Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.
Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.
Episoden:
"Das Virus" ("Smoked"),
"Der schwarze Jet" ("The Black Jet"),
"Die Äquatortaufe" ("Crossing the Line"),
"Den Tod im Visier" ("King of Greenie Board"),
"Gegen alle Regeln" ("Rules of Engagement"),
"Blinder Passagier" ("True Callings"),
"Hochzeitsblues" ("Wedding Bell Blues").
Inhalt:
Endlich haben Granny und Will es geschafft: Die Hochzeit von Harm und
Mac steht bevor. Aber natürlich müssen vorher noch einige
Hindernisse bewältigt werden und dann ist da auch noch die
Geschenkidee, die Granny und Will sich ausgedacht haben...
Es gibt auch eine Linksammlung zu dieser Geschichte.
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.
Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.
Neu!!! Die Granny-Serie hat jetzt ihre eigene Mailing Liste, auf der diskutiert werden kann und auf der die neuesten Updates des bald folgenden 8. Teils veröffentlicht werden. Ihr alle seid – auch im Namen der List-Owner – herzlich dazu eingeladen, euch anzuschließen:
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries
Juni 2001
0055 Z-Zeit (16:55 Uhr AKDT)
An Bord der USS Enterprise
Irgendwo im Pazifischen Ozean
"Commander Keeter?"
<Mist!> Jackson D. Keeter widerstand nur mit Mühe der Versuchung, eine Grimasse zu schneiden, als er zu dem jungen Ensign im Türrahmen aufsah. Es war noch keine zwei Minuten her, seit Keeter mit seinem Kaffee im Aufenthaltsraum der Piloten Platz genommen hatte. <Oh, bitte, nicht schon wieder ein Überraschungs-Einsatz! Ich brauche Uuuurrlaaaaaub!>
"Da ist ein dringender Anruf von einem Zivilisten für Sie, Sir," meldete der Ensign.
Keeter erhob sich sofort und schritt, unter dem Grölen und Pfeifen seiner Kameraden, zur Tür.
"Uuuuh, Keeter! Wieder deine blonde Freundin?" Einer der Jägerleitoffiziere grinste anzüglich.
Keeter warf ihm über die Schulter einen überlegenen Blick zu. "Sie ist nicht blond und sie ist auch nicht meine Freundin," erklärte er zum wiederholten Mal. <Außer, wenn es nach Granny und Will geht.>
"Ah, die Stripperin!" rief ein anderer Pilot.
Keeter gab es auf, seine durch und durch verdorbenen Kollegen davon überzeugen zu wollen, dass seine ‚Freundin’ beruflich nicht ihre Hüllen fallen ließ und dass zwischen ihnen nichts außer ein paar E-Mails ausgetauscht wurde. "Nur keinen Neid, Jungs!" rief er über die Schulter zurück, als er dem Ensign nach draußen folgte. <Ich sage Skates lieber nicht, dass die Jungs ihren Rufnamen für das Pseudonym einer Stripperin halten!>
Er grübelte darüber nach, welcher ‚Zivilist’ ihn hier draußen, inmitten des Pazifiks, zu erreichen versuchte. <Vielleicht Robbie?> Keeter verwarf den Gedanken. Seine Familie kommunizierte über Briefe oder E-Mails mit ihm oder sie wartete, bis er anrief. <Es sei denn natürlich, es ist ein Notfall...>
Er betrat den Funkraum und nahm, ein wenig unruhig geworden, den Anruf entgegen.
"Keeter? Hier ist Will, Will MacKenzie," meldete sich der Anrufer.
"Will!" Keeter lächelte erfreut. "Schön, von Ihnen zu hören." <Ziemlich überraschend, aber schön.>
"Ich freue mich auch, aber ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten." Man hörte, wie der alte Halb-Cherokee laut seufzte.
Keeters Lächeln erstarrte. "Wieso, was ist los?" Er hatte fast Angst zu fragen.
"Ich musste Sarah... Granny heute ins Krankenhaus bringen," erklärte Will ernst.
"WAS?!" Der kräftige Pilot, den sonst so leicht nichts umhauen konnte, tastete nach dem nächstbesten Halt. Er konnte sich die lebhafte alte Dame einfach nicht krank vorstellen.
"Oh, keine Sorge, es ist nichts Dramatisches, mein Eheweib wirft so leicht nichts um," versicherte ihm Will eilig, "sie musste nur auf die harte Tour lernen, dass man einer Kuh mit Verdauungsproblemen besser nicht zu nahe kommen sollte... jedenfalls nicht aus der falschen Richtung... kurzum, sie ist beim Füttern auf der Farm ausgerutscht, hingefallen und hat sich das Bein gebrochen."
"Oh." Erleichtert lockerte Keeter den Würgegriff, den er um die nächstbeste Stuhllehne gehabt hatte. "Und wie geht’s ihr jetzt?"
"Oh, Granny geht’s schon wieder ganz gut, sie humpelt schon wieder hier zuhause herum. Aber ich fürchte, die Kuh ist ein wenig traumatisiert," scherzte Will lachend. Als das Lachen verklang, herrschte einen Moment lang Stille. "Nur haben wir jetzt leider ein Problem, bei dem wir deine Hilfe brauchen könnten."
"Schieß los, wenn ich helfen kann, dann tue ich es," erklärte Keeter entschlossen, obwohl er stark bezweifelte, dass er hier draußen, abgeschottet vom Rest der Welt, viele Möglichkeiten zum Helfen hatte.
"Nun ja, es sind nur noch zwei Monate bis zur Hochzeit von Harm und Sarah..."
"Mm-hm," brummte Keeter bestätigend. Die regelmäßigen E-Mails von Harm in seiner Mailbox, die ihn daran erinnerten, rechtzeitig Urlaub einzureichen, seine Gala-Uniform reinigen zu lassen und seinen Militärsäbel zu polieren, ließen ihm nicht die Chance, das zu vergessen.
"... und da ist es langsam an der Zeit, sich um ein Hochzeitsgeschenk zu kümmern," fuhr Will fort.
Keeter kratzte sich am Kopf. <Oh, oh! Da hat er recht.>
"Granny und ich haben beschlossen, ihnen die Hochzeitsreise zu schenken. Wir wollten uns das Land selbst ansehen, die romantischsten Flecken herauspicken und daraus eine unvergessliche Reise zusammenstellen... nur leider hat uns Grannys Begegnung der dritten Art mit der Kuh da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bis sie das Bein aus dem Gips hat, ist es zu spät für die Probe-Reise," berichtete Will deutlich enttäuscht.
"Verstehe. Aber wie kann ich dir da weiterhelfen?" Ratlos schüttelte Keeter den Kopf.
Will räusperte sich demonstrativ, als er zur Erklärung ansetzte. "Nichts einfacher als das..."
0113 Z-Zeit (21:13 Uhr EDT)
Hotel "Southern Comfort"
Atlanta, Georgia
Sarah MacKenzie tapste barfuß vom kleinen Badezimmer zum Hotelbett hinüber und schlüpfte nach kurzem Zögern unter die Decke. Seufzend rieb sie ihre kalten Füße gegeneinander, um sie aufzuwärmen. <Ich habe beinahe schon vergessen, wie es sich anfühlt, alleine ins Bett zu gehen.>
Der Fall, in dem sie gerade auf dem Navy-Luftwaffenstützpunkt in Atlanta recherchierte, verlangte 100%tige Konzentration. Mac war müde, fühlte sich aber dennoch zu rastlos, um schlafen zu können. Sie griff nach ihrem Buch auf dem Nachttisch und öffnete es an der mit einem Foto gekennzeichneten Stelle. Gerade mal drei Worte später schlug sie das Buch wieder zu und starrte stattdessen auf die leere Stelle im Bett neben sich. "Das nützt nichts. Ich brauche ein Schlafmittel," murmelte sie halblaut vor sich hin.
Sie angelte nach dem Telefonhörer und wartete, bis die Rezeption sich meldete. "MacKenzie von Zimmer Nummer 21. Ich hätte gerne etwas aufs Zimmer geschickt bekommen... eine seeeehr große Portion Schokoladen-Eiscreme, bitte."
"Natürlich, Ma’am," der Rezeptionist war professionell genug, um sich seine Überraschung über diese ungewöhnliche Abendmahlzeit nicht anmerken zu lassen. "Ähm, wie groß ist ‚sehr groß’, Ma’am?"
Mac überlegte einen Moment lang. "Haben Sie irgendwo ein Glas, in dem sie Bowle zubereiten, herumliegen?"
Der Rezeptionist lachte unterdrückt. "Sehr groß, ich verstehe. Ihr Eis wird sofort zu Ihnen hinauf geschickt. Gute Nacht, Ma’am."
Eine halbe Stunde und eine Riesen-Portion Eiscreme später war Mac dem Schlaf noch immer nicht näher gekommen. Frustriert bearbeitete sie ihr Kissen, um es in eine bequeme Form zu bringen, und debattierte mit sich, ob sie Harm anrufen sollte. Vielleicht würde sie schlafen können, nachdem sie seine Stimme gehört hatte und wenn nicht, dann konnten sie zumindest gemeinsam schlaflos sein. Auswendig tippte sie die Nummer seines Handys.
"Hallo, Schönheit," antwortete Harm schon nach dem ersten Klingeln.
Mac grinste. "Woher wusstest du, dass ich es bin?"
"Nun ja, ich verabrede mich prinzipiell nur mit schönen Frauen, also wusste ich, es kann nur eine von euch sein," behauptete Harm neckisch.
"Seit ich letzten Monat den Text des Anrufbeantworters geändert habe, glaube ich kaum, dass sich irgendeine deiner ‚schönen Frauen’ je wieder melden wird," entgegnete Mac belustigt. "Wie läuft dein Fall?" Harm war vom Admiral nach Fallon, Nevada, geschickt worden, während Mac hier in Atlanta ermittelte.
"Der ist eigentlich abgeschlossen. Und wie läuft’s bei dir?"
"Morgen früh habe ich noch ein Gespräch mit einer Zeugin, dann sitze ich im nächsten Flugzeug nach Hause," erklärte Mac hoffnungsvoll. Sie atmete tief durch und gestand dann: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist. Ich vermisse dich. Ich liege hier und versuche zu lesen, aber irgendwie kann ich mich nicht darauf konzentrieren. Dann hab ich Schafe gezählt, aber sie verwandeln sich immer alle in dich. Sogar das Eis hat versagt."
"Willkommen im Club." Harm seufzte. "Mir ging’s ganz ähnlich. Mein Bett war so leer, dass ich seit zwei Tagen nicht richtig schlafen konnte."
"Was hast du dann gemacht?" fragte Mac in der Hoffnung nach einem ‚Patentrezept’.
"Ach, das Übliche, was Piloten so machen, wenn sie nicht schlafen können," meinte Harm nichtssagend.
"Und was wäre..." Ein Klopfen an der Türe unterbrach Mac und ließ sie erschrocken zusammenfahren. "Oh, Moment, Harm, es klopft gerade an der Türe. Bleib dran, ja?"
"Fällt mir nicht ein, jetzt wegzugehen," versicherte Harm.
Sorgsam legte Mac den Hörer neben die Gabel und ging zur Türe. "Ja?" fragte sie vorsichtig, mit der Hand auf dem Türgriff.
"Hi," antwortete die Person auf der anderen Seite der Türe.
Eine Sekunde lang starrte Mac in komplettem Schock auf die geschlossene Türe, dann drückte sie hastig die Türfalle nach unten und riss so eilig die Türe auf, dass sie sich beinahe selbst damit erschlug. "Woaaarh!" gurgelte sie sprachlos vor Glück, als sie ihren Besucher anstarrte.
Harm hob lächelnd die Brauen. "Interessante Reaktion. Kann ich reinkommen?"
Er kam gar nicht bis über die Türschwelle, bevor ihm 120 Pfund Marine-Corps-Colonel enthusiastisch in die Arme sprangen.
Der Gast vom Nebenzimmer, mit dem Mac beim Einchecken ins Hotel ein paar Worte gewechselt hatte, stand mit einer Zeitung im Flur und betrachtete staunend die Szene. "Ich nehme mal an, Sie beide kennen sich," meinte der ältere Herr schmunzelnd, "oder aber Sie sind eine wirklich freundliche Person, Miss."
"Beides," versicherte Harm, bevor er Mac rückwärts vor sich her ins Zimmer schob und die Tür hinter ihnen zufallen ließ. Er hatte nicht vor, die Umarmung so schnell zu lösen. Es fühlte sich einfach so unglaublich gut an, Mac wieder in den Armen zu halten. Er lehnte die Wange gegen Macs seidiges Haar und ließ langsam den Atem entweichen, während Mac ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub.
Erst nach ein paar Minuten lösten sie sich weit genug voneinander, um einander in die Augen sehen zu können.
"Wow!" war Macs erster Kommentar.
Harm grinste vor sich hin. "Wow?"
Mac lehnte sich gegen ihn und sog das Gefühl, wieder mit Harm zusammen zu sein, gierig in sich auf. Sie fühlte sich wie ein ausgetrockneter Schwamm, der plötzlich in einen See geworfen wurde. "Wow wie ‚Wow, das war eine der schönsten Überraschungen meines Lebens’, wow wie ‚wow, du ahnst nicht, wie wunderbar es ist, dich zu sehen’ und wow wie ‚wow, du hast einen unangenehmen Tag in einen absolut perfekten verwandelt’." Sie zog sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. "Das machen Piloten also, wenn sie nicht schlafen können, hm?"
Harm zuckte die Schultern. "Na ja, ich stand da so im Flughafengebäude und das Terminal für den Flug zurück nach Washington DC war genau neben dem Terminal für Atlanta... ich muss wohl irgendwie im falschen Flieger gelandet sein," behauptete er zwinkernd.
"Oh, nein, im richtigen!"
Erst eine halbe Stunde später, als sie nebeneinander im nicht sehr breiten Hotelbett lagen, fiel Mac wieder ein, dass der Telefonhörer noch immer neben der Gabel lag und sie hängte rasch ein.
Beide zuckten heftig zusammen, als das Telefon sofort zu klingeln begann. Mac angelte nach dem Hörer. "MacKenzie."
"Hallo, Ma’am, hier ist Harriet," meldete sich die freundliche Stimme ihrer Kollegin.
"Oh, Harriet, guten Abend. Irgendetwas nicht in Ordnung?" erkundigte sich Mac, etwas erstaunt über den späten Anruf.
"Nein, nein, nur eine Kleinigkeit. Könnte ich mal den Commander sprechen?"
Mac schüttelte verblüfft den Kopf. "Sie rufen *mich* in *meinem* Hotelzimmer in *Atlanta* an, während Harm eigentlich in *Nevada* sein sollte und erwarten, dass er hier ist?"
"Ja," entgegnete Harriet fröhlich.
Mit einem gemurmelten "Wie macht sie das?!" gab Mac den Hörer weiter.
"Harriet?" fragte Harm mit einem leichten Stirnrunzeln. <Mir scheint, ich werde langsam ein wenig zu berechenbar.>
"Entschuldigen Sie die Störung, Sir, aber wir haben hier ein kleines Problem..."
Harm warf einen Blick auf die Uhr. <Nach zehn.> "Problem? Mit einem Fall?"
"Na ja, nein, nicht direkt, Sir... obwohl eine gewisse Körperverletzung vorliegt," begann Harriet zögernd. "Sie wissen doch, dass wir heute für AJ eine Kindergeburtstags-Party gefeiert haben..."
Harm rutschte näher an Mac heran, damit sie mithören konnte. "Ja, und es tut Mac und mir sehr leid, dass wir die Party verpasst haben."
"Oh, nein, nein, das ist es nicht, Sir. Es ist nur... na ja, es ist ziemlich schwer, auf so viele Zwei- und Dreijährige gleichzeitig aufzupassen und... eine von AJs kleinen Freundinnen hat Gypsie entdeckt und seitdem weigert sie sich, wieder vom Küchenschrank runter zu kommen..." berichtete Harriet, verlegen, dass der ihnen zur Pflege anvertrauten Katze dieses Missgeschick geschehen war.
"Sie? Das Kind?" fragte Harm vorsichtshalber nach.
"Nein, die Katze, Sir. Ich dachte, Sie hätten vielleicht einen Trick, wie wir sie da wieder runter bekommen, ohne dass einer von uns dabei in ein Nadelkissen verwandelt wird?" Harriet machte einen hoffnungsvolle Pause.
"Tja, da geb’ ich Sie besser mal an Mac weiter, sie ist für die Erziehung zuständig," behauptete Harm und reichte Mac mit einem Grinsen den Hörer.
Unter Protest nahm Mac den Hörer entgegen. "*Ich*?! Wieso bin ich immer nur für die Erziehung zuständig, wenn Gypsie wieder mal was angestellt hat?"
"Das ist eine noch immer ungelöste Frage der Mutterschaft, Ma’am," erklärte Harriet kichernd, "Sie sollten sich schon mal daran gewöhnen... ähm, ich meine, wenn... falls..."
Mac winkte ab, obwohl Harriet die Geste nicht sehen konnte. "Schon gut, Harriet. Also, am einfachsten bekommen Sie die junge Dame mit Pommes und Fischstäbchen von ihrem hohen Ross herunter."
"Pommes und Fischstäbchen?" Harriet klang, als hätte sie so ihre Zweifel an der Effektivität dieser Methode. "Ein Versuch kann nicht schaden. Danke, Ma’am und gute Nacht."
Mac legte den Hörer auf und begegnete Harms gespielt strengem Blick. "Du fütterst meiner Katze Pommes Frites?"
"Ach, sieh an, ich dachte, es wäre *meine* Katze? Und im Übrigen erwartest du wohl nicht ernsthaft, dass sie für ein lahmes Salatblatt vom Schrank kommt!" Neckisch zog Mac den Bund von Harms Boxershorts zurück und ließ ihn gegen seine Haut klatschen.
Mit einem Panther-Grollen rollte Harm sich über sie, doch schon nach wenigen Sekunden war aus dem Wrestling-Match eine Serie engumschlungener Küsse geworden.
Eine Stunde später versuchte Harm, endlich einzuschlafen, doch obwohl Mac jetzt bei ihm war, wollte es einfach nicht gelingen. Er war den Komfort des Wasserbetts gewöhnt und irgendetwas in der Hotel-Matratze piekte ihn empfindlich in die Seite. "Autsch!" Er versuchte, sich herumzurollen, aber das war nicht so einfach, da Mac ihn halb unter sich begraben hatte.
Sie war völlig erschöpfte eingeschlafen, aber Harm wusste, dass sie aufwachen würde, wenn er versuchte, aufzustehen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, versuchte er, seine Position zu verändern.
"Haaarm? Was ist?" Verschlafen blinzelte Mac ihn an.
"Pssst, schlaf ruhig weiter, ich versuche nur, Frieden mit dieser Matratze zu schließen," flüsterte Harm und strich seiner Partnerin sanft übers Haar.
"Matratze?" Mac stemmte sich auf dem Ellenbogen in die Höhe. "Was stimmt denn nicht mit der Matratze?"
"Die Matratze ist unbequem! Da ist eine Bettfeder, die mich nicht schlafen lassen will."
"Unbequem?" Mac wippte auf dem Bett auf und ab. "Also, ich finde das Bett sehr bequem. Und wage es jetzt bloß nicht zu sagen, das läge daran, dass Frauen mehr Körperfett haben als Männer!"
Harm grinste unschuldig. "Jetzt wo du es sagst... das könnte natürlich die Erklärung sein, warum dein angeblich so bequemes Bett mich fast in den Wahnsinn treibt."
"Willst du mir erzählen, dass du – der Kampfpilot, der toughe Harmon Rabb junior, der Mann, der Löcher in die Decke eines Gerichtssaals schießt – sich von einer Bettfeder fertig machen lässt?" Neckisch stupste Mac seine Nase mit der ihren an.
Harm sah an seinem lang ausgestreckten Körper hinab. Macs linker Arm lag quer über seiner Schulter, ihr Kopf war auf seine Brust gebetet und ein Bein war besitzergreifend um eines von seinen geschlungen. "Kein Wunder, dass dich das Bett nicht stört, du berührst es ja kaum!"
Mac hob den Kopf. "Soll das etwa eine Beschwerde sein?"
"Oh, nein, natürlich nicht!" versicherte Harm sofort.
"Gut. Es ist nämlich inzwischen 23.12 Uhr und mir fallen auf Anhieb mindestens hundert Dinge ein, die ich jetzt lieber tun würde, als über Bettfedern zu diskutieren." Macs Lippen auf den seinen erstickten jede weitere Diskussion.
2310 Z-Zeit (16:10 Uhr PDT / Pacific Daylight Saving Time)
Sanchez Street, Noe Valley
San Francisco, Kalifornien
Elizabeth ‚Skates’ Hawkes joggte die Treppe ihres kleinen Hauses hinab und setzte sich auf die unterste Stufe, um in ihre Inline-Skates zu schlüpfen. "Hallo, Jacob!" rief sie ihrem Nachbarn zu und winkte.
Der alte Mann sah von dem Blumenbeet, in dem er gerade arbeitete, auf. "Hallo, Skates. Na, wieder mal zuhause auf Urlaub?"
Skates nickte, während sie die Schnallen an ihren Füßen zuschnappen ließ. "Ein Großteil der Crew hat erst mal Urlaub, während mein Schiff, die John C. Stennis, in San Diego liegt. Und wie geht’s Ihnen und Ihrer Frau?"
"Sie besucht für ein paar Tage ihre Schwester," antwortete er und lächelte tapfer.
Skates sah die Einsamkeit in seinen Augen. Sie lächelte, um ihn aufzumuntern. "Sie meinen, sie riskiert, Sie alleine zu lassen mit einer alleinstehenden Frau wie mir nur ein Haus entfernt?"
Der Rentner musste lachen. "Oh, bitte, wenn Sie mir weiter so schmeicheln, passt mein altes Ego bald durch keine Türe mehr! Ich weiß wirklich nicht, warum so eine nette und hübsche Frau wie Sie die jungen Männer nicht vor der Türe Schlange stehen hat!"
Das war ein Thema, mit dem Skates sich momentan nicht beschäftigen wollte und deshalb lenkte sie schnell ab. "Grüßen Sie Ihre Frau von mir, wenn Sie mit ihr sprechen, ja?" Sie verabschiedete sich und skatete mit gleichmäßigen Bewegungen den Hügel hinab nach Norden.
Hier, vom hügeligen Stadtteil Noe Valley aus, hatte sie einen atemberaubenden Blick auf den Rest der Stadt. In der Ferne zog der Nebel langsam durch das Golden Gate und in die Bucht von San Francisco, aber im sonnigen Noe Valley ließ er sich nur selten nieder.
Skates sauste den Hügel hinab nach Norden, bis sie auf die zahlreichen Läden, Cafés und Restaurants der 24th Street traf. Endlich hatte sie ihr Ziel, das ‚Miss Millie’s’ erreicht und öffnete die Schnallen der Inline-Skates. In Socken betrat sie das kleine Restaurant, in dem sie Stammgast war, und steuerte auf ihren gewohnten Tisch, ganz hinten in der Ecke, zu.
Sie sah sich um, während der Kellner das zweite Gedeck auf ihrem Tisch abräumte. <Meine Güte, ist das hier die Arche Noah, oder was?> Jeder der kleinen Tische im Restaurant war von einem Paar besetzt – jeder Tisch, außer ihrem. Verärgert zupfte Skates an ihrer Serviette. <Komm schon, Skates, seit wann macht es dir was aus, alleine zu essen?!>
Ohne auch nur einen Blick in die Speisekarte zu werfen, bestellte sie Bananen-Pfannkuchen. Sie sah aus dem Fenster und beobachtete die bummelnden Menschen auf der 24sten Straße, während sie wartete.
"Hi," grüßte plötzlich eine männliche Stimme dicht neben ihr.
Skates war nicht überrascht. Sie war daran gewöhnt, dass Männer mit einem ‚Ist der Platz noch frei’ versuchten, Kontakt zu ihr aufzunehmen. <Ich hätte wohl doch in ein Restaurant im Castro gehen sollen, hm?> Darauf gefasst, wieder einen dieser Flirt-Versuche abwehren zu müssen, drehte sie sich um. "Nein, ich..."
Sie vergaß plötzlich, was sie hatte sagen wollen, als sie erkannte, wer da vor ihr stand. "Was... was machst du denn hier?!" war alles, was sie heraus brachte.
Grinsend ließ Keeter sich ihr gegenüber nieder. "Ich hole dich ab," erklärte er, als wäre das lange vereinbart gewesen.
"Du holst mich ab?" wiederholte Skates noch immer völlig überrumpelt. "Wozu? Wohin?"
"Das erkläre ich dir unterwegs, wir müssen gleich los." Keeter erhob sich wieder und schob die verdutzte Skates vor sich her, in Richtung Ausgang. Er nahm dem erstaunten Kellner, der gerade Skates Essen hatte servieren wollen, den Pfannkuchen vom Teller und reichte ihm einen Geldschein.
Er ging zielstrebig auf seinen Mietwagen zu, während Skates in Socken und mit ihren Inlinern in der Hand hinter ihm her hoppelte. "Jackson Dugald Keeter! Ich rühre mich keinen einzigen Zentimeter mehr von der Stelle, bevor du mir nicht erklärst, was hier vor sich geht!"
"Na schön." Keeter lehnte sich gegen die Wagentüre und biss probehalber von Skates Pfannkuchen ab, bevor er ihn an die Jägerleitoffizierin weiterreichte. "Alscho, weischt du..." Er schluckte den Bissen hinunter, "... weißt du, das war so... ich sitze, nichts Böses ahnend, mit den anderen Piloten auf der Enterprise zusammen und genieße meinen wohlverdienten Feierabend, als ich plötzlich einen Anruf von Will bekomme. Granny musste ins Krankenhaus, weil..."
"WAS?!" Skates ließ fast den Pfannkuchen fallen.
"Oh, nichts Schlimmes, sie hat sich nur das Bein gebrochen und ist schon wieder zuhause," beeilte sich Keeter zu erklären, "Nur kann sie jetzt nicht wie geplant die Probe-Flitterwochen antreten. Die zwei wollten Harm und Mac nämlich als Hochzeitsgeschenk eine romantische Reise durch Irland schenken... und es wäre doch wirklich schade, wenn daraus nichts wird... deshalb hab ich zugestimmt, dass wir die Erkundungstour übernehmen."
"Du hast WAS getan?!" Entsetzt sprang Skates auf ihn zu.
"Hey, vorsichtig mit dem Ding!" Keeter duckte sich unter dem Pfannkuchen weg, der ihn fast ins Gesicht getroffen hätte.
"Bist du verrückt?!" wetterte Skates weiter.
Keeter zuckte belustigt die Schultern. "Wenn ich der letzten Psycho-Evaluation glauben darf, nein. Hör mal, Skates, ich war ebenso überrascht wie du..."
"Ich bin nicht überrascht, ich bin entsetzt! Siehst du denn nicht, dass das nur wieder ein Trick ist, um uns zu verkuppeln?"
"Hey, was hätte ich denn tun sollen?" verteidigte sich Keeter, "Mir die Röntgenbilder zum Beweis schicken lassen? Die Kuh befragen?"
"Kuh? Welche Kuh?" Verständnislos sah Skates ihren Fliegerkollegen an.
Keeter winkte ab. "Ach, vergiss es. Hör zu, Skates, ich weiß, dass Granny und Will vermutlich den einen oder anderen Hintergedanken haben, aber ich konnte sie doch trotzdem nicht in dieser Notsituation im Stich lassen, oder? Die zwei haben schon alles arrangiert, inklusive unseren Urlaub. Hast du schon mal nein zu einem ehrwürdigen Cherokee-Häuptling gesagt, vor allem, wenn seine Frau dir droht, dich mit einem Gipsbein quer übers Flugdeck zu jagen, wenn du ablehnst?"
Skates hatte sich inzwischen beruhigt und ließ die Hand mit dem drohend erhobenen Pfannkuchen sinken. "Na schön, Keeter, ich mach mit, aber du schuldest mir etwas!"
"Alles was du willst, wenn du nur eine Woche lang meine Frau spielst," stimmte Keeter sofort zu. Eilig schloss er die Wagentüre auf und schob Skates in Richtung Beifahrersitz, bevor sie es sich noch anders überlegen konnte.
Skates starrte ihn an. "Sag das noch mal!"
"Alles was du willst?"
"Nicht das, den anderen Teil!"
Mit einem etwas verlegenen Schmunzeln begegnete Keeter dem Blick der funkelnden braunen Augen. Schnell startete er den Motor. "Ups, sollte ich das zu erwähnen vergessen haben? Um die romantischsten Flecken für eine Hochzeitsreise auszusuchen, müssen wir uns natürlich als frischvermähltes Paar ausgeben."
"Natürlich!" schnaubte Skates ironisch.
"Komm schon, Skates, so schlimm ist das doch wohl nicht, oder? Ich meine... eine Woche Traumurlaub, ohne auch nur einen einzigen Cent dafür bezahlen zu müssen; ein stattlicher, charmanter Pilot mit Goldflügeln als Ehemann..." Er grinste auf die junge Frau hinab.
"Du vergisst, dass ich selbst Goldflügel besitze," erinnerte Skates.
Keeter grinste. "Stimmt, aber mit einem Flügel kann man bekanntlich nicht fliegen."
"Soll das heißen, wir müssen auf eigenen Schwingen nach Irland flattern?" Skates hatte sich jetzt von ihrer Überraschung erholt und fand ihren Humor wieder.
Keeter winkte mit den Flugtickets. "Nein, hiermit. San Francisco International Airport, in zwei Stunden."
"Zwei Stunden?!" Skates Augen weiteten sich. "Aber was ist mit Moses?"
"Moses? Was soll mit ihm sein? Glaubst du, er wird den Atlantik für uns teilen, damit wir nach Irland hinüber wandern können?" Keeter warf einen schnellen Blick zu Skates hinüber, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder der steilen Straße zuwandte. "Okay, okay, ich werde ja schon ernst. Granny und Will haben das mit deinen Eltern geregelt, sie nehmen deinen Wellensittich solange in Pflege."
Skates schüttelte staunend den Kopf. "Sie haben wirklich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, hm? Und das mit dem Wellensittich solltest du lieber nicht Moses hören lassen," meinte sie.
Keeter parkte den Mietwagen und ging auf das kleine, viktorianische Haus zu, in dem Skates wohnte. Das Haus mit seinen kleinen Türmchen, den verschnörkelten Bögen und seiner Veranda gefiel ihm. Irgendwie passte es zu der unkonventionellen Skates.
"Hey!" Skates fiel plötzlich etwas auf. "Woher weißt du, wo ich wohne? Und wie hast du mich im Miss Millie’s gefunden?"
"Granny hat mir schon vor Monaten per E-Mail deine Adresse geschickt. Und dein Nachbar hat mir gesagt, wo du vermutlich auf diesen Teufelsdingern da hingefahren bist," erklärte Keeter, auf die Inline-Skates in ihrer Hand zeigend. "Hallo, Jacob!" rief er zu dem alten Mann hinüber.
"Oh, hallo. Ihr Verlobter hat Sie also gefunden, Skates."
Ein Blick aus Skates dunklen Augen schien Keeter zu durchbohren. Abwehrend hob er die Arme. "Hey, wenn wir in Kürze die Flitterwochen antreten, müssen wir doch wohl verlobt sein, oder?" verteidigte er sich grinsend.
Skates schloss die Haustüre auf und ließ Keeter vor sich eintreten. "Vorsicht vor Tieffliegern!" rief sie ihm nach und lachte, als Keeter automatisch den Kopf einzog. "Nein, nur keine Angst, mein ‚Wellensittich’ ist in seinem Käfig."
Vorsichtig betrat Keeter das Wohnzimmer. Die Möbel hier stammten nicht aus einer einheitlichen Kollektion, sondern waren wild zusammengewürfelt. Seltsamerweise ergaben sie zusammen doch ein stimmiges Bild, das zu Skates passte. Zwischen der Couch und einem alten Bücherregal stand ein riesiger Vogelkäfig, in dem ein großer, grüner Vogel saß und an einem Ast knabberte.
Keeter blieb im Türrahmen stehen. "Wow! Das ist der größte Wellensittich, den ich je gesehen habe!" scherzte er schwach.
"Moses ist eine Gelbstirn-Amazone," erklärte Skates indigniert.
"Eine Amazone, wie seine Besitzerin, hm?" Keeter rührte sich noch immer nicht von der Stelle und behielt den großen Vogel misstrauisch im Auge.
"Haaallo!" kreischte der Papagei, als er seine Eigentümerin entdeckte, "Keks! Keks!"
Skates zog ihren Besucher hinter sich her zur Innen-Voliere.
Keeter folgte ihr widerstrebend. "Bist du sicher, dass er mir damit nicht sagen will, dass ich ihm auf den Keks gehe?"
"Sie. Moses ist ein Amazonen-Weibchen."
Keeter grinste hoffnungsvoll. "Oh, gut. Frauen kann ich normalerweise mit meinem Charme betören. Und außerdem sind wir ja Flieger-Kollegen."
Das Scherzen verging ihm, als Skates die Käfigtüre öffnete und der grüne Papagei von seinem Ast auf ihren Arm kletterte. Dort ließ er sich nieder, plusterte leicht das Gefieder auf und ließ sich zufrieden den Nacken kraulen.
Keeter sah aus sicherer Distanz zu, wie Moses liebevoll an der Hand ihrer Besitzerin knabberte und nach einer Weile wurde sein Unbehagen gegenüber dem gefiederten Tier ein wenig schwächer.
"Kannst du sie mal kurz halten, während ich ein paar Sachen zusammenpacke?" fragte Skates nach ein paar Minuten und hob auffordernd den Arm, auf dem der Papagei ruhte.
Keeter schluckte. "Ah... ich, ähmn... du weißt doch, dass Vögel nicht so mein Ding sind, Skates..."
"Hey, Jackson Damir Keeter, komm schon, versuch’s doch einfach mal, vielleicht magst du sie ja doch. Papageien sind wirklich tolle Tiere, wirklich. Wusstest du, dass sie absolut monogam sind? Im Gegensatz zu anderen fliegenden Zeitgenossen gehen sie eine feste Bindung mit einem Partner ein und halten ihm dann lebenslang die Treue."
"Siehst du? Ich glaube nicht, dass Moses mit mir fremdgehen will. Stimmt’s, Amazone?" Um Zustimmung ersuchend sah er den Vogel an.
"Fremdgehen!" wiederholte Moses lautstark.
Keeter lachte. "Ist das ein Wort, das Moses öfters hört?" neckte er.
"Nicht von mir," erklärte Skates mit Bestimmtheit. Moses kletterte über ihren Arm auf ihre Schulter, als sie ins Schlafzimmer hinüberging.
"Gut zu wissen," murmelte Keeter, während er ihr nachsah.
2343 Z-Zeit (16:43 Uhr PDT)
Octavia Street, Pacific Heigths
San Francisco, Kalifornien
Keeter hielt sich auf der dem Papageien-Käfig abgewandten Seite von Skates, während sie durch die hügeligen Straßen von Pacific Heights gingen. "Ich weiß wirklich nicht, wie Granny und Will es hinbekommen haben, Urlaub für mich zu bekommen," erklärte er Skates kopfschüttelnd. "Und dann der Helikopter, der mich von der Enterprise abgeholt hat!" <Jetzt denken die Jungs, meine ‚Freundin’ wäre nicht Stripperin, sondern Millionärstochter!>
Skates führte ihn eine Straße am Lafayette Park entlang. Die ausgedehnte Rasenfläche bildete den höchsten Punkt des Nobelviertels und bot einen spektakulären Blick über die Stadt und die Bucht, bis hinaus zu Alcatraz. "Na ja," Skates zuckte die Schultern, was ein protestierendes Krächzen von Moses hervorrief, "zwei Ehemänner, ein Sohn und ein Enkel in den Streitkräften... da lernt man eine Menge Leute kennen. Vermutlich hat Granny mehr Einfluss in der Navy als der Marineminister!"
Skates bog in eine weitere Straße, gesäumt von viktorianischen Häusern und teuren Villen, ein und blieb schließlich vor einem riesigen, palastartigen Gebäude stehen. "Das ist es." Sie nickte mit dem Kinn in Richtung der auf einem Hügel gelegenen Villa.
Keeter starrte sie ungläubig an. "*Das* ist das Haus deiner Eltern?" <Wow! Meine ‚Freundin’ *ist* Millionärstochter!>
Skates rollte mit den Augen. "Ja, ich weiß, es ist nicht gerade eine Hundehütte, aber privater Golfplatz und Swimming-Pool hinterm Haus hin oder her, meine Eltern sind ganz normale Leute, okay?"
Keeters Augen wurden noch größer. "Hab’ ich dir eigentlich schon erzählt, dass Golf ein heimliches Hobby von mir ist?" erkundigte er sich grinsend.
Skates lächelte nur und führte ihn den geplättelten, von gepflegten Hecken gesäumten Weg entlang. Schließlich standen sie vor der langen Treppe, die zum Haus hinauf führte.
"Na ja, ich denke, ich muss mich ohnehin so langsam daran gewöhnen, die Treppe anstatt des Aufzugs zu nehmen, oder?" kommentierte Keeter mit sanftem Spott.
"Sehr witzig. Für diese Bemerkung werde ich dir einen großen, *federigen* Vogel zum nächsten Geburtstag schenken," kündigte Skates an und drohte ihm spielerisch mit dem Finger.
"Komm schon, lass uns deinen Eltern guten Tag sagen. Ich bin sicher, ich werde sie mögen." Keeter stieg die ersten Stufen hinauf.
"Ja, ja. Du willst ja nur den Golfplatz sehen. Du würdest jeden mit einem eigenen Golfplatz mögen," neckte Skates.
"Okay, du hast mich durchschaut," lächelnd zwinkerte Keeter ihr zu, "aber es hilft auch, dass sie die Erzeuger meines Lieblings-Jägerleitoffiziers sind."
Skates stupste ihn mit dem Ellenbogen an. "Hör auf zu flirten, Keeter, du weißt doch, dass ich..."
"Hey, ich flirte nicht, ich schmeichle mich nur ein!"
Skates musste lachen. "Na schön, Tiger Woods, dann woll’n wir mal sehen, ob meine Eltern überhaupt da sind."
1429 Z-Zeit (10:29 Uhr EDT)
Navy-Luftwaffenstützpunkt Atlanta
Atlanta, Georgia
Mac sah von ihren unbequemen, auf dem Flur des Verwaltungsgebäudes unnötig viel Lärm verursachenden Schuhen auf, als sie aus den Augenwinkeln die wartende Zeugin entdeckte. Froh über seine Gesellschaft, warf sie Harm einen kurzen Blick zu, aber statt des ermutigenden Lächelns, das sie erwartet hatte, begrüßte sie ein abwesendes Stirnrunzeln.
Mac nagte an ihrer Lippe, als sie Harms Blick folgte, und feststellte, dass die Reporterin, die sie heute morgen befragen sollte, Harm nicht aus den Augen ließ. Die Fremde strich auffällig mit lackierten Fingernägeln ihr gewelltes, rotes Haar zurück und fuhr sich mit der Zunge demonstrativ über die Lippen.
Mac hatte das plötzliche Bedürfnis, der Frau vors Schienbein zu treten – und zwar heftig. Doch dann drehte sie den Kopf und bemerkte, dass Harm ein wenig hinter ihr zurückgefallen war und sein Gesichtsausdruck sich mit Mühe in eine professionelle Maske verwandelt hatte. Von seinem üblichen Flyboy-Charme dem weiblichen Teil der Weltbevölkerung gegenüber war nichts zu sehen. <Irgendetwas stimmt da nicht!>
<Oh, Mann! Unter all den Reportern des Landes, muss es ausgerechnet Tonia Havers sein!> stöhnte Harm innerlich. Sie war so ziemlich der letzte Mensch, dem er hier – oder irgendwo sonst – begegnen wollte. Harm schluckte, um den bitteren Geschmack aus seinem Mund zu entfernen, und versuchte, die Blicke der Reporterin zu ignorieren. Er hoffte, dass er Mac weder privat noch beruflich in Verlegenheit bringen würde. Mit zusammengebissenen Zähnen ging er weiter.
Mac verhielt den Schritt und ließ sich zu Harm zurückfallen. "Harm?" murmelte sie aus dem Mundwinkel heraus.
"Hm?" Harm drehte nervös den Kopf.
"Ich liebe dich."
Harm blinzelte überrascht und die Spannung wich plötzlich aus seinen Muskeln, als er seine verkrampften Fäuste öffnete. <Tonia wer?> Der Eisklumpen in seinem Magen löste sich auf unter dem lebenden Beweis, dass Tonia damals unrecht gehabt hatte und er lächelte auf Mac hinab, bevor sie die wartende Zeugin erreichten.
"Harm," die rothaarige Reporterin nickte ihm zu, "immer noch in der Navy, wie ich sehe."
"Hallo, Tonia," antwortete Harm steif.
Einen Moment lang entstand ein ungemütliches Schweigen, dann schob Mac sich unauffällig dazwischen. "Miss Havers, ich bin Lt. Colonel MacKenzie. Meinen Partner kennen Sie schon, wie ich sehe." Sie stellte Harm gerne als ihren Partner vor, insbesondere, wenn nur sie beide und nicht das jeweilige Gegenüber wussten, dass mehr gemeint war als eine berufliche Zusammenarbeit.
Sie führte die Zeugin in den Raum, den ihr der Stützpunktkommandant für ihre Befragungen zur Verfügung gestellt hatte, und begann mit ihren Fragen zu den Ereignissen, die Tonia Havers während einer Reportage auf dem Stützpunkt zufällig beobachtet hatte.
Die Reporterin beantwortete jede Frage mit der Präzision einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit Berichterstattungen verdiente. An ihr als Zeugin gab es nichts auszusetzen, aber Mac entgingen nicht die gelegentlichen Blicke, die sie Harm zuwarf.
"Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden," sagte Tonia Havers, als die Zeugenbefragung schließlich beendet war, "Ich würde mit Harm gerne noch ein paar Worte unter vier Augen reden."
Bevor Harm den Mund zu einer Antwort öffnen konnte, legte Mac ihm unter dem Vorwand, ihm die Aktentasche abzunehmen, für einen Moment die Hand auf seine. "Natürlich." Ihre Antwort war an die Reporterin gewandt, aber eigentlich sollte sie Harm signalisieren, dass sie ihm bedingungslos vertraute. "Wir treffen uns gleich am Auto, okay?" Ein letzter Blick aus mitfühlenden braunen Augen, dann ging sie.
Harm sah ihr einige Sekunden lang nach, bevor er sich umdrehte und wartend die Arme vor der Brust verschränkte. Stumm begegnete er dem Blick der grünen Augen.
"Du hast dich nicht verändert, immer noch ein Karriere-Offizier, der vielen Frauen nach- und vor einer festen Bindung davonläuft," urteilte Tonia mit unerbittlicher Schärfe.
Harm seufzte. "Tonia, solche Argumente haben damals nichts gebracht und sie bringen auch heute nichts. Also, wenn du nichts Wichtigeres zu sagen hast... ich muss mein Flugzeug kriegen..." Harm lächelte automatisch, als er daran dachte, dass Mac und er bald unterwegs nach Hause sein würden.
"Ich hatte vergessen, wie... attraktiv du bist, wenn du lächelst." Die Reporterin trat einen Schritt näher. "Wie lange bist du noch in der Stadt?"
"Nur noch zwei Stunden. Warum?"
Tonia zuckte mit den Schultern. "Ich dachte, wir können uns treffen und ein bisschen reden. Bist du im Moment mit irgendjemandem zusammen?" erkundigte sie sich interessiert.
Harm konnte kaum glauben, was er da hörte. "Ich bin in einer absolut festen, absolut treuen und absolut glücklichen Beziehung – entgegen deiner Prophezeiung."
Tonia schnaubte. "Na, die Frau würde ich gerne sehen!"
"Das hast du gerade," antwortete Harm ruhig. "Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich muss gehen..." Er nickte ihr zu und drehte sich um, um zum Auto zu gehen.
"Ich hoffe, sie weiß, auf welchen Typ Mann sie sich da einlässt!" schrie Tonia Havers ihm nach.
Harm blieb stehen und drehte sich noch einmal zu ihr um. "Mit etwas hattest du damals recht: Ich hatte keine Ahnung, was Liebe ist." Er ließ die sprachlose Reporterin stehen und marschierte davon.
Mac lehnte am Kofferraum ihres Mietwagens, als er den Parkplatz erreichte. Sie stellte keine Fragen, sondern umarmte ihn einfach, ungeachtet des Militärpersonals, das überall um sie herum war.
"Tut mir leid, dass du das mitkriegen musstest," murmelte Harm gegen ihr Haar.
"Eine der vielen Ladies, die deinem Flyboy-Charme zum Opfer gefallen sind, hm?" meinte Mac nachsichtig. "Es gibt also doch noch Ex-Freundinnen, die unserem Anrufbeantworter-Text noch nicht begegnet sind. Vielleicht sollten wir ihr eine schriftliche Fassung davon zuschicken."
Harm musste lachen und der Rest der Anspannung fiel von ihm ab. Langsam lösten sie sich voneinander und stiegen in den Mietwagen. "Weißt du, die Beziehung – wenn man das überhaupt so nennen kann – mit Tonia nahm kein sonderlich schönes Ende und es war nicht gerade angenehm, sie hier wiederzusehen, aber irgendwie bin ich fast froh darüber. Es hat mich daran erinnert, wie einmalig das ist, was ich... was wir miteinander haben..."
Macs Hand auf seinem Arm ermunterte ihn wortlos, weiterzusprechen.
"Tonia hat mir damals prophezeit, dass ich nie eine Beziehung haben würde, die hält, weil ich emotional nicht dazu fähig sei. Sie sagte, ich wisse nicht, was Liebe ist und dass mich nie jemand lieben würde."
Mac schloss die Finger fester um seinen Arm. "Da kann man mal wieder sehen, dass auch die Presse sich irren kann."
1505 Z-Zeit (10:05 Uhr CDT / Central Daylight Saving Time)
In der Nähe des Austin-Bergstrom International Airport
Austin, Texas
"Wirklich schade, dass deine Eltern nicht zuhause waren," meinte Keeter, während er den Mietwagen auf seine Heimatstadt zusteuerte. "Obwohl es natürlich auch toll war, euren Hausbutler kennen zulernen." Grinsend schüttelte er den Kopf.
Skates war zu beschäftigt damit, aus dem Fenster zu sehen, um zu antworten. Austin war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Weit und breit gab es keine Spur von Wüsten und Prärie, sondern nur grüne, bewaldete Hügel.
Keeters Stimme riss sie aus ihren Gedanken. "... aber dafür lernst du ja jetzt meine Eltern kennen."
Skates drehte ruckartig den Kopf. "Was?"
"Bist du nervös?" erkundigte sich Keeter amüsiert.
"Sollte ich es sein?"
Keeter zuckte mit den breiten Schultern. "Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich habe noch nie zuvor ein Mädchen mit nach Hause gebracht."
"Frau," verbesserte Skates sofort, "und du bringst mich nicht im eigentlichen Sinne mit nach Hause."
Keeter warf ihr einen kurzen Blick zu. "Du *bist* nervös," urteilte er lächelnd. "Na ja, okay, den Eltern vorgestellt zu werden ist ja auch ein wichtiger Schritt in einer Beziehung..."
"Wegen dieser Halluzinationen solltest du dich dringend mal an euren Flieger-Arzt wenden, Jackson Dragomir Keeter! Wir sind *nicht* in einer Beziehung!" erklärte Skates mit Nachdruck.
Keeter grinste unbeirrbar. "Na klar sind wir das! Wir treten morgen unsere Hochzeitsreise an, schon vergessen?"
"Langsam bin ich ganz froh, dass meine Eltern nicht da waren... du wärst noch auf die Idee gekommen, sie um meine Hand zu bitten!" brummte Skates.
"Jetzt kannst du ja *meine* Eltern um meine Hand bitten," schlug Keeter vergnügt vor.
"Hast du nicht gesagt, du hast drei Brüder? Vielleicht gefällt mir ja einer davon besser als du."
"Unmöglich," entgegnete Keeter mit unerschütterlichem Flieger-Selbstvertrauen. Er bog in eine Seitenstraße ein und parkte vor einem Haus.
Skates las das Straßenschild. "Rabb Street? Deine Eltern leben in der Rabb Straße?"
"Pssst!" zischte Keeter verschwörerisch. "Erzähl das ja nicht Harm, sein Flieger-Ego ist auch so schon groß genug!"
Sie stiegen aus dem Wagen. Noch bevor sie einen Schritt auf das Haus zu machen konnten, öffnete sich die Haustüre und schon eine Sekunde später wurde Keeter von einer rotblonden, zierlichen Frau temperamentvoll in die Arme geschlossen.
"Hallo, kleine Lady." Ein hochgewachsener Mann mit stahlgrauem Haar lächelte ruhig auf Skates hinab.
Ein wenig unsicher erwiderte Skates das Lächeln, aber bevor sie sich vorstellen konnte, erinnerte sich Keeter plötzlich an seine gute texanische Kinderstube.
"Ma, Da, das ist Elizabeth Hawkes, aber wenn ihr möchtet, dass sie euch antwortet, dann nennt sie besser Skates. Skates, das sind meine Eltern, Captain Sam Keeter und Cai Keeter."
"Mrs Keeter, Sir..." Skates nickte den beiden höflich zu.
"Oh, nein, den ‚Sir’ lassen wir mal ganz schnell wieder weg, ich bin nur noch in der Reserve. Nennen Sie mich doch einfach Sam," bot Keeters Vater an.
"Genau," stimmte seine Frau sofort zu, "Cai, Caireann, hey du da... alles, aber nicht Mrs Keeter, ja? Ich fühle mich längst nicht alt genug für einen solchen Titel." Sie stupste ihren Sohn auffordernd an. "Jetzt bring deine Freundin doch erst mal rein, Derry!"
<Freundin?> Skates stöhnte in Gedanken auf. "Derry?" fragte sie Keeter interessiert, während sie ihm ins Haus folgte, "Ist *das* dein zweiter Vorname?"
"Na ja, nicht ganz, so nennt mich nur meine Mutter manchmal. Eigentlich heißt es Díarmuid."
Skates steckte sich den Finger ins Ohr und schüttelte, so als hätte sie Wasser im Ohr und daher nicht recht verstanden, was er sagte. "Djermwid?"
"D-í-a-r-m-u-i-d," buchstabierte Keeter geduldig. "Die englische Version ist Dermot."
"Ich dachte, deine Eltern wären waschechte Texaner, wie kommst du dann zu einem solchen Namen?"
"Mein Vater ist ein waschechter Texaner, aber meine Mutter ist eine gebürtige Irin. Caireann Keeter, geborene O’Sullivan," erklärte Keeter mit sichtlichem Stolz.
Im Wohnzimmer trafen sie auf einen weiteren Mann, der dieselben grauen Augen und denselben kräftigen Körperbau hatte wie Keeter und sein Vater.
"Hey, Robbie!" Keeter und der um wenige Jahre ältere Mann umarmten sich kurz und klopften sich die Schultern.
"Hey, kleiner Bruder."
Skates lächelte amüsiert vor sich hin. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass Keeter der ‚Kleine’ der Familie sein sollte.
"Jüngerer Bruder," betonte Keeter auch schon. Dann drehte er sich zu seinem Gast um. "Robbie, das ist Elizabeth ‚Skates’ Hawkes, eine Freundin von mir. Skates, das ist mein Bruder, Robert A. Keeter."
Skates schüttelte Keeters Bruder die Hand. "Für was steht das ‚A’?" erkundigte sie sich interessiert.
Robert lachte. "Hat der Kleine wieder versucht, ein Geheimnis aus seinem zweiten Vornamen zu machen, hm? Das A steht für Aindriú... Andrew im Englischen. Wir haben alle einen irischen Vornamen, aber natürlich ist meiner der schönste," prahlte er scherzhaft und zwinkerte Skates zu.
Keeter schob sich dazwischen und zog Skates am Arm hinter sich her, weg von seinem Bruder. "Skates flirtet nicht, Robbie, also gib’s auf." Als sie die Treppe hinaufgingen, beugte er sich zu Skates hinab und warnte: "Sei vorsichtig. Robbie denkt, er sei Gottes größte Gabe an die Frauen seit der Erfindung der Waschmaschine."
Skates machte sich nicht die Mühe, ihr Grinsen zu verbergen. "Ach, und du denkst das nicht von dir?" Sie stieß ihm leicht mit dem Finger in die Rippen. "Wie heißen übrigens deine anderen Brüder?"
"Alan Pádraig und Leonard Coileán. Du merkst: Mein Name ist mit Abstand der schönste!"
Skates schnaubte ironisch. "Ach, deshalb hast du ihn so lange vor mir geheimgehalten! Weil er so schön ist, hm?!"
"Nein, ich wollte nur mal sehen, wann dir die Ideen ausgehen, aber mir scheint, dein Vorrat an hässlichen Vornamen ist unerschöpflich. Ist wohl besser, ich suche die Namen unserer Kinder aus," meinte Keeter beiläufig.
Skates hörte ein Keuchen und drehte sich um. Caireann Keeter stand mit großen Augen und offenem Mund im Türrahmen. <Mist!> Hilfesuchend drehte sich Skates zu Keeter um, aber der grinste nur lässig und schien es gar nicht eilig zu haben, das Missverständnis aufzuklären. <Er hat definitiv zuviel Zeit mit Granny und Will verbracht!> "A-ähm, Mrs Keeter... Caireann... es ist nicht so, wie es sich anhört, ich kann das aufklären…"
"Nicht nötig, ich weiß schon Bescheid," Keeters irischstämmige Mutter hatte sich schon wieder gefasst, "was glauben Sie, wer den Rüpel da neben Ihnen aufgeklärt hat?"
"Maaaa!" protestierte Keeter und rieb sich seine vor Verlegenheit geröteten Ohrläppchen.
"Nein, wirklich, Mrs... Caireann, das war nur ein Scherz, weil wir für zwei gute Freunde von uns die Probe-Flitterwochen übernehmen, um eine tolle Reise auszusuchen," kam Skates endlich zum Erklären.
Caireann Keeter seufzte gespielt. "War ja auch zu schön, um wahr zu sein."
"Komm schon, Ma, was wäre denn schön daran?" neckte Robbie, der hinter seiner Mutter aufgetaucht war, "Vielleicht höchstens, wenn das arme Kind Skates ähnlich sehen würde und nicht meinem kleinen Bruder."
"Jüngeren!" warf Keeter sofort ein.
Skates begann zu lachen. "Ich sehe schon, ich habe eine Menge verpasst, dadurch, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin."
"Ich glaube nicht, dass Ihre Eltern das so sehen, Skates," meinte Caireann lächelnd. "Es ist ein Wunder, dass ich nicht jeden einzelnen von diesen Rackern zur Adoption gegeben habe! Sie sehen, wie es ist, zwei davon im Haus zu haben, stellen Sie sich mal vor, wie das ist, wenn sie alle vier zusammen sind! Wenn am Ende des Tages nicht mindestens einer von ihnen schrie oder blutete waren sie einfach nicht glücklich!" Sie wuschelte ihrem Jüngsten durchs Haar.
Sam Keeter schlang einen Arm um seine Frau und fügte hinzu: "Und das, obwohl wir beide mal ziemlich engagiert in Flower-Power, Weltfrieden und der Bürgerrechtsbewegung waren!"
Einige Minuten später fand Keeter sich im Kreuzverhör seines Bruders wieder. "Also, sag schon, Jack, was geht da vor mit dir und dieser Skates, hm?" Robert Keeter versperrte seinem Bruder den Fluchtweg aus der Küche.
Keeter sah sich schnell um. Glücklicherweise war Skates mit seinem Vater irgendwo hin verschwunden. "Nichts," murrte er, "sie ist... nett, das ist alles."
"AHA! Jackson Keeter, Flyboy und Frauenheld, bezeichnet eine Frau als ‚nett’! Jetzt weiß ich, dass da was vor sich geht!" triumphierte Robbie.
Keeter warf seinem älteren Bruder einen bösen Blick zu. "Da geht rein gar nichts vor sich!"
"Ach ja?"
"Ach ja! Vielleicht ist sie ja einfach nicht mein Typ, hast du dir das schon mal überlegt?" behauptete Keeter, nur um seinen Bruder endlich zum Schweigen zu bringen.
Robbie ließ sich davon jedoch nicht beirren. "Nicht dein Typ? Sie atmet, ist zwischen 18 und 80, attraktiv und weiblich. Das ist doch dein Typ, oder nicht?"
Keeter knurrte nur.
"Skates ist also frei wie ein Vogel, noch zu haben?" Robbie grinste wie ein Jagdhund, der gerade die Witterung seiner Beute aufnimmt.
Zum ersten Mal in all den Jahren konnte Keeter den Wettbewerb zwischen ihm und dem zwei Jahre älteren Robert nicht mehr so locker und spielerisch sehen. "Robbie, das ist keiner unserer üblichen Konkurrenzkämpfe, okay? Lass Skates einfach nur in Ruhe. Ich will ihr einfach nur ein bisschen meine Heimatstadt zeigen und morgen früh sind wir wieder weg."
"Okay." Robbie schien zu spüren, dass diesmal etwas anders war. Er wechselte einen schnellen Blick mit seiner Mutter, die ruhig am Küchenschrank lehnte.
Caireann Keeter legte ihrem Jüngsten sanft die Hand auf den Arm. "Tha gaol agad oirre," urteilte sie ruhig.
Keeter zuckte nur mit den breiten Schultern und betrachtete den Küchenfußboden.
"Und warum sagst du ihr das nicht?" Fragend sah die Irin zu ihrem großen Sohn auf.
"Tha e amadan!" warf Robbie grinsend ein.
Keeter stieß sich vom Küchenschrank ab. "Bin ich nicht!" protestierte er heftig. "Es ist einfach nur... kompliziert."
Einen Moment lang herrschte Schweigen in der Keeter’schen Küche. "Und was genau wollt ihr heute noch unternehmen?" fragte Robbie dann.
Keeter zuckte ein wenig ratlos die Schultern.
"Wie wäre es, wenn ihr euch einen Film im Kino anseht?" schlug Robert vor.
"Nein, das Kino ist kein guter Platz für eine erste Verabredung. Beim ersten Rendezvous will man sich näher kennen lernen, reden, und das geht nicht im Kino," warf Caireann Keeter ein. "Geht doch stattdessen etwas trinken oder so."
Keeter öffnete den Mund, um zu betonen, dass Skates und er kein Rendezvous planten, aber sein Bruder ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Gute Idee, Ma. Mach sie einfach betrunken, so dass sie gar nicht mehr merkt, wie langweilig du bist, kleiner Bruder," schlug Robbie neckisch vor.
"Jüngerer," warf Keeter gewohnheitsmäßig ein.
"Warum geht ihr nicht tanzen?" versuchte es Keeters Mutter mit einem anderen Vorschlag.
Wieder war Robbie schneller als Keeter. "Hast du Jack je tanzen sehen, Ma? Er sieht dabei aus wie ein Ochse auf Glatteis, nur weniger elegant."
Unbehaglich verlagerte Keeter sein Gewicht von einem Bein aufs andere. <Ich muss hier raus!> "Wo genau ist eigentlich Skates abgeblieben?" unterbrach er die Diskussion seiner Familie.
Robert deutete mit dem Zeigefinger auf die Decke. "Ich glaube, Da zeigt ihr gerade das obere Stockwerk, inklusive deines alten Zimmers."
Keeter setzte zu einem ruhigen Nicken an, als ihm plötzlich einfiel, wie sein altes Jugendzimmer aussah. <Mist, Mist, Mist!> Hastig schlüpfte er aus der Küche und nahm immer drei Stufen auf einmal auf dem Weg in die zweite Etage. Er bog um eine Ecke und bremste abrupt. <Zu spät!>
In seiner offenen Zimmertüre lehnten sein Vater und Skates und unterhielten sich angeregt. Keeter hörte, wie Skates über irgendeine von Sams Bemerkungen laut lachte.
Vorsichtig näherte er sich den beiden, in der Hoffnung, dass irgendein Wunder geschehen war, vielleicht seine Mutter sein altes Zimmer in ein Büro verwandelt hatte...
"Oh, hey, Keeter, nette Poster, wirklich!" begrüßte ihn Skates grinsend.
Keeter knirschte mit den Zähnen. <Ich muss hier dringend umdekorieren!>
Sein Vater nickte Skates zustimmend zu und studierte interessiert Keeters Zimmerwände. "Ich kann mich gar nicht entscheiden, welches mir am besten gefällt..."
"Das könnte vielleicht daher kommen, weil man sie ohnehin kaum auseinanderhalten kann," schloss sich Skates in dem Bemühen an, Keeter ordentlich in Verlegenheit zu bringen.
Keeter marschierte geradewegs in sein altes Zimmer und riss die Poster mit den blonden, vollbusigen Supermodels von den Wänden. "Hier!" Er drückte sie Robbie in die Hand, der gerade die Treppe herauf kam.
Sein Bruder warf einen Blick auf die Abbildungen der blonden, grünäugigen Models. "Wow, Skates ist wohl wirklich nicht dein Typ, wenn ich mir die so ansehe."
2014 Z-Zeit (16:14 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Aaah!" Mac schloss genießerisch die Augen, als sie sich auf dem Sofa zurücklehnte, die Füße auf dem niedrigen Wohnzimmertisch, und mit den bloßen Zehen wackelte. Träge lauschte sie der Komödie im Fernsehen, während sie darauf wartete, dass Harm mit den Einkäufen zurückkehrte.
"Määäääh!"
Mac öffnete ein Auge und sah auf die rote Katze hinab. Gypsie neigte auffordernd den Kopf in Richtung Küche. "Nn-nh! Harriet hat mir gesagt, dass sie euch gefüttert hat, kurz bevor ich euch abgeholt habe!"
"Määh-häää!" miaute Gypsie beleidigt. Mac war sicher, dass sie Harriet eben als ‚alte Petze’ bezeichnet hatte.
"Mmmmääääääääh!"
Mac öffnete jetzt beide Augen und beugte den Kopf, so dass sie fast Nase an Nase mit ihrem bepelzten Mitbewohner war. "Hab ich schon erwähnt, dass du jederzeit mit einem friedlichen, absolut stummen Goldfisch ersetzt werden kannst, junge Lady?"
Gypsie trabte majestätisch davon, blieb nach ein paar Schritten aber stehen und sah über die Schulter zurück auf Mac. Sie miaute auffordernd, bevor sie noch einen Schritt auf die Haustüre zuging und sich wieder suchend nach Mac umdrehte.
Mac gab auf und erhob sich. Einen Moment lang betrachtete sie noch den Fernseh-Bildschirm, wo sich gerade ein paar Army-Rekruten mit Shakespeare abmühten, dann folgte sie Gypsie. Barfuß tappte sie den Flur entlang. "Wehe, du lockst mich jetzt nach draußen, nur um mir eine halb-durchgekaute tote Maus zu zeigen!" grollte sie spielerisch.
"Määh!" Gypsie saß jetzt wartend vor der Haustüre.
Noch bevor Mac die Türe für die Katze öffnen konnte, polterte von außen jemand gegen die Tür. "Hey, Mac, ich bin’s, dein heißersehnter Geliebter!"
"Oh, hi, Bill," antwortete Mac grinsend durch die geschlossene Türe, "komm schnell rein, Harm ist gerade nicht da." Sie öffnete die Türe und lehnte sich in einer betont verführerischen Pose dagegen.
Harm stand vor ihr, die Arme voller Einkaufstüten. "Zu spät für Billy-boy – ich bin zurück!" Er küsste Mac, während sie ihm eine der Einkaufstüten abnahm.
Harm begann, die Reihe mit Nutella-Gläsern aufzustocken. "Hey, wie kommst du eigentlich gerade auf den Namen Bill, hm?" erkundigte er sich gespielt argwöhnisch.
"Ganz einfach: Ich führe die Namen meiner Geliebten in alphabetischer Reihenfolge auf und da war Bill eben der erste, den ich angerufen habe, als wir zurückkamen," behauptete Mac. Ihr Mundwinkel hob sich verräterisch.
"Mmm-hm." Harm folgte ihr ins Wohnzimmer. Eng zusammengekuschelt machten sie es sich für einen Moment auf der Couch bequem. Harm lehnte die Wange gegen Macs Haar und schloss zufrieden die Augen. "Da ich einkaufen war, wie wäre es, wenn du dafür jetzt eine Kleinigkeit kochst?" schlug er nach einer Weile vor.
Mac hielt die Augen geschlossen und heuchelte Schwerhörigkeit. "Was?"
"Ich sagte, du könntest uns eine Kleinigkeit kochen, da ich mir ja schon zwischen Melonen-Klopfern und Überraschungs-Ei-Schüttlern die Füße an der Kasse wund gestanden habe."
Mac schüttelte so energisch den Kopf, dass Harm fast ein Zahn ausgeschlagen worden wäre. "Oh, nein, Flyboy, ich liebe dich viel zu sehr, um für dich zu kochen."
"Na ja, wenn du es so ausdrückst..." Harm küsste die lächelnden Lippen seiner Freundin, bevor er sich von der Couch hochstemmte. "Hey!" Auf dem Weg zur Küche erhaschte er einen Blick auf den Fernseher. "Sollte das etwa dein Lover Bill sein?" Er deutete auf den Bildschirm, wo sich ein kleiner Mann mit Glatze gerade auf äußerst un-elegante Weise von einem Victory Tower abseilte.
"Na ja, du sagst doch selbst immer, dass es auf die Größe nicht ankommt..." meinte Mac schelmisch.
"Wann hab ich das gesagt?!"
"... und er kann so herrlich Shakespeare zitieren," schwärmte Mac weiter.
"Kann ich auch!" rief Harm aus der Küche.
Mac folgte ihm. "Ach ja?"
"Ach ja."
Mac baute sich vor dem Küchenschrank auf. "Beweise, Herr Anwalt, Beweise!"
Harm versuchte, sich Zeit zu kaufen, indem er Jingo die Ohren kraulte.
"Ich warte!" Mac wippte ungeduldig auf den Fußspitzen.
"Na gut, wie wäre es mit... ähm... sein oder nicht sein... das ist hier die Frage..."
Mac schüttelte den Kopf. "Das ist keine Frage, natürlich bin ich’s!"
"Du bist was?" erkundigte sich Harm schmunzelnd.
"Na, hungrig, natürlich!" Zum Beweis des Gesagten knurrte genau in diesem Moment Macs Magen.
"Du denkst wirklich immer nur an das eine, Marine!" warf Harm ihr vor und fasste sich mit einer betont betrübten Miene ans Herz. "Und ich dachte schon, du würdest davon reden, verliebt und im siebten Himmel zu sein!"
Mac streichelte tröstend seine Wange. "Na klar bin ich das, Harm! Aber ich fand es nicht fair, dir gegenüber zu erwähnen, wie glücklich ich mit Bill bin." Unschuldig blickte Mac zu ihm auf.
"Woooaaaarr! Okay, mein untreues Weib, du hast es nicht anders gewollt! Sieht so aus, als müsste ich dich dringend disziplinieren!" Harm packte Mac kurzerhand um die Hüften und schmiss sie sich über die Schulter, ohne auf ihr Strampeln und Kichern zu achten. Mit seiner wertvollen Fracht stampfte er zurück ins Wohnzimmer, um sie dort ordentlich durchzukitzeln.
Jingo sprang aufgeregt bellend um sie herum und versuchte, mit seiner rauen Zunge ein Stück der bloßen Haut zu erhaschen, die Macs herabfallendes T-Shirt entblößte.
"Iiiih!" quietschte Mac, als die kalte Nase ihre Haut berührte. "Harm! Jingo, aus! Pfui!"
Zwei Schritte von der Couch entfernt stolperte Harm plötzlich über Gypsie, die das ganze Spektakel nicht hatte verpassen wollen, und legte taumelnd die letzten Meter zurück.
Mac fand sich plötzlich unter Harm begraben auf der Couch wieder, ihre Gesichter keine zwei Zentimeter voneinander entfernt. Atemlos starrte sie hinauf in die blau-grauen Augen. "Wolltest du mich nicht diszipli... mmpf!"
Harms Lippen, die sich leidenschaftlich gegen die ihren pressten, beendeten jede weitere Diskussion. Für eine Weile beschränkte sich die Unterhaltung auf einsilbige Wörter.
2156 Z-Zeit (16:56 Uhr CDT)
Zilker Park
Austin, Texas
"Oh, komm schon, Skates! Sogar Robert Redford hat hier schwimmen gelernt!" Auffordernd deutete Keeter in Richtung des langen Naturbeckens. Der Barton Springs Pool lag umgeben von grünen Hügeln und moosbedeckten Felsen im Schatten alter Nussbäume.
"Robert Redford, hm?" Skeptisch sah Skates den Piloten, der neben ihr auf einer Picknickdecke kniete, an.
Keeter nickte. "Hey, das stimmt wirklich!" versicherte er aufrichtig.
"Hmmmm," Skates grinste, "na ja, vielleicht sollte ich ihm zu Ehren wirklich eine Runde schwimmen. Robert Redford fand ich schon immer toll."
Keeter gab würgende Geräusche von sich. "Sag mir nicht, du stehst auf ältere Männer!"
"Wieso? Ihr nicht mehr ganz taufrischen Piloten solltet froh sein, dass einige Frauen auch auf die... reiferen Männer stehen." Skates grinste frech.
"Nicht mehr ganz taufrisch?!" Keeters graue Augen verengten sich, als er Skates streng fixierte. "Na warte!" Er sprang auf und jagte, sein Handtuch wie eine Peitsche benutzend, hinter Skates her.
Skates flüchtete in Richtung des Swimming-Pools und als Keeter drohend näher kam, schlüpfte sie kurzerhand aus Jeans und T-Shirt und sprang in dem Badeanzug, den sie darunter trug, in den Pool.
Keeter blieb am Ufer zurück, das nutzlose Handtuch in den Händen haltend. Er pfiff leise durch die Zähne, als er zusah, wie Skates schlanke Gestalt elegant durchs Wasser schoss. <Wow. Definitiv zu schade für Robert Redford!>
Er wartete mit dem Handtuch neben der Leiter und als Skates schließlich aus dem Becken kletterte, hüllte er ihren nassen Körper behutsam in das Handtuch. Automatisch setzte er dazu an, sie abzutrocknen, hielt sich aber in letzter Sekunde zurück. <Reiß dich zusammen, Keeter! Ich glaube, ein kaltes Bad könnte dir auch nichts schaden!>
"Danke." Skates hopste auf einem Bein zur Picknickdecke zurück, um das Wasser aus ihrem Ohr zu entfernen. "Was ist mit dir?" Sie zupfte an Keeters T-Shirt, das er noch immer trug. "Keine Lust zu schwimmen?"
Keeter zwinkerte vergnügt. "Skates, du kannst es ruhig offen sagen, wenn du meinen Luxus-Körper mal in sexy Badeshorts sehen willst."
Skates schnaubte. "Bring mich nichts zum Lachen, Keeter."
Keeter begann, sein Hemd aufzuknöpfen und legte einen Striptease hin, bis er schließlich in Navy-blauen Badeshorts dastand. "Und?" erkundigte er sich und wies grinsend auf seinen Körper.
"Ich bin noch nicht vor Begeisterung in Ohnmacht gefallen, aber dir könnte das gleich passieren, wenn du nicht aufhörst, die Luft anzuhalten und den Bauch einzuziehen!" neckte Skates, beäugte aber insgeheim Keeters kräftigen Oberkörper.
Keeter zog in Erwägung, sie für diese Bemerkung strafend zu zwicken, beschloss aber, der leichtbekleideten Amazone besser nicht zu nahe zu treten. Er wollte nicht, dass sie sich in die Enge getrieben fühlte. "Hab ich dir schon erzählt, dass meine Brüder und ich auch hier schwimmen gelernt haben?" Er streckte sich neben Skates auf der Decke aus. "Allerdings viiiiiiele Jahre nach Robert Redford," betonte er.
Zwei Stunden später saßen sie, hungrig geworden, im ‚Oasis’, einem Restaurant aus über 40 übereinander gestuften Terrassen, die auf einer Klippe hoch über dem Lake Travis thronten.
Skates schluckte einen Bissen ihrer mit Huhn gefüllten Enchiladas hinunter und wandte ihren Blick vom See und den umliegenden grünen Hügeln ab, um eine Frage an Keeter zu richten. "Was machen deine Brüder eigentlich beruflich?"
"Robbie ist Anwalt hier in Austin; Leo lehrt Jura ganz in der Nähe deiner Heimatstadt, an der Stanford Universität in Palo Alto, und Alan, der Älteste, ist Richter in Dallas."
Skates lachte. "Zwei Ex-Flower-Power-Hippies, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierten... und drei ihrer Söhne enden als Anwälte?!"
"Na ja, ich schätze, Ma und Da wollten das System von innen infiltrieren," erklärte Keeter amüsiert, während er sein Steak in breite Stücke schnitt.
"Mir ist aufgefallen, dass du deine Eltern Ma und Da nennst... hat das irgendetwas zu bedeuten oder ist das nur die berühmte texanische Mundfaulheit?"
Keeter zuckte lässig die Schultern. "Das sind die irischen Äquivalente von Mum und Dad, ganz einfach."
"Ich muss zugeben, ich hätte nie erraten, wie dein zweiter Vorname tatsächlich lautet. Du siehst nicht besonders irisch aus." Skates musterte ihren Begleiter.
"Äußerlich vielleicht nicht, aber das berühmte irische Glück bei Frauen habe ich geerbt!" versicherte Keeter treuherzig. Er warf einen Blick auf die Uhr, leerte hastig seinen Teller und winkte auch schon dem Kellner, um die Rechnung zu verlangen.
Skates hob fragend die Brauen. "Rechnen die hier stundenweise ab oder wieso die Eile?"
Keeter schüttelte den Kopf. "Nein, nein, keine Angst, das hier ist ein anständiges Etablissement, aber bis zur Stadt zurück brauchen wir mindestens eine Dreiviertel Stunde und bis Sonnenuntergang müssen wir da sein."
"Wieso, verwandelst du dich sonst wieder zurück in einen Frosch, oder was?" Skates schmunzelte.
Keeter fing herausfordernd ihren Blick ein. "Würdest du mich küssen, wenn ich es täte?"
Skates erhob sich sofort vom Tisch. "Wir sollten uns besser beeilen, damit wir vor Sonnenuntergang in der Stadt sind," empfahl sie vielsagend.
Keeter steuerte den Mietwagen wieder zurück ins Stadtzentrum von Austin, vorbei am Capitol von Texas, dessen mächtige Kuppel sich im Licht der langsam tiefer sinkenden Sonne rosarot färbte. Durch den noch immer starken Verkehr bahnten sie sich ihren Weg über die Congress Avenue.
"Wo müssen wir denn nun so dringend hin, hm? Eine der Bars?" Skates nickte in Richtung der vielen Clubs und Bars entlang der 6th Street. "Ich wette, du brennst darauf, mir dein altes ‚Jagdrevier’ zu zeigen."
Keeter räusperte sich, plötzlich etwas verlegen darüber, dass er tatsächlich die meisten Bars persönlich kannte. <Was ist denn los mit dir, Keeter? Es hat dir doch sonst auch noch nie was ausgemacht, wenn eine Frau wusste, das du... na ja... schon ein bisschen in der Welt herumgekommen bist!> Er trommelte kurz auf dem Lenkrad herum. "Na ja, in meinen jüngeren Jahren bin ich schon ab und zu mal hergekommen..."
Skates rollte mit den Augen. "Oh, wenn man dich so reden hört, Großväterchen! In meinen jüngeren Jahren!" Sie schüttelte den Kopf.
"Ja, ja," Keeter verstellte seine Stimme, so dass er wie ein zittriger alter Mann klang, "damals, als wir noch zur Schule laufen mussten... bergauf... den Hin- und Rückweg..."
"Ah, jetzt verstehe ich! Du musst bis Sonnenuntergang zurück im Altersheim sein!"
"Nein, sagen wir eher, wir statten ein paar alleinerziehenden Müttern einen Besuch ab," erklärte Keeter mysteriös.
Skates schüttelte tadelnd den Kopf. "Du machst auch vor keiner Frau halt, was, Keeter?"
Der Beschuldigte grinste nur, als er schließlich den Wagen anhielt.
Skates stieg aus und sah sich skeptisch um. Sie folgten einem Fußpfad dem Ufer des Town Lake entlang, einem Fluss, der Austin in zwei Hälften teilte. Feuchter Sand knirschte unter ihren Füßen und ein warmer Wind fuhr Skates durchs Haar. Schließlich stoppte Keeter auf einer der Grünflächen unterhalb der Congress Avenue-Brücke.
Skates sah ein wenig verwundert zu, wie sich Hunderte von Menschen auf der Brücke und an den Ufern des Town Lake versammelten. "Was soll denn bitte an einer Brücke so interessant sein?" Die Sonne ging jetzt langsam unter und tauchte das Wasser des Flusses in rötliche Farben, aber ansonsten konnte Skates nichts entdecken, was die Massenversammlung gerechtfertigt hätte.
"Warte noch eine Minute, dann wirst du schon sehen, Miss Ungeduld," meinte Keeter, während seine grauen Augen den Horizont absuchten.
Gehorsam folgte Skates seinem Blick und plötzlich sah sie es. "Sind das etwa...?" Sie kniff die Augen zusammen. "... Fledermäuse!"
Sie kamen unter den Trägern der großen Betonbrücke hervor, so viele, dass sie den rötlichen Abendhimmel schwarz färbten, als sie zur nächtlichen Jagd aufbrachen. Minutenlang sah Skates kaum noch etwas vom Himmel und erst nach einer halben Stunde waren auch die letzten Fledermäuse am dunkler werdenden Horizont verschwunden und die Zuschauermenge begann sich langsam wieder aufzulösen.
"Darf ich vorstellen, du hast soeben die größte Fledermaus-Kolonie in Nordamerika kennen gelernt," erklärte Keeter, während Skates noch immer zum Himmel starrte. "Unter der Congress Avenue-Brücke leben schätzungsweise 1, 5 Millionen mexikanische Free-Tail-Fledermäuse. Den Winter verbringen sie in Mexiko, aber im Frühling kehren sie nach Austin zurück, um hier ihre Jungen zur Welt zu bringen. Ja, ja, die gute texanische Kinderstube..." Keeter grinste.
"Das sind also deine alleinerziehenden Mütter, hm?"
Keeter nickte. "Und du hast mir unreine Absichten unterstellt! Ich kann dir versichern, dass mein Interesse an *diesen* Damen rein platonischer Natur ist."
Seite an Seite standen sie am Ufer des Flusses und sahen den letzten Nachzüglern nach, während um sie herum langsam die Dunkelheit anbrach. Schließlich wandte sich Keeter wieder seiner Begleiterin zu. "Bereit für ein bisschen Shopping? Ich muss noch eine ganz bestimmte Besorgung machen und ich könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen."
"Okay, aber ich kaufe keine Geschenke für eine deiner Eroberungen und ich helfe dir nicht bei der Auswahl deiner Unterwäsche!" kündigte Skates scherzhaft an.
0201 Z-Zeit (22:01 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm genoss das altvertraute sanfte Schaukeln des Wasserbetts. Lässig verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und sah hinauf zu der roten Katze, die, die Pfoten unter sich wie eine Sphinx, auf dem Bücherregal thronte. Aus schläfrigen Goldaugen blinzelte Gypsie auf ihren Menschen hinab und erst als Mac, der Futtermeister der Familie, hereinkam, kam etwas Leben in die Katze.
Amüsiert und voller Zuneigung sah Harm zu, wie Mac in Bugs-Bunny-Hausschuhen und einem seiner Pyjama-Oberteilen zum Bett tapste. <Das Ding ist viel zu groß für sie!> dachte er belustigt, als er beobachtete, wie ihre Hand bis zu den Fingerspitzen unter den Ärmeln des Pyjamas verschwand. <Sie könnte es fast als Kleid tragen! Was tut sie jetzt?> Er grinste, als Mac das Pyjama-Oberteil hinauf bis über die Nase zog und den Geruch des Kleidungsstücks tief einatmete. <Ich schätze, das ist noch eines meiner Kleidungsstücke, das ich abschreiben kann,> schlussfolgerte Harm belustigt.
"Toller Pyjama," kommentierte er, als Mac neben ihm ins Wasserbett schlüpfte. Er fuhr mit der Hand den Ärmel hinauf und genoss das Gefühl der warmen Haut unter dem glatten, kühlen Stoff.
"Danke," Mac hauchte ihm einen Kuss auf den Mundwinkel, "mein Freund hat ihn ausgesucht und ich muss sagen, er hat einen ganz vorzüglichen Geschmack."
Harm schlang einen Arm um sie. "Stimmt. Ich habe einen vorzüglichen Geschmack – schließlich habe ich auch dich gewählt."
"Du hast mich nicht gewählt," widersprach Mac und platzierte neckische Küsse rund um Harms Nase, "*ich* habe *dich* gewählt."
"Hast du nicht," sagte Harm abwesend. Macs über sein Gesicht tanzende Lippen lenkten ihn von dem Gespräch ab und er war froh, dass ihr diese Taktik nicht für den Gerichtssaal zur Verfügung stand. <Gott bewahre! Ich würde keinen einzigen Fall mehr gewinnen!>
"Hab ich doch! Ich habe den ersten Schritt gemacht, ich habe dich zuerst geküsst!" Sie demonstrierte den Kuss in allen Einzelheiten.
Harm verschränkte die Hände hinter ihrem Nacken und vergrub seine Finger sanft in ihrem Haar. "Mhhmnnmn. Und ich bin froh, dass du es getan hast." Langsam näherten sich seine Lippen denen von Mac.
Plötzlich ließ das schrille Klingeln des Telefons sie auseinanderfahren.
"MacKenzie," meldete sich Mac, nicht sonderlich erfreut über die Störung.
Harm ließ sich ins Kissen zurücksinken und sah zu, wie Mac dem unbekannten Anrufer lauschte.
"Bei dem schlechten Timing ist es ein Wunder, dass es überhaupt so weit gekommen ist!" schnaubte sie schließlich in den Hörer.
Es entstand eine lange Pause, die nur von Macs gelegentlichem ‚Oh!’ ‚mnmm’ und ‚ja’ unterbrochen wurde, und Harms Aufmerksamkeit begann, von dem Telefongespräch weg zu driften.
".... Arzt?" bekam er, als er nach einer Weile wieder hinhörte, nur noch mit.
Mit gefurchten Brauen studierte er Macs ernste Miene. <Arzt? Wer braucht einen Arzt?> Er ließ seinen Blick prüfend über Macs Körper gleiten. Sie sah gut aus, entspannt, und strahlte förmlich. <Die Liebe bekommt ihr,> schloss Harm mit einen zufriedenen Grinsen.
"Aber war fliegen in *diesem Zustand* wirklich gut?"
Harm riss die Augen auf und verschluckte sich an seinem nächsten Atemzug. Er lief rot an, als er wild zu husten begann.
"Harm?" Mac bedeckte den Telefonhörer mit der Hand, "Ist alles in Ordnung?"
Harm nickte um Atem ringend. "Alles in Ordnung." <Zumindest hoffe ich das.> Er beäugte erneut Macs schlanken Körper.
Mac bemerkte den seltsamen Blick ihres Partners und beeilte sich, das Gespräch zu beenden. Sie legte den Hörer zurück auf die Gabel und wandte sich Harm zu. "Bald sind wir nicht mehr nur zu zweit," kündigte sie vergnügt an.
Harmon Rabb junior, der schlagfertige Held des Gerichtssaals, starrte sie nur sprachlos an.
"Harm?" Besorgt rückte Mac näher an ihn heran. "Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?"
"Mit mir schon. Was ist mit dir?" Harms starke Hände glitten unter ihr Pyjama-Oberteil und streichelten sanft Macs flachen Bauch.
"Mit mir?" Mühsam musste Mac ihre Gedanken sammeln, als Harms Hände zärtliche Kreise auf ihrem Bauch zogen. "Na ja, ich bin natürlich ein bisschen überrascht, aber..."
"Aber du freust dich?"
Mac sah ihren Freund stirnrunzelnd an. "Na klar, freue ich mich! Ich freue mich immer, wenn Granny und Will zu Besuch kommen, selbst unter diesen Umständen."
"Hnnn? Granny und Will?" Harm verstand überhaupt nichts mehr.
"Ja, Grannys Arzt hat ihr das Okay gegeben, mit dem Gips zu fliegen und deshalb kommen sie uns besuchen."
"Oh." Harm schluckte, nicht sicher, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. "Oh, ach so. Granny und Will. Verstehe."
Mac musterte ihn verwundert. "Wieso, was hast du denn gedacht, von was ich spreche?"
"Ähm, na ja, also, weißt du... ich habe nur etwas von ‚Arzt’ gehört und... ach, ich weiß auch nicht..." Mit untypischer Verlegenheit spielte Harm an Macs oberstem Pyjamaknopf herum.
Mac rollte sich aus dem Bett. "Wir haben nicht mehr viel Zeit, aber wir sprechen noch mal darüber, okay?" Prüfend sah sie ihrem sich recht ungewöhnlich verhaltenden Lebenspartner in die Augen.
"Nicht mehr viel Zeit?" Harm hatte plötzlich das Gefühl, eine völlig andere Sprache als Mac zu sprechen.
"Oh, hab ich das nicht gesagt? Granny und Will sind auf dem Weg vom Dulles International Airport hierher. Ich sollte mich also besser anziehen, um sie standesgemäß begrüßen zu können. Ich glaube nicht, dass das alte Pyjama-Oberteil meines Freundes der letzte Schrei der Modewelt ist – nicht mal in Pennsylvania." Mac zupfte an besagtem Kleidungsstück.
"Na ja, du könntest einen Gürtel hinzufügen und behaupten, es wäre ein Kleid," schlug Harm, der sich langsam wieder gefasst hatte, vor. Vielsagend deutete er auf das Pyjama-Hemd, das Mac bis fast zu den Knien reichte.
Mac streckte ihm die Zunge heraus. "Ich trage eben zur Abwechslung auch gerne mal richtig weite, bequeme Kleidung und keins meiner eigenen Sachen passt mir so wie das."
"Na schön, dann werde ich dir in Zukunft also alle Sachen drei Nummern zu groß kaufen und schon bist du glücklich," meinte Harm.
Energisch schüttelte Mac den Kopf. "Das ist nicht dasselbe. Meine Sachen... na ja, sie riechen eben nicht nach dir," gestand Mac fast verlegen und vergrub ihre Nase ein letztes Mal in dem Pyjama, bevor sie sich auf die Suche nach Jeans und T-Shirt machte, aus denen sie vorhin erst geschlüpft war.
Harm gähnte hinter vorgehaltener Hand, während er mit der anderen Hand durch seine ungeordneten Haare fuhr. Er angelte nach seiner Jogginghose und machte sich auf den Weg in die Küche, Jingo dicht auf den Fersen.
Erwartungsvoll setzte sich der betagte Hund neben seinen Fressnapf und schob ihn auffordernd mit der Schnauze in Harms Richtung.
Harm stemmte eine Hand in die Hüfte. "Ah, du glaubst wohl, du hättest mich gut erzogen, was?"
"Wrrruf." Jingo gab seinem Fressnapf noch einen Schubs und sah mit bettelnden braunen Augen zu Harm und der Dose mit Hundebiskuits hinauf.
"Oh, nein, mein Lieber! Du verwechselst mich wohl mit Mac, was? Du hast dein Futter vorhin schon gehabt. Bis morgen früh bist du auf Diät!" bestimmte Harm streng.
Mac tapste barfuß in die Küche, steuerte direkt auf die Dose, die Harm so unerbittlich verteidigt hatte, zu und nahm einen Hundekeks heraus. Eine Sekunde später hörte man zufriedene Kaugeräusche von Jingo.
"MAC!" Vorwurfsvoll starrte Harm sie an.
"Oh, Entschuldigung." Mac nahm einen zweiten Biskuit aus der Dose und reichte ihn Harm. "Ich wusste nicht, dass du die Dinger auch magst. Versuch mal einen mit Nutella oder Erdnussbutter."
Harm ließ den Hundeleckerbissen in Jingos Fressnapf fallen und hob tadelnd den Zeigefinger. "Du verwöhnst ihn zu sehr!"
"Iiiiiich?" Mac war die personifizierte Unschuld. "*Du* hast Jingo doch gerade einen Hundekeks gegeben!"
Noch bevor Harm zu einer Antwort kam, klingelte es an der Türe.
Mac drückte Harm die Hundebiskuit-Dose in die Hand und ging, um die Türe zu öffnen.
"Uff!" Der überraschte Will ließ die Koffer fallen, als Gypsie von der Garderobe aus auf seiner Schulter landete. "Macht sie das immer noch?" wandte er sich kopfschüttelnd an Mac, während er die rote Katze von seiner Schulter pflückte. "Hey, Zigeunerin, wieso kannst du zur Begrüßung nicht einfach um meine Beine streichen, wie jede andere Katze auch, hm?"
Lachend nahm Mac ihrem Großvater die Koffer ab. "Harriet und Bud hatten sie für ein paar Tage bei sich. Harriet sagt, dass sie die Wohnung nur noch mit einem Regenschirm betreten hat. Aber kommt doch erst mal rein."
Will kam der Aufforderung gerne nach. "Ich hoffe, es macht euch nichts aus, aber da lungerte diese absolut zauberhafte Frau draußen vor der Türe herum und da dachte ich, ich könnte sie ja einfach zum Essen einladen." Der Halb-Cherokee deutete grinsend auf seine Begleiterin.
Granny humpelte mit einem leuchtend roten Gehgips ins Wohnzimmer und ließ sich sofort zufrieden auf die Couch fallen.
"Hey, Will, hi, Granny." Harm küsste seine geliebte Großmutter auf die Wange und sah zu, wie sie ihren farbenfrohen Gips von sich streckte. "Tja, das hast du nun davon, dass du dich über mich lustig gemacht hast, als ich mir den Zeh gebrochen hatte. Kleine Sünden straft der liebe Gott eben sofort."
Granny winkte ab. "Und große erst neun Monate später, ich weiß. Aber du willst doch nicht etwa ein so gefährliches Tier wie eine KUH mit einem *harmlosen* Chihuahua vergleichen, oder?"
Will schlang einen Arm um seine Frau. "Ich wusste ja schon immer, dass nur ein absolutes Rindvieh sich mit dir anlegen würde, geliebtes Eheweib."
"Wahrscheinlich hast du ständig versucht, die arme Kuh mit dem Nachbarsbullen zu verkuppeln und irgendwann hat es ihr wohl einfach gereicht und sie hat dich aufs Horn genommen!" neckte Harm seine Großmutter liebevoll.
"Ja, ja, spotte nur, Harmon. Mal sehen, ob du auch noch lachst, wenn Betsy Sarah den Brautstrauß aus der Hand knabbert!" drohte Granny schlagfertig.
Harm hob die Brauen. "Mir war nicht bewusst, dass wir eine Kuh zu unserer Hochzeit eingeladen haben." Er verzichtete darauf zu erwähnen, dass sie die Einladungen noch nicht einmal abgeschickt hatten.
"Na ja, eigentlich ist es eher umgekehrt – Betsy würde euch gerne einladen, eure Hochzeit bei ihr zu feiern," druckste Granny herum.
Mac ließ sich im Schneidersitz neben der Couch nieder. "Wir sollen in einem Kuhstall heiraten?" Ungläubig blickte sie zu Granny auf.
"Wieso nicht? Es hat gewisse Vorteile... jede Menge bequemes Stroh... Heuballen, hinter denen euch niemand sehen wird... ihr könntet euch gleich nach der Trauung zurückziehen..." Granny kicherte vor sich hin. "Nein, im Ernst, ich hatte keine Hochzeit im Kuhstall im Sinn, sondern bei uns in Belleville, auf der Farm. Da hättet ihr genug Platz für all eure Gäste."
Harm und Mac warfen sich einen kurzen, beinahe schuldbewussten Blick zu. <Gäste, die wir noch gar nicht eingeladen haben...>
"Natürlich müssten wir das noch mit dem Priester oder Kaplan, den ihr ausgesucht habt, abklären, aber ansonsten spräche doch nichts dagegen, oder?" Granny sah hoffnungsvoll zwischen ihren beiden Enkeln hin und her.
"Ähmn, oh, nein, nichts." Harm sah ein wenig betreten zu Boden. <Außer, dass wir uns noch nicht für einen Priester, der uns trauen soll, entschieden haben...>
"Gut, die Frage nach der Trauzeugin haben wir also auch endlich geklärt – Betsy würde das Amt sicher gerne übernehmen," warf Mac scherzhaft ein.
Harm warf Mac noch einen warnenden Blick zu, aber es war bereits zu spät. Grannys Kopf ruckte herum. "Soll das etwa heißen, ihr habt noch keine Trauzeugin?!"
Mac und Harm nickten stumm. <Und keinen Trauzeugen und keinen Brautführer und keine Gästeliste...> "Weißt du, Granny, es ist nicht so einfach, sich da zu entscheiden, schließlich wollen wir keinen unserer Freunde vor den Kopf stoßen...," versuchte Harm zu erklären.
Granny rollte mit den Augen und schüttelte ihr silbergraues Haupt. "Ich sehe schon, ich komme genau zur rechten Zeit!" Energisch schwang sie ihre Krücke. "Ab morgen wird diese Hochzeit geplant, Kinder!"
0308 Z-Zeit (22:08 Uhr CDT)
Plaza Lofts
Austin, Texas
Keeter zog die Türe des Apartments hinter sich zu und grinste mit funkelnden Augen auf Skates hinab. "Glaubst du, wir geben ein schönes Paar ab?" erkundigte er sich unvermittelt.
"Hm?" Skates hob verwirrt den Blick von dem weichen, rotbraunen Fellbündel in ihren Armen. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Keeter vermutlich sich und den Hund meinte. "Ein Traumpaar," versicherte sie ihm lächelnd, "aber woher kommt überhaupt das plötzliche Bedürfnis nach einem Hund, hm?" Sie fuhr fort, den acht Wochen alten Welpen beruhigend hinter seinen dreieckigen, herabhängenden Ohren zu kraulen.
"Na ja, weißt du, all die einsamen, schlaflosen Nächte auf der Enterprise mit dem Schnarchen meines Kumpels im Ohr... mir ist plötzlich aufgefallen, dass ich zuhause ziemlich alleine bin und da ich mir dachte, dass es noch ein wenig früh in unserer Beziehung ist, um dich zu bitten, zu mir zu ziehen, kam mir eben der Gedanke, ein Hund wäre doch ein netter Ersatz," erklärte Keeter grinsend.
Skates beugte sich über den Welpen auf ihrem Arm und versetzte Keeter einen Schlag aufs Bein.
"Autsch! Na schön, ich geb’s zu, eigentlich ist der Kleine ein Geschenk für meine Mutter. Sie hat übermorgen Geburtstag und als Robbie mir erzählt hat, dass sein Nachbar gerade einen Wurf junger Hunde hat..."
"*Die* Kleine," verbesserte Skates mit Nachdruck.
"Oh, ja, richtig, noch ein Mitglied mehr für meinen Harem," stimmte Keeter amüsiert zu, "obwohl der Name ja nicht gerade auf ein zartes, folgsames weibliches Wesen hindeutet. Irgendwie ende ich doch immer nur bei den rebellischen Amazonen." Lächelnd sah er zu, wie Skates liebevoll die weiße Blesse auf der Stirn des ansonsten rotbraunen Welpen nachfuhr, während sie auf den Aufzug warteten.
"Du kannst mit dem ganzen Zeug da ruhig den Aufzug nehmen," meinte Skates, auf den Beutel mit dem neu erstandenen Hundespielzeug deutend, "Ich nehme mit dem Hund die Treppe. Du magst den Aufzug auch nicht, stimmt’s, Amaretto?" sagte sie verschwörerisch zu dem Welpen.
Amaretto bellte und versuchte, ihr durchs Gesicht zu lecken.
Skates warf Keeter einen selbstgefälligen Blick zu. "Siehst du?"
Keeter winkte nur und betrat den Fahrstuhl.
Nach einer halben Stunde Autofahrt hatte sich der Welpe ein wenig von der Aufregung, plötzlich von Mutter und Geschwistern getrennt zu werden, erholt und starrte neugierig nach draußen, wo sich Lichter in der dunklen Oberfläche des Lake Travis spiegelten.
Lake Travis, der größte See der Highland-Lakes-Kette, war - wie die anderen Seen - entstanden, als der Colorado durch Dämme aufgestaut worden war. Hier, auf der Nordseite des Sees, lag die ruhige Gemeinde Lago Vista umgeben von Wasser und den Hügeln des Hill Country.
Keeter ließ das Städtchen hinter sich zurück und stoppte das Auto an einem etwas abseits gelegenen Haus direkt am Ufer des Lake Travis.
Skates kletterte mit Amaretto im Arm aus dem Wagen und sah sich um. Sie konnte das Grundstück mehr erahnen, als dass sie in der Dunkelheit wirklich etwas davon sah, aber es schien groß zu sein. Das flache, weiße Haus hatte eine riesige Veranda, die um das ganze Gebäude herum verlief und am See in einen Steg überging.
"Das Haus und den Hund hätte ich schon mal, jetzt fehlen mir nur noch die Frau und die 1,5 Kinder," kommentierte Keeter zwinkernd.
"Ich dachte, der Hund wäre für deine Mutter?" Skates schlug die Autotüre zu und wechselte den Welpen vom einen Arm in den anderen. Zum ersten Mal bemerkte sie, dass Amaretto wohl noch nicht so ganz stubenrein war oder, falls sie es doch war, ihre Jeans mit dem Hundeklo verwechselt hatte. "Ähm, Keeter?"
"Ja?"
"Uns ist da ein kleines Malheur passiert..." Sie deutete auf den großen Fleck auf ihrer Hose.
Keeter grinste. "Sieht so aus, als wärst du ein wenig zu aufregend für Amaretto gewesen."
Skates nickte. "Normalerweise habe ich diesen Effekt nur auf Männer."
"Hey, ich dachte, du flirtest nicht?!" beschwerte sich Keeter spielerisch.
"Tue ich auch nicht, das sind die nackten Tatsachen," behauptete Skates würdevoll.
Keeter hob die Augenbrauen. "*Nackte* Tatsachen, so, so... interessante Wortwahl."
Skates folgte Keeter die wenigen Stufen zum Haus hinauf. "Kein Aufzug, das gefällt uns, was, Rett?" Liebevoll ließ sie ihre Finger durch das weiche Welpenfell gleiten.
"Wehe mein Hund entwickelt eine Aufzug-Phobie!" drohte Keeter, als er die Türe aufschloss und Skates vor sich eintreten ließ.
"Du bist ja nur eifersüchtig!"
Keeter schnaubte. "Worauf sollte ich denn wohl eifersüchtig sein, hm, Ladies?"
"Darauf, dass ich diejenige bin, die Amaretto als ihr Territorium markiert hat. Wir haben eben eine dieser wunderbaren Frauenfreundschaften, da kannst du ganz einfach nicht mithalten, Keeter," teilte ihm Skates spielerisch-herablassend mit. Sie setzte Amaretto ab, damit die Welpen-Dame ihr vorübergehendes Zuhause erkunden konnte.
Keeter zog Skates am Arm ins Badezimmer hinüber. "Zieh das aus," kommandierte er, auf die nasse Jeans zeigend.
Skates neigte schelmisch den Kopf. "Oh, ich schätze, du hältst nicht viel von Vorspiel, hm?"
Keeter starrte sie einen Moment lang sprachlos an und rieb sich seine glühenden Ohrläppchen. "Ähmn, nein, so hab ich das nicht gemeint, ich dachte nur... wenn du die Hose gleich ausziehst, können wir sie waschen und sie ist bis morgen früh wieder trocken..."
Skates begegnete herausfordernd seinem Blick. "Okay, aber wenn ich in Unterwäsche in deiner Wohnung herumlaufen muss, dann musst du das auch." Sie deutete auf Keeters khaki-farbene Hose.
"Iiiich?" Keeter schluckte völlig überrumpelt. "Warum denn ich? Es ist doch deine Hose, die nass geworden ist."
"Und es ist dein Hund, der sie nass gemacht hat, also: Ausziehen!" Skates verschränkte kompromisslos die Arme.
Keeter kratzte sich am Kopf und stöhnte: "Oh, ich liebe dominante Frauen. Wie wäre es, wenn wir uns die Auszieh-Nummer für einen romantischeren Moment aufsparen und ich dir stattdessen eine Jogginghose oder so zum Anziehen suche? Du kannst dir ja unterdessen schon mal meine Videos durchsehen, dann machen wir es uns vor dem Fernseher bequem."
Grinsend ging Skates ins Wohnzimmer hinüber und begann, durch die langen Reihen von Videofilmen zu stöbern. Science Fiction, Actionfilme, sogar ein paar romantische Komödien... Skates musste zugeben, dass Keeters Sammlung ganz brauchbar war.
"Na, irgendwas gefunden, was dir gefällt?" Keeter kam innerhalb von Minuten wie versprochen mit einer Jogginghose zurück.
Skates zuckte die Schultern. "Amaretto war für ‚Lassie’, aber das hast du ja nicht."
"Ich glaube nicht, dass sie sich für Lassie interessiert. Erstens ist Lassie ein Collie und Amaretto ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever," erklärte Keeter, stolz darauf, den langen Rassenamen endlich gelernt zu haben, "und zweitens ist Lassie auch ein Weibchen. Hast du irgendwas gefunden?"
"Ziemlich viel Auswahl..." Skates ließ den Blick die Reihe der Videos entlang gleiten.
"Ja, und das ist noch nicht alles." Keeter drückte seiner Besucherin die Jogginghose in die Hand und ging zu einem der Regale hinüber. "Ich könnte dir meine geheime Sammlung zeigen," bot er mit einem verführerischen Flyboy-Lächeln an.
Skates bohrte ein wenig unsicher die Schuhspitze in den Teppichboden. "Deine... ähm, geheime Sammlung?"
"Ja, die, die ich versteckt halten muss, wann immer mich meine Nichten und Neffen hier besuchen." Keeter ließ einen kleinen, goldenen Schlüssel vor Skates auf und ab baumeln. "Also, was ist? Bist du mutig genug, dir einen solchen Film anzusehen?" Seine grauen Augen blitzten herausfordernd.
Skates schnaubte abfällig. "Nein, danke, Keeter. Ich bin nicht gerade ein Fan solcher Filme!"
"Ach ja?" Keeter schloss eine Schublade auf. "Du bist also kein Mensch, der einen guten…" Er trat einen Schritt zur Seite, um Skates den Blick auf seine verborgenen Video-Schätze freizugeben. "... Disney-Film zu schätzen weiß?"
"Disney-Filme?!" wiederholte Skates mit großen Augen.
Keeter lachte. "Na klar, was dachtest du denn?" Neckisch stupste er Skates an.
"Kein Kommentar." Skates lachte nervös. "Aber wieso musst du Disney-Filme vor deinen Nichten und Neffen verstecken?"
"Na, wenn ich schon mal hier bin, dann möchte ich auch ein bisschen Zeit mit ihnen verbringen und sie nicht nur wie hypnotisiert vor dem ‚König der Löwen’ sitzen sehen!"
Skates lächelte erstaunt. "Jackson Díarmuid Keeter ist ein Kinder-Freund! Wer hätte das gedacht!" Sie drehte den protestierenden Keeter so, dass er mit dem Rücken zu ihr stand. "Wegsehen, ich ziehe mich um!"
"Na, siehst du, Kinder, Hund, Haus... jetzt fehlt mir nur noch die Frau."
Skates schlüpfte in die Jogginghose. Sie passte und das machte es offensichtlich, dass sie nicht Keeter, sondern vermutlich einer Frau gehörte. <Vermutlich hat eine von Keeters vielen Freundinnen sie hier zurückgelassen. Nein, einem Typen wie Keeter fehlt ganz sicher keine Frau!> Seufzend ließ sie sich mit Amaretto auf der Couch nieder.
1204 Z-Zeit (08:04 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Wir müssen es tun, Mac," Harm wechselte seine Aktentasche von einer Hand in die andere, als er Mac die Türe zum Großraumbüro aufhielt und sie vor sich eintreten ließ, "schließlich ist es ein ziemlich wichtiger Schritt in unserer Zukunftsplanung."
Mac seufzte. "Ich weiß – und das so schnell wie möglich, bevor Granny noch herausfindet, dass wir es noch nicht getan haben. Du musst zugeben, dass es schon etwas ungewöhnlich für ein Paar in unserer Lage ist, *es* noch nicht getan zu haben."
Harm setzte zu einer zustimmenden Antwort an, als er Bud erblickte, der neben der gurgelnden Kaffeemaschine stand und sie mit großen Augen anstarrte. Er sah aus wie jemand, der gerade von kleinen grünen Männchen begrüßt worden war – auf Russisch.
"Buuuu-uuud!" Als der Gerufene keine Antwort gab, streckte sich Harriets Kopf aus einem der Büros. "Bud, wo bleibt mein Kaffee? Bud? Hey, alles in Ordnung?" Ihre blonden Augenbrauen wölbten sich fragend, als sie besorgt zwischen ihrem Mann und ihren beiden vorgesetzten Offizieren hin und her sah.
Bud drückte Harriet die noch immer leere Kaffeetasse in die Hand. "Ja, ja, alles in Ordnung, Harriet, es ist nur... die beiden... ähmn, na ja..."
"Bud, machen Sie kein Gesicht wie eine Eule, die sich an einer Feldmaus verschluckt hat!" rügte Harm neckisch. "Was immer Sie auch gehört haben, es war ganz harmlos und sicher nicht das, was Sie glauben, gehört zu haben."
"Was hat er denn gehört, Sir?" erkundigte sich Harriet mit dem süßen Lächeln, dem die wenigsten Menschen widerstehen konnten.
Harm tauschte einen kurzen Blick mit Mac. <Na ja, es ist ohnehin höchste Zeit, dass sie es erfahren...> "Harriet, Bud, Sie sind die ersten hier im Büro, die es erfahren... diese zauberhafte Frau da drüben hat zugestimmt, mich zu heiraten. Sie muss den Verstand verloren haben." Er grinste jungenhaft.
"Vermutlich," stimmte Mac trocken zu.
Drei erstaunte Augenpaare richteten den Blick auf sie.
"War nur ein Scherz," versicherte Mac eilig, nur um dann mit einem schelmischen Lächeln hinzuzufügen: "Wo sonst fände ich einen so billigen Haushälter."
Harm musste sich bemühen, ernst zu bleiben. "Aha! Ich wusste es doch! Du willst mich nur wegen meiner kulinarischen Fähigkeiten!"
"Aber nein, Schatz," beteuerte Mac spielerisch, "ich will dich auch wegen deines Autos."
Harriets vorsichtiges Räuspern erinnerte die beiden daran, dass sie nicht allein waren, sondern noch immer mitten im Büro standen. "Sir, Ma’am, ist das wahr?!" Harriet schlug entzückt die Hände zusammen. "Sie wollen heiraten?!"
"Pssst!" Mac sah sich nervös um. "Harriet, etwas leiser, bitte, der Admiral weiß es noch nicht."
"Oh! Dann sollten Sie ihn aber baldmöglichst fragen, Ma’am," empfahl Harriet mit Nachdruck.
Harm stöhnte. "Jetzt fangen Sie auch noch damit an, Harriet! Das war es ja, worüber Mac und ich gerade gesprochen haben. Ich habe schon Granny zu erklären versucht, dass es wirklich ein veralteter Brauch ist, seinen kommandierenden Offizier symbolisch um Erlaubnis zu fragen, bevor man heiratet."
Harriet kicherte, als sie sich einen nervösen Bud vorstellte, wie er Chegwidden um ihre Hand bat. "Nein, Sir, das meinte ich gar nicht. Ich meinte, sie sollen den Admiral fragen, ob er Ihnen bei der Auswahl des kalten Büffets hilft."
"Das ist nicht Ihr Ernst?!" entfuhr es Harm und Mac gleichzeitig.
"Oh, doch, der Admiral ist ein ganz vorzüglicher Ratgeber, was Häppchen betrifft. Auch wenn ich später feststellen musste, dass die Ernährungsgewohnheiten einer schwangeren Frau über seine Kompetenzen in diesem Bereich hinausgehen... nur ein kleiner Hinweis, falls Sie irgendwann mal mit einem Thunfisch-Marmelade-Sandwich bewaffnet dem Admiral in der Küche begegnen, Ma’am." Harriet zwinkerte Mac verschwörerisch zu.
Wie auf dieses Stichwort hin öffnete sich die Türe zum Konferenzraum und der Admiral tauchte vor ihnen auf. "Rabb! MacKenzie! Lieutenants! Während Sie hier draußen eine Paartherapie oder was auch immer abhalten, findet hier drin eine Besprechung statt, an der sie teilnehmen sollten!" bellte er streng.
Die beiden Paare setzten sich eilig in Bewegung und nahmen ihre Plätze am Konferenztisch ein.
"... wie ich eben sagte, Sie haben alle Colonel MacKenzies Ermittlungsbericht vor sich liegen..." fuhr Chegwidden fort.
"Sir?" Harm hob stirnrunzelnd die Hand. "Nur Colonel MacKenzies? Ich habe meinen Bericht auch abgegeben."
Chegwiddens Kiefermuskeln spielten. "Dessen bin ich mir bewusst, Commander. Aber er sah so verdächtig ähnlich wie der Ihrer Partnerin aus, dass man ihn glatt für abgeschrieben halten könnte!"
"Oh, nein, Sir! Ich habe nicht abgeschrieben!" Ein wenig verlegen begegnete Harm dem halb strengen, halb amüsierten Blick seines Vorgesetzten. <Ich glaube, das war einer der Abende, an dem wir beim Arbeiten... abgelenkt wurden und hinterher den Bericht in harmonischer Zusammenarbeit erstellten...> "Ähm, na ja... zumindest nicht den ganzen Bericht. Ich habe schon bestimmte Passagen geändert."
Chegwidden nickte grimmig. "Ja, den Namen des ermittelnden Offiziers auf dem Deckblatt."
Die versammelten Anwälte lachten und die Besprechung wurde ohne weitere Zwischenfälle fortgesetzt. Schließlich klatschte der Admiral eine Akte auf den Tisch. "Okay, das war’s für heute. An die Arbeit!"
Harm und Mac kommunizierten stumm und blieben hinter den anderen zurück. "Sir, könnten wir Sie noch kurz sprechen?" begann Harm. Seine Hände, die er auf dem Rücken zusammengelegt hatte, krampften sich umeinander. <Mann, Rabb, so nervös warst du vor keinem deiner Einsätze als Kampfpilot!>
Chegwidden sah auf und winkte ab. "Wenn es um Ihren Ermittlungsbericht geht, Commander..."
"Oh, nein, Sir, das ist es nicht," versicherte Harm schnell, "es ist etwas Wichtigeres." <Die wichtigste Sache meines Lebens.>
Chegwidden lehnte sich zurück und verschränkte erwartungsvoll die Arme. "Ich höre..."
Harm atmete tief durch und tastete unauffällig nach Macs kalten Fingern. "Sir, wir wollen heiraten!" platzte Harm nervös heraus. Unwillkürlich musste er ein wenig lächeln, wie immer, wenn er diese Worte sprach. Manchmal konnte er sein Glück noch immer nicht fassen.
Der Admiral lehnte sich noch weiter im Sessel zurück. Seinem markanten Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte. "Und jetzt wollen sie meinen offiziellen Segen, nehme ich an."
"Ja, Sir."
"Das wäre schön, Sir."
Chegwidden nickte bedächtig. Seine Brauen hoben sich, als er Harm fixierte. "Ich dachte, Sie wären neidisch und nicht blöd, Commander?"
Mac sah verständnislos zwischen den beiden Männern hin und her.
Im Gegensatz zu ihr schien Harm genau zu verstehen, was ihr kommandierender Offizier meinte. Er sah Chegwidden offen in die Augen. "Sir, ich weiß, dass ich in der Vergangenheit nicht gerade der eifrigste Befürworter der Ehe war, aber das hat sich geändert – gründlich." Er lächelte ein wenig zu Mac hinüber.
"Hmmm." Chegwidden rieb sich das Kinn, noch immer ohne eine richtige Reaktion zu zeigen. "Und wann genau soll die Hochzeit stattfinden?"
Mac schluckte und trat ein wenig näher an Harm heran. "Im August, Sir."
"IM AUGUST?!" donnerte Chegwidden unvermittelt. "Das sind gerade mal noch sieben Wochen!"
Mac biss sich auf die Lippe. <Sechs Wochen und fünf Tage, aber das sage ich ihm jetzt lieber nicht.>
"Und das sagen Sie mir erst jetzt?! Wissen Sie, wie lange ich brauche, um meine Galauniform zu entmotten und meine Medaillen zu polieren? Das ist doch keine dieser ‚spontanen’ Muss-Hochzeiten?" Argwöhnisch glitt sein Blick über Macs schlanke Figur.
Es dauerte einen Moment, bis Mac verstand. "Nein, Sir, das ist eine Darf-Hochzeit," erklärte sie schmunzelnd.
"Gut. Ich sage es Ihnen gleich, Colonel: Keine Geburten mehr in meinem Büro, klar?" Nach einem Moment glätteten sich die strengen Falten auf seiner Stirn und seine Lippen hoben sich zu einem Halb-Lächeln. "Tiner würde das nicht überleben und ich habe keine Lust, mir einen neuen Bürohengst anzuschaffen." Er erhob sich und kam um den Konferenztisch herum. Die Fältchen um seine Augen gerieten in Bewegung, als ein Lächeln sich auf seinem Gesicht ausbreitete. "Herzlichen Glückwunsch, Sie beide!" Enthusiastisch schüttelte er die Hand des breit grinsenden Harm.
Schließlich machte sich ein erleichtertes Paar auf den Weg zurück an die Arbeit.
"Ach," rief Chegwidden hinter ihnen her, "und wenn Sie jemanden brauchen, um die Häppchen für den Hochzeitsempfang zu probieren..."
Harm und Mac schafften es, das Großraumbüro zu durchqueren und die Türe zu Macs Büro hinter sich zufallen zu lassen, bevor sie erleichtert loslachten.
Lachend hielt sich Mac an Harms Schultern fest und er nutzte die Gelegenheit, um seine nun offizielle Verlobte näher an sich heranzuziehen und sie zu küssen.
"Mmmm," machte Mac, als er ihre Lippen wieder freigab, "ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da warst du sehr viel zurückhaltender mit solchen Zuneigungsbeweisen in meinem Büro."
Harm nickte energisch. "Ja, und ich hatte auch allen Grund dazu. Ich fürchtete um Rang und Leben, falls Tiner plötzlich reinplatzen und der Admiral von unseren Zuneigungsbeweisen erfahren würde."
"Sei nicht albern," Mac bürstete ein paar Frauenhaare von Harms Uniformhemd, "ich rufe Tiner nur rüber in mein Büro zu einem *persönlichen* Gespräch, wenn du zu einer Ermittlung unterwegs bist," behauptete Mac den männermordenden Vamp spielend.
Harm lachte. "Ah, das ist also der Grund, warum du mich noch nie mit Lt. Singer erwischt hast, wenn ich behaupte, angeblich bei einer Ermittlung zu sein."
"Ich dachte, du ständest nicht mehr auf Blondinen?" Herausfordernd legte Mac den Kopf schräg und sah zu ihm auf.
Harm zwirbelte eine Strähne des seidenweichen, braunen Haares zwischen seinen Fingern. "Tu’ ich auch nicht," versicherte er, "ich stehe nur noch Brünette."
"Brünette – ist das die Einzahl oder die Mehrzahl, hm?"
"Mehr als eine von deiner Sorte würde mich umbringen, Marine!"
Es klopfte an der Türe und sie fuhren gewohnheitsmäßig auseinander. Zögernd betrat Tiner den Raum. Mit roten Wangen sah er zwischen den beiden Offizieren hin und her. "Ähm, Colonel, ich hoffe, ich störe nicht... aber die Zeugin, mit der Sie sprechen wollten, ist da..."
"Schon gut," Harm schob sich an Tiner vorbei aus der Türe und zwinkerte Mac zu, "ich wollte ohnehin mal wieder Lieutenant Singer besuchen. Wir sehen uns später."
Acht Stunden später betraten sie mit ein paar Leihvideos und dem chinesischen Take-Away-Essen, das sie sich zur Feier des Tages auf dem Heimweg besorgt hatten, ihr Haus.
Mit geschmeidiger Sicherheit, die durch monatelanges Üben dieses Manövers entstanden war, steppte Harm mit dem Essen in der Hand zur Seite, als Gypsie von der Garderobe sprang, so dass die rote Katze stattdessen Mac förmlich in die Arme fiel. Leider hatte Harm nicht mit Jingo gerechnet, der plötzlich aus der Küche auftauchte und Harms Ausweichmanöver zu einem jähen Ende brachte.
Harm stolperte, rutschte über den glatten Küchenfußboden und ging der Länge nach zu Boden. Süß-saure Sauce spritzte durch die Küche und Frühlingsrollen schossen wie Billardkugeln davon.
Mac setzte Gypsie ab und eilte durch den Flur, als sie den Lärm aus der Küche hörte. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie im Türrahmen stoppen.
Harm saß lachend auf dem Küchenfußboden, während Jingo Hühnchen-Stücke in Orangensauce von seiner Hose pflückte und dabei mit seinen Pfoten wild über den glitschigen Boden paddelte.
Mac verschränkte die Arme und richtete ihren strengsten Blick auf die beiden Übeltäter. "Hey! Ist das mein Abendessen, mit dem ihr zwei da gerade spielt?!"
Schuldbewusst sahen Harm und der Hund auf. Harm schluckte rasch die Krabbe, die er von seinem Ärmel gepflückt hatte. "Es war ein Unfall, Mac, wirklich... und jetzt hilft mir Jingo nur ein bisschen beim Saubermachen."
Jingos zustimmend wedelnder Schwanz klatschte rhythmisch gegen den Küchenschrank, während er begann, Sauce aus dem Gesicht seines auf dem Küchenfußboden sitzenden Spielkameraden zu lecken.
Gypsie näherte sich neugierig dem Desaster. Hastig schnappte sich Mac die Katze. "Oh, nein, nicht du auch noch! Und ihr zwei geht unter die Dusche, marsch!"
Harm erhob sich gehorsam und zog Jingo am Halsband hinter sich her. Er stahl einen kurzen Kuss, als er sich an Mac vorbei aus der Küche schob und war für einen Moment versucht, Mac eng an sich zu ziehen, um das Chaos auf seiner Kleidung mit ihr zu ‚teilen’, entschied sich aber dagegen, als er an den Nahrungsmittelkampf dachte, der dann sicher folgen würde.
"Na, los, ihr zwei!" rief Mac ihnen nach, "Und kommt nicht zurück, bevor ihr nicht den ganzen Reis aus euren Ohren entfernt habt!"
1138 Z-Zeit (06:38 Uhr CDT)
Austin-Bergstrom International Airport
Austin, Texas
Keeter klemmte sich die eben erstandene Zeitschrift unter den Arm und bahnte sich seinen Weg durch die Menge der Reisenden zurück zum Wartebereich, wo er Skates zurückgelassen hatte. Er hatte sie schon fast erreicht und seine Augen ruhten nur auf ihr, so dass er über die ausgestreckten Beine eines Mitreisenden stolperte, der hinter Skates in einem der Plastikstühle saß.
"Hoppla!" Eine kräftige Hand schloss sich stützend um seinen Ellenbogen und bewahrte Keeter gerade noch vor einem Fall.
Mit Erstaunen stellte Keeter fest, dass sein Retter eine *Retterin* war. <Und was für eine!> Anerkennend wanderte sein Blick über die langen Beine, die schlanke, hochgewachsene Gestalt und das attraktive Gesicht.
Skates drehte sich zu dem Lärm hinter ihr um und riss die Augen auf. "Randy?!"
Keeters Retterin drehte sich zu Skates um. "Skates? Was machst du denn hier? Ich dachte, du schipperst irgendwo im Pazifik herum?"
Skates umrundete die Sitzgruppe. Erstaunt sah Keeter zu, wie die beiden Frauen sich umarmten. "Das musst du gerade sagen, Quacksalber! Ich dachte, du würdest in Washington an ein paar nichtsahnenden Patienten herumdoktern?"
Die größere Frau lachte. "Du konntest mich schon immer zum Lachen bringen, Skates, selbst als du noch dieses kleine Mädchen warst, das mit einem über die Schultern geworfenen roten Handtuch versucht hat, den altersschwachen Familienhund dazu zu bringen, Lois Lane für ihren Superman zu spielen."
"Hey, nur zu deiner Information, Timi hatte ein großartiges schauspielerisches Talent! Lois Lane war nur ein kleiner Teil seines Repertoires, er spielte auch Kleopatra, Robin Hood und Pocahontas," erklärte Skates grinsend.
Die fremde Frau lachte mit ihr. "Ja, und wenn ich mich richtig erinnere, wäre der gute alte Timi fast als jungfräuliches Opfer in einem Aztekentempel geendet, wenn nicht eine bestimmte scharfäugige Babysitterin eingegriffen hätte. Ich sehe dich noch vor mir, wie du in einem Ritualtanz mit einem Plastikmesser durch die Wohnung gehopst bist!"
Skates schien sich plötzlich wieder daran zu erinnern, dass Keeter neben ihr stand und sie neugierig beobachtete. "Randy, das ist Jack Keeter, ein Bekannter von mir."
Keeter hob leicht eine Braue. Er hatte gehofft, zumindest als Freund eingestuft zu werden. <Vielleicht will mir Skates ja auch nur nicht sämtliche Chancen bei dieser wirklich umwerfenden Frau verderben, indem sie ihr zu verstehen gibt, dass wir nur BEKANNTE sind?> versuchte er sich zu trösten.
"Keeter, das ist meine Cousine, Doktor Miranda Hawkes."
"Wenn Sie wollen, dass ich den hippokratischen Eid einhalte und nicht zum Skalpellmörder werde, nennen Sie mich besser Randy," meinte Skates Cousine lächelnd und reichte Keeter die Hand.
Keeter erwiderte den überraschend festen Händedruck. "Okay, Randy," er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln, "ich habe schon so meine Erfahrungen mit den Spitznamen der Hawkes-Frauen gemacht." Er stellte fest, dass Randy Hawkes außer ihrer Abneigung gegen ihren eigentlichen Vornamen und dem dunklen Haar wenig mit ihrer Cousine gemeinsam hatte. Sie war größer und statt Skates braunen Augen begegneten ihm intelligente gletscherblaue Augen.
Dr. Miranda ‚Randy’ Hawkes hob den Kopf, als der Flug nach Washington D.C. aufgerufen wurde. "Sorry, ich muss los. Wenn ich gewusst hätte, dass du in der Stadt bist... ich bin schon seit drei Tagen wegen eines Ärzte-Kongresses hier."
Skates zuckte bedauernd die Schultern. "Ich melde mich, wenn ich wieder im Lande bin," versprach sie.
Randy Hawkes verabschiedete sich und strebte mit langen, geschmeidigen Schritten dem Terminal zu.
Keeter sah ihr einen Moment lang nach, bevor er sich wieder Skates zuwandte. "Ich beginne wirklich zu bereuen, dass ich nicht deine Eltern kennen gelernt habe, Skates. Wenn alle Frauen deiner Familie so attraktiv sind – wow!"
Skates kicherte verhalten vor sich hin. "Mit Randy zu flirten hättest du dir wirklich sparen können, Keeter, da kommst du nicht weiter, glaub mir."
Keeter reckte selbstbewusst seine breiten Schultern. Sein Blick machte klar, dass er Skates Einschätzung nicht zustimmte. "Ach, bist du etwa eifersüchtig? Nur keine Angst, Skates, du bist noch immer meine Lieblings-Hawkes-Frau. Ich war nur freundlich auf Flyboy-Art, da stecken keine ernsten Absichten dahinter. Es ist doch nichts dabei, eine attraktive Frau einfach nur zu bewundern, oder?" Er setzte seinen unschuldigsten Erstklässler-Blick auf.
"Oh, nein, ich bin sicher, dass Randy das versteht," beteuerte Skates grinsend. "Das geht ihr genauso."
"Du meinst, sie hat mich auch bewundert?" Keeter grinste geschmeichelt.
Skates lachte und versetzte Keeter einen Klaps auf die Schulter. "Du und dein Flieger-Ego! Nein, ich meine, Randy bewundert auch gerne attraktive Frauen."
"Oh." Einen Moment sah Keeter verwirrt in die Richtung, in die Skates Cousine verschwunden war, noch immer ohne richtig zu verstehen. "Ooh!" Jetzt hatte Keeter endlich begriffen, was Skates ihm da sagen wollte. <Uff! Wer hätte das gedacht?! Sie sieht gar nicht...> Keeter stoppte sich mit einer mentalen Rüge. <Hör schon auf in Stereotypen zu denken, Keeter!>
"Ist das ein Problem für dich?" Skates sah ihm offen in die grauen Augen und war erfreut, dass Keeter ihrem Blick nicht auswich.
"Problem? Nein, ich kann das verstehen." Der Navy-Pilot lächelte, um seine Akzeptanz zu zeigen. "Ich würde das Bett auch nicht mit einem nach Bier und Schweiß riechenden, haarigen Etwas teilen wollen."
Eine Durchsage kündigte ihren Flug an.
Skates grinste herausfordernd. "Na, dann kann unser Abenteuer ja beginnen. Zivile Luftfahrt, wir kommen!"
0110 Z-Zeit (21:10 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Mac, wir brauchen keinen neuen Computer!"
"Ach ja?" Mac hob spöttisch die Brauen. "Sagt das derselbe Mann, der behauptet hat, wir bräuchten auch keinen Fernseher?" Sie deutete zwischen Harm und den Videofilmen, die bereit zum Ansehen neben ihm auf dem Wohnzimmertisch lagen, hin und her.
"*Ein* Fernseher ist ja okay, aber wozu brauchen wir einen *zweiten* Computer?" beharrte Harm.
"Weil unserer total veraltet ist! Der ist nur einen Schritt entfernt vom In-Stein-Meiseln! Komm schon, Harm," bettelte Mac, "das letzte Mal, als du einen Computer gekauft hast, war Bill Gates noch ein kleiner Junge!"
Harm war wild entschlossen, diesmal nicht nachzugeben – schließlich konnte er Mac schlecht verraten, dass er bereits einen Computer als Geburtstagsgeschenk für sie bestellt hatte. Stur verschränkte er die Arme vor der Brust. "Neuer Computer, damit du Cyber-Sex mit irgendwelchen mysteriösen Fremden haben kannst, nnn-nnh!" Er schüttelte energisch den Kopf.
Granny betrat gefolgt von Will das Wohnzimmer. Aufmerksam beäugte sie ihre Enkel. "Stören wir?"
Harm kam langsam der Verdacht, dass sie einen siebten Sinn für alle Gesprächsthemen hatte, die auch nur im Entferntesten mit Fortpflanzung zu tun hatten. "Natürlich nicht, wir wollten es uns gerade mit einem Videofilm bequem machen. Das heißt..." Harm zögerte. "... Will, kann ich dich noch schnell sprechen?"
Will nickte ein wenig überrascht und folgte seinem Stief-Enkel in die Küche hinüber.
Harm setzte sich dem älteren Mann gegenüber an den kleinen Küchentisch. "Ich weiß, es kommt ja eigentlich ein bisschen zu spät...," begann Harm und spielte nervös mit den chinesischen Stäbchen, die auf dem Tisch liegengeblieben waren, "... aber ich dachte, besser spät als nie, also, kurzum, ich wollte mit dir über Mac und mich sprechen."
"Was ist mit dir und Mac?" Die Falten im Gesicht des alten Halb-Cherokee vertieften sich.
"Ja, genau, was ist mit dir und Mac?" echote Mac verschmitzt, während sie den Arm um Harms Hals hakte und auf seinen Schoß glitt. "Hmmm?"
"Mac..." Harms starke Finger drehten sanft Macs Gesicht, bis er ihr in die Augen sehen konnte. "Ich wollte einen Moment mit deinem Großvater sprechen, weil ich das versäumt habe, bevor ich um deine Hand angehalten habe," erklärte er ein wenig verlegen.
Mac streichelte seine Wange. "Harm, das brauchst du doch nicht..."
"Doch, Mac, schließlich nehme ich ihm seine einzige Enkelin."
"Seine einzige Enkelin kommt aber ganz willig zu dir," meinte Mac lächelnd.
Will erhob sich vom Küchentisch und klopfte Harm auf die Schulter. "Da hast du dich ohnehin an die falsche Person gewandt, Harmon."
"Hm?" Harm sah verständnislos zu ihm auf.
"Die Cherokee sind eine matriarchalische Gesellschaft – über solche wichtigen Angelegenheiten entscheiden immer die Frauen," erklärte Will belustigt, "ich empfehle dir also, dich an mein geliebtes Eheweib zu wenden."
Granny nahm mit einem triumphierenden Grinsen auf dem eben von Will aufgegebenen Stuhl Platz. "Du wünschst eine Audienz?" Die weisen blauen Augen funkelten spitzbübisch.
Harm stöhnte innerlich auf, machte aber gute Miene zum bösen Spiel. "Jawohl, Eure Herrlichkeit. Ich würde gerne offiziell um die Hand Eurer Enkelin anhalten." Erwartungsvoll blickte er Granny an.
"Na schön – für eine Mitgift von zwei Kamelen!" verlangte Granny kühn.
Will lachte dröhnend. "Falsches Land, e-li-si, verlang lieber Pferde oder so was."
"Ich könnte einen alten Hund mit Flatulenz und eine kletterverrückte Katze bieten," warf Harm hoffnungsvoll ein.
Granny winkte ab. "Kein Interesse, aber ich würde mich mit eurem Erstgeborenen zufrieden geben," entschied die alte Dame großzügig.
Harm sah ein wenig betreten zwischen Granny und Mac hin und her. "Also, weißt du, mir ist eben eingefallen, wenn ich in den Stamm der Cherokee heirate, dann bin ich nicht mehr für solche wichtigen Entscheidungen zuständig – da musst du schon meine Zukünftige fragen. Nicht wahr, Mac?" Harm grinste, stolz darauf, sich so geschickt aus der Schusslinie manövriert zu haben.
"Oh, nein, macht das mal schön unter euch aus!" Mac flüchtete von Harms Schoß und aus der Küche.
Granny fixierte ihren Enkel mit ihren scharfen blauen Augen. "Harmon, wieso sprichst du sie eigentlich noch immer mit diesem männlich wirkenden Spitznamen an? Meinst du nicht, dass es jetzt, wo sie bald deine Frau wird, so langsam an der Zeit ist, sie Sarah zu nennen? Einen Kumpel, einen Freund, nennt man ‚Mac’, aber doch nicht die Liebe seines Lebens!" rügte sie sanft.
Ruhig erwiderte Harm ihren Blick. "Wir sind immer noch Freunde, Granny," betonte er ernst. "Ja, ich liebe Mac, aber ich respektiere sie auch, als Frau, als Anwältin, als Offizier, als gleichberechtigten Partner und deshalb respektiere ich auch den ersten Wunsch, den sie je an mich gerichtet hat – sie Mac zu nennen."
Lächelnd gab Granny nach. "Na ja, ich schätze, in gewissen Situationen haben kurze Namen so ihre Vorteile," meinte sie mehrdeutig.
"Wer den Film sehen will, sollte jetzt besser aus dieser Stätte der Verschwörung herauskommen!" rief Mac aus dem Wohnzimmer.
Harm nützte die Gelegenheit, um die Flucht zu ergreifen und rettete sich in Macs Arme auf die Couch.
"Was steht denn zur Auswahl?" erkundigte sich Granny, die beiden Videofilme studierend.
"‚Die Hochzeit meines besten Freundes’ und ‚Die Braut, die sich nicht traut’," berichtete Mac, die Fernbedienung bereits in der Hand.
Harm runzelte die Stirn. "Ich dachte, das wäre derselbe Film?"
Mac rollte mit den Augen. "Nein, nur dieselbe Hauptdarstellerin. Hättest du in der Videothek aufgepasst, anstatt mit der Verkäuferin zu flirten, wüsstest du das," meinte sie scherzhaft.
"Ich habe nicht geflirtet!" protestierte Harm sofort. "Ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dir unter keinen Umständen Popcorn zu verkaufen!"
Granny überflog rasch die Texte auf den Videohüllen. "Wir schauen ‚Die Hochzeit meines besten Freundes’," beschloss sie und nahm Mac einfach die Fernbedienung aus der Hand, bevor jemand widersprechen konnte.
"Was? Du wolltest mich um mein Popcorn bringen!" Mac versuchte, Harms kitzelige Stelle zu finden. "Sollte das die Rache dafür sein, dass ich mich für eine romantische Komödie anstatt für ‚Terminator’ entschieden habe?"
"Terminator! Bitte!" Harm schnaubte abfällig. "Ich habe auch eine sensible Seite, ja?"
"Oh, richtig," kommentierte Mac trocken, "und was war dann dieses würgende Geräusch, als wir uns letzte Woche ‚Notting Hill’ angesehen haben, hmmmmm?"
Harm dachte blitzschnell nach. "Das Popcorn! Ja, genau, das Popcorn! Ich hatte ein Popcorn im Hals stecken!"
"Die ganzen zwei Stunden lang? Das muss aber ein wirklich riesiges Popcorn gewesen sein!"
"Hey!" unterbrach Granny streng. "Ihr solltet euch jetzt besser den Film ansehen!"
Mac warf einen Blick zum Fernseher, wo gerade die Namen der an der Produktion des Filmes beteiligten über den Bildschirm rollten. "Den Vorspann müssen wir uns doch nicht unbedingt ansehen, oder? Da ist nicht viel zu sehen, außer ein paar Namen."
"Dann passt besser auf. In nicht allzu ferner Zukunft würdet ihr euch vielleicht wünschen, ihr hättet Namen ein wenig mehr Beachtung geschenkt!" kündigte Granny an. "Es sei denn natürlich, ihr wollt euer Kind ‚Popcorn’ nennen."
2003 Z-Zeit (21:03 Uhr IST / Irish Summer Time)
Cork, Irland
Seit einer Viertel Stunde bummelten sie bereits durch die verwinkelten Gassen von Cork, der Hauptstadt der Grafschaft Cork und drittgrößten Stadt Irlands, und über die unzähligen Brücken, die den Fluss Lee überquerten.
"Oh, nein!" Skates hielt Keeter am Ärmel fest, als er zum wiederholten Mal versuchte, einen der unzähligen Pubs der Stadt anzusteuern. "Wirklich, Keeter! Kaum sind wir in Irland angekommen, schon zieht es dich in die nächstbeste Kneipe!"
"Hm?" Abwesend warf Keeter ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder zum Pub hinübersah.
Skates stemmte die Fäuste in die Hüften. "Sag mal, hast du mir überhaupt zugehört?"
"Wenn ein Mann viel von dem hört, was eine Frau sagt, dann ist die Frau eindeutig nicht schön genug," behauptete Keeter mit einem unwiderstehlichen Grinsen.
"Danke für das Kompliment," beinahe gegen ihren Willen musste Skates lächeln, "ich habe mich nur gerade über deine Wüstenschiff-Tendenzen beschwert – sobald du eine Wasserstelle siehst, rennst du los..."
"Na ja, nach acht laaaangen Stunden in diesem Zivilflugzeug habe ich eben Durst bekommen," erklärte Keeter mit Leidensmiene.
Skates schnaubte skeptisch. "Jetzt tu’ doch nicht so, als ob du nicht die Aufmerksamkeit der blonden Stewardessen in diesem ‚Zivilflugzeug’ genossen hättest! Vielleicht hast du deswegen ja einen so trockenen Mund, hmmm?" neckte sie ihn. "Du kannst dein Stout ja auch haben, aber erst möchte ich etwas zu essen, vorzugsweise in einem romantischen Restaurant, das wir auf die Reiseempfehlungs-Liste für Harm und Mac setzen können."
"Okay, ich frage mal." Keeter wandte sich an einen der Passanten, der wie ein Einheimischer wirkte, und sprach ihn auf Gälisch, der Sprache der Iren, an.
Bewundernd sah Skates zu, wie ihr Begleiter eine fließende Unterhaltung mit dem Iren begann. "Was sagt er?" erkundigte sie sich nach einer Weile ungeduldig. Neugierig sah sie zwischen Keeter und dem Fremden hin und her.
Keeter grinste breit. "Er sagt, er wird uns gerne ein Restaurant empfehlen – aber nur, wenn du ihm deine Telefonnummer gibst."
Skates schlug den Pilot kräftig auf die Schulter. "Das hat er *nicht* gesagt!" Sie zögerte. "Oder?" Sie schielte in Richtung des Iren.
"Nein, hab’ ich nicht," sagte der Passant plötzlich auf Englisch. Er drehte sich wieder zu Keeter um und wechselte ins Gälische: "Würden Sie mir ihre Telefonnummer denn geben, wenn ich fragen würde?"
Skates sah Keeter fragend an, aber er machte keine Anstalten, den Satz für sie zu übersetzen. Sein finsteres Gesicht und seine knappe Antwort ließen jedoch darauf schließen, dass der Ire nichts sonderlich Erfreuliches gesagt hatte.
Keeter führte sie zielstrebig durch den English Market, eine schöne, zweistöckige Markthalle. Die unzähligen Ladenzeilen waren bereits geschlossen, aber in der Mitte der Halle plätscherte noch immer ein Springbrunnen. Auf der anderen Seite des Marktes traten sie in eine schmale Gasse. Keeter deutete auf ein Schild, das ‚Oyster Tavern’ verkündete.
Als sie die Türe öffneten, führte ein Kellner sie sofort zu einem der Tische und brachte die Speisekarten.
Eine halbe Stunde später sah Skates zu, wie Keeter heißhungrig sein Lammkotelett vertilgte, während sie Ziegenkäse im Blätterteigmantel genoss.
"Mmmh, köstlich! Willst du mal versuchen?" Einladend hielt Keeter ihr ein Stückchen Fleisch mit der Gabel vor den Mund.
"Keeter...," murmelte Skates protestierend, ein wenig verlegen über diese ‚intime’ Geste. Kaum hatte sie jedoch den Mund geöffnet, da nutzte Keeter auch schon die Gelegenheit, die Gabel zwischen ihre Lippen zu schieben. "Hmpf!" Skates blieb keine andere Wahl, als gehorsam zu kauen und sie musste zugeben, dass das Fleisch vorzüglich war.
Als der Kellner die leeren Teller abräumte, trat ein Mann, beide Arme voller Blumen, neben ihren Tisch. "Blumen für Ihre Begleiterin?" wandte er sich lächelnd an Keeter.
"Nein, danke," sagte Skates, noch bevor sich Keeter entscheiden konnte. Resolut schob sie den einladend hingehaltenen Strauß zurück.
Der Verkäufer ließ sich nicht beirren. Er nahm ein paar der Blumen aus dem Strauß und reduzierte so den Preis, in dem Glauben, seine potentiellen Kunden so zum Kauf bewegen zu können.
Skates schüttelte abermals den Kopf.
Der Händler setzte einen bettelnden Hundeblick auf. "Ooooh, es wäre doch wirklich jammerschade, wenn eine schöne junge Frau den Rest des Tages ohne diese zauberhaften Blumen verbringen müsste," meinte er geschäftstüchtig.
<Höchste Zeit, einzugreifen,> dachte Keeter, der sich bisher zurückgehalten hatte. Er drückte dem Verkäufer ein paar Münzen in die Hand und zog eine einzelne dunkelrosa Rose aus dem Strauß. "Okay?" Seine grauen Augen blickten zwischen Skates und dem Händler hin und her, bis beide nickten.
Als der Blumenverkäufer sich entfernte, überreichte Keeter seiner Begleiterin die Rose.
"Danke," murmelte Skates, zwischen Ärger, Verlegenheit und Freude schwankend, und senkte den Kopf, um an der Rose zu riechen.
Keeter grinste nur. "Keine Ursache – schließlich sind wir ein frischverheiratetes Paar."
Sie verließen das Restaurant und machten sich auf die Suche nach einer Unterkunft. Schließlich entschieden sie sich für ein kleines, ruhig wirkendes Hotel direkt am Kanal.
Skates, müde vom langen Flug, steuerte geradewegs auf die Rezeption zu. "Wir hätten gerne zwei..."
Keeter trat eilig neben sie. "Was meine Frau sagen möchte ist, wir hätten gerne zwei Gläser Champagner und ein Zimmer. Wir sind auf Hochzeitsreise." Er schlang einen Arm um Skates Hüfte und sah ihr tief in die Augen.
"Meinen Glückwunsch." Der Rezeptionist lächelte höflich und wartete, bis Keeter sie unter ‚Mister & Mrs Keeter’ in das Buch eingetragen hatte, dann überreichte er Keeter einen Schlüssel. "Die Treppe hoch, gleich links."
Missmutig stapfte Skates hinter Keeter die Treppen hinauf. "Musste das sein?" knurrte sie Keeter an, kaum dass die Türe des Hotelzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte.
"Hey, schon vergessen, wir sollen hier die Unterbringung eines frischvermählten Paares auskundschaften. Wie sollen wir das schaffen, wenn wir zwei Einzelzimmer nehmen, hm?" argumentierte Keeter ruhig.
Widerstrebend musste Skates zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. "Na schön, aber das nächste Mal sind wir Mister und Mrs. Hawkes, klar?" Abschätzend musterte sie das kleine, aber gemütliche Zimmer. "Aber wo bitte schön sollen wir schlafen?" Sie wies auf das breite Bett, die einzige Schlafstätte im Raum. "Und jetzt erzähl mir nicht, wir müssten auch die Hochzeitsnacht-Geeignetheit der Matratze testen!"
Keeter lachte. "Hey, den Spruch sollte ich mir für die nächstbeste Blondine merken." Er sah sich im Zimmer um. "Na ja, ich könnte in diesem Plüschsessel da drüben schlafen. Wenn ich den Fußschemel dran schiebe, dürfte es gehen. Also, ab ins Bad, junge Dame. Deine Zu-Bett-Geh-Zeit ist schon lange überschritten!" Streng hob er den Zeigefinger.
Skates kicherte. "Bekomme ich auch eine Gute-Nacht-Geschichte, wenn ich brav bin?" erkundigte sie sich neckisch.
"Mal sehen," meinte Keeter schmunzelnd, während er begann, nach T-Shirt und Boxershorts in seinem Koffer zu suchen.
Zehn Minuten später kam Skates in T-Shirt und knielangen Navy-Baumwoll-Shorts, ein Handtuch um die Schultern geschlungen, aus dem Badezimmer.
Keeter hob die Brauen. "Nicht gerade die sexy Reizwäsche, die ich in unserer Hochzeitsnacht erwartet hatte, Skates," kommentierte er auf dem Weg ins Badezimmer. Mit einem hastigen Sprung rettete er sich ins Bad, als Skates mit dem Handtuch nach ihm schlug.
Keeter schloss die Türe hinter sich, streifte das T-Shirt über den Kopf und öffnete seinen Gürtel. Als er die Knöpfe der Jeans öffnete, fiel sein Blick auf Skates Zahnbürste, die neben seiner im Zahnputzbecher stand. Er verschränkte die Arme und betrachtete die beiden Zahnbürsten. <Ein ungewohnter Anblick. Aber irgendwie... hat er was.>
"Keeter?" rief Skates aus dem Schlafzimmer.
"Ja?" Keeter drehte sich um und machte einen Schritt auf die Türe zu – oder besser gesagt: er wollte einen Schritt machen, hatte aber vergessen, dass seine Hose noch immer um seine Knöchel herum hing. Er stolperte in dem engen Badezimmer und landete unsanft auf den Fließen.
"Willst du ein oder zwei Kissen? Keeter?" kam wieder Skates Stimme, diesmal besorgter. "Alles okay da drin?"
"Ja, ja, alles okay. Ein Kissen reicht." Keeter fluchte unterdrückt, als er versuchte, sich aus der Hose zu befreien und auf die Beine zu kommen. "Super Methode, um eine Frau zu beeindrucken, wirklich, Keeter! Zeig ihr ruhig, dass du dich nicht mal alleine ausziehen kannst!"
"Hast du was gesagt?"
"Nein, nichts." Keeter zog sich rasch um und humpelte zurück ins Zimmer.
Skates war sofort an seiner Seite. "Wie hast du das denn geschafft?" Sie drückte ihn in einen Sessel und begann, vorsichtig das Knie zu betasten.
"Ach, das war ganz leicht," versuchte Keeter, sich in einen Scherz zu retten. "Ich hab’ mir das Knie mal vor ein paar Jahren, als ich mich aus einer F-117 rausschießen musste, zertrümmert; da braucht es nicht viel, um es zum Protestieren zu bringen. Aber wenigstens bin ich diesmal nicht im Krankenhaus gelandet." <Ich hätte keinem Assistenzarzt um Mitternacht erklären wollen, wie es kam, dass ich mir mit meiner eigenen Hose das Knie verletzt habe,> fügte er in Gedanken hinzu.
Fürsorglich lagerte Skates das Bein auf den Fußschemel und holte einen kalten Waschlappen, den sie behutsam auf das Knie presste. Dann deckte sie Keeter zu, kramte in ihrer Reisetasche und schmiss sich schließlich bäuchlings aufs Bett. "Dann will ich ausnahmsweise dir mal eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Also...," Sie schlug das dünne Buch auf, "... eines Tages flog ich nach New York. Unter meinem Flugzeug zog die Erde vorbei. Erst Holland, das lag mit seinen Deichen und Wiesen frisch und grün da wie ein Laubfrosch, der sich gerade geputzt hat. Dann Schottland mit feinen Nebelschleiern, als hätten die Elfen ihre Gewänder beim Spielen in den Bergen liegen gelassen..."
2314 Z-Zeit (19:14 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm lehnte die Schultern gegen die Sofalehne und pflügte mit den Fingern einer Hand sanft durch Macs seidenweiches Haar, während ihr Kopf in seinem Schoß ruhte. "Bereit?" fragte er, mit der freien Hand dramatisch den Fragebogen schüttelnd, den der Pater ihnen geschickt hatte.
"Mm-hm," brummte Mac zustimmend, ohne die Augen zu öffnen.
Harm räusperte sich. "Okay, also, hier steht, dass dieser Fragebogen Paaren im Militär helfen soll, die Stärken und Schwächen ihrer Beziehung auszuloten und sich auf die Ehe vorzubereiten."
Eigentlich hatten sie vorgehabt, heute Abend das zweite Video, ‚Die Braut, die sich nicht traut’, anzusehen, aber da die Kassette plötzlich – zusammen mit Macs Joggingschuhen – auf unerklärliche Weise spurlos verschwunden war, blieb ihnen nichts Anderes übrig, als sich endlich dem Fragebogen zuzuwenden. <Obwohl ich ja immer noch glaube, dass das Verschwinden des Videos so unerklärlich nicht ist...> Harm argwöhnte, dass Granny hatte verhindern wollen, dass Mac sich durch den Film inspirieren ließ und ihn deshalb einfach kurzerhand aus dem Verkehr gezogen hatte. Leider hatte er jedoch keinerlei Beweise für diese Theorie.
Er wandte sich wieder dem Fragebogen zu. "Wir sollen die unklaren Fragen anschließend diskutieren. Der erste Bereich ist die ‚Kommunikation’. Bitte immer die Aussagen ankreuzen, die man nicht mit ja beantworten kann. Also, Frage Nummer eins..." Er unterbrach sich und sah lächelnd auf Mac hinab. Sie sah so zufrieden und entspannt aus, dass er bezweifelte, dass sie sich wirklich aufmerksam auf den Fragebogen konzentrierte. <Na, mal sehen, wie aufmerksam sie wirklich zuhört...>
Er räusperte sich erneut. "Frage eins: Welche der folgenden Dinge sollte man während seiner Hochzeitsnacht zu seinem Partner sagen? A) Hab ich schon erwähnt, dass ich eine Videokamera über dem Bett installiert habe? B) Beeilung, das Hotel kassiert stundenweise. C) Jetzt wo ich das so sehe... lass uns doch lieber das Licht ausschalten. D) Entschuldige, Schatz, ich konnte mir Namen noch nie besonders gut merken. E) Nicht jetzt, Liebling! Ich habe Migräne. Oder F) Ich liebe und begehre dich. Na?" Erwartungsvoll sah er auf Mac hinab.
Mac öffnete die Augen und stemmte sich auf dem Ellenbogen in die Höhe. "Das steht da nie im Leben!" Sie nahm Harm den Fragebogen aus der Hand. "Hier steht: ‚Haben Sie und Ihr Partner jemals darüber gesprochen, ob sie den Militärdienst fortsetzen oder beenden möchten?’!"
Harm grinste. "Oh, dann bin ich vielleicht verrutscht und habe dir versehentlich eine Frage aus Bereich vier vorgelesen," versuchte er, sich herauszureden. Dann wurde er ernst und konzentrierte sich auf die *offizielle* erste Frage. "Nein, ich denke, darüber haben wir noch nie gesprochen. Aber ich glaube, wir haben beide nicht vor, von JAG wegzugehen, oder?"
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Noch eine Kündigung würde der Admiral nicht verkraften." Sie grinste.
"Es sei denn natürlich...," fuhr Harm ernsthaft fort, "... einer von uns beiden wäre... gezwungen, ähm... na ja... vorübergehend den Dienst zu quittieren. Ich meine... aus familiären Gründen..."
Mac brauchte einen Moment, bevor sie verstand, was Harm ihr da sagen wollte. "Oh, du sprichst von Bereich fünf, stimmt’s? Noch so ein Thema, über das wir noch nie gesprochen haben." Sie kuschelte sich dichter an Harm und sah ihm aufmerksam ins Gesicht.
"Vielleicht sollten wir das jetzt mal nachholen," schlug Harm vor. Ein wenig aus der Bahn geworfen sah er auf den Fragebogen hinab, um sich an den Fragen zu orientieren. "Also, Bereich fünf, Frage eins: Haben Sie je darüber gesprochen, wie groß Ihre Familie sein sollte?"
Sie sahen sich in die Augen, sich plötzlich bewusst darüber, dass sie in Begriff waren, zu völlig ‚unbekannten Ufern’ aufzubrechen; etwas zu tun, dass alle ihre beruflichen Abenteuer bei Weitem übertraf. Das hier war keine kurzfristige Beziehung, die zu nichts führen würde und nur sie beide betraf. Das Wort, das er in Macs Ring hatte eingravieren lassen, ging Harm plötzlich durch den Kopf.
"Hm, ich dachte mir... so eine Baseballmannschaft," schlug Harm schließlich lächelnd vor.
"Neun?" Mac starrte ihn mit großen Augen an. "Du willst *neun* Kinder?!"
Harm lachte. "Kleiner Scherz." Beruhigend streichelte er ihre Wange.
"Ich glaube, diese Art von Humor ist nur witzig, wenn man nicht diejenige ist, die stundenlange Wehen aushalten muss!" grummelte Mac gegen Harms Schulter. "Ich hatte da eher an ein oder zwei gedacht."
"Eine perfekte kleine Familie," mit einem zufriedenen Seufzen zog Harm Mac enger an sich, "und wenn wir unseren Zoo, Granny, Will und unsere beiden kindischen Pilotenfreunde mitrechnen, kommen wir doch noch fast auf die Baseballmannschaft."
Mac zog den Fragebogen zwischen ihren gegeneinandergepressten Körpern hervor und suchte auf dem zerknitterten Blatt nach der nächsten Frage. "Sind Sie derselben Meinung darüber, wann Sie Kinder haben möchten?"
"Na ja, wir haben da ja einen Deal geschlossen, weißt du noch? In fünf Jahren, vom Tag von Klein-A.J.s Geburt aus, falls keiner von uns in einer Beziehung steckt, wollten wir uns ein Kind teilen," erinnerte Harm lächelnd.
"Tja, tut mir leid," meinte Mac schmunzelnd, "aber ich bin bereits in einer wuuuundervollen Beziehung und auf keinen Fall würde ich meinen Traummann für irgendeinen windigen Flyboy verlassen, sorry."
Harm versuchte, seinen grinsenden Lippen ein Seufzen abzuringen. "Ein Jammer für sämtliche Flyboys... aber ich schätze, dein Traummann dürfte überglücklich sein." Er studierte Macs Gesicht, fuhr behutsam die manchmal so verletzlich wirkende Linie ihrer Lippen nach. "Was unseren Fünf-Jahres-Deal betrifft... das würde bedeuten, dass wir noch fast drei Jahre warten würden..." Er versuchte, möglichst neutral zu klingen, um Mac nicht in die eine oder andere Richtung zu drängen.
"Zwei Jahre, zehn Monate und drei Tage," korrigierte Mac automatisch.
Harm nickte, ihrer Angabe blind vertrauend. "Und wenn man dann noch die neun Monate abzieht..."
"Zehn," verbesserte Mac schmunzelnd.
"Hä? Hab ich da im Bio-Unterricht was verpasst?"
"Eine Schwangerschaft dauert 40 Wochen, also zehn, nicht nur neun Monate," erklärte Mac geduldig.
Harm versuchte, sein Erstaunen über ihr detailliertes Wissen zu verbergen, indem er begann, die Härchen in Macs Nacken zu kraulen. <Hört sich das nur so an oder hat sie sich wirklich schon mit dem Thema Schwangerschaft auseinandergesetzt? Heißt das, sie will nicht zwei Jahre und... drei Tage warten?> Harm öffnete den Mund, um eine entsprechende Frage an Mac zu richten.
"Okay, ihr zwei, die erste Tagung des Komitees beginnt!" rief Granny fröhlich, während sie und Will eine riesige Schultafel ins Zimmer schleppten.
<Mpff!> Harm verzog das Gesicht. <Wenn Granny wüsste, dass sie gerade mitten in die ‚Urenkel-Planung’ geplatzt ist!>
"Jetzt ist Schluss mit dieser Scarlett-O’Hara-Philosophie! Jetzt wird nichts mehr auf Morgen verschoben! Wir machen *jetzt* eine Liste der Dinge, die noch für die Hochzeit geplant werden müssen," verkündete Granny, in einer Hand ihre Krücke, in der anderen ein Stück Kreide schwingend. In feinsäuberlichen Buchstaben schrieb sie das Wort ‚Trauzeugen’ ganz oben an die Tafel und drehte sich dann erwartungsvoll zu ihren Enkeln um.
"Na ja, da kämen eine Menge Leute in Frage, die eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen...," meinte Harm zögernd, "... Harriet, Bud, Skates, Keeter, der Admiral, Will und du..."
"Oh, nein! Lass mich aus dem Spiel!" Granny fuchtelte energisch mit der Krücke. "Ich möchte mir in aller Ruhe in der ersten Bank die Augen aus dem Kopf weinen vor Rührung, ohne ständig von Fotografen gestört zu werden." Granny malte ein dickes, rotes Fragezeichen hinter ‚Trauzeugen’ und schrieb ‚Brautführer’ an die Tafel.
Wieder antwortete ihr das Schweigen ihrer Enkel.
"Ihr wisst noch nicht, wen ihr als Brautführer wollt?!" Granny raufte sich die silbernen Haare. "In meinem Hochzeitsplanungs-Ratgeber steht, dass man die Trauzeugen und den Brautführer sechs Monate vor der Trauung aussuchen sollte! Sechs Monate und nicht..."
Sie warf Will einen um Hilfe bittenden Blick zu und er beendete den Satz: "... zwei Monate und... Moment, habt ihr überhaupt schon einen Termin?" fiel dem Halb-Cherokee plötzlich ein.
Harm nickte, froh endlich einmal eine positive Antwort geben zu können. "Ja, haben wir. Genau eine Woche vor Macs Geburtstag, am 7. August also. Wir wollten einen so wichtigen Tag nicht mit einem anderen wichtigen Datum teilen," erklärte er mit einem liebevollen Blick zu Mac.
"Okay. Und was ist mit dem Brautkleid? Der Gästeliste? Den Einladungen? Brautstrauß? Blumenkinder? Einer Kutsche oder Limousine? Dem Essen?" rasselte Granny herunter, nur um jedes Mal ein Kopfschütteln als Antwort zu erhalten. "Kinder, Kinder!" Entsetzt schüttelte sie den Kopf. "In meinem Hochzeitsplanungs-Ratgeber steht..."
Harm beugte sich zu Mac hinüber. "Du lenkst sie ab, während ich ihren Koffer durchsuche und diesen Ratgeber konfisziere!" flüsterte er ihr zu.
"Was ist mit dem Pfarrer?" unterbrach Granny das Getuschel, "Ihr habt euch doch schon entschieden, wer euch trauen soll? Oder mit wem habt ihr diesen Termin vereinbart?"
Harm verflocht seine Finger mit Macs und sah auf ihre ineinander verschlungenen Hände hinab.
Granny interpretierte das Zögern als erneute Verneinung ihrer Frage und seufzte. "Ich kann wirklich nicht verstehen, warum ein Paar, das sich so liebt wie ihr und sich so sicher ist, den Richtigen gefunden zu haben, noch immer nicht mit den Vorbereitungen für den schönsten Tag eures Lebens begonnen hat!"
Harm hob den Kopf. "Doch, doch, Granny, wir haben ja einen Pfarrer." Das war der Anfang – und das vorläufige Ende – ihrer Hochzeitsvorbereitungen gewesen.
"Pater Genaro, vom Hospiz des Heiligen Herzens in Fresno, hat eingewilligt, uns zu trauen," fügte Mac leise hinzu.
Harm drückte wortlos ihre Hand.
Schon im März hatten sie voller Vorfreude mit den Hochzeitsvorbereitungen beginnen wollen und sich an Pater Genaro gewandt. Während dieses Gespräches war Harm plötzlich bewusst geworden, dass während der Vorbereitungen einige schwere Entscheidungen auf sie zukommen würden, dass die Hochzeit auch eine Menge schmerzlicher Erinnerungen in Mac und auch in ihm selbst hervorrufen würde – die Abwesenheit von Onkel Matt zum Beispiel, der noch immer im Gefängnis von Leavenworth saß, das Fehlen seines Vaters, Macs erste Ehe, die Entscheidung, ob man Macs Mutter einladen sollte oder nicht... Plötzlich hatte Harms Beschützerinstinkt sich gemeldet und seinen Eifer bezüglich der Hochzeitsvorbereitungen erheblich gedämpft. Außerdem war es soviel einfacher gewesen, ihr Glück ohne all die stressigen Vorbereitungen einfach nur zu genießen.
"Weißt du, Granny," begann Harm vorsichtig, um seine Großmutter nicht zu enttäuschen, "wir dachten, nach allem, was wir in unseren Leben schon so hinter uns haben, sollten wir lieber still und im kleinen Kreis heiraten, anstatt einen riesigen Rummel zu machen."
Granny starrte ihren Enkel entsetzt an. "Oh, nein, ihr zwei seid doch stolz darauf, euch gefunden zu haben, wieso solltet ihr klammheimlich heiraten, als ob eure Beziehung nichts Besonderes wäre?" Eindringlich sah sie zwischen den beiden jüngeren Leuten hin und her. "Harmon, du bist mein einziger Enkel, der letzte Rabb, der unter die Haube kommt. Noch dazu liebe ich deine Zukünftige, als wäre sie mein eigen Fleisch und Blut. Diese Ehe ist mein ganzer Stolz und ich möchte, dass jeder das weiß. Diese Hochzeit soll perfekt sein, absolut perfekt," erklärte sie leidenschaftlich.
Harm lächelte voller Zuneigung. <Eigentlich hat sie ja recht. Diese Hochzeit ist uns beiden zu wichtig, um sie schnell und im Geheimen über die Bühne zu bringen.> "Granny, sie kann nur perfekt werden, denn ich heirate die Frau, die ich liebe. Was könnte schon perfekter sein?"
Gerührt zog Granny ihre beiden Enkel in eine Umarmung.
0815 Z-Zeit (09:15 Uhr IST / Irish Summer Time)
Glengarriff, Halbinsel Beara
Irland
"Seehunde!" jauchzte Skates und lehnte sich begeistert über den Rand des Bootes, in dem sie die Insel Ilnacullin – auch Garinish Island genannt - ansteuerten. Sie griff nach dem Fernglas, das um Keeters Hals baumelte, und strangulierte ihn dabei fast in ihrem Eifer.
Sie ließ ihren Blick zurück wandern zu den weißen Segelbooten im Hafen von Glengarriff, dann vorwärts zu der kleinen Insel, vor der ein Graureiher herumstolzierte und Seehunde sich auf den Felsen sonnten und darauf warteten, dass die Flut ihnen die Fische direkt vor die Schnauzen treiben würde. "Haben die gar keine Angst?" erkundigte sich Skates, auf das Motorboot und dann auf die Seehunde zeigend.
Keeter schüttelte den Kopf. "Nein, sie sind inzwischen an die Boote gewöhnt. Manchmal kommen sie sogar nachsehen, ob man mit den Touristen spielen oder etwas zu fressen bekommen kann. Als ich vor ein paar Jahren mal in der Nähe getaucht bin, hat sich ein Seehund in meine Flossen verbissen und sich einen Spaß daraus gemacht, sich hinterher ziehen zu lassen," erzählte der Pilot lachend.
Das Boot legte auf der Insel an. Staunend wanderte Skates die schmalen Wege entlang, vorbei an Palmen, Azaleen, Rhododendren, Pinien, Baumfarnen und neuseeländischen Kauri-Fichten.
Irgendwo in der Nähe plätscherte Wasser und als sie näher kamen, bemerkte Skates, dass es ein von Steinskulpturen gesäumter Seerosenteich war.
Die subtropischen Pflanzen, die hier in dem milden Klima des Golfstroms blühten, und das kleine griechische Tempelchen in der Nähe wirkten ganz und gar unirisch. Die Insel erinnerte eher an Italien als an das verregnete Irland.
"Ein ehemaliger schottischer Politiker hat vor etwa 100 Jahren Garinish Island gekauft, Erde auf die felsige Insel transportiert und den Garten angelegt," erläuterte Keeter, der bereits früher hier gewesen war.
"Hatte ’nen grünen Daumen, hm?" kommentierte Skates. "Anders als ich. Bei mir geht sogar Gras ein, wenn ich nur in die Nähe komme. Ich hab’s sogar schon geschafft, Plastik-Pflanzen umzubringen." Die Jägerleitoffizierin grinste selbstironisch.
Keeter bückte sich nach einer Blüte und klemmte sie Skates neckisch hinters Ohr. "Na, wenn ich das so höre, dann sollte ich dir zu unserem ersten Rendezvous vielleicht besser einen genügsamen Kaktus mitbringen."
Skates rollte mit den Augen. "Es wird kein Rendezvous zwischen uns geben!"
"Natürlich wird es das, Schatz," neckte Keeter, "Rendezvous gehören zu deinen ehelichen Pflichten als Mrs. Keeter."
Sie stritten sich noch gutmütig über ihre ‚ehelichen Pflichten’, als sie schon längst wieder auf dem Festland waren und in ihrem Mietwagen die Steilküste entlang fuhren. Rechts der schmalen Straße ragten Felswände in die Höhe, während sie links auf das Meer mit seinen Inseln hinabblickten. Die einzigen Lebewesen außer ihnen waren die Schafe, die am Wegrand grasten.
Nach einer Weile ließen sie das Auto zurück und wanderten durch eine Burgruine, die malerisch zwischen Wald, Rhododendronhainen und dem Meer lag. Im seichten Wasser der Bucht lag der Rumpf eines Wracks.
"Wusstest du, dass Dunboy Castle mal dem Clan O’Sullivan gehörte? Jaaaa, ich stamme aus einer ziemlich mächtigen Familie," betonte Keeter, "es würde sich lohnen, da einzuheiraten."
Skates blickte durch die geschwungenen Bögen und die fehlende Decke hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. "Mit einer Ruine als Mitgift?! Nein, danke!" schnaubte sie.
"Hey, so eine Ruine hat auch ihre Vorteile," versicherte Keeter, während sie sich auf den Rückweg machten, " – keine Fahrstühle, das kann ich dir versichern."
Sie fuhren bis Garinish Point, der Spitze der Halbinsel.
"Da drüben ist Dursey Island," kündigte Keeter ihr nächstes Ziel an und deutete auf eine kleine Insel, die keinen halben Kilometer von der wellenumspülten Küste entfernt lag.
Skates sah sich um. "Gibt’s hier eine Fähre oder Boote?"
"Nichts dergleichen. Da kommt unser Taxi!" Keeter deutete auf eine Seilbahnkabine, die sich ihnen langsam von der Insel her näherte.
Skates sah ihn mit großen Augen an. "Das ist nicht dein Ernst?! Ich soll in das Ding da steigen? Diese Seilbahn macht auf den ersten Blick keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck..." Misstrauisch sah sie zu, wie die dunkelblaue Kabine mit rotlackiertem Streifen die Plattform, auf der sie standen, erreichte. "...und auf den zweiten Blick auch nicht."
"Ach, was, Skates. Die Seilbahn ist seit über 30 Jahren in Betrieb, ohne dass je etwas passiert wäre. Komm schon, so schlimm kann es nicht werden," versuchte Keeter sie aufzumuntern. "Ist fast wie ein Sessellift, nicht wie ein Fahrstuhl. Du warst doch bestimmt schon Ski fahren, oder?"
"Ja, aber nur zwei oder drei Mal," murmelte Skates, noch immer die Kabine beäugend, "um ehrlich zu sein, ich bin mehr für Après-Ski. Bei der letzten Abfahrt bin ich mit einem Hasen kollidiert, der ahnungslos über die Piste hoppelte. Ein gebrochenes Bein war das Resultat."
Mitfühlend wanderte Keeters Blick zu Skates schlanken Beinen. "Autsch!"
"Nicht meins, das Bein des Hasen!"
Die Passagiere, die von der Insel zurückkehrten, waren jetzt ausgestiegen und Keeter näherte sich entschlossen der normalen Holztüre, durch die man die Kabine betrat. "Na, komm schon, Skates." Einladend reichte er ihr die Hand.
"Ich sollte das nicht tun, wirklich nicht! Das Ding hat einen roten Streifen – das ist kein gutes Omen!" protestierte Skates halbherzig. "Jeder, der schon mal Star Trek gesehen hat, weiß das!"
Ihre schlanken Finger umklammerten Keeters kräftige Hand, als sich die Kabine leicht schwankend in Bewegung setzte. Unter ihnen schaukelten Felsen und dann das Wasser des Dursey Sound vorbei. In der Kabine roch es ein wenig muffig.
"Kommt daher, dass mit der Seilbahn auch Kühe und Schafe zur Insel rüber transportiert werden," erläuterte Keeter belustigt.
Skates stöhnte. "Erklär mir noch mal, warum ich mich auf diese Reise eingelassen habe."
Keeter grinste. "Weil du meinem Charme und meinem attraktiven Flyboy-Lächeln nicht widerstehen konntest?"
Zehn lange Minuten später hatten sie die 500 Meter bis zur Insel endlich hinter sich gebracht und fanden sich auf einer kleinen Plattform wieder. Zu Skates Belustigung entdeckte sie einen Wegweiser, der die Entfernungen nach Moskau und New York angab.
Sie wanderten den Weg entlang, vorbei an den kleinen Häusern, in denen die zwölf Bewohner der Insel lebten, umrundeten einen Hügel, auf dem ein viereckiger Turm thronte, und kehrten schließlich zur Seilbahn zurück.
"Du schuldest mir was, Jackson Díarmuid Keeter!" sagte Skates, sobald sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
"Ja, ja, ja." Keeter nickte lässig, während er den Mietwagen durch das kleine Städtchen Eyeries mit seinen bunten Häusern steuerte. Die Straße wurde schmäler und immer steiler, verwandelte sich in die Gebirgsstraße, die über den Healy-Pass führte. In steilen Serpentinen wandte sich die Straße über die Caha Mountains.
Überall plätscherten kleine Bäche und Wasserfälle. Über den Bergkämmen hingen dicke Wolken und ein leichter Nieselregen fiel.
Auf der anderen Seite des Passes öffneten sich die Wolken plötzlich und gaben den Blick frei auf den ins Meer führende Kenmore River und Glanmore Lake, ein mit winzigen Inseln bestückter See.
Keeter hielt den Wagen an einer breiteren Stelle der Straße an. "Wie wäre es, wenn ich meine Schulden jetzt sofort begleiche? Mit einem Picknick?" Er blickte hinab ins Tal, wo der große, umwaldete See inmitten einer herrlichen Bergwelt silbrig in der Sonne glitzerte. Auf der einen Seite des Sees ragte ein Steilhang in die Höhe, auf der anderen weideten friedlich Schafe auf grünen Wiesen. "Ich meine, wir sollen ja Irlands romantischste Stellen ausfindig machen, oder nicht?"
Enthusiastisch griff Skates nach dem Picknick-Korb. "Solange dir die Bergluft und die Romantik nicht zu Kopf steigen, gerne," warnte sie ihren Begleiter neckisch.
1210 Z-Zeit (08:10 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Füüüüünf Minuten, Mac! Es ist schließlich Samstag!"
"Das hast du schon vor sechzehn Minuten gesagt, Langschläfer!" Mac versuchte erneut, die Bettdecke zurückzuschlagen, mit dem einzigen Resultat, dass sich die Arme ihres Bettgefährten nur noch enger um sie schlangen und jegliches Entkommen unmöglich machten. <Nicht, dass ich wirklich entkommen möchte...> "Komm schon, sei brav, befolge Hausregel vier und sieben und dann lass mich aufstehen."
Harm befolgte gehorsam Hausregel vier in aller Ausführlichkeit, bevor er sich Hausregel sieben zuwandte. "Mac, ich liebe dich und jede einzelne deiner entzückenden Eigenschaften und ich würde dich sogar noch ein bisschen mehr lieben – wenn man jemanden überhaupt *noch* mehr lieben kann – wenn du noch ein halbes Stündchen hier mit mir liegen bleiben würdest," erklärte Harm listig.
Mac war nicht weniger gewitzt. "Hey, ich dachte, meine Gesundheit wäre dir wichtig?" argumentierte sie und gab vor, ein wenig zu schmollen.
"Das allerwichtigste überhaupt," versicherte Harm, "gerade deshalb sollst du ja liegen bleiben. Kuscheln senkt den Blutdruck und ist gut fürs Herz." Er zog ihren Körper noch enger gegen seinen, so dass nicht einmal ein Atom noch zwischen ihnen Platz gefunden hätte.
Mac versuchte erneut, ihren Arm unter Harms wegzuziehen. "Wenn mein Blutdruck noch tiefer sinkt, falle ich ins Koma!" widersprach sie, aber ihre Befreiungsversuche waren allenfalls halbherzig.
Harm grinste. "Ich kenne da auch Methoden, um den Blutdruck in die Höhe zu treiben." Sanft knabberte er an ihren Ohrläppchen.
"Das hatte ich ja gerade vor, aufstehen und joggen gehen," erklärte Mac, sobald sie wieder klar denken konnte.
"Ich meinte aber, ohne dass du einen Fuß aus dem Bett setzen musst." Unbeirrt fuhr Harm mit seiner Überzeugungstaktik fort. Sanft begannen seine Finger, die Knöpfe ihres Pyjama-Oberteils zu öffnen.
Mac nahm eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. "Ähm, Harm...," sie zog seine Hand von ihrem Pyjama fort und hauchte einen Kuss auf die Handfläche, "...ich glaube, das solltest du lieber lassen; die Kinder schauen zu!" flüsterte sie verschwörerisch.
"Guten Morgen, ihr zwei!" Granny tänzelte gutgelaunt an ihnen vorbei und zog die Rollläden in die Höhe. "Ein wunderschöner Tag, genau richtig!" Sie strahlte mit der Sonne draußen um die Wette.
"Genau richtig für was?" erkundigte sich Harm, während er sorgsam die Bettdecke um Macs leichtbekleideten Körper fest stopfte.
Ohne jede Hemmung ließ Granny sich auf der Bettkante nieder und hüpfte zweimal auf dem Wasserbett auf und ab, als wäre sie nicht über 80, sondern acht Jahre alt. "Na, genau richtig, um das schönste Brautkleid der Welt zu finden! Inklusive der passenden Brautschuhe, natürlich!"
"Natürlich," schnaubte Harm mit sanftem Spott. "Hey, Mac, wusstest du, dass Frauen laut einer Studie durchschnittlich sieben Tage ihres Lebens in diversen Schuhgeschäften verbringen?"
Ungläubig blickte Mac ihn an.
"Bei manchen sind es natürlich auch mehr," fügte Harm hinzu und hauchte ihr neckisch einen Kuss auf die Nasenspitze.
Granny kniff ihren Enkel sanft in die Wange. "Hör nicht auf den unwissenden Burschen neben dir, Sarah."
"Oh, nein, hör bloß nicht auf ihn, schließlich ist er ja auch ‚nur’ dein Bräutigam," spottete Harm, sich die Wange reibend.
Granny ging vergnügt winkend zur Türe. "Du solltest dich beeilen, Sarah. Das Komitee trifft sich in einer Stunde im Einkaufszentrum."
Harm lehnte sich grinsend im Bett zurück, während Mac zum Badezimmer tapste. "Huih!" Er wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn und atmete erleichtert auf. "Zum Glück trage ich meine Uniform!"
1301 Z-Zeit (09:01 Uhr EDT)
Brautmoden ‚Trau dich’
Washington D.C.
"Auf in den Kampf!" Mit Krücke und Handtasche bewaffnet betrat Granny den kleinen Laden, während ihr die beiden jüngeren Frauen etwas zögernder folgten.
Eine elegant gekleidete Verkäuferin war sofort zur Stelle. "Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?" Freundlich lächelnd sah sie von Granny zu Mac und Harriet.
"Wir brauchen ein Brautkleid," erklärte Granny und fügte dann – als gäbe es irgendeinen Zweifel daran – hinzu: "Nicht für mich, für sie." Sie zeigte auf Mac.
Mac gratulierte der Verkäuferin im Stillen zu ihrem Poker-Face. Falls Grannys ungewöhnliches Verhalten sie irritierte, so zeigte sie es nicht.
Die Verkäuferin nickte Mac zu. "Möchten Sie und Ihre..." Zögernd sah sie zu Granny und betitelte sie vorsichtig, "...Brautjungfer.." und dann zu Harriet, "...und Ihre Schwester... sich zunächst alleine ein wenig umsehen?"
Harriet begann zu kichern, während Granny schnaubte und mit ihrer Krücke fast einen Herren-Zylinder zur letzten Ruhe bettete. "Ich hoffe, das *Jung*fer sollte keine Anspielung sein," murmelte sie indigniert.
Energisch nahm Mac ihre beiden Begleiterinnen am Arm und zog sie mit sich. "Ja, danke, ich denke, meine Stief-und-baldige-Schwieger-Großmutter und meine ‚Schwester’ sehen uns erst mal alleine um. Komm schon, Schwesterchen!" Sie ließ die Verkäuferin, die aussah, als wolle sie ihnen vorschlagen, ihre komplizierten Familienverhältnisse in einer Talkshow an zahlendes Publikum zu erklären, hinter sich zurück.
Harriet lachte immer noch. "Wie hat sie nur erraten, dass wir Schwestern sind, Ma’am... Mac? Glauben Sie, es war die ungeheure Familienähnlichkeit?" Schmunzelnd wies sie auf ihre kleinere, blonde Gestalt und deutete dann Macs 1,75m und ihre dunklen Haare an.
"Kommt schon, ihr zwei!" Granny stupste sie mit ihrer Krücke an. "Wir sind hier auf einer Mission, nicht vergessen!" Zielstrebig steuerte sie auf einer Reihe mit weißen Brautkleidern zu.
"Ähmn, Granny..." Mac befingerte den schneeweißen Stoff des Kleides, das Granny ihr hinhielt, "...ich will dir ja nicht deine Illusionen rauben, aber... na ja, ich meine... also, ein *weißes* Kleid ist eigentlich nicht so ganz passend..."
Granny machte eine wegwerfende Bewegung. "Sei nicht so altmodisch, Sarah," befahl die 86jährige, "heutzutage kauft man einfach das, was einem gefällt. Das Weiß würde jedenfalls wunderbar zu meinem Gips passen."
Mac musste lachen. "Aber den hast du bis zur Hochzeit doch sicher weg, oder? Oder meint dein Arzt, das würde länger dauern?"
"Arzt?" Zerstreut sah Granny zwischen einem champagnerfarbenen und einem weißen Brautkleid hin und her. "Ach so, mein Arzt... nein, nein, ich bin sicher, bis dahin bin ich das lästige Ding längst los," versicherte die alte Dame und ging weiter zur nächsten Reihe.
"Was meinen Sie dazu, Ma’am?" Harriet hielt eines der weißen Brautkleider in die Höhe.
"Ich meine, Sie sollten mich endlich Mac nennen... bevor sie noch herausfindet, dass wir keine Schwestern sind," fügte Mac hinzu und deutete unauffällig auf die Verkäuferin, die von ihrem Platz hinter der Kasse her kein Auge von ihnen ließ. Mac ließ den Blick über den feingeschwungenen Ausschnitt gleiten und nickte zustimmend.
Schließlich zog Mac sich in die Umkleidekabine zurück, um mit Harriets Hilfe einige der in die nähere Auswahl genommenen Brautkleider anzuprobieren, während Granny weiterhin auf der Suche nach weiteren Kleidern und den passenden Accessoires durch den Laden humpelte. Als Mac schließlich wieder hinter dem Vorhang hervortrat, wäre Granny fast über ihre eigene Krücke gestolpert. "Um mal Ihren Mann zu zitieren, Harriet: Wow! Sarah, das ist *das* Kleid! Du siehst fantastisch aus!"
Ein wenig skeptisch ließ Mac den Blick über das weiße Kleid wandern. Der feine Stoff reichte bis fast zum Boden, war dafür aber ärmellos und betonte ihre schlanke Taille. Ein filigraner Schleier vervollständigte das Bild. "Meint ihr wirklich?" Das Kleid gefiel ihr, aber sich selbst im Spiegel in diesem weißen Brautkleid zu sehen war dennoch irgendwie seltsam.
"Ja, ich meine!" Granny stampfte zur Bestätigung mit der Krücke auf und traf dabei beinahe ihren aus dem Gips ragenden großen Zeh.
Auch Harriet nickte vehement. "Das Kleid ist einfach perfekt für Sie. ‚Etwas Neues’ hätten wir also," meinte sie zufrieden.
"Und etwas Blaues auch." Demonstrativ ließ Granny ein blaues Strumpfband, das sie irgendwo im Laden gefunden hatte, um den Finger wirbeln. "Jetzt fehlt also nur noch etwas Altes und etwas Geliehenes und Hochzeitsbrauch Nummer vier im Hochzeitsplanungs-Ratgeber wäre erfüllt."
Harriet nestelte kurz in ihrem Nacken herum, dann reichte sie Mac die Kette, die sie eben noch um den Hals getragen hatte. "Voílà, das Geliehene... wenn Sie es wollen, Ma’am... Mac. Ein Familienerbstück, aber falls Sie sie tragen möchten..." Beinahe schüchtern sah der blonde Lieutenant ihre Vorgesetzte an.
Überwältigt sah Mac hinab auf die Kette. Der goldene Anhänger, der daran baumelte, bildete die feinen Blätter einer Rose, deren Blüte von einer weißen Perle gebildet wurde. "Sie ist wunderschön, Harriet, und sehr passend noch dazu, aber ich kann das nicht annehmen. Es ist Ihre Kette, Harriet, und ich möchte nicht, dass Ihre Familie..."
Harriet schnaubte und winkte entschieden ab. "Es ist meine Entscheidung, nicht die meiner Familie," erklärte sie, einmal mehr energisch gegen ihre Mutter standhaltend, "und außerdem sind Sie schließlich meine Schwester." Sie nickte in Richtung der Verkäuferin, die diesem Irrtum unterlegen war, und lächelte, aber sie und Mac wussten beide, dass dies nicht nur als Witz gemeint war. Harriet hatte ihr schon einmal gesagt, dass sie sich eine Schwester wie sie gewünscht hätte.
Sanft schloss Mac die Finger um die metallenen Blätter der Kette. Dankbar drückte sie die Hand ihrer Freundin und Untergebenen. "Ich danke Ihnen, Harriet, und ich verspreche, gut darauf aufzupassen."
Unter Murmeln und Brummen wühlte Granny in ihrer reisetaschengroßen Handtasche. Kurz hielt sie inne und sah auf einen Gegenstand hinab, bevor sie wieder weitersuchte. "Ach, da hatte ich den kussfesten Lippenstift hingetan."
Mac versuchte, einen Blick in Grannys Heiligtum zu werfen. "Wenn zufälligerweise meine Joggingschuhe oder das Video, das wir vermissen, in den unendlichen Weiten deiner Handtasche auftauchen sollten..."
"Aha! Da ist er." Granny zog es vor, Macs Anspielung zu ignorieren und drückte Mac stattdessen einen kleinen Gegenstand in die Hand. "Etwas Altes," verkündete sie. "Hat mir Trish letzte Woche geschickt. Er wird seit mittlerweile vier Generationen in der Rabb-Familie getragen und es ist an der Zeit, dass jetzt du ihn bekommst."
Mac öffnete ihre Finger und sah auf den goldenen Ring in ihrer Hand hinab. Der Ring war schmal und recht einfach, wenn auch elegant, aber Mac begriff, dass es weit mehr als nur ein Schmuckstück war. Es war ein Zeichen, dass sie endlich das hatte, wonach sie sich schon ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte: Eine Familie; Personen, die sie liebten. Sie gehörte zu jemandem.
Granny lächelte, als Mac plötzlich sprachlos war. "Kommt schon, ihr zwei, wir sollten machen, dass wir weiterkommen und dann mal nachsehen, was unsere Göttergatten so ganz ohne uns treiben."
1025 Z-Zeit (11:25 Uhr IST / Irish Summer Time)
Irland
"Fwuih!" Keeter pfiff bewundernd durch die Zähne und sah auf seine Begleiterin hinab. "Ein toller Anblick!"
"Eigentlich müsstest du dich ja jetzt umdrehen oder die Augen schließen," meinte Skates.
Keeters Stirn bildete steile Falten. "Hä? Du willst dich doch hier nicht etwa umziehen, oder?" fragte er, sich an das Ankleide-Ritual erinnernd, das sie heute Morgen in dem kleinen Zimmer in Kenmare durchgeführt hatten.
"Unsinn. Ich rede davon, dass das hier," Skates deutete auf den Aussichtspunkt, auf dem sie standen, von dem aus man einen unglaublich weiten Blick über grüne Hügel, Berge und die drei Seen von Killarney hatte, in deren glatter Oberfläche sich die tiefhängenden Wolken widerspiegelten, "Ladies View heißt – und da du keine Lady bist, darfst du eigentlich auch nicht den Ausblick genießen." Schelmisch grinste sie Keeter an.
Der hochgewachsene Pilot verschränkte die Arme vor der breiten Brust. "Der Aussichtspunkt heißt nur deshalb Ladies View, weil die Hofdamen von Königin Victoria hier angeblich in Begeisterungsschreie ausgebrochen sind. Und außerdem... seit wann sind Jägerleitoffizierinnen denn Ladies?" Seine grauen Augen glitzerten herausfordernd.
"Natürlich sind wir das! Wir sind Flyladies, wusstest du das nicht?" gab Skates neckisch zurück.
Keeter schnaubte und kickte einen Kieselstein von der Aussichtsplattform. "Nur weil du dir die Zehennägel lackierst, bedeutet das noch lange nicht, dass du eine Lady bist."
"Woher willst du denn wissen, ob ich meine Zehennägel lackiere oder nicht?"
"Ich... ich habe... ähm... na ja, während du dich angezogen hast, habe ich zufällig... einen Blick auf deine Füße erhascht," erklärte Keeter und stellte verärgert fest, dass seine Wangen sich röteten. <Jackson D. Keeter, Fliegerheld und Frauenliebling, wird rot bei der bloßen Erwähnung eines hübschen Paares... Füße!> Er schüttelte sich mental.
Skates glaubte ihm kein Wort. "Bemüh dich nicht, Keeter, du hast dich verraten. Wenn ein Kampfpilot wie du beim Umziehen einen Blick auf mich geworfen hätte, dann hätte der ganz sicher nicht meinen Füßen gegolten."
"Hmn-ähm." Keeter räusperte sich unbehaglich und rieb sich den Nacken. "Wie sind wir eigentlich überhaupt auf dieses Thema gekommen?" lenkte er rasch ab.
Sie fuhren weiter entlang der großen Seen von Killarney, bis zum Muckross House, einem elisabethanischen Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert. Eine große Parkanlage umgab das efeuumrankte Haus; kurzgehaltener Rasen und blühende Sträucher wurden von gepflegten Hecken umrahmt. Pferde vor kleinen Kutschen trabten gemächlich durch den Park.
Skates und Keeter setzten ihren Weg fort, vorbei am alten Franziskanerkloster Muckross Abbey. Eine Weile wanderten sie durch den säulengesäumten Kreuzgang, durch schattige Gänge und bogenförmige Tore, bis zu der riesigen, über 550 Jahre alten Eibe im Innenhof.
In ihrem Mietwagen umrundeten sie Lough Leane, den größten der drei Seen, und ließen Ross Castle, die Ruine einer grauen Festung, hinter sich zurück. Bei Kate Kearney’s Cottage, einer ehemaligen Schwarzbrennerei, ließen sie das Auto zurück und mieteten eine der einspännigen Pferdedroschken.
Skates wurde immer wieder gegen Keeters kräftige Schultern geworfen, als die Kutsche durch die wildromantische Schlucht, das Gap of Dunloe, zuckelte, bis Keeter plötzlich einen Arm um sie schlang und sie so stabilisierte. "Nur, damit du nicht aus der Kutsche fällst und ich Granny und Will nachher erklären muss, dass ich dich irgendwo in der Wildnis Irlands verloren habe," erklärte er augenzwinkernd.
Das Pferd stampfte vorwärts über den schmalen Weg, der durch die enge Schlucht führte, zwischen steilen, wolkenverhangenen Felswänden hindurch, vorbei an dichten Wäldern und geröllübersäten Wiesen. Rechts erhoben sich die Macgillycuddys Reeks, die mächtigste Gebirgskette Irlands. Neben dem Weg plätscherte ein kleiner Fluss, der sich an mehreren Stellen zu dunklen Bergseen staute und immer wieder von geschwungenen Steinbrücken überquert wurde.
Skates lehnte sich in Keeters stützende Umarmung, als das Pferd auf dem Weg hinab zum Gearhameen River plötzlich das Tempo beschleunigte. Erst als die Kutsche stoppte, löste sie sich aus ihrem menschlichen Sicherheitsgurt. Am Fluss warteten Boote, die sie über die drei Seen von Killarney ruderten, zurück zu ihrem zurückgelassenen Auto.
Es war bereits früher Abend, als die beiden Irland-Reisenden, endlich müde und hungrig in Killarney, dem touristischen Zentrum der Halbinsel Iveragh, eintrafen und ein Zimmer in einem luxuriösen Hotel gefunden hatten. Unter den unzähligen Pubs und Restaurants der Stadt war es nicht schwer, einen Platz für ihr Abendessen zu finden – sie entschlossen sich, die irische Küche und das Stout im ‚Strawberry Tree’ zu probieren.
Skates saß am Tisch und wartete ungeduldig darauf, dass Keeter endlich mit ihrem Guinness vom Tresen zurückkehrte. Keeter jedoch war in ein Gespräch mit der rothaarigen jungen Frau hinter der Theke vertieft und machte keine Anstalten, seiner wartenden ‚Frau’ ihr Getränk zu bringen. Skates konnte geradezu zusehen, wie der Schaum ihres Stout in sich zusammenfiel. Verärgert sah sie zu, wie Keeter der Irin eines seiner verwegenen Flyboy-Lächeln schenkte und sie sich über den Tresen lehnte, um ihm in die grauen Augen sehen zu können. <Jetzt reicht’s! Was fällt ihr ein...! Hey, langsam, Skates, langsam! Oder bildest du dir jetzt wirklich schon ein, dass ihr hier auf Hochzeitsreise seid?> Sie warf noch einen Blick zum Tresen, wo die junge Rothaarige jetzt lächelnd Keeters Hand berührte.
Skates warf ihre Serviette hin und erhob sich. <Ich will nur mein Bier holen, nichts weiter,> sagte sie sich, <und außerdem muss ich doch rauskriegen, ob das hier ein Pub ist, vor dem ich Mac warnen muss, weil man hier mit verheirateten Männern flirtet!> Sie marschierte schnurstracks zum Tresen und baute sich in bester Kampfpilot-Manier zwischen der Irin und Keeter auf. "Kann ich dich mal einen Moment sprechen, *Liebling*?"
Keeter drehte sich so rasch um, dass er beinahe Skates Stout und seinen Whiskey verschüttete. Er blinzelte einige Male überrascht, bevor ihm wieder einfiel, welche Rolle er hier spielen sollte. "Oh, aber sicher, *Zuckerschnütchen*." Er nutzte die Gelegenheit, seiner angeblichen Ehefrau einen Kuss auf die Wange zu drücken, bevor er ihr zum Tisch folgte, ohne der Rothaarigen auch nur noch einen Blick zu gönnen.
"Was gibt’s, *Schatz*?" Lächelnd schob er Skates ihr Stout hin.
Skates zeigte sich wenig amüsiert. "Jackson Díarmuid Keeter, nur damit wir uns klar verstehen: Du bist hier nicht, um in jedem Nest eine andere Irin zu erobern. Du gibst dich hier als Ehemann aus – als *mein* Ehemann – und du hast dich entsprechend zu verhalten! Oder würdest du deine Ehefrau etwa schon auf der Hochzeitsreise betrügen?" Skates bemerkte plötzlich, wie scharf ihr Tonfall ungewollt geworden war und sie lächelte zaghaft, um ihren Worten die schneidende Schärfe zu nehmen und der ganzen Diskussion einen spielerische Note zu geben.
Keeter kannte sie jedoch inzwischen zu gut, um so einfach darauf hereinzufallen. Im letzten Moment schluckte er die witzige Bemerkung hinunter, die er über sein ‚eheliches Verhalten’ hatte machen wollen. In Skates dunklen Augen schimmerte trotz all des gegenseitigen Neckens ein Ernst, der ihn nachdenklich stimmte. Ganz offensichtlich reagierte sie empfindlich darauf, betrogen zu werden – und sei es auch nur in einer vorgetäuschten Beziehung. <Oh, oh! Hört sich an, als hätte sie nicht gerade die besten Erfahrungen gemacht!>
Keeter wollte sich eben vorsichtig danach erkundigen, als Aislin, die rothaarige Irin, mit ihrem Abendessen an den Tisch trat. Unter Skates wachsamen Blick stellte sie kommentarlos die Teller ab und eilte davon, ohne auch nur einen Blick auf Keeter zu riskieren. Grinsend sah Keeter ihr nach. "Tja, sieht so aus, als hätte sie akzeptiert, dass du mich als dein Territorium markiert hast," kommentierte er neckisch.
Skates sah auf und warf ihm einen einschüchternden Blick zu, aber Keeter konnte mühelos das humorvolle Funkeln ihrer Augen erkennen. "Oh, iss dein Hammelfleisch und sei still, Keeter, bevor ich wirklich noch das Bein an deinem Stuhl hebe!"
1851 Z-Zeit (14:51 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Fotografen, Musiker, Friseure, Priester, Hochzeitstorten-Bäcker, Schuhverkäufer, Juweliere, Floristen, Schneider, Köche, Kutscher – man könnte wirklich meinen, diese Hochzeit sei eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die Granny für die Regierung durchführt und keine Privatfeier!" lamentierte Harm und warf seinem Untergebenen über den Wohnzimmertisch hinweg einen vielsagenden Blick zu. "Langsam kann ich wirklich verstehen, warum Sie mit Harriet nach Las Vegas durchbrennen wollten, um dort heimlich zu heiraten!"
Bud, der ein wenig steif auf der Couch seiner Vorgesetzten saß, blickte alarmiert drein. "Oh, davon würde ich Ihnen abraten, Sir. Das ewige Licht dort kann ziemlich gefährlich sein! Und außerdem würden all die Leute, die so lange auf diese Hochzeit gewartet haben, Ihnen das nie verzeihen!"
Harm lachte. "Schon gut, Bud, das war nur ein Scherz. Mac und ich möchten diesen Tag mit all unseren Freunden und unserer Familie teilen und ihn nicht in der Warteschlange vor einer 30-Sekunden-Hochzeits-Kapelle verbringen," erklärte er beruhigend.
"Ähm, Lieutenant...," Harm betrachtete sein Spiegelbild in der Glasoberfläche des Tisches, während er fieberhaft nach den richtigen Worten suchte, "...Bud... wo wir schon mal ganz alleine hier sind..."
Wie auf ein Stichwort hin, zupfte jemand an seinem Hosenbein. Harm sah hinab in das lächelnde Gesicht seines Patensohnes. "Datze, Onk’l Haaaam?" Fragend sah der Zweijährige zu ihm auf.
"Oh, keine Ahnung, wo Gypsie ist. Sollen wir sie suchen gehen?" Harm erhob sich und hob den vor Freude quietschenden A.J. auf seine Schultern. Er machte sich auf den Weg in die Küche, wo er Gypsie auf dem höchsten der Schränke vermutete, dem kindersichersten Platz im Haus. <Wird wirklich langsam Zeit, dass wir Gypsie an Kinder gewöhnen... und dass Mac und ich unser Kinder-Gespräch zuende führen,> dachte er, während er sanft zwei Kinderhände aus seinem Haar löste.
Bud folgte ihm in die Küche und sie wachten beide darüber, dass A.J. die vom Schrank geholte Katze nicht am Schwanz zog, während er sie übereifrig streichelte.
"Also, Bud, folgendes," versuchte Harm, noch einmal zu beginnen, "Sie wissen, dass der Hochzeitstermin unaufhaltsam näher rückt, nur noch ein paar Wochen und deshalb..."
"... sind Sie nervös," beendete Bud den Satz, "ich verstehe das, Sir." Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er endlich herausfand, was seinen Vorgesetzten plagte.
"Nein, Bud... ich meine, ja, das auch, aber darum geht es nicht..."
Bud hatte seine Worte gar nicht gehört, sondern winkte tolerant ab. "Das hab ich auch durchgemacht, Sir, das schaffen Sie auch. Achten Sie nur darauf, dass Ihr Trauzeuge rechtzeitig seine Galauniform reinigen lässt," riet er mit der Weisheit eines erfahrenen Ex-Bräutigams.
Harm nickte. "Genau darum geht es ja, Bud."
"Sie haben wieder ein Problem mit Ihrer Uniform?" Entsetzt sah Bud ihn an.
"Nicht mit der Uniform, mit dem Trauzeugen, Bud. Mac und ich haben hin und her überlegt, aber es gibt einfach keine Lösung, die allen gerecht werden würde. Sehen Sie, Mac hätte gerne Harriet als ihre Trauzeugin und..."
"Wirklich, Sir?" jauchzte Bud förmlich. Er machte einen begeisterten Schritt vorwärts und wäre um ein Haar – im wahrsten Sinne des Wortes – auf den Katzenschwanz getreten, den sein Sohn die ganze Zeit über brav in Ruhe gelassen hatte. "Oh, das wird Harriet soooo freuen!"
Harm lächelte halbherzig. Nach der Freude, die Bud eben gezeigt hatte, fielen ihm seine nächsten Worte doppelt so schwer. "Na ja, und sehen Sie, Bud, ich kann leider nur einen Trauzeugen bestimmen und da ist mein alter Freund Keeter und da sind Sie und..."
"Oh, Sir, machen Sie sich keine Sorgen, ich würde nie erwarten, dass Sie mich zu Ihrem Trauzeugen machen," versicherte Bud mit großen Augen. "Fühlen Sie sich zu nichts verpflichtet, nur weil Sie unser Trauzeuge waren." Aufrichtig sah er seinem Vorgesetzten in die Augen.
"Das ist es ja gerade, Bud. Sie sind zu bescheiden und zu freundlich, um irgendetwas von anderen zu erwarten – und gerade deswegen hätten Sie es verdient. Sie und Harriet haben im Laufe der Jahre so viel für uns getan; Sie sind mehr als nur unsere Kollegen und ich hätte Sie an diesem Tag wirklich gerne an meiner Seite gehabt, Bud, aber Keeter und ich sind seit fast 20 Jahren Freunde und ich hätte gerne, dass diese Freundschaft nicht mit meiner Junggesellenzeit vorbei ist," erklärte Harm und war erleichtert, nichts als Verständnis in Buds Augen zu lesen. "Granny hat natürlich sofort den Kompromiss vorgeschlagen, dass Sie dafür der Taufpate des ersten Kindes werden dürfen," er zwinkerte Bud zu, "aber bevor es soweit ist, habe ich noch ein anderes Amt für Sie: Wir brauchen noch einen fähigen Offizier, der die Ehrengarde während unserer Hochzeit anführt."
Buds Augen glänzten, aber dann fiel ihm etwas ein. "Aber, Sir... dazu fehlt mir eine Kleinigkeit." Er zupfte am Kragen seines Jeanshemdes, wo sich sein Rangabzeichen befunden hätte, wäre er in Uniform gewesen.
"Waaaas? Ihre Uniform ist in der Reinigung verschollen?!" Harm gab sich entsetzt.
"Nein, nein, ich meine, ich müsste mindestens ein Lieutenant Commander sein, um der Ehrengarde angehören zu dürfen, Sir," meinte Bud bedauernd.
Harm grinste überlegen. "Oder die Sondergenehmigung eines Admirals haben."
Bud nickte. "Oder die Sondergenehmigung eines Admirals haben," wiederholte er bestätigend. Dann begriff er und seine Augen weiteten sich. "Sie meinen, Sie haben..."
"Ich habe," bestätigte Harm amüsiert. "Und, Bud, noch eines: Schlagen Sie nicht zu hart zu, ja?"
1310 Z-Zeit (14:10 Uhr IST)
Kilkee, Irland
"Wer zuerst am Wasser ist, hat gewonnen! Los!" Skates gab den imaginären Startschuss, kaum dass sie einen Fuß aus dem Auto hatte, ohne ihrem Begleiter die Chance zum Antworten zu geben. Laut hallten ihre Schritte auf dem Holzplankensteg wider. Im Laufen schlüpfte sie aus dem T-Shirt, so dass ihr hellblauer Badeanzug zum Vorschein kam.
Keeter ließ die Picknick-Tasche fallen und raste los. Zwei Meter vom Ufer entfernt holte er Skates ein, packte sie um die Hüften und warf sie sich über die Schulter. "Sagtest du nicht eben, du wolltest zuerst im Wasser sein?" erkundigte er sich, während er mit seiner zappelnden Fracht ins Wasser watete.
"*Am* Wasser, ich sagte, *am* Wasser, nicht *im*!" Skates Proteste verstummten, als sie gnadenlos ins Wasser geworfen wurde. Gurgelnd tauchte sie wieder auf. Als sie sich die nassen Haare aus den Augen strich, sah sie sich einem selbstzufrieden grinsenden Keeter gegenüber.
"Hups! Sollte ich da was missverstanden haben? Du wolltest nicht zuerst *im* Wasser sein?" Keeter blinzelte unschuldig. "Auch nicht *unter* Wass..." Ein Schwung salzigen Meerwassers traf ihn plötzlich im Gesicht und der Rest von Keeters Satz ging in wildem Husten unter, als er sich daran verschluckte.
Mit zunehmender Besorgnis sah Skates zu, wie Keeters Gesicht sich hummer-rot färbte, während er hilflos um Atem rang. "Oh, Mist, Keeter, das wollte ich nicht!" Alarmiert trat sie näher und begann, mit einer Hand beruhigende Kreise über die nackte Haut seines Rückens zu ziehen.
"Schon gut." Keuchend stützte Keeter sich auf ihre Schultern, während er sich langsam von dem brennenden Salzwasser in seiner Luftröhre erholte. "Ich glaube dir, dass du nicht vor hattest, so früh schon Witwe zu werden. Schließlich hast du mich wegen meines Charmes und nicht wegen meiner fetten Lebensversicherung geheiratet, nicht wahr, Schatz?" Noch immer ein wenig atemlos grinste er sie an.
"Bring mich nicht auf dumme Gedanken," warnte Skates lächelnd.
Keeter gab sich entsetzt. "Du meinst, du bist doch nur hinter meinem dicken Bankkonto her, du kleiner Goldgräber?"
"Ich sage kein Wort ohne meinen Anwalt!" Skates verschränkte die schlanken, sonnengebräunten Arme vor der Brust und Keeter konnte nicht anders, als die glatte Haut zu bewundern.
"Der ist in Washington DC und außerdem bezweifle ich, dass er dir helfen würde – schließlich darf er es sich nicht mit mir verscherzen, wenn er möchte, dass sein Trauzeuge nicht plötzlich einen Alzheimer-Anfall hat und den Hochzeitstermin vergisst," spottete Keeter überlegen. Er sah sich um und deutete auf ein flaches, turnhallenähnliches Gebäude, neben dem mehrere Boote am Anlegesteg dümpelten. "Wie wäre es, wenn wir ein bisschen schnorcheln? Ich kenne den Besitzer des Wassersport- und Tauchzentrums da hinten."
Sie schlenderten über den Holzsteg zu dem Gebäude hinüber, in dessen Schatten ein Mann in einem Liegestuhl lag.
"Na, so hab ich mir das vorgestellt! Ist das etwa die harte Arbeit, von der du immer in deinen Postkarten schreibst, hm? Den ganzen Tag faul alle Viere von sich strecken!" Keeter stupste den Mann lachend mit dem Fuß an. "Malachy, Kumpel, du wirst alt!"
Der Fremde öffnete die Augen und blinzelte überrascht, als er Keeter sah. Dann sprang er erfreut auf, ohne darauf zu achten, dass der Liegestuhl gegen die Hauswand krachte, und klopfte Keeter begeistert auf die Schultern. "Was heißt hier, ich werde alt?! Pass lieber auf, was du sagst, Keeter, ich habe immer noch Kontakt zu einer deiner Ex-Flammen in Chicago und es wäre doch wirklich bedauerlich, wenn mir *aus Versehen* herausrutschen würde, dass du doch nicht Priester geworden und nach Südafrika gezogen bist, oder?"
Keeter stöhnte. "Komm schon, was hätte ich denn auch zu ihr sagen sollen? Sie wurde plötzlich ganz ernst und sprach vom Zusammenziehen, aber wir passten nun mal nicht zusammen – nicht für den Rest unseres Lebens, jedenfalls." Er schielte zu Skates hinüber, die das Gespräch schweigend mitanhörte. "Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, Skates. Männer wie ich sind beliebt bei den Frauen, wir wachsen nun mal nicht auf Bäumen!"
"Weiß ich, ihr schwingt euch von Ast zu Ast," gab Skates trocken zurück.
Keeters irischer Bekannter lachte und boxte Keeter auf die Schulter. "Endlich mal eine Frau, die Jackson Keeter in seine Schranken weist! Lady, Sie haben keine Ahnung, wie lange ich darauf gewartet habe, jemanden wie Sie kennen zu lernen!" Begeistert schüttelte er Skates Hand.
Keeter verlagerte unbehaglich sein Gewicht vom einen Fuß auf den anderen. "Hör mal, Malachy, ich würde mich ja gerne noch weiter von dir blamieren lassen, aber wir wollten eigentlich tauchen gehen und ich habe mich gefragt, ob du nicht ein Boot für deinen alten Kumpel und die Amazone da hast."
Eine halbe Stunde später waren sie unterwegs in einem weißen Motorboot, immer an der Küste entlang. Keeter stand breitbeinig am Steuer, mit windzerzausten Haaren und blitzenden grauen Augen. Skates fand, dass er wie ein echter Seebär aussah. Überrascht stellte sie fest, dass sie ihn am liebsten voller Dankbarkeit umarmt hätte. Sie wusste, dass sie ohne ihn Irland niemals auf diese Weise kennen gelernt hätte.
Keeter streckte die Hand aus und deutete Richtung Bug. "Da vorne, am Ende der Moore Bay, da liegen sie, die Diamond Rocks," rief er gegen den Fahrtwind an.
Skates konnte unschwer erkennen, wie der Ort zu seinem Namen gekommen war. Die Felsen, die aus dem Wasser ragten, mussten wohl Quarz enthalten und daher glitzerten sie in der Sonne wie ein Diamant.
Keeter warf ein Stück entfernt den Anker aus und holte Schnorchel, Taucherbrille und Flossen, die sie sich im Tauchzentrum ausgesucht hatten. Er bedeutete Skates, erst die kleine Leiter hinab ins Wasser zu steigen, bevor sie die Flossen anzog.
"Die irische Küste ist eigentlich ideal zum Tauchen. Die Sichtweiten hier sind fantastisch und es gibt einiges zu sehen da unten," erklärte Keeter, während er neben Skates Wasser trat und seine Tauchmaske adjustierte.
Skates setzte ihre Taucherbrille auf, schob das orangefarbene Mundstück ihres Schnorchels zwischen die Zähne und schwamm los. Sie hatte schon ein paar Mal geschnorchelt und wie bei der letzten Gelegenheit genoss sie das Erlebnis. Schon nach wenigen Metern war sie umgeben von einem Schwarm kleiner Fische. Unter ihr bogen sich Kelpwälder und Rotalgen in der Dünung. Skates holte tief Luft und tauchte hinab, so tief sie konnte. Sie bewunderte einen gelben Fisch, der sie anstarrte, bevor er rasch im Kelp verschwand.
Das Wasser wechselte von kristallklar zu einer dunkleren Farbe, als sie tiefer sank. Ein Schatten fiel über sie und als sie aufsah, erkannte sie sofort die Silhouette ihres Tauchpartners, der über ihr im Wasser trieb und sie fürsorglich nicht aus den Augen ließ.
Skates lächelte ihm um das Mundstück des Schnorchels herum zu, bevor sie endlich auf das warnende Brennen ihres Lungen hörte und mit ein paar schnellen Flossenbewegungen an die Wasseroberfläche schoss. Ein kräftiges Ausatmen ließ das Wasser aus ihrem Schnorchel schießen, so dass sie wieder atmen konnte.
Keeter tauchte neben ihr auf und hielt sich an der Ankerkette fest. "Na, macht’s Spaß?" erkundigte er sich, die Taucherbrille auf die Stirn schiebend.
"Und wie!" Skates dunkle Augen glänzten. "Ich wünschte nur, ich könnte meinen Atem länger anhalten und tiefer hinabtauchen. Die vielen Farben und Lebewesen da unten sind unglaublich!"
Keeter rieb sich das Kinn. "Hmmm, tja, wir könnten..." Er zögerte, denn er wusste, dass es eigentlich nicht sonderlich klug war, einen Anfänger gleich mit hinab zu nehmen, aber er wollte Skates diese Freude gerne machen. "Im Boot sind Pressluftflaschen, wir könnten einen kurzen Tauchgang machen. Hier ist es nicht sehr tief. Auf etwa acht Metern Tiefe ist da unten ein Riff, aber jenseits des Riffs fällt der Meeresboden auf 40 Meter ab, halt dich also auf alle Fälle dicht neben mir, okay? So tief solltest du erst tauchen, wenn du nicht mehr so nass hinter den Ohren bist." Er kletterte zurück ins Boot, um die Ausrüstung zu überprüfen.
"Ich dachte, beim Tauchen ginge es gerade darum, nass hinter den Ohren – und allen anderen Körperteilen – zu werden?" warf Skates neckisch ein. Sie schwamm hinüber zur Ankerkette und hielt sich daran fest, während sie wartete.
Keeter lehnte sich über den Rand des Bootes. "Wir werden ja gleich sehen, wer hier wen nass macht. Hier, zieh das an." Er reichte ihr eine Weste, an deren Rückseite die Druckluftflasche befestigt war.
"Oh, pinkfarben, wie modisch! Ich hoffe, ich verscheuche damit nicht jeden Fisch im Umkreis von einer Seemeile! Wie heißt das Ding überhaupt?" erkundigte sich Skates, während sie die Verschlüsse an Bauch und Brust schloss. Sie bewegte die Schultern, um sich an das Gewicht auf ihrem Rücken zu gewöhnen.
"Das ist ein Stabilizing-Jacket," erklärte Keeter geduldig.
Skates grinste. "Ein Jacket? Schönmachen für die Fische?" scherzte sie, um ihre Aufregung zu verbergen.
Sie hörte ein Platschen, als Keeter hinter ihr ins Wasser sprang. Er hielt ihr ein rundes Objekt mit einem Mundstück hin. "Das ist der Regulator," sagte er dicht neben Skates Ohr, "du schiebst ihn zwischen die Zähne und atmest ganz normal, ja? Probier das schon mal, während ich meine Ausrüstung hole."
"Ofwey." Skates nickte mit dem Regulator im Mund.
Kurz darauf war Keeter wieder bei ihr. Skates hielt überrascht den Atem an, als sich zwei starke Arme plötzlich um ihre Hüfte schlangen. "Der Bleigürtel," erläuterte Keeter, während er den Verschluss festzurrte. "Du brauchst ihn, um den Auftrieb deines Körpers und des Jackets auszugleichen." Er schloss seinen eigenen Bleigürtel und zog die Maske über die Nase. "Tu einfach, was ich tue und bleib dicht bei mir, okay? Lass die Ankerkette los und lass dich einfach sinken." Mit einem letzten Blick auf Skates tauchte er ab.
Skates folgte ihm sofort, entschlossen, ihren ‚Tauchlehrer’ nicht aus den Augen zu verlieren. Mit leichten Flossenschlägen tauchte sie hinab. Kleine Luftbläschen stiegen aus dem Regulator nach oben. Skates Blick folgte ihnen; irgendwo über sich konnte sie den Rumpf ihres Bootes ausmachen. Um sie herum wurde das Licht der Sonnenstrahlen im Wasser immer dunkler, während sie dem Boden des Riffs immer näher kam.
Keeter ließ sich neben ihr treiben und formte seine Finger zu einem Kreis, der das Okay-Zeichen darstellte. Dann hob er fragend die Brauen unter seiner Tauchmaske.
Skates nickte so enthusiastisch, dass sie fast ihren Regulator verloren hätte, dann beschränkte sie sich darauf, das Okay-Handzeichen zu wiederholen.
Keeter nickte beruhigt und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er führte sie durch einen Schwarm kleiner Fische, deren Körper leicht wie Schmetterlinge ihre Haut berührten. Ein winziger, roter Fisch flitzte im Zick-Zack-Kurs an Skates vorbei, dicht gefolgt von einem größeren, schwarzen Fisch.
Die Tangwälder lichteten sich nach den ersten Metern und wurden schließlich durch gelbliche, korallenbewachsene Felswände ersetzt. Hier trafen sie eine üppigere Pflanzen- und Tierwelt in auffälligen Farben an: pinkfarbene Seesterne, rosa Schwämme und bunte Seeanemonen belagerten dicht nebeneinander das Riff.
Keeter, der immer wieder zu Skates zurücksah, deutete nach unten, um sie auf etwas aufmerksam zu machen. Ein Hummer bewegte sich unter ihnen langsam über den Boden.
Skates verlor das Zeitgefühl, während Keeter sie langsam entlang des Riffes führte und sie dabei auf Dinge aufmerksam machte, die sie auf keinen Fall berühren durfte. Schließlich tauchten sie langsam wieder nach oben und brachen dicht neben dem Boot durch die Wasseroberfläche.
Skates spuckte sofort ihren Regulator aus. "Wow, das war... einfach fantastisch!" platzte es sofort begeistert aus ihr heraus. "Hast du diese silbernen Fische gesehen? Wie nahe die mich herangelassen haben? Und dann diese pinkfarbenen Dinger... was war das überhaupt? Und dieser Hummer..."
"Okay, okay!" Keeter hob lachend eine Hand. "Lass uns erst mal an Bord gehen und dann können wir darüber reden," bremste er sanft Skates Enthusiasmus. Er half Skates, das Jacket mit der Pressluftflasche abzunehmen und auf das Boot zurück zu klettern.
"Und? Mir schien, du bist ziemlich gut zurechtgekommen, oder?" erkundigte sich Keeter schließlich, als sie auf dem schmalen Deck saßen.
"Ja, nachdem ich mich erst mal an das Atmen durch den Regulator gewöhnt hatte. Dieses Gummi-Mundstück war wirklich mein größtes Problem. Die Luft aus den Flaschen ist irgendwie so... trocken, ich bin wirklich durstig geworden." Skates lachte, noch immer völlig überwältigt von ihrem Unterwasser-Erlebnis. "Seltsam, oder? Umgeben von nichts als Wasser und mein größtes Problem war, wo ich etwas zu trinken her bekomme."
Keeter reichte ihr lächelnd eine Mineralwasserflasche. "Wenn es dir so gefallen hat, solltest du dir vielleicht überlegen, einen Kurs zu belegen und die Lizenz zu machen. Und ich sollte mir vielleicht überlegen, dich in Zukunft Nixe statt Amazone zu nennen."
1548 Z-Zeit (11:48 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm streckte seine 1,94m, als er aus seinem Schreibtischsessel aufstand und den Computer ausschaltete. Er betrat das Großraumbüro und schlenderte hinüber zu Macs Büro. Die Türe war geschlossen und die Jalousien waren halb unten, was zu dieser Zeit des Tages ungewöhnlich für Mac war. Durch die Ritzen der Jalousie sah er Mac, die vor ihrem Schreibtisch auf und ab tigerte und dabei einen eindringlichen Blick auf ihr Marine-Corps-Poster gerichtet hielt.
<Sie übt ihr Schlussplädoyer!> erkannte Harm nach ein paar Sekunden und blieb stehen, um das Schauspiel zu genießen. Er sah Mac gerne zu und viel zu selten erlebte er sie in ihrem Element, im Gerichtssaal – außer, er war ihr Gegner vor Gericht und dann hatte er nicht die Gelegenheit, ihr Mienenspiel zu beobachten, den intensiven Blickkontakt, den sie mit ihrem Gegenüber aufnahm, zu bewundern und ihre scharfsinnigen Argumente zu genießen.
Mac blieb in der Mitte des Büros stehen. Ihre Schultern standen unter Spannung, eine winzige Falte bildete sich über ihrer Nasenwurzel und ihre Lippe musste einer heftigen Kauattacke standhalten.
<Oh, oh!> Ohne anzuklopfen schlüpfte Harms ins Büro und umarmte sie wortlos.
Mac atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Die Falte auf ihrer Stirn hatte sich geglättet, als sie schließlich einen Schritt zurück trat. "Woher wusstest du, dass ich das jetzt dringend brauche?"
"Ich konnte dein Zähneknirschen bis in mein Büro hören," behauptete Harm. Aufmunternd lächelte er auf sie hinab. "Nein, im Ernst, ich weiß, wie stressig und belastend dieser Fall für dich war und wie viel Arbeit du in das Schlussplädoyer gesteckt hast."
Mac nickte und sah auf ihre Hände hinab. "Nur noch eine halbe Stunde, bis sich herausstellt, ob sich all die Arbeit, die Bud und ich da rein gesteckt haben, auch gelohnt hat. Ich hab ein bisschen feuchte Hände, wenn ich da dran denke," gestand sie leise. Dann hob sie den Blick und sah ihm offen in die Augen.
Harm erkannte mit plötzlicher Klarheit, wie privilegiert er sich fühlen durfte. Nicht viele Leute konnten von sich sagen, dass Sarah MacKenzie, der toughe Marine, die kontrollierte Top-Anwältin, sich ihnen gegenüber je von ihrer verletzlichen Seite gezeigt hatte.
"Du bist nicht zufällig für ein kurzes Lunch frei und kannst das Plädoyer noch mal mit mir durchgehen?" Mit einem beinahe schüchtern-verlegenen Lächeln sah Mac zu ihm auf.
Harm stöhnte innerlich auf. Er ergriff Macs Hand und rieb mit dem Daumen über ihren Handrücken. "Oh, Mac, tut mir leid, aber ich hab doch heute den Termin mit dem Floristen, um den Brautstrauß und den Blumenschmuck für die Kirche auszusuchen. Wenn ich den Termin absage, lässt mich Granny kielholen." Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es längst Zeit war, aufzubrechen. "Aber falls ich noch rechtzeitig zurück bin, komme ich, um mir die Verhandlung anzusehen, versprochen. Und wenn Phil Morris oder Mattoni dir das Leben schwer machen, dann Gnade ihnen Gott!" drohte er scherzhaft, Admiral Chegwiddens grollendstes Knurren imitierend.
"Ich bin sicher, dass Richter Morris weitere gewaltsame Demonstrationen in seinem Gerichtssaal nicht gerade schätzen würde, du Unruhestifter!" meinte Mac mit einem liebevollen Lachen.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust und setzte seine arroganteste Flyboy-Miene auf. "Hey, so sind wir Ex-Piloten nun mal... tough, wild, unbarmherzig, fies und gemein."
"Unbarmherzig und gemein," wiederholte Mac nickend, "ich werde versuchen, das im Kopf zu behalten, wenn ich das nächste Mal eine Rose auf meinem Schreibtisch finde." Sie deutete auf die einzelne rote Rose, die in einer schmalen Vase neben ihrem Computerbildschirm stand.
"Natürlich bin ich tough und gemein," beharrte Harm, sein Image verteidigend, "immerhin hab ich die Dornen dran gelassen."
"Hast du nicht!" Mac streckte die Hand aus und fuhr den Stiel der Rose entlang. "Glatt wie ein Piloten-Popo," erklärte sie grinsend, "aber jetzt gehst du besser, du bist schon acht Minuten und vierzehn Sekunden zu spät dran." Sie hauchte einen sanften Kuss auf seine Wange und schob Harm zur Türe hinaus.
Wie prophezeit kam Harm acht Minuten zu spät, aber sein offensichtliches Interesse für die Pflanzen besänftigte den Floristen. "Sie haben ja keine Ahnung, wie viel Bräutigame hier reinkommen, die nur zweierlei Dinge wollen: Erstens, *irgendeinen* Strauß, der zum Brautkleid ihrer Zukünftigen passt – und da sie nicht wissen, wie das Kleid aussieht, hilft mir der Hinweis natürlich wenig – und zweitens, möglichst pünktlich vor dem Beginn des Baseballspiels hier raus zu kommen."
Harm lachte. "Keine Sorge, Mac – meine ‚Zukünftige’ – ist der größere Baseball-Fan von uns beiden und ich will mehr als nur *irgendeinen* Strauß," versicherte er dem Floristen. "Ich will auch ein bisschen Symbolik. Ich dachte an so was wie rote Rosen, weiße Lilien und ein wenig Efeu drum herum."
Der Florist war begeistert. "Oh, eine perfekte Wahl! Ich sehe, Sie kennen sich aus, Mister Rabb!"
Harm nickte lässig. Nie im Leben hätte er zugegeben, dass er heimlich Grannys Hochzeitsplanungsratgeber stibitzt und durchgelesen hatte.
Nach einer Reihe weiterer Vereinbarungen machte sich Harm zurück auf den Weg zum Hauptquartier. Als er mit schnellen Schritten den Gang hinabging, öffneten sich die Türflügel des Gerichtssaals und die ersten Zuschauer strömten aus dem Saal. Erstaunt warf Harm einen Blick auf die Uhr. <Das ist aber schnell gegangen!> Er hoffte, dass dies ein gutes Zeichen für Macs Seite war. Schnell trat er ein.
"Commander!" Harriet, die unter den Zuschauern gewesen war, winkte Harm zu sich hinüber. "Nicht schuldig! Sie haben gewonnen!" jubelte sie. Stolz auf Bud, der mit Mac an diesem Fall gearbeitet hatte, glänzte in ihren Augen.
Harm lächelte erleichtert. "Ich habe nichts anderes erwartet," erklärte er zuversichtlich. Sein Blick glitt suchend über die Ansammlung von Menschen, die sich um die Bank der Verteidigung geschart hatte, und fand zielsicher Macs braunen Haarschopf.
Als spüre sie seinen Blick, sah Mac plötzlich auf. Quer durch den Saal sahen sie sich in die Augen. Harm grinste und machte ein schnelles Handzeichen, das Mac ohne zu zögern erwiderte.
Neugierig trat Harriet neben ihn. "Steckt da irgendetwas dahinter, Sir?" erkundigte sie sich interessiert.
Harm blinzelte ein wenig überrascht, als sie ihn ansprach, so als hätte er für einige Sekunden vergessen, dass er und Mac sich nicht allein im Saal befanden. "Ähmn... das ist nur... es bedeutet einfach nur ‚Ich liebe dich’," gestand Harm mit einem Anflug von Röte in den Wangen und fügte, um über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen, scherzend hinzu: "Wir haben auch ein Zeichen für ‚Bring mir bitte einen Beltway Burger mit Ketchup mit, bitte’."
Harriet schmunzelte und legte ihm für einen Moment die Hand auf den Arm. "Sir, das ist wirklich wunderbar," seufzte sie mit einem verklärten Lächeln.
"Ha! Für Burger King vielleicht!" schnaubte er, obwohl er genau wusste, was Harriet meinte.
Mac tauchte neben ihnen auf. "Hi," begrüßte sie Harm lächelnd. Der einfache Gruß sagte alles: Ich liebe dich, ich hab dich vermisst, oh man, tut das gut, dich zu sehen. "Hab ich da eben was von Burger King gehört?" fragte die siegreiche Anwältin strahlend.
1523 Z-Zeit (16:23 Uhr IST / Irish Summer Time)
Südlich von Doolin,
Irland
"Ich dachte, wir besuchen die ‘Cliffs of Moher’ und nicht einen Jahrmarkt?" rief Skates gegen das Tosen des Meeres, das Kreischen der Seevögel und die irische Folk-Musik an, während sie einem Fußweg zu den Klippen folgten. Der Pfad war gesäumt von Andenkenständen, Imbissbuden, Musikanten und einem Strom von Touristen.
"Abwarten," meinte Keeter nur. Als er sie abseits des Weges führte, hin zum Rand der Klippen, waren es immer weniger Touristen, die sich so weit vorwagten wie die beiden Piloten.
Langsam näherten sie sich der Kante der Felsklippen, die bis zu 200m steil zum Meer hin abfielen. Vertrauensvoll folgte Skates Keeter und ließ sich am Rand der Klippen flach auf dem Bauch nieder. Vorsichtig schielte sie die senkrecht abfallenden Klippen hinab. Ihr Gesicht und ihre Hände wurden feucht von der Gischt der Wellen, die der Wind bis nach oben trieb. Auf den Felsen unter ihnen tummelten sich Möwen, Dohlen und irgendwo hörte man den Ruf eines Wanderfalken. In der Ferne sah man die Aran Islands und dahinter verwischte sich die Grenze zwischen Atlantik und den darüber hängenden Regenwolken.
Nach einer Weile erhoben sie sich und wanderten die Klippen entlang nach Norden, wo sie ihr Auto zurückgelassen hatten. Skates genoss die friedliche Atmosphäre und das Gefühl von Freiheit, das das Tosen des Meeres und der Wind in ihrem Haar ihr vermittelten. Nach ein paar Metern begann sie, den nächstbesten Schlager, der ihr einfiel, zu singen. "Komm schon, Keeter, sing mit!" rief sie gutgelaunt ihrem Begleiter zu.
Keeter warf ihr einen skeptischen Blick zu. "Skates, ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich nicht singen kann. Ich kann keinen einzigen Ton richtig treffen, das war schon immer so. Man hat mich aus dem Schulchor geworfen, nach nicht mal einer halben Strophe der Nationalhymne."
"Autsch!" kommentierte Skates mitleidig.
Keeter grinste. "Ja, das hat mein Musiklehrer auch gesagt."
"Aber jetzt ist er ja nicht hier. Hier sind nur wir zwei und ich erwarte nicht, dass jeder, der berufsmäßig durch die Lüfte fliegt, auch gleich wie eine Lerche singen kann. Also, geniere dich nicht so und sing!" Skates stimmte wieder das Lied an und nach kurzem Zögern fiel Keeter halblaut ein.
Ein neues Verständnis für Keeters Musiklehrer wurde plötzlich in Skates geweckt, aber sie sagte nichts und ertrug die gebrummten Misstöne neben sich mit Humor.
Über ihnen grollte plötzlich Donner und sie sahen beide hinauf zum Himmel, der mit dunklen, tiefhängenden Wolken bedeckt war. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen. "Oh, oh!" murmelte Skates, als die ersten Tropfen fielen. "Du hast diese Regenwolken doch nicht etwa mit deinem Gesang herbeigerufen, oder?"
"Keine Ahnung, aber ich halte besser meinen unmusikalischen Mund, bevor mich noch irgendeine Wetterfee mit ihrem Blitz erschlägt!" rief Keeter gegen den aufkommenden Wind an.
Sie joggten den schmalen Pfad entlang, in Richtung Parkplatz, so schnell es ging, aber der Regen wurde zunehmend stärker, so dass sie bis auf die Haut durchnässt waren, als sie endlich am Mietauto ankamen.
Keeter warf sich hinters Steuer und suchte durch den Regen, der heftig auf die Windschutzscheibe prasselte, den Weg nach Lisdoonvarna, ihrem nächsten Reiseziel.
Skates drehte sich um und suchte auf dem Rücksitz, bis sie eine alte Decke fand. Mit ihrem Fund drehte sie sich zu Keeter um. Regentropfen glitzerten im durchnässten Haar des Piloten und liefen sein Gesicht hinab. Vorsichtig, um ihn nicht beim Fahren zu behindern, tupfte Skates ihm das Wasser aus Haaren und Gesicht, bevor sie ihm die Decke über die breiten Schultern hängte und nach einer zweiten Decke für sich selbst suchte.
Zwanzig Minuten später passierten sie endlich das Ortsschild von Lisdoonvarna und hielten vor dem nächstbesten Gasthaus, das ‚Zimmer frei’ signalisierte. Die kurze Strecke zwischen Kofferraum und Haus durchnässte sie erneut und so standen schließlich zwei tropfende Amerikaner in der Eingangshalle und verlangten ein Zimmer für ‚Mister und Mrs. Hawkes’.
Skates quetschte sich in dem kleinen Hotelzimmer an Keeter vorbei, um ihre feuchtgewordene Reisetasche abzustellen. "Du riechst wie ein Hund, der in den Regen gekommen ist," stellte sie dabei fest und schüttelte sich.
"Du auch. Siehst du, wir finden immer mehr Dinge, die wir gemeinsam haben," scherzte Keeter, bevor er sein Hemd ein wenig von seiner nassen Haut loszupfte und daran roch. Skates hatte recht. "Ich glaube, das waren die Decken aus dem Auto. Ich dachte gleich, dass die irgendwie merkwürdig riechen." Er ging ins angrenzende Badezimmer hinüber und schnappte sich zwei Handtücher. "Komm mal her."
Skates trottete gehorsam zu ihm hinüber und er begann, der schlotternden Jägerleitoffizierin mit dem Handtuch die nassen Haare zu frottieren.
"Ähm, Keeter..." Skates räusperte sich ein wenig befangen.
Keeter sah von seiner Frottier-Aufgabe hinab in die braunen Augen und erst jetzt wurde ihm bewusst, wie nahe sie beieinander standen und wie intim die Aufgabe war, die er so selbstverständlich übernommen hatte. "Oh!" Fürsorglich hängte er Skates das Handtuch um die Schultern. "Ladies first. Geh du nur zuerst ins Badezimmer."
Er sah Skates nach, bevor er die Schuhe auszog und begann, sich notdürftig trocken zu frottieren. Dann angelte er nach dem Telefonhörer auf dem Nachttisch und ließ sich auf dem Bett nieder, während er heiße Schokolade beim Zimmerservice bestellte. Als er auflegte und sich in die Kissen zurücksinken ließ, begann er über seine plötzliche Fürsorglichkeit Skates gegenüber nachzudenken. Natürlich, er hatte schon immer versucht, sich als ‚Offizier und Gentleman’ zu erweisen, aber sein Verhalten in den letzten Tagen ging weit über galante Höflichkeit hinaus und das überraschte ihn selbst. <Ich bin wohl zuviel mit Harm und Mac zusammen gewesen und habe mich von ihrem Glucken-Verhalten anstecken lassen!> sagte er sich kopfschüttelnd. Müde schloss er für einen Moment die Augen, während er darauf wartete, dass die Dusche frei wurde.
"Woooaar! Schon besser! Langsam lässt das Gefühl, dass mir gleich Kiemen wachsen, nach!" Skates streckte sich wohlig, als sie geduscht, trocken und umgezogen aus dem Bad kam. Als keine Antwort kam, sah sie auf.
Keeter lag voll bekleidet auf dem Bett, den einen Arm hinter dem Kopf, während der andere über der Bettkante baumelte. Das inzwischen getrocknete Haar hing ihm wirr in die Stirn. Skates Finger streckten sich ohne ihr Zutun, um ihm die widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht zu streichen.
Skates wurde aus ihren Betrachtungen gerissen, als es an der Türe klopfte. Wie ein Kind, das man beim Schokolade-Stibitzen ertappt hatte, zog sie rasch die Hand von Keeters Haarschopf zurück. Sie öffnete die Türe einen Spaltbreit und sah sich einem Hotelbediensteten mit einem kleinen Tablett gegenüber. Erfreut nahm sie die beiden dampfenden Tassen entgegen und kehrte ins Zimmer zurück.
Keeter war nicht durch den Zimmerservice geweckt worden; er hatte sich keinen Millimeter bewegt. <Er muss wirklich erschöpft sein!> Skates nippte an ihrer heißen Schokolade und beschloss, Keeter einfach im Bett weiter schlafen zu lassen, während sie an seiner Stelle den Sessel für ihre Nachtruhe wählte.
Sanft breitete sie die Decke über Keeter aus und platzierte seine über das Bett hinaushängende Hand auf der Matratze. Dann nahm sie sich ein Kissen vom Ehebett und versuchte, es sich auf dem abgenutzten Sessel bequem zu machen.
Wenige Minuten später wurde ihr klar, dass es bei dem Versuch bleiben würde. Der Sessel war in etwa so bequem wie eine Folterbank. Eine ausgeleierte Stahlfeder drückte ihr in den Rücken und der Fußschemel schien sich einen Spaß daraus zu machen, unter ihren Beinen wegzurutschen. <Ich weiß wirklich nicht, wie Keeter das schon seit fünf Nachten aushält! Und dabei ist er sogar größer als ich!>
Eine Stunde später gab Skates endgültig auf. Entnervt gab sie dem Fußschemel einen Tritt, packte ihr Kissen und wanderte zum Bett hinüber. Keeter lag noch immer so da, wie sie ihn vor einer Stunde zurückgelassen hatte. <Gut. Es ist ein breites Bett und wenn ich auf meiner Seite bleibe, werden wir uns nicht ins Gehege kommen! Vermutlich wird er gar nicht merken, dass ich überhaupt da bin.> Skates glitt erleichtert zwischen die Laken.
Sie hatte noch nicht einmal die Augen geschlossen, als neben ihr plötzlich die Nachttischlampe angeknipst wurde. Keeters erstauntes Gesicht sah auf sie hinab.
"Du bist hier auf dem Bett eingeschlafen und ich wollte ganz gentleladylike den Sessel nehmen, aber ich habe wirklich keine Lust, meinem Chiropraktiker seinen nächsten Urlaub zu finanzieren und deshalb dachte ich, wir könnten uns das Bett teilen," erklärte Skates eilig.
"Jaaaaa, *das* sagen sie alle!" meinte Keeter grinsend. "Gib’s schon zu, du wolltest meinen halb erfrorenen und drei Viertel ertrunkenen Zustand ausnutzen!"
Skates verzog neckisch das Gesicht. "Ha! Ausnutzen! Einen Piloten dazu zu zwingen, das Bett mit einer Frau zu teilen, ist so, als wolle man Luciano Pavarotti zum Singen zwingen!"
Lachend ließ sich Keeter im Bett zurücksinken. "Weißt du eigentlich, wo wir hier überhaupt sind?" fragte er dann seine Bettgefährtin.
"Na klar, im Trockenen," erklärte Skates zufrieden. "Okay, okay, im Ernst, ich glaube, das Städtchen heißt Lisdoon-noch-so-was."
"Lisdoonvarna," bestätigte Keeter, "und weißt du auch, was es in Lisdoonvarna so besonderes gibt? Dreimal darfst du raten. Ich wette, du kommst nicht drauf!"
Skates hatte einer Herausforderung noch nie widerstehen können. "Was bekomme ich, wenn ich es errate?" erkundigte sie sich geschäftstüchtig.
"Tz, tz, tz, diese Kapitalisten von der West-Küste! Hmmm, mal sehen... wenn ich gewinne, suche ich aus, was ich bekomme, und wenn du gewinnst, suchst du aus, was ich bekomme..."
"Ha! Glaub nicht, dass ich auf diesen blöden Trick hereinfalle! Der Verlierer zahlt ein Essen, wann und wo darf sich der Gewinner aussuchen, basta!" entschied Skates energisch. "Aaaaalso... in Lisdoonvarna gibt es die meisten Pubs in Irland."
"Falsch!" Keeter grinste triumphierend.
"Okay, dann... kommt die Miss Irland aus Lisdoonvarna?" riet Skates zum zweiten Mal.
Keeter schüttelte den Kopf. "Auch falsch, aber du kommst der Sache schon näher."
"Ich hätte mir denken sollen, dass es irgendetwas mit schönen Frauen zu tun hat... hmmm... Lisdoonvarna hat die meisten unverheirateten Frauen Irlands?"
Keeter klatschte siegreich in die Hände. "Ha! Wieder falsch! Gewonnen! Lisdoonvarna muss die Lieblingsstadt von Granny und Will sein, denn sie hat einmal im Jahr ein großes Verkupplungs-Festival!"
Skates sah ihn vorwurfsvoll an. "Du nimmst mich auf den Arm!" beschuldigte sie ihren Wettpartner.
Keeter schüttelte heftig den Kopf. "Immer in der ersten Oktoberwoche gibt es ein Fest mit Musik und Tanz, bei dem Singles ihren Traumpartner finden können. Verkuppeln ist eine der ältesten Traditionen Irlands. Früher waren die Heiratsvermittler meist Viehhändler, die die Vermögensverhältnisse der Bauern kannten und wussten, wessen Sohn oder Tochter im heiratsfähigen Alter war. Zwar ist heute der Beruf ausgestorben, aber in Lisdoonvarna gibt es noch zwei Heiratsvermittler, die Anfragen aus der ganzen Welt bearbeiten," erzählte der Pilot ernsthaft.
"Na, dann denke ich, können wir Lisdoonvarna aus der Hochzeitsreisen-Route von Harm und Mac ruhig ausschließen," meinte Skates pragmatisch.
Keeter lächelte vielsagend. "Ich glaube kaum, dass Granny und Will an ihre Enkel gedacht haben, als sie Lisdoonvarna in unsere Reiseempfehlungen aufgenommen haben." Er verschränkte gemütlich die Arme hinter dem Kopf. "Und jetzt lass mich mal überlegen, in welches sündhaft teure Restaurant du mich zum Essen ausführen darfst..."
2212 Z-Zeit (18:12 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Jurassic Park! Jurassic Park!" Chloe Madison, Macs ‚kleine Schwester’, sprang begeistert auf der Couch auf und ab. Die 13jährige keuchte vor Lachen, als sie Harms wilden, pantomimischen Gesten zusah.
Harm schüttelte verneinend den Kopf. Er kratzte sich unter dem Arm, sprang die untersten Treppenstufen zum oberen Stockwerk hinauf und hängte sich an das Geländer der Wendeltreppe, als wäre er ein Orang-Utan und kein hochdekorierter Navy-Offizier.
"King Kong!"
"Na, eeeeeendlich!" Harm landete geschmeidig am Fuß der Treppe. Ein paar schnelle Schritte und schon ließ er sich zwischen Mac und Chloe auf die Couch fallen. "Ich dachte schon, ich müsste eine junge, attraktive Blondine entführen und mit ihr auf ein Hochhaus klettern, bevor einer von euch es errät!"
Mac versetzte ihm einen Klaps aufs Bein. "Nnn-hn, nichts da, deine Blondinnen-Zeit ist vorbei, King Kong!" warnte sie lächelnd.
Auf der anderen Seite des Wohnzimmertisches saßen Granny und Will in trauter Zweisamkeit vor einem noch unangeschnittenen Käsekuchen. Sie waren viel zu sehr in ihre Diskussion vertieft, um ans Kuchen essen zu denken. "MacKenzie," sagte gerade Will mit Nachdruck.
"Ach was! Rabb, natürlich!" widersprach Granny und bedrohte ihrem Mann spielerisch mit der Kuchengabel. "Zwei Sarah MacKenzies, das wird auf Dauer einfach zu verwirrend. Und außerdem, wenn sie meinen alten Namen, Sarah Rabb, übernimmt, erbt sie automatisch auch mal mein Verkuppler-Amt."
"Aber wenn Mac nicht mehr MacKenzie heißt, sondern Rabb, kann man sie dann überhaupt noch Mac nennen?" gab Will zu bedenken.
Granny zuckte gleichgültig die Schultern. "Ich plädiere ja schon lange dafür, Sarah nicht ständig bei diesem Hunde-Namen zu rufen!"
"Na schön, wie wäre es mit einem Doppelnamen?" ging Will einen Kompromiss ein. "Damit wäre sie geradezu für ein politisches Amt prädestiniert, falls sie mal beschließen sollte, Bobbi Lathams Beispiel zu folgen. Wie wäre es mit MacKenzie-Rabb?"
"Rabb-MacKenzie," verhandelte Granny unerbittlich.
"Hey, ich dachte, du wärst für Gleichberechtigung? Denk dran, Ladies first!"
Harm seufzte und erhob sich. "Ich hol’ mal ein Messer." Er nickte in Richtung des Käsekuchens.
"Gute Idee, bring’ mir auch eins mit," meinte Mac mit einem scherzhaft-drohenden Blick auf Granny und Will.
Harm lachte. "Ich meinte, für den Kuchen."
Kichernd umrundete Chloe den Wohnzimmertisch und schlang beide Arme um die alte Dame. "Also, wisst ihr, ihr zwei, ihr solltet wirklich nicht so undankbar Granny gegenüber sein," verteidigte sie ihre Adoptiv-Großmutter, mit der sie seit Monaten in E-Mail-Kontakt stand, "Gott sei Dank hat sie es endlich geschafft, euch zu verkuppeln. Wenn ich hätte warten müssen, bis ihr zwei mal von selbst zusammen findet, wäre ich uralt gewesen. 30 oder so," fügte das blonde Mädchen mit einem frechen Grinsen hinzu, um dann blitzschnell Macs Kitzel-Attacke auszuweichen und in die Küche zu fliehen.
Als Harm endlich ein Messer für den Kuchen gefunden hatte und sich umdrehte, um ins Wohnzimmer zurück zu kehren, stellte er fest, dass jemand auf den Küchenschrank geklettert war – nur war es diesmal nicht Gypsie, sondern Chloe, die den Schrank nach Macs geheimen Süßigkeiten-Lagern durchsuchte.
Harm räusperte sich. "Ähmn, Chloe, bitte pass auf, dass du da nicht runter fällst," warnte er sanft. Er wollte auf keinen Fall, dass Macs geliebter ‚kleiner Schwester’ auch nur ein Kratzer zugefügt wurde, solange sie in seiner Obhut war.
Chloe rollte mit den Augen. "Hey, ich bin doch kein Kind mehr," protestierte das Mädchen überlegen, "ich bin jetzt *dreizehn*! Ich bin schon auf Küchenschränke geklettert, als du und Mac euch noch eingebildet habt, nur Freunde zu sein. Und außerdem hab ich Hunger."
Mac tauchte im Türrahmen auf. "Wie wäre es, wenn ich uns allen was koche?" bot sie vergnügt an.
Chloe ließ sich sofort vom Küchenschrank rutschen. Flehend sah sie zu Harm hinauf. "Oh, nein, ich will nicht, dass Mac kocht! Das letzte Mal, als ich sie besucht habe, musste ich angebrannte Spaghetti zu Mittag essen!" beschwerte sie sich mit entrüsteter Miene.
"Wie wäre es, wenn wir essen gehen?" schlug Harm diplomatisch vor, während er tapfer versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, "das gibt den zwei Hyänen da draußen auch die Gelegenheit, deine politische Karriere weiter zu planen," fügte er zu Mac gewandt hinzu.
"Prima!" Freute sich Mac. "Wie wäre es mit Burger King?"
Harm grunzte. "Chloe, du kannst wirklich viel von Mac lernen, aber bitte nicht ihre Ernährungsgewohnheiten!"
Chloe winkte überlegen ab. "Keine Sorge, Harm, ihre größte Weisheit hat sie mir längst beigebracht: ‚Eine Frau lügt nie, außer über .... mmpf..." Macs Hand, die sich plötzlich über ihren Mund schob, machte jedes weitere Wort unverständlich.
"Ach, ja, richtig. ... außer über ihr Alter, ihr Gewicht und den Mann ihrer besten Freundin, war’s nicht so?" erkundigte sich Harm grinsend.
"Das hab ich nie gesagt!" verteidigte sich Mac leidenschaftlich, noch immer die Hand über Chloes Mund haltend, während Chloes Kopf heftig auf und ab nickte.
Harm tätschelte beruhigend Macs Arm. "Gut zu wissen." Er nahm seinen Autoschlüssel von der Kommode. "Ach, Mac, wer ist eigentlich deine beste Freundin, hmmm?"
Eine halbe Stunde später saßen sie vor ihren jeweiligen Pizzen beim Italiener. "Ähm, Harm, Mac, ich hab da mal eine Frage an euch... oder eher eine Bitte..." Unsicher sah Chloe zwischen den beiden Erwachsenen hin und her. "Mac, weißt du noch, was ich damals geträumt habe?"
Grinsend pflückte Mac ein Stück Schinken von ihrer Pizza und schob es sich in den Mund. "Meinst du den Traum mit der eigenen Pferdeherde oder den über Billy Hodkins aus der Nachbarklasse?"
"MAC!" zischte Chloe mit roten Wangen und einem verlegenen Blick zu Harm.
"Keine Sorge, Chloe," beruhigte Harm lächelnd, "ich kann das verstehen – das mit den Pferden, meine ich, mit den Jungs aus meiner Nachbarklasse hatte ich nie viel am Hut."
Chloe vergrub theatralisch das Gesicht in den Händen. "Wenn es jedes Mal so peinlich ist, mit euch in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, sollte ich mir das vielleicht doch noch mal überlegen, aber... ich wollte euch fragen, ob ich vielleicht bei eurer Hochzeit Blumen streuen dürfte, so wie ich das damals geträumt habe. Ich weiß, ich bin eigentlich zu alt dafür – schließlich bin ich schon *dreizehn* - aber..." Flehend blickte sie zwischen Mac und Harm hin und her.
"Na ja, ich weiß nicht, Chloe, eigentlich hatten wir ja schon Tiner als Blumenmädchen vorgesehen...," witzelte Mac, nur um dann liebevoll einen Arm um Chloe zu legen. "Im Ernst, Chloe, wir wüssten nicht, wen wir lieber als Blumenkind... tschuldige, ich meinte natürlich Blumen*erwachsene* ... bei unserer Hochzeit dabei hätten, stimmt’s Harm?"
"Stimmt genau. Obwohl... ich könnte mir auch noch eine verantwortungsvollere Aufgabe für dich vorstellen, Chloe – schließlich bist du ja jetzt schon *dreizehn*," meinte Harm mit einem neckischen Unterton. "Wie wäre es, wenn du bei der Trauung die Ringe trägst? Meine Cousine hat schon die wenig schöne Erfahrung gemacht, was passieren kann, wenn man die Ringe einem zu jungen Kind überlässt."
"Was ist passiert?" erkundigte sich Chloe, eifrig bemüht, möglichst viel über ihre ehrenvolle Aufgabe zu erfahren.
Harm pickte eine Olive von Macs letztem Pizzastück, woraufhin sie prompt das letzte Achtel von Harms Pizza stahl. "Lass uns einfach sagen, alle waren froh, dass Bens Kollege, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, unter den Gästen war," erklärte er vielsagend.
"Iiiiiih!"
Der Kellner trat an den Tisch, um die mittlerweile geleerten Teller abzuräumen. "Darf ich Ihnen noch etwas bringen?" wandte er sich an Harm. "Vielleicht noch ein Dessert für Ihr Fräulein Tochter?"
Harm verneinte amüsiert, während er zusah, wie Mac die kichernde 13jährige liebevoll anstupste. Schon immer hatte er bewundert, wie gut Mac mit dem Mädchen umgehen konnte und er war sich sicher, dass sie eine ganz wundervolle Mutter abgeben würde. <Ihr habt noch nicht mal das Kinder-Gespräch beendet, Rabb, und du planst schon die Farbe des Autos, das du eurem Sprössling zum College-Abschluss schenken willst!> tadelte er sich in Gedanken.
"Hey, wenn ihr jetzt meine Eltern seid, bekomme ich dann auch Taschengeld von euch?" erkundigte sich Chloe mit einem listigen Kichern.
Harm schnaubte. "Nur, wenn ich dir auch Hausarrest dafür geben darf, dass du heute morgen meine Zehennägel grün lackiert hast, als ich geschlafen habe!"
"Hey, ich wollte euch nur schon mal daran gewöhnen, dass Eheleute immer alles teilen und Macs Zehennägel sind auch grün lackiert," verteidigte sich Chloe grinsend.
"Mac geht ja auch nicht morgen mit Bud und den anderen Offizieren von der Ehrengarde in die Sauna!" wandte Harm energisch ein. Er legte Geldscheine auf den Tisch und erhob sich, ächzend seinen vollen Magen haltend. Er drückte Mac den Autoschlüssel in die Hand. Er konnte nicht verstehen, wie Mac nicht nur ihre wagenradgroße Pizza, sondern auch noch ein Stück von seiner hatte essen können. "Lasst uns gehen. Du fährst und ich laufe hinterher!"
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