend sah Harm zu, wie der Kellner mit großen Augen dreimal den Weg zwischen Küche und ihrem Tisch zurücklegte, vorbei an elegant gedeckten Tischen mit strahlendweißen Tischdecken. Mit wachsendem Erstaunen stellte der Kellner einen Truthahn-Salat mit Mango und Honig; ein gegrilltes Cajun-Büffelsteak, ein Barramundi-Filet in Kokosnuss-Curry-Soße und eine frittierte Banane im Teigmantel vor Mac ab, während Harm sich mit einem bescheidenen Teller Krabben in Zitronensoße begnügte.
"Ist dir immer noch schlecht?" erkundigte sich Mac, während sie methodisch ihr Büffelsteak in breite Quadrate zerlegte.
Harm musste grinsen. "Nein, aber mir würde mit Sicherheit wieder schlecht werden, wenn ich versuchen würde, mit den Mengen, die du isst, mitzuhalten." Mac hatte seit Reisebeginn das All-you-can-eat-Büfett an Bord reichlich ausgenutzt und Mengen verspeist, die sogar für sie ungewöhnlich waren.
"Also, sag schon endlich, was hat der Arzt gesagt? Ist wirklich alles in Ordnung?" Mac legte für einen Moment das Messer aus der Hand, um Harms Finger zu drücken und dann nach ihrem Glas zu greifen.
"Oh, ja, wirklich, alles okay," versicherte Harm, "ich bin nur schwanger."
Mac prustete ihr Tonic Water quer über den ganzen Tisch.
Harm lachte. "Keine Sorge, Mac, als Mutter... Vater... Erzeuger... was auch immer... kommst natürlich nur du in Frage." Jetzt, wo sich zusammen mit seiner Übelkeit auch seine Laune gebessert hatte, war auch er in der Lage, über den Humor des Arztes zu lachen. "Ich weiß natürlich, dass ihr Marines immer alles als Erste ausprobieren müsst, aber wenn ich geahnt hätte, dass ihr auch als Erste einen Mann schwängern wollt..."
Jetzt schaffte es auch Mac, sich ein Lächeln abzuringen. "Okay, aber jetzt mal Scherz beiseite, ist wirklich alles okay?"
Harm drückte ihre Hand. "Ja, ich denke schon. Der Arzt konnte nichts feststellen – außer dass ich seinen Humor nicht teile. Der Kerl behauptet doch steif und fest, dass ich einfach nur seekrank wäre! Sicherheitshalber hat er mir aber ein wenig Blut abgenommen. Bis morgen sollten wir das Ergebnis haben."
Nach dem Essen schlossen sie sich der Reisegruppe an, die sich entschlossen hatte, die 1 ½ stündige Fahrt von Mackay zum Pioneer River Valley und dem Eungella Nationalpark zu machen.
Die Straße wand sich über steil ansteigende Kurven durch die Zuckerrohr-Plantagen der Umgebung bis hinauf zum hochgelegenen Eungella Nationalpark. Die Berggipfel des Parks reichten bis in wolkenverhangene Höhen; nicht umsonst bedeutete Eungella in der Sprache der Aborigines ‚Heimat der Wolken’.
Die kleine Gruppe wanderte langsam einen Naturlehrpfad durch den Regenwald entlang, vorbei an hochaufragenden, von wildem Wein umrankten Bäumen, großen Farnen und kristallklaren Bächen. Nach der Hitze der Küste war die Kühle des regenwaldbestandenen Berglandes angenehm.
Nach einer kurzen Strecke durch den Regenwald gelangten sie zu einem Aussichtspunkt, der einen weiten Ausblick auf das Pioneer Valley mit seinen Zuckerrohrfeldern und den wolkenumhangenen Regenwald der Clark Range bot.
Schließlich winkte der Reiseleiter sie weiter und sie folgten einem Bach, der in den Broken River mündete. Ein paar Schildkröten trieben träge im Wasser und ließen sich von der Nachmittagssonne wärmen. Luftblasen stiegen vom Grund des langsam fließenden Flusses auf und nach ein paar Minuten tauchte ein Schnabeltier auf, nur um dann schnell wieder zu verschwinden.
"Es sucht da unten nach Nahrung," erklärte der Reiseleiter seiner Gruppe.
Macs Magen knurrte auf dieses Stichwort hin.
Harm starrte sie ungläubig an, begann aber gehorsam, seinen Rucksack nach einem Sandwich zu durchwühlen. "Du kannst unmöglich die Frau sein, die vor wenigen Stunden ein Essen verdrückt hat, das eine zehnköpfige Sumo-Ringer-Mannschaft satt gemacht hätte!"
Mac griff ungeduldig nach dem belegten Brot, das Harm zutage förderte. "Bitte keine Witze, während ich verhungere!"
23. Dezember 2001
1320 Z-Zeit (08:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Amaretto raste durchs Wohnzimmer, so schnell, dass ihre Pfoten auf dem Parkettboden den Halt verloren und die junge Hündin bis zur Türe schlitterte. Dort jagte sie ihre Rute ein paar Runden im Kreis herum, als sie die Türe geschlossen vorfand, und schoss dann zurück zur Couch, um ihren Herrn zu wecken.
Keeter streckte abwehrend die Hand aus, als er die kalte Hundenase auf seiner Haut spürte. "Nicht heute, Rett, ich hab Migräne," brummte er, die Decke höher ziehend.
Skates, die gerade im Türrahmen auftauchte, lachte amüsiert. "Sieh an, sieh an, ihr Piloten seid also doch nicht so allzeit bereit, wie ihr immer behauptet."
Keeter öffnete gerade den Mund für eine charmante Entgegnung, als Granny ins Zimmer gerannt kam. "Schnell, schnell, sie sind da! Sie kommen gleich!"
Keeter setzte sich auf der Couch auf. "Wer? Invasion der Marsmännchen, oder was?"
"Los, los, schnell unter die Decke!" Granny achtete nicht auf Skates Proteste, sondern packte sie bei den Armen, dirigierte sie zum Sofa hinüber und gab ihr einen Schubs, der sie direkt auf dem armen Keeter landen ließ.
"Uff!" Keeter atmete scharf ein, als ihm das Gewicht auf seinem Brustkasten und Skates’ plötzliche Nähe den Atem raubten.
Skates versuchte, sich aus dem Gewirr der Decke zu befreien und von Keeter herunter zu robben, aber Granny drückte sie zurück.
"Hey! Skates, bitte etwas vorsichtiger, wo du dein Knie lässt, ja?" warnte Keeter, die unruhig Zappelnde festhaltend. "Sonst kann Granny sich die Mühe, uns beide verkuppeln zu wollen, gleich sparen."
Granny stopfte die Decke über den beiden überraschten Piloten fest, als es an der Türe klingelte. "Da sind sie! Rührt euch nicht vom Fleck!" Sie eilte davon und kam eine Minute später mit zwei Journalisten im Schlepptau zurück.
"Oh, guten Morgen, kommen wir irgendwie ungelegen?" Rebecca Worthing, Star-Reporterin vom People Magazin, verharrte unschlüssig im Türrahmen, als sie die Hauptakteure ihres neuesten Artikels eng zusammengepresst auf der Couch vorfand.
"Nein, nein, kommen Sie nur rein. Denken Sie sich nichts dabei, das ist ganz normal bei den beiden, die können nie die Hände voneinander lassen. Deshalb haben Will und ich die zwei auch ausquartiert, ihr Schlafzimmer ist nämlich direkt neben unserem und bei allem Verständnis für die Liebe und Leidenschaft eines jungverheirateten Paares, aber wie alten Leutchen brauchen eben doch unseren Schönheitsschlaf," erklärte Granny mit sachlicher Miene.
Rebecca Worthing trat näher. "Okay. Ich habe heute meinen Kollegen, Edwin Kennelly, mitgebracht. Eddy, das sind Harm und Sarah Rabb."
Der junge Nachwuchs-Reporter reichte den beiden sich nun aufsetzenden ‚Rabbs’ mit roten Wangen die Hand.
"Ihre Großmutter sagte uns, wir könnten jederzeit für das nächste Interview vorbeikommen," begann Miss Worthing.
Skates warf Granny einen strengen Blick zu. "So, hat sie das gesagt? Wie nett von Omi!"
Granny eilte zur Türe. "Ich geh dann mal... die... ähm, die Eichhörnchen füttern, ja, genau." Schon war sie verschwunden und hatte Skates und Keeter ihrem Schicksal überlassen.
"Eichhörnchen? Es ist Dezember, sollten die nicht gerade Winterschlaf halten?" wandte Ed Kennelly ein.
Keeter schüttelte den Kopf, während er die Decke um seine und Skates’ Schultern schlang. "Nicht Sony und Cher, die finden hier immer genug zu fressen."
Die beiden Reporter nahmen auf der kleineren Couch Platz. "Heute haben wir nur ein paar Fragen. Das Abschlussinterview findet dann in ein paar Tagen statt. Beim letzten Mal ging es ja darum, wie Sie sich kennen gelernt haben und Ihre Großeltern haben uns da auch ein paar nette Geschichten erzählt. Heute möchten wir wissen, wie Sie dann schließlich von Freunden zu einem Paar geworden sind."
"Also, das war eine waaaaahnsinnig komplizierte Geschichte...," begann Keeter, während Skates gleichzeitig behauptete: "Ach, das war so simpel, das ist viel zu langweilig für Ihre Leser."
Rebecca Worthing sah zwischen dem Paar hin und her. "Ähm... was stimmt denn jetzt? Simpel oder kompliziert?"
"Meine Frau meint, dass es ja alles eigentlich ganz simpel hätte sein können, aber wir haben dann die Sache natürlich unnötig kompliziert gemacht," erklärte Keeter hastig. "Ich meine, unsere Familie, Freunde, Kollegen, selbst wildfremde Menschen haben gesehen, dass wir einfach zusammen gehören, nur M... meine Frau und ich haben ständig behauptet, nur gute Freunde zu sein."
"Und wann haben Sie dann eingesehen, dass alle anderen Recht haben? Wer hat wem seine Liebe gestanden?" wollte die Reporterin wissen und hielt den beiden ihr Diktiergerät vor die Nase.
"Harm hat..."
"Ja, genau, ich saß ganz friedlich in meinem Büro, mitten in einen Fall vertieft," unterbrach Keeter hastig, "als Mac hereinkam und sagte..."
"Sie haben ihm im JAG-Hauptquartier Ihre Liebe gestanden?" unterbrach Rebecca Worthing, Skates interessiert anblickend.
Skates erstarrte. <Oh, oh! Wenn die das so schreiben und Admiral Chegwidden den Artikel liest, lässt er einen von den beiden prompt nach Grönland versetzen!> "Nein, natürlich nicht, ich bin nur reingekommen und habe gefragt, ob wir zusammen zum Mittagessen gehen sollen, um einen Fall zu besprechen. Wir sind also zum nächsten Restaurant gegangen und da hat Harm mich dann gefragt..."
"Ich habe sie gefragt, ob sie die Hühnchenfleisch-Streifen aus meinem Salat will," warf Keeter ein, genauso wie Skates bemüht, sich nicht als derjenige zu entpuppen, der dem anderen angeblich seine Liebe gestanden hatte und der die näheren Umstände dann den Reportern genau beschreiben musste.
"Stimmt." Skates dachte sich eilig eine Geschichte aus, die wiederum Harm – oder Keeter – als den ‚Liebeserklärer’ darstellen würde. "Harm war nämlich so nervös, dass er nur in seinem Essen herumgestochert hat und er hat gewartet bis wir das Restaurant verlassen hatten, bis er mir dann endlich gestanden hat..."
Keeter nickte heftig. "Ja, da hab ich ihr dann endlich gesagt, dass sie noch ein wenig Salatsoße am Mund hat."
"Genau! Und die hat er mir dann einfach leidenschaftlich weggeküsst!" beendete Skates die Geschichte und warf Keeter einen triumphierenden Blick zu. Jetzt hatte sie ihm den schwarzen Peter zugeschoben, denn die Reporter sahen ihn erwartungsvoll an, erwarteten jetzt Details von ihm.
<Mist! Raffiniert, das muss ich ihr lassen! Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten!> "Können Sie sich das bildlich genug vorstellen, um das später Ihren Lesern beschreiben zu können?" wandte er sich an die Journalisten. "Mac hatte etwa hier den Tropfen Salatsoße hängen," er berührte sanft mit der Fingerspitze Skates’ Unterlippe. "Und ich habe dann..." Er zog die überrumpelte Skates gegen seinen Körper und küsste sie, bis er spürte, dass ihre Hände ihn zurückdrückten. <Wow, ich glaube, das Zurückstoßen hat diesmal drei Sekunden länger gedauert als beim letzten Mal! Sie mag mich wirklich!> sagte er sich grinsend.
"Und was haben Sie dann gemacht, Mrs. Rabb?" erkundigte sich Ed Kennelly. "Ihn zurückgeküsst?"
Skates grinste. <So, mein lieber Keeter, nun sehen wir mal, wie gut ich *dich* überrumpeln kann!> "Nein, ich habe... oh, vielleicht sollte ich das auch für Ihre Leser bildhaft demonstrieren..." Sie gab dem belämmert dasitzenden Keeter eine Ohrfeige.
Drei entsetzte Augenpaare richteten sich auf die unschuldig dreinblickende Jägerleitoffizierin.
"Heißt das, Sie wollten gar nichts von Commander Rabb?" stammelte die Reporterin, die ihre schöne, romantische Bestseller-Liebesstory schon dahinschwinden sah.
"Ja, genau, warum hast du eigentlich gerade diesen feurigen Liebesbeweis gewählt?" murmelte Keeter, sich die brennende Wange reibend.
Skates tätschelte Keeters Bein. "Ich kannte Harms Vergangenheit – Sie wissen ja, welchen Ruf Navy-Flyboys bezüglich Frauen haben – und ich wollte sicher gehen, dass er weiß, dass dies kein Spiel ist," erklärte sie, Keeter vielsagend in die Augen blickend.
Keeter senkte den Blick. <Mist, scheinbar bin ich mit dem Kuss ein wenig zu weit gegangen. Jetzt glaubt sie wieder, dass ich nur mit ihr spiele!> "Ich hab die Botschaft dieser Ohrfeige dann natürlich auch so verstanden... damals, meine ich," sprach Keeter, scheinbar an die Journalisten vom People Magazin gewandt, in Wirklichkeit aber an Skates gerichtet. "Und ich habe ihr versichert, dass meine Absichten ihr gegenüber vollkommen ernst sind und ganz und gar nicht vergleichbar mit meinen ... Flyboy-Abenteuern."
"Ah," seufzte Rebecca Worthing erleichtert, "und ab dann waren Sie also ein Paar?"
Skates schüttelte mit ernster Miene den Kopf. "Oh, nein, so leicht, wie Harm sich das vorstellte war das natürlich nicht. Sie wissen ja... eine Katze lässt das Mausen nicht und Piloten... na ja, ändern sich eben auch nicht mal so eben über Nacht."
"Aber er hat sich natürlich geändert, richtig?"
Skates sah sich plötzlich in einer Zwickmühle. Da sie Macs Rolle spielte, konnte sie jetzt nur mit ‚ja’ antworten, denn schließlich waren die Rabbs inzwischen glücklich verheiratet, aber als Skates wollte sie Keeter nicht einfach so zu verstehen geben, dass sie ihre Ansicht geändert habe und ihm nun glaube, dass er sein Junggesellen-Flyboy-Dasein so plötzlich aufgegeben habe.
"Ich war reifer, erwachsener geworden und ich hätte alles getan, um Mac das zu beweisen," murmelte Keeter, noch bevor Skates zu einer Antwort gezwungen werden konnte.
Die Journalistin stellte das Diktiergerät aus und erhob sich. "Ich glaube, das wird eine Geschichte, die viele unserer Leser bewegen wird, egal ob sie zu den Streitkräften gehören oder nicht. Wir sehen uns dann in ein paar Tagen."
Die Reporter gingen und zurück blieben die beiden Piloten, sorgsam bemüht, sich nicht anzublicken.
"Keeter, ich... ich weiß, dass du wirklich glaubst, was du da gesagt hast...," begann Skates schließlich zögernd.
Keeter scharrte mit dem Fuß über den Boden. "Aber du glaubst es nicht."
Skates schloss für einen Moment die Augen. "Keeter..."
"Hey, schon gut, Skates, wir reden ein anderes Mal wieder darüber, okay? Jetzt haben wir ohnehin etwas Wichtigeres vor." Keeter war entschlossen, es für Skates nicht schwerer als nötig zu machen.
"Ah ja? Was haben wir denn vor?" erkundigte sich Skates, froh über den Themenwechsel.
"Lass mich kurz duschen und dann wirst du es erfahren."
Eine halbe Stunde später waren die beiden in Harms Jeep unterwegs. Keeter steuerte den Wagen aus der Stadt.
"Weißt du, nur weil wir Harms und Macs Rollen übernommen haben, heißt das noch lange nicht, dass du mich jetzt regelmäßig kidnappen musst, Keeter! Also, wohin fahren wir?" verlangte Skates zu wissen.
Keeter grinste nur. "Du bist doch Pilotin, du müsstest doch merken, dass wir nach Osten fahren. Mehr verrate ich nicht, also bezähme deine Ungeduld." Nach einer halben Stunde passierten sie den Eingang eines Städtchens und Keeter hielt auf dem Parkplatz einer großen Kirche.
Skates sah sich aufmerksam um. "Hey, das ist doch... das ist St. Bridget’s! Hier haben wir immer unseren Weihnachtsbaum gekauft, als ich noch ein Kind war und mein Dad in Annapolis stationiert war!"
Keeter nickte wissend und öffnete die Autotüre.
Skates stiefelte durch den Schnee, um zu Keeter aufzuschließen. "Woher weißt du das? Du kennst meine Eltern doch gar nicht! Moment! Das war Randy, oder?"
Keeter zuckte die Schultern. "Vielleicht war ich einfach nur der Meinung, dass es hier tolle Bäume gibt." Er richtete einen der Bäume, die gegen einen Maschendrahtzaun gelehnt waren, auf, um ihn zu begutachten.
"Keeter, wir sind auf dem Weg hierher an einem Dutzend Orten vorbeigekommen, wo sie schöne Weihnachtsbäume verkauft haben!"
"Ja, aber keines davon war der Ort, an dem die kleine Elizabeth mit ihrem Vater ihren Baum gekauft hat," meinte Keeter lächelnd. "Ah, schau dir den da an!" Er untersuchte eine mächtige Weißtanne.
"Gütiger Himmel, Keeter, das Ding ist ein Monstrum! Den kriegen wir doch nie im Leben ins Wohnzimmer!" protestierte Skates, ein wenig gerührt, dass Keeter ihr einen Teil des kindlichen Weihnachtszaubers vergangener Tage zurückholen wollte.
"Skates? Skates Hawkes?" Ein bärtiger Mann in der schwarzen Robe eines Priesters tauchte vor ihnen zwischen zwei Tannenbäumen auf.
Skates hob den Blick. "Pater O’Hara?" fragte sie ungläubig, als sie auch schon in eine herzliche Umarmung gezogen wurde.
"Mädchen, ich hab dich so lange nicht mehr gesehen... dich und deine Eltern, nur deine Cousine kommt noch jedes Jahr her... das muss fast zwölf Jahre her sein!" Der Priester gab Skates aus seinen Armen frei und trat zurück, um sie zu mustern. "Was ist aus dir geworden – außer einer hübschen jungen Frau, meine ich natürlich." Er blinzelte ihr zu.
"Ich bin Pilotin, in der Navy."
Pater O’Hara lachte. "Natürlich, was auch sonst."
Skates sah sich auf dem gutbesuchten Parkplatz der Kirche um. "Sieht so aus, als ob Sie immer noch ein gutes Geschäft machen."
"Das hoffe ich doch, gerade dieses Jahr kann das Konvent das Geld dringend gebrauchen. Die Schule muss renoviert werden und das Dach der Kapelle tropft wie ein Sieb." Der Priester wandte sich Keeter zu. "Und wer ist dieser junge Mann?" fragte er mit einem Lächeln.
Skates trat vor, um die beiden vorzustellen. "Pater O’Hara, darf ich vorstellen, Jackson D. Keeter, ein Freund von mir."
"Einfach nur Keeter," korrigierte der Pilot, die Hand des Paters schüttelnd.
"Und welcher Rang steht normalerweise vor diesem Namen?" erkundigte sich O’Hara wissend.
Keeter sah an seinem Wintermantel hinunter, als erwarte er, seine Goldflügel dort zu entdecken. "Ähm... Commander, aber woher wissen Sie...?"
"Oh, ich erkenne einen Offizier, wenn ich ihn sehe, Commander. Ich stamme selbst von einer langen Reihe von Offizieren ab." Der Priester beugte sich zu Keeter hinüber und fügte verschwörerisch hinzu: "Ich bin sozusagen das schwarze Schaf der Familie. Mein Vater war nicht sonderlich begeistert, als ich Priester geworden bin. Apropos Vater... wie geht es deinem Dad, Skates?"
Keeter schlenderte zum nächsten Baum hinüber, damit die beiden ungestört reden konnten.
Skates grinste. "Oh, im Moment spielt er gerade den Babysitter für Nia."
"Konteradmiral Art Hawkes war im Grunde seines Herzens schon immer ein Softie, auch wenn er das nie zugeben würde!" lachte Pater O’Hara. "Wusstest du, dass er mir jedes Jahr mindestens 50 Dollar zuviel für euren Weihnachtsbaum bezahlt hat?" Der Priester kam nicht dazu, mehr zu sagen, ehe er von seinem Gehilfen, einem Jugendlichen mit Baseballmütze und Schlabber-Hose, weggerufen wurde.
Skates suchte nach Keeter, der inzwischen zwei Reihen weiter einen Baum betrachtete. "Das ist er!" verkündete er entschlossen. "Unser Baum!"
Ein weiterer Gehilfe half ihnen, den Christbaum sicher auf dem Dach des Jeep zu vertäuen. Skates wechselte ein paar letzte Worte mit ihrem Priester-Freund, während Keeter einen Scheck ausstellte und ihm dem Pater in die Hand drückte.
Pater O’Hara winkte ihnen nach und als der Jeep um die Ecke gebogen war, sah er hinab auf den Scheck in seiner Hand und lachte. Er war sich plötzlich sicher, dass Art Hawkes den Freund seiner Tochter mögen würde – den, der ihm gerade 100 Dollar für einen 25-Dollar-Baum gezahlt hatte.
23. Dezember 2001
0131 Z-Zeit (11:31 EAST / East Australian Standard Time)
Shute Harbour,
Queensland, Australien
"Bist du wirklich sicher? Wirklich? Harm, wir müssen das nicht tun, wirklich nicht," sagte Mac zum zweihundertsten Mal seit Harm vorgeschlagen hatte, sie könnten sich der kleinen Gruppe anschließen, die beschlossen hatte, die nächsten beiden Tage an einem Segeltörn durch die Whitsunday Islands teilzunehmen. Macs Sandalen klapperten dumpf über die Planken des Piers, bevor sie stehen blieb und ihren Mann besorgt betrachtete.
"Mac!" Harm schob sie weiter, in Richtung der Motorboote, der schlanken Yachten, Katamarane und der Fischerboote, die sanft im Wasser auf und ab schaukelten. "Mir geht es gut! Ich bin nicht seekrank; wenn mir schlecht ist, ist mir schlecht, egal, ob ich auf einem Schiff bin oder nicht! Also können wir ebenso gut mitfahren, uns das Great Barrier Reef ansehen und unsere Reisegruppe im Auge behalten." Harm nickte hinüber zur Yacht, wo eben die Yates’ und die Bentons von der Crew der ‚Divine Wind’ begrüßt wurden.
Einer der Australier hielt Mac freundlich eine Hand hin, um ihr an Bord der schlanken weißen Segelyacht zu helfen, aber Harm war bereits über die niedrige Reling gesprungen und hatte Macs Hand ergriffen, bevor der andere Mann es tun konnte.
Der australische Skipper führte sie zu ihrer Kabine unter Deck, die ganz mit glänzendem Teakholz ausgekleidet war.
Innerhalb kürzester Zeit wurde der Buganker gelichtet und sie waren unterwegs. Der Kapitän warf den Dieselmotor an, während die beiden anderen Crewmitglieder das Großsegel und das kleinere Genuasegel bereit machten. Eine Brise kam auf, als sie den geschützten Hafen verließen und das offene Meer erreichten.
Zehn Minuten später wurde der Außenbordmotor ausgestellt, während die Crew und ein paar Freiwillige unter den Passagieren die Winschen bemannten und das Hauptsegel setzten. Der Wind füllte die weißen Segel und die ‚Divine Wind’ steuerte im Zick-Zack-Kurs ihr erstes Ziel, Daydream Island, die dem Festaland am nächsten liegende Insel der Whitsunday-Gruppe, an.
Mac hatte Harm zum Bug hinübergezogen, entschlossen, sich dieses ‚Titanic-Erlebnis’ nicht entgehen zu lassen. Gischt spritzte ihr ins Gesicht, als die Yacht an Geschwindigkeit gewann, und das meerwasser-durchnässte T-Shirt klebte ihr auf der Haut, aber Mac genoss jede Sekunde. Harms Arme noch enger um ihre Schultern ziehend trat sie im Schutz der Umarmung noch näher an die Reling und sah hinab in die Wellen, die vom Bug des Schiffes zerteilt wurden. "Harm, schau mal!" Unter ihnen ließen sich zwei Delphine auf der Bugwelle mittreiben.
"Hey, Mate, Lady!" rief der Kapitän ihnen zu. "Sie kommen jetzt besser da vorne weg; kommen Sie hier rüber!"
Die beiden Amerikaner duckten sich unter der Rah des Genuasegels hindurch, balancierten in Richtung Heck und gesellten sich zum Kapitän.
"Wir machen gleich eine Wende," erklärte der braungebrannte Australier, die Augen nur auf Mac gerichtet. "Wenn Sie zu mir kommen, können Sie das Steuer übernehmen, Miss."
"Mrs!" verbesserte Harm, schärfer als beabsichtigt, als er sah, wie der Kapitän Macs Hände auf einem der großen Steuerräder mit den seinen bedeckte. Er wusste selbst nicht, woher die übereifrig-eifersüchtige Schutzhaltung plötzlich kam.
Der Australier korrigierte seinen Griff, so dass seine Finger sich um das Steuerrad und nicht mehr um Macs Hände schlossen. "Okay, *Misses*, bereitmachen zum Drehen! Achtung! Wende!" brüllte er seiner Mannschaft zu.
Der Bug des schlanken Segelschiffes drehte sich durch den Wind, so dass die Böen nun von Steuer- statt von Backbord einfielen. Der Mast der Yacht schwang herum und die Crew duckte sich darunter hindurch, als sie eilig an den Winschen arbeiteten, um die Leinen dicht zu holen, so dass das Großsegel sich wieder füllen konnte.
Sie umrundeten eine wunderschöne Korallenbank und ließen die kleine, bewaldete Daydream Island hinter sich zurück.
Nach einem Zwischenstop auf Hayman Island, wo sie ein verspätetes Mittagessen im 5-Sterne-Restaurant des Resorts genossen, segelten sie weiter nach Whitsunday Island.
Kurz darauf rasselte der Anker nieder und die Passagiere wurden mit dem kleinen Beiboot zur Insel hinüber gefahren.
Whitsunday Island, die größte der Inseln, gehörte – wie alle Inseln der Whitsunday-Gruppe – selbst nicht zum Great Barriere Reef, sondern lag in dessen Schutz dichter am Festland. Die hohen Wellen des Pazifik wurden vom großen Barriereriff im Osten gebrochen, so dass sie nur noch sanft in die Inselbuchten einrollten.
Whitehaven Beach, der beliebteste Abschnitt der Insel, war ein Traumstrand, wie man ihn sonst nur von Postkarten kannte. Über eine Länge von sechs Kilometer erstreckte sich ein Strand aus feinstem, weißem Sand. Kein hochmodernes Hotel ragte hinter dem Strand auf, nur Palmen säumten die Küste.
Der feine Sand knirschte unter Macs nackten Füßen, als sie übermütig vom Beiboot sprang und ans Ufer lief. Winzige Krabben wuselten davon, als der Schatten des langsamer folgenden Harm auf sie fiel.
Am Horizont, wo sich das türkisblaue Wasser mit dem wolkenlosen Himmel traf, glitt ein Schiff vorbei und ein paar Windsurfer kreuzten im Zick-Zack vor der Insel, aber ansonsten war der weiße Strand einsam und unberührt.
"Wow!" Mac ließ sich rücklings in den warmen Sand fallen und zog den lachenden Harm mit sich. "Wir sind im Paradies!"
"Dann passen Sie nur auf, dass Sie nicht versehentlich in einen Apfel beißen, Frau Anwältin!" kommentierte Carl Benton, der eben missmutig neben seiner Frau den Strand hinaufstapfte, ironisch.
Harm starrte ihm verärgert nach. "Wirklich ein sonniges Kerlchen, hm?"
Tatsächlich schienen Carl Benton und seine Frau Rachel die einzigen zu sein, deren Beziehung sich in den letzten Tagen nicht zumindest ansatzweise zum Besseren gewendet hatte. Anstatt den harmonischeren Paaren nachzustreben, hatte Carl nichts Besseres zu tun, als ihre Bemühungen mit bitterem Sarkasmus zu kommentieren.
Nach einem Tag voller Sonne, Sand und Meer kehrten die drei amerikanischen Ehepaare am Abend wieder auf die ‚Divine Wind’ zurück. Die Crew hatte inzwischen ein kaltes Büfett an Deck aufgebaut. Champagnerkorken knallten und Krabben, Hummer, Austern und Salatschüsseln wurden herumgereicht.
Harm saß gegen eine Ausrüstungsbox gelehnt auf dem Mitteldeck; seinen Teller auf einem Bein, während Mac das andere als Kopfkissen benutzte und ihre Beine über die Reling hinausbaumeln ließ.
Mondlicht spiegelte sich auf dem dunklen Wasser um sie herum wider. Ab und zu wies ein silbernes Aufblinken darauf hin, dass die Schuppen eines Fisches die Wasseroberfläche durchbrochen hatten.
Es war still an Bord geworden, nachdem die anderen Touristen sich in ihre Kabinen oder ins Cockpit zurückgezogen hatten; alles, was man hören konnte, waren das sanfte Schlagen der Wellen gegen die Seiten der Yacht und das leise Brummen des Generators, der für Strom in den Kabinen unter Deck sorgte.
Harm schob seinen halbleeren Teller zur Seite und ließ sich nach unten rutschen, bis er Wange an Wange mit Mac auf dem Deck lag. "Schau mal da oben," er streckte die Hand aus und deutete auf den nächtlichen Himmel über ihnen. "Siehst du die fünf Sterne, die da vorne so eine Art Drachen bilden?"
Mac rutschte näher und schloss für einen Moment genießerisch die Augen, als sie Harms Körperwärme auf ihrer Haut spürte. "Hm? Nein? Wo?"
"Würde vielleicht helfen, wenn du die Augen öffnest und siehst, wohin ich deute," meinte Harm grinsend und küsste seine Frau auf die Nasenspitze. "Schau, der sehr helle Stern da drüben und dann die drei etwas kleineren darunter und der andere helle dazwischen?" Harm fuchtelte mit dem Finger.
"Oh! Ja!" hauchte Mac dicht neben Harms Ohr und diesmal war es Harm, der die Augen schloss und ein wohliges Schaudern nicht verhindern konnte.
Er räusperte sich mühsam. "Das ist das Kreuz des Südens; das Sternbild, das die Australier auch auf ihrer Flagge haben."
"Drache? Sagtest du, das Sternbild sieht wie ein Drache aus?" erkundigte sich Mac, sich noch enger gegen Harms Seite pressend. Sie war sich der Wirkung, die sie auf ihren Angetrauten hatte, wohl bewusst.
Harm atmete tief die betörende Kombination von Sonnencreme und Salz auf ihrer Haut ein. "Hmmm, ja, ein Drache. Was sonst?"
"Für mich sieht das eher wie eine Bratschaufel aus."
"Eine Bratschaufel?!" Harm lachte ungläubig. "Mac, du denkst aber wirklich immer nur an das eine!"
Mac stützte sich auf dem Ellenbogen auf, um sich über Harms Körper lehnen zu können. "Ach ja? Und das wäre, Mister Rabb?" Ihre Nasenspitze schwebte unmittelbar über Harms, als sie auf ihn hinabgrinste.
Harm verschränkte beide Hände in Macs Nacken, um sie gegen seine Brust zu ziehen. "Mmhhmm, hab’s vergessen, Mrs. Rabb... irgendetwas hält mich vom klaren Denken ab... aber sobald es mir wieder einfällt, werde ich dir umgehend mitteilen, was es war..."
24. Dezember 2001
2031 Z-Zeit (15:31 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Merkwürdig, wirklich sehr merkwürdig," murmelte Keeter, während er einen Blick auf die Plätzchen im Ofen warf und die Hände wärmend davor hielt. "Ausgerechnet an Heiligabend fällt die Heizung aus und natürlich kann der Reparaturmensch erst nach den Feiertagen kommen..."
"Man könnte fast schwören, dass Granny und Will etwas damit zu tun haben, nicht?" meinte Skates zustimmend, während sie ein paar weitere Sternschnuppen aus dem ausgerollten Teig ausstach.
Keeter nickte. "Hast du gehört, wie Granny das vorhin gesagt hat: Im Notfall müssten wir uns eben *gegenseitig warm halten*, bis sie den kleinen Heizofen auf dem Speicher gefunden haben... wie lange sind die beiden jetzt eigentlich schon da oben?" Er lehnte sich gegen den Küchenschrank und schnupperte genüsslich. In der ganzen Wohnung roch es herrlich nach Zimt, Anis, Lebkuchen und Tannenharz.
"Keine Ahnung, verdächtig lange, jedenfalls. In der Zeit hätte man einen Heizofen erfinden und bauen können. Hey! Hände vom Teig!" Skates schlug blitzschnell mit dem Teigschaber zu. "Zwei Kilo roher Plätzchenteig sind nicht gerade das, was deiner Figur noch fehlt, mein lieber Keeter!"
"Wusstest du eigentlich... Sorge um die Essgewohnheiten des Männchens ist ein eindeutiges Zeichen für sexuelles Interesse von Seiten des Weibchens," erklärte Keeter mit einem bedeutungsvollen Grinsen und stopfte sich zufrieden den erbeuteten Teig in den Mund.
Skates schüttelte tadelnd den Kopf. "Ah, wirklich? Wo hast du das denn schon wieder gelesen, im Playboy auf der Bordtoilette der Enterprise?"
"Im Playboy gibt es nur Bilder," korrigierte Keeter grinsend. "Nein, das hab ich beim Tierarzt gelesen, als ich letztes Mal mit Amaretto da war. Ich glaube, es ging um das Paarungsverhalten von Graugänsen oder so was."
Skates verharrte mitten im Plätzchenausstechen. "Du vergleichst mich mit einer *Gans*?" wiederholte sie ungläubig. "Kein Wunder, dass du noch Single bist, bei solchen Komplimenten!"
Keeter brummte verlegen. "Hey, ich glaube, die Plätzchen sind fertig!" wechselte er hastig das Thema. Er riss die Ofentüre auf und griff nach einem der sternschnuppenförmigen Plätzchen, tapfer verbergend, dass er sich dabei die Finger verbrannte. "Eine Sternschnuppe! Darf ich mir jetzt was wünschen?" erkundigte er sich mit einem lauernden Grinsen.
"Ja."
Keeter sah erstaunt von seinem Weihnachtsgebäck auf. "Wirklich? Ich darf?"
"Mm-hm. Du darfst dir aussuchen, ob du lieber nach Will, Granny und dem Heizofen oder nach Jingo, Amaretto und Gypsie sehen möchtest." Skates stieß mit der Hüfte die Ofentüre zu und sah Keeter fragend an. "Also?"
<Ich hab zwar an einen Kuss oder so etwas gedacht, aber...> "Na schön, ich geh mal nach den Tieren schauen." Keeter trottete ins Wohnzimmer und als er dort nicht fündig wurde hinüber ins Schlafzimmer ihrer Gastgeber.
Zwei Minuten später kam ein Ruf aus dem Schlafzimmer. "Skates, kannst du mal ins Schlafzimmer kommen? Hier, zum Bett rüber! Und bring ein Stück Schnur oder ein Seil oder so mit!"
Kaum war Skates im Schlafzimmer verbunden, als zwei grauhaarige Häupter sich aus der Luke, die zum Speicher hinauf führte, streckten. "Jackson und Elizabeth im Schlafzimmer... auf dem Bett... mit einem Stück Seil... ich hätte mir das zwar ein wenig romantischer vorgestellt, aber na ja, Hauptsache, sie sind zusammen. Der ‚Körperwärme-Teilen’-Vorschlag scheint gewirkt zu haben!" Zufrieden kletterte Granny die ausziehbare Treppe hinunter.
Sie und Will schlichen zum Schlafzimmer ihrer Enkel hinüber und verharrten lauschend vor der Türe.
"Da?" fragte Keeters atemlose Stimme von innen. "Ist das die Stelle?"
"Fast! Noch ein bisschen, noch ein bisschen, ja, ja, fast!" kam Skates ebenso aufgeregte Antwort.
Ein Stöhnen kam von Keeter und das Rascheln von Kleidung, die übers Bett schabte, war zu hören. "So richtig? Soll ich jetzt...?"
"Ein bisschen weiter nach links... Vorsicht, langsam, gaaaanz sanft jetzt...," murmelte Skates mit gepresster Stimme.
"Ich bin schon so sanft wie es geht, aber es ist gar nicht so einfach, das lange Ding da zu handhaben!" stöhnte Keeter atemlos.
Die beiden Rentner vor der Türe wechselten verdutzte Blicke.
"Ja, ja, jetzt, jetzt hast du’s!" quietschte Skates plötzlich.
Ein Poltern kam aus dem Schlafzimmer und dann ein Aufschrei von Keeter, der jedoch mehr schmerzverzerrt als leidenschaftlich klang.
Die Schlafzimmertüre schwang auf und Keeter trat mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht hinaus. Überrascht stoppte er, als er fast mit den beiden Senioren zusammenprallte.
"Äääähm, alles in Ordnung bei euch beiden?" erkundigte sich Granny hastig.
"Sicher, außer dass ich eben meine Körperflüssigkeit auf Harms Bett vergossen habe," brummelte Keeter.
Skates tauchte im Türrahmen auf. "Ich hab dir ja gesagt, dass du in deiner Aufregung nicht zu früh zupacken sollst!"
Granny trat von einem Bein aufs andere. "Gibt es da ein Problem, über das du vielleicht lieber mit Will reden möchtest, so von Mann zu Mann?" fragte sie Keeter behutsam.
Keeter sah verständnislos auf die alte Dame hinab. "Problem? Von Mann zu Mann? Granny, ich habe kein Problem, ich brauche nur ein Pflaster für den Kratzer, den dieses kleine Biest mir im Übereifer zugefügt hat!"
Granny blickte zu Skates, erstaunt darüber, dass diese sich die abwertende Bezeichnung so einfach gefallen ließ.
Keeter machte sich auf die Suche nach einem Verbandskasten. "Eines sag ich dir, Skates, nächstes Mal bist du unten und ich oben!" rief er über die Schulter hinweg.
Will warf seiner Frau einen hilfesuchenden Blick zu. "Okay, Leute, ich find’ es ja wirklich schön, dass ihr endlich zusammen seid – und noch dazu so leidenschaftlich – aber das ist so langsam wirklich zuuuu viiiiel Information!"
Keeter wirbelte herum, eine Hand gegen seinen Unterarm gepresst. "Zusammen seid? Leidenschaftlich? Will, Granny, wovon redet ihr da?"
Granny deutete auf die offene Schlafzimmertüre und das etwas zerwühlte Bett. "Seite 224 im Kama Sutra – hat sich wenigstens so angehört," urteilte sie schlagfertig.
Skates begann zu husten. "Das hat sich aber auch wirklich nur so angehört! Keeter hat eben versucht, Gypsie mit einer Schnur unter dem Bett vorzulocken, wo die Katze den armen Amaretto hingejagt und dann nicht mehr rausgelassen hat. Und ich hab ihm die Richtung gewiesen und ihm gesagt, wann er zupacken soll."
"Was aber leider fehlgeschlagen ist, weshalb Harms Bett jetzt blutbesudelt ist!" murrte Keeter.
Skates rollte mit den Augen. "Herrgott, Keeter, das waren zwei *Tropfen*, nicht zwei Liter Blut!"
Keeter sah von seinem Pflaster auf. "Wo wart ihr überhaupt so lange?" wandte er sich an die beiden Rentner. "Ich hoffe, ihr habt wenigstens den Heizofen auf dem Speicher gefunden oder habt ihr nur gewartet, bis Skates und ich mit Seite 224 fertig sind?" Der Pilot neigte spöttisch den Kopf.
"Nein, den Heizofen nicht, aber dafür das hier!" Triumphierend deutete Granny auf die beiden Kisten mit Christbaumschmuck, den sie vom Speicher geholt hatten.
Skates drückte Keeter die Trittleiter in die Hand und wies grinsend auf den Tannenbaum. "Na, dann fang mal an, Keeter. Du wolltest beim nächsten Mal ja unbedingt oben sein!"
Eine Stunde später waren die goldenen Kugeln und die bunten Lichter endlich zur Zufriedenheit von Granny und Will auf der Tanne platziert.
"Oh! Schaut mal da oben!" Granny deutete mit dem Finger, als Keeter von der Trittleiter zu Boden sprang.
Keeter verschränkte die Arme vor der breiten Brust. "Nein, Granny, bei aller Liebe, aber ich weigere mich, den Weihnachtsmarine oder die Tomcat oder irgendeine der Kugeln noch einmal umzuhängen!"
"Nicht da oben – *da*!" Granny deutete auf eine Stelle über Keeter und Skates.
Skates stöhnte. Über ihr an der Decke baumelte ein Mistelzweig.
"Na, wenn das nicht ein Mistelzweig ist!" freute sich Will.
"Mistel*zweig*?!" wiederholte Skates spöttisch. "Das ist kein Mistelzweig, das ist ein kompletter Mistel*wald*!" Tatsächlich hatten es die beiden Senioren irgendwie geschafft, in jeden Winkel der Wohnung unbemerkt einen Mistelzweig zu drapieren.
"Ich kenne kein Gesetz, das das Aufhängen von Mistelzweigen verbietet oder auf eine bestimmte Anzahl beschränkt, ihr etwa?" Granny wartete einen Augenblick, aber natürlich kannten die beiden Piloten kein solches Gesetz. "Na also! Dann macht schon!"
Skates rollte mit den Augen. "Macht schon was?" stellte sie sich ahnungslos.
Granny schlug die Hände zusammen. "Kama Sutra für Anfänger, Seite eins – der Kuss!" erklärte sie ungeduldig.
Keeter, einem Kuss alles andere als abgeneigt, trat gehorsam näher an Skates heran und sah fragend auf sie hinab. In Skates braunen Augen schimmerten Stolz, Trotz und etwas, was beinahe wie Angst aussah – jedenfalls nichts, was Keeter als Einladung gewertet hätte. Früher, bei jeder anderen Frau, hätte Keeter, der wagemutige Navy-Flyboy, vielleicht alles auf eine Karte gesetzt und sie trotzdem geküsst, überzeugt, dass sein Flieger-Charme sie doch noch betören würde. Aber jetzt stand er Elizabeth ‚Skates’ Hawkes gegenüber.
Er spürte, wie die Muskeln in ihren Schultern sich anspannten, als er den Arm um sie legte. Sanft drehte er sie, so dass sein breiterer Körper den der kleineren Frau vor den neugierigen Blicken der Rentner schützte. Dann beugte er den Kopf und küsste Skates lächelnd auf die Wange.
"Schon fertig?" fragte Granny, als er sich wieder aufrichtete und Skates verschwörerisch zuzwinkerte.
Keeter zuckte nur die breiten Schultern. "Ich kenne kein Gesetz, das die Länge von Mistelzweig-Küssen festlegt, ihr etwa?" Er wartete eine obligatorische Sekunde, um dann triumphierend hinzuzufügen: "Na also."
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