Roland Kaiser

Schachmatt (Video)

Am Anfang war da nur ein kurzer Blick zu mir
Ein Lächeln auf ihrem Gesicht
Dann strichen ihre Finger durch ihr langes schwarzes Haar
Viel mehr tat sie nicht
Doch für mich war das mehr als genug
Ich bin als Mann so gebor'n
Sie griff an mit den Waffen der Frau'n
Und ich war verlor'n.

(Kehrreim:)
Schachmatt, durch die Dame im Spiel
Schachmatt, weil sie mir so gefiel
Schachmatt, denn sie spielte sehr klug
Schachmatt, brachte mich Zug um Zug
Sie siegt, dachte ich mir
Sie spürt, daß ich verlier'
Die Frau bringt mich um den Verstand.

Sie war so zärtlich beinah' wie ein kleines Kind
Und doch so wild wie ihr Land*
Sie war so wie ein kühler Tropfen Tau auf dem Gras
Und doch setzte sie mich in Brand
Heiß und kalt hatte sie mich erwischt
Seit dem ersten Augenblick
Viel zu viel ist bis heute gescheh'n
Ich kann nicht mehr zurück.

Kehrreim (bis)


*Welches Land mag das gewesen sein, und wie mag sie geheißen haben? Ich tippe mal auf "Līlā" - Englisch auch "Leela" geschrieben -, denn den Namen gibt es sowohl in Indien als auch in Persien; es erspart mir also den müßigen Streit um die Frage, in welchem der beiden Länder das Schachspiel erfunden wurde. Müßig, weil sowohl Chaturang[a] als auch Chatrang bestenfalls als dessen Vorläufer angesehen werden können, mit dem Vorläufer der Dame, der schwächer ist als der König, und den lahmen Läufern, die den Springern deutlich unterlegen sind. Nein, das Schachspiel wurde auch nicht von den Arabern entwickelt und nach Sudeuropa gebracht, wie es einige politisch-überkorrekte Gutmenschen neuerdings behaupten, sondern es entstand in Europa. Wiederum ist es müßig zu fragen, ob in Spanien oder Italien; denn wo auch immer; der Erfinder war mit ziemlicher Sicherheit ein Jude. Die weltbesten Schachspieler waren immer Juden - ja, auch Leute wie Capablanca, Aljechin, Fischer und Karpow, die das hartnäckig bestritten und sich z.T. sogar als Antisemiten gerierten; es war ihr Spiel. [Warum "war" und nicht "ist"? Dazu weiter unten.]
1979, als dieses Lied entstand, war das menschliche Schachspiel auf seinem Höhepunkt angelangt. Es gab zwar schon die ersten Schachcomputer, aber die wurden allgemein nur belächelt. Daß der berühmte "Türke" des Baron von Kempelen aus dem 18. Jahrhundert ein Schwindel war - in seinen Inneren verbarg sich ein menschlicher Spieler, der die Züge ausführte - hatte sich bald herumgesprochen. ("Einen Türken bauen" wurde sogar zur sprichwörtlichen Redewendung für Betrugsfälle aller Art.)
Über den Film "Schach dem Roboter" hatten wir 1976 herzlich gelacht - nicht wegen der makabren Story, sondern weil es ja darauf hinauslief, daß auch der moderne Schachautomat eben nicht mit einem Elektronengehirn, sondern einem eingesetzten menschlichen Gehirn spielte.
Und als David Levy seine anno 1968 eingegangene Wette, daß ihn binnen 10 Jahren kein Schachcomputer schlagen würde, 1978 mit Bravour gewann, fühlten wir menschlichen Schachspieler uns alle bestätigt, zumal er auch noch erklärte, er würde die Wette um weitere 10 Jahre verlängern - aber es fand sich niemand, der dagegenhielt. Computerprogramme auf Meisterstärke seien pure "Science fiction". [Er hatte gelogen, d.h. wissentlich die Unwahrheit gesagt, denn er wußte es besser, setzte heimlich Alles auf die Entwicklung von Schachcomputern und wurde damit ein reicher Mann.]
1980 brachte die Firma Hegener & Glaser einen Schachcomputer auf den Markt, den sie - frei nach Goethes Faust - "Mephisto" nannte. Na ja, er spielte, wie er aussah: unterirdisch, ebenso das Nachfolgemodell "Mephisto II" - Kinderspielzeug für Anfänger. Doch im Vorweihnachtsgeschäft 1983 kam der "Mephisto III" auf den Markt, der vollmundig als "Durchbruch" bezeichnet wurde. Ich erinnere mich noch genau, ein großes Kölner Kaufhaus organisierte einen Wettkampf "Mensch gegen Computer" - und ein rundes Dutzend Neugieriger von der SG Porz ging hin. Wir haben ihn alle geschlagen - ohne größere Probleme, denn wir wußten ja, wie so ein Ding tickte und wie man es austricksen konnte: Einfach am Anfang ein paar unübliche Züge einstreuen, die er nicht in seiner Eröffnungsbibliothek hatte und dadurch seine Rechenzeit verbrauchen, denn wenn zu Beginn noch alle Steine auf dem Brett sind, gibt es so viele Zugmöglichkeiten, daß selbst ein Computer ins Schwitzen kommt. [Daraus folgt zugleich, daß man möglichst "geschlossene" Eröffnungen wählen und frühzeitigen Abtausch vermeiden sollte.] Dann, im Mittelspiel, mit positionellem Gefühl - das ein Computer nunmal nicht haben kann - einen Vorteil erlangen, um in ein gewonnenes Endspiel einzulenken. Wie? Nun ja, der Computer kann, wie schon der Name sagt, nur rechnen, d.h. er bewertet eine Position danach, wieviele Punkte jede Seite hat: Bauern je 1 Punkt, Springer und Läufer je 3 Punkte, Türme je 5 Punkte, Dame 10 Punkte. Aber so kann man allenfalls "Räuberschach" spielen, nicht echtes Schach, bei dem es darum geht, den gegnerischen König mattzusetzen, egal wieviele "Punkte" man noch auf dem Brett hat. Gewiß, der Computer macht keine groben Fehler, d.h. er stellt keine Figuren ein, er läuft auch nicht in eine 2- oder 3-zügige Mattfalle. Aber alles, was darüberhinaus geht, liegt jenseits seines Horizonts. Man mußte halt nur das Endspiel vermeiden, denn wenn nur noch ein paar Steine auf dem Brett waren, war er schon damals stärker als jeder Mensch, denn er konnte ja die paar Züge, die dann nur noch möglich waren, mit "brutaler Gewalt" [brute force] bis zum Ende durchrechnen, z.B. auch problemlos mit Läufer+Springer mattsetzen, was manchem menschlichen Spieler, zumal unter Zeitdruck, schwerfällt. Aber soweit ließen wir es halt garnicht erst kommen; und danach waren wir restlos überzeugt, daß Computerschach keine Zukunft haben würde.
Wir hätten es besser wissen müssen: Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis die Computer immer größere Speicher und immer schnellere Prozessoren bekommen würden. Dann umfaßte die Eröffnungsbibliothek nicht mehr nur die Standarderöffnungen und nicht nur die ersten 10, sondern die ersten 20 Züge aller einigermaßen akzeptablen Eröffnungen. (Unüblich durften die Züge sein; aber wenn sie direkt schlecht waren, bestrafte das der Computer gnadenlos.) Und "Endspiel" war dann halt nicht erst, wenn nur mehr 10 Steine auf dem Brett waren, sondern schon, wenn es noch 20 waren, usw. [Die heutigen Endspiel-"Tables" sind allerdings noch immer nicht über 10 Steine hinausgekommen.] Mit anderen Worten: Der Korridor des "Mittelspiels", in dem man den Computer "austricksen" konnte, wurde immer schmaler; es war abzusehen, wann er auf 0 reduziert sein würde. Gewiß, Weltklassespieler würden dann bei fehlerfreiem Spiel immer noch Remis halten können - die Remisbreite beim Schach ist sehr groß, solange niemand etwas riskiert, und der Computer riskiert nichts -; aber gewinnen würden sie dann nicht mehr können, denn jedes unkorrekte Risiko - wie es z.B. der Ex-Weltmeister Tal gegen Menschen einzugehen pflegte, und meist mit Erfolg - würde der Computer bestrafen.
1997 war es soweit: Ein Computerprogramm schlug Gari Weinstein, den amtierenden Weltmeister und vielleicht besten menschlichen Schachspieler aller Zeiten. Und seitdem spielen nicht mehr die Computer am Katzentisch, sondern die Menschen. (Und statt menschlicher Sekundanten haben sie jetzt Computer - wer sie am geschicktesten verbirgt und sich nicht erwischen läßt, gewinnt ;-) Schach, das einst "königliche" Spiel, war tot, es war langweilig geworden. Kein halbwegs intelligenter junger Mensch wurde noch Schachprofi. Plötzlich verschwanden auch die Juden von der Weltspitze - sie hatten einfach das Interesse verloren -; nach Weinstein wurde kein Jude mehr Weltmeister. (Hätte Pëtr Swidler annähernd soviel Zeit mit Schachspielen verbracht wie die Juden der SU eine Generation zuvor, dann hätte er wahrscheinlich Weinstein "beerbt" und wäre vielleicht heute noch Schachweltmeister; aber irgendwann fand er Billard und Cricket interessanter - da mischten keine Computer mit ;-) Der dumme Junge aus Norwegen, der sich heute so nennt, wäre in den 1970er und 1980er Jahren nichtmal Vereinsmeister der SG Porz geworden; er spielt wie die schlechte Kopie eines guten Computerprogramms.** [Warum er dann trotzdem Weltmeister wurde und so ein hohes ELO-Ranking hat? Weil Beides relativ ist; die Anderen sind halt noch schlechter. Und warum die älteren Schachspieler nicht "wiederauferstehen"? Weil Schach ein Spiel auf Zeit ist; und im Alter läßt zwar nicht notwendigerweise die Denkfähigkeit an sich nach, wohl aber die Denkgeschwindigkeit - man läuft und schwimmt ja auch langsamer; das liegt daran, daß das Herz die Muskeln und das Gehirn nicht mehr so schnell mit Blut bzw. Sauerstoff versorgen kann wie in jungen Jahren.*]
War es das? Nein! So verrückt das klingt, die Herrschaft der Schachcomputer mit ihren "brute force"-Programmen währte nur zwei Jahrzehnte - was in der Geschichte dieses Spiels wahrlich kurz ist. Dann geschah Folgendes: Jemand hatte einen Computer mit "Künstlicher Intelligenz" [KI, auf Englisch auch AI, Abkürzung für "artificial intelligence] entwickelt, der Go spielen konnte. Na ja, über KI hatte ich meine eigene Meinung. Als Übersetzer und Dolmetscher hatte ich jahrzehntelang mehr oder weniger amüsiert die vergeblichen Versuche verfolgt, ein Computerprogramm zu entwickeln, das meinen Beruf überflüssig machen würde. Es gelang nicht, und es wird auch nie gelingen. Aber lange verdrängte ich den Grund dafür: Es lag nicht an der mangelnden [künstlichen] "Intelligenz" des Computers, sondern daran, daß die menschliche Sprache unlogisch ist, mehr Ausnahmen als Regeln hat und von Redewendungen strotzt, die man nicht 1:1 übersetzen kann! Aber Go? Das spielte ich nicht, konnte also auch nicht beurteilen, wieviel [künstliche] "Intelligenz" ein Computer braucht, um einen Menschen zu schlagen; ich nahm das nur am Rande zur Kenntnis und dachte nicht weiter darüber nach.
Doch dann, anno 2017, kam der Paukenschlag: Eigentlich nur aus Jux fütterten die Macher jenes KI-Computers ihren Kasten auch mal mit einer Schachdatenbank. 4 Stunden brauchte er, um 700.000 Partien durchzugehen (welcher Mensch könnte das? Keiner - nichtmal, wenn er ein Leben lang damit zubrächte!) und sich so das Schachspielen beizubringen. Dann ließ man ihn gegen "Stockfish", den amtierenden Computer-Weltmeister antreten, ein brutales Programm, das sage und schreibe 70 Millionen Züge pro Sekunde berechnet und den o.g. Mittelspiel-"Korridor" schlicht auf Null reduziert hat. Auf 100 Partien wurde das Match angesetzt, um nur ja jeden "Zufall" auszuschalten. Das Resultat: 28:0 für den KI-Computer, 72x Remis! [Der guten Ordnung halber muß ich anmerken, daß man die übliche Bedenkzeit um 2/3 auf 1 Minute pro Zug verkürzt hatte; Stockfish konnte also "nur" 4,2 Milliarden Varianten pro Zug berechnen statt 12,6 Milliarden; und es gibt Leute, die behaupten, er habe nur deshalb verloren.] Google kaufte das Ding sofort - ließ es sich dem Vernehmen nach 500 Millionen US-$ kosten - und nannte es "AlphaZero".
Die Schachwelt stand Kopf. Und damit nicht genug: Kurz darauf tauchte ein weiteres KI-Programm auf, das sich täglich spektakulär verbesserte und von seinen Machern "Leela" - s.o. - genannt wurde. Binnen weniger Monate fegte es die "brute force"-Schachprogramme ebenso souverän vom Brett wie "AlphaZero" es tat. (Was passieren wird, wenn die beiden gegeneinander antreten? Dazu wird es nicht kommen; denn das wird Google nicht riskieren. Bei einem auf 100 Partien angesetzten Match würden die ersten Spiele Remis enden; danach würde "Leela" aus ihnen soviel gelernt haben, daß es alle restlichen gewinnen würde, und dann wäre Googles teure Investition futsch**** ;-)
Was machen die KI-Programme anders als die herkömmlichen Schachcomputer? Tja, sie haben etwas, das ich oben mit "Positionsgefühl" bezeichnet habe, und sie analysieren jede mögliche Stellung neu, d.h. sie addieren nicht mehr bloß die Punktwerte der gegnerischen Lager... Halt, das habe ich oben vielleicht etwas zu sehr vereinfacht. Natürlich hat man den Schachcomputern außer der Punktrechnung auch noch ein paar andere Regeln einprogrammiert, halt die, mit denen man auch menschliche Anfänger füttert, z.B.: Ziehe in der Eröffnungsphase (also bis alle Figuren "entwickelt" sind) denselben Stein nie zweimal, schon garnicht wieder in die Ausgangsposition zurück. Stelle keinen Springer an den Rand. Versuche, das Läuferpaar zu halten. Schlage mit Bauern immer von außen nach innen; vermeide Doppelbauern, isolierte Bauern und hängende Bauern. Stelle die Türme auf offene und/oder halboffene Linien. Bringe den König beizeiten durch Rochade in Sicherheit... Alles gut und schön, aber letztlich halt doch nur Eselsbrücken, die zwar in 90% aller Fälle tragen mögen - aber was ist mit den restlichen 10%?
Nun, "Leela" hat Strategie und Taktik des Schachspiels völlig neu erfunden. Zunächst einmal hat sie alle Eröffnungsbibliotheken über Bord geworfen - selbst wenn man ihr die ersten Züge zwangsweise eingibt (z.B. um eine Eröffnung zu analysieren), weicht sie manchmal schon nach weiteren 6 oder 7 Zügen von den ausgelatschten Pfaden ab, d.h. sie findet Neuerungen, die in der Jahrhunderte alten Geschichte des Schachspiels noch kein Mensch gespielt hat. Sodann schert sie sich überhaupt nicht um Eselsbrücken und den Punkte-Wert der Figuren - und den der Bauern berechnet sie in einer Art und Weise, die kein Mensch nachvollziehen kann - wie auch? Was ist ein Bauer wirklich wert? Auf der 2., 3. und 4. Reihe 1 Punkt, auf der 5. vielleicht schon 2, auf der 6. und 7. wieviel? Als Randbauer weniger? Als Freibauer mehr? Auf der 8. Reihe jedenfalls 10! Aber wie berechnet man das? Der reine Schachcomputer kann es garnicht, der Mensch auch nicht - der hat nur sein "Positionsgefühl" -; aber Leela kann es - sie gewinnt fast alle ihre Partien per Bauernsturm - mal am Damenflügel, mal am Königsflügel, wobei sie die Figuren bedenkenlos opfert für das, was ein menschlicher Spieler wohl "positionelle Vorteile" nennen würde. Kleine Auswahl gefällig? Bittesehr:
Leela findet einen neuen Zug in der Rubinsteinvariante der Nimzo-indischen Verteidigung
Leela findet einen neuen - scheinbar völlig abwegigen - Zug in der Slavischen Verteidigung
Leela ignoriert die Eselsbrücke: Meide Mehrfachzüge!
Leela gibt bereits im 7. Zug das Läuferpaar auf, nimmt einen isolierten und einen Doppelbauern in Kauf und gewinnt per Bauernsturm
Leela opfert einen Turm für einen bloßen positionellen Vorteil
Leela opfert die Dame für einen bloßen positionellen Vorteil
Leela gewinnt mit isolierten Triple-Bauern vor dem unrochierten König (eine irre Partie, die sie erst im Endspiel für sich entschied - ohne "Tables", gegen einen Gegner mit "Tables"!)
Was lernen wir daraus? Wie man Schachprogramme schlagen kann! Vielleicht könnte es doch wieder interessant werden für Menschen, Schach zu spielen - auch und gerade gegen Computer! (Nein, Leela werden wir nicht schlagen können - die berechnet immerhin 80.000 Züge pro Sekunde, und dagegen kommen wir nicht an ;-) Ich selber bin inzwischen zu alt dafür - s.o. -; aber jüngere Musikfreunde sollte vielleicht mal darüber nachdenken!

**Wer das Mißvergnügen hatte, im November 2018 den K[r]ampf um die Schwachweltmeisterschaft (kein Tippfehler, sondern Zitat aus einem Artikel des "Spiegel" - der ja sonst nicht gerade für Humor bekannt ist - nach der 10. Partie ;-) zu verfolgen, weiß, was ich damit meine. Die beiden Figurenschieber, die sich da von Partie zu Partie stümperten und dabei zu ihrer ewigen Schande einen neuen Weltrekord aufstellten - ALLE Partien endeten Remis! - hätte ich als 18-jähriger mit 7:0 von der Platte gefegt. (Die restlichen 5 Partien wären dann nicht mehr gespielt worden ;-) Und die meisten Spieler meiner Generation - von denen ja viele noch viel stärker waren als ich - genauso. Wohlgemerkt, ich will hier nicht in den Chor der boshaften Kommentatoren einfallen, welche die Partien nachträglich von den stärksten Computerprogrammen - die allesamt 500-600 ELO-Punkte mehr haben als die stärksten menschlichen Spieler - analysiseren ließen und dann genußvoll jeden noch so kleinen Patzer bekrittelten. Das ist unfair, denn ein Mensch macht im Wettkampfstreß nun mal Fehler; und ich würde niemandem vorwerfen, wenn er in der entscheiden Phase einer Partie, womöglich auch noch schon in Zeitnot, den Gewinnzug übersieht und nur den zweit- oder drittbesten Zug findet. Dto, wenn er nur den "objektiv" zweitbesten Zug spielt, um den Gegner in eine Falle zu locken - Mut zum Risiko gehört zum Schachspiel, sonst würden alle Partien Remis enden! [Welch einen Schaden haben diese beiden Flaschen dem Schachsport in Sachen Zuschauerinteresse zugefügt! Würden sich die Leute denn noch eine Fußball-WM antun, wenn sie wüßten, daß alle Spiele 0:0 enden, weil sich keine Mannschaft traut, mal auf's gegnerische Tor zu schießen, aus Angst vor Ballverlust, und immer das Elfmeterschießen entscheiden muß?] Aber so war es hier nicht: Die beiden Stümper übersahen nicht etwa versehentlich die stärksten Züge, sondern spielten absichtlich von Anfang an - und gerade in der Eröffnungsphase - nur die zweit- oder drittstärksten Züge, aus Angst, der Gegner könnte sich auf die jeweils besten Züge besser vorbereitet haben als sie selber!*** Und wenn der Gegner im Mittelspiel mal eine kleine (oder größere ;-) Schwäche zeigte, traute sich keiner, die auszunutzen und ein forciertes Spiel auf Gewinn zu riskieren - es hätte ja eine Falle sein können! Zumindest der Herausforderer hätte das mal versuchen müssen, denn Jeder - auch er selber - wußte doch, daß er bei Gleichstand nach 12 Partien im Schnellschach-Stichkampf keine Chance hatte; da war ihm sein Gegner turmhoch überlegen! Aber auch hier kein computergestützter Vorwurf im Nachhinein: Turmendspiele unter Zeitdruck sind ein Horror; das aus der 1. Partie im "Tiebreak" hätte wohl auch ich - selbst mit 18 - gegen C. verloren, denn der spielt zwar nicht schön (jemand hat ihn mal den "Mozart des Schachspiels" genannt, aber der verstand wohl nichts von Schach oder nichts von Musik oder von beidem nichts; für mich ist C. der Küblböck des Schachspiels ;-), aber verdammt schnell.
Nachtrag: Bereits im Oktober 2018, also kurz vor Beginn jenes traurigen Duells, hatte ich erstmals "Stockfish" geschlagen - natürlich nicht auf der höchsten Stufe, das wird nie ein Mensch schaffen, schon garnicht mit schwarz, aber immerhin -; und ich bin stolz darauf, es ganz im Leela-Stil geschafft zu haben, nämlich mit einem Bauernsturm am Königsflügel, und das, nachdem ich dort selber rochiert hatte - so etwas hätte ich früher nie gewagt ;-)

***Man hat mich nach einem konkreten Beispiel für diese meine Behauptung gefragt. Aber das sieht doch ein Blinder: Bis zum Erbrechen spielten die beiden Stümper die Tscheljabinsk-Variante der Sizilianischen Verteidigung 'rauf und 'runter, auf die sich früher kein Spieler mit nur etwas Positionsgefühl eingelassen hätte, denn sie führt zwar kurzfristig zu etwas Gegenspiel, schwächt aber langfristig die Bauernstruktur im Zentrum. (Sie widerspricht auch völlig der Grundidee der sizilianischen Verteidigung: Wer unbedingt e7-e5 spielen will, soll das doch gleich im 1. Zug tun, statt c7-c5 - das vermeidet die Schwächung des d-Bauern!) Gegen weniger starke Gegner kann man das riskieren; aber wenn ein gleichstarker Gegner mit sauberem, "altmodischem" Positionsspiel reagiert - was im "WM"-Match übrigens kein einzigesmal geschah -, dann ist Schwarz verloren. Gewiß, Lasker, Pelikan und Pilnik hatten sie mal ausprobiert - und ihr für kurze Zeit auch ihre Namen gegeben -, aber bald wieder ad acta gelegt. Erst in den 1990er Jahren, als das menschliche Schachspiel völlig auf den Hund gekommen war, grub sie ein gewisser Sweschnikow wieder aus - und nach dem wird sie heute meist genannt. So etwas hätte man zu meiner Zeit nicht mal bei einer Kreismeisterschaft gespielt, geschweige denn bei einer Weltmeisterschaft!

****Warum verlor Leela dann im Februar 2019 das Endspiel der 14. inoffiziellen Computer-Weltmeisterschaft TCEC - an der AlphaZero wohlweislich nicht teilnahm - gegen Stockfish knapp mit 49,5:50,5? Ganz einfach: Weil das Match unter völlig irregulären Bedingungen stattfand und eher als "Eröffnungstest" hätte bezeichnen werden müssen: Die Programme durften nicht etwa spielen, was sie wollten, sondern sie mußten 50 vorgegebene Eröffnungen ausprobieren, je 1x mit Weiß und 1x mit Schwarz, darunter durch und durch minderwertige, die kein gescheiter Mensch spielen würde, erst recht kein Computerprogramm. (Das liegt in der Natur der Sache: 50 gleich gute Eröffnungen gibt es einfach nicht ;-) Und zwar gab man ihnen nicht nur die ersten paar Züge ein, sondern z.T. ganz weitreichende Varianten bis fast ins Mittelspiel. Damit beraubte man Leela ihrer beiden stärksten Waffen: der originellen Eröffnungsideen (sie spielt ja ohne Eröffnungsbibliothek) und ihrer Lernfähigkeit. Sonst wäre dieses Match genauso ausgegangen, wie ich es oben prognostizierte: Die ersten paar Partien hätten Remis geendet, die restlichen hätte Leela gewonnen. (Aber das wäre natürlich für die Zuschauer uninteressant gewesen und noch langweiliger als die kurz zuvor stattgefundene Remisschieberei zwischen den beiden - angeblich - am wenigten schlechten menschlichen Schachspielern ;-)
Nachtrag: Bereits im Mai 2019 fand die 15. TCEC statt, mit denselben Finalisten und wieder mit vorgegebenen, überwiegend minderwertigen Eröffnungen. (Ich würde heute noch jeden menschlichen Spieler an die Wand klatschen, der mir beim abgelehnten Damengambit mit dem Tarrasch-[gegen-]gambit ankäme. Das würde kein Computerprogramm freiwillig spielen!) Die meisten Partien endeten Remis, und auch bei den "neuen" Eröffnungen war das Ergebnis ausgeglichen. Doch bei den bereits von der letzten WM bekannten genügte der Lerneffekt: Von denen verlor Leela keine einzige und gewann am Ende das Match mit satten 7 Punkten Abstand. Aber um es noch einmal zu wiederholen: Bei freier Eröffnungswahl wäre das Ergebnis noch viel deutlicher ausgefallen!

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