Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.
Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.
Episoden:
"Das Virus" ("Smoked"),
"Der schwarze Jet" ("The Black Jet"),
"Die Äquatortaufe" ("Crossing the Line"),
"Den Tod im Visier" ("King of Greenie Board"),
"Gegen alle Regeln" ("Rules of Engagement"),
"Blinder Passagier" ("True Callings"),
"Hochzeitsblues" ("Wedding Bell Blues").
Inhalt:
Endlich haben Granny und Will es geschafft: Die Hochzeit von Harm und
Mac steht bevor. Aber natürlich müssen vorher noch einige
Hindernisse bewältigt werden und dann ist da auch noch die
Geschenkidee, die Granny und Will sich ausgedacht haben...
Es gibt auch eine Linksammlung zu dieser Geschichte.
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.
Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.
Neu!!! Die Granny-Serie hat jetzt ihre eigene Mailing Liste, auf der diskutiert werden kann und auf der die neuesten Updates des bald folgenden 8. Teils veröffentlicht werden. Ihr alle seid – auch im Namen der List-Owner – herzlich dazu eingeladen, euch anzuschließen:
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries
0734 Z-Zeit (08:34 Uhr IST / Irish Summer Time)
Lisdoonvarna,
Irland
Skates versuchte angestrengt, mit dem Kinn ihren seidenen Morgenmantel davon abzuhalten, von ihrer rechten Schulter zu rutschen, während sie mit beiden Händen ein vollbeladenes Tablett durchs Hotelzimmer balancierte.
Keeter lehnte sich im Bett zurück und sah grinsend zu. "Wow, hast du mal überlegt, mit der Nummer im Zirkus aufzutreten?" neckte er amüsiert. Behutsam streckte er die Hand aus, um die rebellische Morgenmantel-Seite wieder über Skates Schulter zu zupfen.
"Pass bloß auf, dass ich nicht meine Messer-Werf-Nummer an dir ausprobiere!" drohte Skates, während sie das Tablett vor Keeter auf dem Bett abstellte.
Keeter sah hungrig auf das Tablett hinab. Das Rührei wurde von Frühstücksspeck flankiert und der Tellerrand war mit Orangenstücken garniert. Auf einem zweiten Teller lag Toast und daneben standen ein Glas frischgepresster Orangensaft und eine Tasse Tee. In einer Ecke des Tabletts ragte eine einzelne, gelbe Rose aus einer schmalen Vase. "Das ist fantastisch, Skates," lobte er aufrichtig. "Möchte ich wissen, mit welchen Methoden du den Küchenchef dazu überredet hast, seine geheiligten Hallen benutzen zu dürfen?"
"Das ist Geheimsache," behauptete Skates, noch immer neben dem Bett verharrend.
Keeter klopfte auf die freie Bettseite. "Komm zurück ins Bett und hilf mir, das alles aufzuessen. Der Handel lautete Frühstück im Bett für zwei."
Skates schlüpfte ins Bett zurück. "Ich verstehe ohnehin nicht so ganz, warum du dich nicht zum Essen ins teuerste Restaurant der Stadt hast einladen lassen und stattdessen Frühstück im Bett wolltest. Hätte ja sein können, dass meine Kochkünste so wie Macs darin bestehen, eine Mikrowelle zu programmieren! Ach, übrigens, du hast heute Nacht dein Kissen besabbert!" Sie deutete auf den nassen Fleck auf Keeters Kissen.
"Unsinn, ich sabbere nicht!" Keeter stemmte sich auf dem Ellenbogen in die Höhe und starrte auf die junge Frau auf der anderen Bettseite hinab. <Leider sieht sie so früh am Morgen viel zu süß aus, als dass ich richtig wütend werden könnte.>
"Wie erklärst du dir dann, dass dein Kissen nass ist, hmmm?"
Keeter zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, vielleicht hast du ja..."
Skates schlug ihm ihr *trockenes* Kissen um die Ohren. "Oh, nein, auf mich schiebst du das nicht! Ich bin die ganze Nacht lang brav auf meiner Seite des Bettes geblieben – was man von dir übrigens nichts sagen kann, Mister ‚Diagonal-im-Bett-Lieger-und-Kissen-Besabberer’!"
"Skaaaaates! Ich bin kein Kissen-Besabberer!" wiederholte Keeter beharrlich.
Skates schenkte ihm einen überlegenen Blick. "Natürlich bist du das. Es sei denn, du hast ein sehr, sehr ungewöhnliches Bettnässer-Problem," fügte sie grinsend hinzu.
"Das war wahrscheinlich der Angstschweiß, weil ich mit dir das Bett teilen musste!" verteidigte sich Keeter mit Unschuldmiene. "Ich hab die halbe Nacht zitternd wach gelegen, aus Angst, dass du, wenn ich einschlafe, unbemerkt über mich herfallen und mir die Kleider vom Leib reißen würdest."
Skates schnaubte. "Oh, keine Sorge, Keeter, wenn ich über dich herfallen würde, dann *würdest* du das merken," versicherte sie ihm grinsend, zog Keeters Hand zu sich hinüber und aß ihm das Stück Schinkenspeck, das er gerade vom Tablett genommen hatte, weg.
"Hey!" Keeter starrte auf seine plötzlich leere Hand hinab. "Darf ich dich daran erinnern, dass du – angeblich – nicht flirtest?"
"Das tue ich nicht. Ich sagte *wenn* ich über dich herfalle, nicht, dass ich es tatsächlich tun würde."
"Oh. Zu schade," meinte Keeter und gab vor zu schmollen.
Skates stieß ihn mit dem Ellenbogen an. "Komm schon, iss auf und dann lass uns zu diesem Boireann fahren, das du mir heute zeigen wolltest!"
Eine drei Viertel Stunde später waren sie unterwegs nach Nordosten. Wenig später erreichten sie den Burren oder ‚Boireann’, was gälisch war und ‚steiniger Ort’ bedeutete. Skates fand, dass der gälische Name durchaus angemessen war.
Das karge Hochplateau glich mit seinen weißgrauen Kalksteinfelsen beinahe einer Mondlandschaft. Die ganze Umgebung wirkte grau, öde und baumlos.
Erst als sie das Auto zurückließen und auf den harten Kalksteinpfaden durch den Burren wanderten, stellte sie fest, dass die scheinbar so leere Einöde in Wirklichkeit ein Pflanzenparadies war. In den Ritzen und Spalten der Steine blühten Enzian, Klee, Heidekraut und wilde Orchideen, eine einzigartige Mischung aus arktischen, alpinen und mediterranen Gewächsen.
Vorsichtig stiegen sie über den unebenen Weg eine Anhöhe hinauf und fanden sich auf einem felsigen Plateau wieder. In der Mitte des Plateaus erhoben sich zwei mannshohe Felsblöcke, auf denen eine schwere Steinplatte lag.
"Was ist das denn?" erkundigte sich Skates, gegen die Sonne anblinzelnd.
"Das ist der Poulnabrone Dolmen," erklärte Keeter. "Dolmen sind die Grabkammern eines frühen Volkes. Dieser hier ist über 6.000 Jahre alt. Die Iren nennen sie auch die ‚Betten von Díarmuid und Gráinne’, einer alten Legende nach. Übrigens ist das der Díarmuid, nach dem ich benannt bin."
Skates ließ sich auf einem hüfthohen Felsen nieder. "Und? Was hat es mit deinem Namensvetter auf sich?"
"Díarmuid O’Duibhne war ein Freund und Gefolgsmann von Finn mac Cumhail, einem großen Helden und Stammesfürsten der irischen Sage. Díarmuid wurde auch ‚Díarmuid-mit-dem-Liebesfleck’ genannt, denn er hatte ein Schönheitsmal auf der Stirn, so dass jede Frau, die ihn sah, sich sofort in ihn verliebte. Keine Frau konnte ihm widerstehen." Keeter zwinkerte seiner Zuhörerschaft verschmitzt zu. "Erinnert ein wenig an einen anderen Träger dieses Namens, oder?"
Skates rollte lachend mit den Augen. "Du warst gerade dabei, mir die Geschichte dieses irischen Adonis zu erzählen," erinnerte sie sachlich.
"Oh, ja, richtig. Also... Cormac mac Airt, der König von Irland, hatte seine Tochter, Gráinne, dem alten Finn versprochen. Am Abend vor der Hochzeit saß die ganze Hochzeitsgesellschaft beim Essen, als ein Windstoß Díarmuid sein langes Haar..."
"Langes Haar?" Skates pfiff durch die Zähne. "*Das* erinnert mich nun gar nicht an einen anderen Träger dieses Namens."
"Díarmuid trug sein Haar deshalb lang, weil er die ständigen Affären leid war. Er wollte eine dauerhafte Beziehung, die auf echter Liebe und nicht auf seinem magischen Liebesmal basierte," erläuterte Keeter ernst. Interessiert musterte er Skates. "Stehst du etwa auf Männer mit langen Haaren?" Er kämmte mit beiden Händen durch seine militärisch-kurzen Haare.
"Die Geschichte!" erinnerte Skates, ohne die Frage zu beantworten.
Keeter ließ von seinem Haar ab und räusperte sich. "Also, wie gesagt, ein Windstoß blies Díarmuid das Haar aus dem Gesicht und als Gráinne das Schönheits-Mal sah, verliebte sie sich sofort hoffnungslos in ihn. In der Nacht vor ihrer arrangierten Hochzeit mit Finn mischte sie deshalb Schlafmittel in den Wein und überredete Díarmuid, mit ihr zu fliehen. Finn und seine Leute verfolgten die beiden sieben Jahre lang. Zunächst ließ Díarmuid jeden Abend ein Stück ungebrochenen Brotes oder ungekochten Lachs zurück, als Zeichen für seinen Freund Finn, dass er Gráinne nur wie eine Schwester, nicht als Geliebte behandelte. Aber natürlich hatte die junge Dame etwas Anderes im Sinn." Keeter grinste Skates vielsagend an. "Sie versuchte, Díarmuid zu verführen, aber er widerstand ihrem Charme heldenhaft. Als ein Monster sie angriff und Díarmuid sie rettete, kommentierte Gráinne ironisch, dass wenigstens etwas daran interessiert sei, sie zu berühren. Da gab unser Held schließlich seinen Widerstand auf."
"Ooooh, stammt daher deine Angst, ich könnte im Schlaf über dich herfallen?" spöttelte Skates lächelnd.
Keeter schüttelte den Kopf. "Ich habe nicht gesagt, dass ich Widerstand geleistet hätte, nur weil ich *zufällig* auch Díarmuid heiße. Um zu der Geschichte zurückzukommen... Angus Og, Díarmuids Pflegevater und der keltische Gott der Liebe, riet dem jungen Paar, auf ihrer Flucht nie zwei Nächten am selben Platz zu bleiben. So zogen sie durch ganz Irland und errichteten als Schlaflager solche Dolmen – so erzählt es zumindest die Legende."
Skates lehnte sich auf dem sonnenbeschienenen Felsen zurück. "Und was ist aus den beiden geworden?"
"Nach sieben Jahren Flucht schlossen sie schließlich Frieden mit Finn und ließen sich irgendwo nieder," beendete Keeter seine Geschichte. "Díarmuid und Gráinne hatten der Sage nach vier Söhne und eine Tochter."
"Warum nicht vier Töchter und einen Sohn?" erkundigte sich Skates, Verteidigerin der Frauen, herausfordernd.
Keeter seufzte theatralisch. "Vermutlich, weil die Töchter immer solche anstrengenden Fragen stellen!" Er erhob sich von dem Felsen und ging zum Pfad zurück. "Also, kommst du, Gráinne?"
Skates hastete hinter ihm her und legte ihm prüfend eine Hand auf die Stirn.
Keeters Stirn legte sich unter der Wärme ihrer Hand in fragende Falten. "Suchst du den Liebes-Fleck, der mich so unwiderstehlich macht?" fragte er schmunzelnd.
"Ich prüfe, ob du Fieber hast – das würde erklären, warum du mich plötzlich für eine irische Prinzessin hältst!"
"Wenn Eure Hoheit bitte einsteigen würden." Keeter hielt ihr galant die Beifahrertüre des Mietwagens auf, den sie inzwischen wieder erreicht hatten.
Skates lehnte sich im Sitz zurück und wartete, bis Keeter den Motor gestartet hatte. "Also, wohin geht’s jetzt, James?"
Keeter grinste nur. "Lass uns einfach sagen, wir sehen uns jetzt etwas wirklich Tiefgründiges an."
Drei Kilometer vom Poulnabrone Dolmen entfernt stoppte Keeter den Wagen in der Nähe einer alten Steinmauer. Zu Fuß gingen sie zu einem kleinen Häuschen hinüber, in dem Keeter Eintrittskarten erstand. Skates hatte noch immer keine Ahnung, für was; sie konnte in der Nähe nichts entdecken, was unbedingt sehenswert gewesen wäre.
Ein Führer gesellte sich zu der kleinen Gruppe von Touristen, die sich im Kartenhäuschen eingefunden hatte, und nach den ersten Metern der Tour wurde Skates plötzlich klar, dass es hinab in die Tiefe, in eine Höhle, ging.
Der Gruppenführer erklärte die Entstehung der Höhle, während sie sich immer weiter vom hellen Licht der Oberfläche entfernten.
Über Millionen von Jahren hinweg hatten Regen und Bäche Löcher in den Kalkstein geschürft und Höhlen gebildet. Unter der kargen Oberfläche des Burren verliefen kilometerlange Höhlen- und Gangsysteme, von denen nur ein kleiner Teil für die Öffentlichkeit zugänglich war. Die Aillwee Caves waren 1944 von einem Bauern entdeckt worden, der auf der Suche nach seinen Schafen gewesen war.
In der Höhle herrschten konstante 10°C – weshalb hier, schon lange vor ihrer mehr als tausend Jahre zurückliegenden Ausrottung in Irland, Bären ihren Winterschlaf gehalten hatten. Skates wusste nicht, ob es an der Temperatur lag, aber Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn und ihre Hände wurden feucht, als sie tiefer in die Grotte vordrangen.
Überall um sie herum tropfte es von den Wänden und man hörte Wasser rauschen. Alle paar Meter drang ein schummriges Licht von der niedrigen Höhlendecke und beschien wie die Lampe des Führers feucht-glitzernde Felswände, Stalaktiten, Stalagmiten und Kalkformationen, die wie Wespennester, betende Hände und Karotten aussahen.
Skates wusste nicht genau, wie lange sie schon durch das Halbdunkel tappten. Sie schauderte jedes Mal, wenn ein Wassertropfen ihren schweißnassen Nacken traf. Mit eingezogenem Kopf, immer unbehaglich auf die niedrige Felsdecke und die engen Gänge schielend, tastete sie sich hinter den anderen her und bemühte sich dabei angestrengt, nie mehr als einen Meter Abstand von Keeters breiter, tröstlicher Gestalt vor sich zu haben.
Sie hörte, wie das ältere englische Ehepaar hinter ihr ihre ‚Anhänglichkeit’ mit einem nachsichtigen "Ach, Frischverliebte!" kommentierte. Verärgert zwang sie sich, eine Schrittlänge mehr Abstand von Keeter zu halten, nur um dann doch gegen ihn zu prallen, als der Führer vor ihnen plötzlich stoppte und die Lampe löschte. Beinahe vollständige Dunkelheit umgab sie.
Einen Moment lang glaubte Skates, dass das Donnern in ihren Ohren nur ihr viel zu laut schlagendes Herz war, aber dann stellte sie fest, dass sie vor einem unterirdischen Wasserfall standen.
Keeter stupste sie begeistert mit dem Ellenbogen an. "Cool, oder?" meinte er mit gesenkter Stimme, um die andächtige Betrachtung der anderen Touristen nicht zu stören.
"Obercool," brummte Skates bestätigend.
Keeter wandte sich vom Wasserfall ab und stellte zum ersten Mal fest, wie nahe ihm Skates – im wahrsten Sinne des Wortes – stand. "Hey? Alles in Ordnung, Skates?" erkundigte er sich und schloss sanft seine große Hand um ihren Ellenbogen.
"Ja, ja, alles okay." Ihre Schuhe, die unruhig über den Steinboden scharrten, machten ihre Aussage zunichte.
Der Höhlenführer schaltete die Lampe wieder an und auch Keeter ging plötzlich ein Licht auf, als er einen Blick in Skates Augen warf. "Du magst das hier nicht besonders, oder? Ist wohl einem Fahrstuhl zu ähnlich, hm?" Er legte behutsam einen Arm um ihre Schulter und spürte sofort, wie angespannt ihre Muskeln waren.
"Ach was, nein, es ist nichts," versicherte Skates, seinem Blick ausweichend. Halbherzig versuchte sie, sich unter seiner tröstenden Umarmung hervorzuwinden.
"Skaaaaates," dehnte Keeter mit tiefer, warnender Stimme, "ich bin’s, Keeter! Ich kenne dich inzwischen zu gut, als dass du dich hinter deiner Amazonen-Maske verstecken könntest. Lass dir doch auch mal helfen, ich war dir gestern auch sehr dankbar, als du die Möwe von meinen Füßen verscheucht hast. Ist doch in Ordnung, wenn du keine Höhlen magst. Wir drehen jetzt ohnehin um und in ein paar Minuten sind wir wieder an der Oberfläche." <Ich wüsste wirklich zu gerne, wie es kommt, dass eine unerschrockene Pilotin Angst vor Fahrstühlen und kleinen, engen Räumen hat! Aber ich schätze, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um sie danach zu fragen.>
Tief durchatmend folgte Skates dem Rest der Gruppe, als sie sich auf den Rückweg machten. Eine große Hand wurde ihr einladend hingehalten und nach kurzem Zögern schloss Skates dankbar ihre Finger um Keeters.
2012 Z-Zeit (16:12 Uhr EDT)
Vergnügungspark ‚Six Flags America’
Largo, Maryland
"Der blaue? Oder doch der silbernfarbene? Hmmm.…" In aller Ruhe verschränkte Harm die Arme und sah nachdenklich auf die Go-Karts hinab.
Nachsichtig lächelnd sah Mac ihrem Quasi-Verlobten bei der Auswahl seines Vehikels zu.
Chloe hingegen tappte weniger geduldig mit dem Fuß. "Darf ich daran erinnern, dass in vier Stunden die Sonne untergeht? Glaubt ihr, das wird vorher noch was?" erkundigte sie sich naseweis.
Harm entschied sich für das blaue Go-Kart. "Hast du es denn so eilig, meine Abgase zu schlucken, wenn ich vor dir über die Ziellinie brause, Chloe?" neckte er das blonde Mädchen.
Chloe rollte schnaubend mit den Augen. "Nur weil du ein Mann bist und ich eine *Frau*, heißt das noch lange nicht, dass du automatisch gewinnst, stimmt’s Mac?" Um Zustimmung ersuchend sah sie ihre große Schwester und Mentorin an.
Mac grinste. "Wo sie recht hat, hat sie recht, Flyboy. Du hast keine Chance gegen unsere geballte Frauen-Power!"
Harm verneigte sich demütig. "Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Madame. Es tut mir leid, wenn ich Ihren weiblichen Stolz gekränkt habe," entschuldigte er sich spielerisch bei Chloe.
"Leid genug, um mir die neue Britney Spears-CD zu kaufen?" erkundigte sich Chloe schelmisch.
Harms Augen weiteten sich und er fragte sich plötzlich, ob die Volkshochschule wohl Kurse für werdende Väter anbot, um sie auf solche Tricks ihrer Kinder vorzubereiten. "Hey, ich entschuldige mich und du versuchst, eine CD rauszuschlagen?!"
Mac lachte amüsiert. "Es könnte schlimmer sein, Harm – sie könnte immer noch in ihrer Backstreet-Boys-Phase sein..."
Chloe jauchzte, als ihr plötzlich etwas einfiel. "Wow, ja, sie haben jetzt eine ‚Greatest-Hits’-CD rausgebracht... die ist sooooo cool! Die könntest du mir ja kaufen!" Listig lächelte sie Harm aus unschuldigen Kinderaugen an.
Harm warf Mac einen strengen Blick zu. "Vielen herzlichen Dank, dass du sie darauf hingewiesen hast!"
Der Rennbahn-Betreuer zeigte ihnen an, dass sie jetzt an der Reihe waren und sie stiegen in ihre Fahrzeuge.
Mit glühenden Wangen und wehenden Zöpfen setzte Chloe sich an die Spitze. Immer wieder lieferten sie und Harm sich heiße Duelle um die Führung. Am Ende der zehn Runden gelang es Chloe in der letzten Kurve, Harm auf der Innenseite zu überholen und als erste die Ziellinie zu überqueren.
"Hey, Sheriff!" Harm stieg aus und winkte einem imaginären Gesetzeshüter. "Nehmen Sie sofort die junge Dame fest! Sie hat mich gerade Illegalerweise auf der Innenseite überholt!"
"Ha! Das ist vielleicht auf der Straße illegal, aber nicht beim Autorennen! Kuckst du denn kein Fernsehen?!" spottete Chloe triumphierend, während sie sich von Mac zum Sieg gratulieren ließ.
Harm und Mac wechselten über Chloes Kopf hinweg lächelnd einen Blick. Sobald sie es sich abends gemeinsam auf der Couch vor dem Fernseh-Gerät gemütlich machten, geriet der Fernseher früher oder später in Vergessenheit.
Nach einem kurzen Besuch im Krokodil-Haus, das auch zum Vergnügungspark gehörte, kehrten sie zu Harms Jeep zurück.
"Nn-nh!" Mac nahm Harm die Autoschlüssel aus der Hand und schob ihn in Richtung Beifahrertüre.
"Hey! Was soll das werden?" protestierte Harm.
Mac baumelte die Schlüssel vor seiner Nase auf und ab. "Ich rette drei Menschenleben, indem ich zurückfahre. Du hast deine fahrerische Untauglichkeit bewiesen, indem du dich von einer 13jährigen hast schlagen lässt. Sorry, Schatz!" Frech grinste sie ihn an.
Harm griff nach den Schlüsseln, aber Mac tänzelte geschmeidig zur Seite. "Zwing mich nicht, da rüber zu kommen und mir die Schlüssel zu holen!" drohte Harm spielerisch.
"Du glaubst doch wohl nicht, dass du damit einen Marine einschüchtern kannst, oder?"
"Jaaa! Mac, zeig’s ihm!" feuerte Chloe ihre Heldin vergnügt lachend an.
"Hey!" Harm drehte sich schmollend zu ihr um, "ich bin der Mann, der dir die Backstreet-Boys-CD kaufen soll, schon vergessen?!"
Chloe kicherte. "Oh, ja, klar... zeig’s ihr, Harm, zeig’s ihr!"
Nach kurzem Gerangel und einem Stop bei einem CD-Geschäft kamen sie endlich zuhause an. Als Harm die Türe aufschloss, hörte er, wie im Wohnzimmer das Telefon klingelte. Er machte erst gar nicht den Versuch, zum Telefon zu eilen. Die letzten beiden Tage hatten ihn gelehrt, dass das mit einem Teenager im Haus vergebene Liebesmühe war – die meisten Anrufe waren ohnehin für Chloe.
Amüsiert hörte Harm zu, wie die 13jährige ihrer Freundin von ihrer neuen CD vorschwärmte.
"Hey, Seemann," Mac schob sich hinter ihn und schlang die Arme um ihn, "ist es okay, wenn ich zuerst unter die Dusche gehe?"
Harm bedeckte ihre Hände mit seinen und drehte den Kopf, um ihre Lippen zu suchen. "Na klar. Ich kann Chloe so lange ja mit den Hausaufgaben helfen, die sie mitgebracht hat."
"Gute Idee, tu das," Mac gab ihm zur Belohnung einen weiteren Kuss, "aber achte bitte darauf, das B-Wort zu vermeiden."
"B-Wort?"
"Babysitten," wisperte Mac mit einem schnellen Blick auf Chloe, die noch immer am Telefonhörer hing. "Gib ihr bloß nicht das Gefühl, du würdest sie ständig beaufsichtigen."
"Oooooh, nein, das würde mir niiiiie einfallen – schließlich ist sie ja jetzt *dreizehn*!" versicherte Harm treuherzig.
Zehn Minuten später kam Mac, sich die Haare mit einem Handtuch frottierend, aus dem Badezimmer und fand ihre Familie im Wohnzimmer versammelt vor.
Chloe saß zwischen Granny und Will auf der Couch und spielte ein Kartenspiel mit den beiden, das verdächtig nach Poker aussah, während Harm sich scheinbar müde im Sessel zurücklehnte.
Mac ließ sich neben ihm auf der Armlehne nieder und legte ihm eine Hand aufs Bein, während sie ihm mit der anderen liebevoll durchs Haar fuhr. "Hey, du siehst ein bisschen fertig aus. Soll ich uns was kochen, während du ins Bad gehst?"
Harm richtete sich sofort im Sessel auf. "Lieb von dir, aber... so müde kann ich gar nicht sein, um *das* zuzulassen! Ich koche, wie üblich."
"Du solltest wirklich ein Buch schreiben, Harm," kommentierte Will, hinter seinen Spielkarten hervorschauend, "‚Karriere eines Kampfpiloten: Vom Schürzenjäger zum Schürzenträger’."
"Hey! Macs Talente liegen eben in anderen Bereichen!" verteidigte Harm sich und seine Angebetete. Er schlang die Arme um Mac und küsste sie, um ihr zu zeigen, dass er sie nur ein wenig neckte.
Chloe sprang auf der Couch auf und ab. "Harm und Mac sitzen in der Linde und küssen sich beide im Winde!" sang sie kichernd.
Mac löste augenrollend ihre Lippen von Harms. "Bist du nicht ein wenig zu alt für dieses Lied, Chloe?"
"Und seid ihr nicht ein bisschen zu alt, um euch hier wie ein Paar Teenager anzuschmachten und rumzuknutschen?" gab Chloe schlagfertig zurück.
Granny lachte, froh darüber, endlich Unterstützung aus einer jüngeren Generation zu erhalten. "Hmmmmhmm," flötete sie, als sie an dem eng umschlungen dasitzenden Paar vorbei ging. Neckisch fuhr sie mit dem Finger über Macs Hals. "Ich wusste gar nicht, dass Knutschflecken dieses Jahr wieder in sind?"
Mac vergrub das Gesicht in den Händen. "Darf ich euch darauf hinweisen, dass die Hochzeitseinladungen in Kürze abgeschickt werden? Wenn ihr also Wert darauf legt, eine zu erhalten...," klang es dumpf hinter Macs Fingern hervor.
Granny warf ihre Spielkarten hin und schoss von der Couch in die Höhe. "Ich kann doch was kochen!" meldete sie sich freiwillig.
"Und ich helfe dir," verkündete Chloe, auf ihre vier Asse schielend, "sobald ich die Britney-Spears-CD von Will gewonnen habe."
1639 Z-Zeit (17:39 Uhr IST / Irish Summer Time)
Galway,
Irland
"Wie wäre es damit?" Keeter hielt ein elegantes Kleid prüfend gegen seinen Oberkörper und warf Skates einen fragenden Blick zu.
Die Jägerleitoffizierin unterdrückte ein Lachen. "Keeter, selbst wenn das deine Farbe wäre... der Schnitt des Kleides bringt deine haarigen Beine nicht gerade vorteilhaft zur Geltung," platzte sie dann doch noch lachend heraus.
"Ha, ha, ich meinte natürlich für dich! Also?" Einladend hielt Keeter ihr das Kleid hin.
"Darf ich dich daran erinnern, dass wir eigentlich ein Hochzeitsgeschenk für Harm und Mac suchen und nicht einen Weg, meinen Kleiderschrank und meine Kreditkarte zu überlasten!" ermahnte Skates sanft. "Außerdem dachte ich, du hasst Shopping?"
Keeter zuckte ein wenig verlegen mit den breiten Schultern. "Tue ich auch – normalerweise. Aber irgendwie macht es Spaß, Dinge für dich auszusuchen."
"Hmm? Warum das?" Neugierig neigte Skates den Kopf und betrachtete ihren Shopping-Gefährten.
Keeter grinste. "Vermutlich, weil ich nie mit Puppen spielen durfte, als ich klein war."
Sie gingen weiter, bummelten durch die verwinkelten Gassen der Hafenstadt, vorbei an den zahlreichen Pubs Galways und den alten Steinhäusern, die noch den Einfluß der Spanier zeigten, mit denen Galway einst Handel betrieben hatte. Überall sah man Straßenakrobaten, die auf Drahtseilen dicht über dem Boden balancierten und Geige spielten. Weiße Schwäne schaukelten auf dem Wasser des Flusses und schnappten nach den Brotkrumen der Touristen.
Keeter ging ein paar Schritte weiter, zu einem Stand auf dem Markt Galways, der traditionellen irischen Schmuck verkaufte. Als er über die Schulter sah, um zu prüfen, ob Skates ihm folgte, sah er gerade noch, wie zwei Männer in dem Gedränge des Marktes über Skates stolperten und beinahe einen Kilt-Stand umrissen. "Man kann dich aber auch keine Minute alleine lassen, Donna Juana!" begrüßte er Skates kopfschüttelnd, "Ich drehe dir nur kurz den Rücken zu und schon werfen sich dir die Männer zu Füßen!"
"Sieht so aus, als würden sie meinen Ehemann nicht als ernstzunehmenden Rivalen betrachten, hm?" stichelte Skates, bevor sie sich dem ausliegenden Schmuck zuwandte. "Was ist das da?" Sie nickte in Richtung eines Ringes, den es in allen Varianten überall in der Stadt gab.
Neckisch stützte Keeter das Kinn auf Skates Schulter, während er auf den Ring hinab sah. "Ah, das ist ein Claddagh-Ring. Die werden schon seit Jahrhunderten von den Frauen hier an der Westküste, rund um Galway, getragen. Sie wurden traditionell immer von der Mutter an die Tochter vererbt. Heute sind sie übrigens auch beliebte Verlobungs- und Hochzeitsringe."
Skates studierte den goldenen Ring. Eine Krone thronte auf einem Herz, das von zwei Händen gehalten wurde. "Hmm, du scheinst dich ja gut auszukennen, oh Herr der Ringe! Haben die Gegenstände, die der Ring abbildet, irgendeine Bedeutung?"
Keeter nickte, den Ring zwischen den Fingern hin und her drehend. "Das Herz symbolisiert natürlich Liebe, die Hände stehen für Freundschaft und die Krone für Loyalität. Trägt man den Ring an der rechten Hand, mit dem Herz nach außen zeigend, bedeutet das, dass man Single und immer noch auf der Suche ist. An der rechten Hand mit dem Herz nach innen bedeutet, dass es noch Möglichkeiten gibt. Trägt man ihn aber links, mit dem Herz nach innen, dann bedeutet das, dass man für immer vergeben ist," erläuterte der Pilot geduldig.
Grinsend tippte Skates den Ring in Keeters Hand an. "Vielleicht sollte ich mir einen kaufen, um die irischen Männer darauf hinzuweisen, dass ich nicht so vergeben bin, wie ich scheine," überlegte sie spielerisch.
Keeter richtete sich zu seiner vollen Größe auf und schüttelte energisch den Kopf. "Würde ich dir nicht raten."
"Ah, komm schon, kann mein Herr Gemahl nicht mal ein wenig Konkurrenz vertragen?" neckte Skates, ihn schelmisch auf die Schulter boxend.
"Nicht deshalb," behauptete Keeter betont würdevoll, "es soll Unglück bringen, wenn man sich einen Claddagh-Ring selbst kauft. Er muss einem als Geschenk gegeben werden."
Skates klatschte begeistert in die Hände, als ihr eine Idee kam. "Hey, Geschenk! Das ist *das* Stichwort! Wir könnten Harm und Mac zwei dieser Ringe mitbringen, was meinst du?"
"Ringe! Gute Idee!" Begeistert bedeutete Keeter dem Händler, zwei der Ringe einzupacken. "Ich wette, meine Mailbox quillt schon über mit lauter Warnungen von Harm, bei der Trauung ja nicht die Ringe zu verlegen. Ein Ersatzpaar kann da nicht schaden."
Mit dem neu erstandenen Hochzeitsgeschenk schlenderten sie zurück zu ihrer luxuriösen Unterkunft, dem Great Southern Hotel. Im hauseigenen Restaurant genossen sie das Abendessen und den Sonnenuntergang.
Schließlich lehnte sich Skates gegen eine Säule im Foyer und sah zu, wie Keeter die Fluggesellschaft anrief und sich nach der Abflugzeit ihres Flugzeugs erkundigte. "Neun Uhr!" verkündete er, demonstrativ die Notiz, die er sich eben gemacht hatte, schwenkend.
Skates verrenkte sich fast den Hals, bis sie feststellte, dass der Zettel nicht etwa auf dem Kopf stand, sondern dass Keeters Schrift an sich so unleserlich war. "In welcher ägyptischen Steinmeißel-Schule hast du denn diese Hieroglyphen erlernt?" erkundigte sie sich skeptisch.
"Ich bin Linkshänder," verteidigte sich Keeter.
Skates versetzte ihm einen zarten Kinnhaken. "Unsinn, ich weiß genau, dass du Rechtshänder bist!"
"Na, siehst du, ich bin ein Linkshänder, der im Körper eines Rechtshänders gefangen ist – und da erwartest du Schönschrift von mir?" Mit langen Schritten durchquerte Keeter das Foyer. "Hey, Skates, wie wär’s mit einer Runde im Pool?" Er nickte nach oben, in Richtung Dach, wo sich der Swimming Pool des Hotels befand.
"Jetzt? Keeter, es ist längst dunkel geworden!" erinnerte Skates.
"Na, um so besser – dann sieht niemand, dass wir nackt baden," meinte Keeter ungerührt.
Skates schleuderte zielsicher den Zettel, den sie ihm abgenommen hatte, nach ihm. "Das hättest du wohl gerne!"
"Schuldig, Euer Ehren," gab Keeter grinsend zu. "Aber jetzt mal im Ernst, ich finde, wir sollten unseren letzten Abend im Schlaraffenland ausnutzen und den Swimming Pool genießen."
"Was heißt hier ‚jetzt mal im Ernst’," Skates stupste ihren Begleiter neckisch mit dem Ellenbogen an, während sie ihn weg vom Aufzug und hin zur Treppe dirigierte, "war es etwa nicht dein Ernst, dass du mich gerne mal nackt sehen möchtest?"
Keeter zuckte die Schultern. "Oaach, sehen? Mein Mechaniker auf der Enterprise sagt immer, man solle nie seinen Augen trauen, eine manuelle Inspektion aller zugehörigen Teile sei immer besser..." Weiter kam der Pilot nicht, denn ihm fehlte die Luft zum Sprechen, als er plötzlich von einer wilden Amazone die fünf restlichen Stockwerke bis zum Pool hinaufgejagt wurde. "Hey, Skates!" presste er atemlos hervor, als er mit dem Rücken gegen die Umkleidekabinen stieß und ihm kein Fluchtweg mehr blieb, "Ich wiederhole ja nur, was mein Mechaniker gesagt hat. Und außerdem: Du hast es schon wieder getan!"
"Ich tue was?" fragte Skates, sich drohend dicht vor ihm aufbauend.
"Du flirtest!" beschuldigte Keeter die Jägerleitoffizierin, heimlich die spielerischen Interaktionen und ihre Nähe genießend.
"Das tue ich *nicht*!"
Eine ältere Dame hob den Kopf aus ihrem Moorbad. "Könnten Sie bitte Ihre Lautstärke drosseln oder woanders weiterflirten?"
Keeter und Skates sahen sich schuldbewusst an und schlichen davon. "Siehst du," murmelte Keeter halblaut, "sie findet auch, dass du flirtest und sie kennt dich nicht mal!" Er unterbrach ihre Proteste, indem er sich in eine der Umkleidekabinen zurückzog.
"Wow! Wir sind ein Traumpaar – vom Schicksal dazu bestimmt, zusammen zu sein!" kommentierte er, als sie sich zehn Minuten später wieder vor dem Pool trafen. "Unsere Badebekleidung ist farblich aufeinander abgestimmt und außerdem wurde dieselbe Menge Stoff für meine Shorts verwendet wie für deinen... was auch immer." Bewundernd musterte er Skates’ knappen blauen Bikini.
Strafend zog Skates an der Kordel von Keeters Badeshorts. "Kein Sabbern ins Badewasser, klar, Pilot?"
Sie schwammen von dem überdachten, beheizten Teil des Pools hinaus ins Freie. Die kühle Nachtluft ließ ihre nassen Körper dampfen, als sie schließlich nebeneinander in den Whirlpool kletterten.
"Ich kann’s einfach nicht glauben, dass heute schon unser letzter Tag in Irland ist!" seufzte Skates nach einer Minute des Schweigens.
Keeter hob die Lider und sah sie an. Skates bemerkte, wie seine grauen Augen vom Mondlicht in pures Silber verwandelt wurden. "Hmm, du wirst deinen treusorgenden Ehemann sicher vermissen, stimmt’s?"
Skates schnaubte und verschluckte sich dabei beinahe an dem chlorhaltigen Wasser. Keeters stützender Arm bewahrte sie vor einem Hustkonzert. <Na, ja... wenn ich ehrlich bin... ich werde ihn vermissen – ein ganz, ganz, gaaaaanz *kleines* Bisschen nur, natürlich!> Bei all dem draufgängerischen Piloten-Image, das er ständig aufrechtzuerhalten versuchte, war er doch eine ruhige Präsenz – einfühlsam, humorvoll, nicht-fordernd. <Fast ein bisschen wie ein großer Bruder,> redete sie sich selbst ein, <- außer natürlich, dass ich ein Einzelkind bin und dass Keeter zugegebenermaßen besser als meine männliche Verwandtschaft in Badehosen aussieht.>
2243 Z-Zeit (18:43 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Also...," Mac bearbeitete mit den Zähnen heftig das Ende ihres Kugelschreibers, "... von JAG wären das der Admiral, dann natürlich Harriet und Bud, der Gunny, Tiner, Commander Mattoni, Carolyn, plus die jeweiligen Begleitungen..."
Harm hielt in seiner Fußmassage inne. "Und dann wären da noch Meg Austin und Caitlin Pike – ich meine, natürlich nur, wenn du meine ehemaligen Partnerinnen... Arbeitskollegen einladen möchtest?" Behutsam begann er, sich Macs Wade hinaufzuarbeiten, während er aufmerksam ihre Reaktion auf Kates Namen beobachtete.
Mac nickte, ohne von ihren Schreibarbeiten aufzusehen. "Na klar. Und wenn wir schon mal dabei sind, du kannst ruhig auch ein paar deiner Fliegerkollegen und Tom Boone einladen."
Harm lächelte, froh darüber, dass sie ihm so sehr vertraute, dass sie keinen Gedanken daran verschwendete, Kate, mit der er eine kurze Liaison gehabt hatte, nicht einzuladen. "Vielleicht möchtest du ja auch John Farrow einladen? Ich meine... falls du es nicht seltsam findest, unsere Ex’s bei der Hochzeit dabeizuhaben."
Mac hob Harms Hand, die noch immer ihre Wade massierte, und küsste sie liebevoll. "Also, ich muss zugeben, dass ich bei Renee die Grenze ziehen würde," aus ihrer auf der Couch liegenden Position lächelte sie ihn von unten herauf schelmisch an, "aber Kate und John waren doch viel länger gute Kollegen und Freunde für uns als alles andere, oder?"
"Hmm, ich bin ein Glückspilz," zufrieden zog Harm Mac an sich, "meine Zukünftige ist nicht nur schön und intelligent, sondern auch noch verständnisvoll."
Ihre Lippen trafen sich und verschmolzen miteinander.
Granny humpelte zur Türe herein. "Kaum lässt man euch aus den Augen, schon haltet ihr euch wie die Schlingpflanzen in den Armen. Ich dachte, ihr würdet die Gästeliste erstellen und Einladungen schreiben? Das hier sieht eher so aus, als würdest du versuchen, herauszufinden, was Sarah zum Lunch gegessen hat – mit deiner Zunge."
Widerstrebend löste sich Harm von Mac. "Weißt du, Granny, mein erster Impuls war es eben, dir zu sagen, wohin du dir ... was du mit der Gästeliste tun sollst, aber dann hab ich mir gesagt, dass es keinen Grund dafür gibt, warum wir uns *beide* wie 5jährige benehmen sollten," erklärte er liebenswürdig.
Mac studierte inzwischen schon wieder die Gästeliste. "Dann natürlich Keeter und Skates..."
"... die ich noch immer vergebens zu erreichen versuche. Keine einzige meiner Mails wurde beantwortet!" beschwerte sich Harm.
"Das ist seltsam," bestätigte Granny unschuldig und spielte mit ihrer Krücke, "dabei sind Elizabeth und Jackson doch sonst so zuverlässig. Wo die nur sein können?"
Mac hakte Namen auf ihrer Liste ab. "Dann natürlich deine Familie. Trish, Frank, Granny, deine Cousine Eli, ihr Mann und die Kinder, dein Cousin Jason und seine Frau Ayita..."
"Ah-ah!" Harm hob abwehrend die Hand. "Ayita gehört genau genommen zu *deiner* Familie. Sie ist die Cousine der Frau deines Großcousins."
Mac dachte einen Moment lang darüber nach und nickte dann. "Stimmt. Hey, genaugenommen heirate ich also einen Verwandten!"
"Einen sehr weit entfernten, angeheirateten Verwandten!" betonte Harm. "Apropos Verwandte... was ist eigentlich mit deiner Familie? Willst du von deiner Verwandtschaft jemanden einladen?" Aufmunternd rieb er Macs Schulter, während er auf ihre Antwort wartete.
Seufzend lehnte Mac sich gegen ihren Verlobten. "Es wäre schön gewesen, Onkel Matt dabei zu haben. Ich hab mir immer vorgestellt, dass er mich mal zum Altar führen würde, denn eigentlich war er die einzige Vaterfigur, die ich je hatte, aber... na ja... ich würde nur ungern die Hochzeit mit der Liebe meines Lebens verschieben, bis Onkel Matt seine Jahre in Leavenworth abgesessen hat." Sie versuchte ein Lächeln, das etwas schief ausfiel.
Harm rutschte noch etwas näher und begann, sanft die Härchen in ihrem Nacken zu kraulen. "Und sonst? Was ist mit den anderen Mitgliedern deiner Familie?" erkundigte er sich vorsichtig.
"Sorry und Hazel hätte ich gerne dabei und Chloe samt ihrer Familie und dann Will, natürlich, vielleicht sogar als Brautführer..."
"Oh, nein!" Granny räumte mit dem energischen Schwung ihrer Krücke fast den Kaffeetisch ab. "Mein Göttergatte ist bereits dazu auserkoren, diesen strahlenden Moment für eure hoffentlich zahlreiche Nachkommenschaft zu verewigen und außerdem muss er meine Taschentücher halten! Besser, ihr sucht euch einen anderen Brautführer."
Mac blinzelte überrascht. Sie hätte den Sold eines Monats darauf verwettet, dass Granny ihren Mann als Brautführer sehen wollte, aber da hatte sie sich wohl getäuscht.
"Keine Sorge, Mac, ich regle das schon. Ich werde mal mit dem Admiral sprechen, er hilft da sicher gerne," versicherte Harm schnell und richtete den Blick wieder auf die Gästeliste. "Also, Will, Sorry und Hazel. Was ist mit... deiner Mutter?" erkundigte er sich sanft.
Mac nagte heftig an ihrer Unterlippe. "Ich... sie... ich weiß nicht, Harm. Eigentlich ist es ja Tradition, die Eltern zu so einem wichtigen Tag einzuladen und nachdem sie schon meine erste Hochzeit verpasst hat, sollte ich sie wirklich einladen, aber..."
"Hey," Harm zog Mac erneut gegen seinen Körper, als sie zögernd verstummte und ihn hilflos ansah, "ich wollte nicht wissen, ob du dich dazu *verpflichtet* fühlst, sie einzuladen, sondern ob du es *möchtest*. Du schuldest ihr nichts, Mac; jedenfalls nicht an diesem Tag. Dieser Tag ist für dich ganz allein." Seine Hände pressten sich enger an Macs Rücken, so als könne er all seine Gedanken und Gefühle per Osmose übertragen.
Mac, die sich sofort besser fühlte, lächelte zaghaft. "Oh, doch sicher nicht *ganz allein* für mich, oder? Ich glaube nicht, dass es mir sonderlich gefallen würde, ganz allein vor dem Traualtar zu stehen!" zog sie Harm neckisch auf.
"Ach, ich bin sicher, es wird sich schon irgendein heiratswilliger Trottel finden," warf Will von der Türe her ein. Ernst werdend trat er hinter Mac und drückte sanft die Schulter seiner Enkelin. "Ich weiß, dass dich und deine Mutter... Deanne... nicht nur schöne Erinnerungen verbinden und wenn du den ‚schönsten Tag deines Lebens’ nicht mit trüben Gedanken an die Vergangenheit überschatten, sondern nach vorne sehen möchtest, dann wird dir niemand einen Vorwurf daraus machen."
Dankbar schob Mac ihre Finger über Wills braune, kräftige Hand. "Sie könnte diesen Tag nicht überschatten, selbst wenn sie wollte. *Nichts* könnte mich an so einem Tag stören – solange ich nur meine Familie um mich herum habe." Ihr Blick wanderte von Will zu Granny und blieb dann schließlich auf Harm hängen.
"Na klar werde ich da sein – schon allein, um endlich mal das Brautkleid zu sehen," versicherte Harm scherzend.
Grannys Stirn legte sich in besorgte Falten. "Warum? Ist irgendetwas mit dem Kleid nicht in Ordnung?"
"Das wüsste ich auch gerne!" schnaubte Harm gespielt vorwurfsvoll. "Hat es vielleicht Ketchupflecken oder einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel oder warum darf ich es nicht sehen, hm?"
Mac tätschelte seine Wange. "Natürlich darfst du es sehen."
Harm strahlte. "Wirklich?"
"Na, sicher," Mac grinste listig, "– am Tag der Hochzeit. Deshalb heißt es ja auch HOCHZEITSkleid!"
05. August 2001; drei Tage vor der Hochzeit
1515 Z-Zeit (10:15 Uhr CDT)
Lago Vista, am Lake Travis
Außerhalb von Austin, Texas
Langsam schlenderte Skates über den Hof, machte einen Umweg hinüber zu den Rhododendren-Sträuchern und bummelte dann langsam über die riesige Veranda. <Reiß dich zusammen, Elizabeth Hawkes! Solche Anwandlungen von Schüchternheit hättest du haben sollen, als du dich entschieden hast, das Flugzeug hierher zu nehmen! Jetzt ist es dafür zu spät!> Trotz ihrer mentalen Aufmunterungsrede verharrte sie unentschlossen vor Keeters Haustüre.
Seit sie vor drei Wochen aus Irland zurückgekehrt waren, hatte sie Keeter nicht mehr gesehen und auch Grannys wunderbar ‚unauffällige’, herzchengeschmückte E-Mails, in denen sie der Jägerleitoffizierin Keeters Mailadresse schickte, hatte sie ignoriert. Zurück auf der USS John C. Stennis hatte sie sich mit Feuereifer auf die Arbeit gestürzt und nur aus diesem Grund – und aufgrund der Fürsprache irgendeiner unbekannten Person, die einen ziemlichen Einfluss auf ihren Geschwaderkommandanten hatte – hatte sie jetzt schon wieder Urlaub bekommen.
<Toll!> sagte sie sich ironisch, <Jetzt hab ich schon mal Urlaub und dann verbringe ich ihn damit, vor Keeters Türe zu stehen und mit mir selbst darüber zu debattieren, ob ich klingeln soll oder nicht!>
"Ist sie nicht wunderschön?" fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Überrascht drehte Skates sich um und sah sich einem grinsenden Keeter gegenüber.
"Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mir gedacht: ‚Das ist die Tür, hinter der ich leben will’," fuhr der Pilot amüsiert fort.
Er kam mit ein paar Einkaufstüten die Stufen zur Veranda hoch und Skates trat automatisch vor, um ihm etwas davon abzunehmen. "Ich... ähm... ich war nicht ganz sicher, ob du zuhause bist," erklärte sie nach kurzer Pause.
"Ah, und deshalb hast du deinen Röntgen-Blick benutzt, um festzustellen, ob ich irgendwo im Haus bin, hm?"
Skates kam nicht zu einer Antwort. Der Welpe, der zu der Leine in Keeters Hand gehörte, tauchte plötzlich aus den Rhododendrenbüschen auf. Amaretto begrüßte Skates wie eine alte Bekannte. Freudig bellend sprang die nun drei Monate alte Hündin an Skates hoch. Die weiße Schwanzspitze wedelte begeistert.
Die Leine, die an Amarettos Halsband befestigt war, schlang sich mehrmals um Skates und Keeter, als der Welpe um sie herumlief, und zwang die beiden Piloten schließlich in eine Haltung, die einer Umarmung glich.
Keeter räusperte sich ein wenig verlegen, während er einen Arm um Skates legte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. "Langsam kommt mir der Verdacht, dass meine Mutter meinen Hund zu Granny in die Hundeschule gegeben hat, während ich nicht da war!"
"Dein Hund?" hakte Skates grinsend nach, "Ich dachte, du hast Rett für deine Mutter gekauft? Oder gehörst du etwa zu den Männern, die sich nur deshalb Kinder anschaffen, um mit Eisenbahnen spielen zu können?"
Keeter schüttelte den Kopf. "Ich schätze, dazu fehlt mir ein bisschen was."
"Eine Lokomotive?"
Keeter rollte mit den Augen. "Eine Frau, Skates, eine Frau."
Skates versetzte ihm einen leichten, kameradschaftlichen Schlag auf den Arm. "Ah, komm schon, Jackson Díarmuid Keeter, der große Pilot und Frauenheld, hat doch nicht etwa Probleme, eine Frau zu finden?"
"Im Moment habe ich eher Probleme, eine bestimmte Frau *loszuwerden*," scherzte Keeter, auf ihren aneinandergeketteten Zustand verweisend. Endlich schaffte er es, die Leine zu entwirren und sich und Skates zu befreien.
"Ähm...," ein wenig verlegen sah Skates zwischen Keeter und der Tür hin und her, "ich bin eigentlich nur hier, um..."
"Hey, wie wäre es, wenn wir erst mal frühstücken gehen und dann erzählst du mir das ganz in Ruhe?" schlug Keeter vor, während er die Türe aufschloss, um die Einkaufstüten abzustellen, bevor er wieder umdrehte. "Ich treffe mich nachher ohnehin mit meiner Mutter im Mozart’s." Er wirkte, als wäre es ihm eigentlich ganz egal, warum Skates hier war – solange sie nur blieb.
Eine halbe Stunde später parkten sie vor einem weißen Steinhaus, auf dem ein großes Schild in verschnörkelten Buchstaben "Mozart’s" verkündete. Durch eine hohe, bogenförmige Eingangstüre betraten sie das berühmte Café mit seiner angeschlossenen Bäckerei und Rösterei.
Das erste, was Skates bemerkte, war der unverwechselbare Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen. Im Mozart’s gab es Gourmetkaffees aus aller Welt zu probieren. Im Hintergrund klimperte ein Pianist auf dem Klavier.
Skates entschied sich für den Schokoladen-Erdbeer-Käsekuchen und den Karamell-Eiskaffee, während Keeter die italienische Crèmetorte mit Walnüssen und einen Cappuccino wählte. Mit Kuchenteller und Tassen bewaffnet suchten sie sich einen Platz auf der Holzveranda hinter dem Haus. Sie saßen unter uralten, schattigen Eichen und genossen ihren Kuchen und den Blick auf Lake Austin.
"Also," begann Skates zwischen zwei Bissen des Käsekuchens, "da ich gerade in der Nähe zu tun hatte, hab ich mir gedacht, ich passe dich hier in Austin ab, dann können wir heute Nachmittag gemeinsam nach Pennsylvania fliegen."
Keeter nippte an seinem Cappuccino. "Ach, so. Und ich dachte schon, du hättest mich vermisst!" Er schob die Unterlippe vor wie ein schmollender Dreijähriger.
"Dieser Blick hat dir damals nicht geholfen, als du keinen Spinat essen wolltest und er wird dir auch heute nicht bei deiner Freundin weiterhelfen, Derry!" sagte plötzlich eine amüsierte weibliche Stimme.
Skates sah auf und blickte in die grünen Augen von Keeters zierlicher, irischstämmiger Mutter.
"Ma, hör endlich auf, mit Granny zu chatten!" ermahnte Keeter. "Erstens ist Skates nicht meine Freundin und zweitens hab ich sehr wohl meinen Spinat gegessen!" Zum Beweis hob er seinen Arm und zeigte seinen beachtlichen Bizeps vor.
Caireann Keeter stellte ihren Käsekuchen ab, begrüßte die freudig bellende Amaretto und setzte sich. "Ich wollte Derry etwas für Sie mitgeben, aber wie ich sehe, haben Sie es vor Sehnsucht nach meinem unmöglichen, aber gutaussehenden Sohn nicht mehr ausgehalten," Cai zwinkerte Skates zu, "und ich kann es Ihnen persönlich geben."
"Ma!" stöhnte Keeter. "Ich hab dir gesagt, dass ich es nicht mitnehme!"
Cai Keeters grüne Augen funkelten koboldhaft. "Musst du ja auch nicht, ich gebe es Skates persönlich." Sie schob einen gefütterten Umschlag über den Tisch und blinzelte Skates verschwörerisch zu.
"Ma, bitte! Ich weiß wirklich nicht, ob Skates das..."
"Meine Güte, Derry! Du tust ja gerade so, als ob ich Skates Nacktfotos von dir verkaufen wollte!" Kopfschüttelnd betrachtete Mrs. Keeter ihren Sohn.
Skates griff grinsend nach dem Umschlag. "Vielleicht lohnt es sich doch, das Geschenk anzunehmen."
Cai nickte und schloss Skates Finger enger um den Umschlag. "Erst öffnen, wenn Sie im Flugzeug sitzen, sonst kommen Sie vielleicht doch noch auf die Idee, es zurückgeben zu wollen."
Skates steckte den Umschlag ein. "Vielen Dank, Mrs... ähm, Cai."
Gemütlich aßen sie ihren Kuchen zuende und verabschiedeten sich von Caireann und Amaretto.
Auf dem Weg zurück zu Keeters Haus blieben sie im dichten Straßenverkehr der ersten Pendler auf dem Weg nach Hause stecken. "Wieso heißt das hier eigentlich ‚Rush Hour’?" Frustriert trommelte Keeter auf dem Lenkrad herum. "Hier geht überhaupt nichts *rasch*! Und wenn das so weiter geht, dann werden auch noch mehr als nur eine Stunde hier stehen!"
Als sie schließlich in Lago Vista ankamen, war mehr Zeit vergangen, als sie geplant hatten, und Keeter stellte entsetzt fest, dass er noch nicht geduscht und gepackt hatte.
"Du duschst und ich helfe!" entschied Skates resolut, als sie Keeters Haus betraten.
Keeter grinste anzüglich. "Beim Duschen?" Erwartungsvoll hob er die Brauen.
"Beim Packen!" Skates gab ihm einen Schubs in Richtung Badezimmer, um ungestört in Keeters Klamotten wühlen zu können.
Zwei Stunden später befanden sie sich an Bord einer Boing 737, die Harrisburg International Airport in Pennsylvania ansteuern würde. Keeter ließ Skates gentlemanlike am Fenster Platz nehmen und quetschte seinen hochgewachsenen Körper in den Mittelplatz. "Ich fühle mich wie eine Sardine!" beklagte er sich, während er versuchte, das Zellophan von seinem Sandwich zu entfernen, ohne der alten Dame zu seiner linken den Ellenbogen ins Gesicht zu rammen. "Nein, vergiss, was ich gesagt habe – ich fühle mich schlimmer als eine Sardine. Sardinen haben wenigstens den Vorteil, dass sie tot sind, wenn sie das hier ertragen müssen!"
Skates lachte nur, versuchte, es sich gemütlich zu machen und fischte den Umschlag aus ihrem Handgepäck. Als sie ihn aufriss, fiel ihr ein goldener Claddagh-Ring in die Hände.
"Ich hab meiner Mutter nach unserer Reise erzählt, dass du dir eigentlich einen Claddagh-Ring kaufen wolltest," erklärte Keeter, als er Skates überraschten Blick sah, ein wenig verlegen, "und da hat sie beschlossen, dir ihren Ring zu schenken."
Noch immer fassungslos starrte die Jägerleitoffizierin auf den Ring hinab. Ihr wurde rasch klar, dass dies keines der nagelneuen, funkelnden Schmuckstücke aus den Touristenständen war; dieser Ring war älter und zierlicher, nicht darauf ausgelegt, Touristen zu beeindrucken. "Aber Keeter... sagtest du nicht, dass der Ring traditionell in einer Familie immer von der Mutter auf die Tochter vererbt wird?"
Keeter nickte. "Ich habe drei Brüder, schon vergessen? Keine Tochter weit und breit, daher hat Ma beschlossen, dass du den Ring erben sollst."
"Ich?" Skates zappelte unruhig in ihrem Sitz herum. "Aber warum denn ich? Deine Mutter hat doch wenigstens Schwiegertöchter, denen sie den Ring hätte geben können."
Keeter zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, vielleicht waren die ihr zu unirisch."
"Bin *ich* vielleicht irisch?" fragte Skates ungläubig. Sie wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. "Keeter, ich bin in etwa so irisch wie ein chinesischer Reisbauer!"
Der Pilot lachte. "Ich weiß, aber Ma hat so entschieden und dabei bleibt es. Der Ring gehört dir, also zieh ihn schon an!"
Zögernd sah Skates zwischen dem Ring und Keeter hin und her.
"Hey." Keeter schob seine Hand für einen Moment über ihre und drückte sanft zu. "Da steckt nichts dahinter, ehrlich. Keine Heiratsversprechungen, keine finanziellen Verpflichtungen, nichts. Ma wollte dir einfach nur eine Freude machen, weil sie dich mag, okay?"
Noch immer ziemlich verdutzt betrachtete Skates den Ring, drehte ihn kurz nach allen Seiten, bevor sie schließlich nickte und den Ring mit dem Herz nach außen weisend über den rechten Ringfinger schob. Er passte perfekt.
"Nein, nicht so rum," korrigierte Keeter sofort. Er zog ihr den Ring vom Finger, drehte ihn und schob ihn auf den Ringfinger der linken Hand. "So herum, sonst erzielst du nicht den erwünschten Effekt bei Männern." <Jedenfalls nicht den von *mir* erwünschten!>
"Ah." Skates nickte. "Ich weiß, du hast mir das mal erklärt, aber ich wusste nicht mehr so genau, welche Ringposition nun ‚Single’ bedeutet."
Keeter sah auf den ein wenig verkratzten, von Generation zu Generation weitergegebenen Ring an ihrem Finger hinab und meinte grinsend: "Ich wette, jetzt bereust du, dass du dich nicht für die Nacktfotos von mir entschieden hast, hm?"
06. August 2001; zwei Tage vor der Hochzeit
1248 Z-Zeit (08:48 Uhr EST)
Saint-John’s-Kirche
Belleville, Pennsylvania
Keeter schlug die Autotüre zu und sah sich um. Von den anderen Beteiligten an der Hochzeit war noch nichts zu sehen. "Ich hab dir ja gesagt, wir sind zu früh dran."
Skates stiefelte unbeirrt auf die Kirche zu. "Aber nur ein paar Minuten – und die solltest du wirklich dringend dazu benutzen, deine Sünden zu beichten, bevor du übermorgen als Trauzeuge vor dem Altar stehst!" neckte sie ihren Begleiter.
Sie öffnete die schwere Holztüre der Kirche, nur um sie gleich wieder erschrocken zuzuschlagen, als sie nicht wie erwartet eine leere Kirche vorfand. "Uff! Sieht so aus, als ob hier noch eine Beerdigung stattfände!" Überrascht drehte sie sich zu Keeter um. "Ist schon ein wenig merkwürdig, oder? Erst eine Beerdigung und kurz darauf ist die Kirche für eine Hochzeits-Generalprobe gebucht."
Keeter zuckte grinsend die Schultern. "Na ja, es gibt Leute, die würden behaupten, dass eine Hochzeit kein viel freudigerer Anlass ist als eine Beerdigung."
"Ich nehme mal an, dass du und der Rest der unverheirateten männlichen Piloten zu diesen Leuten gehört, hm?"
Sie nahmen auf einer der Bänke vor der Kirche Platz, um zu warten.
"Na ja," Keeter scharrte mit den Schuhen im Kies, der den Weg zur Kirche säumte, "ich muss zugeben, dass ich nie ein besonders großer Fan der Ehe war, da hast du wohl recht," gestand er zögernd. Er drehte den Kopf und beobachtete Skates aufmerksam. "Und du? Was ist mit dir?"
"Ich ziehe Hochzeiten Beerdigungen vor," erklärte Skates ausweichend.
Keeter pflückte einen Kieselstein aus seinem Schuhprofil. "Nein, ich meine, was hältst du von der Ehe?"
Skates starrte ein wenig unbehaglich auf den Ring an ihrer Hand hinab. "Wenn sich zwei Personen, die sich lieben, für den Rest ihres Lebens zusammen tun wollen... warum nicht?" Sie zuckte mit den Schultern.
"Und was hältst du persönlich von der Ehe? Für dich?" hakte Keeter beharrlich nach.
Skates lächelte neckisch. "Soll das etwa ein Antrag sein, Jackson D. Keeter?!"
Keeter riss die Augen auf. Abwehrend hob er die Hände. "Ach, was, nein, nein, natürlich nicht! Ich frage nur so rein theoretisch!" beeilte er sich zu versichern. "Also?"
Skates seufzte. "Ich glaube kaum, dass ich Macs Beispiel bald folgen werde – wenn überhaupt." Sie grinste und klopfte Keeter auf die Schulter. "Wir Piloten sind mit unserem Job verheiratet, schon vergessen?"
Sie warf einen Blick auf die Uhr. "Hey, es ist schon Viertel nach neun! Sollten die anderen nicht längst da sein?"
"Ich würde ja vermuten, wir haben uns in der Kirche geirrt, aber in Belleville gibt es nur diese eine Kirche. Und die Uhrzeit stimmt auch; Granny hat mir drei Mal ausdrücklich gesagt, dass wir pünktlich um neun Uhr an der Kirche sein sollen!"
Zehn Minuten später endete die Beerdigung, aber noch immer war nirgendwo eine Spur von den anderen Teilnehmern an der Generalprobe zu sehen. Kurz nach 9.30 Uhr hielten zwei Lieferwagen vor der Kirche, der eine mit der Aufschrift ‚Blumen Rhynes’, während der andere den Schriftzug ‚Conway Floristik’ trug. Ein hochgewachsener Mann und eine junge Frau stiegen aus und begannen, Blumen auszuladen.
"Entschuldigen Sie bitte," sprach Skates die beiden an, als sie die Kirchentüre erreichten, "bringt zufällig einer von Ihnen beiden die Blumendeko für die Rabb-MacKenzie-Hochzeit?"
Der Mann nickte. "Ja, ich."
"Und ich," fügte die junge Frau lächelnd hinzu.
"Granny hat *zwei* Gärtnereien damit beauftragt?" wunderte sich Keeter.
Die beiden Floristen grinsten sich an. "Na ja, wenn man es genau nimmt, ist es eigentlich nur noch einen Gärtnerei, wir hatten nur noch keine Zeit, die Vans umzuspritzen. Es müsste eigentlich ‚Rhynes & Conway Floristik’ heißen," erklärte der Gärtner stolz.
"Dann sind Sie also eine Partnerschaft eingegangen?" erkundigte sich Skates.
Die junge Frau verlagerte das Blumengesteck, das sie trug, auf den linken Arm, um die rechte Hand nach ihrem Partner auszustrecken. "Ja, und zwar in doppelter Hinsicht. Wir haben uns kürzlich verlobt und uns entschlossen, die Kirche zur Hochzeit von Mrs. Rabbs Enkeln ganz umsonst zu dekorieren. Schließlich hat uns erst Mrs. Rabb überhaupt zusammen gebracht."
Keeter und Skates tauschten einen vielsagenden Blick. Noch zwei ahnungslose Menschen waren also zum Opfer von Grannys Lieblingshobby geworden.
"Ähm... Sie wissen nicht zufällig, wann die Generalprobe heute anfängt?" erkundigte sich Skates.
"Um 10 Uhr und deshalb sollten wir uns jetzt auch beeilen, um noch vorher fertig zu werden!" Die beiden Floristen hasteten an ihnen vorbei und verschwanden samt Blumen in der Kirche.
"10 Uhr?" wiederholte Skates verdutzt, "Ich hätte schwören können, dass Granny neun Uhr gesagt hat."
Keeter nickte mit Nachdruck. "Ich auch. Ich wette, sie hat uns beide absichtlich schon eine Stunde früher zur Kirche gelotst, damit wir hier dumm rumsitzen, mit nichts Besserem zu tun, als miteinander über die tiefsinnigen Dinge des Lebens zu sprechen – wie das Heiraten und die Ehe zum Beispiel."
"Was wir natürlich auch brav getan haben," grummelte Skates verärgert.
Keeter sah zu den beiden Lieferwagen hinüber. "Ich möchte nur zu gerne wissen, wie viel Paare Granny schon verkuppelt hat!"
"Wahrscheinlich füllen die Nachkommen ihrer ‚Opfer’ bereits ganze Schulklassen und bezahlen fleißig Grannys Rente," meinte Skates kopfschüttelnd.
Harms SUV rollte auf den Parkplatz vor der Kirche. Sie beobachteten, wie Harm ausstieg und die Beifahrertüre öffnete, um Granny aus dem Wagen zu helfen.
"Ich dachte, du wärst deinen Gips endlich los?" meinte Keeter zur Begrüßung, großzügig über ihren neuesten Verkupplungsversuch hinwegsehend.
"Bin ich auch, aber ich hab beschlossen, die Krücke noch ein Weilchen zu behalten. So eine Krücke kann wirklich nützlich sein, wenn man eine Hochzeit plant," erklärte Granny und schwang zur Verdeutlichung ihre Krücke wie ein Dirigent seinen Stab.
Unruhig sah Harm sich um. "Ist Mac schon da?" erkundigte er sich. Sie hatten vereinbart, dass sie getrennt eintreffen würden, um den feierlichen Einzug der Braut in die Kirche zu simulieren.
Keeter schüttelte den Kopf. "Noch nicht, aber mit einer Frau, die die Uhrzeit genauer angeben kann als mein Funkwecker kannst du sicher sein, dass sie pünktlich zur Trauung an der Kirche sein wird," scherzte der Pilot, "und euer Ehevertrag sollte eigentlich garantieren, dass sie nicht mit dem Tafelsilber durchbrennen wird. Ihr habt doch Gütertrennung vereinbart, oder?"
"Wir haben keinen Ehevertrag aufgesetzt," antwortete Harm abwesend. Er reckte noch immer den Hals und sah erleichtert Macs Corvette eintreffen.
"Was? Komm schon, Harm, du bist Anwalt, du solltest eigentlich wissen, wie schnell heutzutage Ehen schief gehen... solche Dinge passieren und man sollte dann abgesichert sein," wandte Keeter vernünftigerweise ein.
Harm zuckte die Schultern, während er über Keeters Schulter hinweg seiner sich nähernden Braut zulächelte. "Ich weiß, ich weiß, aber für uns persönlich halte ich nichts von einem solchen Vertrag. Ich mag nicht, was er über unsere Beziehung impliziert. Es ist uns beiden ernst damit, uns die ‚Ewigkeit’ zu versprechen, warum brauchen wir also ein Dokument, das regelt, wer was bekommt, wenn wir uns trennen?"
Mac, die jetzt bei der wartenden Gruppe angekommen war, hatte die letzten Sätze gehört. Ihre Hand glitt beruhigend über Harms Arm. "Hey, Flyboy, ein solcher Vertrag sagt nichts über unsere Beziehung aus. Es ist nur ein Stück Papier, das unsere Beziehung nicht beeinflussen kann, aber für den Fall der Fälle..."
Harm schüttelte immer noch vehement den Kopf.
Die geübte Anwältin sah schnell ein, dass sie mit dieser Argumentation nicht weiterkommen würde. Rasch wechselte sie die Taktik. "Aber stell dir mal vor, etwas wirklich Bizarres würde passieren... was wäre zum Beispiel, wenn du über meine Hausschuhe stolperst, fällst und plötzlich an Amnesie leiden würdest? Stell dir vor..."
"Dann würde ich mich einfach wieder neu in dich verlieben," unterbrach Harm entschlossen.
"Harm, wirklich, Keeter hat recht, so ein Vertrag würde doch eigentlich nur etwas Positives über unsere Beziehung aussagen. Er versichert dir, dass ich dich nicht wegen deines Geldes, sondern nur wegen deines Körpers heirate," meinte Mac schelmisch lächelnd.
Harms Augenbrauen wanderten in die Höhe. "Wegen meines Körpers? Nicht wegen meiner Intelligenz oder meines Charmes oder..."
"Nein, wegen deines Körpers." Mac kicherte.
"Harmon," mischte Granny sich ein, "ich denke, du solltest deinen heißbegehrten Körper jetzt langsam lieber mal in Richtung Kirche bewegen." Auffordernd stupste sie ihren Enkel mit ihrer Krücke an.
Harm schluckte und griff nach Macs Hand, um einen Kuss auf die Handfläche zu hauchen. Als er den langen Gang zum Altar entlang schritt, verwandelten sich die Schmetterlinge, die sich schon den ganzen Morgen in seinem Bauch eingenistet hatten, in ausgewachsene Elefanten.
Nervös warf er Keeter einen Blick zu. "Du weißt noch, an welcher Stelle du dran bist?" vergewisserte er sich zum wiederholten Mal.
"Na klar. Wenn der Pfarrer fragt, ob jemand Einwände gegen die Ehe vorzubringen hat..." Keeter lachte über den mörderischen Blick, den Harm ihm zuwarf. "Beruhige dich, Kumpel, ich weiß schon, was ich zu tun habe. Ein wenig mit Chloe über die Ringe zu wachen, werde ich gerade noch schaffen."
Eine breit grinsende Granny stolzierte den Gang zwischen den Kirchenbänken hinab, mit beiden Händen großzügig Rosenblätter über ihre Schultern streuend – sie ersetzte in der Generalprobe die Blumenmädchen, die erst morgen in Belleville eintreffen würden.
Harm nestelte nervös an den Ärmeln des weißen Hemdes, das seine Dress Whites Uniform simulieren sollte. "Wo bleibt die Musik?! Ich hoffe, das läuft übermorgen besser!"
"Die Musik spielt längst, Alter!" Keeter rollte die Augen. "Beruhige dich und hör auf, deinen Trauzeugen in den Wahnsinn zu treiben! Ich würde Mac nur ungern zur Witwe machen, bevor sie überhaupt Gelegenheit hatte, dich zu heiraten."
Harm wurde plötzlich ganz still und starrte in Richtung Kirchenportal. "Da ist sie!" Mac kam in einem einfachen Sommerkleid auf ihn zu. Leichtfüßig tappten ihre Sandalen über den Marmorboden. <Benehmt euch!> befahl Harm den Riesen-Schmetterlingen in seinem Magen, als er versuchte, sich vorzustellen, welche Wirkung Mac erst auf ihn haben würde, wenn sie tatsächlich ihr Brautkleid trug.
06. August 2001; zwei Tage vor der Hochzeit
1602 Z-Zeit (12:02 Uhr EST)
Saint-John’s-Kirche
Belleville, Pennsylvania
"Harm, ich würde ja gerne mit dir an einem romantischen Fleckchen spazieren gehen, wirklich!" versicherte Mac mit sehnsüchtig glänzenden braunen Augen. "Aber die Entführung der Braut am Ende der Hochzeitsprobe ist nun mal Tradition." Bedauernd gestikulierte sie mit dem Generalproben-Brautstrauß.
"Laut Hausregel Nummer drei bin *ich* aber als nächstes dran, dich zu entführen!" schmollte Harm spielerisch.
Mac schüttelte lachend den Kopf. "Irrtum. Hausregel drei, Unterabschnitt c besagt ganz klar, dass Entführungen an Hochzeiten nicht unter den allgemeinen Kidnapping-Plan fallen."
"Hochzeiten?" echote Harm, "Mehrzahl? Wie oft willst du denn in deinem Leben noch heiraten?"
Mac zwinkerte ihm kokett zu. "Es gibt Männer, die sind es wert, immer wieder geheiratet zu werden... von derselben Frau, natürlich."
"Haaaarmoooon?" rief Granny quer durch die Kirche, "Kannst du mal kurz kommen, bitte?"
Harm hauchte Mac entschuldigend einen Kuss auf den Mundwinkel, bevor er zu seiner Großmutter hinüber eilte. "Was gibt’s denn, General?"
Grannys silberne Augenbrauen wanderten in die Höhe. "Nicht, dass er mir nicht zustünde, aber wie komme ich plötzlich zu einem so hohen Rang?"
Harm zuckte die Schultern und hakte die alte Dame unter. "Ich dachte, das ganze hier hieße *General*probe, weil du sämtliche Beteiligten wie ein General herumkommandierst," scherzte er. "Also, was kann ich für dich tun?"
"Oh... jetzt hab’ ich prompt vergessen, warum ich dich überhaupt rübergerufen habe... muss wohl das Alter sein," meinte Granny mit einem bedauernden Lächeln.
Als Harm sich wieder zu seiner Verlobten umdrehte, musste er feststellen, dass jemand die Gelegenheit genutzt hatte, um sie zu entführen. Von Skates, Bud und Harriet war plötzlich auch keine Spur mehr zu finden.
Keeter trat neben ihn und klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. "Keine Sorge, Kumpel, als Trauzeuge stehe ich dir natürlich bei der Suche nach deiner Braut bei – quer durch sämtliche Kneipen der Stadt."
"Aber nicht, dass du nach der falschen Braut suchst, Keeter," warf Will grinsend ein. Er und Granny begannen, eine lautstarke, aber ziemlich unmelodische Version von ‚I left my heart in San Francisco’, der Stadtballade von Skates Herkunftsort, zum Besten zu geben.
Keeter rollte mit den Augen und wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. "Puh, bin ich froh, dass ich es nicht bin, der morgen in diese unmögliche Familie einheiratet!"
"Hey, Keeter, komm schon, bevor ich den Tonic-Water-Bestand der Gaststätten in halb Pennsylvania als Auslöse für meine Braut bezahlen muss!" rief Harm von der Kirchentüre her.
07. August 2001; am Tag vor der Hochzeit
2210 Z-Zeit (18:10 Uhr EST)
Bethlehem, Pennsylvania
"Ist mir ehrlich gesagt auch ein Rätsel, warum Granny ausgerechnet eine Stadt namens ‚Bethlehem’ als Ort für unseren Junggesellen- beziehungsweise Junggesellinnen-Abend ausgewählt hat," meinte Mac, während sie mit Harm vor Wills altem Jeep stand, um sich zu verabschieden. Eigentlich unterhielten sie sich beide seit elf Minuten und vierzehn Sekunden über irgendwelche relativ belanglosen Dinge, um sich nicht verabschieden zu müssen.
"Sie wollte wahrscheinlich erreichen, dass wir uns von der Weihnachtsgeschichte inspirieren lassen...," vermutete Harm grinsend, "... ein junges Paar, eine schwangere Frau..."
Hinter ihnen hupte ein ungeduldiger Autofahrer.
Mac seufzte. "Dann vermute ich, dass das Ochse und Esel sind, die zur Tränke geführt werden wollen, hm?" Sie drehte sich zu Keeter und ein paar anderen Männern aus Harms Pilotenzeit um und sah ein, dass sie es nicht länger hinauszögern konnten. "Also, Flyboy, keine Schlägereien und kein Aus-dem-Gefängnis-holen mitten in der Nacht, klar?" ermahnte sie ihren Zukünftigen scherzhaft.
"Und für dich keine Stripper, Marine!"
Mac grinste. "Geht klar. Warte, ich will mich noch kurz von den Jungs verabschieden." Sie machte Anstalten, auf die Piloten im Auto zuzugehen, aber Harm hielt sie am Ärmel fest.
"Hast du je gesehen, was Piranhas in weniger als einer Minute mit einer Kuh anstellen können?"
Mac kniff verblüfft die Augen zusammen. "Ich muss gestehen, dass ich nicht allzu gut aufgepasst habe, als wir uns letzte Woche diese Dokumentation angesehen haben. Ein gewisser Jemand, der an meinem Ohrläppchen knabberte, hat mich zu sehr abgelenkt. Aber wie kommst du jetzt überhaupt darauf?"
"Dieses Pack von Flyboys würde etwas Ähnliches mit dir anstellen, wenn du jetzt alleine da hinüber gehen würdest, so wie du aussiehst," meinte Harm. Bewundernd ließ er seinen Blick über Macs netzartiges Top und den kurzen Rock gleiten.
Keeter, des Wartens müde geworden, trat neben die Frau, für die er morgen als Trauzeuge fungieren würde, und nickte zustimmend. "Wo er recht hat, hat er recht," sagte er anerkennend.
Harm verpasste seinem Freund einen kumpelhaften Schlag auf den Arm. "Hey, hey, hey! Denk bitte an Macs Familienstand und lass deine Augen woanders, ja?!" rügte er scherzhaft.
"Macs Familienstand ist mir wohl bewusst." Mit einem unschuldigen Lächeln drehte der kräftige Pilot sich zu Mac um. "Du bist immer noch Single, mit *vagen* Plänen, vielleicht eines feeeeernen Tages einen abgehalfterten Ex-Piloten zu heiraten, richtig?"
"Ist es eigentlich zu spät, um noch den Trauzeugen zu wechseln?" erkundigte sich Harm beiläufig.
"Hey!" Keeter plusterte sich stolz auf. "Vergiss nicht, dass ich es war, der Mac gestern mit seinem untrüglichen Spürsinn so schnell gefunden und dir eine lange Getränkerechnung erspart hat, ja?!"
Harm gab seinem ältesten Freund einen spielerischen Schubs in Richtung Auto. "Untrüglicher Spürsinn, pah! Du bist einfach nur geradewegs ins teuerste Restaurant der Stadt gefahren, weil du Hunger hattest!"
"Ja, und genau da haben wir deine Zukünftige dann ja auch gefunden," wehrte sich Keeter.
"Weil deine Partnerin sie dahin entführt hatte!"
"Meine Partnerin?! Wieso ist Skates jetzt plötzlich meine Partnerin?" Das war der letzte Protest, den man von Keeter hörte, bevor Harm die Autotüre hinter ihm zuschlug.
Mac quetschte sich zwischen Skates und Granny in Hazels Mietwagen. "Finde ich übrigens nett von dir, dass du dich uns Frauen angeschlossen hast, obwohl du ja eigentlich in erster Linie eine Freundin von Harm bist," wandte sie sich an die junge Jägerleitoffizierin.
"Oh, bitte, das war nun wirklich kein Opfer, auf einen Abend in der Gesellschaft von einem Dutzend unverheirateter Flyboys zu verzichten!" versicherte Skates grinsend.
Mac nickte wissend. "Piranhas, hm?"
Harriet reckte ihren Kopf um die Beifahrerlehne herum. "Hat jemand eigentlich eine Ahnung, was unsere Männer heute Abend anstellen? Bud hat mir nur versichert, dass keine Stripperinnen im Spiel sind."
Hazel lachte. "Das glaube ich gerne. Sorry hat seine Hände auch schon anderweitig voll."
"Vielleicht strippen sie ja diesmal selbst?" meinte Granny schelmisch.
Skates schnaubte. "Keeter ganz sicher nicht. Ich glaube kaum, dass er sich in seinen Sid-das-Faultier-Boxershorts vor den anderen blamieren will."
Granny rutschte interessiert näher und setzte ihren Inquisitoren-Blick auf. "Wie kommt es denn, dass du so genau über Jacksons Unterwäsche Bescheid weißt, naaaaa?"
Skates hob abwehrend die Hände. "Das war alles ganz unschuldig wirklich!"
"Natüüüürlich!" stimmten die vier anderen Frauen im Auto ironisch zu.
07. August 2001; am Tag vor der Hochzeit
0344 Z-Zeit (23:44 Uhr EST)
Bethlehem, Pennsylvania
"Kommt schon, Leute, was soll das? Wohin wollt ihr mich denn bringen?!" protestierte Harm, der von zwei kräftigen Piloten in die Mitte genommen und von der Bar weggezogen wurde.
"Beruhige dich, Kumpel, nur in eines der Hinterzimmer, wo du gleich einer hübschen jungen Frau die *Fähigkeiten* deiner geschickten Flyboy-Hände beweisen kannst." Anzüglich wackelte Keeter mit den Augenbrauen.
Harm stemmte die Absätze in den Boden. "Keeter, ich *heirate* morgen!" Er hatte den ganzen Abend über alle Späßchen mitgemacht, aber es gab nur eine Frau, der er seine ‚Fähigkeiten’ beweisen wollte. Von seinem Junggesellen-Dasein hatte er längst freudig Abschied genommen.
"Komm schon, Alter, gewisse Fähigkeiten kann man auch in der Ehe gut gebrauchen," spornte Keeter ihn an.
"Hey, wusstest du schon, dass Wissenschaftler jetzt ein Nahrungsmittel entdeckt haben, das den Sexualtrieb gewaltig reduziert?" witzelte der Pilot, der Harm an der linken Schulter mit sich zerrte, "Man nennt es Hochzeitstorte."
Harm rollte mit den Augen und folgte ihnen widerstrebend ins Hinterzimmer der Bar.
Irgendjemand streifte ihm eine Augenbinde über. "So, und jetzt ziehst du das noch an... Latex, sehr erotisch, der letzte Schrei..." Ein unbekanntes Kleidungsstück wurde ihm über den Kopf gestreift. Man schob ihn weiter in den Raum hinein, bis er an ein Möbelstück stieß. <Ein Bett?>
"Liebe ist blind, aber die Ehe ist ein Augen-Öffner," spöttelte einer der Piloten, während er Harm die Augenbinde abnahm.
Blinzelnd wischte Harm sich die Haare aus der Stirn und sah an sich hinab. Das ‚erotische’ Kleidungsstück, das man ihm übergezogen hatte, entpuppte sich als eine Art abwaschbare Fleischerschürze. "Jungs, wenn ich daraus auf eure erotischen Praktiken schließen kann.... arme Frauenwelt!"
Er hob den Blick, als die Männer um ihn herum sich nur lachend und grölend anstießen, und musste feststellen, dass das Möbelstück kein Bett, sondern eine Wickelkommode war. Darauf lag ein vor sich hin glucksendes Baby, das höchstens drei Monate alt sein konnte.
Ein stolz grinsender John ‚Sorry’ Ross trat vor. "Darf ich vorstellen, Harm, das ist die junge Dame, mit der du heute Abend das Vergnügen haben wirst – meine Tochter Ahiluna Sarah Ross. Ahiluna, das ist der ältere Herr, der dich wickeln wird." Er drückte dem überraschten Harm eine frische Windel in die Hand. "Viel Spaß."
08. August 2001; ca. 11 Stunden vor der Hochzeit
0512 Z-Zeit (01:12 Uhr EST)
Rabb/MacKenzie-Anwesen
Belleville, Pennsylvania
"Autsch!" Mac stieß in der Dunkelheit des unvertrauten Gästezimmers gegen eine Schrankkante, als sie schlaftrunken aus dem Bett sprang und nach ihrem klingelnden Handy tastete. "Ja?"
"Hallo, Schönheit," flirtete eine Stimme am anderen Ende.
"Ähm, hallo... wer ist denn da?" Mac, die gerade erst eingeschlafen war, war noch nicht ganz wach, wusste aber dennoch ganz genau, mit wem sie da sprach. Diese Stimme würde sie immer und überall erkennen. Sie streckte den Arm aus und schaltete das Licht an. "Wissen Sie, wenn mein Verlobter herausfindet, dass Sie ständig hier anrufen, wird er sich ziemlich aufregen."
Im Hintergrund hörte man das Zuschlagen einer Autotüre. "Ach ja? Wenn der Typ ein richtiger Verlobter wäre, würde er dich nicht mitten in der Nacht ganz allein in diesem großen, breiten Bett lassen."
"Ich kann mich nicht daran erinnern, gesagt zu haben, dass ich alleine bin," neckte Mac.
Die Türe öffnete sich und Harm kam herein. Er legte das Handy aus der Hand, um Mac angemessen umarmen zu können.
"Hey, wie war dein Abend?" fragte Mac, das Gesicht gegen seine Fliegerjacke drückend.
"Frag besser nicht," stöhnte Harm. "Wusstest du, dass Sorry und Hazel ein Baby haben?"
Mac nickte, während sie Harm aus der Jacke half. "Ich weiß sogar, was der Name ihrer Tochter bedeutet – Ahiluna, die unerwartet Kommende." Sie lachte.
"Und Sarah, die Prinzessin." Harm küsste seine Braut liebevoll auf die Nasenspitze. Er bückte sich, um seine Schuhe aufzuschnüren. "Übrigens, wir haben einen Vogel." Er zeigte über die Schulter zum Vorgarten des Farmhauses, wo ein riesiger Plastik-Storch vor dem Eingang thronte.
"Oh, ja," Mac öffnete den letzten von Harms Hemdknöpfen, "das ist Grannys Vor-Hochzeitsnacht-Geschenk für uns."
Harm ließ sich ins Bett sinken und schloss Mac sofort in die Arme. "Heute Nacht kann sie Störche aufstellen, soviel sie will, ich bin erledigt! Für heute habe ich meine ehelichen Fähigkeiten genügend unter Beweis gestellt!"
Mac kicherte, eng an die warme Haut von Harms Schulter gepresst. "Ist das deine Art mir zu sagen, dass du Migräne hast?"
"Nein, das ist meine Art dir zu sagen, dass wir beide jetzt besser schlafen sollten, wenn wir nicht wollen, dass Braut und Bräutigam morgen solche Säcke unter den Augen haben, dass ihre Nasen wie Packpferde aussehen!" Harm kitzelte die weiche Haut ihres Bauches, bis Mac quietschte. Zufrieden ließ er dann das Kinn auf Macs Kopf sinken und schloss die Augen.
Trotz seiner Erschöpfung stellte er fest, dass er plötzlich hellwach war. Nachdem er von Schafen, über Brautsträuße bis hin zu Hochzeitstorten alles gezählt hatte, war er noch keinen Schritt näher an Morpheus Reich und musste zugeben, dass er nervös war, wenn er an morgen dachte. <Nicht, dass ich irgendwelche Zweifel hätte...> Er schloss die Arme enger um Mac, die sich sofort im Schlaf enger an ihn kuschelte. <Oh, nein, nicht den Hauch eines Zweifels... Mac ist die Richtige für mich.> Gerade deshalb wollte er, dass alles perfekt war.
Er war insgeheim froh, dass Macs Mutter mit der Bemerkung, ihre Füße und die knappe Sozialhilfe ließen im Moment keine größere Reise zu, ihre Teilnahme an der Hochzeit abgesagt hatte. In seinen Augen war dies der bestmöglichste Ausgang für Mac: So musste sie sich niemals selbst vorwerfen, wie wäre vor ihrer Mutter und den Problemen zwischen ihnen davongelaufen und gleichzeitig konnte sie ihre Hochzeit ohne Zwischenfälle genießen.
Mit diesem Gedanken schlief Harm dann schließlich doch noch ein.
Als er erwachte, war es 5.30 Uhr. Draußen ging gerade die Sonne auf. Harm zog die kalt gewordenen Füße unter die Decke zurück und streckte die Hand nach Mac aus, nur um festzustellen, dass der Platz an seiner Seite leer war.
Die Glastüre, die zum Balkon hinausführte, stand einen Spalt breit offen. Es sah so aus, als hätte auch Mac heute Probleme, durchzuschlafen.
Harm schlug die Decke zurück und tapste quer durchs Zimmer. Geräuschlos öffnete er die Schiebetür und lehnte sich stumm gegen den Rahmen, um Mac nicht zu stören.
Mac stand am Balkongeländer und sah hinab auf die Wiesen und Felder von Grannys Farm, über der gerade die Sonne aufging. Die ersten Strahlen spiegelten sich auf goldenen Weizenähren wider. Macs Blick folgte den sich langsam auflösenden Schatten zwischen den Scheunen und Harm fragte sich, an was sie wohl gerade dachte.
"Ich liebe es, wie du das tust," sagte Mac plötzlich, ohne sich umzudrehen, so als hätte sie die ganze Zeit über gewusst, dass Harm da war.
Harm trat auf den Balkon hinaus und schlang die Arme von hinten um Macs Schultern. "Wie ich was tue?"
"Wie du manchmal zögerst, mich zu stören, als ob du Angst hättest, irgendwelche wichtigen Gedanken zu unterbrechen," erklärte Mac leise, sich in seine Umarmung zurücklehnend. Nie zuvor hatte ein Mensch sie, ihre Gedanken und Meinungen so wichtig genommen.
"Du hast dein Denker-Gesicht aufgesetzt." Harm strich behutsam mit dem Finger über die winzige Falte über ihrer Nasenwurzel. "Was tust du überhaupt schon auf? Du hättest doch noch mindestens eine Stunde schlafen können, hat dir das deine innere Uhr nicht gesagt?"
"Ich konnte nicht mehr schlafen und da bin ich aufgestanden, um ein bisschen zu lesen, weil ich dich nicht stören wollte." Mac deutete auf das Buch, das auf dem kleinen Balkontisch lag.
Harm strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. "Hey, ich hab dir doch gesagt, dass du ruhig im Bett lesen kannst. Du störst mich nicht. Mir ist es ganz egal, ob du das Licht anmachst, Disco-Musik anstellst oder Kekse im Bett isst – solange du nur neben mir liegen bleibst."
Mac warf einen Blick zurück zum Bett und dann in die Augen ihres Partners. Hoffnungsvoll grinste sie ihn an. "Noch haben wir 58 Minuten..."
08. August 2001
1540 Z-Zeit (11:40 Uhr EST)
Sakristei der Saint-John’s-Kirche
Belleville, Pennsylvania
Harm machte zwei lange Schritte nach rechts, stieß fast mit dem Messdiener zusammen, drehte sich abrupt um und machte zwei Schritte nach links. Alle zwei Minuten stoppte er, um imaginäre Falten aus seiner weißen Gala-Uniform zu streichen, umständlich seinen Säbel zurechtzurücken und Keeter zu fragen, ob er die Ringe auch wirklich dabeihatte.
Geduldig fischte Keeter jedes Mal die Ringschatulle aus seiner Hosentasche, ließ sie aufschnappen und zeigte Harm die Ringe. Er war froh, als die Türe sich öffnete und Skates eintrat.
"Hey, Jungs!" Sie winkte vergnügt. Keeter hatte bereits beim Frühstück bemerkt, wie gut gelaunt und locker sie heute war.
Keeter drehte sich um, überrascht, sie nicht in Uniform, sondern in einem Kleid aus demselben aprikotfarbenen Stoff zu sehen, aus dem auch Harriets Kleid geschneidert war. "Wow!" Unwillkürlich stieß er einen Pfiff aus. "Das ist wirklich…"
"...wunderschön, bewundernswert, atemberaubend, fantastisch... brems’ mich einfach, wenn ich’s treffe," warf Skates spitzbübisch ein. "Übrigens, ich muss zugeben, dass du nicht halb so schlecht aussiehst in deinen Dress Whites."
Keeter schwellte seine breite Brust und grinste. "Mmmhn, das tat meinem geschundenen Ego jetzt aber gut... ich habe nämlich eben festgestellt, dass mein bester Freund heute wirklich heiraten wird und plötzlich fühle ich mich alt!"
Skates lachte und drehte sich zu Harm um, der sie sofort fragend ansah.
"Wie geht’s Mac?"
Skates verkniff sich ein Grinsen. Sie würde Harm ganz sicher nicht sagen, dass seine Braut genauso nervös war wie er. "Sie ist wunderschön in ihrem Kleid," antwortete sie stattdessen ausweichend.
"Mac ist auch wunderschön in Jogging-Hose und T-Shirt," korrigierte Harm, während er geistesabwesend seine Gold Wings mit dem Ärmel polierte, "das liegt nicht an der Kleidung, sondern an der Person."
Keeter und Skates wechselten einen amüsierten Blick und rollten einvernehmlich mit den Augen. "Okay, dann will ich mich mal wieder zu den anderen gesellen," meinte Skates schließlich und ging zur Türe.
Harm folgte ihr automatisch zwei Schritte. "Skates, sag Mac bitte, dass ich sie..."
"Hey, Harm, du wirst die Frau gleich heiraten und kannst ihr das dann selbst sagen!" Grinsend schüttelte Skates den Kopf und ging.
Vor der Kirche stand der Rest der Hochzeitsgesellschaft mit Mac an der Spitze. Unruhig zupfte Mac die Lilien ihres Brautstraußes zurecht und hörte mit halbem Ohr zu, wie Granny hinter ihr ihren Mann zurechtwies.
"William MacKenzie! Hör sofort auf, an deinem Kragen herumzuspielen oder ich muss ihn noch mal richten! Das wäre dann das vierte Mal in zehn Minuten!" Granny zupfte am Kragen von Wills dunkelblauer Marine-Corps-Uniform herum.
"Elf Minuten," korrigierte Macs Großvater, "und das muss ich mir ausgerechnet von der Frau anhören, die ihre Anstecknelke jetzt schon zum x-ten Mal an- und wieder absteckt. Hör damit auf und ich lasse meinen Kragen in Ruhe." Liebevoll-neckisch lächelte er auf die 86jährige hinab, die er vor einem Jahr geheiratet hatte.
Mac ließ ihren Blick über die Kinder vor ihr gleiten. Klein A.J. und Cindy, die Tochter von Harms Cousine, trugen kleine Körbe voller Rosenblüten. Aufgeregt und voller Vorfreude auf ihre wichtige Aufgabe wartend hopsten sie auf den Stufen der Kirchentreppe auf und ab.
Mac hätte es ihnen am liebsten gleich getan, so nervös war sie, aber sie zwang sich, still und majestätisch, wie es einer Braut geziemte, stehen zu bleiben. <Wow, jetzt ist es also wirklich soweit – ich werde heiraten. Ich werde gleich vor den Altar treten und Harm mein Ja-Wort geben.> Sie drehte sich zu den zahlreichen Gästen hinter ihr um. <Und das vor einer ziemlich großen Menschenmenge! Gott, ich hoffe wirklich, dass ich mich nicht bis auf die Knochen blamiere, indem ich stolpere oder so! Unsinn, Marine!> Energisch schüttelte sie den Kopf. <Wieso sollte gerade heute etwas Katastrophales passieren? Schließlich bist du bei dieser Hochzeit ja nicht betrunken wie bei der letzten. Und außerdem steht Harm da vorne, was kann da schon passieren?>
Dennoch scharrte sie nervös mit ihren unbequemen Stöckelschuhen über den Kies. Sie reckte den Hals und ließ den Blick erneut über die versammelte Menge gleiten. "Harriet, wo bleibt denn nur der Admiral? Es ist doch wirklich nicht seine Art, zu spät zu kommen, und gerade heute, wo er mein Brautführer sein soll..."
Sie unterbrach sich, als sie A.J. Chegwidden entdeckte, der sich eben einen Weg durch die anderen Gäste bahnte, gefolgt von Bobbi Latham, Clayton Webb und... Einen Moment lang blinzelte Mac nur verblüfft, bevor sie den Mann an Chegwiddens Seite umarmte. "Onkel Matt! Wie kommst du… was tust du... du bist doch nicht...?"
"... aus Leavenworth ausgebrochen?" Matthew O’Hara schmunzelte und trat einen Schritt zurück, um seine Nichte in ihrem Brautkleid bewundern zu können. "Nein, bin ich nicht. Ich hatte ein paar Fürsprecher, die sich energisch für einen Tag Freigang für mich eingesetzt haben."
"Admiral, Sie?" Mac erinnerte sich jetzt wieder an Harms genaue Worte, als es um den Brautführer gegangen war: ‚Ich werde mal mit dem Admiral sprechen, er hilft da sicher gerne.’ Harm hatte sie glauben lassen, dass er den Admiral bitten würde, der Brautführer zu sein.
"Ich hatte Hilfe," wehrte Chegwidden mit einer für den Ex-Seal typischen rauen Bescheidenheit ab.
Macs Blick wanderte zu Bobbi Latham und Clayton Webb. "Sie haben mit der CIA... ähm, mit dem Außenministerium zusammengearbeitet, um meinen Onkel für heute frei zu bekommen?" erkundigte sich Mac lächelnd.
Chegwidden nickte und warf Webb einen grimmigen Blick zu. "Fast hätte ich ihm dabei zum zweiten Mal die Nase gebrochen!"
Ein Messdiener öffnete das Kirchenportal. "Wir können!"
Die Gäste strömten in die Kirche, um ihre Plätze einzunehmen. Flüsternd – ohne genau zu wissen, warum sie eigentlich die Stimme senkte - unterhielt sich Mac mit ihrem Onkel, bis der Messdiener auch ihr ein Zeichen gab.
Feierliche Orgelmusik setzte ein, als Mac hinter den Blumenkindern, Harriet und Chloe, die das Ringkissen trug, an Onkel Matts Arm die Kirche betrat.
Mac lächelte einigen vertrauen Gesichtern freundlich zu, als sie den Gang zwischen den blumengeschmückten Kirchenbänken hinabschritt. Ein Raunen ging durch die Menge, als sie die strahlende Braut sahen. Nur Onkel Matt bemerkte, wie nervös sie wirklich war – er war sicher, dass er seinen Arm die nächsten Tage nicht würde gebrauchen können.
Ein letztes Lächeln für Harms Eltern und Granny und Will, dann hob Mac den Blick. Mit untrüglicher Sicherheit fanden ihre Augen Harm. Die Nervosität verflog und ein Gefühl der Ruhe überkam sie, als Onkel Matt ihre Hand an Harm übergab.
Pater Genaro trat hinter dem Altar hervor und räusperte sich, als das Brautpaar es versäumte, den Blick auf ihn zu richten und stattdessen nur Augen füreinander hatte. "Liebe Gäste, liebes Brautpaar," begann der sanftmütige Pfarrer aus Fresno, "wir sind hier zusammengekommen im Angesicht des Herrn, um diesen Mann und diese Frau für immer im heiligen Stand der Ehe zu vereinen. Bevor wir mit der Zeremonie beginnen, frage ich alle Anwesenden, ob Sie einen Grund vorbringen können, warum dieses Paar nicht im heiligen Ehestand verbunden werden soll. Er oder sie möge jetzt sprechen oder für immer schweigen." Pater Genaro legte eine obligatorische Pause ein und ließ den Blick über die Gäste schweifen.
Unruhe entstand in der ersten Reihe, als dort drohend eine Krücke geschwungen wurde und der Rest der Gäste in Gelächter ausbrach.
Pater Genaro lächelte milde. "Da diese Ehe so vehemente Unterstützer hat, darf das Brautpaar sich nun das Trauversprechen geben."
Sonnenlicht fiel durch das bunte Glas der bogenförmigen Kirchenfenster und flackerte über Harms Gesicht, als er sich zu Mac umdrehte und tief in die braunen Augen sah. "Ich, Harmon Rabb junior, nehme dich, Sarah Catherine MacKenzie, zu meiner Ehefrau, meiner Partnerin im Leben und meiner einzigen Liebe. Ich will dich lieben, achten und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, dir die Treue halten alle Tage unseres Lebens und dich nie verlassen, bis dass der Tod uns scheidet."
Mac trat unwillkürlich einen Schritt näher, als sie mit denselben Worten antwortete. "Ich, Sarah Catherine MacKenzie, nehme dich, Harmon Rabb junior, zu meinem Ehemann, meinem Partner im Leben und meiner einzigen Liebe. Ich will dich lieben, achten und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, dir die Treue halten alle Tage unseres Lebens und dich nie verlassen, bis dass der Tod uns scheidet."
Der Pfarrer gab Chloe, die neben Keeter wartete, ein Zeichen. Stolz trat die 13jährige vor und übergab Harm die Ringe.
"Tragt diese Ringe als Zeichen eurer Liebe und Treue," sagte Pater Genaro feierlich.
Sanft nahm Harm Macs linke Hand und steckte ihr den Ring an den Finger, bevor er behutsam die Hand zum Mund hob und küsste.
Lächelnd wiederholte Mac die Geste.
Pater Genaro legte ihre Hände ineinander und lächelte, als sich ihre Finger automatisch verflochten. "Hiermit erkläre ich Sie zu Ehemann und Ehefrau. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen. Sie dürfen die Braut jetzt küssen." Er nickte Harm auffordernd zu.
Harm brauchte keine derartige Ermutigung. Vorsichtig schlug er den Schleier zurück und küsste Mac, bis sie beide alles um sich herum vergaßen. Sie bemerkten nichts von den überall aufleuchtenden Kamerablitzen und dem Applaus der Gäste.
Erst das "Wuuuhu! Ich glaube, der Kuss dauert länger als die gesamte Trauung!" einer vertrauten Frauenstimme ließ sie zögernd auseinanderrücken.
Harm lächelte dicht neben Macs Lippen. "Hey, Mrs. MacKenzie-Rabb, ich liebe dich," wisperte er, den Blick nur auf sie gewandt.
"Na, das will ich doch schwer hoffen, schließlich hast du mich eben geheiratet," meinte Mac schelmisch, bevor sie ihrem frischgebackenen Ehemann noch einen Kuss auf die Lippen hauchte.
Sie ergriff Harms rechten Arm und folgte ihm mit dem Gefühl, auf Wolken zu schweben, zum Kirchenportal.
Tauben stiegen in den blauen Himmel auf, als sie die Kirche verließen, und Reiskörner prasselten sofort auf das Brautpaar nieder. Harm rollte nachsichtig die Augen. "Grannys Hochzeitsplanungs-Ratgeber sagt, dass dieser Brauch dem Paar reichen Kindersegen bringt," erklärte er, Reiskörner aus Macs Schleier schüttelnd.
"Autsch! Sie hätte ihn wenigstens vorher weich kochen können!" beschwerte sich Mac scherzhaft, während sich die Kirchentore hinter ihnen schlossen.
"Zieht Säbel!" befahl ein sichtlich stolzer Bud den anderen Offizieren der Ehrenwache, als sie die oberste Treppenstufe erreichten. "Präsentiert Säbel! Die Klingen zum Wind!"
Keeter, Bud, Skates und der Admiral bildeten zusammen mit Onkel Matt, Will, John Farrow und dem Gunny ein Spalier. Die Säbel wurden gezogen, mit den Klingen nach oben, so dass sich die Spitzen berührten und ein Tor zwischen den Marines und der Navy bildeten, durch das die Neuvermählten in ein gemeinsames Leben schreiten sollten.
"Ladies und Gentlemen, wir präsentieren zum ersten Mal in der Öffentlichkeit: Commander und Lt. Colonel Harmon Rabb!"
Das Brautpaar stoppte für einen Moment unter dem Säbelbogen und küsste sich. Als Harm seinen frischgebackenen Schwiegergroßvater passierte, spürte er, wie ein Säbel ihn am Allerwertesten traf. "Willkommen im Marine Corps!" verkündete Will, im selben Moment, in dem Chegwidden Mac in der Navy willkommen hieß.
"Säbel ab!" Acht Säbel wurden mit synchronen Bewegungen weggesteckt. "Achtung!" kommandierte Bud. "Und – wegtreten!" Die Offiziere machten eine Kehrtwendung und marschierten davon, um sich den übrigen Gästen anzuschließen.
Strahlend nahmen Harm und Mac die Gratulationen ihrer Familienmitglieder, Freunde und Kollegen entgegen. Schließlich war Granny endlich an der Reihe. "Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber ich musste erst mal Unmengen von Gratulationen entgegen nehmen," entschuldigte sich die alte Dame.
"*Du*? Wieso gratuliert man dir, wenn es doch *unsere* Hochzeit ist?" fragte Harm ahnungslos.
Granny schnaubte. "Als würdet ihr heute hier stehen, wenn ich nicht gewesen wäre! Jahrelang habt ihr euch eingebildet, nichts weiter als Freunde zu sein! Blind wart ihr, jawohl! Ein Auge mehr und ihr wärt Zyklopen gewesen!" ereiferte sich die 86jährige, nur um dann wieder ruhig zu werden und selig zu lächeln. "Harmon, Sarah, ihr habt mich heute zur drittglücklichsten Frau der Welt gemacht!"
"Drittglücklichste Frau?" Harm und Mac wechselten einen fragenden Blick.
"Na, ich hoffe doch sehr, dass du, Sarah, heute die glücklichste Frau auf Erden bist oder ich muss mal ein ernsthaftes Wörtchen mit meinem Lieblingsenkel wechseln! Und die zweitglücklichste Frau auf der Welt wäre ich dann gewesen, wenn das hier eine Taufe wäre. Aber was nicht ist, kann ja noch gebären... äh, werden." Grannys dritte Zähne blitzten, als sie ihr berüchtigtes Rabb-Lächeln zeigte.
Eine Kutsche, deren Äußeres verdächtig dem einer Tomcat ähnelte, hielt vor der Kirche. Kyle Anderson, Chloes Vater, winkte grinsend vom Kutschbock.
Quer durch ganz Belleville zuckelte das strahlende Brautpaar. "Der angenehmste Tomcat-Flug meines Lebens," versicherte Mac schließlich, als sie mit einer Hand einen der Schimmel tätschelte und mit der anderen ihren Brautstrauß vor dem Verzehr bewahrte.
Wie eine wachsame Glucke dirigierte Granny die zahlreichen Gäste hinüber zu der riesigen Scheune, die sie schon seit Monaten zu diesem Zwecke vorbereitet hatte. Lange, festlich gedeckte Tafeln zogen sich in Hufeisenform durch den Raum, ein Tanzboden war aufgebaut und die ganze Scheune war über und über mit Rosen geschmückt.
"Ähm-hem!" Granny räusperte sich streng, als Harm Mac galant vor sich eintreten lassen wollte. "Vergisst du nicht eine Kleinigkeit, Harmon?"
Harm sah sich suchend um. <Vergessen? Ich habe doch Mac, was brauche ich sonst, um unsere Hochzeit zu feiern?> "Hä?"
"Willst du deine Braut wohl über die Türschwelle tragen?!" forderte Granny ungeduldig. Der Blick der blauen, noch immer adlerscharfen Augen sagte unmissverständlich, dass Granny nicht zulassen würde, dass irgendetwas – und seien es ‚böse Geister’ unter der Schwelle des Hauses – das junge Eheglück und den zukünftigen Kindersegen stören würde.
Harm verzichtete darauf, darauf hinzuweisen, dass dies hier nur die Scheune war und nicht das Haus, in dem sie leben würden. Er hob Mac schwungvoll in seine Arme und setzte sie sanft auf der anderen Seite ab, bevor er zurückkehrte und auch seine sprachlose Großmutter in die Scheuen trug.
Mac sah grinsend zu, bevor sie sich zu Jason, Harms Cousin, umdrehte. "Hey, Jason, wie geht’s deinem Knöchel?" erkundigte sie sich, so wie immer, wenn sie sich sahen. Es war längst zu einem Insider-Scherz in der Familie geworden.
"Oh, gut, gut," versicherte der Architekt, während er seine junge Frau, Ayita Bearpaw, an sich drückte. Scherzhaft ließ er seinen Blick über Macs Brautkleid gleiten, bis hinab zu den eleganten Schuhen. "Und wenn ich mir diese Beine so ansehe, dann bin ich froh, dass *ich* mir damals den Knöchel verstaucht habe und nicht du."
"Hey, die einzigen Beine, auf die du achten solltest, sind meine!" beschwerte sich Ayita und dann entschuldigend an Mac gewandt: "Es ist wirklich eine Meeeenge Arbeit, dieses Bleichgesicht an die matriarchalische Struktur unseres Stammeslebens zu gewöhnen!" Neckisch stupste sie ihren blonden Ehemann in die Seite.
Mac lachte und drehte sich suchend nach ihrem eigenen Ehemann um. <Ehemann! Wir sind wirklich und wahrhaftig verheiratet! Ver-hei-ra-tet! Das ist einfach... wow!> In stummer, ehrfürchtiger Bewunderung schüttelte sie den Kopf. Endlich entdeckte sie Harm.
Er kniete am Boden, um auf gleicher Augenhöhe mit der 6jährigen Tochter seiner Cousine Eli zu sein, und hielt dem Mädchen das Stofftier hin, das sie als Geschenk für Cindy gekauft hatten. "Dann gefällt dir der kleine Cocker-Spaniel hier also?" erkundigte sich Harm gerade.
Die 6jährige nickte eifrig. "Mm-hm. Ich weiß sogar schon, wie ich ihn nenne," verkündigte sie stolz.
"Ach ja? Wie denn?" In einer Geste des Interesses neigte Harm den Kopf.
"Leo!"
"Leo? Ähm, ich bin vielleicht nicht unbedingt auf dem neuesten Stand, was Stofftiere betrifft, aber... ist das nicht eher ein Name für einen Löwen?" wandte Harm lächelnd ein.
"Neeeeein, Onkel Harm!" Cindy warf ihm einen Blick zu, der deutlich sagte, was sie von seinem Kenntnisstand hielt. "Ich nenne ihn Leo nach einem Jungen in meiner Klasse – der hat nämlich auch solche Hängeohren."
Harm verschluckte sich an dem Glas O-Saft, an dem er gerade genippt hatte, und sah sich vorsichtig nach den Eltern des Mädchens um. "Ähm, Cindy, ich glaube, wir behalten den Grund für den Namen deines neuen Freundes hier lieber unter uns, hm?"
Mac musste lachen und automatisch dachte sie daran, was für ein wundervoller Vater Harm sein würde. <Ein Thema, das wir immer noch nicht zuende geklärt haben!> erinnerte sie sich.
Die meisten Gäste hatten jetzt ihre Namenskärtchen am Tisch entdeckt und setzten sich auf die ihnen zugedachten Plätze.
Auf dem Weg zu ihrem Platz winkte Mac Chloe zu, die mit einem nachsichtig-spöttischen Blick das Gespräch ihres Vaters und Teresa Coulter verfolgte, die links und rechts von ihr saßen und sich über Country-Musik und Pferde unterhielten. Mac bemerkte, wie Granny zufriedene Blicke über ihre Gäste gleiten ließ und sie vermutete, dass die Tischordnung nicht zufällig so aussah, sondern von der Kupplerin wie ein Schlachtplan ausgearbeitet worden war.
Skates hatte ähnliche Gedanken, als sie sich als Tischpartnerin von Keeter wiederfand. "Ah, da bist du also. Du warst vorhin nach der Kirche so plötzlich verschwunden," begrüßte sie den Piloten.
Keeter sah sich mit einem betont geheimnisvollen James-Bond-Blick um. "Ich verstecke mich."
"Du versteckst dich?" Skates setzte sich und schlüpfte unauffällig aus ihren hochhackigen Schuhen.
"Mm-hm. Vor der Fotografin," erklärte Keeter grinsend. "Tja, das hat man nun davon, wenn man so unwiderstehlich ist."
"Hi," sagte eine Frauenstimme neben Skates.
Skates drehte sich um, zunächst in dem Glauben, gleich die männerjagende Fotografin vor sich zu sehen. Stattdessen sah sie sich plötzlich unverhofft jemandem gegenüber, der ganz sicher nicht auf Männerjagd war. Die gletscherblauen Augen ihrer Cousine blickten auf sie hinab. "Randy?!? Was machst *du* denn hier?" fragte sie verblüfft. "Kennst du das Brautpaar? Wer hat dich eingeladen, Harm oder Mac?"
Miranda Hawkes strich sich eine Strähne ihres schulterlangen, dunklen Haares aus der Stirn. "Granny."
"Granny? Granny hat dich eingeladen? Woher kennst du denn Granny?" wunderte sich Skates.
"Ich habe letztes Jahr ‚Ferien auf dem Bauernhof’ bei ihr gemacht," erklärte Randy mit einem beiläufigen Schulterzucken.
Verwundert schüttelte Skates den Kopf. Sie wusste ja, dass Granny freundlich war, aber ging das nicht etwas zu weit? "Und deshalb lädt sie dich gleich zur Hochzeit ihrer Enkel ein? Hast du den olympischen Rekord im Kühe melken aufgestellt, oder was?" Skates lachte amüsiert.
Randys kurze Fingernägel trommelten unruhig auf der Tischdecke herum. "Ähmn, nein, nicht direkt. Eigentlich war es, weil ich... ähm, versprich mir, dass du gaaanz ruuuuhig bleibst."
"Ruhig bleiben? Ich? *Du* bist doch die Hawkes-Frau mit dem heftigen Temperament! Und nun erzähl schon!" drängte Skates ungeduldig, während Keeter den Kopf reckte, um auch ja jedes Wort mitzubekommen.
Randy seufzte ergeben. Von vielen Stunden des Babysittens in ihrer Kindheit wusste sie ganz genau, dass Skates keine Ruhe geben würde. "Also gut. Granny hat mich eingeladen, weil ich ihr einen Gefallen getan habe. Ich habe ihr einen abnehmbaren Gips konstruiert," rückte die Ärztin endlich heraus.
"Abnehmbarer Gips?" Davon hatte Skates noch nie etwas gehört. "Wie soll denn ihr gebrochener Knochen wieder zusammenwachsen, wenn man ständig den Gips abnimmt?" Irritiert warf die Jägerleitoffizierin einen Blick unter den Tisch, in Richtung Grannys einst gebrochenem Bein.
Randy räusperte sich verlegen. "Der Knochen war nie gebrochen; Granny wollte, dass etwas ganz Anderes ‚zusammenwächst’." Vielsagend blickte Randy von ihrer Cousine zum aufmerksam lauschenden Keeter und wieder zurück.
Skates begriff plötzlich. "Aha! Ich hab ja fast geahnt, dass die ganze Test-Hochzeitsreise nur ein Verkupplungsversuch war, aber dass meine Lieblingscousine..."
"Einzige Cousine!"
"... mein eigen Fleisch und Blut daran beteiligt ist... das ist wirklich unfair!" beschwerte sich Skates leidenschaftlich.
"Unfair? Ach ja? Und wie nennst du das, was *du* letztes Jahr gemacht hast, hmmm?" dehnte Randy herausfordernd. "Als du Gwen weis gemacht hast, dass es üblich und sogar ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Behandlung ist, dass sie als Patientin nach der Entlassung einen Kaffee mit dem behandelnden Arzt trinken geht, hm?"
"Oh, Gwen! Wie geht’s Gwen überhaupt?"
Randy grinste. "Du lenkst ab, Cousinchen!"
"Tue ich nicht!" verteidigte sich Skates. "Ich will nur wissen, wie es meiner Lieblings-Schwieger-Cousine geht!"
"Deiner *einzigen* Schwieger-Cousine!"
Das nachdrückliche Klirren eines Glases, gegen das eine Gabel gestoßen wurde, unterbrach das Gespräch. Admiral Chegwidden hatte sich am Kopf der Tafel erhoben.
"Diejenigen von Ihnen, die schon einmal einen Fuß ins JAG-Hauptquartier gesetzt haben, wissen vermutlich, was ich als kommandierender Offizier über die Jahre so alles mit diesen beiden durchgemacht habe," grollte A.J. Chegwidden zum Brautpaar hinüber nickend, aber man konnte unschwer das warme Leuchten in seinen Augen erkennen, "ich erinnere da nur an Löcher, die in Gerichtssaaldecken geschossen wurden oder Kündigungsschreiben, die sich in meiner Aktenablage stapelten. Das Budget hat so manches Mal gelitten und ebenso meine Taschentücher in zahlreichen Gesprächen mit dem Marineminister, als ich ihm mal wieder erklären musste, wie es kommt, dass zwei Offiziere unter meinem Kommando von den Provinzblättern als Nachfolger von Romeo und Julia gehandelt werden. Ich wage zu behaupten, dass nie ein C.O. erleichterter war als ich, seine zwei Top-Anwälte endlich unter der Haube zu wissen und ich wünsche Ihnen beiden im Namen des ganzen JAG-Teams alles Gute. So, bevor mir noch vorgeworfen wird, dass meine Ansprache länger dauerte als so manche Ehe, gebe ich das Wort jetzt lieber an Mrs. McKenzie."
Granny erhob sich und lächelte dem Admiral dankbar zu. "Bevor unser Brautpaar gleich die Hochzeitstorte anschneidet und dann die Tanzfläche eröffnet, möchte ich noch einen kurzen Toast auf meine beiden Enkel ausbringen: Möge eure Freude in dieser Ehe so tief wie der Ozean und eure Schwierigkeiten so leicht wie der Schaum der Wellen sein. Und möget ihr mit vielen Kindern und reichen Großeltern gesegnet werden!"
Der ganze Saal lachte, als Granny sich wieder setzte und das Brautpaar sich erhob, um hinüber zu der dreistöckigen Hochzeitstorte zu schreiten. Als er Seite an Seite mit Mac vor der Torte stand, zog Harm den zeremoniellen Säbel, der Teil der Gala-Uniform war. Traditionell wurde die Torte bei Militärhochzeiten mit einem Säbel angeschnitten, von Braut und Bräutigam gemeinsam, um ihren Zusammenhalt und ihre Einigkeit in der bevorstehenden Ehe zu zeigen.
Eine Minute lang rangen die Brautleute scherzhaft miteinander, wer die Hand beim Anschneiden – und damit auch in der Ehe – oben haben würde, dann verflochten sie ihre Finger und senkten den Säbel gemeinsam dicht neben dem Zuckerguss-Marine und dem Mini-Bräutigam in Dress Whites in die Torte.
Zufrieden sah Granny zu, wie ihre Enkel sich gegenseitig von ihrem Stück Torte fütterten, bevor sie sich selbst ein Stück von der Torte geben ließ.
"Ich dachte, Sie haben Diabetes, Mrs. MacKenzie?" wandte Teresa Coulter, die hinter ihr in der Kuchen-Warteschlange stand, mit freundlicher Besorgnis ein.
"Oh, manche Dinge sind einfach eine Sünde wert," meinte Granny mehrdeutig und winkte fröhlich zu Kyle Anderson hinüber. "Ist er nicht ein netter Junge? Er erinnert mich immer so an diesen Schauspieler... der aus diesem E-Mail-Film. Er schreibt Mails an diese Frau, die er eigentlich gar nicht mag... aber er weiß ja nicht, dass sie es ist... sehr romantisch... hab ich schon erwähnt, dass er Alleinerziehend ist?"
"Der Schauspieler?" erkundigte sich die blonde Pathologin höflich, aber etwas verwirrt.
Granny spießte ihr erstes Stück Buttercremetorte auf. "Nein, Chief Anderson, natürlich!"
Sie verstummten, als die ersten Klänge des Hochzeitswalzers ertönten. Stolz sah Granny zu, als ihre beiden Enkeln den Tanz eröffneten. Sie hatten Säbel und Schleier abgenommen, aber dennoch gaben der Ex-Pilot in seinen Dress Whites und Mac in dem ärmellosen Hochzeitskleid ein filmreifes Bild ab.
Als nach einer Weile andere Paare auf die Tanzfläche strömten, zog Harm Mac enger an sich, einen Arm um ihre Taille geschlungen, während er mit der anderen Hand Macs in die weiße Seide ihrer Handschuhe gehüllten Finger über sein Herz gepresst hielt. "Hmmm," murmelte er in Macs Haar, die Wange gegen ihren Kopf gepresst, "wir haben schon immer gut zusammen getanzt... erinnerst du dich?"
Mac zog ihn noch näher. "Mmmm-hm."
"Glaubst du mir jetzt, dass ich dich nicht als meine Schwester betrachte?" neckte Harm, sanft ihren Ehering reibend.
"Ich nehme mal an, dass du heute Nacht jeden noch vorhandenen Zweifel beseitigen wirst," warf Granny, die gerade mit ihrem Angetrauten vorbeitanzte, keck ein.
Ein neues Lied begann und Will drehte sich um, als jemand ihm auf die Schulter tippte. Die junge Ärztin, die im letzten Jahr Feriengast bei Granny und ihm gewesen war, stand vor ihnen. Will grinste, als er sie sah. Sie hatte ihm damals ein paar wertvolle Tipps gegeben, als sein Kniegelenk Probleme gemacht hatte, und ihm versichert, dass er bald wieder Tango tanzen würde.
"Ist zwar kein Tango, aber... darf ich bitten?" Auffordernd streckte Randy ihre Hand aus.
Noch bevor Will reagieren und das Angebot zum Tanz annehmen konnte, schob Granny grinsend ihre Hand in die der Ärztin. "Aber natürlich. Normalerweise tanze ich zwar nicht mit fast fremden Frauen, aber weil Sie es sind, mache ich eine Ausnahme." Granny imitierte ein schüchternes Mit-den-Augen-Klimpern.
"Deine Großmutter hat Nerven!" Mac schüttelte lachend den Kopf, als die beiden Frauen davon tanzten. Für eine 86jährige hatte Granny erstaunlich moderne Einstellungen.
Harm küsste seine Braut auf die Nasenspitze. "*Unsere* Großmutter, es ist jetzt ganz offiziell *unsere* Großmutter," erinnerte er grinsend. "Wie wäre es, wenn wir jetzt das Brautstrauß-Werfen hinter uns bringen und uns dann ins Schlafzimmer zurückziehen, Mrs. MacKenzie-Rabb?"
"Ooooh! Und was haben Sie so ganz alleine mit ihrer Braut im Schlafzimmer so früh am Tage vor, hmmm, Mr. Rabb?" Spielerisch nibbelte Mac an seiner Unterlippe.
"Packen," erklärte Harm nüchtern, "wir haben noch so einiges zu packen und unser Flugzeug startet auch in wenigen Stunden. Aber keine Sorge... wenn man die Zeitverschiebung in Irland bedenkt, haben wir sogar zwei Hochzeitsnächte!"
Hand in Hand begaben Harm und Mac sich zum Rand der Tanzfläche, wo sich schnell alle unverheirateten Frauen versammelten. Mac drehte sich um und nestelte einen Moment lang mit ihrem Kleid, bevor sie die Knie beugte, Schwung holte und den Brautstrauß über die Schulter warf.
In hohem Bogen segelte der Rosen-Lilien-Strauß durch die umgebaute Scheune. Randy zog eilig den Kopf ein und der Strauß fiel in die Arme ihrer Cousine, die sich hinter ihrer hochgewachsenen Cousine versteckt hatte.
"Jaaaaaa!" triumphierte Granny und als sie die erstaunten Blicke der Anwesenden auf sich ruhen sah, fügte sie schnell hinzu: "Ich meine... es wäre doch schade gewesen, wenn dieser schöne Strauß auf dem Boden gelandet wäre. Gut, dass du ihn gefangen hat, Elizabeth!"
Harm winkte und Bud eilte hilfreich mit einem Stuhl heran. Galant küsste Harm die Hand seiner Frau und geleitete sie zum Stuhl. Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder. Die anwesenden Junggesellen pfiffen und klatschten, als er Macs Kleid bis zum Knie anhob und seine Hand leicht über die weiche Haut gleiten ließ. Spielerisch kitzelte er für einen Moment die Innenseite des Beins, bevor er das blaue Strumpfband zum Vorschein brachte. Erneut küsste er Macs Hand, bevor er das Strumpfband rückwärts in die Menge der ledigen Männer warf.
Bereits in sein Schicksal ergeben streckte Keeter die Hand aus und pflückte das Strumpfband aus der Luft.
Freudenstrahlend eilte Granny zu den beiden Als-nächstes-zu-Verheiratenden und drückte Skates ein paar Cent in die Hand. "Für die Brautschuhe," erklärte sie der überraschten Jägerleitoffizierin.
09. August 2001
0502 Z-Zeit (06:02 Uhr IST / Irish Summer Time)
Im Luftraum über Irland
"Guten Morgen, hier spricht Captain Marin. Wir nähern uns Cork International Airport. Bitte stellen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position und legen Sie die Sicherheitsgurte an; wir landen in wenigen Minuten. Es ist 6 Uhr Ortszeit in Cork..."
"6.03 Uhr," verbesserte Mac automatisch.
"...ich hoffe, Sie haben den Flug genossen. Vielen Dank, dass Sie mit uns geflogen sind," fuhr der Pilot fort.
Harm streckte seine langen Beine so gut der beengte Fußraum es zuließ. "Oh, Gott sei Dank. Ich kann es gar nicht abwarten, aus dieser Enge rauszukommen! Kaum zu glauben, das weniger als dreißig Zentimeter einen solchen Unterschied machen können!" Er deutete zwischen sich und Mac, die relativ entspannt in ihrem Sitz saß, hin und her.
"Die Größe allein ist nicht entscheidend und außerdem... dreißig Zentimeter? Übertreibst du da nicht etwas?!" neckte Mac ihren Ehemann. <Ehemann... ich kann mich gar nicht oft genug daran erinnern!>
"Hey!" Harm reckte sich. "Und das muss man sich von seiner eigenen Frau nach der gemeinsam verbrachten Hochzeitsnacht anhören!"
"Wow! Ich kann es kaum glauben – wir sind wirklich verheiratet und in Irland!" murmelte Mac ehrfürchtig, als sie eine halbe Stunde später in ihren Mietwagen stiegen.
Harm streichelte ihre Hand, die auf dem Lenkrad lag. "Ich kann mich noch genau an unseren ersten Aufenthalt in Irland erinnern... war zwar beruflich, aber immerhin habe ich festgestellt, was für eine Romantikerin du bist."
"Eine *hungrige* Romantikerin!" betonte Mac, als sie den Wagen nach Nordwesten, in Richtung ihres ersten Reiseziels, lenkte.
Harm lachte. "Ich wusste doch, dass das Essen im Flugzeug dich nicht lange zufrieden stellen würde, Miss Ich-hätte-gerne-noch-ein-Päckchen-Erdnüsse!"
"Mrs. Ich-hätte-gerne-noch-ein-Päckchen-Erdnüsse, bitte!" verbesserte Mac stolz. "Und außerdem sind die Dinger ja schließlich so winzig, dass man sie praktisch schon versehentlich einatmet!"
"Du musst es ja wissen, schließlich hast du deine Erdnüsse, meine und die, die dir die Frau in dem speigrünen T-Shirt gegeben hat, gegessen – und wenn wir nicht gelandet wären, hättest du auch noch nach einer vierten Tüte gefragt!"
"Na schön, aber wenigstens bin *ich* nicht auf der Bordtoilette eingeschlafen!" Mac grinste triumphierend.
Harm rieb sich die hellrot angelaufenen Ohrläppchen. "Hey, du hast doch versprochen, du würdest nicht mehr davon anfangen! Ich war einfach müde, okay? Schließlich habe ich in der Nacht zuvor nicht gerade viel geschlafen und ich vermute mal, dass ich auch heute Nacht kaum zum schlafen kommen werde," fügte er mit einem verführerischen Flyboy-Lächeln hinzu.
Mac kam nicht zu einer Antwort, denn sie erreichten nun den Ortseingang des Städtchens Blarney, wo ihr erstes Reiseziel lag – die Ruine von Blarney Castle, einer Burg aus dem 15. Jahrhundert.
Harm und Mac ließen den Mietwagen zurück. Über eine kleine Brücke und einen Waldweg gingen sie auf den viereckigen Turm zu und durchquerten dann einen gepflegten Park mit Azaleen und Rhododendren. Einige Minuten lang betrachteten sie einen verwitterten Steinkreis am Wegrand, bevor sie ihren Weg zur Burg fortsetzten.
Sie kletterten die uralten Steintreppen nach oben, bis sie das dritte, oberste Stockwerk der Burg erreicht hatten, und stellten sich in die Schlange der anderen wartenden Touristen, die dort bereits auf der Brustwehr standen. Von hier oben konnten sie auch den Rundturm, der neben der Hauptburg stand, sehen.
Eigentlich war Blarney Castle nur eine Ruine, wie es sie viele in Irland gab, aber sie hatte eine Besonderheit: Den Blarney-Stone, einen großen Felsblock mit Inschrift, der in 30 Meter Höhe in die Mauer der Burg eingelassen war. Der Sage nach hatte Cormac McCarthy, der Erbauer der Burg, einst einer alten Frau das Leben gerettet und erhielt dafür den Stein mit den Worten: "Küsst du mit deinen Lippen diesen Stein, wirst du beredt wie niemand anderer sein."
Die Legende behauptete, dass jeder, der den Stein küsste, mit ewiger Redegewandtheit gesegnet wurde. "Eine Gabe, die wir als Anwälte ziemlich gut gebrauchen können," meinte Mac, als sie in der Schlange langsam nach vorne rückten, "aber ganz so einfach scheint das mit dieser Steinküsserei doch nicht zu sein." Mit einiger Besorgnis sah Mac zu, wie der Tourist vor ihr sich rücklings über einen steilen Abgrund beugte, um den Stein küssen zu können.
Aufmunternd drückte Harm ihren Arm. "Hey, wenn du es dir anders überlegt hast, können wir gerne wieder umkehren und du küsst stattdessen mich. Ich kann dir zwar nicht ewige Beredsamkeit versprechen, aber ewige Liebe müsste es doch eigentlich auch tun, oder?" Liebevoll zwinkerte er ihr zu.
"Ich hoffe doch, ich kann beides haben. Ein Marine schreckt nicht so schnell vor etwas zurück!" erklärte Mac entschlossen, zog Harm aber dennoch, gerührt über seine Aufmerksamkeit, an sich.
Mitten auf dem Wehrgang küsste sich das frischverheiratete Paar, bis der irische Helfer Mac darauf aufmerksam machte, dass sie jetzt an der Reihe war und ihre Lippen anderweitig gebraucht wurden.
Mit einem letzten ermutigenden Blick von Harm setzte Mac sich in Bewegung. Sie schloss die Hände um die beiden eisernen Haltestangen, legte sich mit dem Rücken über ein Gitter und ließ den Kopf über den Abgrund hängen. Ein irischer Helfer hielt ihre Beine fest, während Harm darüber wachte, dass weder der Abgrund, noch der Ire ihr gefährlich wurden.
Schließlich absolvierte auch Harm das Steinküss-Ritual und sie machten sich langsam wieder auf den Weg nach unten.
"Ich hab schon weichere Dinge geküsst!" beschwerte sich Harm, während sie nach ihrem ersten irischen Frühstück die Küste entlang nach Westen fuhren.
In der Bantry Bay machten sie ihren nächsten Zwischenstop. Die 40 Kilometer lange Bucht war von Bergen umgeben und von vielen Inseln durchsetzt. Die Stadt Bantry lag malerisch am Ende der Bucht.
Mit Eistüten in den Händen schlenderten Harm und Mac über den Marktplatz der geschichtsträchtigen Stadt. Hier war einst die französische Armada zurückgeschlagen worden. Ein riesiger Anker, der von einem der gesunkenen Schiffe stammte, thronte in der Mitte des Platzes.
Touristen posierten vor dem Anker für ein Erinnerungsfoto und Kinder kletterten darauf herum. Ein kleiner Junge mit hellblondem Haarschopf saß weinend auf dem Anker und sah auf sein Eis hinab, das bei seiner Kletteraktion hinabgefallen war und nun auf den Pflastersteinen dahinschmolz.
Spontan drückte Mac dem Jungen ihr großes Schokoladen-Bananen-Karamell-Eis in die Hand, woraufhin er sich überschwänglich in einer fremden Sprache bedankte.
Lächelnd hatte Harm die spontane Großzügigkeit seiner besseren Hälfte mitangesehen. Einmal mehr begeistert von der Frau, die nun die seine war, drückte er Macs nun leere Finger und hielt ihr einladend sein eigenes Eis hin. "Hier, wir können uns meines gerne teilen," bot er großzügig an.
"Ähm, das ist nett von dir, Flyboy, aber gefrorener Joghurt ist nicht unbedingt mein Geschmack," wehrte Mac lachend ab.
Sie ließen den Ort hinter sich zurück und wanderten gemütlich zum Bantry House, das Granny und Will für diese Nacht als ihre Unterkunft bestimmt hatten.
Das mächtige, ziegelrot und graue Herrenhaus lag inmitten eines italienischen Parks in einer herrlichen Lage über der Bantry Bay. Harm und Mac spazierten über die heckengesäumten Wege, vorbei an blühenden Blumenbeeten und weißen Marmor-Skulpturen, bis zum efeuumrankten Haupteingang des Hauses.
Das Haus war, obwohl die Familie White, in deren Besitz es schon seit 1739 war, noch immer darin lebte, auch der Öffentlichkeit zugänglich. Einige Räume stellten Kunst- und Einrichtungsgegenstände aus ganz Europa aus und im Seitenflügel gab es ein "Bed & Breakfast", das auch für Harm und Mac gebucht worden war.
Ein riesenhafter irischer Butler führten sie hinüber zum Westflügel, wo die Gäste-Unterkünfte lagen. Galant öffnete er die Türe zu der Suite, die sie für eine Nacht bewohnen würden, bevor er sich mit einer Verbeugung verabschiedete.
Beinahe ehrfürchtig sahen Harm und Mac sich um. Ein breites, solides Holzbett, das durch einen Vorhang vom Rest des Zimmers abgetrennt war, und edle Chippendale-Möbel standen Seite an Seite. Das Fenster bot einen herrlichen Ausblick auf die Bucht mit ihren Inseln.
"Woah! Ich fühle mich wie im Märchen!" staunte Mac, als sie die prunkvolle Einrichtung, feingewobene Wandteppiche und leise klirrende Kristall-Kronleuchter betrachtete. "Ich hoffe, das macht dich nicht zu Rumpelstilzchen?" neckte sie Harm.
"Rumpelstilzchen?!" Drohend begann Harm, seine freche Ehefrau durchzukitzeln. "Wenn überhaupt dann bin ich dein Märchenprinz, der strahlende Ritter auf dem weißen Pferd..."
Mac wich in Richtung Bett zurück, um den kitzelnden Fingern zu entkommen. "Wenn du nicht aufhörst, bin ich gezwungen, einen starken Iren zu meiner Verteidigung herbeizurufen und dich anketten zu lassen!" quietschte sie lachend.
Bevor Harm antworten konnte, klopfte es an der Türe und der Butler erschien.
Mac nutzte die Gelegenheit, um Harms Händen zu entkommen.
"Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich habe ganz vergessen zu fragen, ob ich Ihnen irgendetwas bringen kann?" erkundigte der Ire sich höflich. "Haben die Herrschaften irgendwelche Wünsche?"
"Wie wäre es mit Handschellen?" rief Mac hinter dem Bett hervor.
"Ma’am?" Verwirrt hob der Butler die Brauen.
Mac winkte lachend ab. "Schon gut, ich glaube, er hat sich jetzt ohnehin beruhigt." Spielerisch stupste sie ihren Ehemann an.
Harm drehte sich zu Mac um, als der Diener wieder verschwand, und verschränkte vorwurfsvoll die Arme. "Du bist dir bewusst, dass er jetzt denkt, dass wir hier drin Sado-Maso-Spielchen treiben, oder, Marine?"
"Tut mir leid, aber Peitsche und Handschellen musste ich daheim lassen," meine Mac grinsend, "die hatten einfach keinen Platz mehr im Koffer, nachdem ich zwanzig Fotofilme eingepackt hatte."
"Zwanzig Filme? *Zwanzig*? Hast du etwa vor, jeden Grashalm in Irland zu fotografieren?" Harm schüttelte amüsiert den Kopf.
Mac zuckte die Schultern. "Na ja, ich nehme mal an, dass Granny und Will erwarten, dass wir ihr großzügiges Geschenk auch ausnutzen und jede Sehenswürdigkeit Irlands sehen und fotografieren."
"Mac, ich glaube eher, Granny und Will erwarten, dass wir kaum mehr sehen als unsere Hotelzimmer! Was glaubst du, warum sie Irland als Ziel unserer Hochzeitsreise ausgewählt haben, das Land, das für ständigen Regen bekannt ist, hm?!"
Mac warf einen Blick hinüber zu dem breiten Bett. "Du meinst...?"
Harm nickte.
"Oh. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, das Zimmer etwas genauer zu inspizieren," Mac schmunzelte schelmisch, "aber könnten wir vorher noch runter in den Speisesaal gehen... ich sterbe fast vor Hunger. Ich würde ja auch was kochen, aber erstens haben wir hier keine Küche und zweitens wissen wir beide, in welchem Desaster das gewöhnlich endet," gab sie verlegen zu.
"Der Hauptgang vielleicht," meinte Harm, mit dem Finger die Form ihres Ohres nachzeichnend, bevor er sanft daran nibbelte, "aber das Dessert ist immer umwerfend!"
Sie wanderten die Treppe hinab, durch eine Halle, deren Boden aus einem Pompejianischen Mosaik bestand, und vorbei an einer uralten Bibliothek mit zwei offenen Kaminen.
Der Speisesaal gab ihnen das Gefühl, in ein anderes Jahrhundert versetzt worden zu sein. Teure Gemälde in Goldrahmen und Wandbehänge bedeckten die in edlem königsblau gehaltenen Wände. Korinthische Säulen unterteilten den Saal und riesige Kronleuchter aus Kristall hingen von der hohen Decke. Gleich neben ihrem Tisch flackerte ein Feuer im Kamin.
Nach ihrem ersten irischen Abendessen – Mac entschied sich für Lammfleisch in Minzsoße, während Harm das Schollenfilet wählte – machten sie sich auf, um den weitläufigen Garten um das Haus herum zu erkunden.
Der eindrucksvolle Park erstreckte sich über sieben Terrassen. Der ‚Stairway to the Sky’, die Himmelstreppe, auf der Rückseite des Hauses führte zu den vier oberen Terrassen hinauf. Hand in Hand wanderten Harm und Mac die 107 Stufen hinauf und suchten sich einen stillen Platz auf einer der steinernen Bänke. Neben ihnen plätscherte leise ein Springbrunnen vor sich hin und unter ihnen tauchte langsam die Sonne in das Wasser der Bucht.
Mac lehnte ihren Kopf gegen Harms Brust, lauschte dem beruhigend langsamen Herzschlag unter ihrem Ohr und beschloss, sich so schnell nicht von hier fort zu bewegen. Sie seufzte zufrieden, als Harms Finger begannen, ihr sanft durchs Haar zu streichen. Ein behagliches Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.
Erst als langsam die Dämmerung einsetzte, begann Harm sich zu rühren. "Wie wäre es jetzt mit dieser Zimmerinspektion, von der du vorhin gesprochen hast?" Er erhob sich und streckte Mac die Hand hin, um sie hochzuziehen. "Kommst du oder soll ich dich hier lassen, um dem Parkwächter eine Freude zu machen?"
2024 Z-Zeit (16:24 Uhr EST)
Belleville, Pennsylvania
Lang ausgestreckt lag Skates auf dem Bauch und baumelte vergnügt mit den Beinen. Ab und zu rollte sie sich zur Seite, um einen Strohhalm, der sie durch ihr T-Shirt hindurch piekste, unter sich hervorzuziehen. "Ist schon eine Weile her, dass ich mit jemandem im Stroh gelegen habe," kommentierte sie amüsiert.
Das weckte Keeters Interesse. Er schlug die Augen auf, die er schläfrig geschlossen hatte, und schob den Strohhalm, auf dem er kaute, in den anderen Mundwinkel. "Ach ja?"
Skates nickte nur und verstummte, ohne weitere Erklärungen anzubieten. Träge ließ sie ihren Blick durch Grannys Scheune gleiten, in der sie und Keeter es sich bequem gemacht hatten.
Keeter stemmte sich auf einem Ellenbogen in die Höhe. "Tja, wenn ich’s recht überlege, bei mir ist es auch schon ein Weilchen her."
"Dass du mit jemandem im Stroh gelegen hast?"
"Das auch. Und auch, dass ich überhaupt eine ernsthafte Beziehung hatte," gab Keeter zu. Er zuckte die breiten Schultern. "Beziehungen sind einfach... zu kompliziert für mich."
"Kompliziert?" vergewisserte sich Skates.
Keeter nickte und spuckte seinen Strohhalm aus. "Ich meine, alleine die Frage, ab dem wievielten Treffen eine Beziehung eigentlich eine Beziehung ist..."
"Stimmt. Darüber sollte wirklich mal jemand ein Buch schreiben!" stimmte Skates zu. "Eine Beziehung zu beginnen kann wirklich komplizierter sein als Quantenphysik!"
"Mmm-hm. Genau. Zum Beispiel, was deutet den Beginn einer Beziehung an? Ein Kuss? Und wenn das so ist, bedeutet dann eine bestimmte Art von Kuss, dass es eine bestimmte Art von Beziehung wird? Woher weiß man, ob die Beziehung eine rein freundschaftliche, ein One-Night-Stand, eine kurzfristige oder eine langfristige Beziehung ist? Was, wenn einer der beiden eine langfristige Beziehung mit Treue und allem drum und dran möchte und der andere nicht? Ich meine, soll man sich mit den potentiellen Kandidaten hinsetzen und die Regeln diskutieren, oder was?" In einer Geste der Frustration riss Keeter eine Handvoll Stroh aus einem der Ballen um sie herum und ließ das Heu auf sich und Skates hinabregnen.
Skates musste unwillkürlich lachen. "Wow, Keeter, das hört sich an, als ob du dir wirklich ernsthaft Gedanken über Beziehungen gemacht hast."
"Na ja..." Keeter rieb sich ein wenig verlegen den Nacken. "Man wird älter und reifer und irgendwann haben selbst heißblütige Piloten die Nase voll von One-Night-Stands und üppigen Blondinen, mit denen man nicht mal die Speisekarte diskutieren kann." Unauffällig warf Keeter einen Blick auf die Brünette neben sich.
"Ach ja? Dann bist du aber der einzige Pilot, der so denkt. Jedenfalls der einzige, den ich kenne," meinte Skates grimmig.
Für einen Moment breitete sich Schweigen aus, aber Keeter wollte sich die gute Gelegenheit, mit Skates über das Thema Beziehungen zu reden, nicht durch die Lappen gehen lassen. "Und du? Wie stehst du, jetzt wo du reifer und schöner geworden bist, zu Beziehungen?" erkundigte er sich lächelnd.
Skates scharrte mit dem Fuß, so dass Stroh über die Kante des Heubodens segelte. "Ich... nehm’ davon lieber erst mal eine Auszeit, denke ich. Ich habe eine Beziehung hinter mir, die... nicht gerade ein angenehmes Ende fand." Die Jägerleitoffizierin kaute heftig an ihrem Strohhalm und sah ihren Gesprächspartner nicht an.
"Eine Beziehung mit einem Piloten?" bohrte Keeter nach.
Skates neigte den Kopf. "Ex-Pilot," stimmte sie zu und obwohl sie nie zuvor darüber gesprochen hatte, stellte sie plötzlich fest, dass sie Keeter die ganze Geschichte erzählte. "Er hat sich dann aus dem aktiven Dienst versetzen lassen und hat im Büro des Marineministers angefangen. Kurz darauf haben wir uns verlobt." Voller Abscheu spuckte sie ihren Strohhalm in hohem Bogen davon.
"Und trotzdem hat er dich betrogen?" erkundigte sich Keeter mit sanfter Stimme.
Skates Kopf ruckte hoch. Erstaunt blickte sie in die ehrlichen grauen Augen. "Wie kommst du darauf? Hätte ja sein können, dass *ich* *ihn* betrogen habe."
"Nein." Entschieden schüttelte Keeter den Kopf. "Dazu bist du nicht der Typ. Du bist treu wie Gold." <Uff! Hab ich das jetzt eben wirklich gesagt?! Treu wie Gold? Herrgott, werd’ ich jetzt etwas schnulzig?!> Keeter wartete einen Moment, aber als Skates nicht widersprach, fuhr er fort: "Also hat er dich betrogen?"
Skates nickte stumm.
"Und du hast ihn mit der anderen erwischt?" Keeter musste es jetzt einfach wissen.
Wieder ein Kopfnicken von Skates.
"Im Aufzug?"
"Was?" Skates starrte ihn verständnislos an. "Aufzug? Wie kommst du denn darauf? Was hat das mit einem Aufzug zu tun?"
Keeter zuckte unsicher die Schultern. "Ähmn, na ja, ich dachte eben, weil du... eine Fahrstuhl-Phobie hast und dann dein... ähm, Zögern, dich mit Männern einzulassen... ich hab mir wohl zusammengereimt, dass das irgendwie zusammenhängt..."
Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas musste Skates lachen und sie stellte plötzlich fest, wie gut es tat, mit Keeter darüber zu reden. <Ich bespreche hier die Abgründe meines Liebeslebens mit Jackson D. Keeter, Flyboy und Frauenheld, und trotz aller Missverständnisse fühle ich mich irgendwie ... verstanden. Wer hätte das gedacht!> Amüsiert schüttelte sie den Kopf. "Nein, Keeter, meine ‚Fahrstuhl-Phobie’ geht eher auf mein Erlebnis mit einer Frau, nicht mit einem Mann, zurück."
Keeters Augenbrauen schossen in die Höhe, während sein Kiefer nach unten sackte. "Mit einer... Frau?! Du meinst, du... ähm…" Unschlüssig fuchtelte der Pilot mit den Händen.
Skates verpasste ihm einen tadelnden Ellenbogenstoß und rollte mit den Augen. "Erinnerst du dich noch an das Haus meiner Eltern?"
"Erinnern? Haus?" Keeter lachte. "Als könnte man diese Riesen-Villa so schnell vergessen!"
"Als ich noch ein Kind war... so fünf oder sechs Jahre alt... gab es einen Mini-Aufzug, mit dem zu besonderen Anlässen das Essen von der Bedienstetenküche ins Esszimmer gefahren wurde. Einmal habe ich beim Spielen meine Cousine Randy darin eingesperrt. Dummerweise hat sich der Speisenaufzug dann verklemmt, so dass sie zwei Stunden lang festsaß," berichtete Skates mit einem schelmisch-verlegenen Grinsen.
Keeter musterte sie skeptisch. "Randy saß im Aufzug fest und *du* bekommst eine Fahrstuhl-Phobie?"
"Hey, das Ganze war ein traumatisches Erlebnis, schließlich wurde ich mit zwei Wochen Inline-Skate-Verbot bestraft! Außerdem hatte ich viel mehr Angst als Randy, schließlich wusste sie gar nicht, dass sie feststeckt! Sie hat die ganze Zeit über ‚tot’ gespielt!" verteidigte sich Skates.
Keeter rollte sich auf die Seite, um Skates Gesicht bei dieser skurrilen Geschichte besser beobachten zu können. "Sie hat *was* gespielt?!"
"Na ja, ich habe Randy ja nur im Aufzug eingesperrt, weil wir Vampir und Vampirjäger gespielt hatten."
"Ah, und du warst der Blutsauger, hm?" neckte Keeter.
Skates schüttelte den Kopf. "Nein, ich war der Vampirjäger. Ich habe Randy bis zu ihrem ‚Sarg’ verfolgt – dem Aufzug – und sie dann darin eingeschlossen. Dann habe ich ihr einen ‚Pflock’ durch den Sarg hindurch ins ‚Herz’ gerammt," erläuterte Skates sachlich. "Leider war der ‚Pflock’ der Schlüssel des Aufzugs, der daraufhin abgebrochen ist und im Schlüsselloch feststeckte."
Keeter wälzte sich lachend im Stroh. "Ach du meine Güte! Wie haben deine Eltern bloß deine Kindheit überlebt?"
"32 Babysitter!" verkündete Skates stolz.
10. August 2001
1309 Z-Zeit (14:09 Uhr IST / Irish Summer Time)
Killorglin, County Kerry,
Irland
Eine Zuckerwatte hoch über den Kopf haltend drängelte sich Harm durch die Ansammlung wartender Menschen auf den Straßen von Killorglin. Er wich ein paar Straßenmusikanten aus und umrundete Passanten, die stehen geblieben waren, um das Feuerwerk zu betrachten. Ein paar Meter von ihm entfernt wurden nervöse Pferde an einem Fanfarenzug vorbeigeführt.
Endlich erreichte er den Händlerstand, an dem er Mac zurückgelassen hatte, aber von seiner Angetrauten war nichts mehr zu sehen. Als er sich suchend umblickte, entdeckte er Mac ein paar Meter weiter, wie sie fasziniert zwei Gauklern zusah.
"Mir scheint, ich sollte vorsichtig sein," meinte Harm, als er Mac ihre Zuckerwatte in die Hand drückte, "nicht dass mir auf diesem Rummel hier noch meine ganz persönliche Zigeunerin entführt wird!"
Ihre Hochzeitsreise hatte sie genau rechtzeitig zur Puck Fair, einem Jahr- und Viehmarkt und einem der ältesten Festivals Irlands, nach Killorglin geführt.
"Hey, da kommen sie!" Mac winkte so wild mit dem Arm, dass Harm sich ducken musste, um nicht von der Zuckerwatte enthauptet zu werden. Erst dann konnte er sich wieder dem Spektakel zuwenden.
Die Menschenmenge auf der Straße hinter ihnen teilte sich. Eine Reihe von Dudelsack-Spielern marschierte auf die Plattform in der Mitte des Marktplatzes zu, gefolgt von einem Wagen, auf dem vier grün gekleidete Jungen eine Ziege umringten. Als sie die Plattform erreichten, wurde die Ziege oben festgebunden und ein kleines Mädchen mit wehenden braunen Zöpfen kletterte zu ihr hinauf. Das Mädchen krönte die Ziege mit einem aus Blumen geflochtenen Kranz zum "Puck König von Irland" und drückte ihr dann einen nassen Kuss zwischen die Hörner, bevor sie unter dem Applaus und Lachen der Zuschauer wieder von der Plattform kletterte.
Mac lachte und klatschte wie alle anderen. "Süß die Kleine, nicht?"
"Nicht halb so süß wie du." Er küsste ihr sanft die Zuckerwatte-Reste von der Wange. Harm schmunzelte, während er sich vorstellte, wie Mac wohl einst mit Zöpfen ausgesehen hatte. <Oder wie unsere Tochter... wenn wir je eine haben werden.. mal aussehen wird...>
Mac schlang einen Arm um seine Hüfte. "Und jetzt?" erkundigte sie sich unternehmungslustig.
"Jetzt thront die Ziege noch zwei Tage lang als König über der Stadt und am letzten Tag der Puck Fair wird sie feierlich freigelassen," erläuterte Harm, der sich auf der Suche nach der schönsten Zuckerwatte nebenbei bei den Einheimischen erkundigt hatte.
"Nein, ich meine, was machen wir beide jetzt?"
Harm neigte grinsend den Kopf und nickte in Richtung ihres Magens. "Wie wäre es mit einem verspäteten Mittagessen? Bevor du anfängst, die Ziege da oben gierig sabbernd zu beäugen!"
"Ich hatte gehofft, dass man meinen Magen nicht knurren hört," gestand Mac mit einem charmanten Anflug von Verlegenheit.
"Oh, das war dein Magen?! Und ich dachte, das wäre ein Presslufthammer!" spottete Harm liebevoll. "Also, zuerst Mittagessen und dann die geplante Tour zu den Skelligs?"
Mac schüttelte den Kopf. "Wie wäre es anders herum? Ich hab da nämlich noch was geplant."
"Etwas, was dir wichtiger ist als essen?" staunte Harm, während er bereits von seiner Frau davongezogen wurde.
Zwei Stunden später war Mac beinahe froh, dass sie das Essen auf später verschoben hatte. Die einfachen, kleinen Boote, in denen sie saßen, schaukelten selbst bei mildem Seegang gehörig. Dennoch war die Fahrt zu den dreizehn Kilometer vor der Küste liegenden Skellig Islands sehenswert. Auf der rechten Seite des Bootes glitten die von Felsen durchbrochenen Hügel von Valentia Island vorbei und in der Ferne sah man die Umrisse der Iveragh-Halbinsel.
Nach einer Stunde tauchte Little Skellig, die kleinere der beiden Skellig-Inseln, vor ihn auf. Aus der Ferne wirkte sie wie ein treibender Eisberg, doch als sie näher kamen, entdeckten sie, dass das, was sie für Schnee gehalten hatten, eine riesige Kolonie von Tölpeln war. Die 50.000 Vögel, die sich auf der winzigen Felseninsel angesiedelt hatten, bildeten die zweitgrößte Basstölpel-Kolonie der Welt.
Als der Skipper das Boot an der unter Naturschutz stehenden Insel vorbeilenkte, war das Geschrei der Tölpel deutlich zu hören.
Mac zog die Jacke enger um ihren Körper und lehnte sich gegen Harms wärmende Schulter, als der Wind den Schaum der Wellen über die Bootswand trieb.
"Hey, Mac, schau mal da!" Harm deutete zum Bug, wo die dunklen, geschmeidigen Körper zweier Seehunde am Boot vorbeiglitten.
Als sie sich eine halbe Stunde später der größeren Insel, Skellig Michael, näherten, entdeckten sie die Papageientaucher, für die die Insel berühmt war. Die Vögel stürzten sich aus großer Höhe von den steil abfallenden Felswänden hinab ins Wasser, nur um kurz danach mit einem Schnabel voller Sardinen wieder heraufgeflattert zu kommen und in ihre Brutlöcher zwischen den Felsen zu verschwinden.
Nach einem etwas wackeligen Anlegemanöver kletterten die zwölf Passagiere aus dem Boot. Langsam begannen sie, die 600 steilen, verwitterten Felsstufen der tausend Jahre alten Treppe hinaufzusteigen. Zu ihrer Rechten fielen die Felsen steil ins Meer ab.
Außer Atem erreichten sie schließlich die Spitze des Berges und betraten das Gelände des uralten Klosters. Große Teile waren längst von Zeit, Wind und Wetter abgetragen worden, aber sechs Bienenkorbhütten aus Trockenstein, in denen schon im 6. Jahrhundert Mönche gelebt hatten, zwei Gebetshäuser und die Überreste einer späteren Kirche waren erhalten geblieben.
Harm machte Anstalten, sich wie die anderen Touristen einen Platz auf der Plattform neben den Bienenkorbhütten zu suchen, aber Mac schüttelte den Kopf und zog ihn energisch mit sich.
Ein wenig abseits von den anderen breitete Mac die mitgebrachte Decke aus und bedeutete Harm, sich zu setzen.
"Hey, was gibt das denn?" fragte Harm erstaunt, als Mac begann, ein Arsenal von Nahrungsmitteln aus ihrem Rucksack zu holen und auf der Decke auszubreiten. "Hast du ein Lebensmittelgeschäft überfallen, während ich deine Zuckerwatte gekauft habe?" Hungrig reckte er den Hals. "Also, was gibt’s denn Gutes?"
"Oh, viiiiiele gute Sachen," versicherte Mac, "und wenn du besonders nett zu mir bist, teile ich sie vielleicht sogar."
"Zu gütig." Harm legte die Arme um Mac und den Rucksack und zog beide enger an sich. "Wie *nett* muss ich denn sein, hm?" hauchte er verführerisch gegen die Härchen in Macs Nacken und beobachtete amüsiert, wie sie sich aufrichteten.
"Ein Kuss genügt vorerst," entschied Mac großzügig, "leider sind wir ja nicht allein auf der Insel."
Fünf Minuten später lehnte sich Mac nach Atem ringend auf der Decke zurück. "Ich will mich ja nicht beschweren, aber... sagte ich nicht, *ein* Kuss genügt?"
"Der Rest war Trinkgeld, aber wenn ich zuviel bezahlt habe, kannst du es mir gerne zurückgeben."
Mac grinste. "Später, jetzt hab ich erst mal Hunger. Was meinst du?" Sie nickte in Richtung all der herrlichen Dinge auf der Decke.
Harm ließ einen bewundernden Blick über seine Frau gleiten. "Hmm, alles sieht wundervoll aus – inklusive des Essens."
Sie genossen das Picknick in freier Natur, umgeben von rauem Fels und dem tosenden Atlantik. Von hoch oben sahen sie aufs Meer hinab, bis zu Little Skellig und der im Dunst liegenden Küste Irlands in der Ferne.
"Der Hochzeits-Reiseführer, den Skates und Keeter für uns geschrieben haben, weist darauf hin, dass da drüben," Mac zeigte auf den gegenüberliegenden, zweiten Gipfel der Insel, "ein Platz liegt, der schon seit Jahrhunderten mit Hochzeiten eng verknüpft ist. Auf dem Jesus Saddle wurden im Mittelalter Gruppen junger Bräute eine Woche vor ihrer Hochzeit ‚ausgesetzt’, um sich durch Fasten und Meditation auf ihre Ehe vorzubereiten. Erst als die Priester schließlich herausfanden, dass die Mädchen sich bei Wein, gutem Essen und Musik hier drüben prächtig amüsierten, machten sie dem Brauch ein Ende," erzählte Mac mit einem Augenzwinkern.
"Ah, und wir lassen die Tradition jetzt wieder aufleben, nehme ich an?" Harm schob seiner Braut eine Traube in den Mund.
"Nnn-nhn," nuschelte Mac mit halbvollem Mund, "wir schind dosch schon verheiratet, wir brauschen unsch nischt mehr vorschubereiten!"
Harm pflückte eine weitere Traube für Mac. "Außer dem einen oder anderen Sprachkurs, vielleicht," kommentierte er neckisch. Dann verschwand sein Grinsen langsam und er studierte ernst Macs Gesicht. "Kannst du es schon so richtig glauben, dass wir wirklich und wahrhaftig verheiratet sind? Für immer und ewig, ein Ehepaar, eine Familie?"
Macs Finger spielten unruhig mit einem Stückchen Käse. "Na ja, einerseits weiß ich hier drin," sie legte eine Hand über ihr Herz, "schon seit einer ganzen Weile, dass das mit uns zwei was für die Ewigkeit ist und eigentlich ändert ein Stück Papier doch auch nichts zwischen uns... ich könnte dich ohnehin nicht mehr lieben, als ich es auch so schon tue... aber trotzdem... irgendwie ist es doch schön, für alle Welt sichtbar zu der Person zu gehören, die man liebt... Und was die Familie betrifft..."
"Ja?" Mit äußerster Aufmerksamkeit wartete Harm auf das, was kommen würde.
"Ich meine, bisher sind wir noch nicht dazu gekommen, mal so richtig in Ruhe über eine Familie, über Kinder, zu sprechen..." Mac sah von den Käsekrümeln zwischen ihren Fingern auf und blickte Harm unsicher-fragend an.
"Hatten wir uns nicht geeinigt, dass wir eine Baseballmannschaft große Kinderschar haben möchten?" versuchte Harm, das Thema ein wenig aufzulockern. Obwohl sie Partner, Mitbewohner, beste Freunde und nun sogar Eheleute waren, die über alles miteinander sprechen konnten, fühlten sie sich beide ein wenig schüchtern und unsicher, was dieses besondere Thema betraf. Keiner von beiden war mit einem anderen Partner je zuvor in der Lage gewesen, ernsthaft über ein eigenes Kind nachzudenken.
Mac grapschte nach dem nächsten Käsewürfel und warf ihn nach Harm. "Ha! *Du* wolltest neun Kinder! Ich will das nur, wenn *du* den Teil mit der Schwangerschaft und der Geburt übernimmst!"
Beide wurden wieder ernst und sahen sich fasziniert in die Augen, jeweils beim anderen den Glanz derselben Erkenntnis feststellend: Ein völlig neuer Schritt in ihrem Leben stand ihnen bevor; einer, der nicht nur sie beide betraf.
"Ich denke, wir sollten nicht warten, bis der 5-Jahres-Deal abgelaufen ist; schließlich bleibt mir nicht mehr allzu viel Zeit," meinte Mac sachlich.
Harm streichelte die seidenweiche Haut von Macs Wange. "Nun hör aber auf, Mac! Du bist alles andere als alt!" protestierte er heftig. <Du bist perfekt!>
"Nein, das nicht, aber drei Jahre warten machen mich nicht jünger... und dann, wer weiß, ob es sofort klappt..." Mac zuckte die Schultern.
Harm nickte zustimmend. "Ich will auch keine drei Jahre mehr warten. Du weißt, dass ich schon immer eine Familie wollte. Ich liebe Kinder und ein Kind mit dir würde ich noch viel mehr lieben. Aber... mag sein, dass es ein bisschen selbstsüchtig ist... aber ich möchte dich jetzt erst noch ganz für mich haben, es genießen, dass wir ein Paar sind, nur wir zwei... wenigstens noch für ein Weilchen." Zögernd wartete er auf Macs Reaktion. Er wusste, dass er schlussendlich nachgeben würde, wenn Mac etwas Anderes wollte.
"Das möchte ich auch, Flyboy," gestand Mac lächelnd. "Vielleicht sollten wir uns in einem Jahr noch mal ernsthafter mit dem Thema auseinandersetzen, hm? Falls uns Granny soviel Zeit lässt... wir sollten uns dringend nach einem Tresor umsehen."
"Tresor?" Harm verstand beim besten Willen nicht, was ein Tresor mit dem Kinderkriegen zu tun haben sollte.
Mac nickte. "Ja, Tresor. Ich habe den Verdacht, dass ein Jahr Granny zu lange sein wird. Sie könnte versuchen, unserer Familienplanung etwas nachzuhelfen, indem sie meine Pille gegen ein Mittel gegen Flatulenz oder ein sonstiges Placebo austauscht!"
2235 Z-Zeit (18:35 Uhr EST)
Belleville, Pennsylvania
Sorgfältig schlossen Keeters kräftige Finger die kleinen Knöpfe seines weißen Seidenhemdes. Dann richtete er sich auf und begutachtete sein Erscheinungsbild in der Reflektion der Fensterscheibe. Er zupfte seinen Krawattenknoten nach links, dann wieder ein Stück nach rechts. Bonny und Clyde, die halbzahmen Eichhörnchen, die auf Grannys Farm lebten, hielten draußen auf der Fensterbank in ihrem Nüsse Knacken inne, um die seltsamen Verrenkungen des Menschen zu beobachten.
"Hey, macht euch bloß nicht über mich lustig, ihr langhaarigen Ratten, sonst sorge ich dafür, dass Skates nächstes Mal alle Pistazien selbst isst!" drohte Keeter seinen Zuschauern.
Beleidigt wechselten die beiden Eichhörnchen einen Blick und flitzten dann über einen nahegelegenen Ast zum Wohnzimmerfenster hinüber.
"Drei Jahre?" sagte Granny dort gerade ungläubig, "es ist wirklich drei Jahre her, dass du das letzte Mal ein Rendezvous hattest?" Die alte Dame blickte Skates an, als hätte sie ihr gerade die sieben Todsünden gestanden.
Unbehaglich blickte Skates von dem Schachbrett auf, vor dem sie gerade mit Will saß. "Na ja, zwei Jahre lang war ich in einer festen Beziehung und danach...," sie zuckte die Schultern, "... ich war noch nie besonders gut in dieser ‚Flirten und Daten‘-Sache."
"Oh, dann solltet Keeter und du diese Stufe vielleicht gleich überspringen und geradewegs mit der nächsten Beziehungsstufe anfangen, hm?" schlug Granny keck vor.
"Bloß nicht! Auf den anderen Stufen habe ich auch nicht viel mehr Glück mit Beziehungen!" Ganz nebenbei schlug Skates Wills Läufer.
Granny richtete sich zu ihren vollen 1,60m auf und warf energisch ihre silbergrauen Haare zurück. "Meine liebe Elizabeth, es ist an der Zeit, dass du endlich wieder anfängst, dich mit Männern zu treffen. Und da du völlig aus der Übung bist, was Flirten und Rendezvous angeht, solltest du vielleicht erst mal einen Übungslauf absolvieren, um den Ernstfall zu proben. Du wirst heute Abend auf ein gaaaanz harmloses Test-Date gehen und wenn du nach Hause kommst, werde ich den Supervisor spielen und mit dir durchgehen, wie du dein Flirt-Verhalten verbessern kannst!" Granny strahlte, als hätte sie Skates gerade eine nobelpreisverdächtige Formel verraten.
"Mmmm-hmn," brummte Skates wenig überzeugt, "und mit wem soll ich diesen Testlauf bitte schön absolvieren?"
"Oh, ich habe da zufälligerweise die ideale ‚Laborratte‘." Schwungvoll öffnete Granny die Türe zum Nebenzimmer und präsentierte einer überraschten Skates den in einen edlen Dreireiher gekleideten Keeter.
"Jackson D. Keeter, zu Ihrer Verfügung, Ma’am!" Er verbeugte sich so elegant, wie das die enge, von Harm stammende Weste zuließ. Er stellte sich bereits jetzt darauf ein, den ganzen Abend mit eingezogenem Bauch herum zu laufen. <Was tut man nicht alles für die Frau, die man... mag!> "Na, bist du fertig, Skates?"
"Fertig?" Skates saß erstarrt auf der Couch, die von Will erbeutete weiße Dame noch immer umklammert. "Fertig für was?"
Keeter drehte sich zu Will um und rollte theatralisch mit den Augen. "Frauen! Wenn ein Mann sagt, er wäre rechtzeitig fertig, dann meint er, dass er fertig ist. Sagt eine Frau, sie ist ausgehfertig, dann meint sie, sie ist fertig, sobald sie ihr Make-up und den Lippenstift fertig aufgetragen, den Videorecorder für ihre Lieblingsserie programmiert und den anderen Ohrring gefunden hat!" beschwerte er sich neckisch.
Energisch zerrte Granny die jüngere Frau von der Couch. "Komm schon, Elizabeth, wirf dich in dein schönstes Kleid und los geht’s!"
"Hey!" protestierte Skates. "Ich sagte doch, ich flirte und ich date nicht!"
"Das ist doch nur Jackson, du hast nichts zu befürchten. Es wird das freundlichste und harmloseste Rendezvous deines Lebens werden." Granny zog sie einfach aus dem Raum.
Zehn Minuten später kehrte Skates ins Wohnzimmer zurück – in einem schwarzen, hautengen Kleid und mit hochgestecktem Haar. Einfache, elegante Ohrringe schmückten ihre kleinen Ohren und ein goldener Anhänger ruhte über ihrem fein geschwungenen Schlüsselbein.
Keeter öffnete den Mund, um eine weltmännische, kluge Bemerkung zu machen und ihr sein fachmännisches Kompliment auszusprechen, aber alles, was er herausbrachte, war ein einfaches "Wow!"
Ein wenig unbehaglich sah Skates an sich hinab. "Das hatte Granny ‚zufällig‘ gerade herumliegen, sagt sie jedenfalls!" erklärte sie anklagend.
Granny drückte Keeter die Autoschlüssel in die Hand und schob ihre beiden Romantik-Lehrlinge kurzerhand aus dem Haus.
Die Fahrt in die Stadt verlief schweigend. An einer roten Ampel hielt Keeter und begann, an seinem Anzug herum zu zupfen und probehalber die Schultern zu recken.
Skates sah stirnrunzelnd zu. "Alles in Ordnung?"
"Ja, ja, sicher, der Anzug stammt nur leider von Harm und ist deshalb ein wenig eng um die Schultern," entschuldigte sich Keeter.
"Ah, nur um die Schultern, was?" Mit freundschaftlichem Spott tätschelte Skates Keeters Bauch.
Keeter warf ihr einen strengen Blick zu. "Rendezvous-Tipp Nummer eins: Tu das bloß nicht auf einem richtigen Rendezvous – keine Anspielungen auf das Gewicht, die grauen oder fehlenden Haare oder den Lieblingsfootballverein eines Mannes!"
Skates lächelte zum ersten Mal, seit Granny das Thema Rendezvous angeschnitten hatte.
"Ist mit *dir* alles in Ordnung?" gab Keeter besorgt ihre Frage zurück.
Seufzend strich sich Skates eine einzelne Haarsträhne, die ihrer Hochsteck-Frisur entkommen war, aus dem Gesicht. "Ich... ja, ich... ich habe zugestimmt, mit dir auf ein Test-Rendezvous zu gehen, weil ich sicher bin, dass zwischen uns nichts läuft..."
<Autsch!> Keeter zuckte unmerklich zusammen. <Wieder ein ruiniertes Flyboy-Ego!>
"... ich meine, wir kennen uns, wir sind... na ja, so was wie Freunde. Aber irgendwie bin ich jetzt trotzdem ein wenig nervös. Ich weiß, dies hier ist kein echtes Date, aber trotzdem fühle ich mich so, als müsste ich mich von meiner besten Seite zeigen." Skates seufzte erneut, nicht sicher, ob Keeter verstand, was sie meinte.
Keeters Hand verließ ihren Platz auf dem Schaltknüppel und schloss sich ermutigend um Skates‘ Finger. "Hey, du musst dir keine Gedanken darüber machen, wie du es anstellst, mich zu beeindrucken – ich bin bereits beeindruckt, Skates. Glaub mir, wenn das hier ein richtiges Rendezvous wäre, dann wäre der glückliche Mann, der dich begleitet, der einzige, der Grund hätte, nervös zu sein."
Skates schwieg einen Moment, beeindruckt von der Einfühlsamkeit des kräftigen Mannes. "Hat Granny dich instruiert, das zu sagen?" erkundigte sie sich dann skeptisch.
"Nein. Grannys Instruktionen waren viel simpler: ‚Kleckere nicht auf deine Krawatte‘; ‚Sprich beim Essen nicht über Sport oder das Fliegen‘ und ‚Reiß sie spätestens beim Dessert über den Tisch und küsse sie, bis sie vergisst, ob ihr beim Italiener oder beim Griechen seid‘," erklärte er grinsend.
Skates kniff ihn in den Oberschenkel. "Instruktion eins und zwei sind okay, aber auf das Dessert verzichte ich!"
Keeter parkte den Wagen vor dem italienischen Restaurant und kam um das Auto herum, um Skates galant die Türe zu öffnen.
"Jackson Keeter und Begleiterin," meldete er sich bei dem Kellner, der sie an der Tür empfing, "Sarah MacKenzie, ehemals Rabb, hat angerufen und reserviert."
"Ah, Granny! Bitte folgen Sie mir, wir haben Ihnen einen besonders schönen Tisch reserviert." Der italienische Ober strahlte und führte sie zu ihrem Tisch in einer ruhigen, vom Rest des Restaurants diskret abgeschotteten Nische.
Die Blicke der männlichen Gäste folgten Skates, als sie in ihrem engen Kleid den Saal durchquerte, und sie wünschte sich plötzlich ein wenig unbehaglich, sie wäre in ihren Lieblingsjeans und dem bequemen, weiten Pulli, den sie bei ihrem letzten Besuch aus dem Schrank ihrer Cousine entführt hatte, hergekommen.
Der Kellner legte die Speisekarten vor ihnen ab, während er die Tagesmenüs rezitierte und die Weinspezialitäten des Hauses aufzählte. Fragend sah er Keeter an.
Der Pilot lehnte sich in seinem Stuhl zurück und bedeutete Skates, nach ihren Wünschen zu wählen.
<Mmmm, das gefällt mir.> dachte Skates, während sie einen leichten Rotwein bestellte. <Er versucht nicht, für mich zu sprechen und Entscheidungen zu fällen, als ob ich das nicht selbst könnte. Vielleicht sollte er diesen ‚Kurs’ eher mit meinen potentiellen Rendezvous-Partnern machen als mit mir. Es gibt Männer, die könnten sich noch das eine oder andere bei ihm abkucken."
Als sie wieder alleine am Tisch waren, sah sich Skates im Raum um und stellte fest, dass der Kellner hinter der Theke sie unablässig musterte. Skates schlug ihre Speisekarte auf, um sich dahinter verstecken zu können, und beugte sich über den Tisch, um Keeter zuzuflüstern: "Rendezvous-Tipp Nummer zwei: Ich glaube, das nächste Mal sollte ich mich etwas unauffälliger kleiden, hm?"
Keeter sah auf, spähte durch das Restaurant und warf dem aufdringlichen Kellner einen warnenden Blick zu. "Mmhm, das Kleid ist es nicht, das die bewundernden Blicke erntet, sondern die Frau dahinter."
"Von der dieses Kleid ein bisschen viel zeigt," murmelte Skates hinter ihrem Menü hervor.
Keeter schüttelte den Kopf. "Rendezvous-Tipp Nummer zwei: Kleide dich nächstes Mal noch sexier."
Skates braune Augen weiteten sich ungläubig. "Du nimmst mich auf den Arm, oder?!"
"Nicht im Geringsten," versicherte Keeter, ihrem Blick ruhig standhaltend. "Sieh dich mal um, Skates, jedes Auge hier ruht auf dir, weil du die attraktivste Frau im Raum bist. Der Mann, mit dem du dann ausgehst, wird das einfach lieben!"
Skeptisch neigte Skates den Kopf zur Seite und beäugte ihr Gegenüber von unten herauf. "Ist das dein Ernst?"
"Hey, natürlich ist das mein Ernst! Jeder Mann will doch mit der Frau gesehen zu werden, von der die anderen Männer nur träumen!"
"Ich weiß, ich weiß, aber das meine ich ja gar nicht." Skates legte die Karte ab und sah Keeter ernst an. "Ich meine... denkst du wirklich, dass ich die attraktivste Frau im Raum bin? Schau dich doch mal um... die Rothaarige da drüben... oder die Frau in dem Mini-Rock... denkst du im Ernst, ich bin attraktiver als die?" Skates tadelte sich selbst für den pubertären Anflug des Bestätigt-sein-Wollens, aber als Frau in einer Männerdomäne bekam sie nicht oft die Gelegenheit, sich über ihre weiblichen Reize zu erkundigen, ohne dass ihr männliches Gegenüber gleich ‚mehr’ erwartete.
Keeter fuhr sich nervös mit der Zunge über seine plötzlich trockenen Lippen und wurde vorerst vor dem Antworten gerettet, als der Kellner den Wein brachte. Keeter sagte ihm, dass sie noch nicht die Zeit gefunden hatten, einen Blick auf die Speisekarte zu werfen, und schon verschwand der Kellner wieder.
Als der Pilot zurück zu Skates blickte, stellte er fest, dass ihre dunklen Augen ihn noch immer intensiv musterten. "Also, bin ich’s?" wiederholte sie mit einem neckischen Unterton.
Keeter lächelte. "Sollte das etwa die berühmte Flygirl-Arroganz sein?" spöttelte er freundschaftlich, nur um dann wieder ernst zu werden. "Hmmm, ja, du bist die attraktivste Frau im Raum." <Und in den meisten anderen Räumen...>
Eine halbe Stunde später wurde ihnen endlich ihr Essen serviert. Keeter sah hinab auf seine Cannelloni und wünschte sich plötzlich, er hätte wie Skates stattdessen die Lasagne bestellt. "Sieht gut aus," meinte er, mit der Gabel auf ihren Teller deutend.
Skates schnitt methodisch Vierecke aus ihrer Lasagne, spießte eines auf und hielt Keeter einladend die Gabel hin. "Willst du probieren?"
"Ähmn, nein, danke," lehnte Keeter höflich lächelnd ab, nun doch ein wenig unsicher über die vertrauliche Geste.
"Komm schon! Es schmeckt wirklich wundervoll." Skates streckte den Arm noch ein Stückchen mehr aus und hielt ihm die Gabel einladend direkt vor den Mund.
Keeter lehnte sich vor und umschloss die Gabel vorsichtig mit den Lippen. Langsam kauend lehnte er sich wieder zurück. "Hmmm, sehr gut! Wirklich."
Skates lächelte und deutete diskret mit dem Finger. "Ähm, du hast da ein bisschen Tomatensoße... da, im Mundwinkel."
"Da?" Keeter betupfte seinen linken Mundwinkel.
"Nein, auf der anderen Seite... nein, nein, höher... höher..." Skates beobachtete die Sache ein paar Sekunden lang, dann beugte sie sich kurzerhand vor und wischte Keeter den winzigen Tropfen Tomatensoße mit dem Daumen vom Gesicht.
Mit geweiteten Augen und Lippen, die zu brennen schienen, sah Keeter zu, wie sie ihren Daumen dann automatisch in den Mund schob. Er blinzelte und räusperte sich mühsam. "Uuh, Rendezvous-Tipp Nummer drei: Das solltest du unbedingt auch mit Wem-auch-immer machen! Das ist ziemlich... erotisch."
"Erotisch?" Skates verschluckte sich beinahe an ihrem nächsten Bissen Lasagne. "Na, hör mal, du hast seltsame Vorstellungen von Erotik!" Kopfschüttelnd griff Skates nach ihrem Weinglas.
Eine Weile aßen sie, ohne sich zu unterhalten; Skates völlig zufrieden damit, mit einem ‚Date’ zur Abwechslung einmal keinen langweiligen Smalltalk betreiben zu müssen, und Keeter in Gedanken nach den richtigen Worten suchend, um die Frage zu stellen, die ihm im Kopf herum spukte.
"Frag doch einfach, Keeter," schlug Skates nach einer Weile vor, ohne auch nur aufzusehen.
Keeter erstarrte über seinen Cannelloni. "Woher... wie..."
"Es ist schon ein Weilchen her, seit wir uns kennen gelernt haben..."
"... am Flughafen, um ein Taxi kämpfend... und du hast mich ein Nashorn und ein Mammut genannt," erinnerte Keeter.
"... wie dem auch sei, Manny, ich wollte nur sagen, dass ich dich inzwischen einigermaßen kenne. Und jetzt im Moment machst du ein Gesicht, wie immer, wenn du noch nach einem Stückchen Kuchen fragen möchtest, dich aber nicht traust, weil Granny sonst wieder sagt, dass übergewichtige Männer unattraktiv für uns Frauen sind." Skates grinste schelmisch. "Also, frag schon!"
Keeter stocherte mit der Gabel in der Ruccola-Dekoration auf seinem Teller herum. "Na ja... wo wir es doch gerade über Vorstellungen von Erotik hatten..."
Skates Brauen ruckten in die Höhe. "Würdest du *das* eine Frau beim ersten Rendezvous fragen?! Das wäre dann mit Sicherheit das erste und letzte Treffen!"
Keeter zuckte fast linkisch die Schultern. "Du hast doch eben betont, wie gut wir uns schon kennen..."
"Nicht heute Abend. Heute Abend sind wir ein Paar beim ersten Rendezvous," widersprach Skates.
"Hmm, okay." Keeter grub mit der Gabel Rillen in seine Serviette, ohne Skates richtig anzusehen. "Aber man kann doch eine Frau auch beim ersten Rendezvous mal ganz neutral fragen, was ein Mann tun müsste, um sie küssen zu dürfen... oder?"
Skeptisch neigte Skates den Kopf. "Nur, wenn das Rendezvous sehr, sehr gut läuft."
"Und wie läuft es bisher? Rein hypothetisch, meine ich natürlich," fügte Keeter schnell hinzu.
"Sehr gut," musste Skates zugeben, " – rein hypothetisch, natürlich."
Keeter grinste hoffnungsvoll. "Sehr, sehr gut?"
Skates hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Sie mochte Keeters vorsichtige Hartnäckigkeit. "Vielleicht."
"Also, würdest du einen Mann, wenn das Rendezvous sehr, sehr gut verläuft, küssen?" erkundigte sich Keeter, aufmerksam in die braunen Augen sehend.
"Hm, kommt darauf an."
"Auf was?"
Skates lehnte sich nachdenklich zurück. "Nun, es müssten mehrere Bedingungen erfüllt sein. Erstens mal müsste ich den Mann zunächst mal ein bisschen besser kennen lernen und das geht wohl kaum mit nur einem einzigen Treffen..."
"Hast du mich eben um ein zweites Rendezvous gebeten?" wollte Keeter grinsend wissen.
Skates wölbte eine Augenbraue. "Ich dachte, wir wären uns einig, dass das hier nur ein Testlauf wäre und kein echtes erstes Rendezvous?"
"Nehmen wir mal an, es wäre ein Rendezvous und wir würden uns schon ein bisschen besser kennen... was wäre die zweite Bedingung?"
Skates kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Ich schätze, Bedingung Nummer zwei wäre, wie sehr ich den Mann mag."
Keeter lächelte vor sich hin. "Also, vorausgesetzt du kennst und magst den Mann, kann er dich dann einfach so küssen oder gibt es auch eine dritte Bedingung?"
"Nein, einfach so sicher nicht," erklärte Skates energisch. "Kommt auch drauf an, wie wohl ich mich in seiner Umarmung fühle oder ob er mich zu sehr bedrängt."
Keeter schob den Teller mit seinen inzwischen kalt gewordenen Cannelloni zurück. "Ist das deine Art, mir zu sagen, dass ich dich umarmen soll?" erkundigte er sich mit einem Flyboy-Grinsen.
"Nein, fürs Umarmen habe ich auch Bedingungen," antwortete Skates trocken.
Keeter pfiff leise durch die Zähne. "Für jemanden, der behauptet, in dieser ‚Flirten und Daten’-Sache nicht gut zu sein, hast du da aber ein ziemlich genau ausgearbeitetes Regelwerk! Deine Auswahl-Prozedur ist strenger als die für Navy-Piloten!" <Aber die hab’ ich ja immerhin auch geschafft!> fügte er in Gedanken triumphierend hinzu.
"Na ja," Skates schluckte und sah auf ihren leeren Teller hinab, "nach ein paar Bruchlandungen muss man einfach ein bisschen wählerischer werden, was seine Flugpartner betrifft."
Keeter lächelte verständnisvoll. Er schob seine Hand über den Tisch und umschloss kurz Skates’ Finger. "Oder hast du fürs Händchen-Halten etwa auch Bedingungen?" fragte er grinsend.
13. August 2001
1805 Z-Zeit (19:05 Uhr IST / Irish Summer Time)
In der Nähe von Tralee, County Kerry,
Irland
"Brrrrr! Hooo! Haaaaalt!" Mit inzwischen fast routiniertem Griff zog Mac die Zügel an und brachte das kräftige Pferd, das ihren bunt bemalten Zigeuner-Wagen zog, zum Stehen. Seit zwei Tagen zuckelten Harm und Mac über die schmalen, romantischen Landstraßen Irlands und genossen es, fernab der Welt und nur in der Gesellschaft des jeweils anderen zu sein.
"Und? Hast du alles erwischt?" Mit flehendem Blick sah Mac vom Kutschbock hinab auf ihren Mann, der sich eben am Wegrand abmühte, Macs Reisekoffer, der vor einer halben Stunde unbemerkt vom Wagen gefallen war, wieder zu schließen.
Harm nickte und ließ zum Beweis einen von Macs BHs vom Finger baumeln. "Ja, alles, was nicht schon vom Wind zurück in die Stadt geweht wurde. Ich schätze, in den nächsten Tagen wird es schockierende Schlagzeilen in dieser ländlichen Idylle geben; seidene Unterwäsche, die plötzlich unerklärlich überall auftaucht... so mancher Schäfer wird wohl seine liebe Mühe haben, das seiner Liebsten zu erklären!" Grinsend hievte Harm den Koffer zurück in den Wagen.
"Schöner Held! So verteidigst du also die Unterwäsche deiner Frau!" schmollte Mac spielerisch.
"Hey, du solltest wissen, dass ich kilometerweit alles abgesucht habe!" verteidigte sich Harm würdevoll. "Okay, irgendein sexy Stück hängt noch von einer Tanne, die ich nicht erreichen konnte, aber dafür habe ich am Strand einen Ringkampf mit drei Möwen gewonnen, um deinen Bikini zurück zu bekommen!"
Mac lachte, während sie vom Kutschbock kletterte und begann, den Riemen unter dem Bauch des Pferdes zu lösen und das Pferd aus der Deichsel zu führen.
Harm holte den Hafersack aus dem Zigeunerwagen, während Mac begann, sich am Gaskocher zu schaffen zu machen. Als Harm zurückkehrte, fand er seine Frau pfeifend vor einem Topf Reis vor. "Wow! Du kochst *und* pfeifst! Was hat dich in so gute Laune versetzt?"
Mac schlug spielerisch nach der Hand, die von der vor sich hin kochenden Soße probieren wollte. "Mir kam nur eben gerade der Gedanke, dass ich in den wundervollsten Mann der Welt verliebt bin," antwortete sie übermütig.
"Habe ich Grund zur Eifersucht?" witzelte Harm. <Fünf Tage und noch immer klopft mein Herz schneller bei dem Gedanken, mit dieser Frau verheiratet zu sein!>
Bemüht, sich das übereifrige Zittern ihrer Finger nicht anmerken zu lassen, verteilte Mac das ungarische Gericht, das sie extra zu diesem Zweck zubereitet hatte, auf zwei Blechteller. Dann zündete sie eine Kerze an und befestigte sie feierlich am Rückbrett des Zigeunerwagens, der als improvisierter Tisch diente.
Lächelnd beobachtete Harm ihre fürsorglichen Gesten. Mit einem galanten Handkuss nahm er seinen Teller entgegen. "Feiern wir eigentlich irgendetwas Besonderes, außer natürlich, dass wir absolut verliebt, ganz allein und im Urlaub sind?"
"Hmm, na ja..." Freudige Nervosität dämpfte Macs normalerweise berüchtigten Hunger und sie tat nicht viel mehr, als ihr Reisgericht auf dem Teller herumzuschieben, während sie zusah, wie sich Harm über sein Essen hermachte und sie für ihre Kreation mit Lob überhäufte.
"Das ist wundervoll, Mac," sagte Harm zum dritten Mal und grinste, als er Macs stolzes Strahlen sah. Nach ein paar weiteren Bissen lehnte er sich gegen die Kutschwand und nahm einen langen Schluck aus der Flasche irischen Bieres – einen verdächtig langen Schluck, wie Mac fand.
Sie sah genauer hin und stellte fest, dass Harms Augen verdächtig glänzten. Misstrauisch schob sie etwas Reis auf ihre bisher unbenutzte Gabel und führte sie zum Mund. Es erforderte ihre gesamte Marine-Selbstkontrolle, um den Bissen nicht sofort wieder auszuspucken. Der Reis war unerträglich scharf und ließ einen seltsamen Nachgeschmack in ihrem Mund zurück. "Cchhhh! Das ist ja… abscheulich! Ich muss die Mengen verwechselt haben oder so!"
Verlegenheit und Bedauern darüber, dass Mac ihren kleinen Fehler bemerkt hatte, mischte sich mit Erleichterung in Harms Gesicht. "Na ja, es ist ein bisschen... würzig," gab Harm sanft zu. "Aber ich genieße es, wirklich!" Tapfer führte er eine weitere Gabel zum Mund.
"Niemand kann so etwas genießen, Harm!" warf Mac ihm schärfer als beabsichtigt vor. Sie war verlegen und enttäuscht darüber, diesen besonderen Moment zerstört zu haben.
"Hey."
Sie spürte plötzlich sanfte Finger, die ihr Kinn anhoben, und blickte in die liebevollen blauen Augen ihres Mannes.
"Mac, das Essen war perfekt." Harm hob eilig die Hand, um Macs Einwand zuvorzukommen. "Wirklich, das war es – weil du es gemacht hast, extra für mich. Nur das allein zählt, okay?"
Macs Verstimmtheit verflog so schnell, wie sie gekommen war. "Danke," sagte sie gerührt.
"Gerne geschehen," antwortete Harm lächelnd. "Und jetzt... könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?"
Lachend reichte ihm Mac das Gewünschte.
"Also, was feiern wir?" fragte Harm noch einmal.
"*Noch* nichts, aber ich wollte eine romantische Stimmung schaffen, um dich etwas zu fragen..." Mac zögerte in plötzlicher Verlegenheit. "Harm, willst du... mich heiraten?"
In letzter Sekunde gelang es Harm, sein Wasser nicht quer über die halbgeleerten Teller zu prusten. "Ähm, Mac, ich will dir ja nicht den Enthusiasmus rauben und ich würde dich täglich wieder heiraten, aber... wir *sind* bereits verheiratet, schon vergessen?"
"Hm, ja, schon, aber es war so ein schönes Erlebnis und weil doppelt ja anscheinend besser hält, dachte ich mir, wir könnten an einer dieser traditionellen irischen Hochzeitsfeiern teilnehmen... du weißt schon, eine Handfasting-Zeremonie," erklärte Mac mit leuchtenden Augen.
"Handfasting, hm?" Harm grinste. "Du stehst also doch auf Fesselspiele!"
Mac schnippte ein Reiskorn nach ihm. "Hör auf, deine Frau zu ärgern und geh lieber das Pferd anbinden, Seemann!"
"Uiiiih! Fesseln... anbinden... du denkst wirklich immer nur an das *Eine*!" Lachend schlang Harm einen Arm um Mac. "Nein, im Ernst, das würde mir gefallen."
"Das *Eine*?" neckte Mac.
Harm grinste. "Ja, das auch, aber ich meine, ich würde gerne das Handfasting mit dir machen. Und ich weiß auch schon wann..."
13. August 2001
1805 Z-Zeit (19:05 Uhr IST / Irish Summer Time)
In der Nähe von Tralee, County Kerry,
Irland
"Brrrrr! Hooo! Haaaaalt!" Mit inzwischen fast routiniertem Griff zog Mac die Zügel an und brachte das kräftige Pferd, das ihren bunt bemalten Zigeuner-Wagen zog, zum Stehen. Seit zwei Tagen zuckelten Harm und Mac über die schmalen, romantischen Landstraßen Irlands und genossen es, fernab der Welt und nur in der Gesellschaft des jeweils anderen zu sein.
"Und? Hast du alles erwischt?" Mit flehendem Blick sah Mac vom Kutschbock hinab auf ihren Mann, der sich eben am Wegrand abmühte, Macs Reisekoffer, der vor einer halben Stunde unbemerkt vom Wagen gefallen war, wieder zu schließen.
Harm nickte und ließ zum Beweis einen von Macs BHs vom Finger baumeln. "Ja, alles, was nicht schon vom Wind zurück in die Stadt geweht wurde. Ich schätze, in den nächsten Tagen wird es schockierende Schlagzeilen in dieser ländlichen Idylle geben; seidene Unterwäsche, die plötzlich unerklärlich überall auftaucht... so mancher Schäfer wird wohl seine liebe Mühe haben, das seiner Liebsten zu erklären!" Grinsend hievte Harm den Koffer zurück in den Wagen.
"Schöner Held! So verteidigst du also die Unterwäsche deiner Frau!" schmollte Mac spielerisch.
"Hey, du solltest wissen, dass ich kilometerweit alles abgesucht habe!" verteidigte sich Harm würdevoll. "Okay, irgendein sexy Stück hängt noch von einer Tanne, die ich nicht erreichen konnte, aber dafür habe ich am Strand einen Ringkampf mit drei Möwen gewonnen, um deinen Bikini zurück zu bekommen!"
Mac lachte, während sie vom Kutschbock kletterte und begann, den Riemen unter dem Bauch des Pferdes zu lösen und das Pferd aus der Deichsel zu führen.
Harm holte den Hafersack aus dem Zigeunerwagen, während Mac begann, sich am Gaskocher zu schaffen zu machen. Als Harm zurückkehrte, fand er seine Frau pfeifend vor einem Topf Reis vor. "Wow! Du kochst *und* pfeifst! Was hat dich in so gute Laune versetzt?"
Mac schlug spielerisch nach der Hand, die von der vor sich hin kochenden Soße probieren wollte. "Mir kam nur eben gerade der Gedanke, dass ich in den wundervollsten Mann der Welt verliebt bin," antwortete sie übermütig.
"Habe ich Grund zur Eifersucht?" witzelte Harm. <Fünf Tage und noch immer klopft mein Herz schneller bei dem Gedanken, mit dieser Frau verheiratet zu sein!>
Bemüht, sich das übereifrige Zittern ihrer Finger nicht anmerken zu lassen, verteilte Mac das ungarische Gericht, das sie extra zu diesem Zweck zubereitet hatte, auf zwei Blechteller. Dann zündete sie eine Kerze an und befestigte sie feierlich am Rückbrett des Zigeunerwagens, der als improvisierter Tisch diente.
Lächelnd beobachtete Harm ihre fürsorglichen Gesten. Mit einem galanten Handkuss nahm er seinen Teller entgegen. "Feiern wir eigentlich irgendetwas Besonderes, außer natürlich, dass wir absolut verliebt, ganz allein und im Urlaub sind?"
"Hmm, na ja..." Freudige Nervosität dämpfte Macs normalerweise berüchtigten Hunger und sie tat nicht viel mehr, als ihr Reisgericht auf dem Teller herumzuschieben, während sie zusah, wie sich Harm über sein Essen hermachte und sie für ihre Kreation mit Lob überhäufte.
"Das ist wundervoll, Mac," sagte Harm zum dritten Mal und grinste, als er Macs stolzes Strahlen sah. Nach ein paar weiteren Bissen lehnte er sich gegen die Kutschwand und nahm einen langen Schluck aus der Flasche irischen Bieres – einen verdächtig langen Schluck, wie Mac fand.
Sie sah genauer hin und stellte fest, dass Harms Augen verdächtig glänzten. Misstrauisch schob sie etwas Reis auf ihre bisher unbenutzte Gabel und führte sie zum Mund. Es erforderte ihre gesamte Marine-Selbstkontrolle, um den Bissen nicht sofort wieder auszuspucken. Der Reis war unerträglich scharf und ließ einen seltsamen Nachgeschmack in ihrem Mund zurück. "Cchhhh! Das ist ja… abscheulich! Ich muss die Mengen verwechselt haben oder so!"
Verlegenheit und Bedauern darüber, dass Mac ihren kleinen Fehler bemerkt hatte, mischte sich mit Erleichterung in Harms Gesicht. "Na ja, es ist ein bisschen... würzig," gab Harm sanft zu. "Aber ich genieße es, wirklich!" Tapfer führte er eine weitere Gabel zum Mund.
"Niemand kann so etwas genießen, Harm!" warf Mac ihm schärfer als beabsichtigt vor. Sie war verlegen, enttäuscht und verärgert darüber, diesen besonderen Moment zerstört zu haben.
"Hey."
Sie spürte plötzlich sanfte Finger, die ihr Kinn anhoben, und blickte in die liebevollen blauen Augen ihres Mannes.
"Mac, das Essen war perfekt." Harm hob eilig die Hand, um Macs Einwand zuvorzukommen. "Wirklich, das war es – weil du es gemacht hast, extra für mich. Nur das allein zählt, okay?"
Macs Verstimmtheit verflog so schnell, wie sie gekommen war. "Danke," sagte sie gerührt.
"Gerne geschehen," antwortete Harm lächelnd. "Und jetzt... könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?"
Lachend reichte ihm Mac das Gewünschte.
"Also, was feiern wir?" fragte Harm noch einmal.
"*Noch* nichts, aber ich wollte eine romantische Stimmung schaffen, um dich etwas zu fragen..." Mac zögerte in plötzlicher Verlegenheit. "Harm, willst du... mich heiraten?"
In letzter Sekunde gelang es Harm, sein Wasser nicht quer über die halbgeleerten Teller zu prusten. "Ähm, Mac, ich will dir ja nicht den Enthusiasmus rauben und ich würde dich täglich wieder heiraten, aber... wir *sind* bereits verheiratet, schon vergessen?"
"Hm, ja, schon, aber es war so ein schönes Erlebnis und weil doppelt ja anscheinend besser hält, dachte ich mir, wir könnten an einer dieser traditionellen irischen Hochzeitsfeiern teilnehmen... du weißt schon, eine Handfasting-Zeremonie," erklärte Mac mit leuchtenden Augen.
"Handfasting, hm?" Harm grinste. "Du stehst also doch auf Fesselspiele!"
Mac schnippte ein Reiskorn nach ihm. "Hör auf, deine Frau zu ärgern und geh lieber das Pferd anbinden, Seemann!"
"Uiiiih! Fesseln... anbinden... du denkst wirklich immer nur an das *Eine*!" Lachend schlang Harm einen Arm um Mac. "Nein, im Ernst, das würde mir gefallen."
"Das *Eine*?" neckte Mac.
Harm grinste. "Ja, das auch, aber ich meine, ich würde gerne das Handfasting mit dir machen. Und ich weiß auch schon wann..."
0351 Z-Zeit (23:51 Uhr EST)
Belleville, Pennsylvania
Beide Hände in den Hosentaschen seines Anzugs vergraben schlenderte Keeter neben seiner Begleiterin her. Skates trat auf die Veranda des Haupthauses von Grannys Farm.
"Ah, das ist dein Haus, hm?" erkundigte sich Keeter, als besuche er wirklich zum ersten Mal das vorläufige Zuhause seiner Rendezvous-Partnerin.
"Ja," bestätigte Skates, das Spiel mitspielend. "Danke für den schönen Abend."
Keeter schüttelte tadelnd den Kopf. "Mpff, die Standardfloskel nach jedem Rendezvous! Rendezvous-Tipp Nummer sieben: Lass dir was Kreativeres einfallen! ‚Danke für den schönen Abend’ – das sagt man doch sogar, wenn man gerade das schrecklichste Rendezvous in der Geschichte der Menschheit hinter sich hat!"
Skates grinste. "Du musst es ja wissen. Aber ernsthaft, ich hatte wirklich einen schönen Abend," fügte sie aufrichtig hinzu.
"Erfreut, wenn ich zu Diensten sein konnte, Ma’am." Keeter verbeugte sich galant. "Obwohl..." Der Pilot zögerte und beäugte Skates kritisch, wie ein Schneider, der ein letztes Mal Maß nimmt.
"Ja?" biss Skates prompt an.
"Na ja, so völlig vorbereitet auf ein erstes Rendezvous bist du ja noch nicht... jetzt stell dir mal vor, du warst auf einem perfekten Rendezvous... erstklassiges Essen, guter Wein, romantische Musik, danach eine nette Bar, Tanzen gehen, ein Spaziergang im Mondschein...."
"Das haben wir doch alles eben geübt!" warf Skates ein.
Keeter hob die Hand. "Ich bin ja auch noch nicht fertig. Also, nach dem Tanzen bringt dein Rendezvous-Partner als Gentleman dich natürlich nach Hause und an der Haustüre möchte er sich dann von dir verabschieden... ihr steht eine Weile vor der Türe und redet darüber, wie schön der Abend war und dann..." Keeter machte eine dramatische Pause, "... dann möchte er dir einen Gute-Nacht-Kuss geben."
Skates zuckte die Schultern. "Na ja, wenn er attraktiv genug ist, habe ich kein Problem damit. Schließlich stehen ich und mein imaginärer Rendezvous-Partner ja vor meiner imaginären Haustüre und wenn’s mir nicht gefällt, kann ich ihn einfach stehen lassen."
"Aber... es könnte ja auch sein, dass er gar nicht die Absicht hat, dich zu küssen. Ich meine, die Anzeichen, die Interesse andeuten, sind sehr subtil und könnten leicht missverstanden werden," gab Keeter zu bedenken. "Wenn er merkt, dass du nichts gegen einen Kuss hast, könnte er auch annehmen, dass du auch zu ein bisschen ‚mehr’ bereit bist." Der Gedanke an Skates und einen imaginären Mann, die einen Kuss oder auch ‚mehr’ austauschten, gefiel Keeter gar nicht.
Skates stemmte die Hände in die Hüften. "Männer! Und woher weiß ich, ob er mich küssen will oder nicht?"
"Oh, das ist eine ziemlich komplizierte Sache... lass es mich mal an einem Beispiel erklären... also, noch mal: ihr steht auf der Veranda und betreibt höflichen Small Talk. Er steht... na ja... ungefähr da, wo ich gerade stehe." Keeter rückte einen Schritt näher an Skates heran. "Während ihr euch so unterhaltet, wird er vielleicht mal die Hand ausstrecken und dich unauffällig berühren..." Mit einer demonstrativen Geste streifte er die nackte Haut von Skates Ellenbogen. "... vielleicht sogar deinen Arm streicheln." Die Rückseite von Keeters Fingern fuhr sanft die Innenseite ihres Unterarms entlang, bis hinab zu Skates’ Fingerspitzen.
Skates nickte verstehend. "Na klar, das kennt man ja. Kaum willigt man ein, mit einem Mann auf ein Rendezvous zu gehen, schon hat er mehr Hände als ein Tintenfisch!"
"Tintenfische haben keine Hände, sie haben Saugnäpfe," korrigierte Keeter grinsend.
Die Jägerleitoffizierin rollte mit den Augen. "Wie dem auch sei. Also, wenn der imaginäre Jemand meinen Arm streichelt, bedeutet das, er möchte mich küssen?"
"Nicht unbedingt. Nehmen wir mal an, es wäre eine kalte Nacht... wenn Mister X näher rückt und ein wenig auf Tuchfühlung geht," Keeter tat es demonstrativ, "könnte das auch einfach nur bedeuten, dass ihm kalt ist und er ein bisschen deiner Körperwärme teilen will."
"Verstehe." Amüsiert-geduldig folgte Skates den Ausführungen ihres Lehrmeisters. "Und wenn ich das tue," sie schlang einen Arm um Keeters Taille, "kann das genauso gut auch nur eine Geste sein, die sicher gehen will, dass du nicht frierst, richtig?"
Keeter legte einen Arm um Skates Schulter, um das Gleichgewicht zu wahren. "Richtig. Aber wenn er ein verwegener Mann ist... dann könnte er natürlich die Gunst der Stunde nutzen, um sich einfach ein wenig nach vorne zu lehnen... so in etwa..." Der Pilot beugte sich nach vorne, bis sein Atem die Haare über Skates Stirn bewegte. "…und alles, was du zu tun hättest, wäre, ihm mit deinen Lippen etwas entgegen zu kommen und schon… würdet ihr euch küssen."
"Ähm... Keeter...!" Skates Finger verkrampften sich in Keeters Hemd, als ihr plötzlich bewusst wurde, das dies hier sich von einem spielerischen Probe-Rendezvous ganz rasch in etwas völlig Anderes verwandeln konnte. "Ich glaube nicht, dass wir..."
"Sssssch!" murmelte Keeter dicht an ihren Lippen. "Alles ist okay, solange du in die Augen deines Partners siehst, weißt du nicht mehr? Einer von beiden muss ein wenig Kontrolle an den anderen abgeben. Folge einfach, wohin mein Körper dich führt und denke nicht ständig daran, wohin wir gehen." Ganz bewusst verwendete er dieselben Worte, die er schon einmal zu Skates gesagt hatte.
Skates’ Finger auf Keeters Hüfte zuckten nervös, so als kämpfe sie mit dem Impuls, ihn zurückzustoßen – oder ihn noch näher zu ziehen.
Als sie den Mund öffnete, um zu widersprechen, tat Keeter das einzig Logische zu diesem Zeitpunkt: Er hielt ihr den Mund zu. Er kam nicht auf den Gedanken, dass er dazu nicht unbedingt seinen eigenen hätte benutzen müssen.
Er lehnte sich die verbleibenden Zentimeter nach vorne und presste sanft, aber unmissverständlich seine Lippen gegen Skates’.
Keeter spürte, wie ihre Hand flatternd nach oben tastete, seinen Rücken entlang, und er war sicher, dass sie für einige Sekunden seinen Kuss erwiderte, aber dann wanderten ihre Hände noch etwas höher, umfassten seine Schultern und stießen ihn ruckhaft zurück. "Keeter! Was zum... was tust du da?!" Feuer sprühte aus ihren dunkelbraunen Augen.
"Wenn du das nicht weißt, dann habe ich es scheinbar nicht gut genug gemacht," murmelte Keeter mit einem schwachen Lächeln.
"Das war kein Rendezvous, okay?! Du solltest mir nur helfen!" Verärgert streckte Skates die Hand nach dem Türknopf aus.
Ungewöhnlich zaghaft steppte der kräftige Pilot zwischen Skates und die Türe. "Ich weiß... ich... es tut mir leid, Skates, wirklich! Ich dachte nur..." Er seufzte. "... ich schätze, ich habe eben gar nicht gedacht, einfach nur gefühlt und gehandelt."
<Gefühlt!> Skates seufzte und senkte die Lider. Sie konnte jetzt nicht in diese sanften grauen Augen sehen. "Keeter, ich... ich kann mit dir im Moment einfach nicht über so was reden... über Gefühle, meine ich. Ich mag dich, aber..." Hilflos zuckte sie die Schultern.
Keeter lächelte tapfer. Es war zwar eine von wenigen, aber nicht die erste Abfuhr, die er von einer Frau erhielt. <Aber mit Sicherheit ist es die, die am meisten weh getan hat!> "Schon klar. Jetzt kommt die ‚Lass uns einfach nur Freunde sein’-Rede." Er konnte es nicht verhindern, dass ein wenig Enttäuschung und Bitterkeit sich in seine Stimme schlichen.
"Das ist es nicht, Keeter. Ich mag dich ja... wirklich... mehr als ich anfangs dachte. Aber ich will nicht von dir oder von Granny oder von irgendwem in etwas gedrängt werden, zu dem ich einfach noch nicht bereit bin. Im Moment kann ich einfach keine Beziehung, die dann wieder in Scherben enden könnte, gebrauchen; aber ich könnte einen Freund gebrauchen, der..."
"... der dir hilft, die Scherben zusammenzukehren," beendete Keeter den Satz. "Gut, dass ich schon so viele Decks geschrubbt habe, dass ich darin Weltklasse bin. Aber lass dich gewarnt sein: Sobald ich den Scherbenhaufen zusammengekehrt habe, beabsichtige ich, daraus etwas Neues aufzubauen! Ich geb’ dich nicht so schnell auf, Elizabeth ‚Skates’ Hawkes!"
14. August 2001
1921 Z-Zeit (20:21 Uhr IST / Irish Summer Time)
In der Nähe von Limerick, County Clare,
Irland
"Nackt! Eeeeendlich, habe ich das langersehnte Nacktfoto von dir, Flyboy!" Triumphierend tanzte Mac in dem Zimmer, das sie sich in dem kleinen Landgasthof genommen hatten, herum.
Harm schnaubte. "Ich war ein Jahr alt, was erwartest du da? Dress Whites?"
Mac antwortete nicht, viel zu sehr in das Album vertieft, das ein Bote eben für sie gebracht hatte. Mit zarten Fingern strich sie liebevoll über die Fotos, die jemand feinsäuberlich in das Album geklebt hatte. Ein rotwangiges, schwarzhaariges Baby mit Schaum auf der Nase sah ihr aus einer Badewanne entgegen. "Harm, du warst so süüüß!"
"*Warst*?!"
Mac blätterte weiter und begann zu kichern, als sie das Bild eines 6jährigen Harmon Rabb mit Schultüte entdeckte. Sein Flyboy-Lächeln enthüllte eine Zahnlücke.
Harm stöhnte. "Ich bringe sie um!" verkündete er finster.
"Sie?" fragte Mac unschuldig.
"Na, Granny, natürlich! Wer glaubst du, würde dir sonst Baby-Fotos von mir schicken? Sie wollte dich mit diesen ‚süßen’ Fotos dazu verleiten, dir einen eigenen Junior-Harmon anzuschaffen!"
"Oh." Mac sah erneut auf die Kinder-Fotos hinab. "Diese Frau schreckt aber auch wirklich vor gar nichts zurück, nicht mal an meinem Geburtstag!"
Harm nickte. "Der einzige Geburtstag, den sie feiern möchte, ist der ihres Urenkels!" Er verstummte plötzlich, um zu lauschen. "Hey, Geburtstagskind, wir müssen los. Ich glaube, meine Überraschung für dich ist da."
"Noch eine Überraschung außer dem Gutschein für den neuen Computer und den Karten für Disneyland und...?"
"Ja, noch eine Überraschung," bestätigte Harm, während er seine Frau vor sich her aus dem Raum schob, "du sollst alles bekommen, was du dir gewünscht hast."
Als sie nach draußen traten, stellten sie fest, dass ein Dutzend in Kilts gekleidete Dudelsackspieler sich auf dem Platz vor dem Gasthaus versammelt hatten.
"Wow!" Interessiert sah Mac zu, wie die nackten, kräftigen Beine der Iren begannen, in einem synchronen Marschschritt durch die Straßen des Dorfes zu stampfen. "Das wäre *die* Gelegenheit, herauszufinden, was die Iren unter ihrem Kilt tragen!"
Harm verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Brauen zusammen. "Hey! Warum will eigentlich nie jemand wissen, was ein Flyboy unter seinen Dress Whites an hat?" beschwerte er sich und gab vor zu trotzen.
Mac lachte und gab Harm einen neckischen Klaps aufs ‚Heck’. "Weil ich es bereits weiß, Flyboy!"
Der Trommler des irischen Trupps bedeutete Harm und Mac, ihnen zu folgen.
"Wir?" Erstaunt deutete Mac auf sich und Harm. "Wir sollen mitkommen?"
"Das ist unser Begleitschutz, Mac," erklärte Harm, der das Ganze als Geburtstagsüberraschung für Mac arrangiert hatte.
Mac nagte verständnislos an ihrer Lippe. "Begleitschutz? Wohin begleiten sie uns denn und wovor sollen sie uns beschützen?"
"Sie begleiten uns zu unserer Handfasting-Zeremonie und sie beschützen nicht uns, sondern vielmehr dich. Die irischen Kobolde lieben alle schönen Dinge und deshalb muss man als Bräutigam höllisch aufpassen, dass sie die wunderschöne Braut nicht entführen!"
"Handfasting?" echote Mac strahlend. "Du meinst, du hast eine irische Hochzeit für uns arrangiert, ohne dass ich es bemerkt habe?"
Harm grinste stolz. "Mm-hm. Obwohl... mir wurde erklärt, dass das Handfasting traditionell eigentlich gar keine Hochzeit im engeren Sinne war. Es war lediglich eine Übereinkunft eines Mannes und einer Frau, für ein Jahr und einen Tag zusammen zu bleiben."
"Und was ist, wenn ich dich für länger als nur ein Jahr und einen Tag haben will, hm?" Macs braune Augen blitzten herausfordernd.
"Es wäre natürlich ein Opfer meinerseits, aber ich schätze, das lässt sich machen," meinte Harm mit einem Märtyrer-Lächeln. "Nach Jahr und Tag stand es dem Paar traditionell frei, sich zu trennen, die Beziehung um ein Jahr zu verlängern oder eine permanente Ehe zu schließen."
Die kleine Gruppe mit Harm und Mac am Ende marschierte eine Anhöhe hinauf, während die Sonne tiefer sank und die dichten Bäume um sie herum immer längere Schatten warfen. Als die Dämmerung hereinbrach, erreichten sie eine Lichtung, die von im Kreis aufgestellten Fackeln erleuchtet wurde. Von irgendwoher erklang das sanfte Spiel einer Harfe und als sie in den Feuerschein traten, endete das Lied und ein neues, festlicheres Lied begann.
Eine kleine Frau in einem langen, grünen Kleid drückte Mac einen Kranz aus Weidflechten, weißen Blüten und Rosmarin aufs Haar, und winkte ihnen, mit ihr durch die am Ritual teilnehmenden Iren ins Zentrum des Kreises zu treten, wo bereits ein Feuer brannte.
Leise Flötenmusik setzte ein. Macs Finger schlossen sich fester um Harms Arm, als sie gemeinsam vortraten.
"Harmon Rabb," begann die Priesterin mit einer melodischen, weittragenden Stimme, "du stehst hier vor mir in diesem Kreis, um um was zu bitten?"
"Ich bitte nur um das eine: Meinen Lebensweg an der Seite dieser Frau gehen zu dürfen," sprach Harm die feierlichen Worte, den Blick nur auf Mac gerichtet.
Die Priesterin wandte sich Mac zu. "Sarah MacKenzie-Rabb, du stehst hier vor mir in diesem Kreis, um um was zu bitten?"
Mac blinzelte überrumpelt, nicht sicher, welche Worte von ihr erwartet wurden. Sie wollte auf keinen Fall etwas Falsches sagen und damit den Zauber dieses wunderschönen Rituals zerstören.
Aufmunternd drückte Harm ihre klammen Finger. "Sag einfach, was du denkst und fühlst, das wird immer gut genug für mich sein, okay?" flüsterte er dicht neben ihrem Ohr.
Mac straffte die Schultern, ermutigt durch Harms ruhiges Vertrauen in sie. Offen sah sie ihm in die Augen. "Ich bitte nur um das eine: Jeden Morgen in diese Augen blicken und jede Nacht diese Hand halten zu dürfen."
Die Priesterin nickte zufrieden. Sie führte die rechten Hände des amerikanischen Paares zusammen und lächelte, als sich ihre Finger sofort verschränkten. Ein rot-blaues Seidenband wurde locker um ihre Handgelenke gebunden. "Das Band zwischen euren Händen steht für die Verbindung zwischen euren Herzen; es symbolisiert, dass ihr Hand in Hand durchs Leben gehen werdet. Wollt ihr einander versprechen, ein Jahr und einen Tag miteinander zu verbringen und euch nicht zu trennen, ganz gleich, unter welchen Umständen?"
"Ja, ich will," bestätigten sie beide gleichzeitig.
Die Priesterin trat zurück, um dem Paar im Kreis Platz für eine Umarmung zu geben. Das seidene Band flatterte zu Boden, als sie zu einem Kuss zusammen kamen und Macs Finger sich in den kurzen Haaren in Harms Nacken vergruben.
Sie trennten sich erst, als die Priesterin sich amüsiert räusperte. "Tut mir leid zu stören, aber die Zeremonie ist noch nicht ganz zuende. Zuerst muss das Feuer noch drei mal umschritten werden." Sie schlang das Band erneut um ihre Hände.
"Gar nicht so einfach, wie es aussieht," murmelte Mac, als sie die erste Runde um das Feuer drehten. Der Kreis war eng und mit ihren gebundenen Händen blieb ihnen nicht viel Platz, um um das Feuer herum zu manövrieren.
"Die erste Prüfung für unsere junge Ehe, grá mo chroí," bestätigte Harm lächelnd.
Mac runzelte die Stirn. "Graw-muh-krie? Wo hast du das denn gelernt? Und was bedeutet es?" erkundigte sie sich neugierig.
"Ah-ah!" Harm schüttelte den Kopf. "Ich kann dir doch nicht alle meine Geheimnisse schon zu Beginn unserer Ehe verraten."
"Jetzt sag schon!"
"Hnnnn-nnn, vielleicht später."
"Wie viel später?" erkundigte sich Mac ungeduldig. "Ich hatte eigentlich gedacht, wir haben heute Abend etwas Besseres zu tun, als über gälische Kosenamen zu diskutieren." Sie lächelte schelmisch.
Harms Augen weiteten sich. "Oh! Ohhh! Viiiiel später!" versicherte er hastig und grinste. "So um unsere Goldene Hochzeit herum, vielleicht."
Eng umschlungen verließen sie den zeremoniellen Kreis.
1310 Z-Zeit (09:10 Uhr EST)
Belleville, Pennsylvania
"Autsch!" Keeter verschüttete fast seinen Kaffee, als ihn unter dem Küchentisch etwas am Schienbein traf.
Granny schielte schuldbewusst hinter ihrer Zeitung hervor. "Oh, entschuldige bitte, Jackson, ich wollte eigentlich meinen Göttergatten treffen."
"Du wolltest Will treffen? Aber warum, was hat er denn getan?" Verständnislos blickte Keeter auf den Halb-Cherokee, der neben ihm friedlich an seinem Kaffee nippte.
"Nichts hat er getan, das ist es ja gerade!" rügte Granny.
Will legte sein Croissant weg und küsste Grannys Wange. "Hab’s vergessen, Liebes, tut mir leid."
Granny erwiderte den Versöhnungskuss ohne zu zögern und Keeter wollte sich gerade grinsend vom Tisch erheben, um das ‚junge’ Paar alleine zu lassen, als er plötzlich von beiden Seiten am Ärmel gepackt wurde.
"Halt, hier geblieben!" befahl Will. "Ich sollte... äh, ich wollte dich ja noch fragen, wie euer Rendezvous gestern so gelaufen ist. Habt ihr...?"
"Habt ihr einen schönen Abend gehabt?" vervollständigte Keeter die Frage. "Ja, den hatten wir." Er wollte den Abend – oder besser gesagt: das Ende des Abends – schnellstmöglichst vergessen und ihn nicht in jedem Detail mit seinen ‚Supervisoren’ durchsprechen.
"Nein, ich meine, habt ihr euch geküsst?"
Seufzend schob Keeter die Kaffeetasse von sich. "Kommt schon, ihr zwei, als hättet ihr nicht durch den Türspion gelinst und alles genau beobachtet!"
"Das haben wir nicht!" verteidigte Granny sich leidenschaftlich. "Es war das kleine Toilettenfenster, durch das wir gespäht haben. Aber leider war es zu dunkel, um allzu viel zu sehen und hören konnte man auch kaum etwas. Also, spann uns nicht auf die Folter: Habt ihr euch endlich geküsst?"
"So in etwa," murmelte Keeter.
Granny runzelte die Stirn. "Ihr habt euch so in etwa geküsst? Wie geht das denn?"
"*Ich* habe Skates geküsst," gestand Keeter, die Finger so eng um die Tasse geschraubt, dass seine Knöchel weiß anliefen, "aber *sie* hat *mich* nicht geküsst! Oder, na ja, vielleicht hat sie mich ja doch geküsst... eine Sekunde lang." Der Pilot seufzte. "Verstehe einer die Frauen! Küsst man sie, ist man kein Gentleman; küsst man sie nicht, ist man kein richtiger Mann. Macht man ihr Komplimente, denkt sie, man lügt, um sich bei ihr einzuschmeicheln; tut man es nicht, sagt sie, man sei unhöflich..."
Tröstend klopfte Will ihm auf die Schulter. "Beruhige dich, Keeter, wenn eine Dame ‚nein’ sagt, dann bedeutet das meiner Erfahrung nach meistens ‚vielleicht’ und wenn sie ‚vielleicht’ sagt, dann denkt sie dabei ‚ja’."
"Und wenn sie ‚ja’ sagt?" erkundigte sich Keeter interessehalber.
"Dann ist sie keine Dame," warf Granny ein.
Keeter musste lachen. "Na, dann ist Skates eine vollendete Dame – ihr Nein war klar und deutlich."
"Hat sie gesagt, dass sie sich keine Beziehung mit dir vorstellen kann?" bohrte Granny, die methodische Kupplerin.
Keeter schüttelte bedächtig den Kopf. "Nein. Sie hat gesagt, dass sie sich momentan gar keine Beziehung vorstellen kann. Zuviel schmerzhafte Erfahrungen – und das auch noch mit einem Ex-Piloten, das spricht nicht gerade für mich."
"Was hat er getan?" erkundigte sich Granny mitfühlend.
Keeter zögerte. "Granny, nicht dass ich dich nicht für vertrauenswürdig halte, aber... das ist eine Sache aus Skates Privatleben; etwas, was sie mir unter vier Augen anvertraut hat und ich finde es irgendwie nicht richtig, es ohne ihre Zustimmung auszuplaudern."
Skates lehnte mit unwillkürlich angehaltenem Atem im Türrahmen. Sie hatte eben den Raum betreten wollen, als sie Keeter von ihren ‚schmerzhaften Erfahrungen’ hatte sprechen hören. Ihre erste Reaktion war Ärger gewesen, dann Enttäuschung, aber jetzt staunte sie nur noch über Keeters unerwartete Verteidigung ihrer Privatsphäre. Soviel Einfühlungsvermögen hatte sie von dem kräftig gebauten Piloten einfach nicht erwartet.
"Ähhm, Keeter...," sie bemühte sich, ihre Stimme in den Griff zu kriegen.
Keeter schoss praktisch in die Höhe. "Oh, Skates! Wie lange bist du... ich wollte nicht...wirklich, ich..."
"Lass gut sein, Keeter," Skates winkte beruhigend ab. "Und Granny, falls du es immer noch wissen möchtest: Er hat mich betrogen und nach dieser unschönen Geschichte habe ich erst mal genug von Beziehungen, okay? Also, bitte, versucht nicht, mich mit Keeter..."
"Aber Jackson hatte doch nichts mit der Sache zu tun... ich meine, *er* hat dich doch nicht betrogen," verteidigte Granny ihren Zögling. "Du wirst doch jetzt nicht alle Piloten über einen Kamm scheren, oder?"
Will reckte seine indianerhaft-schlanke Gestalt. "Ich kann dir versichern, junge Lady, dass es auch Piloten gibt, die treu wie Gold sind!"
Skates seufzte. Sie wollte ihre ‚Adoptiv-Großeltern’ nicht enttäuschen, sah aber keinen anderen Weg. "Das glaube ich ja, Will, aber..."
Keeters breitschultriger Schatten fiel über den Küchentisch, als er sich erhob. "Skates, du musst dich hier nicht rechtfertigen, nicht vor Granny, nicht vor Will und auch nicht vor mir. Du hast einen freien Willen und den respektiere ich... was nicht heißt, dass ich nicht darauf warte, dass du deinen Willen änderst," fügte er augenzwinkernd hinzu.
Skates lächelte, als die Anspannung der letzten Minuten von ihr abfiel. Sie hätte Keeter für sein ruhiges Verständnis jetzt am liebsten umarmt, aber das hätte nur alle Anwesenden wieder auf die falsche Idee gebracht. "Ich wollte dir nur sagen, dass ich bereits gepackt habe... wenn wir uns also das Taxi zum Flughafen teilen wollen, musst du dich langsam etwas beeilen, Keeter."
Keeter drückte ihr seine Kaffeetasse und das angebissene Croissant in die Hand. "Gib mir fünf Minuten."
16. August 2001
1445 Z-Zeit (15:45 Uhr IST / Irish Summer Time)
An Bord eines Kabinenkreuzers,
irgendwo auf dem Lough Derg,
Irland
"Oh, oh!" Harm hielt mit einer Hand das metallene Steuerrad des motorbetriebenen Hausbootes fest, während er mit der anderen den Geschwindigkeitsregler kontrollierte. Immer wieder sah er zum Himmel hinauf, der sich, seit sie den Hafen von Dromineer verlassen hatten, zunehmend verfinstert hatte.
Das sonst so ruhige Wasser des Shannon, der sich hier zum Lough Derg, einem großen Binnensee, verbreitert hatte, war jetzt aufgewühlt und dunkel. Obwohl Harm seit ihrer gestrigen Abfahrt schon einige Erfahrung mit dem Kabinenkreuzer gesammelt hatte, zog er es dennoch vor, den nächstbesten geschützten Hafen anzusteuern.
In der Nähe der Binneninsel Holy Island mit ihren Klosterruinen ankerte er in einer abgelegenen Bucht. Routinemäßig kontrollierte er, ob das mitgeschleppte Dingi noch gut am Heck vertaut war, dann kletterte er unter Deck, um nachzusehen, wo Mac geblieben war.
Er fand seine Frau in der kleinen, aber gut ausgerüsteten Küche des Hausbootes. "Hey, du kochst?" Harm schlang die Arme um Macs Taille und spähte über ihre Schulter in die Pfanne auf dem Herd.
"Mmm-hm..." Mac lehnte sich genießerisch seufzend in seine Umarmung zurück und schloss die Augen, als Küsse von ihrem Ohr bis hinab zu ihrem Kinnwinkel wanderten. "Und wenn du diese Ablenkungen nicht einstellst, dann mache ich wieder meine Spezialität – versalzene Eier und angebrannten Speck. Und außerdem... sollte nicht jemand das Boot lenken, während du hier deine Frau belästigst?" Trotz ihrer ‚Beschwerde’ machte Mac keinerlei Anstalten, sich aus der Umarmung zu lösen. "Oder sind wir etwa auf Grund gelaufen, weil du wieder nicht dran gedacht hast, dass man auf den irischen Straßen zwar links, aber auf den irischen Flüssen rechts fährt?"
"Was heißt hier ‚wieder’, hm?!" Zärtlich biss Harm in das nächstliegendste Ohrläppchen.
Lachend wandte sich Mac halbherzig aus dem Griff der weißen Zähne. "’Wieder’ deshalb, weil du schon in Australien deine Probleme mit dem Rechts- und Links-Verkehr hattest!"
"Iiiiiich? Probleme? Mit Verkehr?! Wer sagt das?" scherzte Harm. Insgeheim dachte er jedoch an die Ermittlung in Australien zurück. <Wie viel sich seit damals verändert hat! Heute trägt sie *meinen* Ring. Man, wie dumm und feige ich damals war! Das hätte ich alles schon viel früher haben können, wenn ich nur auf Macs Eternity-Frage ein bisschen besser reagiert hätte.>
"Also, bist du gekommen, um mir zu sagen, dass wir sinken und nur eine Rettungsweste haben?" unterbrach Mac seine Gedanken.
Harm schüttelte den Kopf. "Nein, wir liegen vor Anker. Das Wetter ist mir einfach ein wenig zu stürmisch geworden." Wie zur Bestätigung seiner Worte begann in diesem Moment, der Regen auf das Deck über ihnen herabzuprasseln.
"Mmmmh!" Mac vergaß ihre Bratpfanne, drehte sich in der Umarmung und schlang die Arme um Harm. "Wir beide... ganz alleine... auf einem romantischen See... gefangen in einer engen Kajüte... mit nichts Sinnvollem zu tun - hört sich beinahe an wie ein von Granny ausgetüftelter Plan, um die Urenkel-Wahrscheinlichkeit zu erhöhen!"
Harm zog Mac noch ein wenig enger gegen seinen Körper und spürte, wie ihre Hände automatisch unter sein T-Shirt und über die warme Haut seines Rückens glitten. "Tja, wenn unsere Großmutter sich wirklich die Mühe macht, unseretwegen sogar das Wetter zu beeinflussen, sollten wir uns ihrem Plan vielleicht fügen. Du kennst ja das Motto von uns Piloten..."
"Klar." Mac lachte. "Alles Weibliche, das bei drei noch nicht auf den Bäumen ist, wird... mpff!"
Eine Hand schob sich sanft, aber bestimmt, über Macs Mund. "Übung macht den Meister!" korrigierte Harm. Mit einer schnellen Handbewegung schaltete er den Herd unter dem mittlerweile fast schwarzen Speck aus, bevor er Mac in enger Umarmung hinüber zur Bugkajüte dirigierte.
2048 Z-Zeit (13:48 Uhr PDT / Pacific Daylight Saving Time)
Sanchez Street, Noe Valley
San Francisco, Kalifornien
"Uff!" Erleichtert ließ Skates die Reisetasche neben der Tür fallen. Dann steuerte sie auf geradem Weg den Kühlschrank an, um sich wie eine Verdurstende über eine Flasche Mineralwasser her zu machen.
Erst auf dem Weg ins Wohnzimmer sah sie das hektische Blinken ihres Anrufbeantworters. "Sie haben fünf Nachrichten!" meldete er auf Knopfdruck.
"Fünf!" murmelte Skates überrascht. "Ich bin doch eben erst zur Türe herein gekommen und jeder, der mich anrufen könnte, weiß doch, dass ich in Pennsylvania war!"
Sie streifte die Schuhe ab, drückte auf dem Weg ins Schlafzimmer die ‚Play’-Taste und begann im Gehen, ihr Sweatshirt über den Kopf zu ziehen.
"Hi, Skates, hier ist Keeter. Ich weiß, dass du vermutlich noch nicht zuhause bist, aber ich wollte nicht, dass du in eine leere Wohnung nach Hause kommst. Jetzt wartet wenigstens diese Nachricht auf dich."
Skates lachte, während sie sich das T-Shirt in die Hose stopfte und dann neben dem Anrufbeantworter Platz nahm, um die Nachricht zu Ende zu hören.
"Übrigens, dein Anrufbeantworter könnte mal ein wenig... Styling gebrauchen, Skates. Nicht, dass der Text, den du jetzt hast, nicht gut wäre, nein, nein! Er ist sehr... akkurat, aber es fehlt eben ein gewisser Pep. Ich meine ‚Hallo, hier ist der Anrufbeantworter von Elizabeth Skates Hawkes. Ich bin im Moment leider nicht Zuhause, aber Sie dürfen mir gerne nach dem Piepton eine Nachricht hinterlassen...’ – das ist doch nicht sonderlich interessant, oder? Du müsstest mal meinen Anru-"
Klick.
Skates schüttelte lachend den Kopf. Der Anrufbeantworter hatte die Aufnahme gestoppt, als Keeters Botschaft zu lange geworden war.
"Nachricht Nummer zwei," meldete er jetzt.
"Hey, Skates, kannst du das glauben, dein Anrufbeantworter hat mich einfach mitten im Satz abgebrochen! Ziemlich unhöflich, das Ding! Wie dem auch sei... wie ich gerade sagte, bevor ich so *rüde* unterbrochen wurde, ich kann dir gerne helfen, einen etwas kreativeren Text für den Anrufbeantworter zu finden, wenn du das möchtest. Vielleicht hört er dann ja auch auf, deine Anrufer einfach mitten in ihrer Rede zu unterbre-"
Klick.
"Nachricht Nummer drei."
"Du rätst es sicher schon, ich bin wieder unterbrochen worden. Vielleicht solltest du dir gleich einen neuen Anrufbeantworter anschaffen. Bist du immer noch unterwegs? Ich bin schon seit einer Stunde zuhause, hab Amaretto abgeholt und bin gerade am Koffer auspacken. Ach ja, deshalb rufe ich ja eigentlich an: Irgendwie ist deine Zahnbürste in meinen Koffer geraten. Vielleicht kann ich sie dir ja noch vorbeibringen, bevor ich morgen wieder zurück auf die –"
Klick.
Skates starrte den Anrufbeantworter an. "Wie kommt meine Zahnbürste in Keeters Koffer? Wir haben doch nicht mal dasselbe Bad benutzt! Wenn das nicht wieder einer dieser pennsylvanischen Kobolde war!"
"Nachricht Nummer vier..."
"Hey, Skates, weißt du was, ruf mich doch einfach an, wenn du nach Hause kommst, dann können wir reden, ohne dauernd von einem gewissen mechanischen Hilfsmittel unterbrochen zu werden. Ich warte auch brav neben dem Telefon und warte auf deinen Anruf, damit dir nicht dasselbe passiert. Bis dann. Gun till do cheum, as gach ceárn, fo rionnag-iúil an dachaidh."
Nachdem sie endlich aufgehört hatte zu lachen, fischte Skates den Zettel mit Keeters Telefonnummer aus ihrem Geldbeutel und griff zum Telefon. <Soviel zum Thema ‚Vergiss Keeter und den Rest der männlichen Pilotenwelt erst mal’!>
"Hallo," kam Keeters tiefe Stimme nach einigen Sekunden vom Band seines Anrufbeantworters, "wenn Sie wegen der Couch anrufen, die ist bereits verkauft. Wenn Sie etwas verkaufen wollen, verschwenden Sie bei mir nur Ihre Zeit. Wenn heute Montag ist, bin ich beim ‚Skaten-für-Anfänger’-Kurs und Sie müssen morgen noch mal anrufen. Ach ja, und wenn du eine Jägerleitoffizierin aus San Francisco bist... dann ist hier die Sex-Hotline und ich stehe gleich wieder zur Verfügung. Piep."
Skates starrte ein paar Sekunden lang nur verblüfft den Telefonhörer an, bevor sie ihn wieder an ihr Ohr führte. "Also, Keeter, ehrlich gesagt glaube ich, dass ein solcher Text ein wenig *zu* kreativ für meinen Anrufbeantworter wäre!"
Ein Knacken in der Leitung, dann kam Keeters atemlose Stimme. "Hey, Skates, leg nicht auf, ich bin zurück! Ich musste nur eben Amaretto davon abhalten, meine Socken zu fressen."
Einen Moment lang herrschte Schweigen, weil keiner von beiden wusste, was er sagen sollte, dann begann Skates: "Meldest du dich immer so? Sex-Hotline! Was, wenn deine Mutter dran gewesen wäre?!"
"Ich war gerade erst bei ihr, sie ruft jetzt bestimmt nicht an. Außerdem ist sie solche Sprüche von mir gewöhnt," meinte Keeter lässig. "Also, bist du gut nach Hause gekommen?"
"Ja, bin ich. Nur um festzustellen, dass ein gewisser Jemand das Band meines Anrufbeantworters vollgequasselt hatte...," bemerkte Skates mit mildem Spott. Sie streckte die Beine von sich und begann, das Telefonkabel spielerisch um ihren kleinen Finger zu wickeln.
Keeter lachte. "Willst du damit etwa sagen, dass ich zuviel rede? Ich rede sonst nie zuviel, das müssen also die Nachwirkungen von deinem Kuss sein."
"Du meinst wohl von *deinem* Kuss! *Du* hast *mich* geküsst, nicht umgekehrt, schon vergessen?"
"Dieses Mal vielleicht, aber ich werde nicht aufgeben, bis du *mich* geküsst hast!" verkündete Keeter entschlossen.
Skates stöhnte, aber ihre Lippen formten ein Lächeln. "Ist das die Technik, mit der du jede Frau rumkriegst? Ihr so lange auf den Wecker zu gehen, bis sie völlig entnervt nachgibt?"
"Geh’ ich dir denn auf den Wecker?" fragte Keeter, plötzlich ernst geworden.
Skates schluckte. "Nein, Keeter, das tust du nicht," antwortete sie ehrlich. "Du... ich... es war schön, nicht in ein leeres Haus heim zu kommen."
"Heißt das, ich kann mir meinen Kuss abholen, wenn ich dir morgen die Zahnbürste bringe?" Keeters hoffnungsvolles Grinsen war beinahe hörbar.
Skates stützte stöhnend den Kopf in die freie Hand. "Wenn ich jeden Mann küssen müsste, nur weil er mir nicht auf den Wecker geht, hätte ich ja viel zu tun!"
"Du musst ja nicht jeden Mann küssen, nur *einen*," warf Keeter ein.
"Keeter...," begann Skates beschwörend, brach dann aber ab und wechselte die Strategie. "Außerdem brauchst du nicht extra nach San Francisco zu kommen, nur um mir meine Zahnbürste zu bringen. Ich habe keine besonders emotionale Bindung an das Ding und kann mir einfach eine neue kaufen."
Brummend gab Keeter nach. "Dein Schiff läuft übermorgen aus, stimmt’s? Denkst du dran, mir ab und zu mal eine E-Mail zu schreiben?"
"Granny hat mir ja praktisch keine andere Wahl gelassen, als sie mir den neuen Laptop geschenkt hat. Glaubst du, sie hat Aktien-Anteile an AOL?" scherzte Skates.
Keeter lachte. "Ich glaube eher, es geht ihr mehr um nicht-monetäre Anreize."
Beide schwiegen einige Momente, dann wechselte Skates den Telefonhörer in die andere Hand. "Also, Keeter, ich glaube, ich sollte auch so langsam mal mit dem Koffer-Auspacken beginnen... grüß die Jungs auf der Enterprise von mir und... pass auf dich auf."
"Du auch. Wenn dir was passiert, bevor ich meinen Kuss bekommen habe, dann werde ich sehr... verärgert sein! Bis dann, Skates."
"Bis dann." Skates legte den Hörer auf.
Einige Sekunden lang verharrte Keeter zwischen dem Hundekorb und seinem halb ausgepackten Koffer und lauschte dem Frei-Ton im Hörer. Dann gab er sich einen Ruck und ging ins Badezimmer hinüber. Im Spiegel hinter dem Zahnputzbecher zeigte sich die Reflexion seiner einsam dastehenden Zahnbürste. Langsam streckte Keeter die Hand aus und platzierte Skates abhanden gekommene Zahnbürste sorgsam neben seiner. "Bis dann."
17. August 2001
1620 Z-Zeit (17:20 Uhr IST / Irish Summer Time)
Bunratty Castle, County Clare,
Irland
Schritte eisenbeschlagener Stiefel hallten die steinernen Gänge hinab. Fackeln flackerten und warfen lange Schatten auf die Touristen, die die gut restaurierte Burg aus dem 15. Jahrhundert erkundeten.
Ein als Ritter gekleideter Führer brachte sie hinüber in den mächtigen, von vier Ecktürmen überragten Rundturm. Von hier aus konnte man den Fluss Shannon sehen, der der Burg ihre strategisch günstige Lage verliehen hatte.
In der ersten Etage des Turmes befand sich die große Halle, in der jeden Abend mittelalterliche Bankette für die Touristen stattfanden.
Lange Holztafeln beherbergten beinahe hundert Gäste. Das Licht der Fackeln zeigte die üppigen Speisen. Pagen in mittelalterlicher Kleidung reichten Weinkrüge herum und im Hintergrund erklangen erste Harfentöne.
"Wow! Man fühlt sich fast in ein anderes Jahrhundert versetzt!" staunte Mac, als sie die alten Wandteppiche und Waffen an der Wand betrachtete.
"Oh, ein paar moderne Dinge haben auch wir, Mylady," versicherte ein ‚Hofnarr’, der die Bemerkung gehört hatte. "Bei uns dürfen die Damen mit am Tisch essen und müssen nicht nebenan Handarbeiten machen, wie das früher oft war."
"Gut für uns Männer," meinte Harm und lehnte sich auf der Holzbank vor, um Macs Wange zu streicheln. "Ich schaue beim Essen lieber in ein so schönes Gesicht, statt einem bärtigen Kerl zuzuschauen, wie er sich mit einem Jagdmesser in den Zähnen herumstochert!"
Der Hofnarr lachte, so dass die Glöckchen an seinem Kostüm klingelten. "Und außerdem ist es natürlich viel billiger, eine zarte Lady zu verköstigen als einen klotzigen 2-Meter-Ritter."
Harm ließ fast den Krug Met fallen, den er gerade hatte weiterreichen wollen. "Mir scheint, dein Ruf ist noch nicht bis Irland vorgedrungen, Mac," meinte er amüsiert. "Die Ärmsten ahnen noch nicht, dass du schon Restaurants mit Selbstbedienungsbüfetts in den Ruin getrieben hast!"
Mac biss herzhaft in ein Stück Geflügel mit Honigkruste. "Iß lieber, Spargeltarzan! Nachher im Flugzeug bekommst du sicher kein viergängiges Mahl aufgetischt."
Harm nickte und griff bedächtig nach seiner Suppenschale. "Kannst du glauben, dass unsere Hochzeitsreise fast schon vorbei ist?" fragte er, als er nach dem ersten Schluck aufsah.
Fackelschein spiegelte sich in Macs braunen Augen wider. "Ich kann noch nicht mal richtig glauben, dass wir jetzt wirklich verheiratet sind!" gestand sie lächelnd.
Harm ließ den Teller sinken und vergaß die hundert Menschen um sich herum. Automatisch erwiderte er Macs Lächeln. "Bereust du irgendetwas?" fragte er vorsichtig.
"Nein, niemals!" versicherte Mac, ohne auch nur einen Moment lang zu zögern.
"Niemals?" Harms Augenbrauen hoben sich. "Du weißt doch, dass man niemals nie sagen sollte. Ich meine... wer weiß schon, was die Zukunft bringt..." Noch immer sah er nur in die braunen Augen.
Mac schob ihre Hand über den Holztisch, bis Harms Finger sich über ihre legten. "Das ist mir egal."
"Egal?" Die Augenbrauen wanderten noch ein Stück höher.
Mac zuckte verlegen die Schultern. "Na ja, nicht wirklich ‚egal’... nur insofern egal, wenn ich diese Zukunft mit dir teilen kann, aber ansonsten habe ich immer noch ein paar Pläne, ein paar Dinge, die ich mir wünsche..."
"Eine tolle Karriere, einen guten Mann und einen ganzen Haufen bequemer Schuhe," ergänzte Harm liebevoll grinsend.
Mac lachte. "Richtig. Obwohl... genaugenommen habe ich diese drei Dinge jetzt. Sieht so aus, als müsste ich meine Zukunftsziele ein bisschen anpassen."
"Ein Haus mit weißem Gartenzaun, 1,4 Kinder und einen Billardtisch?" schlug Harm vor.
Die Finger von Macs rechter Hand spielten mit ihrem Messer. "Nicht in allernächster Zukunft, aber..." Mac zuckte die Schultern und ließ die Worte unausgesprochen, darauf vertrauend, dass Harm auch so wusste, was sie meinte.
"Ah!" Harm nickte verstehend. "Du wünscht dir einen Billardtisch zu Weihnachten," zog er sie auf.
Mac versetzte ihm einen tadelnden Klaps auf den Arm, musste aber lachen.
"Mal im Ernst," sagte Harm, ihre Finger drückend, "wie wär’s diese Weihnachten mit dem Billardtisch und nächste oder übernächste mit einem Wickeltisch? Wie klingt das, Mrs. MacKenzie-Rabb, hm?"
"Das," Mac lehnte sich über den Tisch, um ihn zu küssen, "klingt nach perfektem Timing, Mr. Rabb."
~ ENDE ~
zur Linksammlung
Wie geht’s weiter in der Granny-Reihe?
Glücklicherweise wird "Federvieh & Fesselspiele" nicht der letzte Teil der Granny-Serie sein. Ein achter Teil ist schon seit einer Weile geplant und wird demnächst ‚in Produktion’ gehen.
Wie "F & F" wird auch Granny Nr. 8 schon vor der Fertigstellung in regelmäßigen Updates auf der Granny-Mailing-Liste (http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries) zu lesen sein.
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